Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 8 (25.2.1927)
- Date
- 1927-02-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Berlin. lBortragßänderung). Bo» -er Hochschule für die Wissenschaft des Judentums werden wir um Veröffentlichung folgender Mitteilung gebeten: Herr Professor Dr. Kisch kann wegen Erkrankung den für den 7. März 1027 angesetzten Vortrag nicht halten. An seiner Stelle wird am gleichen Tage, abends 6 Uhr. in der Aula der Hochschule. Artilleriestr. 14. Herr Rabbiner Dr. H. Fuchs. Chemnitz, über »Zur Psychologie des Kultus" sprechen. Berlin, iJÜdische Juaendvskegearbeit.) Der beim Woblsahrts- und Jugendamt der jüdischen Gemeinde gebildete Beirat für Juaendvflegearbeit hat für feine Tätigkeit folgende Grundsätze aufgestellt. I. Aufgaben des Beirats sind: 1. Fürderun« der Jugendbewegung: durch Erhaltung und Förderung von Jndenbeimen und Landbeimen in der Nähe von Berlin, von Wanderungen, von Lehrgängen zu Ausbildungszwecken, von Einrichtungen zugunsten des jüdischen Iuaendschrtfttums. 2. Förderung der Körperkultur durch Leibesübungen» Errichtung von Sportplätzen, von Turnhallen. Schwimmbädern. 8. Fugendvflegearbeit innerhalb des Woblsahrts- und Juaendamtes: durch Bildung und Beeinflussuna der Iugendgrupven der Berliner WohliahrtSbezirke. durch Erricktuna von Lesestuben. durch Maßnahmen für die erwerbslosen Jugendlichen. durch Kurse für Weiterbilduna Errichtung und Erhaltung von Feriensviel- Plätzen, durch die vorbeugende Erholungsfürsorge für gesunde Fugend. II. Zur Durkkührung dieser Ausgaben sind von der Jüdischen Gemeinde und vom Landesverband preußischer Gemeinden besondere Mittel zur Verfügung zu stellen, über deren Verwendung der Betrat zu entscheiden haben soll. Die weitere Zuziehung von Vertretern der Jugendvereine in den Beirat bleibt Vorbehalten. III. Bei den Bestrebungen der Jugendpflege darf ein Unterschied innerhalb der sozialen Schichten nickt aemacht werden. Es erscheint deshalb unmöglich, die Förderung der normalen schulentlassenen Jugend einen besonderen, vom Woblsahrts- und Jugendamt getrennten Ausschuß zu übertragen . IV. Die Geschäftsstelle ist beim Wohlfahrtsuud Jugendamt der Jüdischen Gemeinde. Die einzelnen Fragen werden dezernatsmäßig von den Vertretern der vorbezeichneten Jnteresienaruvven bearbeitet. Dierdorf. INeubau eirrer Synagoge.) Die hiesige Gemeinde plant den Neubau einer Synagoge und hat zu diesem Zwecke mit Genehmigung des Oberpräsidenten der Rhetnprovtnz behördlicherseits Las Recht für Haussammlungen bet jüdischen Bewohnern der Rheinprovinz in Anspruch genommen. Die Sammlungen können bis zum Ende dieses Jahres erfolgen. Außerdem soll der Reinertrag eines Konzerts, dem Kantor Fleischmann aus Köln und Schauspieler Alexander vom Kölner Schauspielhaus ihre Mit- Wirkung leihen, dem Baufonds der Synagoge zugute kommen. Koblenz. fJüdische W a n d e r s ü r s o r g e im Rheinland.) Unter Vorsitz des Herrn Bernhard Feilchenfeld. Köln, tagte in Koblenz am 13. Februar 1927 die Jahresversammlung der Provinztalkasse für jüdische Wanbersürforge im Rheinland und Birkenfeld. Erschienen waren öte Vertreter der wichtigsten Gemeinden des Rßeinlandes sowie als Gäste die Vertreter der Prooinzialkaheu Bochum und Frankfurt a. M Nach Eröffnung der Versammlung durch Herrn FeUchenfeld. referierte der Geschäftsführer der Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge, Herr Rudel. Berlin, über den gegenwärtigen Stand der jüdische» Aanderfürsörge in Deutschland. Der Redner behandelte besonders dis kritische Situation für die jüdische Wanderfürsorae in Deutschland, die durch die starke Rückwanderung aus Frankreich entstanden ist. Im Anschluß an das Referat erstattete Herr Nathan Kahn. Köln, den Geschäftsbericht der Provtnzialkasse. aus dem zu ersehen war. daß' die Ausgaben im Geschäftsjahr 1928 41403 M. betrugen: die Einnahmen erreichten ebenfalls diese Höhe, der größte Teil davon. 29 000 M.. ist in Köln allein aufgebracht worden. Befördert wurden 2681 Personen. Beratung in Polizei-, Paß- und anderen Angelegenheiten erbaten 6831 Persone,u — In der darauffolgenden mehrstündigen Debatte sprachen sich sämtliche Redner für Ausbau und Stärkung der Provinztalkasse in Köln durch Erfassung sämtlicher rheinischer Gemeinden aus. Köln. iE ine begrüßenswerte Ausstellung.) Unter dem Leitaedanken »Die indische Frau uud daS jüdische Haus" soll hier auf Anreguna des Kölner Schwesternbundes der Logen vom 8.—10 April eine Ausstellung statrfinden, die der jüdischen Frau zeigen möchte, wie ste ihrem modernen Heim in geschmackvoller Weis« eine jüüisch-traditionelle Note geben kann. Da die Tafelrunde eine besondere charakteristische Ausdrucksform für daS Familienleben zu sein pflegt, will die Ausstellung vor allem gedeckte Tische mit jüdischem Charakter bringen lz. B Sedertisch. Freitagabendtisck usw.). ferner Gebraucksg egenstände. rituelle Geräte. Bilder und Bücher, ferner eine Sonderausstellung von künstlerisch wertvollen Bildnissen jüdischer Männer und Frauen. In allem aber soll die ältere u,rd neuere Zeit zur Geltung kommen. Auch das belehrende Wort toll nicht fehlen. Vorträge werden Tische. Geräte und Symbole deuten, der Vortrag von SemirauS ihäuslichen hebräischen Gesängen) soll dartun. daß auch das musikalische Element in einem traulichen, echt jüdischen Heim nicht fehlen darf. München, iKreitagaVerrdfeiern.) Eine Einrichtung aus echt jüdischem Geist haben die jüdischen Jugendvereine hier in München getroffen: Sic laden allwöchentlich zu einem Freitagabendbeisammensein. uud alle, die hier fremd uud heimatlos, sind ihnen willkommen: und nicht nur die Jugend, auch ältere Leute werden herzlich und freundschaftlich ausgenommen. In richtiger Erkenntnis, welcher Segen nicht nur für die Gäste, sondern auch für die Bewirtenden aus dieser Art der Gastlichkeit ersprietzt, hat die Münchener jüdische Gemeinde innerhalb ihres Synagogenbaus einen behaglich geheizten uud beleuchteten Raum mit den nötigen Mensilien kostenlos für diesen Zweck zur Verfügung gestellt Die jungen Mädchen des Jugendbundes übernehmen abwechselnd die Haussrauenpflichten: decken den Freitagabendtisch, schmücken ihn festlich mit Blumen und grünen Zweigen, bereiten den Tee und spenden auf zierlich geordneten Schüsseln Gebäck da;u: Barches und Wein zum Kiddusck geben wohlwollende Gemetndemitglteber. Man muß die Augen der Etntretenden in Rührung und Dankbarkeit aufleuchten gesehen haben, um zu verstehen, was eS für die hier Heimatlosen bedeutet, die oft die ganze Woche in ungeheizten möblierten Zimmern hausen, an öden Wirtshaustischen ihre Mahlzeiten einnehmen: Einmal in der Woche werden sie festlich wie einst daheim am Freitagabendtisch empfangen, auf dem die Savvatkerzen brennen. Meist übernimmt einer von den am Ort wirkenden jüdischen Persönlichkeiten die Hausvatervflichten. erklärt auch wohl den betr. Sabbatabschnitt. Man sinat gemeinsam, die schönen alten Freitagabenbmelodten: fröhlich vlandert die Jugend, und auch die Aelteren vergessen für Stunden das okt Niederörttckende ihrer derzeitigen Lage, schöpfen neue« Mut für den schweren Existenzkampf. der gerade in der heutigen Zeit mit jedem neuen Wochentage ihrer harrt. Ein GeringevtMetcht erscheint manchem, was verstehende Liebe hier leistet — und ist doch ein so Großes gewesen in Jahrhunderten friedloser Wanderung für den heimatlosen Juden: Iteberall, wo am Sabbat der Tisch gedeckt war. durfte er auch als Fremder sich mit heransetzen, und er fühlte, daß er fest hineingeknüpft n»ar in das Band, das Israel umschlang, wo immer es über die Erde verstreut war. Ahasver. Ein Erlebnis von Hermann Blumenthal. I. Es war am Jahrestage von Vaters Tod und ich begab mich in Begleitung Leos auf den Friedhof. Arm in Arm schritten wir an den Grabstätten vorbei. Leo zeigte auf eine einzelne Gruft „Wer liegt dort?'' fragte ich. „Fa ist ein Rabbi aus der Familie des Czortkowe?, der hier den Tod gefunden hat4’, entgegnete Leo. Viele Chaßdim nilgern zo diesem Grabmal und bitten den verschiedenen Wumlermann um Beistand.“ Immer weiter dehnte sich das Gräberfeld. Endlich stand ich vor dem Grabhügel meines Vaters. Weit wölbte sich der bleigraue Himmel übet mir. Ich dachte an den Mann, dessen irdische Überreste unten ruhten. Rein und voll Güte stand sein Bild in meiner Erinnerung. Der Begräbnistag schwebte mir von. Der Himmel war voll Wolken und Tränen schienen in der Luft zu hängen. Die Diener der „heiligen Brüderschaft“ schüttelten die Almosenbüchsen und dumpf klangen die Münzen aneinander. Viele Frauen weinten laut und ihr Geschrei vermischte sich mit dem Heulen des Windes. Als die ersten Erdschollen auf die Bretter gefallen waren, tauchte plötzlich ein Greis auf. Das wallende Haar und sein Bart waren eisgrau und ebenso grau war der Mantel, der ihn umhüllte. Der Alte beugte sieb tief über das Grab und murmelte unverständliche Worte. Mir war es, als wenn er sich kopfüber in die Grube stürzen wollte, doch bald darauf erhob er sich und schlich gebückt davon. Ich stand wie festgebannt und sah ihm nach. — Die Träume wichen von mir. Ich ergriff den Arm Leos und langsam traten wir den Rückweg an. Dämmerung und Nebel hüllten jetzt den Friedhof ein. Da erblickte ich eine Gestalt, die mich erstarren ließ Aus der Gruft des Wunderrabbi war sie langsam hervorgetreten und entfernte sich mit müden Schritten. Es war ein alter Mann, in einen wallenden grauen Mantel gehüllt, eisgrau war sein wallender Bart Ich hatte nur einen Blick auf sein Antlitz werfen können, doch ich erkannte jenen Greis wieder, den ich vor einem Jahre gesehen. Es war jener Wanderer, an den ich soeben noch gedacht hatte. Es war sein Gang nnd auch «eine müden Bewert» t> gen wa^n es. „Sieh hin,“ rief ich und drückte den Arm des Freundes. „jener Alte dort.. . . . Leo sah de-- „Ein alter Mann, der hier Trost suchte,“ murmelte er, „Nein, eine seltsame Erscheinung, die ich schon einmal auf dem Friedhofe gesehen habe. Er trat aus der Gruft." „Du weißt ja, daß es üblich ist, an gewissen Tagen die Gräber von Rabbis zu besuchen und einen Wunschzettel auf das Grab zu legen." „Dieser Mann scheint mir mehr zu sein," rief ich aus, „komm', wir wollen ihm folgen . . .!" Wir schritten auf den Weg, den der Alte soeben gegangen war, doch wir fanden keine Spur mehr von ihm. „Er ist fort,“ versetzte Leo. „Auch diesmal verschwand er ebenso plötzlich, wie er gekommen war," sagte ich. „Wir wollen zum Grabmal des Rabbi“ Wir betraten die Gruft Eine Holzkiste voll Wunschzettel stand auf dem Boden. Ich bückte mich und hob einen Zettel auf, der obenan lag. Es war ein vergilbtes Pergament schmutzig und zerknittert, doch die Tinte war frisch und feucht. Ich las in hebräischer Schrift die Worte: „Bringe mir Hilfe und Gnade, denn mühselig und endlos ist das Leben füjr mich. Ruhelos hin ich seit jeher und sehne mich nach Frieden. Isak Nodejf."*) Schweigend schritten wir dem Ausgange zu. „Ein leberrrmiider Greis," meinte Leo. Ich schwieg und starrte a*if das Blatt. „Isak, der Ruhelose“, murmelte ich und legte den Zettel wieder in die Kiste. Ein Gedanke erwachte in mir, so ungeheuerlich, daß ich ihn nicht auszusprechen wagte. Es war in der Abenddämmerung eines Dezembertages. Hier und dort flammten die Lichter auf und die Kärntnersatraße lag im Zwielicht. Hier eine grelle Flamme, dort eine dunkle Ecke, hier ein beleuchtetes gelbes Stück, dort ein weißes und dann wieder wallende, wachsende Dämmerung. Ich ging langsam über die stark belebte Straße dem Kärntuerring zu. An der Ecke der Annagasse stand plötzlich der geheimnisvolle Alte vor mir, als wenn er aus dem Boden gesprungen wäre. Im nächsten Augenblick war er von der Menge fortgerissen, doch ich eilte hinter ihm her. „Tch muß ihn sprechen, muß wissen, wer er ist,** sagte ich mir. Immer näher kam ich an ihn heran. Da schoß der Alte bei der Opernkreuzung wie ein ein Pfeil auf den Fahrdamm und in der nächsten Sekunde erscholl ein Schrei ans vielen Kehlen. Ich versuchte die Straße zu erreichen, aber die Menge versperrte mir den Weg. „Was ist geschehen?" fragte ich. „Ein alter Mann warf sich vor ein Auto,“ sprach ein Herr vorne. „Den Chauffeur trifft keine Schuld. *) Der Ruhelose. Es ist so schnell geschehen, daß es nicht verhindert werden konnte.“ Bald darauf durchschnitt ein greller Pfiff die Luft und ein Rettungswagen kam heran. Man trug den Verunglückten in den Wagen, der sich gleich wieder in Bewegung setzte. Am nächsten Morgen suchte ich die Unfallstation auf. Dort erfuhr ich, daß der Alte in die chirurgische Abteilung des allgemeinen Krankenhauses gebracht worden war. Nun hieß es stundenlang warten, bis die Besuchsstunde kam. Endlich betrat ich den Krankensaal, doch vergebens suchte mein Blick das verwitterte Antlitz. „Der alte Mann liegt nebenan,“ sagte die Wärterin und zeigte auf einen kleinen Raum. Dort lag der Alte in dem einzigen Bette mit geschlossenen Augen, unbeweglich. „Wie geht es ihm?“ fragte ich. Leise erwiderte die Wärterin: „Bei der ersten Untersuchung war keine Wunde zu bemerken. Es muß eine starke Erschütterung sein. Morgen wird ihn der Pro. fessor selbst untersuchen " Am Bettende saß ein Ostjude, der gleichfalls wegen des Alten gekommen zu sein schien. „Kennt Ihr ihn?" fragte ich. „Niemand weiß, woher er kommt und wie er heißt," erwiderte der Jude, leb vermute einen Landsmann m ihm und will ihm helfen. Auch rituelle Kost will ich ihm verschaffen." Lange standen wir schweigend, bis sich endlich der Kranke bewegte. Er öffnete die Augen und sah entsetzt um sich. III. „Es ist umsonst, ich lebe,“ murmelte er und ein tiefer Schmerz prägte sich in seinem Gesichte aus. Da nahm der Ostjude das Wort „Ich bin vom Verein für fremde und verlassene Juden," begann er. „Ich wurde hergeschickt um zu sehen, wie es euch ergeht und ob ihr nicht etwas wünscht. Vielleicht habt ihr Angehörige hier?" „Ich verlange nach niemand,“ rief der Alte zornig. „Irgendwo werdet ihr doch Bekannte oder Freunde haben," fuhr der Jude fort „Ich habe niemand, weder hier noch anderswo," erwiderte der Alte leise. „Sie sind alle gestorben." „Gewiß habt ihr Kummer? Was bedrückt euch?** „Das Leben!“ „Kommt ihr aus Polen?“ fuhr der Ostjude fort. „Ich war auch dort, doch ich mußte fort." „Wie konntet ihr eine solche Sünde auf euch laden?" fragte der Jude unbeirrt „Ich wollte sterben," schrie der Alte erregt. „Überall suche ich Frieden. Ich will den Tod und kann ihn nicht finden." Der Frager schüttelte den Kopf. „Schweres bedrückt euch," sagte er. „Geht nach dem heiligen Lande. Dort werdet ihr Gnade finden«" Da lachte der Alte und es klang wie ein heiserer Schrei, der mir durch Mark und Bein ging. „Immer wieder zog es mich hin," sehne er. Seine laute Rede lockte. dje Wärterin herbei. Auch sie horchte gespannt auf die Worte des Altem. „Wo ich auch war, immer hieß es: Forti" fuhr der Alte leiser fort „Der Erdball ist mir zu klein, immer größer wird der Kreis, doch nichts ist mir neu. denn ich habe alles gesehen, alles erlebt Nennt mir einen Ort. den icb nicht kenne! Ihr findet keinen! Schwer ist es zu leben, doch noch schwerer zu sterben." Der Alte schloß die Augen wieder, als wenn er sein letztes Wort auf Erden gehaucht hätte und kein Ton drang mehr über seine Lipoen. Wir standen atemlos, ohne Bewegung. Da ertönte eine Glocke. „Die Besuchsstunde ist zu Ende," murmelte die Wärterin. Ich atmete auf, wie von einem Bann befreit „Morgen komme ich," sagte ich und machte mioh auf den Weg. Hinter mir schritt der Ostjude langsam und nachdenklich. IV. „Heute muß er mir Rede stehen", sagte ich mir am nächsten Tage, als ich den Hof des Krankenhauses durchschritt In Gedanken ging ich die wenigen Stufen zum Krankensaal hinauf. Da stieß ich an jemand und erkannte den Ostjuden. der eiligst hinunterstürmte. „Was macht er?" fräste ich, doch der Jude brummte etwas Undeutliches und lief, was ihn seine Beine tragen konnten. Ich sprang die Trepnen hinauf und durcheilte den Saal zur Nische, doch das Bett war leer. Die Wärterin kam. „Er ist fort," antwortete sie auf meinen fragenden Blick. „Wohin?" „Das möchten wir gerne wissen," erwiderte sie. „In der Nacht hat er sich davongemacht." „Wie konnte er in seinem Zustande?" „Das ist das merkwürdige. Das Auto ist ja über seinen Leib gefahren." „Durfte er denn das Haus verlassen?“ „Danach fragte er nicht. Durch das Fenster nahm er den Weg und sprang in die Spitalgasse. Weiß Gott, wo er die Kraft hernahm.“ „Fand man keine Spur von ihm?" „Keine. Ein Mann sab ihn wohl gegen den Gürtel marschieren. Dann verschwand er. Er scheint nicht recht bei Sinnen gewesen zu sein." Das Mädchen wurde an ein Krankenbett gerufen. Eine Weile starrte ich auf das leere Bett und machte mich dann, in Gedanken versunken, auf den Heimweg. „Wer war dieser Mann?“ fragte ich mich seit jenem Tage oft. „War er ein armer Unglücklicher, der durch die Kriegsereignisse ans seiner Heimat vertrieben wurde und nun ruhelos, gestörten Sinnes, umherirrt? Oder ist mir wirklich jener Mann aus der Sage, der Einzig- Bleibende im ewigen Wandel erschienen —- -- —? Tch wage es nicht, auf diese Frage eine sichere Antwort zu geben!