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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-03-04 · 9 (4.3.1927) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
9 (4.3.1927)
Date
1927-03-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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IMch kberakZeMna Organ -er Veresnk-ung für -as liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch dieGeschäftsstelle »/«jährlich M. Löv NuzeUrummer 0.20 Lei freier Zusendung i. llulaud 0SS Für die Mttglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis im Milgliedsdettrage enthalten. :r :: :: Verantwort!. Redakteur: Bruno Dopda. vis „Jüdifch-Uderalv Zeitung" erscheint jeden Sreitag. Nedaktion u. Ssschüttsfteile: Berlin S>V. ^ilhelmstr. 147. Sarnrutr vofanhalv» 33SS» 3359 poMchoMNonto: vsrUn nvvr Ne.rrross tVs^slntgung rar da» liberal« 1ud«ntum Na«ydru«N fSmMch«r 0rig»nal-v«itrSs« nur mit vorl)e«l0«r Senehmignng v«r «•Dahlfon g«ftatl«t. Anzeigenpreise: Die iLgefpaUene Stonpareillezetle 0.45 Goldmark, die Ädklamezeile 3.00 Soldmark, bei :: u :: Wiederholungen Rabatt. :: u :: Anzeig enannah« e: „Jüdisch liberale Zeitung» Inseratrna-teilung: Berlin ED 48, Vrlhelmstrahe 147 (Hasenheide: 3358—SV). sowie sämtl. Annoneen-Epped. Rr.9 Berlin, 4. März 1927 7. Jahrgang Mdifche Musik. Jüdische Musik im Rundfunk. Von Albert Kellermann. Als ich sie Aufforderung erhielt, über jüdische Musik tot Rundfunk zu schreiben, war ich mir von oorrcherein bewußt, wie schwierig es ist, sich nerade über dieses Thema zu äußern. Trotzdem will ich versuchen, einige Momente, die zur Aufklärung dienen können und auch allgemeines Interesse haben, hervorzuhoben. Wenn wir die berechtigte Krage cmswersen, warum eigentlich im Berliner Rundfunk, der doch Vorführungen und Belehrungen aus allen Gebieten bringt, gerade die jüdische Musik so wenig zu Gehör kommt, jb dürfte meines Erachtens der Grund hierfür wohl vor allem darin zu suchen sein, daß jüdische Musik oder sagen wir lieber gleich, — um keine unnötigen Streitfragen hervorzurufen — hebräische Gesänge und Melodien nach der Auffassung der Andersgläubigen im allgemeinen zu sehr mit dom Gottesdienst verknüpft sind, und daß im Rundfunk für gewöhnlich Las speziell Religiöse ausgeschaltet werden soll. Aber solche Stoffs können doch auch vom historischen oder wissenschaftlichen Standpunkt aus behandelt werden, so büß das religiöse Moment in denHmtergruud tritt Dies schadet der Sache selbst nicht, wenn dadurch ein Weg sofunden Mrd, dieses Gebiet dem Verständnis der Allgemeinheit zu erschließen. So hatte ich wie bekannt sein dürfte, vor einiger Zeit als ersten Versuch im Berliner Sender einen Bortrag auf dieser Basis, d. h. unabhängig vom Gottesdienst gehalten, um das große Publitom, auch die Nichtjuden, einmal mit der Entwicklung der hebräischen Gesäuge bekanntzumachen. Ich behandelte das Thema vom kulturgeschichtlichen Standpunkt aus, da ich der Meinung war, daß es auf diese Weise der großen Menge besser zugänglich gemacht werden könnte. Und der Erfolg — die vielen Zuschriften und auch Aufforderungen, den Dortrag in auswärtigen Sendern zu halten — hat mir recht gegeben. Gerade meine Behandlung des Themas hat soviel Anklang sowohl in den Kreisen unserer Glaubensgenossen als auch rn nichtjüdischen Kreisen gefunden, da« ich daraus entnehmen durfte, daß wirklich Interesse für den von mir behandelten Stoff vorlag. Und nun, nachdem der 'erste Schritt getan. Lenke ich, wenn auch langsam und vorsichtig, auf dem einmal beschrittenen Wege sortfahren zu können. Es handelt sich nunmehr darum, praktische, ö. h. gesangliche Vorführungen im Sender zu bringen, und zwar wiederum vom kulturgeschichtlichen Standpunkte aus. Die Antwort, ob hierfür das gleiche Interesse bei der Allgemeinheit vorhanden ist, Laim allerdings erst erbracht werden, wenn Gelegenheit geboten fft, den Hörern solche musikalischen Beispiele vorzuführen. Was nämlich bisher in dieser Beziehung im Berliner Sender zu Gehör gebracht wurde, war recht wenig und wohl auch nicht das Geeignete, um ein größeres Interesse zu wecken, La u. a. nur kolniörei oder ein Streichquartett „Hebraikon" mit einigen heibräischen Melodien und einmal eine hebräische Rhapsodie ^Variationen über die Chanukahmelodie vor. geführt wurden, zumal, was ich besonders erwähnen Möchte, in Programmsolgen die nicht einheitlich zu. siammengestellt waren. Auf solche Weise konnte naturgemäß auch kein ttefever Eindruck erzielt werden. Das Ausland ist uns allerdings um einen kleinen Schritt voraus, da sowohl in Schweden wie in Italien musikalische Aufführungen auf dem Gebiet der hebräischen Gesänge — wenn auch nur vereinzelt — tot Rundfunk stattgefunden haben. Auch sei nicht unerwähnt gelassen, daß im Münstersender in Verbindung mit emem kurzen Bortrag einige hebräische Gesänge vorgesührt wurden. All dies jedoch sind nicht genügend markante Erscheinungen auf diesem so großen Gebiete. Denn es awt noch eine große Menge auch unter unseren Glanvensgenosien, die kaum eine Ahnung haben, welche Fülle vzn Schönheit und Innigkeit in unseren hebräischen Gesängen liegt. Und viele gibt es, die da glauben daß keine anderen Gesänge existieren als diejenigen, welche sie jahrein, iahraus zu hören aewvhnt sind. Daß es zu allen Zeiten in allen Ländern hebräische Gesänge und Melodien gegeben hat und gibt die in ihrer charakteristischen tief zu Herzen gehenden Art ewigen Bestand haben, ist vielen gänzlich »«bekannt. Daß ferner außer den Synagogengesäugen auch entzückende volkstümliche jüdische Hausmusik vorhanden fft, ist auch nur einem kleinen Kreise bekannt. Und endlich daß die sephardffchen Juden ihre eigenen höchst interessanten Gesänge haben, auch das wissen wohl nicht alle, selbst der große Unterschied zwischen nord- und süddeutschen Synagosengesängen ist nicht allgemein bekannt. Der Rundfunk wäre nun wohl die geeignetste Stelle, um die weitesten Kreise mit diesem Spezialgebiet bekanntzumachen und genüsse Vorurteile, die noch heute über den Wert dieser Musik bestehen, zu entkräften. So hoffe ich bestimmt, in absehbarer Zeit dm Berliner Sender denen, die darauf warten, durch praktische Vorführungen Men Wunsch zu erfüllen und der Allgemeinheit zu beweisen, daß es sich wirklich lohnt, Gesänge der Juden aus allen Ländern und Zeiten durch das weitestvevbreitete Bildungsmittel, den Rundfunk, vorzuführen. Religiöse oder nationale Musik. Von Hugo Adler» Mannheim. DaS Interesse für öre Problemstellung „religiöse oder nationale Musik" ist in jüdischen Kreisen größer als es äußerlich den Anschein hat. Man kann das besonders in der letzten Zeit au den verschiedenen musikalischen Veranstaltungen verfolgen, die in den jüdischen Gemeinden zugenommen haben. Sogar die allgemeine musikalische Oefsentlichkeit teilt dieses Interesse. und es gehört schon zu einer gesellschaftlichen Neugierde über dieses Thema zu spreche«. Aber schon di« Fragestellung ist sehr kompliziert, tyie«ielM«h» eipe Lösung, ja selbst der Weg zu einer Lösung. Betrachtet man das Programm einer solchen Beranstaltnnq les seien als Beispiele die beide» letzten Veranstaltungen dieser Art in Frankfurt a. M. gewählt), da fällt eine dreiteilige Klassifizierung auf. Besonders mar daS an dem Radioprogramm vom 25. Januar zu beachten, das bearenzt war. in „synagogaler", „hebräischer" und „jüdischer" Musik. Es gibt sogar Programme, die hierzu noch eine jüdisch« oder „jiddische Volksmusik" angeben. Bleiben wir aber nur bei der Dreiteilung, und untersuchen wir. wie weit die einzelnen Begriffe, vornehmlich aber der Begriff einer „jüdischen Musik", ausgespannt werden dürfen. Die Frage, ob die Musik im Judentum zur religiösen Kirnst gezählt werden soll, oder ob sie in ihren Tonphasen als weltlich gelten mutz, in einem charakteristischen nationalen Sinne» der jeden musikalischen Gedanken aus jüdischer Jeder als jüdische Eigenart auslegt, ist nicht von heute oder gestern. Seit einiger Zeit tauchen derartige Untersuchungen über „jüdische Musik" öfters zwischen den Aufsätzen der grotzen Kunstzeitschristen auf. Dabei wird das Judentum in eine Stellung hineingerückt. die es bei der Politik fast schon überwunden hat. Man mag nun jedwede Einstellung zum jüdischen Geiste gelten lassen, die Stellung des Juden zur Musik aber mutz von Voraussetzungen diktiert werden, die frei sind von romantischen Floskeln einesteils und di« die geschichtliche Stellung der musikalischen Spezie sonderlich beachtet. Das „nationale Judentum in der Musik" hat bekanntlich Richard Wagner in seiner Schrift gegen Mendelssohn unid Meyerbeer entdeckt. Viel Persönliches war dabei mit der These verbunden: die Juden hätten die zeitgemäße Musik verdorben und verwässert. Mit diesem Wagnerwerk ist gewissermaßen ein« Art Problematik in die Welt gekommen, die heute noch in bestimmten Kreisen weitergeführt wird. Natürlich mit den neuesten politischen Waffen. Der bedeutendste Wortführer aus diesem Kreise ist der bekannte Komponist Hans Pfitzner. Kurz nach dem Kriege hat Pfitzner ein kleines Büchlein herausgegeben. das sich betitelt: „Die neue Aesthetik der musikalischen Impotenz" und das als Untertitel das Fragezeichen trägt, „ein Berrvesungssymptom?" Natürlich ist das Symptomatische beim Judentum zu suchen, und der „letzte Romantiker" hebt an darin zu klagen: „. . . wir find verkitscht, versaut, versumpft und stecken bis über den Hals in Lüge, Dreck un- Verwesung — in der Kunst erleben wir. daß ein deutscher Mann aus dem Volke, von so scharfem Verstand« und reichem Bisten, wie Herr Bekk.r lgemeint ist der frühere Musikkritiker an der Frankfurter Zeitung), der wohl geeignet war« einem sozialen Institute als künstlerisch-organisatorischer Leiter vorzustehen, die internationale jüdische Bewegung in der Kunst leitet." Und entschuldigend fährt Pfitzner fort: „Ich sag« international-jüdisch, meine also nicht Juden alS Jn-dividuen." Den Grenzstrich der Scheidung will Pfitzner zwischen deutschnational und jüdisch-national errichten. Beachtet das Bücherangebot in heutiger Nummer. Durch ein Sonderabkomme« mit dem Verlag Benjamin Harz ist es »ns möglich, jüdische Bücher der verschiedenen jüdische» Richtungen »»seren Leser« z« eine« beträchtlich ermäßigte« Preise z» vermitteln. Wir hoffe«, daß unsere Leser von dieser seltene» Möglichkeit zur Bereicherung ihrer Bibliothek regen Gebrauch mache« «erde». DerBerlag. Nach Pfitzner ist das Judentum an nichts geringerem Schuld als an der gesamten Weltkrise, die sich seit einigen Jahrzehnten in der musikalischen Knust zeigt. :Dm»it iss Pfitzner an daS Problem WagnerS gestoßen: und berührt auch den Kern unserer Frage. Deutsche Musik kann der Jude nicht machen, französische, russische usw. auch mcht. Die vom Juden ausgehende Musik ist natürlich jüdisch und trägt als charakteristisches Zeichen daS ZersetzlungSmittel. In dieses Resultat laufe» alle Nachahmer des Psrtznerscherr Jdeenganges ein. Darum mutzt» »S überrasche». alS;u letzter -Mt die Krage vom Judentum in der Musik von einem Milosemiten angeschnitten und systematisch zu lösen versucht wurde: Ä Ä Heinrich Berl setzt mit seinem Buche „Das Judentum in der Musik" bei'dem „Zersetzungssymptom" an. Auch er beginnt bei Wagner, gibt ihm auch psychologisch recht: doch dann dreht er den Spieß herum: Wagner hat in seiner Problematik nur psychologisch recht! Vom Werdaus ge* sehen jedoch, hat Wagner Unrecht! — Es gilt nun diesen Wert zu bestimmen. — Und auf diesem Wege'der „Bestimmung" ergeben sich sowohl prinzipielle Gegensätzlichkeiten zu dem Berlschen Buche, als auch Gelegenheiten unsere Fragestellung zu klären« Ich finde es urrrichtjg. mit Phrasen über die Charakteristik des Buches hinwegzugehen oder eine persönliche Note dabei anzuschlagen. Ganz im Gegenteil mutz man anerkennen, daß das Buch tatsächlich sehr gut geschrieben ist. und mau könnte sich denken, daß aus Leser, die nicht über genügend Mittel der Kritik veffügen. ei» solches Buch starke Birkungen ausübt. Bevor man den ^Wert" deS Berlschen Gedankens kennenlernt, muß man durch seine „Phänomenologie", da verlangt der Verfasser, mau müsse sich — wie er eS gemacht habe — zuerst mit einer „generellen Pseudomorphofe" für das Judentum vertraut machen. alSdann würde man deu Weg zur allgemeinen Heilung sehen, für „beide Teile". Wer denkt da nicht an den Vater dieser Termini, an OSwalb Spen gier, wer denkt nicht'weiter grade an die Kritik dieser Psenüomorphose. die Spengler der gesamten arabischen Kulturwelt aufoktroyieren will? Und wer denkt nicht daran, daß die Spezialisten sich geschlossen gegen die Konstruktionen Spenglers ausgesprochen haben, und wenn auch, was -ja selbstverständlich ist, alle Einwände nicht gleichwerttg sind, so wurden doch grade die Einwände gegest die „magische Ration" sehr Überzeugend geführt. — Diese Voraussetzung bestimmt uns schon alle weiteren Synthesen, die durch eine Syengleriana nur gekittet werden können, abzulehnen. ES bleiben aber noch die Kombinationen, die «ine bestimmte musikalische Analyse zusammentragen. auf welche wir eingehen wollen. Der Wert jener Zersetzungserscheinung als Charakteristikum des Judentums ist bei Berl kein negativer wie bei Wagner oder Pfitzner: Berl sagt darüber, baß nur -aS Judentum allein die KrisiS -er europäischen Musik offenbar mache, weil es den „OrientaliSmus" in seiner heimlichen Seele trägt. Des Juden musikalisches Denken ist eben ein anderes — faustische und appollinische Natur! — der Jude strebe zum Melodischen, weil es ihm an Raumsinu fehle. Die Intentionen des Juden seien vielmehr Gesang und Spiel. (Spiel als Widerspiel des Göttlichen!) Damit wäre eS ihm gelungen, die durch jahrhundertelange Entwicklung nach dem Harmonischen steril gewordene Musik in eine sogenannte „Neue Musik", deren Hanptträger die Juden Mahler und Schönberg seien, umzubiegen. Entgegnen wir darauf, daß es schon etliche Dutzend Untersuchungen über die Krise in. der Weltnmsik gibt, jede einzelne Untersuchung kommt zu anderem Resnltat. mit der eine« kan» man sogar die andere fast anfheben, warum soll nicht auch eine neue Variante der Wagnersche» Problematik dazu Stellung nehmen? Sehen wir uns die Verifizierung dieser Hypothese an. DaS geschieht zwischen literarische» PHilosovhiSmen. besonders an der Stell«, wo Verl sich mit de« Berliner Musiker Arno Nadel auSeinanderfetzt. Nadel hat die Konstruktionen» VerlS schon vor längerer Zeit (eS «ar in dem Monatsheft „Der Jude") zurückgewiesen, jetzt streckt ihm Berl wieder die Hand hin und sagt: „Die Exzeptionalität der'in Frage kommende« Komponisten ist nicht ans Einflüsse ihre« Milieuzurückzusühre», sondern auf die BerbnndenheU LeSBlnteS. Nadel »erstebtdaS «i«R oder

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