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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-03-18 · 11 (18.3.1927) · page 8

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
11 (18.3.1927)
Date
1927-03-18
Page
– (sequence 8)
Language
German
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i* Sieker Feierstunde die alte GlaubeusleKvc: „Ein Reich, ein Gesetz soll dir gelte» und auch dem Fremdling neben dir.'" AuS dem ihm non neuem ausgezivnngenen Kampfe werde daS Judentum, wie schon so oft. geläutert und siegreich herrwrgehen. Mit dem Wunsche, das; das neu ansgestaltete Gotteshaus für alle Menschen ein Segen sein möchte, schloß der Rabbiüec seine Ansprache mit einem weihevollen Gebet. Als feierlichen Austlana stimmte der Chor hieraus au: „Der Herr hat unser gedacht. Er segne daö Hans Aron." Am Sonntag fand die Gedächtnisfeier für die im Weltkriege cresallenen Helden statt Eingcleitct wurde diese Feier mit dem „Largo" von Haendel — Geige und Harmonium woraus Herr Goldberg in wunderbarer Weise die „Litanei" von Schubert sang. Rabbiner Dr. blosenzweig hielt die I Gedächtnisrede.! Anschließend hieran sand für den im Januar d. I. infolge j «äne-r Operation verstorbenen Kontor Hermann Helischköwski eine Seelenfeier statt. Nachdem Herr Goldberg das Keller.mannsche „Herr, was ist der Mensch, daß Du sein gedenkest?" zum Vortrag gebracht hatte, zeichnete Rabbiner Dr. Nosenzweig in großen Zügen das Leben und Wirken HelrschkowSkis. Er betonte des Verstorbenen Pflichteifer und Liebe zum Berus, und der während seiner 99jährigen Amtstätigkeit Hierselbst es verstanden hat, die Liebe und Achtung der Gemeinde sich zn erwerben und zu erhalten. Tief bewegt verlieb die Gemeinde das Gotteshaus, um sich auf den Friedhof zu begeben, woselbst am Ehrenmal für die jüdischen Gefallenen noch eine erhebende Feier durch Kranzniederlegung. Gesang und Ansprache statiiand. Soest. (Todes fall.) Im 87. Lebensjahre verstarb hier der langjährige Vorsteher der jüdischen Gemeinde Moses Speyer. Mehrere Jahrzehnte hat er an der Spitze unseres Gemeinwesens gestanden und sich die Wahrung aller religiösen Interessen sehr angelegen sein lassen. Auch im orivatcn und qeschäftlichen Leben erfreute sich der Verstorbene im Kreise seiner Glaubensgenossen wie bei Nichtsuden höchster Wertschätzung, was nicht zuletzt aus der zahlreichen Beteiligung jüdischer und christlicher Freunde bei der Beisetzungsseier ersichtlich wurde. Die dankbare Gemeinde wird ihrem verdienstvollen Führer ein treues Gedenken über das Grab hinaus bewahren. Aus der Bewegung Berlin. lJ ü d i s ch - l i b e r a l e r Iugendverei n.) An unserem letzten gemeinsamen Abend referierte Paul Heimcichsdorfs über „Fragen der Wertung". Es handelte sich darum, ob ein Mensch imstande ist, die Handlungen eines anderen wertend zu beurteilen. Wir müssen demnach zwischen dem Objekt ldessen Handlungen bewertet werden) und dem Subjekt ldas wertet) unterscheiden. Paul Heinrichsdvrss verneinte die Möglichkeit, Werturteile zu fällen. Aus doppeltem Grunde: 1. Gibt es keinen Maßstoib, mit dem gewertet wird, und 2. Kann ich nur freigcwählte, nicht notwendige Handlungen einem Urteil unterziehen. 1. Jede Wertung fetzt das Vorhandensein einer Werrikala voraus. Diese Wertskala muß sich — sofern sie allgemein gültig sein soll — ans „objektiven Werten" znsammensetzen. Diese „objektiven Werte" existieren nicht. Jeder Mensch hat gemäß seinem Charakter eine eigene, ganz bedingte Ansicht, und dementsprechend nur ein subjektives Urteil. lDie Verschiedenheit der Ansichten und Urteile wird besonders bedingt durch die in jedem Menschen andere Vermischung zweier Menschentypen. des Kontemplativen, der also an der Welt mehr betrachtenden, und des aktiven, der an ihr tätigen Anteil nimmt.) Er ist also nicht fähig, die -Handlung eines andern anders als ganz subjektiv zu bewerten. Damit ist aber die Wertung sinnlos geworden, denn erst ihre A l l g e m e i n gültigkeit verbürgt ihre Geltung, nu 2. Eine weitere Voraussetzung für jede Wertung ist, daß die Handlung frei von jedem Zwang war. Der Alternative „gut" und „böse" muß die Möglichkeit einer „guten" und einer „bösen" Handlung entsprechen. Diese Möglichkeit existiert nicht, denn ich habe nicht die Wahl zwischen zw e i Handlungen, sondern ich kann nur auf eine o-i n z i g e Weise handeln. Diese meine Handlungsweise resultiert aus zwei Komponenten: meinem Sein und den äußeren Umständen. Sie zwingen mich, so und nur so zu handeln. Ich habe keinen „freien Willen". Damit ist aber eine Wertung sinnlos. Wenn selbst die Tat „schlecht" ist: ich habe ja keine Möglichkeit gehabt, „gut" zu handeln. Die Diskussion drehte sich hauptsächlich um die beiden Kernfragen, die Paul Heinrichsdorff seiner besseren Einsicht folgend wider sein inneres Gefühl verneinen zu müssen glaubt: 1. Gibt es nun wirklich „objektive Werte", und was sind überhaupt „objektive Werte"? 2. Ist der Wille des Menschen frei? Eine Einigung wurde — wie das ja im Wesen dieser Fragen liegt — selbstverständlich nicht erreicht. Die einen bejahten, die andern verneinten sie. Beweisen laßt sich da nichts, hier liegt die Grenze zwischen Glauben und Wissen, und ob und wo zwischen diesen beiden die Grenze zu ziehen ist. darauf dürften letzten Endes die Fragen von Paul Hemrichsdvrss hinauslaufen. Breslau. (Jüdisch-liberaler I n g e n d v e r e i u „Abraham Geiger".) Der Vereinsabend am 9. März Mar. so stark besucht, daß der sonst benutzte Raum bei weitem nicht ausreichte und ein dreifach größerer in Anspruch genommen werden mußte. Der Vorsitzende, Rabbiner Dr. Halpersohn, vertagte die Berichterstattung über der« Delegiertentag der Jüdisch-liberalen Jugendvereine und erteilte sofort Herrn George G o e tz, dem Generalsekretär her Vereinigung für das liberale Judentum, das Wort zu feinem Vortrage „Das liberale Judentum und der Zeitgeist". Der Redner ging davon aus. daß der Geist des jüdischen Proplietiömus der Geist des Judentums sei: er schilderte dann in fast 1 Mündigem Vortrag, wie der Geist des Prophetismus im Grunde genommen gegen jeglichen Zeitgeist einer jeglichen Geschichtsepoche steht. Dennoch ckommt das Judentum und kommt die gesamte abendländische Menschheit von der Lehre der Propheten uitfn los. Das Judentum hat seinen Fortbestand in der Geschichte nur dadurch, daß es sich in ständiger R e f v r m, d. h. in den dem jeweiligen Zeitgeist entsprechenden Formen der prophe- Kschen Lehre bemächtige. Diese Reform aber dürfe sich immer nur auf die äußerliche Gestaltung des Judentums erstrecken. Hingegen sei jegliche Assimilation — der Redner gebrauchte dieses Wort in bezug auf die g e i st i g c Beschaffenheit der Juden und ihrer Umwelt — verhängnisvoll und eine Abirrung vom eigentlichen Judentum. Es «folgte eine Darstellung derartiger geistiger Assimilations- Erscheinungen in alter und neuer Zeit. — In der Diskussion führte zunächst Herr Wolfssohn ans. der Liberalismus dürfe nur dann dem Zeitgeist Vorschub leisten, wenn dieser der Menschheitsentwicklnng und dem Gedanken des ProphetiAmus diene. Deshalb sei die entschiedene Ablehnung des Zionismus beizubehalteu. — Dr. K a e m p f e r wies ans -ie geringe Anzahl non Zionisten unter der akadeuuichen .Jugend hin. — Rechtsanwalt Spitz meinte, daß die Großstadt und ihre Berufe die Menschen von der Religio,> ab. «enden und daß Natur- und Landleben auch den Inden erst wieder zur richtigen inneren Einkehr und zu religiösem Empfinden briimen können. — Dr. Hei mann erinnert «m den bevorstehenden Gedenktag für die Gefallenen des Weltkrieges. Dieser Tag sei die Verkörperung edlen Zeitgeistes. denn unsere Glaubensbrüder hätten nicht nur für das Vaterland, sondern auch für den Weltfrieden ihr Leben geopfert. — Fräulein R o s e n t h a l widerspricht den Spitzschen Ausführungen. Die Stille findet auch im Lärm der Großstadtstratzc, wer sie ernsthaft sucht. — Dieser Ansicht trat auch Herr Goetz in seinem Schlußwort bei. Kultur 1 gäbe es immer nur dort, wo es auch einen gewissen Grad von Zivilisation gibt. Also „die Stadt" sei nicht schuld: man müsse nicht alle Schuld in den Verhältnissen, sondern besser in der eigenen Brust suchen. Auch solle man nicht Naturbewnnderung und ebenso wenig Kunstbetrachtung anstelle der Religiosität setzen wollen: nur Bildungshochmut ist der Meinung, religiöse Menschen seien des Kunst- und Natnrverständnrsses bar. in Wirklichkeit aber sei der religkisie Mensch kuuft- und natu.r liebend und religiös obendrein. Auch die Humanität müsse, wenn sie haltbar sein soll, in der Religiosität verankert sein. Bedeutsam ist in diesem Zusammenhang das Wort 3. Buch Mose 19. 18: „Liebe deinen Nächsten als dich s e l b st: Ich bin der Ewige!" — Begeisterter Beifall aller Hörer belohnte den Redner und beschloß den eindrucksvollen Abend. Frankfurt a. M. (I ü d i s ch - l i b e r a l e I u g c n d g e - m e i n s ch a f t.« Am letzten Heimabend sprach Herr Schwarz über „alte Gebräuche in neuer Form". Er ging davon ans, daß der Liberalismus die Aufgabe habe, manches zu erhalten und zu pflegen, gerade weil er auf der anderen Seite manches aufgebe und fallen lasse, was ihm wertlos erscheint. Formen seien im Leben immer Symbol und Erinnerung, warum nicht auch religiöse Formen? Wenn-der Hausherr nach Tisch ..Mahlzeit" sagt, bedeute das nichts anderes als: Gott segne Ihre Mahlzeit!, sei also ein verkürztes Tischgebet. So gebe cs noch eine Menge Beispiele. Zum Beweise führte der Redner an. wie schön es sei, wenn am Javm Kippur wieder auch in liberalen Synagogen Sterbekleider zum Gedenken an den Tod getragen werden würden, wie wünschenswert, wenn nach dem Trauerfall liberale Mitglieder Gottesdienst im Tranerbavse abhielten. Das Segnen der Kinder, das Anzünden der Lichte am Freitagabend seien auch für den Liberalen weihevolle Bräuche zur Vertiefung religiösen Erlebens. Auf bestimmte Bräuche komme es dabei gar nicht au, sondern daraus, daß der Wille zum Judentum sich auch in den äußeren Formen kuudgebe. Der Referent schloß mit einer Mahnung, das Ererbte zu erwerben, um es zu besitzen. Tie tiefen Worte verfehlten ihren Eindruck nicht auf die zahlreich anwesenden Zuhörer. Eine lebhafte Diskussion gab Gelegenheit sich darüber ausznsprechen. Alle waren mit dem Sinn des Vortrags einverstanden, es wurde nur betont, daß auch gleichgesinnte Menschen zu wahrhaft religiösem Leben gehören, damit keine Heuchelei und Künstliches entstehe: da. wo in den Familien der Zusammenhalt und die Harmonie nicht vollkommen ist, sei es wünschenswert, daß gleichgesinnte Freunde und Bekannte sich zusirmmentun, um Freitagabende einzurichten. Tie so gewonnenen Eindrücke werden denen, die sich später eine Familie gründen, selbstverständlich sein lassen, in ihrem Hause religiöses Leben in schönen Farmen ju pflegen. Denn aus das Ziel und nicht den Weg kommt cs Königsberg. Die hiesige Ortsgruppe der Vereinigung für das liberale Judentum hielt am 8. Februar im Jugendheim ihre ordentliche Generalversammlung ab. Der stellvertretende Vorsitzende. Herr Dr. Holz, erstattete kurz den Tätigkeitsbericht. Während im Vorjahr uns besonders Schulfragen beschäftigt haben, steht dieser Winter im Zeichen der kommenden Wahlen. Neben mehreren öffentlichen Versammlungen haben zahlreiche Vorstands- und Äusschußsitzungen stattgesunden, in denen eine Menge Arbeit geleistet worden ist. Der Redner berichtet besonders über die Kvmpromißverhandlnngen. Frau Borkon erstattet den Kassenbericht und die Versammlung erteilt dein Vorstande die erbetene Entlastung. Die Vorstandswahl ergibt Wiederwahl des bisherigen Vorstandes. Sodann findet die Nominierung der Kandidaten für die Repräsentantenversammlung statt. Herr Siegmnnd Wolfs berichtet über die Tätigkeit der liberalen Fraktion: Tie Hauptarbeit findet in den Kommissionen statt. Besonders viel Raum nahmen die Steuerfragen ein. die augenblickliche Quote von 25 Prozent muß als untragbar bezeichnet werden. Da sich die Finanzlage der Gemeinde erfreulicherweise gebessert hat, ist auf Antrag des Vorstandes beschlossen worden, die Quote für das erste Quartal 1927 ans 29 Prozent herabzusetzen. Bei dieser Gelegenheit kommt Herr Wolfs auf eine Aeußerung von Herrn Rechtsanwalt Dr. Berlowitz zurück, die dieser anläßlich des gleichen Referates im Gemeindeverein getan hat. Er hat nämlich gesagt, er freue sich, daß die Herabsetzung der Steuerquote auf Antrag des Gemeindevereins erfolgt sei. Diese Aeußerung ist natürlich nur vom Standpunkt der Wahlpropaganda zu verstehen. Der Antrag des Gemeindevereins hätte ebensogut ans völlige Aufhebung der Steuern lauten können. Bevor mau Stenern heräbsetzt, muß man erst die Mittel haben, die diese Herabsetzung ermöglichen. Als eine derartige Frage an den Referenten neulich im Gemeindeoerei»» gerichtet wurde, mußte er die Antwort schuldig bleiben. Wie Herrn Wolfs genau bekannt ist, hat der Gcmeindevorstand die Herabsetzung schon lange vor dem sogenannten Antrag des Gemeindevereins beschlossen gehabt. Ausfällig bleibt auch, daß Herr Dr. Berlowitz diesen Antrag nicht vor die Repräsentantenversammlung gebracht hat, wv seine "Annahme ja. gestützt aus die Mehrheit seiner Freunde sicher sein mutzte. Als weiteren wichtigen Bcratnugsgegenstand erwähnt Herr Wolfs den Ankauf des neuen Friedhofs und gedenkt mit anerkennenden Worten der Tätigkeit des Herr» Artur Cohn in dieser Sache. Die Frage der Kosten der Neubauten ans dem neuen Friedhof harrt noch der Erledigung. Zn erwähnen ist ferner, daß der Vorstand jetzt auch die Mittel zur Rückverlegung der Gemeindebibliothck in die Snnagoge, sowie für die Renovation des Trauzimmers zur Verfügung stellen konnte. Es folgte eine eingehende Aussprache über diese Dinge. Am 29. Februar fand sodann eine öffentliche Versammlung im Körte-Lnzenm statt, in der der Generalsekretär der Vereiignng für das liberale Judentum, Herr George Gvetz- Berlin, über den „F ü d i f e n Liberalismus und die Parteien im denk f rfi e n I u entu m" sprach: Der Redner betonte einleitend, daß das liberale Judentum eine religiöse Bewegung sei: er schilderte das Vorhandensein und die Notwendigkeit des liberalen Prinzips in der Gefluchte und wandte sich dann den heutigen Verhältnissen in der deutschen Jndcnheit zu. Insbesondere kritisierte er die Sinnlosigkeit und innere Unwahrbaftigkeit des Bündnisses, daß die religiösen Parteien der Konservativen und Mittelparteilcr mit dem politischen Zionismus in der Gemeinde- Politik eingehen. Der Mittelpartei wies er nach, daß sie nickt nur in ihrer Tätigkeit, sondern vor allen Dingen schon auch in ihrem Programm bisher nur kritisch und negativ aufgetreten sei: ifn* ermangle jegliche Kraft und scheinbar auch der Wille, auch nur einen einzigen positiven Programm- Punkt zu formulieren. Hingegen sei das Prinzip des liberalen Judentums ebenso bekannt wie bewahrt: es handle sich um Liberalismus aus Konservativismus: Form und Schale, des Judentums seien von seinem Wesen und Kern zu trennen, damit dieser seinen Bestand nutz seine Wirkung in der Geschickte habe. In der Diskussion verteidig! Herr F e i u st e i n das Bündnis mit der Mittclvartei mit Orthodoxe und Zionismus, mit den gleichen Gründen, wie Herr Dr. Sch lohst erg. Beide Redner betonen, daß ihren Parteien das Wesentliche die Erhaltung des Judentums sei. Herr Dr. Schloßberg meint ferner, der Zionismus könne es sich leisten, gewisse Formen nicht zu beachten, weil er sonst das richtige innere Verhältnis znm Judentum habe. Wenn auch tatsächlich ständig eine aewisie Anvasiung stattiinde, so sei die Anpassung der deutschen Liberalen doch verächtlich, weil sie immer danach fragen, was rvohl die andern zu dem. was geschieht, sagen. In Palästina leisten die Juden in täglicher Bewährung Arbeit am Judentum. _ .. Herr Dr. Holz hebt die Gegensätze zwncherr Orthodoxe und Zionismus besonders hervor. Er bekräftigt die Amfasiung des Referenten, daß nur Fortentwicklung Erhaltung ermögliche. Redner weist dann auf die Zustande m der hresigen Repräsentantenversammlung hin, in der die Mittelpartei, mit Haut und Haar den beiden anderen Gruppen verschrieben, keine Möglichkeit habe, auch einmal nein, zu sagen. Der Aufruf zur Mahl bezwecke, diese Zustande zu ändern. Wir wollen keinen Menschen bevormunden, bedanken uns aber auch für jede Bevvrmnndung von anderer In seinem Schlußwort bebt Herr Goetz besonders das Positive des Liberalismus hervor. Bezüglich der von uns angestrebten Reformen besteht ein großes, hoffentlich gutartiges, Mißverstehen. Reformen haben teils zeitlichen, teils lokalen Charakter, daher werden zu jeder Zeit und an jedem Ort andere Resvrmwünsche laut werden; ober eine Verkürzung des Jom Kippur-Gottesdienstes aus wenige Stunden. An solche Tinge denkt kein Mensch in Königsberg. Toleranz erscheint uns als vornehmste Pflicht. Mir erneutem Hinweis auf die Ewigkeitswerte des Judentums, schließt der Redner. _ Palästina und das britische Reich. Im Unterhaare fragte Colonel Wedgwood den Staatssekretär für die Kolonien, weshalb cs britischen Untertanen, die in Palästina wohnen, nicht erlaubt sein soll, an den Gemeindewühlen in Palästina teilzunehmen. Minister Amern erwiderte: Beim Entwurf der Gemeinde- Wahlordnung in Palästina hat man darauf Bedacht genommen. das Wahlrecht zu den Gemeindewahlen nur palästinensischen Bürgern zu geben; ans Gründen der allgemeinen Politik wurde es als unerwünscht angesehen, mit Bezug auf britische Bürger eine Ausnahme zu machen. Colonel Wedgwood: Kann Herr Amery sonst ein Beispiel anführen, daß irgendwo im gesamten britischen Reich ein britischer Staatsbürger vorn Wahlrecht ausgeschlossen sein soll? Amerv: Die Position Palästinas als Mandatsterritorium ist eine eigentümliche, weshalb man es für erwünscht hielr. nur palästinensischen Bürgern das Waklrecht zu geben. , Wedgwood: Warum sotten in allen anderen Teilen des British Empire britische Staatsbürger wählen dürfen, nur nicht in Palästina? , ,, Amery: Ich bin nicht sicher, ob Palästina im vollen --scuae des Wortes zum British Empire gehört. Ferner fragte Colonel Wegdwood den Staatssekretär für die Kolonien, warum in Palästina Frauen von der Tesinahme an den Gemeindewahlen ausgeschlossen, sind. Minister Amery erwiderte, der Oberkommissar hätte ihn» mitgeteilt, daß die Mehrheit der palästinensischen Bevölkerung gegen das Frcmeuwahlrecht sei. Ju einigen Gebieten wurde kein Einwand gegen das Franenwablrecht erhoben und dort dürfen die Frauen auch stimmen. Die Fraae wird durch eine Klausel geregelt werden. lJta.) Der belehrte Gelehrte. (*inc Legende. Bon E. Gut. Es lebre in alter Zeit ein Mann, der es auf vielen Gebteten der Kunst und Wissenschaft zu einer ungewöhnCck ohne f der ,_ _r , „ ... Zeit war ihm so bekannt, wie die dichterischen ErzeuMißir der Völker, und die Bahnen der Gestirne so vertrant wie die Straßen seiner Heimatstadt. Versteht sich, daß eine solche Persönlichkeit sehr angesehen war bei feinen Zeitgenossen, nur so mehr, als auch die Wahrheit und Aufrichtigkeit seines Charakters außer Zweifel stand. Zahlreiche Schüler strömten zu seinen Vorträgen und brachten ihm große Hochachtung entgegen. Doch das höchste Glück eines Lehrenden blieb ihm versagt — die Liebe seiner Schüler. Woher kam das? Seine Wahrheiten waren ein Keulenschwingen über den Häuptern seiner Zuhörer, n»rd seine Aufrichtigkeit war ätzende Beize. Wohl machte er seine Jünger mit allen schönen Werken der Kunst und Wissenschaft bekannt; zugleich aber hinderte er sie durch die Schärfe seines Urteils am frohen Genießen. Auch im gesellschaftlichen Leben verscherzte er sich jede Beliebtheit durch dic Herbheit seiner Kritik. Ein Kunstwerk mochte noch so voll endet sein, er entdeckte sicherlich einen Mangel, einen Stil fehler. Sänger und Komponisten. Architekten und Bild Hauer, Redner und Schauspieler — sic alle wiesen Schwächer auf. die unser Kritiker eifrig erspähte und getreulich feststellte Man hätte nicht einmal sagen können, daß er mit seirrer Ausstellungen immer Unrecht gehabt hätte. Oft genug tra er mit scharfem Blick das Richtige. Aber seine Landsleutc hatten wenig Neigung für seine Ueberklugheiten, durch di< er sie oft ans einer gehobenen Stimmung, aus einer froher Begeisterung, üerausriß. Und so erwies sich wieder einmal ein uraltes und klugei Wort als ewig wahr: Ein Fehler des Gelehrten wiegt tan send Weisheiten auf. Ter Meister empfand schmerzlich die Verlassenheit, in dir er allmählich geriet. Trost war ihm nur seine Wissenschaft und so gab er sich in seiner Einsamkeit eifrig gelehrte» Studien hin. Eines Tages beobachtete er mit einen» Fernrohr dic Sonne. Plötzlich bemerkte er — und seine Miene verdunkelte sich — daß an» Rande der Svnnenscheibe kleine Flecken sich zeigten. Noch nie hatte er diese Beobachtung gemacht. Tiefe Unruhe erfüllte ihn. „Wie." rief er schmerzvoll aus, „auch du. wunderbares Hirnmelsgestiru. das ich für dae Symbol aller Reinheit, das Sinnbild aller Lauterkeit gehauen habe, das ick ein Meisterwerk hehrster Klarheit wähnte, bist nicht völlig inakellos?" Aber die Sonne, nicht empfindlich wie Menschen, und hoch erhaben über kleinliche Borwürfe, lächelte freundlich wie iinmer und sprach langsarn und bedächtig: „Denkst du auch daran, du stolzer Gelehrter, daß überhaupt ich cs bin, die dir erst die Fähigkeit scheirkt, diese Flecken mit deinen Augen zu schauen?" Der Vorwurf, der iit dieser Frage lag, traf ihn tief und stimmte ihn sehr, sehr nachdenklich. Und je mehr er über diese Worte nachdachte, desto klarer ward ihm bewußt, wie sehr er durch seine Tadelsucht seine Mitmenschen abgestoßen hatte, die — nicht so hochstehend »vie die Sonne — statt mit liebevoller Ermahnung durch kühle Zurückhaltung vergelten. Jetzt erkannte er die Gründe, die seine Bereinsanumg be- »virkt hatten. Diese Erkenntnis führte zu dem große» Wunder seiner inneren Umwandlung. Alle seine Willenskräfte rief er auf. um seine Wesensänderung zu einer vollkommenen zu gestalten Immer wieder tönte in seiner Seele eine Stimme: Gedenke der Worte der Sonne. So gewann kein ganzes Wesen allmählich selbst etwas Sonnenhaftes. Er wurde eine Leuchte seiner Zeit. Freunde und Verehrer scharten sich um ihn. Ja, er erlangte jetzt erst so recht die Kraft. Schönes voll in sich aufzunehmen. Großes zu genießen. Und die Eigenschaft, im gegebenen Moment über etwas — wirklich oder scheinbar — Störendes hinwegsehen zu können, schätzte er nun höher, als den ganzen Reich. tum seines zusammengetragenen Wissens.

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