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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-02-25 · 8 (25.2.1927) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
8 (25.2.1927)
Date
1927-02-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Ml vereluleu SrSsteu. U. Magine Riini. Von Dr. jm. I. Levy-Berttn. I« unserer Ausgabe vom 14. Januar d. I. be. sannen wir durch einen Artikel »Sie Gesellschaft 5er Freunde" mit der Veröffentlichung einer Aufsatzreibe. in der die Geschichte solcher Gesellschaften geschildert werden soll, die durch Pflege der Menschenliebe. Bildung. Geselligkeit für weitere Kreise unserer Glaubensgenossen Bedeutung gewonnen haben und. sei es ausschließlich, sei es vorwiegend. jüdische Mitglieder zählen. Weitere Veröffentlichungen sollen dem heutigen Artikel folgen. Die Red. der „Jüd.-lib. Zig.". * -i- *'f Unter den von Juden und für Juden noch vor dem Emanzipattoysgesetz vom 11. März 1813 gegründeten Berliner Gesellswaften zu gegenseitiger Unterstützung, die bis aus diesen Tag blühen, nimmt einen hervorragenden Platz die Magine Reim ein. Sie unterscheidet sich in einem Punkt «esenlllch von der älteren „Gesellschaft der Freunde", von 1792. und dem jüngeren „Brüderverein". von 1816, nämlich durch die Beschränkung auf ausschließlich jüdische Mitglieder. Wiederholte Anregungen, diese Schranke zu beseitige«, sind erfolglos geblieben. Wie an dem jüdischen Namen. dem im Jahr 1894 der erläuternde Zusatz Verein zu gegenseitiger Hilfe" beigefügt wurde, so wurde an der konfessionellen Voraussetzung für die Aufnahme festgehalten. Die Magine R&im — wörtlich übersetzt „Wappenschild der Genossen" — entstammt dem Jahr 1804. Ihre erste Borst andssitzung fand am 80. August statt,' ihre ersten Satzungen, in hebräischer Schrift gedruckt, tragen daL Datum vom 4. November. — dem 1. Kislew 8565. Sämtliche Geschäftsbücher und Protokolle wurden in hebräischen Lettern die Ueberschriften in kräftiger Quadratschrift, abgefaßt. bis das Gesetz von 1813 den jüdischen Kaufleuten die Führung von Handelsbückiern in deutscher Sprache vorschrieb Bon Sylvester 1813 an sind die Bücher der Magine Rdim. die bis dahin von rechts nach links geschrieben waren, umgekehrt von links nach rechts weitergeführt worben. Die Juden wurden in Preußen als Fremde behandelt und lange, genug mißhandelt: es war ihnen hier nickt bester ergangen als in andern Ländern. Sie waren Jahrhunderte laug die Prügelknaben der Weltgeschichte. Bald sollten sie die Brunnen vergiftet und die Pest ins Land gebracht haben, bald geweihte Hostien gemartert, bald Christenkinder geschlachtet haben, und solalich wurden sie beraubt, erschlagen, verbrannt, vertrieben. Papst Jnnoeenz IV hatte zwar schon im Jahr 1247 eine Bulle erlassen, worin er die Judenverfolgungen verurteilte und namentlich die ruchlose Fabel vom Ritnalmord zurückwies. Willkürlich nehme man den Juden ihr Vermögen, bedränge sie mit Hunger. Gefängnis unandern Qualen, töte ihrer viele aus die aräßlichste Weise, „so daß die Juden unter der Herrschaft dieser Fürsten. Gewalthaber und Adliaen ein schrecklicheres Los haben als ihre Väter unter Pharao in Aegypten und gezwungen werden, die Wohnorte zu verlassen, an denen ihre Vorfahren seit Mensckengebenken gesessen haben . . Aber so gut pävstliche Bullen wie kaiserliche Gesetze waren machtlos SÄM ^ief aewurzelten Aberglauben und noch tiefer wurzelnde Habsucht. In der Mark Brandenburg feierte der .Judenhaß Oralen, wie man auch aus dem „Roland von IftjUiH?" von Willibald Alexis und aus Leoncavallos Oper mit der ausgeneiAchten Salome erfahren kann, obwohl nur in schwachem Abqlanz. Auf dem Neuen Markt, wo heute das Luther-Denkmal steht, munden am 19. Juli 1510 88 Juden verurteilt, an Halsbänder geschmiedet und zu Pulver verbrannt zu werden, weil sse Cbristenkinder geschlachtet baben sollten — während nicht ein einziges Christenkind vermißt wurde. Die Verurteilten wurden zur Richtssätte getrieben, der Stelle, wo die heutige Weberstraße «tt der Frankfurter Straße zusammenstößt, und, nachdem ne „in hebräischer Sprache", wie die Chronik berichtet, „mit «underlichiu aeickren und seltzamen acceni" in die Gebete deS Rabbiners eingestimmt hatten, vom Leben zum Tode gebracht. Sämtliche übrigen Juden aber wurden aus der Mark vertrieben Manche kamen wieder und wurden nach ein paar Menschenaltern wieder vertrieben. Verschiedene Male. Auch als ihr LoS später erleichtert wurde, war es noch traurig genug, obwohl sse „Schutzsuden" waren. Nach dem siebenjährigen Krieg durfte ein jüdischer Familienvater nur gegen Zahlung von 70 000 Talern ein zweites Kind „ansetzen"' Juden wurden wie Vieh einem Zoll unterworfen: sse dursten Berlin nur durch das Hallische oder das Prenzlauer Tor betreten: sie mußten bei verschiedenen Anlässen für große Summen Porzellan aus der Königlichen Manufaktur kaufen-„die Juden sind bis 1812 von der preußischen Gesetzgebung fast wie ausländische Vagabunden behandelt worden", so hat Professor Eberty 1873 in seiner Preußischen Geschichte das Urteil über die Vergangenheit zusammenaefaßt. Ed war 1804 nicht mehr ganz mittelalterlich, aber noch jämmerlich aenng. Die Juden als „Fremde" hatten für ihre Armen selbst zu sorgen. Das war zunächst Sache der Gemeinde. Aber deren Mittel waren beschränkt. Ergänzend trat die freie Liebestätigkeit ein. für die das Judentum von jeher ein fruchtbarer Boden gewesen ist. Es gab mancherlei Hilfsverbände von ehrwürdigem Alter, wie die Chebra Kadiscbah ldie Beerdigungsanstalt^. die Hachnassath Kallah iöen Bräuteausstattungsverein). die Lilclcur Cholim (die Krankenbesucherqenoffenschafts. Aber alle Einrichtungen kamen in so überwiegendem Matz den verheirateten Mitgliedern der Jüdischen Kolonie — als solche wurden die Juden bezeichnet — zugute, daß sich die unverheirateten als Stiefkinder behandelt fühlten und auf den Weg der Selbsthilfe gedrängt wurden. So entstand die Magine Röim. wie früher schon die Gesellschaft der Freunde, als ein Verein von Junaaesellen. Seine ersten Satzungen, in hebräischer Schrift gedruckt, hatten den Titel: „Statuten der neu errichteten Chewra Magine Reim Gesellschaft Magine»Reim oder Gesellschaft zur Unterstützung «der Freunde: sie führen das Motto: „B'chol es anhew „horea w och I'zorob iiwoled.": In jeder Zeit liebt der „Freund, doch für die Not ist er als Bruder geboren „sSorücke Salomonis 17. 171" Die Satzungen wurden am 1. Januar 1805 den Gemeindeältesten als der nach der damaligen Verfassung einzigen Vorgesetzten Behörde zur Genehmigung vorgelegt, worauf der Bescheid erging: die Aeltesten erkennen mit Dank den löblichen und wohlwollenden Eifer der Stifter der Magine Rdim und willigen „auf Ihr Anschreiben vom 1. Schcbath 5. I. gern ein. -aß diese Gesellschaft nach den begleiteten gedruckten Statuten geleitet und erhalten werden möge". Die Einleitung dieser ersten Satzungen besagt: „Bei de» vielen in unserer hiesigen Kolonie existierenden D-ewrau- (Gesellschaften). deren Mildtätigkeit sich nicht nur aüf verarmte Hausväter, sondern sich anch aus fremde durchreisende Arme erstreckt, findet sich hier dennoch eine Klaffe HülfsbeLürftiqer. an deren Versorgung wohl oft gehackt, für welche aber bis fetzt noch wenig getan worden ist. ES haben nämlich diejenigen Armen unserer Kolonie unverheirateten Standes, welche entweder durch zunehmerrdeS Atter oder durch kränkliche Zufälle un» fähig werden, sich Lebensbedürfnisse -u verschaffen, nur auf geringe Unterstützung der hiesigen milde» Lnstatteu Anspruch zu machen, indem diese fast lediglich für verheiratete Personen vorhanden sind. Um aber endlich auch für diese Klaffe der Leidenden zu sorgen, habe» sich einige Menschenfreunde aus Hang zu allem Edlen und Guten für dieselben angelegentlich verwendet und vermittelst eines Zirkulars alle wohltätigen Männer hiesiger Stadt aufgefordert. zur Errichtung einer Gesellschaft zum Besten solcher HülfSbebürftigen beizutragen. Ihr Bestreben hatte den gewünschte« Erfolg." Jm Lause der Zeit haben die Satzungen mannigfache Aenderungeu erfahren. In der Fassung von 1819 — „neu entworfen im Jahr 8879" heißt es auf dem Titelblatt — stehen als Motto folgende Verse: „Zwillingsschwestern sinden Menschenleiden Schützend als Gefährten mttgeboreu: Holde Menschenlieb und edle Freundschaft — Möge unser Bündnis ewig dauern." In dieser Fassung von 1819 wird in 8 1 der Zweck des Vereins mit der damals üblichen Breite wie folgt umschrieben: „Es ist ein heiliger Trieb und ein süßes Bedürfnis d«S fühlenden Menschen, dem unglückliche» Bruder zu helfen, den Gebeugten aufzurichten, den Berzageude« zu trösten und den Verzweifelnden mit frommer Liebe dem Leben und der Well wiederzugeben. In diesem Sinne und zu dieser Bestimmung soll der Einzelne sich zu dem Einzelnen gesellen und mit vereintem Willen, mit vereinter Kraft das schöne Werk der Menschheit beschließen und weise ausführen und durch die Ausführungen segnen. Ein solcher Zweck gab auch diesem Vereine das Dasein: nur ein rein menschlicher Sinn, ein lauterer Wille führte seine Mitglieder zusammen. Sie fühlten lebhaft und innig daL Bedürfnis eines solchen Bundes in einer drangsalsvollen Zell, wo des Einzelnen Kraft dem zunehmende» Elend seiner zahlreichen Brüder nicht gewachsen ist und wo daS bittere Gefühl der Unmöglichkett dem frommen Zuge seines Herzens Schranken setzt. Darum wollten sie, vereint im auten Geist zur guten Sache, im Bunde auSführe», was dem Einzelnen schwer und unmöglich wird: sie wollten dem Verlassenen eine dauernde kräftige Stütze sein, sie wollten dem Kranken Labsal und Erquickung bringen, sie wollten jedem ihrer unglücklichen Brüder mtt freundlicher Liebe entgegen kommen, damit der unverdienten Leiden, -er ungehörten Seufzer weniger würden um sie her: sie wollten das Gute tun im anspruchslosen Gewände treuer Freundesliebe: und darum gaben sie ihrem Verein den Namen, Magine Rdim Schutzwehren der Freunde." Die Mtttel zum Zweck sind Aufrichtung der von Mangel oder Mißgeschick gebeugten Mitglieder. Erhaltung verarmter oder erwerbsunfähiger. Sorge für kranke ober in der Genesung begriffene. Teilnahme an den Personen, den Schicksalen und Verhältnissen kranker oder bedrängter Mitglieder. Aerztliche Hilfe sollte von Vereins wegen gewährt werden. Pflege im Krankenhaus. Krankenwärter. Besuche zur Zerstreuung des Patienten, Stellung eines Ehrengeleits bei Bestattung eines Mitgliedes, kurz weitherzige und warmherzige Hilfe mtt Rat und Tat. Versteht sich, daß die ursprüngliche Bestimmung, nur Eheloise aufzunehmen, nicht lang« in Kraft blieb: die Verheiratsten waren, da sie bei der Eheschließung nicht aus dem Verein «ruSzuscheidon brauchten, bald in der überwiegenden Mehrzahl, Anfang 1842 nicht weniger als 191 gegen nur 43 Hagestolze, die auch nicht durchweg den Gang unter den Trauhimmel verschworen hatten. Versteht sich ebenso, daß allmählich auch in den, geraume Zeit ungleichen. Rechten Verheiratete und Unverheiratete gleichgestellt wurden, -atz schon 1829 eine besondere Kasse zur Unterstützung der Witwen und Waisen von Mitgliedern eingerichtet wurde, und je länger, je mehr sich die Fürsorge des Vereins ziffermäßig wett weniger den Mitgliedern als ihren Hinterbliebenen zuMwenden hatte, nicht anders als bei den meisten ähnlichen Gesellschaften. Ueber den Rahmen dieser werktättgen Bruderliebe ist die im! Versammlungskalender j > 69 < > \w7 < > > «AM < > M < > Berliu-Nor-wosten. Liberaler Verein für die Angelegenheiten der jüdische» Gemeinde zu Berlin e. B. Bezlrksgrnppe NordVeste«. Am Donnerstag, den 3. März, abends 8 Uhr. findet im Traufaal der Synagoge Levetzowstratze ei« DiSkussivuSaLeudstaU. Herr Robert Hirschfeld wird ei» Referat über das Thema „Erziehungsfragen im jüdisch-ttberale» Haufe" halten. Berliu^Südeu. Liberaler Bereiu für die Angelegenheiten der jüdische« Gemeinde zu Berlin e. B. Bezirksgruppe Süden. Am Mtttwoch, den 3. März, abends 8 Uhr, findet in de« „Kammersälen" Teltower Str. 1—4 Mke Belle-Alliauee- Stratze). der 1. Diskussionsocheud statt. Herr Louis Wolfs. Repräsentant der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, hält ein kurzes Referat über das Thema „Einrichtungen der jüdischen Gemeinde". Gäste erwünscht. Berlin-Nortzeu. Liberale Synagoge Norden (im Auerbachscheu Waisen, haus. Schönhauser Allee 163): Gottesdienst: Freitag, den 35. Februar, abends 7.80 Uhr. Predigt: Rabbiner Dr. Salomonski. Sonnabend, den 20. Februar, vormittags 10 Uhr. Breslau. Jüdisch-liberaler Jugendoeveiu „Abraham Geiger". Vereins lokal: Restaurant Schaal, Tanentzierrstr. 12, Eingang nur Anger. Mittwoch, den 9. März, abends 8% Uhr, Vortrag des Herr« George Goetz-Berliu. Generalsekretär der Bereinigung für daS liberale Judentum. Thema: „Das liberale Judentum und der Zeitgeist." An diesem Abend erwarten wir vollzähliges Erscheine« unserer Mitglieder. Gäste willkommen. Liegrütz. Montag, de« 7. März, abends 8# Uhr. i» de« Räumen der Silesia-Loge. Bortrag deS Herr« George Goetz-Berli», Geueralfekretär der Bereinig»»« für bas liberale Jadentum. Thema: „Ueber den Sinn deS Bete«-." Freie Aussprache. Gäste Willkomms«. Schueideunihl. Moutaa. de« 38. Febr«ar, aba«ds 8 Uhr. i« Loge«- ha»S. Albrechtstr. 17. Bortrag deS Herr» George Gootzverli». Geveralickkretär der Bereinig««« für daS liberale Jndeutam e. B.: „Der iüdische Liberalismus und die Par« teiungeu im deutsche« Indent««." Arbeit des Vereins fetten hinauSgegaugen, wen» es auch an gelegentlichen Festlichkeiten nicht fehlte, die Linwieder dem UnterftützungSwerk dienstbar gemacht wurden. Einmal wurde wie bei der Gesellschaft der Freunde der Versuch unternommen, dem Verein eine Ressource zu abendlichen Unterhaltungen anzugliedern. Das war im Jahr 1814. Aber der Versuch scheiterte, und der gesellige Berein ging 1818 wieder ein. „weil die Ausgaben zu bedeutend wurden." Ende 1816 feierte die Magine Reim et« Friedensfest. Eine dabei vorgeuommene Sammlung ergab reiche Beträge, die zu einem Drittel für die jüdischen, zu zwei Dritteln für die christlichen Ortsarmen bestimmt wurden. Als 1881 Berlin von der Cholera heimgesncht wurde, setzte der Verein unter Bewilligung erheblicher Summen eine Schutzkommission ein und schaffte kostspielige Apparate an. die er später der jüdischen Krankenverpflegungsanstalt als Geschenk übergab. Auch mehrere Wärter wurden besoldet. um bei Tag und Nacht zu Dienstleistungen bereit zu sein. Mit dankbarer Befriedigung verzeichnen die alten Berichte, daß kein Mitglied der Magine Reim der Seuche erlegen ist. Uebrigens hatte, wie bei der Gesellschaft der Freunde, auch bei dem jüngeren Verband der Gemeindevorstand Einsicht iu die Verwaltung beansprucht, um zu erfahren. welche Unterstützungen Mitgliedern zuteil würden. Diese- Ansinnen wurde entschieden zurückgewiesen. da über die Beihilfen strengstes Geheimnis zu wahren sei. Als der Verein sein fünfzigjähriges Jubiläum begehen konnte, gehörten ihm noch eine Anzahl seiner Stifter au. unter Urne» Samuel Bleichrüder, der Gründer des Bankhauses, und Samuel Joseph Minden. Er war der Großvater des Geheimen RegierungSrats Dr. Georg Minden, der neunzehn Jahre hindurch in vorbildlicher Weife daS arbeitsreiche Amt des Schriftführers der Magine Reim — bis zum April 1913 — verwaltet und zu ihrer Jahrhundertfeier eine lehrreiche Festschrift verfaßt hat. Der Enkel widmet heute noch dieselbe warme Teilnahme wie einst sei» am 6. November 1861 Heimgegangener Ahnherr der Magine Rdim. deren Vorstandsmitglied er geblieben ist. Unter de» Vorsitzenden findet man Träger klangvoller Namen. Männer von Opfersinn und unvergeßlichen Verdiensten um ihre Glaubensgenossen. Der erste Direktor, wie damals der Vorsitzende genannt wurde, war Michael Elkisch: eS folgten H. H. Zülz. H. Meyer, Philipp Hellboru, M. S. Baswitz. Geheimer Kommerzienrat Joel Wolfs Meyer, Teilhaber der Seidenfabrik Jacob Abraham Meyer, zu deren Mittnhabern der vom Kaiser Friedrich als Kronprinzen durch die Verurteilung des Antisemitismus ausgezeichnete Stadtrat und Geheime Kommerzienrat Meyer Magnus gehörte, ferner von 1869 bis 1879 Hermann Demuth. nach ihm Hermann Meyer, der Sohn Joel Wolfs Meyers, von 1890 bis 1893 der Geheime Kommerzienrat Salomon Lachmann und nach dessen Tode Moritz Manheimer. der seit 1867 dem Berein. feit 1889 dem Vorstand der Magine Reim angehört hatte. Aus alter Zeit besitzt die Magine Reim einen silbernen Becher, auf dem die Namen ihrer Vorsitzenden in hebräischen Lettern eingraviert sind. Auf diesem Ehrenbecher gebührt der Ehrenplatz Moritz Manheimer, dem gütigen Inden, dem edlen Menschen, dem immerwährende» Ehrenmitglied und zuletzt immerwährenden Ehrenvorsitzenden der Magine Röim. Moritz Manheimer nimmt in der Geschichte der Wohltätigkeit eine überragende Sonderstellung ein. Keine Fee hatte ihm irdische Schätze in die Wiege gelegt. Er war der Sohn eines Borbeters und Religionslehrers in Gommer» bei Magdeburg. Mit zwanzig Jahren trat er in das Geschäft ein. das sein älterer Bruder Valentin in Berlin unter den bescheidensten Verhältnissen begründet hatte. Dank der Tüchtigkeit seiner Leiter nahm es einen Aufschwung, der eS zum ersten seiner Art in der Hauptstadt machte. Aus dem kleinen Laden für zweihnndertzwanzig Taler Jahresmiete erwuchs das stolze Haus in der Oberwallstvaße. Jm Jahre 1840 hatte Moritz Manheimer seine Tätigkeit begonnen: 1872 schied er aus. um sich fortan ganz der Gemeinde, dem yrtcktischen Judentum, den Werken der Menschenliebe zu widmen. Bis zum Fest seiner diamantenen Hochzeit am 3. Dezember 1915 hatte er allein für wohltätige und gemeinnützige Zwecke rund zweieinhalb Millionen gespendet, zu schweigen von zahlreichen Hilfsbedürftigen. denen er unter der Hand Stab und Stütze gewesen war. Altersversorgungsanstalt. Hospital. Krankenhaus. Lungenheilstätte Vogelfang, Kindergenesungsheim Elmen. Lehrlingsheim Pankow und viele ähnliche Anstalten verdanken ihm Dasein oder Gedeihen: er ries Stiftungen für verschämte Arme, für kranke Handwerker und Künstler ins Leben, schuf die MendelSsohu- Toleranz-Professnr bei der Lehranstalt für die Wissenschaft deS Judentums, gab die Mittel her zu einem jährlichen Preisausschreiben in Höhe von jedesmal 4000 Mark bei der Großloae U. O. B. B. für die besten Arbeiten über Menschenliebe. Gerechtigkeit und Duldsamkeit alS Grundpfeiler der menschlichen Gesellschaft — kurzum, mit Recht ist schon vor einem Bierteljahrbundert gesagt worden. Moritz Manheimer stehe so hoch in der Wohlfahrtspflege der Jüdischen Gemeinde Berlins — und nicht nur ihrer und nicht nur Berlins —. daß man seinem Namen kaum einen andern gleichstellen könne. Was aber Moritz Manheimer insonderheit für die Magine Rfcim bedeutete, von reichen Spenden abgesehen, zeigt die Tatsache, daß er persönlich ihr vom Oktober 1893 bis Januar 1911 nicht weniger als 465 neue Mitglieder zugeführt hat. Schon sein Name, vollends sein Wort hatte werbende Kraft. Er konnte die Mitgliederzahl auf über fünfzehnhundert steigern und entsprechend die Leistungen des Vereins. Es war daher ein herber Verlust für die Magine Reim, als Moritz Manheimer im Jahr 1912 vom Vorsitz zurücktrat, ein herberer, als er am 37. März 1916 seine Augen für immer schloß. Mit goldenen Lettern ist sein leuchtender Name in die Geschichte der Magine Rdim unvergänglich eingeschrieben. Bon andern Namen, die in dieser Geschichte mit Stolz zu dauerndem Gedächtnis verzeichnet sind, auch wenn ihre Träger nicht das Amt des Vorsitzenden bekleidet haben, mögen wenigstens einige auS der Fülle herausgegriffen werden. Da steht der Geheime Kommerzienrat Gerson von Bleichrööer. der gelehrte Dr. David Cassel, der Geheime Kommerzienrat Meyer Cohn und sein Sohn Alexander, Hermann Gerson. A. H. Heymann. Geheimer Kommerzienrat Beniamin Liebermann nebst fünf andern seines StammnamenS. Ludwig Loewe. der zu früh verstorbene Abgeordnete. die Geheimen Kommerzienräte Meyer Magnus. Valentin Manheimer. Louis Reichenheim, neben Ferdinand »nd Moritz R.. Louis Simon. Isidor Loewe. Emil Jacob, W. Kopetzky, weiter der „kgl. prenß. Hofkapellmeister und Generalmusikdirektor" Giacomo Meyerbeer — ausgenommen am 27. Dezember 1808. gestorben am 2. Mai 1864 —. Rabbiner Dr. Michael Sachs. Dr. Moritz Veit, der Abgeordnete, Valenttn Weisbach. Kommerzienrat Caesar Wollheim. Dr. Rudolph Moste. — doch wer von bedeutenderen Inden Berlins würde kn den alten Mitgliederlisten der Magine Röim vergeblich gesucht? Ausdrücklich gedacht werden muß auch des Geheimen Santtätsrat Dr. Blumenthal, der jahrzehntelang namens deS Vereins Mitgliedern Unentgelt» lich ärztliche Hilfe gewährt hat. worin ihm sein Sohn. Professor Ferdinand Blumerrtbal gefolgt ist bis auf diesen Tag .. So hat die Magine Röim ihr Liebeswerk auch unter den Drangsalen der Zeit, den Ueberlteferungen getreu, fortgesetzt. obwohl Krieg und Umwertung aller Werte nicht spurlos an ihr vorübergogangen find. Moritz Manheimer hatte seine Amt in die Hände Hermann Landskera^s gelegt. de« tl der Tod ttborr am 1. November 1913 entriß.

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