Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 7 (18.2.1927)
- Date
- 1927-02-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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ö»r fieutlout Welt der Wissenschaft, der Entwicklung noch Mslich Wir können uns einen innerlich nachdenklichen Menschen nicht ohne Gottesbegrtff denken. Es gibt in jedem Menschen Stunden» in denen ihm ein Blick in die Ewigkeit gestattet ist. Wtr müßten uns etwas mehr über den sttdischen Gottesbegriff unterhalten. R»r so kann einer Perrennung und Zersetzung dieses Fundaments des Judentums vorgebenat werden. Ebenso mich der Begriff des Rechtes und Unrechtes vertieft werden. Der RechtSbegriff ist der Kern- Punkt. das Kampfziel des Judentums. Wo Recht ist, da kommt Friede und Wahrheit. Befriedigt muh werden das Bedürfnis nach Religion, das bei so vielen vorhanden ist. Und nicht darf vergessen werden, daß bet Erweckung und Befriedigung der religiösen Bedürfnisse gebaut werden kann und muß, ans dem Erbsande jüdischer Vergangenheit. Wir nniisen erst wieder lernen, die Bedeutung der Religion zn würdigen: nicht glanben lassen oder glauben machen: mit der Religion ist es zu Ende. Zeigen, daß Religion etwas alten Menschen gemeinsames ist, von ungeheurer Bedeutung iür die Menschheit ist. Ueber diese und noch viele andere Dinge ist in de» Synagogen nicht nur zu Gottesdienstzeiten und nicht nur von Juden zu sprechen. Das gegebene ist vielmehr quszunutzen. das religiöse Leben der Umwelt, seine Erscheinungen und Formen diirfen nicht unbeobachtet bleiben, und, wenn es nur geschieht, um zu zeigen oder zu sagen, warum wir Juden das nicht feiern, nicht beachten. Den Menschen muß die Möglichkeit gegeben werden, wieder religiös zu leben und sich religiös zu betätigen. Es muß ihnen zum Bewußtsein kommen: Lebendiges Judentum ist nicht ein Judentum, daß auf völkische und nationale Momente aufgebant ist. Nicht Erez Jisrvel. sondern Schmal) Jisroel ist das Entscheidende. Nach einer anregenden Aussprache, in der besonders die Ausführungen von Herrn Rabbiner Dr. Salomonski. Berlin, Herr»! Rabbiner Dr. Löwenstamm, Spandau. Kran Wolfs und eines Vertreters der Jugendbewegung besondere Beachtung fanden, schloß Herr Kaltenberg mit herzlichen Dankcsworten für Herrn Dr. Holländer den Abend. Bingen a. Rh. In der hiesigen Ortsgruppe der „Bereinigung für das liberale Judentum" sprach am 31. Januar d. I. Herr George Goetz-Berlin über „Prophetismus. Liberalismus, Zionismus." Der Redner schilderte die Wesensart der Propheten in Anlehnung an Cornills bekanntes Buch über den israelitischen Prvphetismus: der „radi" ist ein Sprecher, von Gott gesandt, in Gott und mit Gott lebend. Sein Wissen Hin Gott, nicht spekulativ erworben, sondern erlebt, zur Gewißheit und zum Gewissen geworden, kennzeichnet den Gottesmann ebenso sehr wie sein Wirken für Gott. Gotteserkenntuis und Messiauismns sind die beiden Grundpfeiler der Weltanschauung dieser Männer. Der Redner sprach dann vom „Ueberwintern" des Prophetismus im Zeitalter des Rabbinrsmus, von der nenen Form deö Jndeseins nach dem Kall des letzten Tempels. Wiederum entsteht eine neue Form des Jildeseinö im Zeitalter der Emanzipation. Die allzu starke Assimilation au die Aeußerlichkeit und Skepsis der Umwelt kennzeichnet den „negativen" Liberalismus der Reformbetvegung in dem genannten Zeitabschnitt. Bei aller Anerkennung der Leistungen dieses Liberalismus insbesondere ans dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft, müsse ihm doch eine gewisse Unzulänglichkeit nachgesagt werden. Den Zionismus kennzeichnet der Redner als eine dem Wesen nach nureligiöse und der heutigen Umwelt gleichfalls stark assimilierte Bewegung, hervorgegangen in der Hauptsache aus humanitären Motiven. Aufgabe des gegenwärtigen Liberalismus müsse es sein, den Geist des prophetischen Judentums wieder lebendig zu machen, eine Reform des Herzens und der Gesinnung anznbahnen unter bewußter Ablehnung der nnreligiösen Grundrichtung "unseres Zeitalters. Der erste Diskussionsredner. Herr Rabbiner Dr. Mavvaum. wies daraufhin, daß auf Grund der neuesten Forschungen Herfords und Gerhard Kittels von einem „Ueberwintern" des Prvphetismus im Zeitalter des Rabbtnismus nicht mehr gesprochen werden könne. Cornills „Sündenfallthevrte" sei wissenschaftlich unhaltbar geworden. Den Zionismus als eine unreligiöse Bewegung abzutun, sei unmöglich. Es ließen sich Zusannnenhänge zwischen Zionismus und Prophetismus aufweisen. Herr Mar Roos vermißte Ausführungen über die praktische Arbeit des Liberalismus im Gemeindcleben Der Versammlungsleiter, Lehrer Loewy. betonte, daß die Ausführungen des Vortragenden in der Hauptsache darin gipfelten, als größte Ausgabe des Liberalismus unserer Tage die Schaffung des prophetischen Juden zu bezeichnen. Demgegenüber sei der theologische Streit um die Theorie Eornills und der seiner Gegner von nebensächlicher Bedeutung. Der Redner habe, als er vom RabbiniSmus sprach, wohl nicht an die Zeit non Esra bis zmn Abschluß des Talmuds, sondern an das Mittelalter in Deutschland gedacht und nur einen unpassenden Ausdruck gewählt. In seinem Schlußwort ging Herr Gvetz ans die mannigfachen Angriffe der Diskussionsredner ein. Wohltuend berührte fein Hinweis auf bis Tatsache, baß man in wahrhaft liberalen Kreisen selbst den extremsten Reformer, mag er dem amerikanischen Reformjudentnm ober der Berliner Reformgemetnbe angehören, nicht als außerhalb -es Judentums stehend betrachte, also eine Metbode ablebne. die gern von anderen Richtungen im Judentum im Kampf der Parteten angewendet wird. BreSlan. lJlt. „Abraham Geiger). Zu einer sehr interessanten Veranstaltung gestaltete sich der Vereinsabend am tt. Februar. Nach herzlichen Begrühunasworten unseres Borsttzenben, Herrn Rabb.Dr.Halperfohn, und einem Bericht über die Beschlüsse der letzten Vorstandssitzung und unseres Arbeitsplanes von Alfred Berger ergriff Herr Lehrer Freundlich das Wort zu dem Thema „Gemeindeausgaben" Wieder verstand es unser sehr verehrter Herr Redner in treffender Weise in klaren Ausführungen die Egebnisse des letzten Abends über diese Frage zusammenzufassen und dann vor unserem geistigen Auge die Problem«: Gemeindeverwaltung, Krankenhaus. Schul- und Kultuöfragen. Gottesdienst, Gebetbuchsrage. Religionsunterricht, Wohlfahrtsamt, vorüberztehen zn lassen. In besonders entschiedener kräftiger Form wurde die Frage der Regelung des Freitagabend-Gottesdienstes für die liberale Richtung behandelt. Unter herzlichem starkem Beifall schließt Redner. Die lebhafte Aussprache beweist am besten, wie nachhaltig die Worte bet allen Anwesenden wirkten. Herr Wolfsohn unterstreicht die Hauptpunkte des Referates und glaubt in mancher Hinsicht doch für die Notwendigkeit jüdischer Sportvereine eintreten zu müssen, Herr Kantor Wartenberger äußert sich zur Gebetbuchfrage. Alfred Berger spricht zum Thema: Gemeindeblatt. Kranken- und Waisenhaus und fordert größere Aktivität aller Liberalen in allen Gemeindefragen. Ludwig Freund weist aus manche Vorbilder für die Lösung unserer Aufgaben durch die bereits vollzogenen Tatsachen in Amerika hin und endlich behandelt in geistvoller Form Herr Rabbiner Dr. Halpersohn Kultus, Unterricht und Seelsorge. Das Schlußwort des Herrn Freundlich faßt alle Kragen zusammen unter besonderer Betonung der Notwendigkeit der Förderung aller Gemeindeaufgaben seitens der jüdisch-liberalen Jugend. Der Bitte des Herrn Vorsitzenden in gemütlichem Kreise den Gedankenaustausch fortzusetzeu. leisteten die Anwesenden gern Folge. Elberfeld. lJ ü d i s ch - l i b e r a l c r Gemeindevere i n.) Am 2. Februar sprach Herr George Goetz-Berlin, der Generalsekretär der Bereinignng für das liberale Judentum, in unserer Ortsgruppe über „ytidischen Liberalismus und die Parteien im deutschen Judentum". Der Redner ging ans von den Schriften der Propheten, die dem Verständnis des heutigen Lesers säst ausnahmslos fremd geworden sind Wir müssen wieder znrückkehren zur Gottesaufsassung der Propheten. Diese Auffassung ist nicht, wie fälschlich behauptet wird, kindlich oder primitiv,' sie unterliegt auch keiner „Entwicklung" in dem Sinne, daß nur Heutigen etwa eine „fortgeschrittenere" Gvtteserkenntnis besäßen als die Propheten. Reformen hat das Judentum zu allen Zeiten durchgemacht.' die am meisten einschneidende aber vollzog sich nach der Zerstörung des Nationalheiligtumes, als man vom Opferkult znm Gebetskult überging. Diese Maßnahme erwies sich als notwendig, um das Judentum vor dem Untergang zn bewahren, denn das geschriebene Gesetz befahl das Opfer, verbot aber gleichzeitig seine Darbringung an irgendeinem anderen Orte als im Tempel zu Jerusalem. Während des Mittelalters hatte das Judentum sein Leben im Ghetto: außerhalb der Ghettomauern war ein Judentum nicht denkbar. Die Bedeutung der Emanzipation wird uns am deutlichsten. wenn wir einmal einen Vergleich zwischen den heutigen Orthodoxen und denjenigen von vor etwa 180 Jahren ziehen. Die ersten, die sich aus dem Zwange des Ghettos zu lösen versuchten, standen auch noch auf dem Standpunkt, nur der sei als Jude zu betrachten, der genau so lebe, wie man tm Ghetto lebt. Die Anhänger dieser neuen Richtung aber zogen ans ihrer Hinneigung zn den Gütern der allgemein-euroväischen Bildung den Fehlschluß, daß mit Annahme dieser Bildniigsgütcr sich notwendig ihre Trennung vom Judentum überhaupt (nicht nur vom Ghettojudentum) vollzöge. Den Weg znm heutigen Liberalismus fand erst eine dritte Richtung, die den Standpunkt vertrat, daß Judentum und enroväische Bildung einander keineswegs ansschließen. Der Begriff der Assimilation rückte nunmehr in ein neues Licht. Wir erkennen heute, daß sich keine Gemeinschaft, gleichviel welcher Art. freihalten kann von den Gedanken ihrer Umgebung. In diesem Sinne betrachtet, zeigt sich die jüdische Orthodoxie des Mittelalters als eine Assimilation an den mittelalterlichen Katholizismus.' aber auch der Zionismus zeigt sich als eine Assimilationserscheinnng. und zwar erstens in seiner Anglcichnng an den Nationalismus der Nichtjuden, zweitens an die Urcligivsität seiner Entstehnngszcit. Das Bündnis, welches in den heutigen Gemeinden zwischen Orthodoxie und Zionismus durchweg besteht, erscheint auf den ersten Blick unverständlich. Und in der Tat begegnen sich Li« beiden Parteien nur in ihren negativen Setten: sie kämpfen beide gegen die Assimilation der Lebenshaltung, so verschieden auch ihre Ausgangspunkte sein mögen. Das Verhältnis der heutigen Liberalen zum Zionismus ergibt sich schon aus ihrer Stellung zur Religion, obgleich bei der Bekämpfung des Zionismus von liberaler Seite gewöhnlich andere Argumente ins Treffen geführt werden. Das Judentum ist nicht, wie andere Bekenntnisse, eine Weltanschauungsreligton,' durch alle seine Erscheinungen hindurch soll von seinen Bekenner» die absolute Wahrheit. der Gedanke an Gott, ergriffen werden. Dann aber ist jede Bindung an eine Rassen- oder Volksgemeinschaft mit Notwendigkeit abzulehnen. Das Judentum ist die Idee der Religion: wer immer diese Idee annimmt und sich zu ihr bekennt, ist ein Jude. Von diesem Gesichtspunkt aus müssen auch Proselnten gleichberechtigt sein, wenn sie nur wahrhaft sich die Idee des Judentums zu eigen machen. Deshalb müssen wir aus religiösen Gründen den Zionismus ablehnen, weil er der Idee des Judentums zmviderlauft. Die „liberalen Zionisten" wissen nur vom negativen Liberalismus, als von einer Ablehnung überlebter Formen oder der Berbalinspirabion. So kann es also wohl „liberale Zionisten" geben, aber es darf keine „zionistischen Liberalen" geben! In einigen Worten behandelte der Redner dann noch die Stellung des liberalen Judentums in Deutschland zum amerikanischen Reformjudentum. Man dürfe anch die amerikanischen Reformjuden nicht als „nnjüdisch" bezeichnen, denn der Gedanke der Religion sei unter ihnen wirklich lebendig. Ihr Vorbild aber bei uns nachzuahmen, bestehe kein Grund, denn ihre Bewegung sei auf traditionslosem Boden erwachsen. während bei uns Reformen nur nach lokalen Bedürfnissen einführbar seien. In Deutschland, überhaupt in Europa, ist ein so reicher Schatz an traditionömüßig Ucbcrliefertem vorhanden, daß die Sehnsucht nach Religion wohl, daraus geweckt werden kann. Der Menschheit wird das Judentum erst dann etwas geben können, wenn zunächst die Inden es sich wieder zn eigen machen. Frankfurt a. M. (Freisinniger Verein, für jüdisches G e m«i n de leb e n.) In einer außerordentlich stark besuchten Versammlung sprach unter Vorsitz des Herrn .Sanitätrats Dr. Ettling« r am 7. Februar im großen Saale des Hochschen Konservatoriums Herr Rcchtsttiuoalt Dr. Rudolf Geiger über „Die Verwaltnngsläugkcit der Israelitischen Gemeinde". Zunächst erörterte er die zahlreichen Einzelausgaben der Gemeinde (Verwaltung. Gottesdienste, rituelle Anstalten, Friedhof. Krankenhaus, Schule, soziale Fürsorge und Förderung kultureller Ausgaben). Er wies auf die Schwierigkeit hin, die darin liegt, daß die umfassende Tätigkeit der Gemeinde mit der Leistungsfähigkeit der einzelnen Gem-eindemitgliedex in Einklang gebracht rverden muß. Im einzelnen erörterte er das System der Gebühren für Kasualien. Synagogenplatzmiet«, Krankenhauspflege und vor allen Dingen Knltnösteuer. Im Verhältnis zu den sonstigen öffentlichen Lasten sind die Abgaben au die Gemeinde nur gering, insbesondere, wenn man auf das sicht, was die Gemeinde für jeden Einzelnen leistet. Synagogenplatzmiete und KnltuSsteuer sind sofort herabgesetzt worden, als die Steuereingänge sich besser gestalteten: es besteht Hoffnung auf weitere Herabsetzung. Wenn trotzdem einzelne wirtschaftlich schlecht gestellte Gemeinde- Mitglieder die Gemeindeabgaben als Last empfinden, so dürften sie ihre Mißstimmung nicht ungerechterweise gegen die zufällig in der Mehrheit befindlichen Liberalen richten, da sämtliche in Betracht kommenden Beschlüsse finanzieller Natur einmütig von allen Parteien in der Gemeindevertretung gefaßt worden sind. (Bewegung und hört, hört!) Die vielfach geforderte Auflösung der Schule (Philantro.pin) würde finanziell nichts bessern, und es liege auch gerade jetzt im Interesse der Gemeinde, bas altclirwürdige Philantropin zu erhalten. Ungerechtfertigt seien auch die zionistischen -Rngriffe gegen das Philantropin, dessen Leitung immer neutral gewesen sei und auch neutral bleiben müsse. Für neutrale Führung des ganzen Schulmerks bietet allein die liberale Mehrheit des Schulrats Gewähr, die, namentlich auf dem Gebiete des Religionsunterrichts, auch alle konservativen Wünsche stets erfüllt habe. In der Gemeindeverwaltung müsse der Tolcranzaedanke. dem Wesen einer Einheitsgcmeiude entsprechend, znm Durchbruch kommen: die Liberalen wollen nicht nur (Geduldete, gleichsam Juden zweiten Ranges, fein, sondern das liberale Judentum muß dem konservativen gleichberechtigt gcgenübersteyen. Nur daun sei gedeihliches Zusammenarbeiten möglich. Die Volkspartei werde niemals das vielgcrühmte Sammelbecken aller jüdisch Interessierten, ohne Unterschied der religiösen Parteirichtung, sein: auch werbe sie in die Gemeindeverwaltttttg keinerlei neue Gesichtspunkte bringen können. Vielmehr sei eS Ausgabe des Liberalismus, die Frankfurter Israelitische Gemeinde als reine Reltgionögemcinde zu erhalten. Allen Bestrebungen nach Umwandlung der jetzigen Religivnsgemeinde in eine Volksgemeinde müsse entgegengetreten werden. Znm er wolle nun die Brillanten der Königin vorlegen, morgen nachmittag solle mein Sohn wiederkommen. Dieser kam voll Freude nach Hanse und sagte, morgen bekämen wir unser Geld. Er machte mir sogar Vorwürfe, daß ich nicht für achtzigtanfcnd Reichstaler gekauft hätte, der Holländer habe uns ja Kredit geben wollen, schon auf den Brief hin. den uns der Graf geschrieben hatte. Ich aber sagte, man solle in Geschäftssachen nicht allzu stürmisch sein. Als mein Sohn am nächsten Tage zum Grafen kam, nahm der das Paket mit den Steinen, warf es auf den Tisch und sagte: „Ihr wollt wohl die Königin betrügen? Diese Brillanten sind aus höchstens 2.">000 Reichstaler geschätzt. Wenn Ihr sic. dafür lassen wollt, null ich sie behalten." „Wir haben nicht einen Schilling vorgeschlagen," sagte mein Sohn. „Wir haben, wenn wir unsere großen Spesen abrechnen, bei dem Preise von 40 000 Reichstalern noch keine st Prozent verdient." „Dann könnt Ihr sie behalten," sagte der Gras. ..Ich gebe nicht mehr, als sie geschätzt sind." Mein Sohn ging fort. Er 'traf den Kammerdiener und fragte ihn. wer die Brillanten geschützt habe. Der Kammerdiener sagte, es sei der Juwelier Zander gewesen. Der habe auch gefragt, wer die Brillanten besorgt habe, auch die vorigen, die gekauft worden waren. Als Zander hörte, ich sei es gewesen, äußerte er sich ganz offen: „Was? Der Jude soll die Juwelen verkaufen und ich soll sie bloß fassen? Das werde ich nicht zugeben." Mein Sohn kam mit dieser schlechten Botschaft nach Hause. Ich ging znm Juwelier Sutir. das war ein ehrlicher. braver, sehr reicher Mann. Ich erzählte ihm den Fall von der Königin, dem Grafen Munk und der Abschätzung des Juweliers Zander. Ich hatte die Brillanten bei mir. „Warten Sie. ich will Ihnen etwas zeigen," sagte Sutir. Er brachste eine hölzerne Figur herbei, die vielleicht eine Elle hoch und prächtig, mit einer Schärpe um den Leib, gekleidet war. Die Schärpe war reich mit Juwelen verziert. „Sehen Sie, diese Figur habe ich in Paris für die Königin machen lassen. Es ist schon acht Jahre her. Sie hatte die Schärpe mit den Juwelen bei mir bestellt. Als ich aber die Nechnnng vorlegte. sagte sie, die Sache wäre ihr zu teuer. So batte ich alle meine Auslagen umsonst." Ich zeigte ihm nun meine Brillanten und bat ihn. sie zu schätzen und mir eine Bescheinigung darüber zu geben. Er fragte mich, nach welchem Preis. Ich sagte, so wie ich sie gekauft hätte, znm holländischen Preis. Da meinte er. dürfe man 10 Prozent aufschlagen. das wäre handelsüblich. Er prüfte die Steine genau und brachte noch um 500 Reichstaler mehr heraus, als ich angesetzt hatte . Sutir bestätigte mir auch seine Schätzung schriftlich. Mein Sohn wollte damit nicht zum Grasen gehen, so ging ich denn selbst hin. Ich zeigte ihm die Bewertung von Sutir und sagte auch, daß Zander unser Feind sei. Er aber antwortete mir. Sutir sei noch mehr Betrüger als wir, daher sei er so reich geworden. Ich bat ihn, er möge doch die Brillanten nach Hamburg oder nach Holland schicken und sie dort bewerten laffcn. Aber er war ein hitziger Manu und sagte: „Wollt Ihr 25 000 Taler nehmen, so will ich sic behalten: wenn nicht, dann könnt Ihr Eurer Wege gehen." Was sollte ich tun? Da half kein Reden mehr, ich mußte gehen. Ich war sehr betrübt, den» ich hatte mich in Schulden gestürzt. Solche Juwelen waren setzt nicht zu verkaufen, und ich hatte aus kurze Fristen Wechsel ausgestellt. Die kamen an, ehe noch die Zeit verflossen war, und ich mußte auf dem öffentlichen Leihhanse für 14 000 Taler Juwelen verpfänden. Als ich damals mit meinem Sohne Natbanacl nach Leipzig zur Messe reiste, traf ich mit meinem Bruder von Schwerin zusammen. Der ließ nicht nach, ich mußte ihm versprechen, daß ich Michaeli kommen und Hochzeit machen wollte. Ich reiste anch mit meinem Sohn und meiner Tochter hin. Mein Sohn hatte für seine Braut noch nicht alles eingekanst, anch nicht für sich selbst, imd in Schwerin konnte er die Sachen, die er wollte, nicht bekommen. Kurz vor der Hochzeit entschloß er sich, nach Hamburgs zu fahren, er wollte in vier Tagen wieder zurück sein. Auf der Rückreise hatten sie aber die ganze Nacht Regen. Es war ein offener Postwagen, mein Sohn war nur dünn gekleidet, da erkältete er sich schwer und bekam Fieber. Diese dreizehn Meilen Fahrt haben sein Leben gekürzt. Wir machten zwar Hochzeit und fuhren nach Hause, meine Tochter, mein Sobn und seine innge Frau. Mer das Fieber wich nicht mehr von ihm. und er lebte nur noch ein Jahr. Es war im Jahre 1788. als gerade der Krieg mit Rußland ansing. Der Herzog Friedrich kam zu mir und fragte nach meinem Sohn. Ich sagte, er sei krank. Der Herzog fragte, ob cs denn gefährlich sei. Ich sagte, wir hofften, cs würde wieder besser werden. Mein Sohn habe sich ans der Reise stark erkältet. Ter Herzog sagte. er müsse mit meinem Sohn sprechen. Ich mußte ihn zu ihm führen. Mein Sohn lag im Schlafrock auf dem Bett. Als er den Herzog erblickte, stand er aus und verbeugte sich. Der Herzog gratulierte ihm zu seiner Vermählung und erkundigte sich nach seinem Befinden. Dann sagte er: „Mein lieber Aron, Ihr habt nun bereits sieben Jahre eine Bestallung als Hoflieferant, und ich habe Euch diese Stellung niemals sehr schwer gemacht. Nun aber brauche ich Euch sehr notwendig. Wir haben mit den Russen Krieg. Wenn cs nun ins Feld geht, müßt Ihr mit mir reisen." i „Wenn ich gesund wäre," sagte mein Sohn, „würde mir I das ein großes Vergnügen feilt. Aber im Augenblick wäre ich nicht imstande, auch nur eine Meile Weges zu fahren." Der Herzog wünschte ihm gute Besserung und ging wieder fort. Ich schreibe das alles nicht so der richtigen Ordnung nach nieder. Ich habe bereits zn Anfang gesetzt: ich bin kein Geschichtsschreiber und kein Gelehrter, ich schreibe alles j nur als Erinnerung für meine Familie hi». Aber von dem, was hier geschrieben steht, ist auch kein einziges Wort Unwahrheit. Ich muß noch daran erinnern, was sich mit dem Friedhof zntrng. Ich hatte einen sehr tiefe» Graben um iyn machen lassen und eine Auifzugbrücke, denn der Graben war voll Wasser. Aber im Winter stahl »tan sogar die Aufzugbrücke weg. Ich ließ nun sämtliche Inden znsammenkvmmen, daß wir beim Friedhof ein Haus müßten erbauen lassen, in dem jemand wohnen sollte. Wir möchten also einen Verein gründen, ,uud jeder mag nach seinem Belieben eine Eintrittöspcnde bestimmen. Dann aber soll jedes Bereinsnritglied einen Schilling Wochenbeitrag in die Sammelbüchse geben. R. Koppel machte sich verbindlich» von einem bekannten Bauer, der selbst das Holz liefern würbe, das Hg ns Herstellen zu lassen. Von meiner Familie wurden allein über dreißig Reichstaler sofort gestiftet. Auch die Ga-nrmelbüMe ging nachher jede Wpche herum, damit teder seinen Schilling einzahle. (Fortsetzung folgt.)