Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 7 (18.2.1927)
- Date
- 1927-02-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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WischÄerakZeilmg Organ -er Veretnkgung für das liberale Ludentum e. D. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle »/« jährlich M.2L0 Einzelnummer 0,20 Lei freier Zusendung u Inland 0,25 Mr die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis 'm Milgliedsbeilrage enlhallen. :: n u Verantwort!. Redakteur. Bruno Doyda Nr. 7 Berlin, 18. Februar 1927 7. Jahrgang Die „Jüvlfch-Udorole Aettung" erscheint jeden 5rettag. Nedaktlon u. SsfchüttssleNe: Vvrlin 8W, Wllfrelmftr, 147. Fernruf: Bafent>eiÖe 3358, 3359 Poftfd)«<kkonto: Berlin nW7 Nr.irrooo CVt«Inlgung für Da» liberale JuDentum NacftBrudt fflmtl((f)*v Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung ber KeOahtlon geftattet. Anzeigenpreise: Die 12gespaltene Nonpareillezeile 0,45 Goldmark, die Riklamezeile 3,00 " Diederholungen Rabatt. i Goldmark, bei Anzeigenannahme: Inseratenabtellung: Berlin St__ (Kafenheide: 3388—59). sowie fämtl. Annoncen Mdisch-liberale Zeitung. »D48. Dilhelmftrahe 147 Baruch Spinoza. Spinoza. Bon L. B a e ck. Seine Gemeinde hatte Baruch Spinoza aus ihrer Mitte cmsgestoßen, aber die große jüdische Gesamtheit erkennt ihn stolz als ihren Sohn. Sie blickt aus ihn hin nicht allein wie auf Blut von ihrem Blut, sondern auch als auf Geist von ihrem Geiste. Nicht mit seinen Gedanken, aber mit seinem Denken gehört er ihr zu, wie sehr auch mit gutem Grunde einst ein Moses Mendelssohn und später ein Hermann Cohen vom Judentum ckUs. gegen seine Philosophie und seine Theologie den vestimmten Wideri'pruch erhoben haben. Cs ist dennoch das Jüdische in ihm. Das Zu-Eude- Denteu, das ihn kennzeichnet, zeigt es zunächst, dies dem Judentum und dem jüdischen Wesen Eigentümliche. . Sein System stellt den Bersuch dar, einen Gedanken, den des Gesetzes und seiner Einheit, bis zur letzten Konsequenz hin, und auch in der letzten Starrheit, zu entwickeln. Wenn es ihm auch nicht gelungen ist, da», was dieser Konsequenz ihr Recht geben würde, die Geschlossenheit der Gedanken, zu erreichen, wenn, wie mit Fug gesagt worden ist, die vertikale Konsequenz hier die horizontale verhindert, so hat er doch die gMige Entschiedenheit und Kraft besessen, die Rich- Mug, die er zeichnete, bis zum äußersten festzuhalten. ULMifolhaft' liegt darin ein Jüdisches. Es ist so die Weise des Sehers der messianischeu Idee, der den Weg, der gefordert ist, bis zum letzten hin gebietet, und es ist so die Methode der TalmndisLen auch, der die Satzimg, die gegeben ist, bis in die letzte Möglichkeit binsühren will. Diese Energie und dieser Ernst des Denkens, dieses Zu-Ende-Denken, ist siir den jüdischen Geist charakteristisch. Spinoza ist hier der Jude. Auch das andere, das im Jüdischen hiermit verbunden ist, hat Spinoza als sein eigen gehabt: das Zn- Ende-Handeln. Sein Leben war in der Uebereinstimmung mit seiner Lehre. Wie sein Denken, seine lÄvigkeit, war. ganz so war sein Dasein, das Gefüge seiner Tage. Man möchte geneigt sein, dies, wenigstens als Aorderuttg, von vornherein als ein Selbstverständliches anzusehen Die Geschichte des Denkens zeigt, daß es nicht immer so gegolten hat. Ein Mann, der freilich die Paradoxie auch in der Selbstdarstellung liebte, Schopenhauer, hat erklärt, es sei ebensowenig nötig, daß der Philosoph ein Heiliger als daß der Heilige ein Philosoph sei, so wie es nicht nötig wäre, daß ein großer Bildhauer auch selbst ein vollkommen schöner Mann oder daß ein vollkommen schöner Mann ein großer Bildhauer wäre. Was er mit Gründen beweisen wollte, haben andere Denker in ihrem Tun dargelegt. Großen Gedanken hat nicht oft eine Größe des Lebens entsprochen. Spinoza ist einer der wenigen, dessen Philosophie auch Leben bedeuten sollte, dessen Leben auch ein Werk ist, das er geschaffen hat; er hat hierdurch auf die folgenden Zeiten nicht minder gewirkt als durch seine Lehre. Hierin auch ist sein Jüdisches. Dieses Zu-Ende-Handeln, dieser Ernst gegenüber sich selbst, dieser Wille'zum Martyrium ist für das Judentum immer kennzeichnend gewesen. Spinoza, „der Weife", ist nicht sowohl der Stoiker, als vielinehr der Jude. : Diese Entschlossenheit des Lebens ist Ausdruck der inneren Einheit des Menschen, wie sie das Judentum fordert, der Ganzheit, durch die er „ganz sein soll mit dem Ewigen, seinem Gvtte", daß also fein Leben seine Wahrheit sein soll. Durch die Einheit Gottes ist diese Einheit des Menschen hier gefordert, lind der Einheit Gottes ist entsprechend die Einheit des Alls, das er geschaffen hat. Alles Irdische ist hier aus ihn, den Schöpfer, bezogen, alles Bergängliche auf ihn, den Ewigen. Alles, was geworden, empfängt seinen Sinn durch ihn, der es werden ließ. Alles Gesetz und Gebot ist Gesetz 'und Gebot, das von ihm ausgegangen ist. Die Welt und den Menschen erkennt mir" der, welcher begreift, daß sie des Ewigen find, sein Werk und seine Bestimmung. Diese Einheit von Gott her gibt allem seine Bedeutung. Sv bat es in seinem Grunde auch Spinoza gelehrt, so ist es das Prinzip seines Systems. Auch für ihn ist alle Erkenntnis Gotteserkenntnis und alles Denken darum Weisheit und Sittlichkeit, alle Philosophie in ihrem ErgebuiS Ethik. Sein, oft wiederholtes, Wort, daß man zu erkennen vermöge, nur wenn man sub soecie aeternitatis. ans die Ewigkeit hin bezogen, aus Gott hervor, .erfasse, ist ein Wort, das sein echt Jüdisches bat, das die Einheit meint, wie sie der Monotheismus des Judentums besitzt. Auch hier ist Spinoza der Jude geblieben. Mannigfache Linien führen von der mittelalterlichen jüdischen Philosophie zu Spinoza hin und geben manchen Zügen seiner Lehre die jüdische Herkunft. Aber wesentlicher, als sie sind, ist der jüdische Charakter seines Geistes, die jüdische Seele seiner Perjönlirf fei* Zum Gedächtnis B. de Spinozas. Bon Ilniv.-Prof. Dr. Walter Kinkel. Gießen. In seinem Spinozabüchlein vom Jahre 1785 gab der Glaubensphilosoph F. H. Jacobi Kunde von einer Unterredung, die er mit Lesung gehabt hatte, und in der sich dieser zu Jacobis größtem Erstaunen und, man darf wohl sagen: Aerger, als Spinozist bekannte. Herder verehrte in ^Spinoza einen edlen Gottsucher, Goethe, der mit Frau von Stein gemeinsam Spinozas Ethik las, wird nicht müde, den wohltuenden und beruhigenden Einfluß, den er von den Schriften Spinozas erfahren, zu preisen,- und der evangelische Theologe der Romantik, Schleiermacher. hat in seinen „Monologen" unserem Weltweisen ein begeistertes Denkmal errichtet. Nicht immer genoß Spinoza solche Verehrung und solches Ansehen. Zu seinen Lebzeiten ward er von seinen Glaubensgenossen aus der Mitte ihrer Gemeinschaft auSgestoßen. den Christen des 18. Jahrhunderts galt er bis auf Lessings Zeiten als der Heide und Atheist schlechthin — derselbe Mann, den später der Theologe Schleiermacher mn seiner Frömmigkeit willen gepriesen hat'. Zweihnndertundsünszig Jahre werden am 21. Februar 1027 vergangen sein, seitdem Beneöictns de Spinoza von dieser Erde schied. Eines Mannes zu gedenken, der so die Geister bewegt, so entgegengesetzte Beurteilung erfahren hat (— und noch heute erfährt: wie ihn denn z. B. der Philosoph Windelband ebenso gepriesen hat sin seinen Präludien). wie ihn ein Rvstvcker Professor tadelte —), scheint mir Pflicht zu sein. Zweifellos müssen in seinen Schriften Stoffe der geistigen Gährnng, Werte und vielleicht auch Unwerte enthalten sein, die der Zeit Trotz bieten. Das Hauptwerk des Spinoza ist seine Ethica ordine geomelrico deraonstrata, in welcher er in fünf Abschnitten handelt: „Bon Gott": „lieber Ursprung und Natur des Geistes": „Ueüer Ursprung und Natur der Leidenschaften": „lieber die menschliche Unfreiheit oder über die Macht der Leidenschaften": „Ueber die Kraft des Intellektes oder über die menschliche Freiheit." Es muß sogleich gesagt werden: Spinoza ist kein restlos moderner Denker: er steht recht eigentlich mitten zwischen Mittelalter und Neuzeit. Durchaus bezeichnend ist es in dieser Hinsicht, das; er seiner ganzen Lehre den Begriff der absoluten Substanz oder Gottes znm \ Grunde legt. Dies war das Charakteristikum der Philosophie und Weltanschauung des Mittelalters: der Mensch fühlte sich abhängig, gebunden und bestimmt durch ein absolutes Sein, eben das Sein GotteS. Gesteht es dem Menschen Willenssreiheit zu, io ist sie ein schlimmes Geschenk: die Freiheit, zu sündigen. Im allgemeinen leugnet man aber die Willensfreiheit ganz konsequent. Und auch hierin gehört Spinoza noch dem Mittelalter an. Indessen hat sich bei ihm doch eine charakteristische Wandlung vollzogen, die man nicht übersehen darf und die ihn der neuen Zeit verbindet! sie ist ausgesprochen in der Wendung: Veu8 sive natura. Gott oder die Natur. Die Notwendigkeit des Seins, die den Menschen bindet, ist aus dem Jenseits ins Diesseits gewandert: die Gesetze der Natur selbst sind es. denen sich auch der Mensch lügen muß, aber diese Gesetze sind die Gesetze des göttlichen Verstandes, der mit seinem Witten, dem Witten Gottes, identisch ist. So sehr tritt der Gedankt des göttlichen Absoluten, der Gott-Natur, in den Mittelvnnkt des Svstems, daß darüber das einzelne Wesen, sei cs Ding oder Mensch, ganz verloren zu gehen scheint. Ans dem SSeien Gottes, aus seiner Natur folgt alles, wie ans der Natur des Dreieckes folgt, daß seine Wiukelsnmme gleich zwei Rechten ist Da scheint in der Tat für die Freiheit kein Plav zu sein, und alles einzelne Sein verschwindet, wie man steht, in der alles beherrschenden Gesetzmäßigkeit. Wenn man dem Stein, den der Knabe geschleudert Hot, im Augenblicke seines Fluges Bewußtsein verleihen könnte, w würde auch er meinen, freiwillig einem bestimmten Ziel znzustrcben Dieser Stein symbolisiert unser Leben und Handeln Wenn daher Spinoza nun dennoch jagt: „jedes Einzelwesen hat das Bestreben, sich im Dasein zu behaupten," so soll in diesem Bestreben keine Freiheit liegen: es muß so handeln, dies macht seine Natur ans. Dennoch kennt Spinoza auch einen Begriff der Freiheit. Wer nämlich die Welt unter dem Gesichtswinkel der Ewigkeit betrachtet, der wird frei. Erkenntnis ist Macht: wenn daher der Mensch seine Erkenntnis verengt, indem er bei der einzelnen, sinnlichen Erscheinung beharrt. der ist unfrei: er wird zum Sklaven der Dinge, die ihn bestimmen: diese Erkenntnis ist rein passiv. Höher wird schon der Mensch auf der Stufe der Freiheit emporklimmen, der die „Attribute Gottes", der, mit anderen Worten und in etwas freier Umschreibung gesagt, die Naturgesetze erkennt: in ihnen gewinnt er Macht über das sinnliche Sein der Erscheinungen. Aber auch so bleibt der Mensch noch im tiefsten Wesen unfrei: erst wenn er sich selbst als einen Gedanken Gottes erkennt: wenn er die Notwendigkeit des ganzen Weltalls, der Gott-Natur, gleichsam in seine Seele aufnimmt, wird er wirklich frei. Er wird dann Glück und Leid verachten lernen und auch die Handlungen der anderen Menschen ansehen, wie wenn es sich um Linien oder Zahlen handelte, die er mathematisch erkennen sollte. Vollkommene Notwendigkeit ist eins mit vollkommener Freiheit, Erkenntnis Gottes läßt uns am Absoluten teilhaben. Die intellektuelle Liebe zur Gott-Natur ist die letzte Erlösung, deren der Mensch fähig und bedürftig ist. Diese Gedanken, die wir hier nur andeuten konnten, wirken bei Spinoza infolge der Geschlossenheit der Darstellung und der gebändigten, verhaltenen Leidenschaft, die in den Worten zittert, hinreißend und überredend. Unsere Kritik muß dennoch den Schein ihrer Wahrheit zerstören. Kant hat den doppelten Fehler Spinozas erkannt und überwunden: er zeigt einmal, daß es nur ein dialektischer Schein ist, wenn wir glauben, das Absolute, die Idee Gottes oder des Weltganzen zu besitzen, zn erkennen uild inhaltlich bestimmen zu können. Die Idee ist unendliche Aufgabe, deren Lösung wir uns in der unendlichen Zeit annähern, die wir aber nie restlos erreichen können. Damit ist ferner aber auch die Jnemssetzung von Gott und Natur aufgehoben: der Pantheismus, die Vergöttlichung der Natur, wie sie in der „Ethik" Spinozas enthalten ist, ist reizvoll und zieht den Künstler an: vor der Kritik der Wissenschaft hält sie nicht stand. Kant hat dennoch der Freiheit wieder zu ihrem Recht verholsen, indem er zeigte, daß weder die Natur als Objekt, noch das Subjekt selbst, uns als ein absolutes dingliches Sein gegeben sind, sondern daß wir beide aus den Tiefen der Erkenntnis in freier Tat erzeugen und konstruieren müssen. Wir haben indessen bisher nur eine Seite der Philosophie Spinozas berührt. Wenigstens kurz gedenken müssen wir doch auch seiner Verdienste mn Politik und Religion. Er hat die naturrechtliche Lehre vom Staatsvertrag mit neuem Geist erfüllt: er ist recht eigentlich zum Begründer der modernen Bibelkritik geworden"). Indessen würde, es zu weit führen, wollten wir diese Probleme hier näher bei)nuueui. Von Spinoza geht der Weg zn Kant: nicht Spinoza, sondern Kant ist der Führer für uns moderne Menschen. Aber wenn man das auch einsieht, so ist doch damit der Bedeutung Spinozas kaum ernstlich Abbruch getan. Er hat eine bestimmte Form wissenschaftlichen und weltauschaulichen Denkens in vorbildlicher Weise dargestellt: Die Auseinandersetzung mit ihm wird daher jedem zur Pflicht, dem es mit der Philosophie ernst ist. Propheten und Philosophen. Znm Gedenken an Benedikt Spinoza. Von George G o e tz. „Ich bin der Ewige und bin erschienen Abraham, Isaak und Jakob als der Allmächtige Gott: — aber mein Name Jahve lDas Seiende) war ihnen nicht bekannt," so vernehmen wir das Wort MofiS. des Propheten. „Ich erhebe nicht den Anspruch, die beste Philosophie ersonnen zn haben, sondern ich weiß nur, daß ich die wahre erkenne", so schreibt Benedikt Spinoza, der. Philosoph, dem bekehrnngssüchtigen Albert Burgh. Es ist der alte Gott, es ist die alte Wahrheit, die von beiden gelehrt wird, von Propheten und voll Philosophen. Moses war ein „über die Maßen sehr geplagter Mann", ja, keilte Geringeren als Goethe und (wie mir zuverlässig bekannt: unabhängig von ihm) Constantin Brunner vermuten, Moses sei irr der Wüste von seinem eigenen Volke umgebracht worden: Spinoza ward in den Baun getan. Nachher wurde der geplagte Moses, wider den seilt eigenes Volk gemurrt hatte, „unser Lehrer": und auch Spinoza ist nun glücklich znm „berühmtesten jüdischen Philosophen" befördert worden. Wer aber in Ergriffenheit und Ehrfurcht, vor den großen Männern der Geschichte, diesen heiligen Gefäßen des Geistes, steht, wird der Ansicht sein, daß nichts ankommt auf das Avalrcemcnt. welches wir Menschen den Großen angedeihen lassen, daß vielmehr alles ankommt aus die Frage, ob wir selber unter der Leitung der Großen zn avancieren oerin ögen. Soll ans dem heutigen Spinoza-Jubiläum praktischer Nutzen für uns entstehen, so müssen wir uns Spinoza nähern um der Wahrheit willen. Spinoza darf uns nicht znm Aushängeschild werden, daß wir Inden uns um Spinoza herum machen, bloß weil er ein berühmter Jude ist. Damit würden wir nur uns selber, unfern Egoismus und unfern jüdischen Kollektiv-Egoismus suchen. Dem aber wahrlich Benedikt Spinoza nicht hat dienen wollen, da er vielmehr der Wahrheit hatte dienen wollen. Und nur dann ehren wir tftit anläßlich seines heutigen 250. Todestages, wen» wir sein Werk ehren. Dieses Werk aber ist nicht Berherrlichuug des Judentums. sondern umgekehrt das prophetische Judentum und Spinozas Werk sind Verherrlichungen der Wahrheit. Propheten und Philosophen lehren beide das gleiche Eine, wie die eingangs zitierten Aussprüche Mosis und Spinozas *