Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 8 (25.2.1927)
- Date
- 1927-02-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Zankel 2eil>ow!ez-5rank. der polnische Me>stas. Bo» Dr. E. Elbe. Sogar manchem, der Über die Frankisten und den in Offenbach verstorbenen Baron v. Krank etwagehört oder gelesen hat, wird der Name Jankel Leibowtez fremd sein. Er ist aber identisch mit dem Baron v. Frank, der fast ein halbes Jahrhundert lang die Judenschaft und dt>r moslemischen und christlichen Behörden zahlreicher Staaten in Bewegung und Erregung gesetzt hat. der als Messias austrat, eine neue Religion gründen wollte und es verstand, sich und seine Tochter Eva mit dem Nimbus einer göttlichen Berufung, ja einer göttlichen Abkunft zu umgeben. Obwohl zeitgenössische Schriften sich sehr viel mit dem Begründer der Frankistenlehre beschäftigten, so ist daS Dunkel, in das er geflissentlich seine Person hielt, noch immer nicht ganz aufgehellr worden. Als Geburtsort wird Korolowka oder Buezacz i» südlichen Galizien genannt, sein Geburtsjahr schwankt zwischen 1712 und 1727 - er selbst gab das Datum nicht an. wohl um sich nach Belieben einmal älter, einmal jünger machen zu können Die Wahrheit wird wohl in der Mitte liegen und man nimmt an daß Jankel iabgekürzt Jankie-Jakobi um das Jahr 1720 daS Licht der Welt erblickt habe Er war der Sohn eines Rabbiners, was übrigens nicht viel bedeutete, denn zu jener Zeä« besaß in Galizien beinahe jeder Knabe so viel rabbinisch-ialmudisches Wissen, um auf den Rabbinatstitel Anspruch machen zu können. Wie Jankiew selbst erzählt, war seine Geburt von Wunderzeichen begleitet. Es ist charakteristisch, daß er behauptete. Hexen hätten in seiner Geburtsstunde das Haus umschwebt, üe wären aber von seiner Großmutter, di-e sich auf die Sternendeuterei und wohl noch auf Beschwörungen verstanden habe verscheucht wyrden. Die Großmutter habe auch den Eltern gesagt: „Achtet auf dieses Kind und erzieht es sorgfältig. Durch dieses Kind wird etwas Neues in die Welt kommen." Die Prophezeiung har sich nur sehr teilweise erfüllt. Die sorgfältige Erziehung, von der übrigens nichts näheres bekannt ist. hat nicht viel genützt: Jankel war schon in seiner Jugend ein Heuchler und Betrüger, und er rühmte sich später selbst, daß er seinen Barer belogen und betrogen habe, um einen neuen Anzug zu bekommen. Bon talmudischem oder rabbinischen Wissen verstand er nicht viel. Er nannte sich selbst einen Prostak spolntsch: ein ungebildeter Kerls und einen Amhoorez, was ungefähr dasselbe bedeutet Aber er war weltklug, verschlagen, eitel und prunksüchtig. Eigenschaften, die sich immer mehr bei ihm ausprägten und wohl sein weiteres Handeln bestimmten. Bereits mit 13 Jahren bereiste er mit einem jüdischen Kaufmann Rumänien und die Türket. Er machte sich dort bald selbständig. In Nikopoli in Bulgarien, das damals zur Türkei gehörte, war sein Stammhaus. Tort verheiratete er sich auch mit einem vierzehnjährigen Mädchen Chana. der Tochter eines gewissen Tobias, die ihm zwei Söhne. Joseph und Jakob gebar. Das war in den Fünfzigerjahren des achtzehnten Jahrhunderts Jankiew Leibowiez hatte Geschicklichkeit und Glück in seinen Geschäften gehabt und soll zu jener Zeit, er stand Anfangs der Dreißig, bereits ein sehr vermögender Mann gewesen sein Sein Widerwillen gegen den Talmud, den er nicht zu begreifen vermochte, und zu dessen Studium ihn wohl der Vater vielleicht zu streng angehalten hatte, trieb ihn in die Arme der Sabbathianer. die zu dieser Zeit gerade im Orient, noch sehr viel Anhänger besaßen. Mag nun Jankiew — der sich in seiner Phantasie vielleicht an Vorstellungen von Glanz und Macht berauschte — wirklich auch etwas mystisch veranlagt gewesen sein, oder sah ex in der Dummheit der Sabbathianer ein gutes Mittel zum Zweck, sedeufalls schloß er sich ihnen an. wurde ein Mitglied der Dönmebs und gleich diesen äußerlich Muselmann. Er zeigte eine schwärmerische Verehrung für den Stifter des SabbatbianiSmuS, für Sabbathai Z'wi. den er als Messias und Gottmenschen anerkannte. Den Sabbathianern fehlte aber zur Zeit ein eigentlicher Führer. Der neue Messias, der nach ihrer Seelenwanderungslehre immer anfs neue geboren wurde, hatte sich noch nicht gezeigt. Jankiew Leibowicz, der in der Türkei den Namen Frank saus Frenk. der Frenke, wie die Türken Ausländer zu nennen pflegen) angenommen hatte, glaubte, mit Erfolg diese Messiasrolle spielen zu können. Die ersten Aniänae waren nicht sehr verlockend In der Türkei wurde «ein Wirken schmählich verkannt und es kam soweit, daß Frauen und Kinder mit Schmutz und Steinen nach ihm warfen, wenn sich Jankiew auf der Straße blicken ließ. Das gefiel rhm natürlich nicht. Seine Mittel gestatteten ihm. den Schauplatz seiner Tätigkeit zu wechseln. Ob außerdem der Umstand mitsprach, daß die türkische Regierung ihm die Erteilung gewisser wertvoller Privilegien verweigert hat. wird vermutet, ist aber nicht mit Sicherheit festzustellen. Vielleicht war ihm auch sonst der Boden zu heiß geworden — jedenfalls besteht die Tatsache, daß Frank nach Polen aing. angeblich auf ausdrücklichen Befehl Gottes, der ihm die Rückkehr befohlen und gedroht habe, bei Widerspenstigkeit ihn mit eisernen Ketten Hinzuschleppen. Auch Sabbathas Z'wi habe es verlangt: „Sieh. wohin ich nicht gehen kann, wird es dir ein leichtes sein, hinzugelangen." So habe der Geist Sabbathar Z'wis gesprochen. Man kann sich denken, wie es mit der Denkkraft der Leute bestellt gewesen sein muß, die solche Läppereien glaubten. noch dazu von einem Manne, den keinerlei geistige aber auch keinerlei körperliche Vorzüge auszeichneten. Er war. wenigstens in seinen alten Tagen, häßlich und pockennarbig. hatte strenge und kalte Gesichtszüge und seine Sprache war leise und in lhrer Dialektfärbung kaum verstündlich Also weder durch die Macht seiner Erscheinung, noch durch die Macht seiner Rede vermochte er zu wirkeir. Was übrig blieb, war wohl die Macht seines Geldes, das er wahrscheinlich sehr gut zu vermehren, aber auch trefflich anzuwenden verstand. Außerdem eine Verschlagenheit, die alle Gemüter verwirrte und sie die unglaublichsten Legenden, die er über sich und seine Sendung verbreitete, ohne Nachdenken hinnehmen ließ. In Podolien hatten die Sabbathianer ihre meisten Anhänger Als sie die Ankunft Franks erfuhren — er hatte für die nötige Propaganda gesorgt — luden sie ihn zu ihren Versammlungen ein. Er machte eine Rundreise durch Polen und begann seine Lehre zu verkünden Sie war den Sabbatbianern nicht neu Sie fußte auf falsch gedeuteten Stellen in der Kabbala, diesem allen Sabbathianern allein heiligem Buche. Aus der Kabbala wurde ja auch die DrejfaltigkettSlehre aufgebaut» die sich allerdings von der christlichen durchaus unterschied. Sie lehrte nicht Gott Vater. Gott Sohn. Gott Heiliger Geist sondern nach Frank bestand das Wesen der Gottheit aus dem heiligen Uralten, dem fleischgewordenen vergöttlichten MessiaS und dem weiblichen göttlichen Prinzip, der Schechina. Als Frank sah, daß er für seine Propaganda einen günstigen Boden gefunden hatte, zögerte er nicht mehr lange, sich selbst für den im Fleische wied-rauferstandenen Messias auSzugeben. als der Berachjah. der Heilige der DönmebS. ta als neuer Leib von Sabbalbai Z'wi. Die zeitgenössischen Quellen sind natürlich unklar, weil in ihnen Anhänger und Gegner zum Wort kamen. Immerhin ist es aber wahrscheinlich, daß eS unter Mißbrauch deS Hohen Liedes, bas bei den Sabbathianern im höchsten Ansehen stand, ferner durch das geschlechtliche Moment in ihrer Trinitätslehre. zu Ausschweifungen gelegentlich der geheim abgehalteneu Zusammenkünfte gekommen ist. Biele Krauen, di« diese- Treiben nicht mitmacheu wollten, trennten sich von ihren Männern. Die Rabbiner griffen ein unb verhängte» de» große» Bann über die Ketzer, bie weltliche« christliche» Behörden setzten Frank und viele seiner Anhänger in- Gefängnis. Doch Frank ließ sich nicht so leicht unterkrtegen. Von wildestem Hatz erfüllt gegen die Juden, bie seine messianische Sendung nicht anerkennen wollten, empfahl er seinen Anhängern, sich zur Taufe zu melden und dem damals herrschenden Bischof von Podolien zu erklären, baß sie die Dreifaltigkeit anerkennen unb den Talmud als „ein schändliches Machwerk" verwerfen wollten. Aber Frank und seine Spießgesellen gingen noch weiter: sie hatten die Verruchtheit, die alte Blutlüge wieder aufzuwärmen und zu behaupte», die Juden brauchten Christenblut zu rituellen Zwecken. Der Bischof war zu aufgeklärt, vielleicht auch im jüdischen Schrifttum zu erfahren, um an diese von so vielen hervorragenden christlichen Gelehrten beider Konfessionen, ja sogar von Päpsten mit Entrüstung als niederträchtige Verleumdung angenagelte Lüge zu glauben. Immerhin galt es ihm begreiflicherweise als verdienstliches Werk, mit Hilfe der Frankisten und d^r von ihnen ausgelegten Kabbala die Juden der katholischen Kirche zuführen zu können. Leider hatte dt« Tücke der Frankisten doch Opfer gefordert: Juden wurden des Ritualmordes angeklagt und etngekerkert Doch Recht und Wahrheit siegten und die Stunde der Erlösung kam. Frank und seine Anhänger mußten rbr Doppelspiel ausaeben und sich öffentlich zum Katholizismus bekennen 1760 schritten Frank und seine beiden Hauptstützen. Jehuda Leib Krim und Schlaum« Schor zum Taufbecken. Frank nahm den Namen Joseph an, Schlaume Schor nannte sich LukaS Franciezek Wolowski. Aber auch das half ihnen nicht viel. Frank wurde endlich unter -er Beschuldigung, sich als Messias auSgegeben zu haben, verhaktet und im Mürz 1760 in Ketten nach der Festung Czenstochow gebracht, wo er dreizehn Jahre lang gefangen blieb, mit ihm eine Anzahl seiner Anhänger. Durch die erste Teiluua Polens fiel Czenstochow an Rußland. und die Russen setzten Frank in Freiheit. Wie man annimmt, um sich der Person dieses schlauen und gewissenlosen Betrügers als Spion qu bedienen. Frank hatte es überdies verstanden, von seiner Haft aus die Verbindung mit der Außenwelt aufrecht und durch allerlei mystischen Schwindel den Glauben an seine messianische Sendung lebendig zu erhalten. Das nützte er nach seiner Freilassung aus: mit rücksichtsloser Despotie, durch Bestechungen und Schmeicheleien schuf er sich eine kleine Armee ihm blind gehorchender Anhänger, so wie er sie sich erträumt hatte. Sie dienten Ihm als Zutreiber bei seinen dunklen Geschäften. als Kundschafter unb nicht zuletzt als Sendboten, vermögenden Mystikern und Fanatikern von seinen Wundertaten zu berichten und sie zu reichen Geldspenden zu verlocken. Entsprechende „Provisionen" für geschickte Agenten werden wohl abgrsallen sein und dazu beigetragen haben, die Zahl dieser Agenten und damit die Einnahmen zu erhöhen. Was nicht mit Geld zu machen war, geschah unter den Einfluß einer durch krankhaft gesteigerte Mystik genährten Sexualität. Frank besaß eine Tochter, die zur Zeit seiner Entlassung aus dem Gefängnis, begann zu einem selten schönen Mädchen heranzublühen. Sie. bie den Schwindel ihres Daters nur zu aut durchschaute, hatte auch seine Verschlagenheit geerbt und diente ihm als williges Werkzeug für seine Pläne. Reiche und arm-e jung« Leute wurden angelockt und zu willfährigen Sklaven der „göttlichen Schönheit" gemacht. Frank hatte, um seinem Machtkitzel Genüge zu tun. endlich in Ossenbach a. M. ein Schloß gekauft, mit allen damals dazu gehörigen Patronatsrechten. Dort herrschte er — nach außen natürlich als Katholik — wie ein ReichSfürst. hielt sich eine uniformierte Leibgarde und nannte sich Baron v. Frank. Cr gab Geld mit vollen Händen aus, auch für wohltätige Zwecke, und wurde angestaunt und verehrt. Für seine Anhänger war er immer noch der Messias, seine Tochter das weibliche göttliche Prinzip in der sabbathianischen Trinitätslehr«. So lebte Frank bis zum Jahre 1791. Er wurde nach seinem im Dezember dieses Jahres erfolgtem Tode mit großem Pomp begraben. K>:in Geistlicher folgte seinem Sarge, doch sollen von den Bewohnern des Schlosses beim Begräbnis einige jüdische Bräuche geübt worden sein. Der fabelhafte Reichtum des Baron v. Frank erwies sich nach seinem Tode als ein ebensolcher Schwindel, wie es sein ganzes Leben aewesen war. Seine Tochter Eva — mit ihren 31 Jahren auch bereits aus der ersten Jugendblüte — verstand es noch eine Weile, durch großangel-egies Schulbenmachen. den Glanz aufrecht zu erhalten. Frank hatte sa verbreiten lassen, Eva sei gar nicht seine Tochter, sondern ein Sproß der russischen Kaiierfamilte, der Romanows. Ja eine Zeitlang ließ er sogar durchsickern, er selbst sei der angeblich ermordete Zar Peter III. All dieser Schwindel brach endlich zusammen. Di-e Gläubiger und die Gläubigen verloren das langgesehnte Vertrauen. Die Gläubigen verliefen sich, bie Gläubiger gingen zu Gericht. Eva scheute nicht davor zurück, an jüdische Gemeinden richtige Ervresserbriefe — auf rotem Papier — schreiben zu lassen. Die. Gemeinden, die sich der niederträchtigen Verleumdungen und Blutanklagcn der Frankisten noch zu gut erinnerten, gerieten in Angst, aber Geld gaben sie keines. Als die Gerichte endlich über die Identität Evas eine Untersuchung anstellen wollten — jahrelang batte Eva als eine Romanow gegolten —. da starb sie plötzlich und wurde bereits nach zwölf Stunden in aller Stille begraben. In Wirklichkeit soll sie nicht gestorben, sondern beimlich entflohen sein Die Schuldenlast b?trng etwa drei Millionen Gulden, eine für die damaligen Geldverhältnisse gewaltige Summe. Bon Eva hörte mar nichts mehr. Die beiden Söbne Joseph und Jakob verschwanden ebenfalls spurlos. Sie führten ein Abenteurerleben, gingen unter dem Namen Frei nach Paris und starben während der französischen Revolution unter der Guillotine. Der FrankistenkuU wurde noch von kleinen Bereinigungen eine Zeitlang fortgcfübrt. Mystische Schwärmer fabelten von Franks Wiederkunft. Allmählich schmolz die Zahl zusammen und es dürfte außer den Dönmehs wohl Kaum mehr anderswo Anhänger der sabbatianischen oder der frankistischen Irrlehre geben. Löüele Prosnitz, der mährische Wundermann. Von I. M. M e r i ch. Zu Ende deS sechzehnten und bis in die Mitte des sieb, zehnten Jahrhunderts hinein spielte die sabbatbianische Be. rvegung im iüdischen Leben eine sehr große und sehr tragikomische Roll«. Sabbathas Z'wi. der schon, nachdem er offiziell z-nm JSlam übergetreten war, 1676 starb, statt« eine Menge Jünger hinterlassen, die eifrig bemüht waren, die sabbatbianische Lehre, richtiger den erweiterten Aberglau- | den, den sie dafür auSgaben. zu verbreiten. Die Zeit für Mystiker, war. wie schon so oft. sehr günstig. Mit Tcckchenspielereien und geheimnisvollen Redensarten konnte man sehr leicht die Köpfe verwirren und de« Liusäl« tigen und Blindgläubigen das Geld aus der Tasche locken, ES gestörte nicht sehr viel dazu, den Wunüermann zu spiele» und namentlich bet den Sabbathianern war die Mühe gering. Wer einmal sich hemmungslos dieser Lehre angeschloffe« statte, der war jedem Hokuspokus ohne weiterezugänglich. Es hing natürlich — wie ja auch bei der Taschenspielerkunst — von der Geschicklichkeit des Gauklers ab. die erstaunte und immer wieder staunende Menge nicht hinter die Tricks komme» zu lassen. Es muß aber bedauerlicher Weise festgestellt werden, daß auch entlarvte Gauner es verstanden haben, am selben Orte sogar, ihren Schwindel weiterzufübren. Ein ganz origineller Kauz in dieser Beziehung muß Löbele Prosnitz aewesen sein, genannt nach dem Orte Prosnitz in Mähren lietzt Tschechoslowakei^ wo er eine Zeit laug seinen Sitz aufgeschlagen hatte. Man weiß nicht worüver man sich mehr wunder» soll: über Lüboles Unverfrorenheit oder die Dummheit derer, die nie alle werden. Löbele Prosnitz war ein Messvas. Wenigstens sagte er so. Er erklärte, daß durch das heilig« Buch Sohar, wie überhaupt durch bie Kabbalah die Thora und der Talmud ihre Geltuna verloren haben, Gott aus die Regierung! der Welt verzichtet und diese den Frommen.also den Kabalisten überlassen hätte. Allerdings nicht allen Kabbalisten, sondern nur den auSerwählten. Löbele war natürlich solch ein Auserwählter. Er war ein Sohn Gottes, ein MessiaS, ein Erlöser, der Wunder vollbringen, das Unmöglichste möglich machen konnte. Die Anforderungen, die in dieser Beziehung an Löbele gestellt wurden, konnten allerdings nicht sehr bedeutend gewesen sein. Immerhin: er hat Wunderheilungen vollbracht. Bei der großen Zahl hysterischer Männer und Frauen, die sich unter seinen Anhängern befanden — es waren wohl die meisten krankhaft veranlagt — war es nicht schwer, durch suggestive Methoden Kuren zu vollziehen, die bei den Einfältigen als überirdische Wunder angestaunt worden sind. Organisch Kranke hat er sicher nicht geheilt — aber da war eS ein leichtes, die Krankheit als eine Strafe hinzustelle», die um -es ewigen Seelenheiles willen nicht unterbrochen öden gar aufgehoben werden durfte. Damit war der Fall für alle — mit Ausnahme vielleicht des Kranken selber — erledigt. DaS zu verstehen ist heute jedem Laien sehr leicht. Die Heilanwenöuna der Hypnose und der Suggestion ist sehr alt und war jedem, der sich mit praktischer Ausübung deS Mystizismus beschäftigte, ohne weiteres geläufig: die Erfolge blieben auch nicht aus — zumindest Augenblickserfolge. Da die Messiasse den Ort ihrer Tätigkeit doch g«4 wöhnlich wechselten, sehr häufig, nachdem das Feld abgegrast war, aus mangelnden Einnahmen wechseln mußten, zählten die Feülschläge — besonders im Anfang — nicht mit. Der Ruhm, der der Ankunft des Messias vovausging, war auch oft so gewaltig, daß er allein schon zauberhaft wirken mußte. Man wollte jedoch nicht nur wunderbare Kräfte spüre», man wollte auch etwas sehen. Ohne Schauspiel geht eS nicht ab — das wußten diese Wundermänncr sehr gut. daS wußte natürlich auch Löbele Prosnitz. Den Leuten sollte geholfen werden. Löbele empfing die Gläubigen in einem weißen seidenen Talar. Auf der Brust trug er die vier Buchstaben des Gottesnamens aus Fl^er^ aold ausgeschnitten. Löbele stand meist vor einem TcHhä yang. hinter dem er Mischungen aus Terpentin und Svi-- ritus und wohl sonst allerlei Chemikalien brennen ließ unv die in dem Augenblick, in dem sich Löbele einer stestiAE« Stelle näherte, den Gottesnamen ausleuchten machten. Ma» kann sich vorstellen, was das aus naive Gemüter für ei»e Wirkung ausübte. Allerdings darf mau nicht vergessen, daß die Menschheit vor zweihundert Jahren die einfache Hein stellung solcher Lichtzauber noch nicht kannte. Der Anstifter der ganzen Geschichte und wohl auch freu jenige. der bei einem Besuche in Prosnitz dem Löbele. wahrscheinlich nicht bloß durch Ratschläge sondern vielleicht auch durch klingend« Vorschüsse den Rücken stärkte, war Nehemi» Chisa iÄaion. ein Sabbathianer aus Bosnien, der eS verstand. selbst die gelehrtesten und frömmsten Rabbiner seiner! Zeit hinterS Licht zu führen, ihnen Gutachten und Emvfeh-, lungen abzulocken, deren sie sich später schämten und die sie dann alS gefälscht hinstellten. Dieser Chason mag den Lö- Lele manche» Trick gelehrt haben. Jedenfalls war Löstele vom Bann bedroht worden und geneigt gewesen, de» Schwindel aufzustecken. Nach Chasons Besuch — etwa um 1718 — nahm Löbele jedoch sein messianisches Gewerbe wieder auf und führte es erfolgreich noch eine Weile durchs bis ihn eine tüchtigere Konkurrenz das Geschäft verdarb. Es ist interessant, daß gerade über Löbele Prosnitz wenig ausführlichere Quellen existieren. In deutscher Sprache ist nichts über ihn erschienen. In hebräischer Sprache bat der durch seinen Kampf gegen die Sabbathianer und besonders gegen den ihm des Ketzertnms verdächtigen berühmten Rabbiner Jonathan Eibeichütz bekannt gewordene Rabbiner Ja* kob Emden Askenasi — abgekürzt Jabez genannt — in seinem Werke Tbora Äakenaoth über Löbele ProSnitz Auf* Müsse gegeben. Löbele Prosnitz wurde endlich durch eine Rabbinatsversammlung deS Landes verwiesen. Er wanderte nach Ungar» aus, setzte wohl eine Zeit lang seine Schwindeleien fort, aber er scheint keine großen Erfolge erzielt zu haben: Wenigstens verliert sich seine Spur und man bat nachher wohl nichts Bemerkenswertes mehr über ihn erfahren. Zum Ableben von Semjon Iuschkewttsch. Im Alter von 59 Jahren verstarb in Paris an Herzschlag der hervorragende russisch-jüdische Romanschriftsteller und Dramatiker Semjon Iuschkewttsch. Er war einer der besten Schilderer des russischen kleinbürgerlichen Lebens und des jüdischen Milieus. Bon seinen zahlreichen Dramen ist daS vom Moskauer Künstlertheater mit nachhaltigem Erfolg aufgeführte „Miserere" auch im Ausland bekannt geworden. Sein Drama „Mendel Dpiwak" ist ein erfolgreiches Repertoirestück des New Vorker jüdischen Kunsttbeaters. Seine gesammelten Schriften erschienen in acht Bänden im russischen Verlag „Snjanje". Bein Begräbnis Juschkewitschs sprachen Rabbiner Dr. Eisenstadt, Adv. Sliosberg. Paul Miljnkow und Schalor» Asch. Joel Enqel gestorben. Am 18. Februar ist in Tel-Awiv an Herzschlag der Komponist Joel Engel gestorben. Unter der Judenichaft Palästinas herrscht Trauer. Die Mitglieder der Stadtverwaltung von Tel-Awiv sind zu einer Trauersitzung zusammengetreten und haben beschlossen, dem verstorbenen Komponisten a»f Kosten der Stadt ein Ehrengrab und ein EhrenbegräbuiS zu widme». Mit Joel Engel ist der repräsentative jüdische Musik« der Gegenwart dabingegangen. Er war sowohl Sammler und Bearbeiter deS jüdischen Volksliedes, als auch der Begrtinder einer modernen jüdischen Musik. Als solcher erzog « l eine ganz« Generativ» moderner jüdischer Kompouiste».