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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-03-18 · 11 (18.3.1927) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
11 (18.3.1927)
Date
1927-03-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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um in Mischehen den Einfluß dejüdischen Teilauf jüdische Kttrdererziehung zu stärken und um die Voraussetzungen für eine Heranziehung Außenstehender zu schassen, durch die allein die Hoffnung des Judentums «ms allgemeinere Verbreitung seiner Anschauungen näher zur Erfüllung geführt »erden kann. Zurück zur Scholle. Ein Appell an die amerikanischen Juden. Bou Bernhard Traubeuberg. Als I. I. Rousseau seinen Ruf „Zurück zur Natur!" in die überzivilisierte Menschheit hineindonnerte. gab es außer London wohl kaum eine Stadt, deren Bervohnerzahl die Million überschritten hätte. Die Industrie, die heute die Landbevölkerung au sich reißt und ungezählte Dorsidyllen zerstört, machte da gerade ihre ersten Gehversuche, die über» füllten Arbeiterstädte mit den lohenden Essen, ewig rüstenden Schornsteimväldern und qualmenden Schloten ruhten noch in der Zeiten Schoße. Aber dann, als erst die bescheidenen Anfänge überwunden waren, ging es in rasendem Lauf weiter, und was hätte Rousseau heute gesagt, wäre er Zeuge eines Wachstums gewesen, das kleine und mittlere Städte rasch und und unaufhaltsam zu Millionenbevölkerungen anschwellen ließ. Es gibt kaum ein größeres Land, dessen Residenzstadt die Million nicht erreicht, und Städtekolosse, wie London und New-York lassen alles hinter sich, was die Phantasie -er guten alten Zeit stch vorstellen konnte. Namentlich New - York. die zweitgrößte Menschenzusammenballung des Erdballs interessiert uns an dieser Stelle ganz besonders. Birgt es doch, wie eine Statistik aus den jüngsten Tagen zu melden wußte, unter seinen sechs Millionen Einwohnern nicht weniger alS Millionen Juden. Wenn New York gerade auch nicht am Beginne feines Aufstiegs steht, so hat es damit gewiß noch nicht den Gipfel erreicht. Mit seinen 1% Millionen hat sich New-York zur größten Judcnstadt aller Zeiten. Länder und Völker emporgeschwungen. Nie hatte Jerusalem eine derartige Seclenzahl. und wenn sie auch zur Zeit der Wallfahrtsfeste von einer beängstigenden Menschensülle bevölkert wurde, so hoch klommen sie doch nie herauf. Selbst zur Zeit der Belagerung. alS der uferlose Strom der Flüchtlinge aus dem ganzen Lande sich über Jerusalem ergoß, dürste Palästinas Hauptstadt hinter dieser grandiosen Ziffer erheblich zurückgeblieben sein. New-York birgt ziemlich genau den achten Teil der Gesamtjudenheit des ganzen Erdbodens und die volle Hälfte der jüdischen Bevölkerung der Vereinigten Staaten in seinen Mauern. Welch fürchterliche Folgen diese Zusammenpserchung großer Massen auf engem Raume zeitigt, braucht nicht weiter auSeinaiHergesetzt zu werden. Statt in die Weite und Breite wächst die Stadt in die Höhe. Aus unzähligen kleinen Ghettis im Osten ist daS eine Mamutghetto am Hudson emporgewachsen, Der Luftraum ist pro Lunge wesentlich verknappt. Nur der scharfe Odem der weiten Fläche und der hohen Berge kann den Engbrüstigen der Ostgüettis Heilung bringen. Wo diese Vorbedingung fehlt, da hilft auch der amerikanische Sport nur wenig. Man mache sich einmal klar: die gewaltige Metropole hat im ganzen 6 Prozent der' Landesbevölkerung, die Juden machen darin aber 50 Prozent ihres Gesamtbestandes aus. Der oleicfie Moßstab für die Nichtsuden angelegt, ergäbe für New York 60 Millionen Einwohner. In anderen Millionenstädten da drüben drängen sich weiter Hunderttausendc zu- ' sammcn. und w stehen wir vor der nnaeheuerlichen Tatsache.! daß die nordamerikanischen Millionenstädte allein zwei Drittel i der ganzen jüdischen Landesbewohnerschaft aufgesogen haben. \ In anderen Ländern ist es nicht viel besser, in Oesterreich! noch schlimmer und in Deutschland kaum anders. Aber die; kompakteren Massen aut der westlichen Halbkugel lassen das * Bild noch arauer und trostloser erscheinen.! Die Sozivloaen betrachten die Menschenmassen der Weltj städte nur als Düngerhaufen, der selbst keinen Bestand und > ten Stadt bildeten sein Publikum und lauschten ihm mit dem \ Durste der Wanderer in der Wüste. Aber, dieweil er all seine Gelehrsamkeit und enznklopüdistjsche Bildung sein säuberlich aus dem.Musterkoffer eines literarischen und wissenschaftlichen „Commis voyageur" gusgevackt hatte, sah er sich zu seinem höchsten Erstaunen nicht, wie gewöhnlich, von den Honoratioren der Stadt umgeben und gefeiert, sondern er gewahrte vielmehr das reizende Schauspiel einer in hellen Scharen auf ihn zuströmenden musischen Jugend -eiderlei Geschlechts, die insgesamt von dem geistia wohlsundierten Bortraa nicht viel vernommen zu haben schien, der hingegen nur eine einzige Frage aus all den roten, jungen. Livpen brannte, lind öine Frage wandelte sich unter der Hand in den kategorischem Imperativ: „Nun erzählen Sie etwas von der Be r g n e r!" Und Eloesier schildert mit seltener Beredsamkeit all diese Herren und Damen die plötzlich wie zu einer Seance zusammenrücken und die alle die gleich-' Frone mit erwarienden Augen wiederholten, obzwar noch niemand unter ihnen Elisabeth Beraner aus der Bühne, höchstens der eine oder andere sie im Film gei-'heu und die doch alle ihr Bild von irgendwoher kannten oder sonst durch das tätige Geheimnis einer außerordentlichen Persönlichkeit — auch ohne nachweisbare Vermittlung — erreicht worden waren. „Die Leute fviWiMt nicht, wie sie diese od-'r jene Rolle oenücl^ stabe, wie ihre einzelnen Leistungen sich gegeneinander verhielten, und ob die eigentliche Bergner im Tragischen oder Komischen zu finden sei sondern sie fragten, indem sie spitze, schmeckende Lippen zu zärtlichen Gesichtern machten, als ob sie sie schon lange kannten, und nur von einem, der sie noch besser kennt, das Genauere hören wollten. Ja. und dieser Besserwissende gab nun, immer als Rstapsode zum Besten, was er wußte. Ee erzählte. ..daß sie mehrere Jahre vor dem vielgenannten „Fiu de si&cle". selbstverständlich in Wien, geboren ward; daß die liebenswürdig gefällige Menschheit Wiens ihr glatt und lieblich einginge wie Limonade, und daß, wenn sie wohl auch der Nabe des NaschmarktcS entsprossen sei, sich doch gewisse Beziehungen zur Leopold st adt nicht verleugnen ließen." Die L e o p o l d st a d t ist für den Unkundigen identisch eben mit dem B o l k v o m „ t a u s e n d j a h r i ft c n Schmer z". und daß sie von diesem u n st e r b l i ch e « Leid derMenschheit beschattet wurde, erwähnten wir wohl ^chon. Er schilderte in vielfältigen Variationen den Kampf des Kindes aus bürgerlicher Familie um die ihm von seinem eigenen Genie vorgeschriebene Laufbahn, redete klng und liebevoll von „dem Gesetz, nach dem sie angetreten." Ja. er nannte sie häufig „ein Kind", aber allerdings ein „Märchenklnd. das zuweilen fabelhaft klug und sogar sehr logisch sein könne. Ein schmales Persönchen in einer Rüstung von Stahl, die auch dem besten Dialektiker keine Fuge biete." «Ein Kind, eine Prinzessin, eine Katze, schmeichlerisch und gefährlich, j« feinster Miniaturausführung. ein sehr vollständiges Weib, leicht verstimmbar und wiederum unbestimmbar, und in letzten dunklen Verstecken unauffindbar." Und wenn er ihr auch, analog einem Worte von Io «es Kainz. daS Gefühl znbilligt: „Merkwürdig, überall wo ich bin. ist Sonntag", io nannte er doch als den großen Mittler zwischen ihr und den Menschen den heilig-unheiligen EroS und charakterisierte sie schließlich als „die entzückendste und vollständigste Ausgabe von Femme enfant, die wir längst noch nicht zu Ende gelesen haben. «.Ein Kind, -ajeder Versammlungskalender Berlin-Norden. Liberaler Verein für die Angelegenheiten der Jüdische» Gemeinde z« Berlin E. B. Bezirksgruppe Norden nud Liberale Synagoge Norden Veranstalte« am Mittwoch, den 88. März, abends 8 Uhr. im „Hackeschen Hof". Rosenthaler Straße 40/41. ihre« Purim-Maskenball. Eintrittskarte» ä 1,50 M. find is» Bureau des Liberale« Bereius. Berlin SW 48. Wilhelmstr. 147. zu haben; an der Abeudkaffe L 2 M. Liberale Synagoge Norden lim Anerbachschen Waisenhaus. Schönhauser Allee 162): Gottesdienst: Freitag, den 18. März, abends 7.15 Uhr. Predigt: Rabbiner Dr. Salomonski. Sonnabend, de« 10. März, »ormittags 16 Uhr. Berlin-Karlshorst. Liberaler Verein für die Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde zn Berlin <8. B. BezirkSgrnppe Karlshorst. Am Montag, den 21. März, abends 8 Uhr. spricht Herr Rabbiner Dr. Salomonfki im Gesellschaftsbaus Karlshorst. Angufte- Biktoria-Str. 41. über daS Thema: „Jüdische Seelsorge?" Herr Kantor Berthold Friedman« bringt Gesangsvorträge. Freie Anssprache. Gäste herzlich willkommen. BreSla«. Jüdisch-liberaler Jngendverein „Abraham Geiger". Sonnabend. den 19. März, abends 8 Ubr. i« Saale der Gerhart- Hanvtmann-Loge. Schweidnitzer Stadtgraben 9: Pnrimsest. Eintrittskarten an der Abendkasse 1.80 M. inkl. Steuer. Mittwoch, den 23. März, abends 8% Uhr. im Bereinslokal Restaurant Schaal. Tanentzienstr. 12 l Ei »gang nnr Anger): Eindrücke vom 5. Delegiertentaq der Jlis in Ber, li«. Referenten: Herr Rabbiner Dr. Halversohn «nd Alsreb Berger. Gäste, dnrch Mitglieder eingeführt. willkommen. Frankfurt a. M. Jüdisch-liberale Jugenbgemeinschaft. Sonnabend, de« 26. März. Kostümfest. Näheres siehe Anzeige. Potsdam. Jüdisch-liberaler Jngendverein lJli) Potsdam. Donnerstag. de« 24. März, abends 8A Uhr, Hotel „Stadt Königsberg lBranerstraße): Bortraa George Goctz lBerlin), Generalsekretär der Bereinigung für das liberale Judentum e. B. „Das liberale Judentum und der Zeitgeist". keine Zukunft hat und nur für neue Siedler den Boden bereitet, die wiederum dem gleichen Geschick anheimfallen. Immerhin kann Amerika getrost schlafen, nur 6 Prozent, und nach Abzug der Juden sogar nur VA Prozent würden diesem ehernen Naturgesetz ihren Tribut entrichten. Nicht bloß die Industrie, sondern auch die Landwirtschaft steht trotz aller krisenhaften Erscheinungen der letzten Jahre in hoher Blüte. Der Landbau ernährt einen erheblichen Teil der Bevölkerung und gibt ihr ungeahnte Ausdchnungsmöglichkeiten. Bon den Inden verschlingt aber die menschenmörderische Weltstadt 60 Prozent, die. wenn sie nicht ins Land weiter hinausfluten, sicher dem Untergang geweiht sind. Der Ackerbau beschäftigt einen kaum nennenswerten Bruchteil der dortigen Juden, und der allein könnte einen kräftigen Nachwuchs gewährleisten, während in den Großstädten überall sich ein überstürzender Abbau bei den Juden vollzieht. Die Ursachen dieser beklagenswerten Entwicklung sind bekannt genug und brauchen hier nnr knapp angeöeutet zu werden. Der Wauderstrom ergießt sich mit ungehemmter Vehemenz in das gewaltige New-Yorker Menschenmeer. Da die Ostjuden sich durchgehends ober doch nur mit verschwindenden Ausnahmen auS Arbeiter» znsammensetzen. bleibt fast die ganze Menschenfracht in der Hafenstadt zurück, wo die ausgedehntesten Möglichkeiten für ihr Fortkommen vorhanden sind. Bon den nichtjüdischen Emigranten dagegen flnten erhebliche Massen in die noch freien SiedlnngSplätze ab. So sehen wir gut zwei Drittel der gesamten jüdischen Einwanderer unter Bedingungen gestellt, die früher oder später körperliche und seelische Entartungen nnr BersallSerscheinungen mit Notwendigkeit zeitigen müssen. Ganze Komplexe innerjüdischer Fragen ergeben sich daraus, unter denen die wichtigste das Problem deS BevölkerungSersatzeS ist — hier wie dort — in Amerika sowohl als auch in Europa. Ob man sich der Schwer« und Tragweite dieser Gefahren hüben wie drüben in voller Klarheit bewußt wird? Wohl kaum! Sonst hätte es an Mitteln und Wegen nicht gefehlt, um ihnen in wirksamer Weise zu begegnen. Diese 1% Millionen Juden New-YorkS sind ein stiller, aber dennoch sehr beredter Borwnrf, der sich gegen die amerikanische Judenheit erhebt. Man mißverstehe mich nicht. Man hat — und mit vollem Recht — mit Lobsprüchen an die Adresse der amerikanischen Juden nicht gekargt. WaS sie wahrend der Katastrophen des Weltkrieges und des wirtschaftlichen Zusammenbruches an dem verhungernden Europa getan haben und noch tun. das ist zweifelsohne ein RuhmeSkranz, der nie verwelken wird. Ltebeswerke von diesem Umfang, dieser Ausdehnung, dieser Hingabe und dieser Aufopferung verdienen vom Griffel der Geschichte für ewige Zeiten sestgehalten zu werben. Eine von modernem Geist durchwehte Geschicktschreibung wird solchen heroischen Anstrengungen im Dienste der Menschenrettung mindestens ebensoviel Nachruhm zubilligen als den sogenannten Großtaten aus den Schlachtfeldern. die ungezählten Menschen und Kultnrwerken Tod und Vernichtung brachten. Mir fehlt also keineswegs das Verständnis und die Bewunderung für die gigantischen WohlsahrtSunteruehmnngen und -fchöpfungen der Glaubensgenossen jenseits des atlantischen Ozeans. Es wird aber Zeit, auf diese Misere» im eigenen Lande den Blick zu richten und Maßnahmen für Abhilfe ins Lebe» zu rufen. Noch in viel höherem Grade als biS jetzt muß «ine Dezentralisation Platz greifen. Und daS unter Fortführung der gewaltigen HilfSwerke außerhalb Amerikas, die schon in Gang gesetzt sind. ES lasten Aufgaben von ricienhaftem Ausmaße auf den Schultern der amerikanischen Judenheit. Sie kämpft mit übermenschlichen Kräften, «m di« Massen des Ostens den Hunger- und den ebenso verderbliche« Wirtschaftskatastroyhen zu entreißen. Kaum geringere Anspannung heischt daS unterstützungswürdige AusSauwerk Palästinas, für das große Mittel eingesetzt werden müssen. Darunter dürfen aber die eigenen Aufgaben nicht leide»7 Sie sind, soweit man daS aus der Ferne — man möchte sagen: aus der Vogelperspektive — beurteilen kann — nicht minder groß, nicht minder schwer, nicht minder wichtig als in der Fremde. Es ist inzwischen viel versäumt worden. Weit ausgedehnte Siedlnngskomplcxe. wie sie noch vor 25 Jahren leicht zn beschaffen waren, sind heute in den Vereinigten Staaten nicht mehr vorhanden. Hätte eine derartige Bewegung damals eingesetzt, das ganze Wanderproblem hätte ein anderes Gesicht bekommen. Es sind jetzt genügend Erfahrungen gesammelt worden, die zur Schlußfolgerung berechtigen, daß einzelne, weithin über das Land verstreute und auseinandergerissene Siedlungen ihren Zweck verfehlen und keinen Anreiz auf die jüdischen Kreise ausüben, aus die es dabei in erster Linie ankommt. Die Berücksichtigung des psiichploaischen Moments kann ein mächtiger Hebel für derartige Bestrebungen sein, ebenso wie die Vernachlässigung desselben ein unüberwindliches Hindernis ln kolonisatorischen D'-'^u werden muß. Die Ostiuden können sich aus eilte: Ji'&iMu Umgebung schwer herausdenkeu. Sie lebten in einer jüdischen Atmosphäre, die sie ja auch in New-York und in den adoptieren will, in dem er aber auch nicht ohne besondere Zärtlichkeit daS Weib meint." Und er fuhr fort: „Und die Bergner ist eine Here, die man. wie ihre „Johanna" doch vielleicht beizeiten verbrennen sollte, denn sie beunruhigt und beschäftigt eine ganz ernsthaft arbeitende Weltstadt. ein Dpuk ein Luftgeist, ein Puck, ein Ariel, der den Leuten, und nicht nur den jungen und nicht nur den Männern, die Köpfe ungar die Sinne verwirrt." Ein selsameS Wort, das zu denken gibt, dem man aber vielleicht am ehesten zustimmt, wenn man sie in Strindbergs berühmter Paraderoste „Fräulein Julie" gesehen hat. Wie sich hier katzenbafte Demut und krankhafte Sinnlichkeit mit Hosfahrt und Grausamkeit paaren, und die Strindbergsche Spezialmischung der Weibentartnng verkörpern, das läßt mit Recht ank gefährliche Eigenschaften des Mürchenkindes schließen. Aber gleichviel, wie man nun zu dem begnadeten Geschöpf Elisabeth Bergner stehen mag: gleichviel, ob man ihrem einzelnen Leistungen gegenüber in die Meinung des Beraner-trunkenen Propheten Eloesser allzeit einzustimmen vermag: ob man möglichenfalls ihre „Heilige Johanna" ldie ihren Weltruhm begründete) für verfehlt erachten, dagegen von ihren zarten, süßen Menschlichkeiten wie im „Lasterhaften Herrn Tschu" oder im ..Kreidekreis" bezaubert. desgleichen in der capriciösen Rolle des „Lausbuben" in Raimunds „Einen Jur will er sich machen" wie in der kitschig amüsanten Gestalt der „Mrs Ebenen" von ihrem unerhörten Ebarme hingerissen sein und trotzdem ..Fräulein! Julie" als ihre bisher unübertroffene Givsellesstuna bej trachten mag: Eines steht festihre irinaste Roll«' als , ..Tefia" in der „Treuen Nnmyhe" bietet dem Genie dieü's > Kind-Weihes a i l e Möglichkeiten, sich zu entfalten. Unbegreiflich daher die kühle Aufnahme, die eben diese neue ingeniöse Darstellung, nein: Tmönsnna der Bergner bei Presse und Pnbliknm laird Gewiß' an^ Maroni Kevnedvs dickleibigem Roman, der die Rekordziffern von mehreren hunderttausend verkauften Exemplaren erlebte, ist ein nicht eben sehr geschicktes, zuweilen organisch zusammenhangloses Theaterstück gezimmert worden. Aber was tut's? Es schenkt Gelegenheit, tauscndsgch gepriesene Gelea-'nheit. das liebende nüesernck'e. ver^'änmt,' utid tr"tz>^e Kind und das liebende, leidende, opferbereite und im letzten Atemzug schmerzlich-erkenucnder Hingabe vergehende W"ib „Tessa- Beraner kennen zu lernen. Und das ist eine Gottcsgabc. wie wir sie selbst ans den schmalen durchtzchEaen Händen ^ie'"r Spenderin nnr selten emvfanaen haben. Im ersten Teil des Stückes ein halbflügges, zigeunerhaftes Musskantenkind, einer der zahllosen Ehen des großen Virtuosen Albert Sänger entsprossen und mit einer schier unübersehbaren Schar fröhlicher, aber noch von keiner Spur der Zivilisation beleckter Halbgeschwister und einer Kolonie zusammengewürfelter Künstler-Boheme in einer Tiroler Sessnhütte hausend: ein Musikantenkind. in dessen anfälligem Herzen eben Musik und außerdem schon die ganz große Liebe eines Weibes — die Liebe zu dem Komponisten Lewis Dodd — wohnen. Im zweiten Teil, nach Saugers Tode und der Auflösnng der tirolischen Künstlerkolonie, ein kleines, geplagtes Mädchen, dem in England bei entfernten Der, wandten der insulare „cant", die insulare Korrektheit und Gesellschaftsheuchelei, der sogenannte „höhere Schliff" Leigebracht werde» soll, dieweil die arme Tessa unter der Elementargewalt ihrer immer bewußter heranrcisenden Leidenschaft für Lewis Dodd. — mittlerweile der Gatte ihrer reichen, hochangesehenen und „ladvliken" Kusine Florenee — zusammenzubrechen droht. Florenee. die Dame der groben Welt, hat das unbequeme Büschen in ein untadeliges Pensionat und beengende Schnlkleider gesteckt, und glaubt damit, den Keim einer vermeintlicheu Kinderliebelei ersticken zu können Aber sie irrt sich. Die beiden höchst unkorrekten und höchst genialen Zigeuner Lewis Dodd und Tessa Sänger finden doch zu einander Gerade die Herzensrohheit und verständnislose Brutalität ber „feinen" Florenee spielen in diesem Falle den großen „Galeotto". Aber allerdings — zu spät' In Brüssel, wohin Lewis und Tessa geflohen sind, stirbt das kleine Mädchen in einem fragwürdigen Absteigeauartier. laut ärztlichem Befund wahrscheinlich an dem schon immer vorhanden gewesenen Herzklayvenfehler. laut dichterischem Befund an einer Liebe, die zu groß war für lein so kleines, süßes und hauchzartes Menschenkind. Wer den Roman der Margoi Kennedy vorher kannte, der mußte sich sagen, daß eben diese Tessa „die" Rolle für die Beraner war und ist und immer bleiben wird. Hier i kann sie schnippisch, schalkhaft, rührend zerbrechlich lund zerbrochen) sein: hier kann sie alle Klugheiten eines unverboqenen und nicht zu verbiegenden Naturkindes selbst in die Welt der Kultur hinaus schmettern: hier kann sie komisch und traaisch fein, kann belustigen und erschüttern und kann am Ende, als ibr schmales Kinderkörperchen mit dem hippokratischen Antlitz, das schon jenseits deS Lebens aller Erkenntnisse voll ist. — eine „Gezeichnete" des Lebens und der Liebe — aus dem unappetitlichen Lotterbett des verrufenen Hauses tenen wehen und wunden Tod erleiden, der kaum ein Auac trocken lassen wird. Diese simvle Geschichte vom Leben und Sterben eines noch kaum erblühten Mägdeleins. diese Geschichte: alltäglich, kitschig und sentimental, nur ..wem sie jnst vassiert. dem bricht sie das Herz entzwei!", diese Alltaasfabel. aber verkörpert von Elisabeth Bergner, ist Gnade, ist Göttlichkeit, ist unvergeßlich und unvergleichbar schlechthin. Ja: der berauschte Rhapsode, der um Elisabeth Bergners willen aus dem nüchtern nordischen Kritikus Arthur Eloesser erwuchs und in „feurigen Zungen" von ihr zu reden anhub, bat recht, tausendfältig recht: In Elisabeth Bergner wohnen Dämon. .Landern,. verwunschene Prinzessin, ein Weib, das von den Menschen vielleicht gefürchtet werden muß, vor allem aber ein Kind, das niemals lieb genug gehabt werden kann, zugleich. Wir haben jetzt wieder nur das verzweifelte, melancholische Kind mit ber großen Mystik und dem großen Mysterium seines Daseins vor uns gesehen. Wir haben mit ihr gelacht und mit ihr getollt, aber noch viel mehr mit ihr geweint, vielleicht sogar bis zur letzten Auflösung geschluchzt. Und wenn Eloesser. der sich selbst auf dem Wege der großen Passion entdeckt haben mag. sein Büchlein nach so viel Ernst mit einem selbst persiflierenden Scherz zu schließen trachtete, nämlich mit der Erinnerung auS seiner Schulzeit, daß „die Verliebten oder vielmehr die Eifersüchtigen stets auf die letzte Seite der dazumal üblichen Stammbücher zu schreiben pflegten: „Wer dich lieber hat als ich, der schreibe sich hinter mich!" So können wir dieses skurrile Wort nur mit der leidenschaftlichen Ueverzeugung unseres Herzens und unseres Kopfes unterschreiben: „UnS dünkt, wir haben Dich sehr lieb, Elisabeth Bergner!"

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