Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-03-18 · 11 (18.3.1927) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
11 (18.3.1927)
Date
1927-03-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2613366-2613895-2613906--2181-2619625
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Geschlechts in denselben Reihen sitzen. Sollten wirklich die Inden so anders veranlagt sein, datz bet ihnen schädlich wäre, was in den christlichen Kirchen als unschädlich durch die Erfahrung erwiesen ist? Alle sachlichen Gründe, die für Trennung der Geschlechter in der Synagoge angeführt werden, sind lediglich Scheingrüude, die den Wunsch, an der bisherigen Gewohnheit festzuhalten. verdecken sollen. Dagegen sprechen die wichtigste» praktischen Erwägungen für die Beseitigung der grundsätzlichen Trennung. Ist nur einer der Neuvermählten gewohnt, den Gottesdienst zu besuchen, so wird er viel leichter den anderen veranlassen, ihn künftig dorthin zu begleiten, wenn er dort neben ihm sitzen kann, als wenn er sich doch von ihm trennen mühte. Eltern werden viel leichter die Kinder und Kinder viel leichter die Eltern zum Besuch des Gottesdienstes bewegen, wenn auch in der Synagoge die Familie beisammen bleibt. Man denke ferner z. B. an den Fall, dah die Mutter gestorben ist und der Vater mit halberwachsenen Töchtern überlebt; ist der Vater gewohnt, den Gottesdienst zu besuchen, so würde er in der Regel seine Töchter gern mitnehmen, wenn sie auf freien Plätzen neben ihm sitzen können, und er würde dadurch auch sie an die Teilnahme am Gottesdienst gewöhnen: dagegen kann gar nicht in Betracht kommen, das; er sie auf die Galerie verweist und sich selbst überläht: sie bleiben daher zu Hause und sind meistens für ihr Leben den Einwirkungen der Synagoge entrückt. Man denke endlich an den Fall der Mischehe: Will der jüdische Mann die ihm neu vermählte christliche Frau in die Synagoge mituehmen. so wird diese ihn vermutlich begleiten, wenn sie neben ihm sitzen kann, und es ist dann nicht ausgeschlossen, daß sie allmählich mit den ihr zunächst fremden Gebräuchen sich befreundet, aus eigenem Antrieb wiederkommt und vielleicht später sogar Übertritt. Wenn aber derselbe Mann dieselbe Frau das erste Mal von sich trennt und in Einsamkeit und fremde Umgebung auf die Galerie verweist, so wird er sic schwerlich zur» zweiten Mal in die Synagoge bekommen: viel eher wird sie. wenn sie religiös veranlagt ist, den Mann dazu bringen, mit ihr den Gottesdienst in der christlichen Kirche aufzufuchen, wo sie.zusammenbleiben können, und dies wird nicht den Antrieb verstärken, die Kinder dem Judentum zuzuführen. Andere Fragen, in denen für liberale Gedanken noch nicht die Anerkennung der Gleichberechtigung durchgesetzt ist, seien nur kurz erwähnt. So ist noch immer in keiner Synagoge versuchsweise neben dem Sabbatgottesdienst ein Sonntagsgottesdienst eingerichtet. I» Berlin gibt man zwar der Reformgemeinde. deren verhältnismäßig hoch steuernde Mitglieder auch der Hauptgemeinde angehören, einen Zuschuß, obgleich sie einen Sonntagsgottesdieust tin einer von den jetzigen Wohnungen ihrer meisten Mitglieder entfernten Staötgegend) unterhält. Bisher aber kann die Hauptgemeinde fick nicht entschließen, selbst einen solchen Gottesdienst in der hierfür günstig gelegenen Fasanenstraße-Synagoge eiuzurichten oder auch nur zu gestatten, daß die Reformgemeinde jene am Sonntag vormittag leerstehende Synagoge zur eigenen Abhaltung von Gottesdiensten benutzt. Noch immer wird in allen Gemeindesyuagogen daran festgehalten. daß die Besucher verpflichtet sind, eine Kopfbedeckung aufzusetzeu. Zwar widerspricht dies der allgemeinen Sitte des Landes. Zwar war auch bei den Inden in alter Aatt die Bedeckung des Kopses, obwohl Sitte, doch nicht relirtiöfe Vorschrift und wurden noch im Anfang des 13. Jahrhunderts in Frankreich — wenngleich nicht unter allgemeiner Billigung — die Segeussprüche bei der Mahlzeit ohne Kopfbedeckung vorgelrageu und üblicherweise am Torafest Knabe» ohne Kopfbedeckung zur Tora gerufen lElbogen, ikAvtteSdienst 2. Auf!. S. 500). Zwar gestatten neuerdings selbst mohammedanische Geistliche in der Türkei das Beten i'itt öer Moschee ohne Kopfbedeckung (Berk. Tagebl. 1020 Nr. 4 Beiblatt 5). Zwar ist in der Berliner Reformgemeinde und in manchen Synagogen der Bereinigten Staaten von Amerika Barhäuptigkeit eingesührt. Zwar ist einem Teil unserer Fugend fetzt zur Gewohnheit geworden, selbst aus der Straße keine Kopfbedeckung zu tragen, und manch« Knaben und junge Männer besitzen überhaupt keinen Hut mehr. Tur nichts! Kopfbedeckung in -er Gemeindesynagoge bleibt verpflichtend! Ja, sogar in dem von der Kapelle getrennte» Versammlungsraum des Berliner Friedhofs, in einem Raum also, wo überhaupt keine Gebete verrichtet werde», beanstandet der liberale Ehrenbeamte daS Abnehmen deS Hutes. — Nach gemeinsame» Mahlzeiten der Teilnehmer jüdischer Verbände entsteht vor dem Tischgebet eine allgemeine Unruhe, weil jeder seinen Hut ans der Garderobe holt, und dann erscheint eine Sammlung von Straßenhüten der verschiedensten Formen: oder aber man bedeckt sich mit herumgereichten papierene» Symbolen von Hüten — beides kein feierlicher erhebender Anblick! Und an all diesem beteiligen sich, entgegen ihren eigenen Grundsätzen. fast ulle Liberalen: nur wenige unterwerfen .sich nicht diesem Gebrauch. Man lasse dem Konservativen den Gebrauch, auf den er Wert legt, der Liberale möge aber auch seinerseits seine Grundsätze nicht aufgeben und dem Tischgebet ohne Kopfbedeckung beiwohnen! Nur so kann er anch auf diesem Gebiet die Gleichberechtigung für den liberalen Gedanken erstreiten. Genug der Beispiele! Es kommt gar nicht darauf an, ob der einzelne Liberale bezüglich aller vorstehend erörterten Einzelfragcn den hier befürworteten Ansichten zustimmt. Nur ans den Grundsatz kommt es au, von dem auö der Liberale an die Erörterung herantreteu soll. Dieser grundsätzliche Standpunkt aber sollte der folgende sein! Die Konservativen erblicken das Heil i» der Absonderung, auch wenn hierdurch Personen abgestotzen werden. Die Liberalen haben bewußt die Absonderung anfgegeben: dann dürfen sie aber nicht halbwegs stehen bleibe,: und an einem oder dem anderen Punkte dennoch wieder zum Mittel der Absonderung greisen, sondern sie müssen — selbstverständlich ohne Aufgabe der Grundlehren — die Grenzen erweitern, damit, wer vieles bringt, manchem etwas bringe, sie müssen alle Einrichtungen für den liberalen Teil der Gemeindemitglieder so treffen, daß sic h e r a n g e z v g e n, n i ch t a b g e st o ß e n werden. Nur wenn so verfahren wird, wenn mindestens wahlweise auch solche Einrichtungen zur Verfügung gestellt werden, die den Anschauungen der freier Lenkenden Gemeindemitglieder entsprechen und von diesen nicht als rückständig empfunden werden, ist zu erwarten, daß der Zusammenhang solcher Mitglieder mit der Gemeinde sich allmählich wieder mehr festigt und die Zahl der Austritte ans solchen Kreisen abnimmt. Die Rücksicht auf Heranziehung der eigenen Gemeinde- Mitglieder ist aber nicht allein entscheidend. Bereits im Eingang wurde liervorgehoben, daß infolge der allgemeinen Bevölkerungsbewegung die Zahl der Juden in nicht sehrferner Zeit verhältnismäßig stark zusamrnenfchrnmpfen würde, selbst wenn keine Austritte und keine nichtjüdische Kinderer.ziehnng Lurch jüdische Eltern stattfände». Die einzige Hoffnung auf eine Aenberung liegt in dem Versuch einer Heranziehung bisher nichtjüdifcher Bevölkerungstelle zum Judentum. Zwar eine schwache Hoffnung nach den gegenwärtigen Verhältnissen: da sie jedoch inr Wesen der jüdischen Religior, und den Lehren der Propheten fest begründet ist. und La ihre Verwirklichung den einzigen Weg darstellt, auf dem bas Herabsinken des Judentums zu einer kleinen, nicht mehr in Betracht kommenden Gemeinschaft sich vermeiden läßt, so ist es Aufgabe aller Juden, und vor allem der liberal gesinnten, mit Bewußtsein und Entschiedenheit auf dies Ziel hinznarbeiten. Voraussetzung jedes derartigen Hinarbeiteus aber ist die eigene Ueberzeucmng. daß man etwas Besseres besitzt als der andere, und die Möglichkeit, jeden Einwand des anderen zu widerlegen, her aus Rückständigkeiten in einer oder der anderen Beziehung hinweist. Man kann nicht Personen oder Gemeinschaften mit Erfolg ausfordern. zum Judentum überzutreten. wenn man sagen muß: „Ernährst du dich nicht rituell, so wird das zwar stillschweigend geduldet, immerhin verstößt du aber dadurch gegen ein Religionsgesetz!" „Anstalten, die deine Gemeinde unterhält und einbringt, werden Jüdische Bannerträger deutscher Bühnenkunst. Bon D o r i L W i t t n e r. Es ist an dieser Stelle schon gelegentlich inr Rahmen einer grötzeren Betrachtung darauf hingewiesen worben, welch autzerovdentliche Verdienste sich die Juden — dank ihrem besonders auSgebildeten geistigen und seelischen Mittlertum — um die Entwicklung und Ausgestaltung des deutschen Bühnen wese ns erworben haben. In jener Betrachtung wurden die p sy ch ol o g i sch c n Wurzeln bloßgelegt, die speziell den Juden als Interpreten jeglicher darstellerischen Künste und formalen Offenbarung qualifizieren. ES ist mithin müßig, heute wiederum die gleiche Analyse aufzustellen, die als letztes Ergebnis doch wieder die gleiche Synthese zeitigen würde. Aber selbst -er unkundigste Laie, der uichtö von der Biologie, Soziologie und Historie der Judenheil weiß und de» mithin auch die tiefliegenden Zusammenhänge für dergleichen äußere Erscheinungen verschlossen bleiben, braucht nnr einen Blick über Welt und Wesen der deutschen Bühne zu werfen, um zu erkennen, daß — feit der Emanzipation der Juden — eine Fülle schöpferischer Gedanken, die das deutsche Theater leben befruchtet haben, jüdischen Hirne n entspr o s se u sind. Auch die Standard-Persönlichkeiten der deutschen Bühne — gleichviel, ob es sich um Direktoren sman denke nur der drei internationalen „repräsentative men" der letzten fünfzig Jahre deutscher Bühnenentwicklung: Otto B r a h m. M a x Reinhardt und Leopold Jetzuer) Dramaturgen. Regisseure. Darsteller und Darstellerinnen. ja sogar ihrer scheinbaren Widersacher, nämlich der Th eater kri ti ker. handelt: immer wird die Wage, schwer belastet, zugunsten des jüdischen Stammes herniederstnken. Und gerade unsere dynamisch betriebene Gegenwart mit dem rasenden Rhythmus einer nicht nur schnell lebenden, sondern mich schnell sich überlebenden Zeit wirkt in diesem Sinne affirmativ und illustrativ. Wenn wir nnS der wahrhaft großen, von dem göttlichen Funken erfüllten Persönlichkeiten erinnern, die in den letzten Jahrzehnten unter dem Jubel der Menge über „jene Bretter, die die Welt bedeuten". geschritten sind, so werden nur wenige unter ihnen sein, auf die sich der Arier-Paragraph in seiner ganzen satirischen Schönheit anwenden ließe. Und der Tag. durch den unseres eigenen Lebens Stunde unaufhaltsam rinnt, nur zuweilen vou den großen und seltenen Räuschen der Kunst dankenswert unterbrochen: was lehrt er uns anderes, als daß wiederum ein Nets vom Stamme Juda die Welt in Blüte und Glut zu versetzen vermag? Welcher Name schallt heute dem unbefangensten Frager vou tausenden un-d abertausenden selig gespitzter Lippen entgegen, wenn er nach einem greifbaren Wunder, einem GlückSqeschenk. einem Märchen des LebenS Umschau tut? ES ist der Name eines Blümlcins Wunderhold, als das die Biel-zu-vielen es wahrscheinlich sehen «erden, und es ist zugleich der letzte und feinste Extrakt deS Volkes Israel, erblüht zu einem tragischen. müden, morbiden Menschenweserl, auf dessen reiner und glvchzeitig gewaltiger Stirn der Wissende die erschütternde Schrift vom Berge Sinai zu lese» vermeint, »ährend das flammende Haar darüber an des Horebs feurigem Busch gemahnt. Ans den Wogen der ganz großen und ganz seltnen Volkstümlichkeit kommt dieser Name einher gebraust: wir aber entkleiden ihn aller banalisierenden Popularität, weil ans seiner Trägerin die Seele unseres eigenen Stammes, in lauterstem Feuer erglüht, zu uns zu sprechen scheint. Steht einer so abseits vom Wege, geht einer so neben dem Leben einher, daß man ihm diesem Namen noch nach Lauten und Buchstaben vorstammeln muß? Wohlan: er heißt Elisabeth Bergner! I. Elisabeth Bergner. Jede große Kultirrepoche zeigt — von dem Augenblick an, da Frauen überhaupt künstlerisch, insbesondere darstellerisch, tätig sein dursten, also mit Ausschluß der Antike — jeweils eine im Mittelpunkt des allgemeinen Interesse stehende, von der „aura popularis" umwobene Künstlerin. Und zwar war es in besonders kultivierten Zeitläuften meistens eine Jüngeriu Thalias oder Melpomenes. die als Trägerin der Volksgunit im Vordergrund ihrer Mitwelt stand. Wir brauchen nnr an Gestalten wie die Rachel, Adrienne Lecvuvreur. Corona Schrörer. Caroline Jagemann und. auö dem Schatz unserer eigenen Erfahrung, an Persönlichkeiten wie Eleonora Düse. Sarah Bernhardt.?)vette Gilbert und ihresgleichen zu denken, um das Bedürfnis der breiten Masse, eine Jdealgestolt ans jenen „Brettern, die die Welt bedeuten". bewundern und anbeten zu dürfen, überzeugend vor uns hingestellt zu wissen. Und die Gegenwart bekräftigt diese These um so nachdrücklicher. als sic sie eben önrch ein fernes Sterben nnd ein unter unseren Augen aufblühendes Leben beglaubigt. Kürzlich traf in Deutschland die Nachricht ein. daß viele Tausende von Meilen von uns entfernt, in dem südamerikamschen Staate Arizona, Agnes Sorma, dereinst unser aller Liebling und heiß mnschwärmte Göttin, in einer kalten, für uns körper- und seelenlosen Fremde dahiugeschiedeu sei. Und just an diese m. ganz der Erinnerung geweihten. Abend trat die vou der leidenschaftlichen Liebe breitester Schichten umbrandete Schauspielerin Elisabeth Bergner — das süngste Genie unserer Bühnen — ans die Bretter, um eine neue Rolle, die „Testa" in Margot Kennedys „Treuer Nymphe" mit ihres Wesens Eigenart zu durchbluten und zu öurchglühcu. Und wiederum rvaltete es in mächtigen Stürmen emvor: das Glttcksgcfühl, in Elisabeth Bergner eine Sonder-Erscheinung, ein begnadetes Geschöpf, selbst zur Schöpferin bestimmt, unser eigen nennen zu dürfen. Denn, wer den Entwicklungsgang solcher Persönlichkeiten, die des Gottes — ihres Gottes — voll sind, mit den scharf beobachtenden Augen des Chronisten verfolgt, dem wird als Charakteristikum anffallcn, daß selbst eine so kühle und kritische Stadt wie Berlin, bezwungen von der Außerordentlichkeit solchen Menschentums, auf derlei Gestalten fast immer das besitzanzeigende Fürwort anwendet. ES erscheint uns selbstverständlich, daß wir von „unserer Massary" oder «unserer Bergner" sprechen, ebenso wie Italien die von ihm durch das Leben in einen schauerlichen und tragischen Tod gejagte Eleonora Düse nie anders als ..ln nostra" bezeichnete. Der primitive Begriff deS Volkes, daß bas anS feinem Boden gebürtige und erwachsene Genie ein Teil feiner selbst sei, leibt chm de» gletchzetttg WerheLltchen und doch zärtlichen AuS-druck nicht nur einer Zusammengehörigkeit, sondern «ineS Besitzanspruches „rau» pbra*e". Vielleicht gehört die Erhebung und Geltendmachung solchen nicht unterstützt, wenn sie nicht rituell« Verpflegung und Gabbatrnh« einführen." „Wirst du altersschwach, so wirst du in eine AlterSversorgunasan statt nnr ausgenommen, wenn du jeder nicht rituellen Beköstigung entsagst." „Arbeitest du am Sa^at und ruhst am Sonntag, so wird zwar auch dies geduldet, aber auch hierdurch machst du dich eines Verstoßes gegen das Religionsgesetz schuldig." „Willst du einen Gottesdienst besuchen, so kann daS nicht an deinem gewöhnlichen Ruhetag, sondern nur am Sabbat geschehen." „Bon deinen Familienmitgliedern anderen Geschlechts mußt du dich hierbei trennen." „Um dem Gottesdienst folgen zu können, mutzt du und müssen deine Familienangehörigen erst hebräisch lernen." Will nran daher dem Ansprüche des Judentums, Wettrebigion zu sein, in der Praxis näherkommen, so müssen alle diese Eigenheiten fallen. Etwas Drittes gibt es nicht. Nicht in 'dem Sinn brauchen sie m fallen, daß sie überhaupt von allen Juden, auch den konservativ gesinnten ausgegeben werden müßten, sondern es genügt die Anerkennung des Standpunkts, daß auch diejenige Art der Religionsauffaffung und der Religionöübung. die alle jene Anstöße vermeidet, volle Gleichberechtigung inr Rahmen des Judentums hat, und der Nachweis dieser Gleichberechtigung durch die tägliche llebung. Noch vor wenigen Jahrzehnten war der Gedanke neu oder doch ungewöhnlich, daß für das Jndentlun es an der Zeit sei, nunmehr wieder seine durch das Auftreten des Christentums unterbrochenen Bestrebungen ausznuelMen, die religiösen Anschauungen LeS Judentums in der Welt zu verbreiten. Inzwischen hat sich dieser Gedanke ständig mehr Freunde gewonneu, sowohl in Deutschland wie auch in Amerika. Allmählich muß er Gemeingut werde». Die Liberalen uameurlich sollten ihn als dasjenige Ideal aufstellen, an dem ihre Jugend sich begeistern kann, und die Reformgemeinde, die durch ihre Einrichtungen am besten geeignet ist, die Führung hierbei zu übernehmen, sollte bei allen Versuchen zur Verwirklichung dieses Ziels mit ihrem Beispiel vorangehen. Niemand wird verkennen, wie viele innere nnd äußere Hindernisse gegenwärtig noch bestehen, nnr auf diesem Wege allmählich voranzukommen. Indessen ist der Boden nicht ganz unvorbereitet. Eine große Zahl, wahrscheinlich die Mehrzahl, der gebildeten Protestanten, soweit sie überhaupt für religiöse Fragen Interesse haben, hat heute sachlich keine anderen religiösen Ueberzengnngen als die des Judentums: nur die alten innerlich von ihnen überwundenen Formeln und Gebräuche bestehen noch: und außerdem besteht daS überlieferte Vorurteil gegen das Judentum und ein Zurückschrecken vor ihm als ettvas Absonderlichem, Geheimnisvollem und völkisch Beschränktem. Auch eine ganze Anzahl von Vertretern der protestantischen Religionswissenschaft steht heute schon sehr viel freundlicher dem Judentum gegenüber als es noch vor. wenigen .Jahrzehnten denkbar gewesen wäre. In den angelsächsischen Ländern nnd vereinzelt auch anderwärts besteht die Sekte der llnitarier, die zwar in ihren Kundgebungen die Persönlichkeit Jesu noch überschätzen, aber doch mit der Dreieinigkeitslehre gebrochen haben. — Nebenbei sei bemerkt — da es in weiten Kreisen unbekannt — daß gesetzlich tit Altprenßeu zum Eintritt in eine jüdische Gemeinde die einfache Erklärung an den Gemeinöevorstand . genügt (§ 41 II, 11 Allg. Landrecht: daß „Religionspartei" auch Juden umfaßt, siehe z. B. 8 83 verglichen mit 8 84 II 2s, ’ also weder Beschneiduug oder Tauchbad erforderlich sind, noch vorherige religiöse Unterweisung oder sonstige Mitwirkung eines Rabbiners, so daß anch die Fassung der ständigen Klausel im Gemeindeblatt der Berliner Gemeinde: / „Von den (Hcmeinderabbineru wurden x Personen in das ' Judentum ausgenommen" irreführend ist. Mögen die liberalen Juden mit Festigkeit ihren Weg^ . verfolgen, auch auf Seiten des Judentums die Steine des ' Anstoßes üinwegznränmen, die nur äußerlich um die eigLÜt-' ltch religiösen Grnrrdanschauungen herumgepackt worden? sind! Dies ist das einzige auf die Dauer Erfolg verspre-- chende Mittel, «nt die Zahl der Austritte zu vermindern.. ■■■■'!■■■■■■■■■ .!'■ - «■«■■!■■■ ■!■!!■ ■ ■ ggg) Besitzarrsprnchs zmn letzten Glück und höchsten Ehrgeiz der.' artiger Individualitäten, obzwar sie im Grunde wahrschein«-, lich gar keinen Zusammenhang mit eben dieser. Besitzestitel.' verkündenden. Masse haben, sondern zumeist unter ihrer' eigenen, sie von den Bielen wie dem Einzelnen scheidenden,, p e i n v o l l e n Einsamkeit leiden. Eleonora Düse: glich einer Dolorosa, deren Antlitz durchpflügt war von' den Furchen einer zwiefachen Passion — der des Lebens und der der Liebe — und sic hatte sich allmählich zu einer' Ahasvera entwickelt, die, in Sehnsucht nach Rache sich ver^ zehrend, doch niemals auch nur aus einem Flecke, einer noch so großen oder noch so kleinen Bodenspanne heimatliches Erde Frieden zu finden vermochte. Fritzi Maffarq —* „unsere Massary" — obwohl in künstlerisch homogener <85$ gebunden, vergräbt sich in aufreibender, nervenzerrüttendev Arbeit, oder aber, sie rast in ihrem kilonreterfresserischen Mercedes durch die Welt, Berge, Straßen, Städte entlang, allzeit nur ästig, von innerer Einsamkeit vorwärts gepeitscA. Atavismus des ältesten Nomadenvolkes der Erde?! Und Elisabeth Bergner? Dieses grazile Geschöpf, mit dem Körper eines Kindes, den todestraurigen Augen eines waidwunden Edelwildes und der grandios emporgewölbten Stirn, auf der tausendjährige Weisheit und tausendjähriger S chmerz zu hausen scheinen? Manchmal glaubt man, i» ihr ein süßes, liebreizendes Spielzeug kosen zu sollen: manch anderes mal dünkt sie unnahbare Herrin, grausame Gebieterin, und zum Dritten vermag sie Furcht und Schrecken einzuflößen, weil diese Stirn hinter der die Erfahrungen, die Gesichte und Lüste vieler tausender Jahre wohnen, bevölkert scheint von alle» Dämonen und Natnrgewalten, die in ewige Verderbnis zu reißen vermögen. Der kluge Kritiker, feinsinnige Schriftsteller und nicht zuletzt durch alle sieben Hüllenkretse gewanderte Theaterdramaturg Arthur Eloesser hat ein Büchlein von etwa neunzig Seiten geschrieben lVerlag Williams u. Co., Charlottenburg) über Elisabeth Bergner, ihre Kindheit, ihren Entwicklungsgang und insbesondere über die Zeit, die er persönlich mit der heut Gefeierten intim arbeiten durfte. Er hat selbst zugestanden. daß dieses Büchlein — ein fein zisiliertes Kunstwerk, das für sich wie für seinen Gegenstand spricht — eine Art offenkundiger Liebeserklärung geworden sei. Er, der spröde Nordläwder, hat das seltsame Lebensmärchen dieses Wiener Kindes erzählt, das wirklich ein Kind und noch dazu ein echtes, rechtes Märchenkind dünkt. Und er hat Worte. Einfälle. Begriffe gefunden, wie tattächlich nur die Liebe sie einem Menschen für Len geliebten Gegenstand gewährt. Der sonst so kritische, manchmal bis zur Indolenz nüchtern scheinende Sohn unserer nördlichen Zone. Arthur Eloesser, dem wir allerdings ebenfalls ein subtiles Einfühlungsvermögen nicht nur in literarische oder schauspiäerische Werke, sondern auch in die hinter ihnen stehenden Persönlichkeiterl danken, wird, wenn er von Elisabeth Bergner redet, zu einem romantischen Exstatiker. einem begeisterten und begeisternden Rhapsoden. Er kommt auf den charmanen Einfall, von einer Frühlingsrcife in den Süden DeuttchlandS zu sprechen, allwo er einen seriösen, tiefgründigen Literaturvortrag zu halten hatte. Und ihn auch hielt. Die Intellektuellen der kleinen, geistig nicht eben sehr verwöhn-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.