Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 6 (11.2.1927)
- Date
- 1927-02-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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die Aufgaben -es Verbandes durch Bereitstellung von Mitteln für Besiedelung und Selbständigmachung. Der amerikanische Joint hat zu wiederholten Malen der dortigen Darlehnskasse erbebliche Mittel überwiesen. Bedauerlich sei nur, daß, infolge der polnischen Gesetzgebung, ein erheblicher Prozentsatz Analphabeten unter den Handwerkern sich befinden. Er freue sich deshalb, Fühlung mit den deutschjüdischen Handwerkerkreisen zu bekommen. Dankbar würde er ein näheres kollegiales Verhältnis zwischen den beiderseitigen Verbänden begrüßen. In der nunmehr folgenden Rede des Herrn Louis Wolfs faßt dieser die Ausführungen des Herrn Rasner als instruktiver Natur auf und glaubt, einen Vergleich deutscher mit polnischen Verhältnissen nicht ziehen zu können, da der Prozentsatz an Handwerkern in Polen ein weitaus größerer, teilweise bis zü 75 Prozent der jüdischen Bevölkerung ausmachender, ist und somit einen viel größeren Aktionsradius besitze. Solange die jüdischen Handwcrorganisationen in Deutschland noch nicht genügend in sich gefestigt sind, solange wir es nicht vermocht haben, daß der deutsche Handwerksmeister es für eine Selbstverständlichkeit halte, seiner Standesorgauifation anzngehören. ist noch ein so erhebliches Maß an Arbeit in nuferen eigenen Grenzen notwendig, daß es eine Zersplitterung der Kräfte bedeuten würde, wenn wir, trotz der bestechenden Ausführungen des Herrn Rasner, zu einer praktischen Zusammenarbeit mit ausländischen Organisationen übergehen würden. Selbstverständlich ist es, daß wir uns mit Menschen jüdischen Glaubens in aller Welt, besonders mit den uns fachlich nahestehenden, verbunden fühlen. Redner schlägt Gedankenaustausch durch gegenseitige Veröffentlichung geeigneter Artikel und jede mögliche ideelle Unterstützung vor. Im Schlußwort glaubt Herr Marcus als Pofitivum zusammensassend sagen zu können, daß alle Redner darin übereinstimmtcn, zunächst eine rein informatorische Verbindung mit den ausländischen Handwerkerorganisationen anfzunehmen. Berlin. (W e i t e r b e r a t u n g des I u d e n g e s e h e §.) Der vom Großen Rat des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden gebildete Ausschuß setzte die Durchberatung des Entwurfs eines neuen Gesetzes, betreffendie jüdische Religionsgemeinschaft in Preußen, unter dem Vorsitz des Herrn Justizrat Makower am 5. Februar und 6. Februar 1927 fort. In diesen beiden Sitzungen, die sich am Sonnabend bis 11" Uhr abends, am Sonntag, bis in den Nachmittag ausdehntcn, wurde die Angelegenheit erheblich gefördert. Sehr eingehende Erörterungen erforderten am Sonnabendabend wiederum die Bestimmungen des Gesetzentwurfes. welche die Bildung von Sondergemeinden der aus der Wohnsitzgemeinde Ausgetretenen, sowie die steuerlichen Folgen solcher Bildungen behandeln. Mehrere Paragraphen, welche die Staatsaufsicht und das Verhältnis des Staates zu den Smragogengemeindeu und deren Organen in feste Normen bringen, wurden angenommen. Am Sonntag wurden ehrgehende Verhandlungen über die Bestimmungen des Entwurfs geführt, welche die Selbstverwaltung der Synagogengemeinden und die Wahl ihrer .Körperschaften zum Gegenstand haben. Meinungsverschiedenheit bestand hauptsächlich über die Frage, inwieweit diese Bestimmungen in das Staatsgesetz oder in ein Verbandsgesetz ausgenommen werden sollen. Der Begriff „kleinere Gemeinden", bei denen nach dem Entwurf die Gemeindevertretung durch die Versammlung ihrer volljährigen Mitglieder ersetzt werden kann, wurde geklärt: es sollen diejenigen sein, die weniger als 150 Seelen umfassen. Die Bestimmungen, die sich mit den Gemeindeverbänden, den Zusammenschlüssen und ihren rechtlichen Folgen beschäftigen, wurden nach kürzerer Beratung angenommen. Ein Antrag, im Gesetz zu bestimmen, daß jede Synagogengemeinde einem öffentlich-rechtlichen Verbände angchören muß, fand nicht die Zustimmung des *<WH«schusses Zum Schluß wurde noch ein Antrag ange- .^ntzst»meu, nach dem der Verbandstag ersucht werden soll, Feststellung der Uebcrgangsbestinnnungeu für die neuen Provinzen Preußens l-Hannover, Kurhessen, Hessen-Naussau, Schleswig-Holsteins dem Großen Rat zu übertragen. Die zweite Lesung des Gesetzentwurfs wird am Sonntag, den 13. Februar 1927 stattfindcn. Berlin. (Oskar H a b e r c r 60 Jahre.) Am 16. Februar d. I. wird der bekannte jüdische Maler Oskar Haberer 60 Jahre alt. Haberer ist der Maler des Badischen Schivarzmalds. Er ging aus der Karlsruher Knnstgewerbeschule hervor und war einer der besten Schüler von Prof. Goetz. Neben anderen großen Auszeichnungen und Diplomen erhielt er im Jahre 1909 den Grand Prix der Vereinigten Staaten und 1910 in Brüssel die Goldene Medaille. Er hielt sich vor dem Kriege lanac Zeit im Auslande ans und war einer der talentvollsten Werber für deutsche Kunst. Führende ausländische Kunstzeitschriften brachten begeisterte Artikel über die Werke des badischen Künstlers. Haberer kehrte kurz vor Ausbruch des Krieges nach Deutschland zurück und lebt nun in Berlin seiner Kunst Bon Haberer mit Intarsien verzierte jüdische .Kultusgegenstände sind vielfach in Privatbesitz, einige seiner besten Zeichnungen jüdischer Töven und Skizzen aus dem jüdischen Familienleben befinden sich in der Kunstsammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde in der Oranienburger Straße. Ueber die jüdische Persönlichkeit des Künstlers schrieb kürzlich Dr. Ludwig Davidsohn in dieser Zeitung: „Ganz besonders liebenswerte, tief« und schöne Züge indischen Wesens sind in der Kunst Oskar Haberers vereint . . . Haberer ist Prototyp des Besten, das in der jüdischen Seele lebt . . . Nicht nur das deutsche Judentum hat allen Anlaß. auf diesen Künstler stolz zu sein! Verschiedene seiner Kunstschöpfungen sind von zeitloser Schönheit und werden sich — unabhängig von allen Modeströmungen und jeweilig herrschenden Richtungen — einen dauernden Platz in der allgemeinen Kunstgeschichte erringen." Berlin. (Amerikareise von Prof. Gretz'mann.) Der bekannte Berliner Alttestamentler wird im März und April dieses Jahres an verschiedenen Orten Nordamerikas Borträge und Vorlesungen halten. Die erste Einladung (durch Dr. Stephan Wise) erfolgte vom Bewish Inst, os Rel.. wo Professor Greßmann als erster christlicher Forscher des Kontinents spricht. Außerdem wird er in New Bork (am Union Thevlogical Seminary und in der Germanistischen Gesellschaft) und an den Universitäten Boston und Chicago Vorlesungen halten. Berlin. (Eröffnung der Neuköllner Zweigbibliothek.) Am Sonntag, den 29. Januar, wurde in Neukölln die zweite Zwetgbibliothek der Jüdischen Gemeinde Berlin eröffnet. Herr Oberbibliothekar Dr. Stern überbrachte die Glückwünsche der Hauptgemeinde, wies auf Zweck und Bedeutung der Neugründung hin und ersuchte um ihre Förderung durch die Neuköllner Brüdergemeinde. Als 1. Vorsitzender dieser Gemeinde übernimmt Herr Direktor Rotz die neue Institution mit Worten des Dankes. Er drückt die Hoffnung aus, daß die aus eigener Kraft zu > immer größerer Blüte emporgestiegene Brüdergemeinde, die seit Jahrzehnten die Trägerin des religiösen Lebens im Neuköllner Bezirk ist, unter der weiteren opferwilligen Mitarbeit der Vorstandsmitglieder sich zu einem kraftvollen jüdischen Gemeinwesen auch fernerhin entwickeln wird, sofern auch die Hauptgemeinde Berlin es an tatkräftiger Förderung nicht fehlen lassen wird. Herr Rabbiner Dr. Kantorowsky begrüßt die Neuschöpfung als ein wertvolles Mittel, durch jüdisches Wissen zu neuem jüdischen Leben zu gelangen, da es heute weiten Kreisen nicht sowohl an jüdischem Willen als an den erforderlichen jüdischen Kenntnissen. gebricht. Er will die Jugend sowie die örtlichen Organisationen zu regster Benutzung der Bibliothek heranzuziehen bemüht bleiben. Als Bibliothekar übernimmt Herr Kantor und Lehrer Schreiber die Bibliothek mit dem Versprechen. sie treu nnd gewissenhaft zu verwalten. So ist das Neuköllner Gemeindeleben um einen schönen neuen Zweig bereichert worden. Berlin. (Von der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums.) Die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums E. V. hält ihre diesjährige Hauptversammlung am Mittwoch, den 23. Februar 1927, abends 8 Uhr. im Brüderverein, Berlin W 62, .Kurfürstenstraße 115/118, ab. Herr Rabb. Dr. Kober, Köln a. Nh. wird über das Thema: „Bon den ältesten jüdischen Grabstätten in Deutschland, ihrer archäologischen und geschichtlichen Bedeutung" (mit Lichtbildern) sprechen. Der auch für einen weiteren Kreis sehr interessante Gegenstand des Vortrages wird sicher zahlreiche Mitglieder veranlassen, der Hauptversammlung beiznwohnen. Gäste können eingesührt werden. Berlin. (Freie jüdische B o l k s h o ch s ch u le.) In einer Svnderveranstaltung der Freien jüdischen Volkshochschule am 6. d. M. in der Schulaula der Synagoge, Rykestraße rezitierte nach einleitenden Worten des Herrn Dr. Joseph Lehmann Herr Gad S h e l a s o vom Staatstheater Berlin einige Abschnitte aus der neuen Bibelübersetzung von Vuber und Nosenzweig, unter anderem das Schöpfungskapitel, den ersten Sündensall, Joses und Potivhar: überaus wirksam wußte er die Erzählung von Jakobs Segen und Abschied von seinen Söhnen zu gestalten. Besonders bemerkenswert und eigenartig war der Bortrag einiger Psalmen im hebräischen Urtext und in dem gesanglichen Sprechton, den wir im Gottesdienst gewöhnt sind (unter anderem Psalm 150, 138, 137. (Herr Shelasv steigerte diese Rezitation durch die dramatisch belebte Wucht und den Ausdruck seines Vortrages und erzielte eine starke Wirkung auf die Zuhörer. — Die für den 13. d. M. in der Synagoge. Lindenstraße anaesetzte Rezitation Shelasv muß wegen Bchinderung des Vortragenden ausfailen. Die Veranstaltung wird am Sonntag, dem 2 0. Februar, mittags 12 Uhr, im Gebäude der Syuagvge, Fasane n st r a ß e. wiederholt. Dresden. (Aus dem G e m e i u d e r at.) In der letzten, von Rechtsanwalt Paul Saliuger geleiteten Gemeittderatssitzttng. der die Herren Rabbiner Prof. Dr. Winter und Rabbiner Dr. Wolf beiwohnten, wurde der Antrag der Deutsch-Jüdischen Jngendgemeinschaft, Ortsgruppe Dresden, und des Bundes jüdischer Jugend ,,.Kadimah", Dresden, beraten, die gemeinsam an den Vorstand der Gemeinde das Ersuchen gerichtet haben, monatlich einmal einen zweiten Freitagabend-Gottesdienst um 148 Uhr abznhalten. Dadurch soll erreicht werden, daß denjenigen, die zu den kalendermäßig festgesetzten Zeiten wegen beruflicher Verhinderung am Freitagabend in der Synagoge nicht anwesend sein können, die Teilnahme am Gottesdienst ermöglicht wird. Rabbiner Dr. Wolf trat mit Nachdruck dafür ein, daß dem Antrag stattgegeben werde. Die Gemeinbeverordueten Hurwitz und Paul Lehmann erklärten, daß sie aus technischen und religiösen Gründen die geplante Neueinrichtung nicht gutheitzen könnten. Da der Gemetnderat nicht beschlußfähig war, wurde der Antrag an den Synagogenausschuß zurückverwiesen. Auf Vorschlag des Vorstandes und des Friedhofsausschusses, dem Rechtsanwalt Salinger vorfteht, wurde in erster Lesung einstimmig beschlossen, folgenden Zusatz zum Gebührentarif der Israelitischen Religionsgemeinde zu Dresden vom 7. Oktober 1925 anzunehmen: „Die in den Abschnitten IV und V aufgeführten Gebühren werden bei Bestattung von Ascheresten auch in den Fällen erhoben, wo eine besondere Grabstelle nicht in Anspruch genommen wird." Aus der anschließend abgehaltenen geheimen Sitzung ist mitzuteilen, daß der Vereinigung jüdischer Studierenden in Dresden zur Einrichtung eines jüdischen Studentenheims und zur Unterhaltung einer rituellen Mensa, die kürzlich eröffnet wurde, zunächst für die Dauer eines halben Jahres ein monatlicher Beitrag von 160 Mark bewilligt wurde. Ferner erklärte sich der Gemeinderat mit dem Vorschlag des Vorstandes und Finanzansschusses einverstanden, daß den Gemeindebeamten und Angestellten der Gemeinde die gleichen Notstandsbeihilfen zustehen, wie sie zu Weihnachten 1926 den Beamten des Reichs, des Staates und der Stadt bewilligt »vorden sind. Fritzlar. (76. Geburtstag.) Am 31. Januar konnte I Krcisvorsteher D. Meyerhoff unter allgemeiner Beteiligung der Gemeindeangehörigen und anderer Freunde seinen 76. Geburtstag in bewundernswerter körperlicher und geistiger Irische feiern. In etwa 40jähriger Tätigkeit als Gemeindeältester und später als Kreisvorsteher hat sich der Genannte die Förderung religiöser Interessen innerhalb der Gemeinde und auch des gesamten Bezirks sehr angelegen sein lassen. Seiner Anregung und energischer Unterstützung ist die vor etwa 30 Jahren erfolgte Durchführung eines Neubaues der Synagoge und des Schulhauses zu verdanken. Dafür und auch für die oft bewiesene selbstlose Wahrung jüdischer Jnteresien schuldet ihm die Gemeinde besonderen Dank, der gerade bei der Geburtstagsfeier lebhaft zum Ausdruck kam. Hannover. (Sitzung des Repräsentantensollegiums.) In der Sitzung vom 2. Februar berichtete Herr Kommerzienrat Berliner über die Vorverhandlungen, die wegen der geplanten Goldkommunalanleihe mit mehreren Hypothekenbanken stattfanden. Nach kurzer Debatte beauftragte das Kollegium die dafür eingesetzte Kommission, die Verhandlungen schnellstens zu einem vorläufigen Abschluß zu bringen. Das Kollegium behält sich aber seine endgültige Zustimmung ausdrücklich vor. — Auf eine Anfrage aus der Versammlung teilte der Vorsitzende mit, daß in einer nichtoffiziellen Zusammenkunft zwischen einigen Mitgliedern des Gemeindevorstandes und Vertretern der Zionistischen Ortsgruppe eine Besprechung wegen des bet den letzten GemciitbiMvaMeit verteilten Flugblattes stattgefunden habe. Dem Vorstand war cs dabei um dte Aufrechterhaltung des Friedens zu tun. Es ist ihm auch gelungen, die Vertreter der hiesigen Zionisten davon zu überzeugen, daß die in dem Flugblatt ausgestellten Behauptungen auf irrtümlichen Voraussetzungen beruhen. Im Laufe der Debatte wurde der Wunsch laut, daß eine entsprechende öffentliche Erklärung erfolgen möge. — Dem ausführlichen Referat des Herrn Dr. Schleisner über den Entwurf zum preußischen Judengesetz folgte eine lebhafte Debatte, namentlich über die Paragraphen betr. Austritts aus der Gemeinde und betr. Karenzzeit für die Aufnahme der hinzugezogenen Glaubensgenossen. Wegen vorgerückter Stunde wurden weitere Perhandlungen über dies Thema für eine spätere Sitzung vertagt, in der besonders die Einrichtung bzw. das Fortbefttztzen der Landrabbinate besvrochen werden soll. Mainz. (Hessischer Landesverband und Reichsverband.) Der Oberrat des Landesverbandes der israelitischen Religionsgemeinden Hessens hielt am 23. Januar eine Sitzung ab. in der über das Scheitern der geplanten Reichsverbandsgründung und die nunmehrigen Bestrebungen des deutsch-israelitischen Gemeinbundes sowie diejenigen des bayerischen Landesverbandes eingehend beraten wurde. Es wurde einstimmig beschlossen, der Einladung des bayerischen Verbandes zur Beteiligung an einer zu gründenden Konferenzgemetnschaft von Landeöverbündeu Folge zu geben. Es wird hierbei als wünschenwert bezeichnet, daß diese .Konferenzgemeinschaft zu einer der sämtliche»: deutschen Landesverbände sich auswachfe. Ferner wurde durch Mehrheitsbeschluß ein Antrag angenommen, nach dem den Retchsministerieu des Innern und der Justiz zur Kenntnis zu bringen ist, daß der hessische Landesverband ebenso wie der bayerische Landesverband den D.J.G. B. als Gcfamtvrganisation der deutschen Juden nicht anzuerkennen vermag. München. (Neue S ch ä ch t d e b a t t c.) Im Landtag stand am Freitag zur Beratung der Bericht des Verfassungsausschusses über den Antrag der Abg. Dr. Buttmanu (Nationalsozialist) und Genossen. Der Antrag verlangt. Laß der Wir aber wußten hier davon nichts. Da schickte der Justrz-kanzler Grcvf Wachtmeister zu mir. ich solle zu ihm kommen. Er sagte mir. es »väre vom König ein Schreibe»» eingelangt, der Kammerdiener der Königin habe eine jüdische Frau, und dieser Kammerdiener solle sich nach' jüdischem Rabbinatsrecht scheide»» lassen. Ich möge alle Anstalten treffen, daß dte Scheidung schleunigst durchgeführt »verde. Ich erklärte, daß das nicht so einfach »väre. Man müßte einen Eilboten nach Amsterdam schicken, der vo»» der Frau beim dortigen Rabbinatsgericht als Bevollmächtigter legitimiert werden müßte, oder die Frau »nutzte eben persönlich herkvlmnen. Das würde viel Geld kosten. Der Graf fragte mich: wieviel? Worauf ich die Gcsamtkvsten des Verfahrens auf etwa 100 Dukaten angaü. „Kommt morgen rvicdcr," sagte der Graf zu »nir. „da sollt Ihr Antwort Vekornmen. Der Kammerdiener ist ja arin. Da aber die Königin vom König einen Brief erhalten hat, daß der Manu sich soll scheiden lassen, so »»rag Ihre Majestät. wen»» sic geneigt ist. »vvhl die hundert Dukaten auslegen und diese dann dein Karnrnerdiener von» Lohn abziebcn." Das »var gerade zu der Zeit, in der »vir Rabbi Lüb Pinchas als Rabbiner bekamen. Der »var erst einige Monate hier, und ich sagte ihn», daß ich veranlassen rviirde, das» für das ganze Scheidnngsverfghren 109 Dukaten gezahlt würden. An» anderen Tage, als ich wieder zun» Justizkatnzlcr gi»rg. sagte er »nir. datz er den Auftrag erhalten habe, die hundert Dukaten zu bezahlen. „Unser Rabbiner ist ein sehr armer Mann. Er »vird kaum in der Lage sein, die Barauslagen aus seiner Tasche zu bestreiten. Mm» »müßte ibrn die Hälfte im voraus geben." „Wenn Ihr u»ir es schriftlich geben »vollt, daß die Scheidung wirklich vollzogen »vird. dann will ich auch die Hälfte im voraus zahlen." Ich ging also mit unserem Rabbiner zum Grafen Wachtmeister, dieser setzte ein Schriftstück aus, das »vir beide unterschrieben. Der Rabbi»»er erhielt fü»»fzig Dukaten, und Jakob Bkmdcl mußte nach den Vorschriften unserer Heiligen Schrift vor dem» Rabbinatsgericht stehen »lud sich religionZgesetzlich scheiden lassen. Blvnüel blieb »»ach wie vor Karnmerdiener der Königin, heiratete nachher nochinals eine Bürgerstochtcr und starb einige Jahre später. Bei aller Mühe, die ich mir gab, Zucht und Ordnung zu l?alten »u»d aus unfern guten Ruf bedacht zu sein, hatte ich nicht immer Dank. Wie das schon ist: Neid und Mitzgunst gibt cs überall. beso»»dcrs bei »»ngvbildcte»» Menschen.! Meine Stellung als ,,Hufvudirjan,\ als amtlicher, als; Parneßl). als Kultusvorsteher, war ihnen z»»viel, und es rvurüe heimlich gegen mich intrigiert. Ick» hatte dabei gar keine Freude, sondern nur Lasten, viel Arbeit u»»d nicht geringe Kosten. Mein Beruf und »nein Geschäft gaben mir genug zu tun, ich versäumte viel Arbeitszeit, »vas »nir auch nicht wenig Schaden machte. Ich ging also zum Oberstatthaltcr und sagte Ui»»», ich »volle mein Amt niederlegen. „Was »neinst du denn?" sagte er. „Du bist ja Husvudman nicht nur für euch, sonderi» bist es auch für »nick». Ich »nutz doch jemand haben, der mir über alles, was nötig ist. Auskunft gebe»» kann. Dazu kann ich nicht irgendwer» nehmen. Du »nutzt Hnsvudn»«»» bleiben, und wenn dir iemmrd etwas in den Weg legt, dann fmmnc nur zu mir." Ich erklärte aber, datz ich all den Verdruß und Aerger »richt mehr airöhalten könne. Ich würde krank davon. „Run, dann »verdcn »vir alle Juden auf der Polizei znsammenrufen lassen." . Wir »vurden auch alle vorgeladen, der Oberstatthalrer selbst karn a»»ch. Er sagte ich »volle nicht länger Husvudman bleibe»», »rnd fragte, »ven die Gemeinde nun wählen »volle? Indes, es »neidete lick» niemand. ,Mer hat gleich nach dir fein Privilegium bekommen?" fragte er mich. Ick» sagte: Gnmprecht Hirsch, und »vies aus ihn. „Run. dann soll dieser Mann Hnfvudmar» für die Dauer eines Jahres sein. Nachher sollt ihr wieder einen ander»» rvählen." Z Synagogenvorsteher. Alle waren auf einmal »uttt sehr böse auf mich: sie glaubten, ick» lyättc das so eingerichtet. Ich aber wollte endlich allem Aerger aus dem Wege gehen und meine Ruhe haben. Ich bezahlte auch weiter »»».eine Beiträge zur Gern e»»»de, aber ich errichtete mir in »neiner Wohnung eine eigene kleine Synagoge, bloß i»m kei»»e Streitigkeiten »nehr zu haben. (Fortsetzung folgt.) Von Berlhold Auerbach. Freundschaftliche Beziehungen verbanden Berthold Auerbach »nit der Großherzogin Luise von Baden. „Die tüchtige, kernhaftc Frau", wie sic der Dichter nannte, unterließ es nie, ihn »ns Berliner Schloß zu bestelle»» und mit ihrn zn plaudern, wenn sie bei ihren Eltern zu Besuch weilte. Besonders trafen sich ihre geistigen Interessen in der Wohltätigkeitspflege. Die Humanitären Bestrebungen der Herzogin unterstützte Auerbach mit Rat und Tat. Auf ihren Wunsch las er für den guter» Zweck aus seinen Werken und trug damit viel zur Li»»derm»g der Not bei. AIS Auerbach am 3. Dezember 1879 auch bei einer»» solchen Wohltätigkeitsfeste mttwirkte, schickte er der Großherzogin zu deren Geburtstag eine von de»»» berühmten Bildhauer Cauer modellierte „Barfützle"-Statuette ins Schloß mit folgender Widmung: "Wie hier das Kind am Brunen steht Und späht, wer des Weges geht. Daß er Labung find'. So spendest, so sammelst Du Gaben: Labung ist Dir — Andere zu laben." In tiefer Bekümmernis schüttete Berthold Auerbach auch der Großherzogin sein Herz aus über die damals gerade stark einsetzenden Judenhetzen. „Es ist traurig." sagte er einmal zu ihr, „daß man sich sagen lassen muß. man gehöre nicht zu den Deutschen und sei ohne Vaterland. Daß ich so etwas miterleben muß, wo ich doch bereits 47 Jahre nach bester Kraft für das deutsche Volk arbeite und in Vaterlandsliebe sicher niemand nachstehe." Worauf ihn die Großherzogin mit den Worten tröstete: „Glauben Sie mir. die häßliche Sache ist nur in Berlin, bei uns wrffen wir. »vas wir an Ihnen haben." A. I.