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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-03-11 · 10 (11.3.1927) · page 7

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
10 (11.3.1927)
Date
1927-03-11
Page
– (sequence 7)
Language
German
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saß. Im GemeinLerat der Stadt Wien Lat Herr Kreppe! wenigstens noch einen entdeckt. Am vorigen Gemeinderat hat er vier Juden gezählt — und bei dieser Ziffer will ich ihn packen, um seine Inkonsequenz und Unsachlichkett aufzuzetgen. Denn die angeführte Zahl ist auf jeden Fall int. richtig. Billigt der einstige Wahlmacher deS Polen« klub- Kandidaten Isidor Löwenstein heute de« Ehrentitel eine- «jüdischen Abgeordneten" nur solchen Jude» -tz, die auf Grund einer rein jüdischen Programmkandidierte», -an» konnte» für ihn nur die jüdisch-nattovale» Vertreter in Betracht kommen. Deren saßen aber im vorigen Gemeinderat von Wien bloß drei. Rechnete er jedoch auch den liberalen Einsiedler mit. -er im damaligen Wiener Sta-tvätervollegiunr fab und allerdings Jude. und fast ausschließlich von Juden gewählt war, aber ein interkonfessionelles, bürgerlich-demokratisches Programm vertrat, dann war es «in Gebot der Logik. deS politischen Anstandes und nicht zuletzt der publizistischen Gewissenhaftigkeit, auch jene Juden mitzuzählen. die -er sozialdemokratischen Partei ihre Wahl verdankten. Dies umsomehr, alS die Sozialdemokraten genau so wie die Zionisten, die «Union" sdaS österreichische Pendant deS reichSdeutschen «CentralvereinS") und die Aguda in der jüdischen Repräsentantenverfammlung Wiens über eine eigene, fünf Mann starke Fraktion verfügt und. wie die Mehrheit aller jüdischen Arbeitnehmer auch die jüdischen Gemeindebeamten und KultuSsnuktionäre größtenteils sozialdemokratisch organisiert sind — pmt nicht geringen Aerger der Zionisten, deren Führer Stricker einmal in seiner „Morgenzeitung" den Rabbinern höchst erbost den Vorwurf entgegenschleuderte, daß sie «statt der heiligen Thora die roten Gewerkschaftsbüchel in den Händen schwingen." Von all diesen für das Thema wesentlichen und nicht uninteressanten Dingen weiß Herr Krepvel nichts zu berichten. Die Leser seines «Wiener Brieses" erfahren nichts davon, -ab im österreichischen Rationalrat u. a. niemand Geringerer als -er sozialdemokratische Fraktionsvorsitzende Dr. Otto Bauer Jude ift und zwar ein Jude, von dem zufällig erst jüngst die Wiener bürgerliche Presse teils rühmend, teils ironisch feftgestellt hat, daß er trotz seiner Zugehörigkeit zu einer areligiöfen Partei seine Kultussteuer» mit mustergültiger Pünktlichkeit entrichtet. Sie hören weiteres nicht, daß gerade jene Männer, die die Wiener Stadtverwaltung zu einem vorbildliche« Studienobjekt für alle Kommunalverwaltungen der Welt gemacht haben, Juden sind: nämlich der Leiter des Wiener Wohlfahrtsamtes Professor Tandler und der städtische Finanzreferent Hugo B r e i t n e r. der ihm die Drittel für seine großzügigen sozialHygienischen Bauten und Einrichtungen zur Verfügung stellt und darüber hinaus das Kunststück vollbracht hat, in einer Zeit allgemeiner wirtschaftlicher Kalamität die Hauptstadt des von der Krise am schwersten betroffenen Oesterreich zur reichsten Stadt Europas zu machen. Professor Tandler war wahrend -er jüngsten Studentenunruhen wegen seiner Zugehörigkeit -um Judentum Gegenstand völkischer Demonstrationen. Neben diesen jüdischen Kanonen ist das jüdische Element aber auch in der zweiten und dritten Garnitur der sozialdemokratischen Fraktion vertreten: durch Männer und Frauen, di« weniger in der großen Politik hervortreten, dafür jedoch umso verdienstvoller« soziale Kleinarbeit leisten und daher zumindest eine summarische Erwähnung verdient hätten. Herr Krepvel behandelt aber alle jüdischen Sozialdemokraten, die Großen wie die Kleinen, gleichmäßig nach dem Rezepte des biblischen Fluches: «Nicht gedacht soll ihrer werden!" .^^Halloh, Herr Regierungsrat, was veranlaßt Sie zu solcher Taktik? Halten Sie etwa die jüdischen Staatsbürgerrechte bei den Sozialdemokraten für weniger gut aufgehoben, als seinerzeit beim — Polenklub? Damals haben Sie gegen jene Inden, die in -er Politik eigene, nicht vom polnischen Mel vorgeschriebene Wege gehen wollten, Militär requierieren lassen, heute entpuppen Sie sich als ein so überzeugter Pionier -er jüdischen Eigenbrötelei, daß Sie jüdische Volksvertreter, die nicht aus Grund des zionistische», ,,»monistischen" oder agudistischen Programms gewählt sind, einfach t o t s ch w e i g « n swaS immerhin weniger schmerzhaft ist. als das Totschießen!) Was würde das «Jsr. Familienblatt" mit einem Berliner Brief" machen, der aus der Tatsache, daß weder im Deutschen Reichstag, noch im Preußischen Landtag eine z i o n i st i sch e Fraktion, eine Centralverei ns-Ortsgruppe oder ein ausschließlich baS Programm der Ad aß Jisroel vertretender Abgeordneter existiert, den Schluß zöge, daß die beiden genannten Parlamente iudenreine, exklusiv arische Bertretungskürper find? Es würde einen solchen Bericht bestenfalls in die Purrmbeilage verweisen. Wenn ihm aber solche Albernheiten aus Oesterreich aufgetischt werben, dann reprodu- .Lieber Onkel, verstoße mich nicht." sagte sie weinend, «aber ich will mein ganzes Lebe« nicht wieder freien." Das alles schrieb ich meinem Bruder. Seit dem Tode meiner Tochter war nun mehr alS ein J«chr vergangen. Da sagte mein Schwiegersohn zu mir. ob meine Schwiegertochter nicht daran dächte, sich nochmalzu verheiraten. Ich sagte, ich wüßte es nicht, ob er etwa dazu Luft hätte? Sie war eine sehr hübsche Person. Er leugnete es nicht, und ich fragte sie, ob sie meinen Schwiegersohn heiraten möchte? Ich bekam eine sehr häßliche Ablage. Das verdroß mich, denn er war ein ansehnlicher, liebenswürdiger Mann. Ich sagte meinem Schwiegersohn, aus der Cache würde nichts, und schrieb an meinen Bruder, er solle hierherkommen, seine Tochter abzuholen. Ich schrieb Hm auch, daß sie es mir abgeschlagen habe, meinen Schwiegersohn zu nehmen. Nach einiger Zeit schrieb mir mein Bruder, daß er kommen wolle, und bestimmte auch die Zeit, wann er von zu Hause abzureiseu gedachte. Er kam also hierher. Bon meinem Schwiegersohn hatte er immer, noch als dieser in Schwerin war. sehr viel gehalten. Mein Bruder redete mit seiner Tochter, stellte ihr vor, sie könne kein größeres Glück machen, als wenn sie einen solchen Mann bekäme. Hingegen. wenn sie wi^er nach Schwerin zurückkäme, würde sie sich nur unglücklich fühlen. Sie konnte es ihrem Vater nicht abschlagen, und willigte in die Ehe ein. Ihr Barer blieb eine Weile hier, es wurde Hochzeit gefeiert und mein Brnder fuhr wieder nach Hause. Unser König war in Drottningholm, und ich batte keine Gelegenheit, mit ihm zu sprechen. Ich batte schon längst eine Bittschrift fertig, und io reiste ich denn nach Drottningholm und paßte ihn im Garten ab. bis ich ihn einmal allein traf. Ich sprach ihn an und bat um Gnade. „Was ist Euer Begehr?" fragte mich der König. „Eure Majestät wissen," sagte ich, «wie treu ich währendes Krieges gedient habe und keinen Nutzen, sondern nur Schaden davon hatte.. Ich hatte seit 1788 heim Krtegskommiffariat Geld zu fordern, und damals war noch Bankogebd. Nun bezahlt man mir mit Obligationen, wobei ich di« Hälfte verliere. Nan hat mich veranlaßt, für die Flotte frisches Fleisch heranznschaffen. und als ich «ein Möglichstes getan hatte, den Auftrag auSzuführen. hat «a« «ir daS Fleisch nicht abgenommen mit der Begründung. eS wäre Frieden." t «Dar weiß ich aHes." lagie der.Meri^ „4M Ihr feine öfecr Mi»vtFtzn»g Mt) ziert «S sie an leitender Stelle! Dabei sind die sachlichen Unrichtigkeiten noch nicht eiumal das Aergste. waS sich Herr Kreppe! leistet, und man kann für deren Aufnahme dem «Familiewblatt" den MilderungSgrund mangelnder Kontrollmöglichkeite» zubilügen. Vielleicht ist in feine politische Redaktion der Ruhm eines Otto Bauer. Prof. Tandler und Hugo Breitner — lauter Name» von Weltgeltung! — noch nicht gedrungen. Mein Gott, von Wien nach Hamburg ist eS «eit und die Redaktion deS «FamilienblatteS" befindet sich noch obendrein in einer abseits gelegenen Nebengasse! Mer der «Wiener Brief"^Schreiüer entwickelt auch Theorien, dbe sogar in der Hamburger ABC-Stratze als sehr gute Bekannte — auS der völkischen Presie hätten agnosziert werden müssen! Nachdem nämlich Herr Kreppe! auf die geschilderte Weise den tatsächlichen jüdischen Mandatbesitz in den österreichischen BertretungSkörpern unterschlagen hat, geht er hin und berechnet auS der Zahl der iirdischen Wähler in den einzelnen Wahlbezirken de» jüdischen Anspruch auf Maudatel Die Zahl, die er auf diese Weise errechnet, ist natürlich viel kleiner als die der wirklich von Juden innegehaLten Mandate. Man greift sich an den Kopf und fragt: Sind denn die Redakteure, die die Kreppelsche BerechrmngSmetchode für jüdische Mandatare — Prozentnorm statt intellektueller und moralischer Auslese! — widerspruchslos akzeptieren, politisch so ahnungslos, daß sie nicht begreifen, wessen Geschäfte sie damit besorgen? Oder propagieren sie absichtlich den — munerus clausus? Sie würden sich damit freilich nur auf den Boden jener «demokratischen Partei" stellen, die dem jüdischen Schöpfer der demokratischen Reichsversassung kein Mandat znbilligie! In Oesterreich liegen die Dinge zirm Glück noch a«derS. Wie sehr man dort die jüdische Begabung auch in politischeu Kreisen zu schätzen weiß, zeigte in grotesker Weise jener verflossene christlichsoziale Finanzminister. der die Uebernahme seines verantwortungsvollen Amtedavon abhängig machte, daß man ihm in der Person eines seither verstorbenen — Bankdirektors, einen jüdischen Berater an die Seite stellte. Geschieht so etwas am grünen Holze einer intransigent katholischen Partei, dann ist eS nur selbstverständlich, daß stchs jene Partei, die den Grundsatz: «Religion ist Privatsache" verficht, nicht nehmen läßt. Juden auf ihre Kandidatenlisten zu fetzen — und zwar auch in solchen Wahlbezirken, in denen nach der Ideologie der Herren Krepvel und — Hitler jüdische Kandidaten nichts zu suchen haben. So verdankt, um nur ein Beispiel zu nennen, der jüdische Vorsitzende des Wiener Landtages, Dr. Robert Danneberg, sein NationalratSmandat den Grubenarbeitern des SemmeringgebietS. unter denen die Anzahl jüdischer Wähler wohl kaum die ansprnchSberechtigte Quote für ein Mandat erreicht. Daß solche jüdische Kandidaturen in fast rei n ar ischen Wahlbezirken gewagt, mit Erfolg gewagt werden können, ist bis zu einem gewissen Grade sicher nur dem System der st a r r e n L i ft e n zu verdanken, das den Wählern jede Aenderung aus den von den Parteien eingereichten Kandidatenlisten verwehrt. Hätten die Wähler die Möglichkeit. einzelne Namen aus dieser Liste willkürlich durch andere zu ersetzen, dann bekämen das in erster Linie wohl die jüdischen Kandidaten zu fühlen. Dafür sorgte schon die antffemitsche Presse, die den Arbeitern immer wieder predigt, sie mögen sich, wenn sie schon durchaus marxistisch wählen wollen, wenigstens vom jüdischen Einfluß emanzipieren. Es ist also vor allem das System der starren Listen, was den Juden in der Wahlpraxis erst die wirkliche staatsbürgerliche Gleichberechtigung garantiert, die ihnen die Gesetze naturgemäß bloß theoretisch verleihen können. Herr Krepvel kommt auch hierin zu anderen Resultaten. Er doziert: «Der Umstand, daß daS Listensystem die Aussichten der kleineren Gruppen auf ein Minimum reduziert, bringt es mit sich, daß die Chancen, einen jüdischen Vertreter ins Parlament hineinzubringen. sehr gering sind.« Dieser politischen Weisheit will ich bloß die Taffache entgegenstellen, daß bei gleichgebliebenem Wahlsystem di« zionistische Gemeinderatsfraktion in Wien von drei auf ein Mandat dezimiert wurde. Gleichzeitig verschwanden aber auch die zwei deutschvölkischen auS der Wiener Ratsstube und das ist vom allgemein jüdischen Standpunkt ein Vorteil, der die Niederlage der Zionisten zumindest aufmog. Dr. Hugo Spiegler. Ein Tag mit Hugo Sonnenseld. Von Rabbiner Dr. Martin Salomonski. Kein Wort deS Schmerzes zu dieser Zeit, wo uns die tiefe Trauer um den Entrissenen zum wirklichen Bewußtsein nicht kommen läßt. Wer weiter lebt, wird bald erkennen, was wir an ihm verloren haben, und daß er zu den Unersetzlichen gehört. Hier sei ganz kurz am Beispiel eines einzigen Tageerzählt, wie treu und hingebungsvoll, wie mustergültig unselbstlos er im Dienste des deutschen Judentums stand und für seine Ehre und die Wahrheü gearbeitet hat. Bor zwei Jahren wurden er und ich im jüdischen Interesse in eine Grenzstadt unseres Ostens gerufen. Auf der Fahrt nach Schneidemühl beschäftigte ich mich mit. meiner Vortragsansprache und vermied es, Hugo Sonnenseld im Zuge zu begrüßen. Wer nach nicht kurzer Reise geistige Arbeit zu leisten hat, betrachtet den O-Zug nicht als Promenade oder Plauderecke. Weil man selbst ungestört sein will, lernt man, die anderen in Frieden zu lassen und sie nicht durch den Zwang des Höflichseins zu ermüden. Kurz vor dem Eintreffen ging ich einmal durch alle Wagen, fand ihn aber nicht. Die Freunde auf dem Bahnsteig waren sehr beunruhigt. Ich wollte sie mit der Erklärung trösten: «Daß der Justizrat nicht erscheint, ist undenkbar. Da er nicht im Zuge ist, muß er bereits eingetroffen sein!" Allgemeiner Zweifel! Also schnell die Telephonprobe Es zeigt sich, daß der pflichterfüllte Mann schon nachts zuvor augekommen war. «In diesem Augenblick," so klang seine aus dem Doppelhauch der Verbindlichkeit und eines edlen Befehlsgewohntseins zusammengesetzte Stimme, «habe ich daS letzte Wort meines heutigen Vortrags niedergeschrieben. In meinem Hotel wurde die ganze Nacht getanzt und gesungen, da konnte ich nicht schlafen. Also habe ich gearbeitet und bin dabei geblieben." Der erstaunliche Mann zeigt auch nicht die geringste Spur deS Ermüdeffetns, als er um '^3 Uhr in den versammelteil Kreis der Sitzungsteilnehmer tritt und in seiner fein geschliffenen, pointierten Art, bei der jedes Wort so wohl erwogen war, durch seine überragende Kenntnis und eine turmhohe Sachlichkeit, die letzten Endes auch auf den Durch, schnitt weit stärker wirkt, als die tönenbste Phrase, alles zu seinen Ideen bekehrte und fortriß. So arbeitete er zunächst etwa drei Stunden, und schon jetzt konnten sich seine Helfer am Werke mit stiller Freude sagen: «Wir haben Terrain erobert, eine Schlacht ist gewonnen!« Sofort ging es zur großen öffentlichen Versammlung. Nach einer nicht übermäßig langen Ruhepause, die ich durch einige Darlegungen sozialer Natur auszufüllen hatte, nahm Sonnenfeld das Wort. Wie ein Pfeil dnrchschnttt seine Rede des Saales großen Raum und gebannt hingen Hunderte an seinem Munde. Als wirkliche Verkörperung logischen Denkens stand er vor den Hörer«. Nicht leicht konnte ihn einer aus der Zahl unserer führenden Freunde, di« an guten, ja, fabelhaften Sprechern nicht arm ist» übertreffen. Denn er Matz Hie wirksamste Waffe» die de» Redners Glück und Erfolg ist. Er beherrschte nicht nur souverain die Materte, sondern er war erfüllt von ber absoluten Wahrheit und Gültigkeit alles dessen, was er vortrug.' Er sagte keine Silbe, ohne baß die Ueberzeugung seine Seele beflügelte: Sv ist es, und nur so darf es sein! Hieraus erklärt sich mir auch jener Teil feines Wesens, den ich die geadelte Korrektheit nennen möchte, jene wundervolle Mischung natürlicher Eleganz und der sorgfältig beachteten feinsten Form, die ihn zum geborenen Repräsentanten deS deutschen Judentums befähigte. Besonders sympathisch blecht es aber, baß dieser Mann großen Formates unbesten Stils mit liebevollstem Eingehen und nicht überall bemerktem Verständnis auch die Leistungen anderer zu würdigen vermochte. Wie er in lebhafter und ritterlicher Art immer wieder aufs neue die kleinste Mithilfe und Arbett anerkannte, jedem ein gutes und anfmunterndes Wort zu sagen für eine hohe Pflicht hielt. Freilich hat er sich niemals dazu verstehen können, innerlich hierbei der Wahrheit untreu zu werden und Schleichwege zu beschreiten, die andere in den Wahn der Freundschaft oder Gunst wiegen, während man ihnen in Wirklichkeit abhold ist. Er vertrat die etwas außer Kurs geratene Parole: Ein Mann, ein Wort!, und er hat sich immer mutvoll zu jeder Tat seines Lebenbekannt. — Nachdem ber Beifall verrauscht war, fanden wir uns für «ine Abendstunde im engeren Kreise unserer Freunde zusammen. und wieder konnte man aufs neue Hugo Sonnenfeld bewundern als den glänzenden Gesellschafter, den sehr gewandten und geistvollen Plauderer, dessen Mitteilungen immer etwas Interessantes und Unterhaltendes boten, trotzdem er sich nie mit fremden Federn schmückte uno dem allgemein beliebten Kapitel deS Witzes wenig hold zu fein schien. Seine ganze Art war auch in den Verästelungen des Verkehrs aufs ernste gestellt, und wenn er trotzdem so schnell gewann, so war es immer der Erfolg feines Eigen-' wertes und nicht zuletzt seiner vollendeten Höflichkeit. Kurz vor 11 Uhr nachts machten wir uns an die Rückfahrt. Ein Schnell- oder Schlafwagenzug verkehrte nicht, und so ratterten wir mit dem Personenzug, ber auf zahllosen Stationen seine Bremskunst übte, in acht langen Stunden nach Berlin zurück. Unterwegs bewies Hugo Sonnenseld nochmals, was Energie und Selbsterziehung vermögen. Er hatte weit über 24 Stunden nicht geschlafen und geistig sehr angestrengt gearbeitet, aber jetzt, in der Nacht, auf dieser ihm vertrauten Strecke, die er einst von Könitz nach Berlin oft durchmessen hatte, da sprühte sein nie welkendes, stets aufs klarste leuchtendes Erinnerungsvermögen und er erzählte Großes und Kleines auS jener tollen Zeit, die seinen Ruf begründete. Schon damals war er so fleißig, wie jetzt als Mann von über 60 Jahren — das ergab sich, obwohl er es ängstlich verschwieg. Schon damals nahm er die Nacht und den gleichen Personenzug zu Hilfe, um nach Schluß einer Prozeßwoche oder an einem verhandlungsfreten Tage ohne Zeitverlust in Berlin zu sein. Er hatte, um sich vor' Störungen und möglichen Ueberfällen zu sichern, einen sehr :■ interessanten Türverschluß seines Abteils erfunden und angewandt, der ihn im Dunkel schützte und die Oeffnung nur dem Schaffner erlaubte. Dein nie ruhender und dem Modernen zugewandter Sinn zeigte ja überhaupt besonderes Interesse für Technik und Verkehrswesen, wie noch sein letzter, durch den Tod verhinderter Reiseplan als Verteidiger im Elsenbahnprozeß in München aller Welt öoku-' mentiert hat. Bei Sturm und Winterschauer kamen wir um ^7 Uhrfrüh in Berlin an. und ich bat ihn als Jüngerer dringend,! sich ein Auto zu nehmen und schnell nach Haus zu fahren, damit er zur Ruhe käme. „Nein," antwortete er, «wenn eine Elektrische geht, nehme ich kein Auto. Mit sremdein Geld muß man sehr sparsam sein!" Die Straßenhähn kam, Hugo Sonnenseld fuhr aber nicht nach Haus, sondern gleich in sein Bureau. «Das Schlafen lohnt nicht mehr: davon wird man nur müde." — Hugo Sonnenseld, der Unermüdliche, ist von uns gegangen. Unser Leben, unsere Arbeit werden verwaister sein, denn er war ein Mann, der sehr vielen wohlgetan hat und vielen Mut machte. * * * Am Sonntag wurde Justizrat Hugo Sonnenfeld zu Grabe getragen. Eine zahlreiche Trauergemeinde füllte die weite Halle des Friedhofes in Weißensee. Alle großen Organisationen, denen Hugo Sonnenfeld angehört hatte, und deren Führer er zum größten Teil war. hatten Vertreter enffandt. So der Magistrat Berlin, die jüdische Gemeinde zu Berlin, der preußische Landesverband jüdischer Gemeinden, die verschiedenen jüdisch-liberalen Organisationen, der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, die Gewerkschaft deutscher Lokomotivführer, der Demokratische Verein Waldeck. sowie Sonnenfelds Regimentsverein. Rabbiner Dr Vaeck zeichnete das Bild des Verstorbenen, einer auf den Grundpfeilern der Pflicht und der Treue beruhenden Persönlichkeit und schloß: Durch sein Werk wird Hugo Sonnenseld weiter leben. Danach trat Kammergerichtsrat Wolfs au die Bahre, um im Namen der Jüdischen Gemeinde und des Preußischen Landesverbandes von Sonnenfeld Abschied zu nehmen. Er schilderte Hugo Sonnenfelds Arbeit im jüdischen Gemeinöeleben, der er sich mit restloser Ausschöpfung ihres Inhalts und seines Könnens hingab. Ein! vorbildlicher von Freund und Gegner gleichermaßen als rechtdenkenö anerkannter Führer ist mit ihm dahingegangen.; Viele Jahre gehörte er der Revräsentantenversammlung der Jüdischen Gemeinde an. Als Präsident der Landespersammlung der preußisch-jüdischen Gemeinden war er das Muster eines unparteiischen Verhandlungsletters. Einen erschütternden Eindruck machte es. als der Redner von einem Brief erzählte. den Hugo Sonnenseld drei Tage vor seinem Tode an ihn richtete und worin er erklärte, er werde unter allen Umständen nach München zum Aubele-Prozetz fahren, er fühle sich krank, aber er werde seine Pflicht tun und sich eben, wenn es nicht anders ginge, opfern. Für den Central- Berein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens rief der Vorsitzende des Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin, Justizrat Max Chodziesner. dem toten Führer Dankes- und Abschiedsworte nach. Im C.V. war Sonnenfeld heimisch. Der Gedanke des deutschen Judentums fand in ihm klarste Prägung. Jur C.B. fand Sonnenseld die schwerste und größte Aufgabe seines Lebens vor: Die Durchführung des Konitzer Prozesses. Der Redner sprach von der Mildtätigkeit des Mannes, der alljährlich 400 Kinder ohne Unterschied ihrer Konfession kleidete, zahlreiche Mündel opferwillig betreute und in vielen Fällen ohne viel Aufhebens Segen und Freude schuf. Einen Mann wie Hugo Sonnenfeld als Führer gehabt zu haben, bedeitte für der C.B die Aufgabe: so zu sein wie er, pflichterfüllt, hingebungsvoll. opferfreudig. Die Grüße der politischen Freunde Sonnenfelds, vor allem des demokratischen Vereins Waldeck, überbrachte RegierungSrat Merten, der ausführte. Sonnenfeld habe durch sein Leben den Beweis geführt, daß ein echter Demokrat sich an Vaterlandsliebe von niemandem übertreffen lasse. Der Vertreter der Gewerkschaften deutscher Lokomotivführer, Warstein, gab der Klage der 70 000 deutschen Lokomotivführer Ausdruck, die sich nun ratlos und vereinsamt fühlen, weil ihnen der Mann entrisse» wurde, der drei Jahrzehnte ihr Führer gewesen, der Helfer bedrückter Kameraden, den keiner »»getröstet verließ. Dann sprach Dr. Baeck daS Totengebet. «ES ist bestimmt in Gottes Rat" ertönte leffe. »ährend der Sarg langsam zu Grabe getvagev wurde.

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