Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 11 (18.3.1927)
- Date
- 1927-03-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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MMMeraleZMU Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Dezugsprets durch die Geschästsflell« lU jährlich M. 2,50 Nnzelmunmer 0,20. Bei freier Zusendung i. Znland 0£3 Für die Mitglieder ver Vereinigung ist der Bezugspreis im Milgliedsbeilrage enthalten. - n Verantwort^ Redakteur Bruno Woyda vis ..Jüdifch-livoraiv Isitung" erscheint jeden Freitag. N«dak«on u. Sef«HSktssteUs: verlin SW. WUHelmstr. 147. ksrnrukr Safenhaide 3358, 3359 0oNsch»«KNvnlo: Berlin OW7 Nr.isroa» (Vereinigung für das liberale Judentum Nad)t>rucfc fdmtltdjer Original-Beiträge nur mit vorheriger Senehmlgung der Reftafctlon gestattet. Anzeigenpreise. Die l2gespaltene Ronparelllezeile 0,45 Goldmark» die Rrklamezeile 3,00 Goldmark, de» :: :: :: Mederholungen Rabatt. :: a :: Anzeigenannahme: ..Jüdisch, liberale Zeitung.. Inseratsnabteilung: Berlin SW 48. Mlhelmftrake 147 (Hasenheide: 3358—59). sowie sämtl. Aunoneen'Exped. Nr. II Berlin, 18. März 1927 7. Zahrgang Kein Fest ist so umstritten wie Purim, kein biblisches Buch io lebhaft angegriffen worden aH Megillat Esther. Will es doch scheinen, als ob das Buch, das sich wie ein spannender Roman liest, nicht in den jirdischen Gedankenkreis hinein gehört. Menschliches, all,zu Menschliches spielt in ihm eine nicht 'nnbedentede Nolle,- Befriedigung weltlicher Leidenschaften und Iufünfte nehmen einen ziemlich breiten Raum darin ein. Und darum hot es auch mancherlei Protest non seiten ^babylonischer und palästinensischer.Gelehrter erfahren —- so z. B. nannten Leviüar Samuel und N. Huna dar Eyija den Inhalt von Esther Epicureismus — und har es sich nicht sofort und leichthin seinen Platz in der Reihe der heiligen Schriften Israels errungen. Und doch hat es sich im Laufe der Zeit immer mehr des .Herzens des Voltes bemächtigt, ist es zu einem seiner Liebliugshücher geworden. Ohne Nebertreibung darf wan sagen, es würde dem Judentum ohne das Purim-;$eft etwas fehlen. Wie ist diese Tatsache zu erklären'? * Bor allem kommt die Seite der Meuschenuatnr Purim zu ihrem Rechte, die vielleicht sonst allzu sliesmrütterlich ausgegangen wäre, der Humor. Alles, was Die jüdische Seele an Heiterkeit barg, aller phantastifcher Lebensdrang, alle überschüssige Lebenssreüde' Aymmen am Purimfeste zur Geltung. Spiel und Müm- ^MMschanz fanden an ihm von jeher mitunter verschwenderischen Aufdruck, so dag cS auch gelegentlich ' Jüdisches Jastirächt benannt wurde. Seit der gaonmä- 1 scheu Zeit begegnet auch das HamanMel. Dramatischer Sirrn bemächtigt sich dieser Erzählung und findet dadurch angeregt auch ru anderen biblischen Geschehnissen einen Ansgangspunlt zur dichterijchen Bearbeitung. So ist es nur eine Bestätigung des geschichtlich l>fewordenen, wenn das kleine Buch der Frommen dem Leser zürnst: „Sei niemals allzu lustig, außer an Ehanukah nnd Purim, da magst dn um Gottes willen fröhlich fein." Doch damit ist die Bedeutung des PurimfesteS nicht erschöpft. Blieb doch kein Ereignis der jüdischen Geschichte so aktuell wie der irn Estherbuch geschilderte Vorgang. Einige Kritiker sehen in dem Fest kein rein jüdisches Gewächs, andere finden in der Gestalt des Juden feind es Ha man Züge des Antiochus Epiphanes wieder und lassen das Buch unter dem unmittelbaren Eindruck des hasmonäi scheu Freiheitökampfes entstanden sein. Aber wie dem auch sei, eS scheint, wie Dlrbnmv ausfützrt, ausgeschlossen, dag das ganze Buch nichts weiter sein soll als ein geschichtlicher Roman, und daß das Volk nickt ein wirkliches ErciWis, sondern nur irgendeine dichterische Erfindung in Form eines nationalen Feiertages hätte verewigen, können. Mer noch mehr. Der int Buche Esther gegebene Befehl, die Juden samt und sonders zu töten, zu vernichten und zu vertilgen, ist nicht einmaliges Ereignis geblieben, sondern hundertfach wiedergekehrk, und die Abwendung der drohenden Gefahr durch eine Verkettung von natürlichen auseinanderfolgenden Begebenheiten ist eine von Israels Gesamtheit tausendfach geschöpite Erfahrung. Nicht ohne Grund weih daher feine Geschichte nicht nur von den im Estherbuch 'erzählten Vorgängen, sondern auch non ähnlichen, fast 'wunderbar aumutcndeu Erlebnissen zu berichten, die . tut. Purim Ankoua, Purim Eairo, Purim EhioS, Purim Florenz. Purim Narbonne, Purim Saragossa, mit einige zu nennen, verewigt und. Ja, die jüdische Geschichte könnte von einer Seite aus betrachtet auf die sprichwörtliche Formel gebracht werden, die unsere Alten dem Verlauf der Esthergeschichte entnommen haben. Gott sendet für Israel nicht eher Leid und Plage, als bis er das Heilmittel vorbereitet hat. Denn fast immer haben sich an wichtigen Wendepunkten indischer Geschichte gleich Mvrdechai nnd Esther jüdische Männer und Frauen gefunden, die ihre bevorzugte Stellung und das ihnen von den Ersten des Landes Lntgegengebrachte Vertrauen nutzten, um in höchster Not nnd Gefahr ihren Glaubens- und Stammesgenossen Befreiung und Rettung zu verschaffen und dahin zu wirken, dag, wenn ein Ausweg nicht mehr gefunden zu werden schien, in letzter Minute doch wieder Licht und Freude einkehrte In Israels Wohnungen. _ _ v Aber auch die Religion des Individuums geht beim Purimfest nicht leer aus. Wie das Purimfest der Bibel das klassische Vorbild für die späteren Erlebnisse Purim. geworden ist, jo wird der Vorgang irr Persien wiederunr von unseren Weisen mit dem in der Thora berichteten Kampf mit Amalek in Berbindnng gebracht. Israel hat in diesem Kampfe mit Amalek bei' Residiiu gesiegt. Und doch heißt es dort: „Kampf des Ewigen gegen Amalek von Geschlecht zu Geschlecht." Der Sohar sieht irr diesem Kampfe mit Amalek nicht nur Vorgänge, die sich auf Erden, sondern and) in den himmlischen Höben avspieleu. Durch die Niederlage Israels, die durch sein eigenes Verhalten verschuldet ist. erfährt auch die Macht Gottes eine Einschräntnng, der Sieg Israels dagegen, bedeutet den Sieg der göttlichen Allmacht und Gnade. Scheint aber nicht der Gedanke näher zu liegen, daß in dem ewigen Kampfe mit Amalek eine Andeutung für den Kampf gegeben ist, der von dem Höheren gegen das Niedere geführt werden soll, das ständig in der Menschenbrust erwacht? Ist aber diese Anisassung richtig, bann empfängt das Pnrimsest von f-olchcm Kampfe mit Amalek seine Weihe. es ist nur eine Episode, in der das Höhere gegen das Niedere kämpft und Charakterfestigkeit, Lpterwitiigkeit und Treue schließlich Triumphe feiern. So deutet sich der Jude auch den Sinn aller Geschichte. Es ist der Kampf des Höheren gegen das Niedrige. Zu solchem Kampf fordert dqs Purimsest auch jeden einzelnen unter mts aus. Auch wir sollen diesen Kampf gegen das Niedrige und Gemeine führen. Niemals dürfen wir in diesem Kampfe erlahmen, damit wir in ihm siegen. Fasten wir so die Aufgabe des PurimfesteS auf. dann freilich fehlt auch ihm nicht der ideale Schwung, der über unsere Festzeiten ansgebreitet liegt, dann reiht cs sich nicht unwürdig den Tagen an, die an Israels heilige Seitdnng Fitr die Völker well aenmljitcu. Von Gemeinderaböiuer Tr. Kober, Köln. Tagung des Bayerischen Landesverbandes. Tie Tagung des Verbandes bäuerischer israelitischer Gemeinden wurde am 13. März unter dem Vorsitz van Oberlandesgcrichtsrat Prof. Tr. Silberschmidt durch einen Einleituugsakt im Fürth er Bermlzheimerianum eröffnet. Ter Vorsitzende wies auf die bisherige criolgreiche Tätigkeit des Verbandes bin, der nunmehr darangehe, die inneren Verhälrniste der Eiuzclgemeinden durch Mufterfatzuugen 5» regeln. Die Tagung wurde durch Kommerzienrat Bechmann in, Namen der israelitischen Kiiltusgemeinde Fürth bewillkommnet. Oberrcgierrrngsiat Metzger vom bayerischen Kultusministerium überbrachte die Wünsche des Ministeriums für einen gedeihlichen Verlauf der Tagung. Oberregierurigsrat Bracker entbot die Grübe des Rcgierungsvräsidenten und der Kreisregieruug von Mittelfranken. Oberbürgermeister Tr. Wild sprach im Auftrag des Stadtrat Fürths begrünende Worte, in denen er ans das historisch begründete gute Einvernehmen zwischen Inden und Nichtfuden in Fürth hinwieS. Auch der demokratische bayerische ^andtagSabgeordnete Eiscnbert bekundete in einer kurzen Ansprache sein Interesse für die Verhältnisse des bayerischen Judentums. Ter Vorsitzende teilt mit, daß Kommerzienrat Brauuschweiger lWürzburgl und Katzenberger lNürubergi in den Rat eintreteu. Das Wort nahm hierauf Rabbiner Tr. Behrens fFürtlI zu einem Bortrag über „Das Ideal religiöser Lehre und religiös-sittlichen Wandels im Geiste der jüdischen Religion", wobei er die Freude an der schöpferischen Tat und die tief wurzelnde Liebe zur Gemeinschaft als treibende Kräfte hervorhob. Ter Erössnungsakr endete mir dem Bericht des Präsidenten des Verbandes, Oberlaudesaerichtsratö Tr. Nenmeuer. dem zu entnehmen iss. daß die Einnahmen des Jahres 1926 rnird 020000 M. gegenüber 271 000 M. des Vorjahres betrugen. Hiervon entfallen >!2 Prozent aus München. 21 Prozent auf Nürnberg. 12 Prozent auf Fürth. 6 Prozent auf Augsburg. Ter Staats zn schuß betrug 60 000 M. Der Gesamtaufwand des Verbandes und der Genreindeu belief sich auf über 2000 000 M. Die Besoldungsz>rschüiie des Verbandes betragen 101000 M. gegen 12:1000 M. des Vorjahres. 51 Gemeinden bezogen ständige Iuichttsse des Verbandes zu den Besoldungen für Beamten. Von den G Rabbinatobe.zirken erhielten sechs Bezirk«' Zuschüsse zu ihre» Gehältern in Höbe von 20 bis 7t Prozent der jeweiligen Besoldung des 'Rabbiners. Bauzuschüsse erhielten im Vorjahre 00 Gemeinden. Für soziale Imecke hat der Verband rund 100000 Vk. ausgewcndet. Für Darlehen wurden 58000 M. verausgabt. 1^000 M. wurden mrückbezahlt. Es besteht ein Darlehnsrückstand von 04000 M. Die Schächtfrage. Hierauf wandte sich Präsident Dr. Neruneyer aktuellen politischen Fragen zu. Zur Schächtfrag« betonte er, daß früher in den Schächteiurichtungen der Gemeinde seitens der Behörden ein wesentliches Merkmal der jüdischen Gemeinde erblickt morden sei. Arm fei durch den Landtag die Negierung zur Einbringung eines Gesetzes gegen das betäubunys-- lose Schächten aufgefördert worden. In der Liebe zu den Tieren ließen sich die Juden von niemandem übertreffen. Solange aber Methoden für eine rituale BetäubuugSarl der Schlachttiere nicht gefunden seien, bedeute ein derartiges Gesetz einen Gewissenszwang. Selbst wenn mir in diesem Kampf zeitlich unterliegen sollten, auf die Dauer würden die Schwierigkeiten dank des jüdischen Optimismus überwunden werden. Besonders ernst, weil von iititeit kommend, fei die Ber ringermig der jüdischen Bevölkerung in Bayern von 54000 auf 40000, also um JO Prozent. Der Redner appellierte an die jüdischen Älkütter. Der Reichsbnnd jüdischer Fronijotdalen habe sich zu einer Aktion für landwirtschastliche Betätigung der Juden entschlossen. Dieser Aktion stehe der Verband mit größtem Interesse gegenüber und werde, wenn erst genauere Unterlagen vvrliegen, auch nicht mit größeren Mitteln zurückhalten. (2000 M. wurden hierfür bereits bewilligt.) Die antisemitische Bewegung in Bityern fei, nicht zuletzt ' dank der energischen Haltung der StaatSregierung, zurückaegangen. Hinsichtlich der Verhältnisse an den Hochschulen sei cs besonders der Rektor der Münchener Universität, Getzeimrat Tr. Boßler gewesen, der bei derr junge» jüdische» Kommilitonen den Gedankeil der Gerechtigkeit wiederhergestellt habe. Wichtiger noch als die Frage dcö Antisemitismus ist die des AsemitiSmns. deS AuSschlnffeö der Juden anö der Gesellschaft. Hier sei die Gefahr, daß die Juden ans einem Gefühl beleidigten Stolzes Schränkers zwischen sich ' und den übrigert Mitbürgern errichten. Die Frage deS ReichsverbandeK -er Lettischen Anden. 2in dem Iustaudekommcn einer Reichsorganisation der deutschen Judeir mitzuwirken, fllhr der Redner fort, habe der Verband de,l Versuch gemacht, ohne sich ausdräugeu zu wolle». Der Rat deö Preußenverbaudes habe den vorgelegteu Entwurf gebilligt. Die Landesverfammlung habe ihn abgelelmt. Nicht Ehrgeiz habe den bayerischen Verband zur Aiiiarbeit getrieben, sondern der Wunsch, die hier ben'ährtc» Methoden auf die Reichsorgarltsat-ion zu übertragen. Es sei diesseits versucht worden, mit geringem Auswarrd einen möglichst großen Effekt zu erzielen. Ans die Arbeit des> Ausgleiches der religiösen Richtnugeu, die hier geleistet worden sei, müsse jede Organisation bauen, die den Gedankerr air die Bildung einer Reichsvrgauisatiou anfnehme. Den Kräften, die den Euttvurf einer ReichSorgattisatton ,;u Fall gebracht hatten, rufe er zu: Wir haben unsere Pflicht getan, tun Sie die Ihre! -- Wie bereits bekannt, hätten sich die süddeutschen Verbände einer Arbeitsgemeinschaft ztrfammengeschlüssen. Die Hauptansgabe der diesjährige» Tagung sei die Schaffung von Mnstersatznugen für die Gemeinden; die Gemeinden könnten diese annehmeu, abänderrr oder auch verwerfen. Ein Eingriff in die Selbstverwaltung sei ltichk beabsichtigt. Dies fei eines der letzten irnd schwierigsten GesetzgebungSwerke des Verbandes, durch die jahrhundertealte Weltanschamrngsgegensätze und -k?mpse zum Abschluß gebracht werden. Ncbrig bliebe nur llvch die Bezirksyemeindeordnung. Mit dem Wunsche, daß die diesjährige Tagung des BcrbandeS diesem znm Segen gereichen werde, schloß der Redner. Die Verharrdlungeu der Tagung bcgan,ren am Sonntagnachmittag 4 Uhr und behandelten prnächst den Etat und die sozialen Anfgabeu des Verbandes. iJ t a.) Der liberale Gedanke und die Liberale«. j (Schluß.) i Noch i» einer zweiten praktisch wichtige» Frage sollten die liberalen mit größerer Entschiedenheit als bisher für die i Durchführung liberaler Gedanke» «'intreten. Das ist die Stellung der Frau im Gottesdienst. Die christlichen 8dirche»i habe» von jeher gerade durch Heranziehung der Frau große! Erfolge erzielt. Auch bei den Juden haben die Frauen in l ältester Zeit als vollberechtigte Mitglieder am Gottesdiet^t teilgenvmmen und auch aus der Thora vorgelesen (Elbogeu. j Ter jüdisGottesdienst, 2. Aufl. S. 466). Aber gleichgültig , wie die bisherige Handhabung bei den Juden war, jetzt > jedenfalls haben die Frauen durch ihr Wahlrecht die allgemeine Anerkennung ihrer Gleichberechtigung erlangt, und ne werden hoffentlich hiervon nicht nur auf dem Gebiet der Gemeindeverwaltung Gebrauch machen, sondern nicht ruhen, bis auch auf dem Gebiete des Gottesdienstes ihre volle Gleichstellung dltrchgesetzt ist. Die Allgemeinheit fmrtt hier-! von nur Nutzen-haben. Vor allem ist zu hoffen, daß die Frauen sich n'icht mehr > gefallen lassen werden, nach orientalischer Sitte von den Mtinnern getrennt und aus die Galerie verwiesen zu «erden. In den Bereinigten Staaten von Amerika sind in den liberalen Gemeinden die Frauengalerien beseitigt, und in mehrere» sind Familienbänke eingeführt (Elbogen a. a. Q 485$* Selbst in der Türkei ist die Absperrung des Harems ji«* fallen. Bei uns soll sie tu der Synagoge fortwirkett? Äbigeblich soll die Aufmerksamkeit des einen Geschlechts vom Gottesdienst abgelenkt werden, wenn Personen des andore«