Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 7 (18.2.1927)
- Date
- 1927-02-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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T «P 11 »ui|iii .iiin>«ijiiiij| ’np Mendelssohns bezüglich JacobiS Spinozabüchlelu heraus, in welchem die jüdische Autorität MoseS Mendelssohn schreibt: „Ich wußte, -aß eS einen geläuterten Gpinozismus gibt, der sich mit allem, was Religion und Sittenlehre Praktisches haben, gar wohl verträgt, wie ich selbst in den Morgenstunden weitläufig gezeigt: wußte, daß sich dieser geläuterte SpinvzismuS hauptsächlich mit dem Judentum sehr gut vereinigen läßt und daß Spinoza, seiner spekulativen Lehre ungeachtet, ein orthodoxer Jude hätte bleiben können. Die Lehre des Spinoza kömmt dem Jndentume weit näher, als die orthodoxe Lehre der Christen". Auch Heine hat bewiesen: „Der Geist der hebräischen Propheten ruhte noch aus ihrem späten Enkel." Und in der Tat ist cs so. Spinoza lehrt die Einheit Gottes und das. er reich ist an solchen Früchten, wie Liebe, Sanftmut. Geduld in Wahrheit glückselig ist. Auf Borwürfe, er lehre den Atheismus, verstoße also gegen die Gottesidee des Judentums, antwortet er in einem Brief an Oosten, daß jener, der ihn des Atheismus beschuldigte, nicht wüßte, welchem Volke er entstamme. „Hat denn, frage ich. der alle Religion von sich geworfen, der den Grundsatz aufsteilt, Gott sei als das höchste Gut anzuerkennen, und als solcher sei er mit freier Seele zu lieben? Und daß unser höchstes Glück und die höchste Freiheit darin allein bestehen? Ferner, daß der Lohn der Tugend die Tugend selbst ist, und die Strafe der Torheit und Schwäche eben die Torheit selbst ist? Und endlich, daß jeder seinen Nebeumenschen lieben und den Geboten der höchsten Gewalt gehorchen müsse? Nun, dies alles habe ich nicht nur ausdrücklich behauptet, sondern auch noch mit den stärksten Gründen belegt." Am 28. Januar 1064 schreibt Spinoza an Blncnburgü: „Die Propheten haben das Wort Gottes auf Gottes Befehl dem Volke kundgetan. Das Hauptziel der Schrift besteht darin. Gott über alles zu lieben und seinen Nächsten wie sich selbst. Die Heilige Schrift ist das offenbarte wahre Gotteswort." Dieses sind die prinzipiellen Grundauffassungen von Spinozas Lehre, die nach dem Worte Moses Mendelssohns „sich hauptsächlich mit dem Judentum sehr wohl vereinigen läßt". Die Lehre des gebannten Juden ist jüdische Ethik. Moritz Lazarus hat in seiner Ethik des Judentums beweiskräftig Spinoza als echten Talmudjünger gezeichnet. Mit kaum zwanzig Jahren hatte der junge Spinoza, über den, der Jesuitenpater von Dunin-Borkowski das gründlichste Material znsammensteüte, die Rabbinerwürde erreicht. Er war auf dem weiten und tiefen Gebiet des Talmud zu Hause und galt so sehr als Meister, daß kein Rabbi ihn mehr unterrichten konnte. Manage ben Israel hatte ihn cingeführt in den Talmud, die hebräische Grammatik. Rhetorik und Poesie. Sein letzter und größter Lehrer war Saul Morteira. die Leuchte des Judentums in Holland. Neben vielen gegen das Judentum gerichteten Tendenzen, die mit konsequenter Notwendigkeit ans seiner Philosophie folgten, hat er Israels Bild doch in der Geschichte strahlend gemacht, indem er die sittliche Größe der Propheten vor aller Welt verherrlichte und den mosaischen Staat als musterhafte Theokratie aller Staaten hinstellte. Hermann Cohen meinte, daß Spinoza „am besten für uns zeugt". Und io haben wir am heutigen Tage allen Anlaß, dieses Mannes heute hier zu denken, der neben Matmonides der tiefste Denker des nachbiblischen Judentums ist. Am zweiten Säkulartage seines .Todes, im Jahre 1877, hielt zu Potsdam der Rabbiner Tobias Cohn eine Gedenkrede, der wir für unseren Schluß die folgenden Sätze entnehmen: „Der Todestag des großen Denkers, an welchem der Geist desselben der irdischen Schranke entschwebte, um fortan durch seine Lehre der Welt anzugehören, ist sinnbildlich der Geburtstag einer jeden Gemeinschaft geworden, die in *fi unfcrer Zeit Pflege und Förderung des geistigen Guts auf ihre Fahne geschrieben hat . . . Die philosophische Wissenschaft, die er auf neuem Grunde darstellte, wandelt seitdem neue Bahnen. Alls der irdischen Hülle, die an vergessener Stelle dem Grabe übergeben wurde, stieg Spinozas Geist mit obsiegender Macht ans. und strömte immer reicher und bestimmender in alle Gebiete des Denkens und Erkennens ein. Die Heroen der deutschen Literatur haben ihren Geist an seiner Lehre genährt und ans ihm Kraft und Weihe zu den unsterblichen Werken geschöpft, ans welchen die Bildung unseres Jahrhunderts beruht. Das Erdenleben des großen Denkers, das in Hollands Hauptstadt heute vor 200 Jahren in Scherben brach, erstand durch die Macht seiner Lehre zu neuem, ausgedehntem Dasein, zu macht- und wirkungsvoller Herrschaft, der bewußt oder unbewußt die wissenschaftlichen Bestrebungen der Gegenwart unterworfen sind. Darum versammlungs Kal ender j ff j Berlin-Eharlotterrbrirg. Liberaler Verein für die Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde r» Berlin V. B.» Bezirksgrnppen Charlottenbnrg Ost und West. Montag, den 21. Februar, abends 8 Uhr. Theater,Restaurant, Charlottenbnrg. Bismarckstraße 84—87 sDevtsches Opernhaus). Musikalische Darbietungen »o» Herrn Kantor B. Friedmann. Bortrag deS Herr« Seminar» oberlehrer Falkenbera: „Braucht der moderne Mensch einen Gottesdienst." Anschließend freie Aussprache. Gäste herzlich willkommen. Berlin-Neukölln. Liberaler Berei« für die Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde zu Berlin E. B., Mittwoch, den 28. Februar, abends 8 Uhr, Vortragsabend in den Bürgerfälcn zu Neukölln. Bergstr. 147. Zur Einleitung singt Herr Oberkantor S. Neustadt. Herr Dr. Kttbler bringt Rezitationen. Bortrag des Herrn Rabbiner Dr. Salomonski: „Das jüdische Kind." Freie Anssprache. Gäste herzlich willkommen. Berlin,Norden. Liberale Synagoge Norden (im Auerbachschcn Waisenhaus. Schönhauser Allee 182): Gottesdienst: Freitag, den 18. Februar, abends 7,80 Uhr. Predigt: Rabbiner Dr. Salomonski. Sonnabend, den 10. Februar, vormittags 10 Uhr. Breslau. Jüdisch-liberaler Jugendverein „Abraham Geiger". Mittwoch, den 28. Februar, abends 8!- Uhr, im Bereinslokal Restaurant Schaal, Tauentzienstr. 12, Eingang nur Anger. Bortrag des Herrn Dr. Felix Hermann (bisher Magdeburg): „Meine Erlebnisse und Erfahrungen im Abwehrkampse." Freie Aussprache. Gäste willkommen. Danzig. Mittwoch, den 28. Februar, abends 814 Uhr, im Noten Saal des Dchüßenhauses (Promenade) Vortrag des Herrn George Goetz (Berlin), Generalsekretär der Bereinigung für das liberale Judentum: „Der jüdische Liberalismus nnd die Parteiungen im deutschen Judentnm." Köln. Donnerstag, den 24. Februar, abends 8 Mi Uhr. im großen Saal der Rheinland-Loge: Zweite große liberale Wahlversammlung. Redner: Rabbiner Dr. Dienemann (Offenbach) nnd Rechtsanwalt Dr. Geiger (Frankfurt a. M.). Königsberg i. Pr. Dienstag, den 22. Februar, abends 8 Uhr, im Körtesaal der Stadthalle. Vortrag George Goetz (Berlin), Generalsekretär der Vereinigung für das liberale Judentum E. V.: „Der jüdische Liberalismus und die Parteiungen im deutschen Judentum." geht heute ein Gefühl ehrender Dankbarkeit gegen Spinoza durch die gelehrte und gebildete Welt, und auch wir bringen einen Tribut des Dankes und der Ehrfurcht den Manen des holländischen Weisen dar." Denn er war unser. Er war einer der Größten, den die Erde je getragen hat. Dürfen wir Spinoza zu den Unfrigen rechnen? Von Rabbiner Dr. A. K a h l b c r g. Halle a. d S. Im Anfang des Jahres 1910 sollte in Berlin die vierte Loge des UOBB. installiert werden und den Namen Spinoza-Loge erhalten. Damals erhob sich ein heftiger Streit, ob eine jüdische Loge sich nach dieser Persönlichkeit neunen dürfte. Der berühmte Hermann Cohen weilte in diesen Taaen gerade in Halle und sprach sich mir gegenüber sehr scharf dagegen aus. Namentlich bemängelte er, daß Spinoza sich in allzu gehässiger Weise gegen das Judentum geäußert habe. Er hat auch an maßgebender Stelle diesen Standpunkt in Wort und Schrift vertreten, aber man hat gegen ihn entschieden. Die vierte Berliner-Loge heißt „Spinoza-Loge". Im Sinne dieser Entscheidung wird am 21. Februar wie in der ganzen philosophischen Welt auch iu allen Kreisen des Judentums des 250. Todestages des größten jüdischen Philosophen gedacht. Um die Berechtigung dieses Gedenkens nachzumeisen, wollen wir uns ans die größte Autorität für Spinoza berufen, auf seinen bedeutendsten Biographen Jacob Freudeuthal. Um die Wende dieses Jahrhunderts erschienen im Fr. Frommans-Berlag in Stuttgart, von den bedeutensten Philosophie-Professoren bearbeitet, die Biographien der groben Philosophen von der alten griechischen Blütezeit bis auf unsere Tage. Für die Darstellung der Lehre und des Lebens Spinozas wandte man sich an Freudenthal und es gab in der Tat keinen zweiten, der für diese Arbeit besser geeignet gewesen wäre. Freudenthal war seiner Beranlagung und feinem ersten Studium nach Philologe, aber er lehrte bis zu seinem Tode als ordentlicher Professor Philosophie an der Breslauer Universität. Um Spinoza zn verstehen, mutz man beides sein: Sprachkenner nnd Philosoph. In seinem thevlog. politischen Traktat VII24 saqt Spinoza selbst — und Freudenthal setzt es als Motto vor seine Darstellung: „Um so leichter werden wir jemandes Worte erklären können, je besser mir sein Wesen und seinen Geist kennen." Der große Philosoph beherrschte vier Sprachen: spanisch, portugiesisch, hebräisch und lateinisch. Nicht nur mit restlosem Eifer, sondern auch mit philologischer Akribie, vor allen Dingen aber mit heißer Liebe hat sich Frendenthal in das Wesen und in den Geist Spinozas versenkt. Darum ist es ein schwerer unersetzlicher Verlust für die Gemeinschaft, datz der Tod dem Forscher fast vor der Vollendung des zweiten Teiles seines Lebenswerkes die Feder aus der Hand genommen hat. Nur das Leben, nicht die Lehre Spinozas ist erschienen. (Stuttgart 1904). Für unsere Frage aber kann es demnach wohl keine größere Autorität geben, als Freudeuthal. und nach ihm dürfen wir Spinoza zu deu Uusrige» zählen und ihn feiern. Das erhellt in genügendem Maße auch schon aus seiner Darstellung des Lebens Spinozas. Spinoza hat eine durcl>aus jüdische Erziehung genossen. Er stammte ans einem Hause, in dem jüdische Gelehrsamkeit gepflegt wurde, und das außerdem Ahnen aufweisen konnte, die ihre Liebe zum angestammten Glauben mit dem Märtyrertod besiegelt hatten. Biel wichtiger aber ist der Einfluß, den die jüdische Religions-Philosophie aus den werdenden Philosophen ausgeübt hat. Sogar den Pantheismus, dessen größter Verkünder Spinoza ist, hat er bei jüdischen Vorgängern wenigstens im Ansatz^, vorgefunden. Wenn er auch später über die Lehren der jüdischen Religions-Philosophen hinausgemackisen ist, so lehrt doch gerade die Biographie von Frendenthal. wie stark er von der jüdischen Religions-Philosophie ans der spanischen Blütezeit abhängig ist. Viel wichtiger aber ist die starke Religiosität, die Spinoza ausgezeichnet hat. „Der tiefste Trieb seiner Seele ist .... auf die Erhaltung einer Welt von geistigen Werten gerichtet. Der Mann ist nicht nnfromm zu nennen, der Glück und seine Freiheit iu der Gottesliebe sucht," und: „Kein Gottesleugner ist. wer wie Spinoza im Gottesbegriff die Grundlage und den Abschluß aller Erkenntnis findet." (S. 310 f.) Aber die Synagoge hat Spinoza in den Bann getan. Sein Pantheismus ist mit der jüdischen Gottesvorstellnng schlechthin unvereinbar und auch andere Lehren der jüdischen Religion sind von ihm bezweifelt worden. Aber mit Recht weist Freudenthal darauf hin. daß das Judentum eine bloß theoretische Anzweiflung seiner Lehren zumeist ruhig hingenommen habe. Der Bann ist iiber ihn ausgesprochen hauptsächlich, weil er die Satzungen der jüdischen Religion übertreten hat. Wenn es damals ein liberales Judentum gegeben hätte, dann wäre auch zn seiner Zeit der Philosoph als ein Großer inmitten seiner eigenen Gerrwinschaft geehrt worden. Denn es ist doch immer wieder darauf hinznweisen, daß sich Spinoza keiner anderen religiösen Gemeinschaft angcschlosten hat. weder dem Christentum, vor besten Stifter er große Ehrfurcht hegte, noch einer Sekte des Christentums trotz seiner Beziehungen namentlich zn den Kollegianten. Es ist überhaupt fraglich, ob Spinoza aus Pietät gegen seinen Vater, der ja auch den Bannfluch nicht mehr erlebt hat und gegen seine Ahnen, die als Märtyrer gestorben waren, und endlich gegen die Gemeinschaft des Judentums, in der er ausgewachsen war, den entscheidenden Schritt der äußeren Loslösung vom Judentum überhaupt getan hätte. Die Gemeinde Amsterdams hat einen der edelsten Menschen von sich gestoßen, ihn mit Flüchen nnd Verwünschungen Das ..es'' ist also nicht überflüssig, sondern sprachlich sehr aut zu rechtfertigen. Landesrabbincr Dr. Alex Lew in. Hoppstädten (Nahe). Irene Triesch als Vorleserin. Bon Doris W i t t n e r. Irene Trief rh, die große Sprachkünstlerin. Meisterin des tönenden Wortes, wie die neue Generation deren nur noch ganz wenige — dann allerdings in auserlesenen Erscheinungen — kennt nnd nennt, las kürzlich im Bech stcin - Saal zum Besten der „I n d i s ch e n A l t e r s h i l f c Groß-Berlin" etliche Kleinodien des internationalen Schrifttums, sowie einige besonders zum Vortrag geeignete Stücke ans dem Alten Testament. Die „I ü d i s ch c A l t e r s h i l f e G r o ß - B e r l i n" hat sich als Ziel die Unterstützung Verarmter, hauptsächlich des Mittelstandes, gesetzt. All jene, die durch den Wirtschaftspmschwuug der Inflation und Deflation ihr einstiges Vermögen verloren haben, oder infolge ihres Alters erwerbsnnfähig geworden sind, werden von der Fürsorge der Jüdischen Alteröhilfe mit Feingefühl und Takt im Rahmen der ihr selbst gegebenen Möglichkeiten betreut. Der Proletarier hat es insofern leichter, als er die Arbeitslosenfürsorge von Staat, Stadt und Gemeinde als etwas Selbstverständliches in Anspruch nehmen kann. Anders der verschämte Arme, der 'Akademiker. Künstler oder Kaufmann, der ebedem den sogenantcn gehobenen Gesellschaftsschichten angehörte. Seiner verfeinerten seelischen Epidermis widerstrebt es. Hauswirten, geschlvähigen Nachbarn nnd ähnlichen Mitbürgern Einblick in seine veränderten LebenS- Amstände zu gewähren. Insbesondere der Jude, dessen oberstes Gesetz — ähnlich dem Gebot des Orients, „das Gesicht zu wahren" — ihm von früh auf lehrt, keinen Fremden in sein Haus oder Herz sehen zu lassen, hat nach diesem Kriege nnd der wirtschaftlichen Niederlage des Reiches vielfach einen besonderen Leidensweg znrückznlegen. Da nach dem Zeugnis des Wohlfahrtsamtes, die Mittel der I ü d i s ch e n G e m c i n d e kaum hinreichen, auch nur die Not der ärmsten, ihr zuströmenden Bittsteller einigermaßen zu lindern, bleiben die im Verborgenen durch Alter, Armnt und Scham dreifach Geschlagenen meistens ohne jedwede Hilfe. Die kommen auch nicht: — vielmehr man muß zn ihnen gehen. Somit ist praktische Fürsorge eigentlich das in kurzen Worten zusainmeiiznsassende Programm der Jüdischen Altershilfe. Diskretion und individuelle Behandlung sind von vornherein verbürgt. In jedem Einzelfall wird durch einen Fachmann eine allgemeine VermöaenSbilanz aufgestellt, da erfahrungsgemäß in vielen Fällen auS Mangel an Erfahrung. Initiative und Mitteln unrationell gewirtfchaftet, überlebte Wirtschaftsformen beibehalten werben. Mo eine „akut e" Notlage zur Beseitigung drängt, kann zwar ein „kurzfristiges einmaliges D a r - lehn" gewährt werden. Aber die meisten Erfahrungen haben gelehrt, daß gerade solche augenblicklichen Unterstützungen von sozialen Grundsätzen ans sich als verfehlt erwiesen und den endgültigen Untergang nicht anfhalten konnten. Daher ist jetzt für jeden besonderen Fall ein ehrenamtlich tätiger Pfleger bestellt, der als Mittler zwischen Organisation nnd Schützling die sachlichen Maßnahmen trifft nnd überwacht. Durch eine rituell geführte Stadt kn che werden in Thermosgefäßen warme Mahlzeiten, Krankenkost nnd Stärknngsmittel verteilt. In Krankheitsfällen haben ehrenamtlich tätige Acrzte Beistand zn leisten, die etwaige Uebcrführung in Krankenhäuser zu veranlassen nnd für die gewissenhafte Durchführung der von ihnen getroffenen Maßnahmen Sorge zu tragen. Durch A n f w ä r t e r i n n e n werden in Familien, die sich kein Personal mehr leisten können, die gröbsten Arbeiten von freiwilligen Kräften erledigt. Durch Abs ch l ü s s c mit Geschäften werden Lebensmittel, Heizmaterial. Kleiünngs- und Wäschestücke, sowie Stärkungsmittel nnd Medikamente zu ermäßigten Preisen vermittelt. Ist die "Notdurft des Lebens — notdürftig — gestillt, so versucht die Jüdische Altershilfe, ihren Schützlingen das Dasein durch bescheidene Freuden nicht nur erträglich, sondern auch wieder 1 c b e n s w e r t zn gestalten. Ein kleiner Radio-Apparat, ein Theater- oder Konzert-Billet, ein Zeitschriften - Abonnement, ein Buch ans der Leihbibliothek — das sind geringe Ausgaben, durch die man in den ohne ihre Schuld zu Außenseitern des Lebens Gewordenen doch wieder das Gefühl erweckt, noch „mit dazu zu gehören". Kontakt mit der Welt zu haben. Für jene alten Leute, die ihren Haushalt anfzngeben wünschen oder dazu ge z w u n g e n sind, erstrebt die Jüdische Altcrshilfe die G r ü n d n it g v o it F (i m i l i c it l) c i m c it, K lcinhcimc i;. wo die Teilnehmer in getrennten kleinen Wohnungen siedln n g s a r t i g z n s a m menleben . und zu guter letzt Altersheimen, die von der I ü d i s ch e n G cntci ii d c als dringend notwendig bezeichnet werden. Für diese edlen Ziele wurde in der e r st e n D c z c m b c r - woche 1920. nach einem herzergreifenden Aoell. die Jüdische Altershilse gegründet. Die prominentesten Vertreter der Berliner Judevheit aller Parteien stellten sich in den Dienst des neuen Werkes. In der G r tt n d u n g s versa m m l u n g. die am 12. Dezember im Hanse der Frau Minister Prentz stattfand. sprachen n. a. Dr. Leo B a e ck, Professor Einstein. M i n i st e r i a l r a t Goslar, Dr. Paul Nathan, Geüeimrat Timendorser. Frau Falkenberg, als Vorsitzende der Ortsgruppe Berlin des Jüdischen Frauenbundes, sowie zahlreiche andere Teilnehmer. Und für diese mittlerweile zweckt«mlich ausgeh-mte Organisation stellte am 9. Februar Irene Triesch ihre unvergleichliche Kunst in den Dienst einer nicht nur guten, sondern der Künstlerin selbst auch stammverwandten Sache. Der B e ch st e i u s a a l war nahezu überfüllt, nnd es hätte wohl keine bessere Interpretin für das Volk vom „tausendjährigen Schmerz" eintreten können. Der lautere Goldstrom, der in der Kehle dieser begnadeten Künstlerin wohnt, huldigte der „Prinzessin S a b b a t" so exstatisch, daß die bei Heine unvermeidlichen frivolen Untertöne der Dichtung nicht vernehmbar wurden. Auch in Bandelaires: „W i r müssen alle trunken sei n". hob sich die Vortragsmeisterin zu jenem „höheren Leben", das die Sehnsucht jedes musisch veranlagten Menschen mit sich fortreißt. Der religiös beseelte „Bettler" Turgenjews stellte den Uebergang zu den biblischen Dichtungen der Psalmen und des Propheten Jesata. sowie dem flammend vorgetragenen, alle Hörer entzündenden „Siegeslied der D e b v r a h" dar. Nach einigen seraphischen Propheten und Visionen, in denen die Triesch alle Register ihrer reichen und berauschenden Ausdrucksmöglichkeiten spielen lasten konnte, ging sie zn den von ihr schon oft, aber niemals oft genug gehörten Meisterstücken über, wie Goethes „B r a u t v v n C o r i n t fi" oder seinem „P ari a", sowie Heines Trutzgesang „Ich bin das Schwer t". Man merkte der Künstlerin an, daß sie sowohl in dem sakralen, als auch in dem weltlichen Teil des Programms ihre ganze Seele, die immer „des Gottes voll" ist. erschöpft hatte. Tosender Beifall des Hauses bezeugte ihr die Dankbarkeit des von dieser dunklen und heißen Stimme und ihrer dionysischen Sprachgewalt in Bann geschlagenen Publikums. Man kann nur immer wieder bedauern, datz man diese Sprachkünstlerin, die eine ebenso große Menschendarstellerin ist, jetzt so wenig auf der Bühne gewahrt. Und nun noch eine persönliche Frage an die „Jüdische Altershilfe Groß-Berlins": Gehört es zn ihren Spezialsitten und Gebräuchen, just der Presse, von der sie doch eher abhängig ist als vice versa, die schlechtesten Plätze i in Saal e i n z u r ä u m e n? Selbst bei der Sprachgewalt einer Triesch hätte es für die auf der vorletzten Reihe placierten Kritiker eigentlich eines Megaphons bedurft um die Künstlerin zu vernehmen. geschweige denn zu verstehen. Die meisten Rezensenten wählten den Ausweg, ihre Plätze zu verlassen und in der Nähe tzes Bortragspultes Stellung zu nehnien. Bet einer Wiederholung eines derart rücksichtslosen Verfahrens seitens der Veranstalter wird man aber wohl besser tun, Repressalien zn üben und dasNichtverstandene. weil phonetisch nicht Verständliche, auch in der Dessen tlichkeit tot zu schweigen. Es fragt sich bloß, ob die „Jüdische Alrershilfe^ alsdann sehr viel Vorteil aus ihrer Veranstaltung ziehen dürfte. Frau Triesch braucht keine Herolde ihres Ruhms mehr. Zu ihrem Ohr und Herzen wird auch die stumme Akklamation ihrer Zubörer bringen. i