Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 11 (18.3.1927)
- Date
- 1927-03-18
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Ein Jude, der ununferbrodien wandert Von Der Dunkle. (Deutsch von L. Wollt.) I. Er fährt nach Amerika. 1 or einigen Jahren traf ich in der amerikanischen Gesellschaft „Hajas“ ein zerstreutes Jüdchcn; klein, dürr, mit einem Gesicht, das die Sparen vieler Berufe und Gewerbe zugleich in sich trug. Die Stirn eines Kultusbeamten, Nase und Mund eines Handwerkers und das Bärtchen eines heruntergekommenen Kramers. Oor ganze Körper bewegte sich wie auf Rädchen. Alles ging durcheinander. Die Hände flogen, die Augen irrten, der Hut ratschte nach rechts, das Halstuch nach links und das Bärtchen nach allen vier Himmelsrichtungen . . . Ich unterhielt mich mit ihm und fragte ihn. was er hier tue. Er fing an, mit beiden Händen zu fuchteln, und mit einer Sprache, die im Galopp läuft, sagte er folgendes: -Man fährt! . . . Ich fahre. Fahren, fahren und nur fahren! . . . Solch ein Mensch hin ich. Ich halte nichts von dem Satz: Wohl dem. der zu Hause sitzt. Ein Jude muH fahren/' -Wohin fahren Sie denn?' „Wohin fährt denn ein Jude-nach Amerika. Ich denke, so Gott will, nach Sabbatende, nach der Hawdala, gleich nach Amerika abzudampfen. Heber Danzig.. und von dort aus gleich nach New York. Vielleicht wissen Sie, wann ein Zug nach New York --nach Danzig, meine ich, abgeht? Vielleicht fahre ich über Cherbourg, und dann fahre ich über die Tschechoslowakei gleich nach Paris in Frankreich Glauben Sic, dal! es in Frankreich schlecht ist? Es ist aber eine Plage, daß Frankreich ein Land, ein winziges ist. Es ist kein Platz 2um Umdrehen da. Wie kann man es mit Amerika vergleichen! Um New York zu durchqueren braucht man allein einen Tag und eine Nacht. Und wenn mir New York über wird, spring’ ich mal eben nach Chicago oder Cincinatti, oder Baltimore, oder ich fliege nach Philadelphia, oder ich hüpfe direkt nach Kalifornien . . . Für mich ist Kalifornien wie zugeschnitten. Es ist mein Klima, meiner Natur angemessen, und dann kommen noch die Seen und die Berge, die Obst- und Blumengärten-einfach ein irdisches Paradies! Sie sollten sich das ansehen. Ich verstehe nur nicht, wie kann ein Mensch anderswo und nicht in Kalifornien leben-“ „Waren Sie schon einmal in Kalifornien?!“ „-Bewahre-vorläufig wohne ich in Warschau, in der schmalen Milegasse, Tor 37, Tür Nr. 49. Aber wenn ich nach Amerika fahren sollte, möchte ich nur nach Kalifornien fahren. Einfach darum, weil man von dort nach Mexiko-Kuba, Venedig und auch direkt nach Japan selbst fahren kann. Denn es ist doch mit den Händen zu erreichen. Glauben Sie, daß Japan ein schlechtes Land ist? Ich wünsche mir solch ein gutes Jahr, was man für ein gutes Leben dort von Reis und Kukunis machen kann ... Es ist ,fH#r schade, daß dieses Land kein Meer hat. Ich mag kein Land, das kein Meer hat. Jedes Land muß ein Meer haben, sonst hat es keinen Wert, und darum fahre ich auch nach Amerika, denn auf dem Meer bin ich ’Wle bei mir zu Hause. Wirklich wie auf dem Festlande. Und das Schiff ist mein Leben. Das Schiff fährt über das Meer, die Wellen brausen, Himmel und Wasser, Sturm, schreckliche Walfische suchen dich zu verschlingen. Und die Meerweihehen singen. Ein Glück, daß das Orchester auf dem Schiff spielt. Auf jedem Schiff spielt ein Orchester, um den Gesang der Meerweibchen zu übertönen, die dich in den Abgrund des Meeres locken wollen . . ." -Sind Sie schon einmal auf einem Schiff gefahren?“ „Vorläufig noch nicht. Ich hin überhaupt noch nicht gereist. Vorläufig wohne ich auf der schmalen Milegasse, Tor Nr. "57, Tür Nr. 49 . . . Nun, nehmen Sie es mir nicht übel. Ich habe keine Zeit, mich mit Ihnen zu unterhalten. Ich habe einen so weiten Weg vor mir. Es fehlt mir nur der Paß, die Schiffskarte und das Geld. Das Visum habe ich schon. Wissen Sie nicht, wann ein Zug von New York nach Chicago abgeht? Nun. leben Sie wohl. So Gott will, in zwei Wochen um diese Zeit werde ich schon weit sein, dort im goldenen Amerika. Adieu!“ ... Er fuchtelte mit beiden Händen wie eine Windmühle herum und verschwend. IL Er fährt nach Palästina. Ein zweites Mal traf ich ihn auf dem Palästina-Amt. Derselbe Mann mit denselben zerstreuten Gebärden und dom gleichen nervösen Gesicht. Ich habe ihn angesproche». -Was machen Sie denn, mein Lieber? Was tun Sie hier? Sie waren, scheint mir doch, in Amerika?“ ..In Amerika? Wäre es doch verbrannt worden, bevor wir es kenn engeier nt haben! Hast du gehört von so einem Land! Man soll nicht einreisen können! . . Quoten, Gesetze! HoT es der Kuckuck! Ich fahre nach Palästina. Zu der Mutter Zion nach Jerusalem. Unser nationales Heim aulhauen helfen. Besonders noch, da das Land ein Land der Kolonisation und Ruthenbergseher Elektrizität sowie Rothschildscher Mazzos geworden ist. Fahre ich eben auch. Ich fahre über Konstanz, fahre ich. und von dort gleich nach Brindcssi, Aegypten, gesalzenes Meer. Kairo. Algier, Afrika und den Pyramiden. Von den Pyramiden fahre ich direkt nach Jaffa. Dort habe ich die Wahl: paßt es mir. so bleibe ich in Jaffa, handele mit Esrogim und Apfelsinen, und wenn ich Lust habe, fahre ich mal eben nach Tcl-Awiv, werde ein Tournah'st und schreibe Palastinabermhtc für die Zeitungen, und wenn ich noch zu etwas anderem Lust hebe. Fahre mh nach „Fmek“ und kaufe mir ein Stück Land auf dem Karmel, mit der Erlaubnis. Wein zu pressen. Die Hauptsacheman muß fahren! Tch muß nur noch einen Pa9 he- Icnmmen. ein Visum und fünfhundert Pfund zur Reise. Eine Reisetasche habe ich schon . . . Wissen Sie nicht, wann ein Zue von ägpvtisch Alexandrien nach Damaskus nbgoht? Man muß es ausfindig machen. Lehen Sic wohl. An der Bahn werden Sie wahrscheinlich sein. Kommen Sie nur, dann werden wir die Hntikwoh singen. Ich muß noch eine Abschieds-Annonce in die Zeitung setzen. Gott sei Dank, ich fahre nach Palästina!“ Wieder fuchtelte er mit den Händen herum wie mit Flügeln und riß aus. III. Er reist nach Argentinien. Nicht lange darauf bin ich ihm wieder in einer der Auswantlemngsgesellschaften begegnet.- „Mir scheint, ich kenne Sie schon,“ sagte ich zu ihm. „Ich glaube, daß Sie in Palästina waren.“ „Waren Sie in Palästina?“ gab er mit einer Frage zurück. „Nein, ich war nicht in Palästina,“ antwortete ich ihm. „Und ich war auch nicht in Palästina,“ sagte er. „Wahrscheinlich waren zwei andere Juden in Palästina. . . Ich, wie Sie mich hier sehen, reise nach Argentinien. Palästina kann noch nicht alle Juden auf nehmen . . . Da muß man eben anderswo hinfahren. Und Argentinien ist doch ein Land, und wirklich ein kolossales Land. Es ist doch ungeheuer. Argentinien mit seinem Getreide! Die ganze Welt speist es doch mit seinem Brot. Wird es gewiß auch für mich ein Stückchen Brot übrig haben-Es ist sogar ein schönes Stück Wegs zu fahren. Und für mich liegt die Sache so, je größer der Weg ist, desto lieber fahre ich. Denn von Natur aus bin ich reiselustig. Fahren ist mein Leben. Es ist nur nicht gut, daß man auf dem Wege nach Argentinien jeden Moment anhalten muß. Jede Sekunde eine Station, es wird einem übel und überdrüssig. Spanien, Rotterdam. Amsterdam, Portugal mit der Inquisition, Riga und Cuxhaven, außer ihren Inseln und Halbinseln und Viertelinseln sowie den Kanarischen Inseln . . . Und ich mag nicht, wenn man alle Augenblicke unterbricht. Wenn gefahren wird, soll man fahren! . . . Aber das Land seihst ist sehr gnt. Argentinien sieht gern Einwanderer; Argentinien wartet auf Emigranten, wartet wie ein frommer Jude auf den Messias wartet. Kommt ein Einwanderer, erseheint Moses Montefiore und lädt ihn in seine Villa ein, erscheint Baron Hirsch und lädt ihn auch in seine Villa ein. Und werden dir die beiden Villen zuviel, fährst du nach der Kolonie Buenos Aires und wirst ein Kolonist, oder du erhebst dich und springst nach Brasilien, von Brasilien springst du nach Peru oder Chile, von Peru und Chile fliegst du nach Paraguay durch Uruguay-Halt, ich habe schon vergessen, fährt man nach Uruguay durch Paraguay oder nach Paraguay durch Uruguay . . . Man muß sich dort wohl erkundigen . . Nun, leben Sie mir wohl, ich habe keine Zeit zum Erzählen. Ich stehe vor der Reise. Ich muß noch etwas erledigen. Ich muß auf das Polizeirevier laufen, um einen „Auszug“ zu erhalten, damit ich eine Bitte einreichen kann, um ein Gesuch einzureichen, daß ich eine Kommunifikation erhalte, um ein Gesuch zu machen, daß mir ein Auslandspaß mit Visum nach Brasilien, Chile. Paraguay und Uruguay ausgestellt wird. Schade, daß ich nicht weiß, ob mau zuerst nach Paraguay und nachher nach Uruguav reist, weil ich wissen muß, wohin ich ein anständiges Visum und wohin ich ein Transit-Visum nehmen muß. Können Sie mir nicht sagen, wann ein Zug von Rio de Janeiro nach Paraguay abgeht? Nein? Adieu!“ Er lief mit solcher Schnelligkeit davon, daß mir ganz schwindlig wurde. IV. Er fährt nach Australien. Dieser Tage traf ich ihn auf der Straße. Er lief mit der Schnelligkeit eines Expreßzuges. Ich habe ihn angehalten und gefragt: „Wohin reist ein Jude? Wohin fahren Sie?“ -„ Lassen Sie mich, ich habe keine Zeit. Ich fahre nach Australien! Und wann sind Sie aus Argentinien zurückgekommen?“ „Was Argentinien, weshalb Argentinien?? Für eine Prise Tabak schenke ich Ihnen ganz Argentinien! Einst war cs ein Land, Heute ist os kein Land mehr! Hat auch angefangen Schwierigkeiten zu machen. Selbst wenn Sie mir zuzahlen, fahre ich nicht dahin. Jetzt fahre ich nach Australien! Das ist ein Land! Jung und frisch, Blut und Milch . . . Das Land bittet darum, daß man hinfährt. Und wenn ein Land darum bittet, kann man doch nicht gemein sein, man muß fahren. Vor allen Dingen, da ich ein geborener Reisender hin. Wer mir Gutes gönnt, soll nach Australien fahren. Haben Sie eine Ahnung, was für ein Land es ist? Eine Schmalzgrube. Was sage ich, eine Sehmalzgrube-eine Goldgrube. Auf Schritt und Tritt Goldgruben. Brillanten gruben. Diamanten und Edelsteine . . Zwar ist das Klima dort nicht so wie bei uns in Kalifornien. An manchen Orten erreicht Hie Hitze vierzig Grad im Schatten, aber wer zwingt mich im Schatten zu sitzen9 . . Dafür hat doch der Reiseweg dahin einen großen Wert. Unberufen achtundvierzig Tage Reise. Man fährt und man fährt und man fährt. Es ist ein Genuß! Das Schiff fährt von Meer zu Meer. Vom Eismeer bis zum Schwarzen Meer, vom Schwarzen Meer zum Baltischen Meer zum Salzmeer, bis du direkt nach Australien kommst. Sofort kommt die englische Regierung und erteilt dir gleich einen großen Kredit und du fängst an. Häuser zu hauen. Ein Haus nach dem andern, ein Haus nach dem andern. Ein ganzes Viertel Häuser, und du lebst von Mietsbeitrügen. Bist du des städtischen Lehens überdrüssig, fährst du zur Sommerfrische nach Sidncy oder Melbourne und beschäftigst dich mit Viehzucht. Rinder, Ochsen und in der Hauptsache Schafe. Du züchtest Schafe und scherst sie. Dann nimmst du einen Posten Schafwolle und fährst nach Bialostock oder Lodz . oder du mietest ein Stück Tand und pflanzt Wattobünme. schneidest Wattn, und exportierst sie narb Sibirien. Kanada. Finnland oder gar direkt nach dem Nordpol — — die Hauptsache, man führt!“ „Haben Sie schon einmal auf dem Nordpol gewohnt?“ unterbrach ich ihn. „Bis jetzt noch nicht. Vorläufig wohne ich auf der schmalen Milegasse. Tor Nr. 37, Tür Nr. 49. Nun nehmen Sie mir niehts für ungut. Gehen Sie mir und leben Sie mir wohl! . , . Tch habe mich mit Ihnen so verplaudert und vergaß ganz. d«ß ich soviel Arbeit habe. Ich muß mich noch erkundigen, wie ich mir den Paß auf diese Heise machen lassen muß. Und Geld muß ich auch noch bekommen. Eine Reisetasche habe ich schon. Können Sie mir vielleicht sagen, wann der Zug von Barcelona nach Melbourne abgeht? Adieu!** Er fuchtelte mit beiden Händfen und verschwand wie ein Segelschiff, das vom Sturm getrieben wird. Ich habe ihm aachgesehen und dachte daran: Wohin wird dieser Jude nach einem Monat wieder fahren? Der Jude. Humoristische Skizze von Zilewski. In einer kleinen Stadt erwachte ein seltsames Gemunkel: In der „Schwedenstraße“ hatte sich ein junger Arzt niedergelassen. Der alte war verstorben; wohl war da im Städtchen ein kleines Krankenhaus vorhanden, aber es schien die Gewohnheit zu verbleiben, nur einem Privatmediziner den Zuzug zu genehmigen. Es genügte auch vollkommen — und es war gut für ihn, denn auf diese Weise hatte er immer zu tun. Nun redete man über den Ankömmling. Zuerst die Nachbarschaft, die ihn auch baldigst zu Gesicht bekommen hatte, nachdem er den Fuß über die für ihn neue Schwelle gesetzt. Frau H. erzählte es Frau M. — Frau M. der Frau J.: „Er ist groß, schwarz, ein wenig?gelocktes Haar — dunkle Hautfarbe und — — eine ange gebogene Nase!“ Und dann tauchte bald über^ all in der Stadt das Gespräch auf, faßte Wurzel — ward zu einem Erlebnis: „Wir haben einen Juden im Städtchen — einen jüdischen Arzt.“ Ganz alte Leute konnten sich noch erinnern, daß ihr Ahne ihnen berichtete, ehemals sei eine kleine .jüdische Gemeinde in der Stadt gewesen: sie hätte eine eigene Synagoge besessen und einen Friedhof —' und es gab auch hinter den Wällen eine Gemarkung: Judenhof — die sollte es gewesen sein. — Aber nach und nach waren viele verzogen — verstorben —keine jüdische Familie hatte sich seit 200 Jahren mehr angesiedelt — warum? Man wußte es selbst nicht. Vielleicht, weil hier weder Handel blühte, noch sonst eine Gelegenheit, Intelligenz und andere gute Eigenschaften besonders zu entwickeln. Der neue Arzt hieß Dr. Rechberg, und dieser Name vollends ließ auch die letzten Zweifel ersticken, daß das Gerede nicht der Wahrheit entspreche. Man stand den Tatsachen etwas verschiedenartig gegenüber: Viele zeigten Neugierde, weil sic „die Juden“ nur vom Lecen und Hörensagen kannten — manche brachten dem Neuling Argwohn entgegen — manche sogar Mißtrauen — etliche zuckten gleichmütig die Achseln, Aber alle, alle wußten, das war etwas Anderes, etwas — Amüsantes — etwas Sehenswertes, etwas vom Alltäglichen Abweichendes. Zunächst kamen die Damen als Patientinnen; sie wollten selbst sehen, urteilen. erkennen! Und die älteren machten ein langes Gesicht, fanden ihn „einen hübschen Menschen“, gar nicht anders, wie alle, staunten und flüsterten: „Ein Jude, ein ganz gewöhnlicher Mensch wie alle?“ Die jüngeren sahen, erröteten, lächelten, versteckten ihre Ansichten voreinander und liefen wieder und wjed^ in die Sprechstunden, bestellten ihn auch nach Hauie und — verschwiegen es voreinander. Und sie sagten sich leise, leise: Ein interessanter Mann — ein kluger Mensch — ein tadelloser Gentleman-hm! bmTem Mann, den — man — lieben — könnte! Und eine — eine, Irma Köhler, ein kluges Mädel, das selbst Medizinerin werden wollte, sah ihm mit ihren dunklen Augen tief in die Brillen und schaute, bis ihr Herz zu klopfen begann und der Wunsch rege wurde: „Solchen für das Lehen, solchen als lieben Wegkameraden!“ — Noch berieten die Männer, oh sie ihm die Ehre antun sollten, ihn, wie seinen Vorgänger, in den Stadtrat zu wählen. Noch ratschlagten die Frauen, oh man ihn, ohne sich lächerlich zu machen, in die „Gesellschaft“ einführen könne, da hatte ihn sich eine Einzige schon in der Stille gewonnen und wollte ihn behalten. Die Frau Bürgermeister kam zur Postdirektorin: „Was meinen Sie — er sagte meinem Manne neulich, als dieser an Halsentzündung litt, er könne Cello spielen — er sei ein guter Tänzer — und er sieht doch ganz — wie ein anderer Mensch aus!” — Siehe, in unserem Jahrhundert wurde ein „Jude“ für „einen Menschen wie alle andern“ erklärt! — Und da machte der Vater Irmas plötzlich den Anfang und lud den jungen Arzt in sein geselliges Haus am Markt, natürlich auf des Töchterleins Bitten. Und da saß nun der Mensch wie alle unter allen und lachte, sprach, musizierte, politisierte, tanzte wie jeder andere — oder besser vielleicht! Darauf luden ihn nach und nach die Honorationen des Städtchens ein und noch andere. Darauf kam er in den Stadtrat, und darauf ward er eines Tages gewahr, daß Irma ihm ebenso gut sei wie er ihr. Er faßte sich ein Herz und stand bald vor des reichen Amtsrats Tür und bald in seinem Wohnzimmer und begann von seiner Liebe zu dem Mädchen zu reden. Da ward des Hausherrn Stirne feucht vor inneren Bedenken und er drehte verlegen an der Stuhllehne und räusperte sich erschrocken und sagte: „Ach — wenn ich das geahnt hätte, daß mein Kind Sie dergleichen hoffen ließ! Wissen Sie — es wäre ja gut und schön — Sie wären wie jeder andere — aber immerhin — Sie sind doch — ein Jude!“ Der Doktor aber lachte und lachte und wunderte sich und antwortete: „Wer hat Ihnen solches gesagt?“ Und plötzlich sah er sein Spiegelbild — und er wußte nun auf einmal, daß sein Aussehen ganz allein diesen Mann und alle andern solches hatte vermuten lassen — und er legte lachend den Arm um die inzwischen eingetreten c Irma und küßte sie auf beide Wangen: „Und wenn ich ein Jude wäre — aber ich bin es nicht — nie gab es jüdische Vorfahren in unserer Familie. Und wenn ich ein Jude wäre, so wäre ich doch wohl sonst — ein Mensch wie alle andern!“ Diese Geschichte aber belehrte die Einwohner des Städtchens besser über die Juden, als alles Gelesene und als alles Gehörte. Und da nach einiger Zeit wirklich wieder Juden sich ansiedelten, wurden sie freundschaftlich und herzlich aufgenommen von — ihren — „Nehcnmenschen!** Vielleicht fürchten manche, eie seien auch nur „verkleidete“ Juden, wie jener eine!