Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-02-18 · 7 (18.2.1927) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
7 (18.2.1927)
Date
1927-02-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2613366-2613895-2613902--2143-2619583
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

9 entity mentions

»eigen. Die sprechen von der vorhandenen, erkennbaren. ewigen und unveränderlichen Wahrheit: -er Prophet nennt st« »Gott": -er Philosoph nennt sie „daS Absolute". Wir Henttgen aber, — wir lächeln überlegen und skeptisch über alles Drei: über Gott, über daS Absolute und über die Wahrheit. Hören wir Heutigen die Propheten von Gott sprechen, — nun ta, die armen Propheten lebten in io uralter Zeit, daß sie noch so kindlich und köhlermäßig an Gott glaubten. Aber inzwischen hat sich die Menschheit tüchtig voran entwickelt, bis wir herrlichen Menschen von heute da sind: jeder Einzelne von uns ist natürlich tausendmal mehr als die Propheten. — Woher diese törichte Arroganz unsres ganze» Zeitalters? Das macht: unser Zeitalter ist ein Zeitalter der Skepsis: Skepsis aber ist, auch wenn sie es nicht weiß. Materialismus. Der Skeptiker und der Materialist glauben beide nur an das Universum der Dinge, wissen nicht von der Wahrheit des Geistes: was sie aber mit dem Worte Geist zu benennen belieben, das. glauben sie, sei aus der Materie gewachsen, — aus ihren eigenen Gehirnen nämlich. Und doch sind die Wunder der Bibel, die sie so herzlich zu belachen misten, wohl nickst unglaubhafter und denkunmöglicher als ihr Wunder, wonach das Denken von der Materie produziert sein soll! Dreierlei macht das Wesen des Propheten aus: das Wissen um Gott, das Sprechen von Gott, das Leben mit Gott. Ihr Wissen ist ein so Unmittelbares, daß es, ohne Systematik und Methodik, hinüber schlägt in ihr Sprechen. Alle Worte der Sprache aber sind von den Dingen, von der Welt hergenommen, die Sprache kan»» den Geist nicht sagen. Daher sind alle Worte der Propheten gleichnishaft der Welt entnommen: Gott, von dem u. a. Maleachi sagt, er sei Vater aller Menschen — — das Wort Vater, das Wort Gott, das Wort Schöpfer, das Wort König, daS Wort Richter, alle diese Worte scheinen Dinge zu bezeichnen und meinen doch den Geist. Vom Geiste weiß der Prophet und kann ihn doch nicht sagen. Wir Heutigen aber, die wir vom Geiste nicht mehr wissen, finden die Worte der Propheten entweder unverständlich oder kindlich. Vielleicht der größte und lwcnn der Superlativ gestattet ist:j prophetischste Ausspruch des jüdischen Schrifttums: „Eheieih ascher eheieh“ (»Ich bin. was ich bin" nennt sich Mosis Gott) — unserem unprophetischen Zeitalter bleibt er unverständlich (denn m einer Erklärung darf ja, wie jeder „Gebildete" weiß, das zu Erklärende nicht Vorkommen). Wenn aber diese Gebildeien bei Mosis Wort sich nichts denken können, — dürfen sie daraus den Hvchmutschlnß ziehen. Moses habe sich selber dabei nichts gedacht?! Und wenn Propheten in ihrer Größe und Schlichtheit vom König aller Himmel geredet haben, -- darf unser unphilosophisches Zeitalter, das sich so stolz das Aufklärungszeitaltcr nennt, und doch noch nicht einmal über seine eigene Verwechslung von Philosophie und Wissenschaft aufgeklärt ist. ans der naiv-poetischen Ausdrucksweise der Propheten ans deren Kindernnd Köhleraberglauben schließen?! Jeder Verständige wird dies verneinen. Mer. werden einig« eiuwenben. wo bleibt bei den Propheten die Philosophie? Es ist richtig: Methodik und Systematik. wie bei den Philosophen, treffen wir bei den Propheten nicht au. Theismus, Monotheismus. Deismus, Pantheismus. Panentheismus, — all diese Wörter uuö Begriffe der Philosophen und Religionsphilosophen, alle methodische Spekulation und Konstruktion der Philosophie findet sich bei den Propheten nicht. Und die berühmten nnd beliebten „Probleme" unseres Zeitalters: die Frage nach dem persönlichen oder unpersönlichen Gott, nach der persönlichen oder „geistigen" Unsterblichkeit und waö dergleichen mehr ist, — alles dies wird in der Tat bei den Propheten nicht erörtert: die hebräische Sprache hat noch nicht einmal die Wörter für diese Begriffe. Aber nicht etwa, wie der Fehlschluß derjenigen lautet, die auf „modernes Denken" stolz sind: »veil die Propheten noch nicht so gebildet waren wie wir Modernen: sondern weil sie die Einheit ergriffen hatten, unmittelbar und unspetulativ. weshalb auch all ihr Sprechen unmittelbar »»»»spekulativ ist. Wie aber der Prophet die Einheit weiß, ganz ebenso der Philosoph. Der Philosoph bedarf, um Philosophie zu denken, seines ganzen Systeme? nicht: auch er denkt die Einheit. Prophetie und Philosophie sind Eines und das Gleiche, aber die AeußerungS- und Lehrweise der Philosophen ist anders als die der Propheten. Wir aber, die wir rvedcr Propheten noch Philosovheu sind, wir bedürfen der Belehrung durch beide. Das geisterfüllte Wort und Loben der Propheten soll uns znm Geiste erheben: dre wissenschaftmäßige Methodik und Systematik der Philosophen soll uns der Erkenntnis des Geistes so weit tmnähern. als Wörter. Begriffe und Konstruktionen dies vermögen. Moses gibt dem Gott der Bäter einen neuen Namen: Spinoza lehrt die wahre, von je bestehende unveränderliche Philosophie vermittels seines neuen Systems. Mit dem neuen GotteSnamen und mit dem neuartigen System lehren sie beide daS gleiche Eine, was alle wahren Propheten unalle wahren Philosophen als Las unveränderliche, objektiv vorhandene und erkennbare Eine Seiende gelehrt und gelebt haben. Gelehrt und gelebt, das ist wohl zn beachten. Denn das Ergreifen der Wahrheit ist nicht Angelegenheit des bloßen Verstandes, Gott wird nicht nur so gelegentlich einmal zur Kenntnis genommen, sondern die Erkenntnis Gottes beeinflußt, Lurchdringt, in o d i f t z i e r t unser ganzes Leben. Darum sind Philosophie und Gotteserkenntnis nicht bloße theoretische Konstruktionen, sondern vielmehr daS urgewaltig Praktischste für den Einzelnen wie für die menschliche Gesamtheit. (Ich drücke mich der leichteren Verständlichkeit wegen hier so aus und will nur. uM einem berechtigten Einwand vorzubeugen. in Klammern bemerken, daß ich natürlich genau weiß, wie falsch diese allgemein übliche Gegenüberstellung von Theorie und Praxis ist, da ja in Wirklichkeit die Praxis jedes Menschen nach der Theorie sich richtet, mag nun die Theorie bei dem Einzelnen in die Deutlichkeit des Wissens getreten sein oder nicht.) — Erkenntnis und Liebe, — wer von uns wollte entscheiden, ob die Lehre davon der Prophetie oder der Philosophie, Mose oder Spinoza zugehört? Sie gehört beiden zu. Erkenntnis und Liebe fordern und bringen alle unsere jüdischen Propheten: Erkenntnis und Liebe fordert nnd bringt unser Benedikt Spinoza. Religion, und natürlich auch unsere Religion des Judentums spricht die Wahrheit aus. Nichts daher verkehrter als das Tun des Zionismus, der diese Wahrheitserkenntnis binden will an eine nationale Gemeinschaft: nichts unverständiger als der Vorwurf, den der Zionismus gegen das religiöse Judentum erhebt, es wolle das Judentum zu einer Konfession machen. Konfessionen basieren auf Weltanschauungen: alle verschiedenen Konfessionen ans verschiedenen, aber doch gleicherweise abergläubischen Weltanschauungen. Die Religion aber, so wie Spinoza dieses Wort gebraucht, liegt weit hinaus über allen abergläubischen Unterschiedlichkeiten der Konfessiouei» nnd zugleich auch über der nur relativ richtigen Wissenschaft der Weltanschauung. Assimilation an das konfessionell-dogmatisch-abergläubische Denken ihrer Zeit ließ einst die Amsterdamer Juden Spinoza verfluchen. Assimilation an das materialistisch-skeptischungeistige Denken unserer Zeit läßt uns heute die Propheten verlachen. Daß wir aber überhaupt als Juden uns wissen, ist nur durch das Wort und die lebendige geschichtlickw Wirkung der Propheten. Und wenn wir nun heute uns selber als Juden und Spinoza als großen Inden rühmen, so mag uns das dazu dienen, durch ihn auch wieder in lebendige Beziehung zu den Propheten zu kommen. „Ob wir Spinoza zu den Unfern rechnen dürfen?", lautet die Frage der heutigen Tagesschriftsteller unter den Juden. Sie alle glaube»:, diese Frage besahen zu sollen, »veil doch Spinoza ein so berühmter Mann ist. Gut denn, »nöge die Frage immerhin mit Ja beantwortet werden. Aber machen wir dann anch Ernst damit und rechnen zugleich »ms zu Spinoza! Nur dann dürfen »vir Spinoza zum Inden rnachen, wenn »vir uns Inden auch zu Spinozisten »»rachen. Ganz ebenso dürfe»» »vir ja auch unsere Propheten nur Juden nennen, »venu wir gleich ihnen »mser Leben zn einern Leben der Gotteöerkenntnis urrd Liebe erheben und unseres Mose heißesten Prophetenwunsch erfüllen: „Möchte doch das ganze Volk ein Volk der Propheten sein!" Bei der Betrachtung Spinozas n»»d bei der Betrachtung der Propheter« ist schließlich auch des Mannes zu gedenken, der in heutiger Zeit, seit Generationen z»»»»r erster» Mal wieder, gewagt hat die Wahrheit zu »»en»»en und zn lehre»». Gegen allen Relativismus und Subjektivismus in der heutigen Philosophie bat Constantin Brunner das Werk Spinozas und die Lehre der Prophetie neu geschaffen. Weitab von der allgemeinen Ansicht, die Spinoza zmn „Begründer des Pantheismus" gemacht hat. zeigt Brunner, daß weder Pantheismus bei Spinoza, noch der landlällfige Theisinns bei den Propheten zn sinder» ist. Der echte Philosoph nnd der echte Prophet sind beide: Ansche haruach, Männer des Geistes. Ens constans iniinitis attributis — das Eine Seiende mit unendlichen Attributen ist Eheieh ascher eheieh, „Ich bin, was ich bin," Jahve echad, das Eine Seiende.! - Denedtctus de Spinoza und das Judentum Bon Willy Aron -Hamburg. Am Sonnabend, den 22. Februar, nachmittags drei Uhr. des Jahres 1877, schied Benedietus de Spinoza von der Erde. Zweihundertfünfzig Jahre sind dahingerauscht und die Worte des „düsteren haberhabenen Bannfluches -er Amsterdamer jüdischen Gemeinde" „Gott möge seinen Namen unter dem Himmel austilgen" haben sich nicht erfüllt. Nachdem sein Name und Andenken fast einhundert Jahre in Dunkelheit, in Fluch rrnd Vergessenheit geraten war, nachdem diese fast einhundert Jahre nach seinen» Tode vorüber waren, »nutzte Lesstng kommen nud ihm sein« Auferstehung bereiten in der bitteren, doch zuversichtlichen Erkenntnis, daß „die Leute doch immer von Spinoza »vie von einern toten Hunde reden". Das war irn Jahre »1785. Und 1881 ist Spinoza, nachdem Herder und Schleiermacher sich zu ihm bekannten, Goethe erschienen, „der als Verfasser von Werther und Faust nicht den Dünkel gehegt, einen Mann vollkommen zu verstehe»», der als Schüler von Descartes durch mathematische und rabbinische Kultur sich zu dein Gipfel des Denkens hervorgehoben. der bis auf den heutigen Tag »roch das Ziel aller spekulativen Bemühungen zu sein scheint". („Dichtung und Wahrheit", Vierter Teil, sechzehntes Buch.) Urrgeheuer ist der Einfluß, den seitdem Spinozas Denksystem ans die gesamte abendlündiche Kulturwelt gewonnen hat. Nicht weg« zndenkcn ist er ans den Wissenschaftsgebieten und LebenSbereichen der Religion. Philosophie, Mathematik, Physik. Chemie. Psychologie. Medizin und Politik. Dichtung und bildende Kunst verdanken ihn» mächtige Impulse. Im dritten Buch seiner Sämtlichen Werke (18861—63 Hbg.) in» Abschnitt über Kant und Hegel sagt Heinrich Heine: „Die Lehre des Spinoza hat sich aus der mathematischer» Hülle entpuppt und umflattert uns als Goethesches Lied." „Alle unsere heutigen Philosopher», vielleicht oft ohne es zn wissen, sehen sie durch die Brillen, die Baruch Spinoza geschliffen hat." („Ueber Deutschland, die Romantische Schule.") In einer größeren Arbeit, die Verfasser dieses geschrieben, weist er »vissenschastlich Spinozas Einfluß auf das abendländische Denken nach. Au dieser Stelle wollen wir Spinoza und fein Verhältnis zum Judentum darstellen. Es ist bekannt, daß Spinoza das Judentum als Offenbarungsreligion angegriffen hat. Aber nimmer hat er seine hohe Ethik nnd vor allem die hehre»» Lehren der jüdischen Propheten herabgesetzt. Ihre Lehre»» hat er den Völkern »»»itgeteilt. und die erhabensten Sentenzen und Sprnchweisheiten hat er dem Talmud und kabbalistischem Schrifttum entnommen. Der Satz seiner Ethik „der Lohn der Tugend ist die Tugend selber" ist der fast gleichlautende Satz des Ben Asai in de»» „Sprüchen der Väter". Die Definitionen seines Gottesbegriffs hat er fvr»nuliert aus den J»»halten, die hierüber im Svhar vorhanden sind. Eine fundamentale philosophische Wahrheit der jüdischen Metaphysik hat er seiner Ethik einverlciüt und diese Idee durchgeistet sie durch alle fünf Teile. Es ist ein Satz des alten Jbn Esra, de»»» er, »vie er irr seiner»» Theologisch-politischen Traktat eingesteht, vieles verdankt, »mb der znm 1. Buch Moses, Kap. 18, Vers21 lautet: „Das ist die Wahrheit: Das Ganze erkennt jeden Teil auf dem Wege des Ganzen und nicht auf dem des Teils." Ganze Teile des theologisch-politischen Traktats sind ohne den „More Nebuchim" des Maimonides nicht z»l denken. Die mittelalterlicher» Denker Chasdai Kreskas nud Levi ben Gerson sowie Leone Ebrev. der Sohn des Don Isaak Abrarba»»ell, haben Spinoza entscheidend beeinflußt. Spinoza hätte nicht gebannt zu »verde»» brauchen, das »st eine Einsicht. die sich in allen denkenden Kreisen imrner »nehr Bahn bricht. Sei»»e Ausstoßung ist nur vorn historischen Gesichtspunkt auS zu verstehen, aber airch nicht zu rechtfertigen. Die orthodoxen Kreise in»» den Wohlgemnthsrhcn „Ieschurne" haben -vor etwa zwei Jahren dnrch Dr. Moses Auerbach ht einer historischen Arbeit zürn Arrsdruck gebracht, daß es sie mit ewigem Schmerz erfüllt, daß Barnch Spinoza, der der Welt und den Völkern durch seine Ethik so viel gegeben hat, außerhalb unserer Reihen steht. Aber schon um 1786, also nach feinem Tode, ging „an die Freunde Lessingö" eine Kundgebung *) Zu Spinozas Bibelkritik vergleiche »»»an den Aufsatz von Leo Strauß „Zur Bibelwissenschafk Spinozas und feiner Vorläufer", in »velchem außer Spinoza besonders Maimnni und Ariel da Eosta berücksichtigt sind: zu finde»» im „Korrespvndenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums", 1926, 7. Iahrg., S. 1 sf. Skizzen aus Paris. II. Besuch bei Heinrich Heirre. Seit zwei Tagen »st Frühling in Paris. Ein herber, scheuer Frühling zwar, aber die Luft ist dunstig von Sonnennebel. die Boulevard-Flaneure sitzen vor de»» Cafes in» Freien, unbekümmert, ob die kleinen Oefchen brennen, das Studentenlied „c'etait au Luxembourg, oü j’ai fait sa cormaissance“ ist nicht mir als Gassenhauer, sondern als Geständnis eigener Erlebnisse aktuell: Kinder sieht »nan kn den Parks und Blumen ans den Straßen — wie hat »nan alles beides entbehrt —, »»nd .Paris ist unsagbar schön. Ich traue de»n neuen Glück, d. h. dem Wetter, »»och nicht so ganz, und gierig — vor eine»»» Amschlag —. den vollkommensten Genuß zu haben, steige ich zum Montmartre, zur Kirche 8aere coeur hinaus, um ganz Paris vor »nir zu sehen. Aber jede Aussicht »vird verschluckt von der dunstig gleißenden Sonne. Zu viel Sonne! Welche Freude, dieses „zu viel" konstatieren zu können. Eine große, graue Katze streicht »»»»» »»»ich, vor Behagen schnurrend und streckt sich auf den »varmen Steinen. Sie nimmt königlich und selbstverständlich die Gaben von Licht und Wärme: denn sie ist ohne Kalender und weiß nicht, daß der Januar gemeinhin nicht solche Geschenke zu machen pflegt. Wie bezaubernd ist diese Stadt mit ihren Durchblicken, ihren Gärten, ihrem heute blauen Fluß, ihren Hügeln und Lichtwirkungen. Wie viele glühende Liebhaber hatte sie schon aus allen Ländern: ob sie nun aus dem Norden gekommen, Spanier. Russen oder Deutsche waren. Deutsche — einen weiß ich. der hat über sie seine Heirnat fast vergessen, und nur nachts packte ihn das rasende Heimweh. Am Tage aber lachte ihm und lockte ihn Paris, faszinierte ihn, Heinrich Heine, den ersten wahrhaften deutschen Kosmopoliten, die darnalS schon internationale Stadt. Nun ruht er auf dem Friedhof Montmartre, neben ih»n geht daS Leben von Paris weiter. Am Tage dringt das Brausen der nahen Straße zu ihm, geht der langgezogene melodische Sang der Händler über ihn roeg, und des NächtS feiern Menschen, 100 Meter von ihm entfernt, daß sie iung oder reich oder lasterhaft sind. So nahe liegt dieses Grab dem Leben, den» wilden, tollen Leben, das Heine geliebt nnd gekostet hat. Viele Blumen lenken den Blick auf seine Ruhestätte: niemals sah ich sie ungeschrnückt — und selbst im Krieg hat das Blumenhaus, sonst von der „Frankfurter Zeitung" mit tzer Pflege betraut, auf eigene Kosten trotz Chauvinismus den häßlichen Stein mit Blurnen bedeckt. Man müßte einen Blumenhügel aufschichten, um so das Monument im gut. gemeinten, aber schauerlichen Jugendstil im Auftrag der Stadt Wien von dem dänischen Bildhauer Hastelris errichtet, in lebendigem Schmucke zu verstecken. O Freund Heine, wenn du auch »nanches Porzellanblümche»» in deinen» große»» süß-d»»fteuden Liederstrauß hin eingeschmuggelt, »venn du auch »nanches ranzige Oellämpchen statt der hellen Geistesflamme entzündet hast — — die künstliche»» Kränze aus Gips und Papier, die altchristlichen Totenlämpcheu mit Rokokoschnörkeln verdientest di» »vahrlich dar»»»»» doch nicht. Nicht verdient hast du ferner, wütender Kämpfer gegen St. Bürokratis, das Schild, das einzige auf alle»» Friedhöfen Paris', das u» beschämcndcr Weise anzeigt, daß hier ein Deutscher ruht: „Es ist bei Strafe strengstens verboten, ans den Grabstein zu schreibe»», ihn abzuzeichnen oder zu photographicrell." Und dar»»», »ver begann die häßliche unlächerliche Sitte, die Visitenkarte abzuqeben? Ehrt »nan mit dieser Farce einen Toten? Oder soll das eine Handluna irn Heineschen Sine sei»»? Arme Epigone»», denen zum Geist nicht nur der Verstand, sondern aüch das Herz fehlt. Doch »vas schiert cs ihn? Seine Verse, in den Stein gehauen, geben darauf Antwort: „Wo wir!» einst -cs Wandevmüden Letzte Ruhestätte sein? Unter Palrnen in dem Süden, Unter Linden an dem Rhein! Werd ich wo in einer Wüste Eingeschcrrrt von fremder Hand Oder ruh ich an der Küste Eines Meeres in den» Sand. Immerhin! Mich» »vird umgeben Gottes Himmel dort wie hier, Und als Totenlampen schweben Nachts die Sterne über inir." Weit »rnd blau spannt sich „Gotteshimmel" über chm. und »veich und mütterlich umschließt ihn die Erde, von deren Elernentarkraft er trotz mancher Verzerrung etrvas besaß. Noch nach 70 Jahren ist er uns nah, bekämpft »vie »venige. Bis heute setzte man ihn» kein Denkrnal im denkmalfrendigen Deutschland. Uebrigens hat »nan »vieder gerade die Absicht, wälzt Pläne . . . Und »venn sie vereitelt »verden — sv freue dich, du Hnndert-Seelen-Mensch Heine, denn wer bekämpft wird, lebt! Trude Rosenthal (Paris). IL B. M.. Kap- 23» Vers 28. In der Schrifterklärung des „Israelit" von» 2. Februar 1927 zu Thrumoh besaßt sich Herr Rabbiner Dr. Klein in Berlin mit der Erklärung und Ueberfetzung des Schlußteils von Vers 28» Kap. 26. Er übersetzt wenisso wora es haschulchon: man hebe durch sie den Tisch. Freilich spricht er nicht vvn einer Ueberfetzung. sondern er sagt: „Das wenisso bedeutet usw." Um feine Annahme zu rechtfertigen, fügt er hinzu: „Die Form des wenisso bereitete schon die alten Erklärer» Schwierigkeiten. Wenn wenisso die passive Form von noso sein soll, wie Raschi z. St. erklärt, so ist das es überflüssig und sprachlich auch kann» zn rechtfertigen. Das wenisso scheint eher Piel zn seil» . . ." Diese Rechtfertigung ist irrig. Lasten »vir zunächst ei»»»nal die alten und älteren Ucbersetzer sprechen. Die älteste Ueberfetzung der Tauroh, die Septuaginta, faßt wenisso als Passiv a»»f nud übersetzt: arthäsetai en aulois hä thrapeza. Die Targumim halten cs für ein Aktiv und übertragen: „wiihaun natlin behaun. Man trage mit ihnen nslv." Es ist historisch verständlich, daß die syrische Uebersetzung ihnen folgt. Targirmin» nnd Peschittho sagen uns also, daß man sehr lange i»n Indent»»»»» das Wort wenisso als eilt Aktiv ansfaßte, so daß zu übersetzen wäre: man trage mit ihnen den Tisch. Nun können »vir zwar Raschi ans dem Gebiet der Grammatik nicht immer folgen, wenn auch der geniale Schrifterklärer zumeist die Formen richtig analysiert und öfter die Behauptungen der damals iu seiner Umgebung anerkannten Grammatiker als falsch nächrveist. (2. B. M. 3»«.) Es dürfte aber doch sehr ins Gewicht fallen, daß er hier — »vie ja auch an anderen Stellen — nicht mit den Targumim übereinstimmt, sondern »vie die Septuaginta, die er »vohl kaum gekannt hat. übersetzt. So ist es denn auch bei der bekannten Abhängigkeit Luthers von Raschi nicht weiter verivunderlich. daß sich auch an dieser Stelle Luther als ein Schüler Raschis erweist. Ihnen schließen sich dann, u»n vor» neueren Uebersetzungen einige zu er»väl»nen, die jüdische von Zrrnz und die christliche vor» Kautzsch an, Philippsohn dagegen zieht die Ansicht der Targumim vor. Die Ueberfetzung ist. »vie hieraus zn ersehen ist, kontrovers, da die For»n an sich keine Lösung bietet. De»»»» sic kann sowohl Piel »vie Niphal sein. (Ainos 42, Ies. 395). Der Verfasser folgt also der Reihe der Uebersetzungen, die mit dem Targum beginnen. Die andere Kette »vird gekennzeichnet durch Septuaginta, Rasch». Luther, Znnz, Kautzsch. Die Frage der Entscheidung ist also für den Einzelnen offen gelassen. Nur »vird man wohl besser Las Verbum tragen verwenden, da eS sich ja nicht nur um ein Heben, sondern nn» ein Fortbewege»» handelt. Nicht unwidersprochen dagegen darf die oben angeführte Begründung bleiben, die der Verfasser für seine Entscheidung ins Tressen siihrt. Wäre dieser Einwand stichhaltig, dann hätte Raschi ihn schon erhoben. Daß der große Kommentator in seiner kristallhellen Klarheit es nicht tat. im Gegenteil in seiner Erklärung, die besonders knapp unpräzis gehalten ist, es für notwendig fand, die nota accus, zu rviederholen. hätte den Verfaster warnen sollen. Raschi erkennt damit die Forrn als gut biblische an. Denn tatsächlich beiveisen eine große Anzahl Stellen der Thauroh, daß eine solche Konstruktion nicht ungewöhnlich ist. »n der das Objekt der aktivistischen Konstruktion im Akkusativ untergeordnet ist. Wir haben es hier mit einer dem hebräischen Sprachgeist eige»»tümlichen Konstruktion zu tun. Sogar die Bibelkritiker haben hier einmal nichts zu kritisieren, i

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.