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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-03-04 · 9 (4.3.1927) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
9 (4.3.1927)
Date
1927-03-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
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will eS nicht verstehen, weil Andel zwar ein vorzügliches musikalisches Wissen hat. dafür aber. — die „Unterschächte der jüdischen Seele" nicht, kennt!" Die. hat eben nur Herr Berl ergrabe«. Tinmnl aekcheh «St. i» spricht Verl weiter, die Bision brannte in uür «ns. Met dritte Satz aus Mahlers I. Sinfonie ist JnLmrtzr». A «einftes Judentum. Hier ist alles: Marsch» Lraner. Ire««. Bolksgesaug, Kanon, melodische Entfalt»»-. Tanaoet. gnstnmnentation: hier ist alles Judentum, es gibt -an» «ine unmittelbarere Erzeu«mg, Warum grade dieser Mahkerkatz allein? fragen wir. Man vergleiche das Adagio der EroiLa, den Anfang der IX. Sinfonie von Beethoven, könnte naan daraus nicht das Gleiche wie auS dem Mahlersatz herauLlesen? Noch viel mehr Belege könnten angeführt werden, kpinrnt es doch bei all diese« Dingen nur auf den „physiognomischen Takt" an — menschlicher hat man vor Spengler zwar „Intuition" gesagt, doch am Ende ist Beidedasselbe^ Wo hat sich aber die Ersah aung für derartige Intuitionen geschult, wo hat st« sich gediDet, vom hören allein kann das üoch nicht komm«»? Visionen habe» mit dem musikalischen Jdeenablauf eines Werkes nur gering« Bedeutung, wissenschaftlich sind sie gänzlich unhaltbar. Mau kann VerftLnbniS für die organische GtMktur. für die normalen Lebeu- und Entwicklungsgesetze lvrs Kunstwerkes erlangen? aber das tut eS nicht allein, Re Betrachtung de» formal-orga. Nischen Elementes führt mt Erkennung an die äußere Erscheinung. Gerade bei Gustav Mahler ist jede Deutung leichtsinnig, wenn man iät ohne weiteres rassenmätzig auslegen will. Gs steht fest» daß Mahler von Dostojewski stark beeinflußt worden ist? die Romane Dostojewskis waren Mahler, so schreibt sein Biograph, ein Erlebnis von determinierender Kraft. Eiig solcher Einfluß auf die Exzeptionalität ist kein untergeordneter Milieueinfluß. Unwillkürlich fällt ein Ausspruch Mahlers hierher: „Ohrwascheln auf. machen!" soll der Meister ärgerlich zu einem Jünger gesagt haben, der mit ihm Uber die Zweckmäßigkeit einet Analyse sprach. Ebenso vergeblich dürfte man bei Gchönberg nach dem Kulturzusammenhang mit dem Juüentume suchen. Wollte man einen solchen konstruieren, so wäre er mit denselben Derbindungen auch auf — H i n d e m i t h anwendbar! Der „melodische Kern" ist erst recht eine trübe BeweiSquelle und bietet scharfe Angriffspunkte gegen die benami. ten Intuitionen. Wohl ist es richtig, daß die melodische Linie die entscheidenfte Form des Selbstbekenntnisses barstellt. (am stärkste« wirb ste heute allgemein als Raffener-eugnis in Italien gewertet) doch haben grade die jüdischen Forscher nach und nach im Melos am treffendsten die Heimstätten der „jüdischen Musik" Nachweisen können. Bet dem Jerusalemer Professor % Z. Jdelsohu find diese Forschungen zu Riesenbänden angewachsen, jede melodische Nevenphrase ist von ihm nach ihrer Heimat geprüft und erkannt worden. Ebenso fest stehen die Ergebnisse der deutschen Kantoren wie Frieümann, Birnbaum, Em. Kirschner und neuerdings Jakob Schönberg. — Wer die neue „jüdische Musik" soll noch ganz anders geschaffen fein, die Atonalttät ist längst dabet überwunden. Bor längerer Zeit konnte man eine Nachricht ans Jerusalem vernehmen, dorten sei ein Arzt zum Musikantentum übergegangen, der „ganz echte" jüdische Musik schreibe. Die Notation habe er selbst erfunden, er schreibe ste von rechts nach links — allerdings bei der Ausführung habe eS sich gezeigt. daß unsere europäische« Instrumente eine solche Kunst nicht zum Klingen bringe« könnten. — Wir halten solche Phantasien nicht für geeignet, einer „jüdischen Musik" zu dienen. Halten wir uns hingegen an das Gegebene» und von diese« an die Piece», die bei de« oben genannten. Veranstaltungen als „jüdische Musik" präguiereud« Stellung eiunahwen. ES waren Werke von Erueit Bloch. Josef Achron^ Bantock und Hchnyer. die sich benannten: Bibduj, Nigun. GimchaS »Hora. Canzonetta. Hamabdil und Chanson h&raiqoe. Die Vorstellungen, die non diesen Werken ausgingen, hat man früher einer gewiffen Programm-Musik unterschvbeu, heute nennt man es „GtimmungScharakter". Aber glauben di« Verfechter einer exklnstven „jüdischen Musik" wirklich, daß die obigen Werke einen Juden der Frankfurter Religionsgesellschaft in „Stimmung" versetzen könnten? (Abgesehen von dem unglaublichen Zustand eines WirtschaftsbetrtebeS bei eine« Konzerts diese Werke sind mit der raffinierteste« Technik unserer neuzeitlichen Musik konzipiert, ihr Jdeeninhalt kann nur durch diese Technik hindurch erfaßt werden — und es gehört schon ein ziemlich an moderne Mnfik geschultes Ohr dazu, um mitfühlen zu können? darum hatte auch der Gänger die Zuhörer anf seiner Seite. — Nein, wir glaube» nicht, daß ein Jude nur Note» zu schreiben braucht um „jüdische Musik" zu gebäre». Wir halten eS überhaupt für eine falsche Diagnose, die Uebertvagmm der de» Judentum fremden Entwicklungen — die ganz besonders die Kunstgeschichte aufweist — auf Versammlungskalender j; Berlin-PH^*-«-« Liberaler Betei» für die ««güegsnheiteu Ler Mische» Gemei»be Btt Berlin S J8. Bezllcksgrnpve GchMbera. A» Dienstaa. de« LMärz, abendS 8>sAr. fprichtimLogem hanS, «leiststr. 18/11. Herr Rabbiner Dr. ««erbach^Söttim gen über das Thema „Die jüdische Seelsorge «nter Hinweis anf die Psychoanalyse*. ^Fvlllfl m\ P1 Aberale Synagoge Norden (im Auerbachschen Waisen« Hans. Gchörhavser Allee 16L): Gottesdienst: Freitag, be» 4. März, abends IM Uhr. Äredigt: RaLbmer Dr. Galo» monski. Tounabcnd. den S. März, vormittags 1V Uhr. BreSla». Jüdisch-liberaler Jngendverein .,Abraham Geiger". Sem einSlokal: Restanrant Schaal. Tanentzienstr. U. Si«ga«g nur Anger. Mittwoch, de» 9. März, abends %Y, Uhr. Bortrag de» Herr» George Goetz-Berlin, Generalsekretär der Bereiul« gnng für das liberale Judentum. Thema: „DaS liberale Indent»« und der Zeitgeist." An diese« Abend erwarte« wir vollzähliges Erscheinen unserer Mitglieder. Gäste willkommen, Lieguitz. Montag, den 7. März, abends 8lA Uhr. in de« Räume» der SUestL-L^e. Bortrag des Herr» George Goetz-Berli«, Geueralsekretar der Bereinigung für das liberale Juden, t«m. Thema: „Uebe de« Sin» des Bete«s." Frei« AnS« tum. Thema: „Ueber de« Sin» des BetenS." Freie Ans, rein national-jüdische Inspirationen Mrückzuführen? und wir möchten diese Stellungnahme erweitern, daß wir uns einer prägnanten jüdischen Eigenart nicht vevschließen. die ein dem jüdischen, hebräischen Charakter angehendes Sujet im Kunstwerke wideraibt. Die jüdische Verschiedenheit in der künstlerischen Ausdrucksart ist auch für uns etwas Gegebenes. Die Kantilene. in welcher der Jude singt, in welcher er seine Seelenaugst und seine Festtagsfreude, seinen Werkeltag und seinen Sabbat schwingen uilid klingen läßt, dieses Gegebene. Ureigene benötigt keinerlei Sophisterei um entdeckt zu werden. — Das ist nicht entstanden aus dem Erwachen einer europäischen oder astatischen Krise in der Musik, das ist auch nicht erstanden aus dem Streite und dem Hader der politischen Parteien — zwischen solchen Mühlsteinen blüht keine Kunst — das ist aber entquollen und entquillt noch immer dem jüdischen Empfinden. dem zerknirschten Herzen im Gebete der Widdnj wie dem jubelnden Gedanken psalmodierender Lobpreisungen. In solcher Wesentlichkeit des jüdischen Charakters sehen wir die - Wertbestimmung in den Kunstwerken. Nienuüs jedoch darf der Maßstab einer Gesinnungspolitik hierbei angelegt werden. — Folgendes seien klärende Beispiele: Lewandowski hat neben seiner synagogalen Musik auch andere Chor- und Orchestermusik geschrieben, in Frairkfurt durste man eine „hebräische Rhapsodie" hören — die konnte selbst mst Variationen synagogaler Melodien nicht interessieren. weil weder Inhalt noch Form einer jüdischen Idee entspränge»:. Schon öfters wurden dagegen deutsche Psalmkompositionen von Lewandowski in evangelischen Kirchen gesungen — sicher nicht wegen der jüdischen ^Jdee, sie bezeichnen weder eine gottesdienstlich« Handlung in der Synagoge. noch Leuten sie ehren besonderen jüdischen Impuls, diese Psalmen Lewandowskis tragen den damals — und vielfach heute »och sehr beliebten seichten und leichten Stil der evangelischen Kirchenmusik. Der Kenner findet die Belege leicht bei Jodassohn als auch bei Hauptmann und Richter. Ein Gegenbeispiel: in der katholischen und in der evangelischen Kirchenmusik besteht zurzeit auch eine Krise. Die Kirchen haben sich bisher gegen die Modernität bzm. gegen die modern« Harmonisierung der Meß-Gesänae gewehrt. In neuester Zeit ist dieser Widerstand aufgegeben worben und die bedeutendsten Musiker schreiben religiöse Musik. — Es sei nur an Wetz. Kaminski, Klemperer. Hindemith (Marienlieder) und viele andere erinnert. Dabei, unterscheidet man gut die allgemeine religiöse Art von der internen Komposition, die ihre Zielsetzung, eine bestimutte Handlung des Gottesdienstes zu beweisen, nicht verleugnen kann. Während nun jede religiöse Komposition, selbstverständlich ohne dogmatische Gegensätze im Text, in der Synagoge gesungen werden könnte, müßte man doch die Gesänge, sie ausgesprochen eine Handluug des anderen Gottesdienstes im ursprünglichen Gedenken musikalisch ausdeuten, für die Svuaaoae als unaeeianet bezeichnen. DÄ ist nicht etwa an der Melodie abzulesen oder gar zu versehe», es liegt vielmehr in der anders eingestellten religi, Gen. pathetische» und auch üsthetisierenden Wirkung. — Während oben also ein Jude, der sein Gefühl in faszinierender Musikalität jüdische» Geist dem hebräischen Gebete einhaucheu kau», andere religiöse Probleme wieder sehr unjüdisch auszubrücken vermag, haben wir hier Werke, die voll religiösen Gefühls einesteils auch dajüdische erfüllen und beleben und audernteils wieder kalt lasten und abstoßen. Go soll «1t diesen Tatsachen festgelegt werden, daß gerade die Zielsetzung des musikalischen Gedankens, für unser Thema: die bewußte Einstellung auf Grnnökräste der Mischen Seele, immer wieder die religiöse Seite affoziert. Und wir können uns nicht der Tatsache verschließen, di« vornehmlich in einer religiösen Wertbestimmung die Zukunft einer „jüdischen Musik" sieht. Denselben Weg weist auch Jakob Schönberg in feinem Werke „Die traditionellen Gesänge deS israelitischen Gottesdienstes in Deutsch, land": „Nur die religiöse Musik kann als Fundament einer „jüdischen Musik" zugrnndeliegen." Ratstagung des Preußischen Landesverbandes. Am 27. Februar d. I. fand unter dem Vorsitz des Herrn Kammergerichtsrat Wolfs wiederum eine Sitzung des Großen Rates des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden statt, die sich bis zum Abend ausöehnte. Den breitesten Raum in den Verhandlungen nahmen die Beratungen über einige der wichtigsten Bestimmungen des GesetzentwurfS betr. die jüdische Religionsgemeinschaft in Preuße« ein, der. von der dazu beauftragten Kommission dem Räte vorgelegt worden war, und über den Herr Justizrat Makower Bericht erstattete. Eine eingehende Erörterung erforderte wieder jener neu aufgestellte Grundsatz (8 12 des Entwurfs), nach dem derjenige, der unter Verbleib beim Judentum aus einer Gemeinde austritt. künftig einem Landesverband steuerlich verpflichtet bleiben solle. Ein Antrag, dies« Bestimmung ganz zu streichen, fand schließlich die Zustimmung der Mehrheit. Dann wurde durch Mehrheitsbeschluß ein Antrag Freund airgeuommen. der die gesetzliche Bestimmung fordert, daß jede Synagogengemeinde einem öffentlich-rechtlichen Verbände, dessen Wahl ihr freisteht, angeböreu müsse. Ausführliche Beratungen aalten ferner den Bestimmungen des Gesetzentwurfs über die Wahl zu den Gemeindekörperschasten. Ein Antrag, der festlegt. daß die Wahl zur Gemeindevertretung nach den Grundsätzen der Verhältniswahl stattfinden müsse, wenn vierzig Geweindemitglieder diesen Wunsch zum Ausdruck brächten, wurde gebilligt. Ueber den Etat für das kommende Rechnungsjahr erstattete Herr Kareski ins einzelne gehenden Bericht. Einige Abänderungsanträge fanden die Zustimmung der Mehrheit. So wuvde der Betrag für die Wohlfahrtspflege erhöht. Betrage zur Ausbildung von Hilfskantoren und zur Einrich. tung von Jeschiwaus bereitgestellt. Für das laufende Siech, nungssahr wurden insbesondere dem Reichsarrsschuß für jüdische Jugendverbände 15000 M. und daneben für die in dem Ausschuß nicht vertretenen Sportvereine noch 4000 M bewilligt. Den neuen Satzungen des Wohlfahrtsausschusses uni den von diesem ausgesprochenen Srrbventiouen wurde zuqe. stimmt. Alsdann berichtete Herr Dr. Jsmar Freund über seine Verhandlungen mit den verschiedenen Ministerien in bezug aus di« Stäätsbeihilfen. Aaien-arium strMZettvom Zl.Z.^.Z.isrr,-- März 1927 Nöar H Sonnabend 5 1.' Sabbat Rösch Chodesch Dochenabschnitt: P. Schekalim Hasiarah: Könige II. 12.1—1,7 Sonntag 6 Sabbat-Ansaang: 6,31 Uhr Montag o. Dienstag 8 Mittwoch 9 4. Donnerstag 10 6. Freitag 11 6. Sonnabend 12 7. 8. Wochcnabschnitt: Wasifro P. Sachor Hastarah: I. -Samuel Kap. 15,2—84 Sabbat-Ausgang: 6,14 Uhr Kleine Zellglossen. Arisches Theater. Aus Wie» wird das Eingehen des arischen Theaft 18 gemeldet. Die Deutsckuationalev Wiens, von der Rührigkeit und Fähigkeit der Inden auf künstlerischem Gebiete unaugenehm berührt, entschlossen sich, reinen Tisch zu machen. Sie aründete» ei» Theater, i» dem arische Schauspieler arrsche Autoren zur Aufführung bvingen sollte«. Aber auch den Zuschauervaum sollte kein Semit entweihen. Nur Arier durften bei den selbstverständlich arischen Kassierern Eintrittskarten löse« und sollten von arische« Billeteuren zu ihren Plätzen geführt werden. Dieser letzte Teil deS Programms scheint nicht geklappt zu haben. Nicht etwa, weil jüdischer Arglist die Täuschung des rassisch geschulten Blickes der gedungeuen C erb ernste geglückt wäre — sie wurde vermutlich nicht einmal versucht — sondern weil der Scharfsinn der völkische» GralShüter gar keine Gelegenheit zu seiner Erprobung erhielt. Es kam nämlich überhaupt niemand und die Sitze blieben leer. DaS war di« schmerzlichste Erfahrung. dir die völkische» Krmstpivniere machen mußten. Sie hätten dieses Schicksal vorausahnen können und zwar ohne besonderen prophetischen Blick in die Zukunft, weun sie a»S der Bergan Neuheit hätten lernen wollen. Denn der Versuch einer raffenreiue» Theatergrünöung ist in Wie» nicht neu. Er wurde zu« erstenmal in senen Tage» unteruomme». in denen daS damals noch jugendliche Ungestüm der christltchsozirlen Partei die polttisch« Herrschaft im RathauS erobert hatte und diesen Sieg auch auf den anderen Gebieten des öffentlichen Levens, vornehmlich ans dem der Kunst, wiederholen wollte. ES ist der Lueaervartet nicht geglückt, obwohl ste damals zur Erreichung ihres Zieles ganz andere Mittel in die Wagschale zu werfen hatte alS heute die Völkischen, die außerhalb deS akademischen Badens über kaum nennenswerte Gefolgschaft verfügen. I« Jahre 1808, dem 50. Regierungsjahre Franz Joses I., wurde mit kräftiger Uuterstützuua aus dem christlich" verwaltete» Stabtsäckel der Prachtbau deS „Kaiferjubiläum- StadttheaterS" errichtet «ud zwar auf dem Wahrtnger Gürtel, de« Lntzerst günstigen Grenzgebiete, wo innerstädtischer und vorstädtischer Kunftgeschmack tu eins zufammeufließe» kouute. Tr tat eS aber fatalerweise nicht, obwohl »an sich» , durch die politischen Erfolg« ver» wöhnt. solch heilsame Harmonisierung bisher divergierender Geschmacksrichtungen auch in ästhetischer Beziehung „im Zeichen deSKreuzeS^ (dies war ber Titel -eines der verheiöungSvoWen Eröffunnasstücke) versprochen batte. Die auf ber Stadtseite des Gürtels wohnenden Kunstenthustasten bevorzugten nach wie vor das Burgober Volks theater, und di« Borstädter suchten und fanden das künstlerische Fundament der antisemitischen Weltanschauung lieber bei der — ^Budapester Orpheumgesellschaft". Diese LeopolLstädter Jargonensemble lieferte die von den christlichsozialen Demagogen gezeichneten Judenkarrikaturen mit so derbkomischer Realistik, daß eine arische Schauspielertruppe für einen aussichtsreichen Wettbewerb gar nicht in Frage kam. Damtt war das Schicksal der judenreineu Bühne auf dem Währinger Gürtel besiegelt. Sie wurde in die heute noch besteheiröe „Bolksoper" umgewaudelt und in deren Rahmen kamen schon unter christlichsozialem StadtregiMe auch jüdische Sänger und Sängerinnen zu Richm und Ansehen. Auch der vor kurzem verstorbene Berliner Kammersänau Schwarz, ber Herkunft nach Ostjude, hat an der Wiener Bolksoper seinen künstlerischen Aufstieg begonnen. Der „Budapester Orpheumgesellschast" hat die ausgleichende Gerechtigkeit das entgegengesetzte Schicksal beschiedeu. Sie ist längst in alle Winde zerstoben und das Lokal, in dem sie ihre letzten Triumphe feiern durfte, hat nach mehrmaligem Besttzerwechsel jetzt schließlich das — arische Theater beherbergt, von dessen Fiasko eingangs die Rede war. Dieser glänzende Witz des Schicksals hat wohl eine äußere Ursache, nämlich die SchwierigkeU, ein geeignetes Lokal zu bekommen, entbehrt aber troydem nicht eines tieferen Sinnes: von der grausamen jüdischen Selbstpersiflage und künstlerischen Selbsterniedrigung im Stile der „Budapester Orpheumgesellschaft" führt eine gerade Linie zum völkisch-antisemttischen Theater. Und es ist für jeden aufrechten Juden eine aroße Genugtuung, zu sehen, daß am Ende dieser Linie das Fiasko lauert. Der entthronte kleine Moriz. Das Mißlingen sudenreiner Theaterpläne darf uns aber nicht über das Vorherrschen arisierender Tendenzen in der Kunst überyaupt täuschen. Ein Symptom: Die „Fliegenden Blätter" brachten jüngst einen Bilderwitz Mie sich der kleine Seppl eine Straßenstaubsaug. Maschine vorstellt." DaS BUb war sehr lustig, trotzdem hat eS mich melancholisch gestimmt. Denn ich erinnerte mich nur zu gut. daß in dem harmlosen Münchener Witzblatt als traditioneller Träger solch kindlich naiver Phantastik Livor kurzem ber kleine — Moriz figurierte. Besonders gern hat ber geniale Karikaturist Ooerlünber t» ber kuust- und humorvollen Ausmalung der Gedankenassoziationen geschwelgt, die di« mannigfaltigen Probleme der Erwachsenen in der von der Realistik des Lebens nach nnbe-' rührten Vorstellung deS kleinen Moriz Hervorriesen. Armer kleiner Moriz! Du bist entlarvt — seit der Enthüllung der jüdischen WeltherrschaftSpläne traut man dir die Naivität nicht mehr zu. aus die der Witz der „Fliegenden Blätter" abgefttmmt ist. Zumindest darf die Oeffentltchkeit nicht mehr erfahren, daß auch jüdische Kinder kindlich denken und fühlen, am allerwenigsten in der Stadt, die täglich aufs Neue durch die politischen Offen» barungen beglückt wird, wie sich der große Adolf die Rettung Deutschlands vorstellt. Dieser Konkurrenz war der kleine Moriz nicht gewachsen. Er mußte seinen angestammten Platz dem kleinen Seppl ab. treten. Hoffentlich entdecken die Rasienschnüfsler jetzt nicht, daß dieser trotz seiner bajuvarisierten Namensform auch nur ein Abkömmling des biblischen Josef ist ... DaS Sprengmittel. Die völkische Fraktion im Deutschen Reichstag hat zu bestehen aufgehört. Sie hat sich trotz ihrer Kleinheit in mre Bestandteile aufgelöst und so ein pikantes polittsches Seitenstück zu dem interessanten wisienschaftlichen Problem der Teilung von Atomen geliefert.. Der Judenhaß allein scheint eben doch kein ganz hall» barer Kitt für politische Fraktionen zu sein. Eine Zeillang ging es ja ganz gut. Die einzelnen Herren mochten einander zwar von allem Anfarrg nicht ausstehen, hielten aber im Reichstag leidlichen Burgfrieden, ganz im Sinne des Verühmten Chvrliedes aus der „Braut von Messtna": „Aber treff' ich dich draußen im Freien . .." Nun haben sie sich leider auch im Innern getroffen. Ja. vielleicht war eS bas erste und einzige Mal. daß die Brüder vom Hakenkreuz ein» mal innerlich einig waren. Tragisch, daß gerade diese Einigkeit zur äußeren Trennung führen mußte. Denn das. worin die Herren so rührend harmonisch empfanden, war ihre gemeinsame Abneigung gegen — Ehrengerichte. Ts wurde zwar nur einem einzigen Parteimitglied seitens der Fraktionsleitung zugemutet. sich einem solchen zu stellen, aber die Panik, die diese» ergriff, hat mit seltsamer Vehemenz auch alle anderen erfaßt. Mrter denen, die die Flucht ergriffen, war bezeichnenderweise auch der „Hammel- Fritsch. Dieser scheut zwar, wie seine Affäre mit dem Hamburger Bankier Warburg zeigt, keinen sachlich «och so unhaltbaren Prozeß vor republikanischen GtaatsgerichtshSsen. aber der bloße Gedanke an et» Ebrengertcht erschüttert bös seine „DtetnLlopferha»S"-Zuoerstcht: „Es kan» dir nix g'scheh'n." Dasselbe widerfuhr den anderen Völkischen. Denn „ehrenwerte Männer ünb sie alle Dr. H u g o S p i e g l e r.

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