Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-02-11 · 6 (11.2.1927) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
6 (11.2.1927)
Date
1927-02-11
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2613366-2613895-2613901--2138-2619577
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

Häven Sie weder Auge noch Ohr- und wenn darunter auch solche sind, deren Wandel und Worte Sie seit Jahrzehnten aus nächster Nähe zu beobachten Gelegenheit hatten. Und sie führen ein Banner mit der Inschrift „Für Frieden und Einheit"?! Wo doch Ihre erste Tat eine tü<f* sichtslose, blindwütige Kampfarrsage gegen die Liberalen unserer Zeit ist, denen Sie die gutgesinnten Altliberalen der 4ver undbver Jahre des vorigen Jahrhunderts gegenüberstellen! Wie lange muß man nach Ihnen tot sein, um ein gutgesinnter Liberaler zu sein? — Wie heute plötzlich sogar Abraham Geiger, für den sich Ihre Mittelpartet energisch bedanken muß, da er ein Borkämpfer fifr die Orgel war! Wollen Sie Ihre Anhänger in die Synagoge Roonstraße führen oder zu Rabbiner Dr. Wolf? Sollte nicht die traurige Einsicht, daß Sie selbst nicht wissen, wohin Sie gehören. Sie zur Mitte d. h. zwischen die Stühle geführt haben, da Sie als Gelehrter nach links, als Agitator nach rechts tendiren? Sie haben uns das böse Wort vom Ketzertum entgegeugeschleudert. Und im gleichen Atemzuge beklagen Sie das „einseitige, engherzige Parteigetriebe als ein Unglück für das deutsche Judentum?!" Sie scheinen nicht zu wissen, was das Schimpfwort Ketzer bedeutet. Wahrscheinlich, weil es in der Pfaffengasse am Rhein durch Jahrhunderte so abgenutzt worden ist, daß man es auch ohne viel Nachdenken in den Mund nimmt. In Köln lebten ja einst Herr von Karben und Hochstraten,- warum nicht auch Professor Scheftelowitz? Essen, den 8. Februar 1627. In vorzüglicher Hochachtung Rabbiner Dr. Samuel. Kleine Zeilglosfen. Die sittliche Grundlage des Staates. In den Programmreden, mit denen sich die neue deutsche Reichsregierung einführte, betonte sowohl der Sprecher des Zentrums als auch der der Deutschnationaleu die Einmütigkeit der Koalitionsparteien in der Erkenntnis, daß die ethische Grundlage des Staates das C h r i st e n t u m bilden müsse. Die jüngstgeborene Regterungskoalition zeigte schon bei ihrem ersten Erscheinen in der parlamentarischen Oeffentlichkeit soviel Risse und Sprünge, daß man den Geburtshelfern eine Uebereinstimmung wenigstens in einem Punkte von Herzen vergönnen könnte, wäre diese einseitig -konfessionelle Qualifizierung der Staatsmoral nicht gerade in dem Moment besonders grotesk, in dem die Deutschnationalen sich auf den Boden jener Grundsätze gestellt haben, die sie selbst bisher als Ausfluß jüdischer Geistigkeit hingestellt und als solche aufs heftigste bekämpft hatten. Aber vielleicht ist es von uns allzu unbescheiden, wenn wir den religiösen Regierungsprogrammpunkt lediglich als eine Ungerechtigkeit gegenüber den sittlichen Kräften des Judentums auffasseu. Deutschnationale Politiker sind ja Meister im Rückwärtsschauen, und so bleibt die Möglichkeit offen, daß ihr geschichtlicher Rückblick, dem sie die zitierte Erkenntnis über die moralische Grundlage des Staates verdanken, keineswegs bei Walter Rathenau und Hugo Preuß, den jüdischen Pionieren der deutschen Innen- und Außenpolitik, verweilt hat, sondern daß er weiter über die Jahrhunderte deutscher Geschichte dahinglitt bis in die Lage Hermanns, des Cheruskers, der zwar gewiß rassisch unanfechtbarer Germane, aber ebenso bestimmt kein Christ gewesen ist. Ein Manko, das die 'Deutschnationalen vielleicht dafür verantwortlich machen, 'daß auch er die Einheit der deutschen Stämme über die ' Sonderiuteressen der Fürsten gestellt hat. . .. Wir wollen uns deshalb weniger an die negierende als an die positive Seite des Regierungsbekenntnisses zum Christentum halten und erlauben uns, die koalierten Parteien an folgende, für sie wohl autoritative Feststellungen über die sittlichen Quellen des Christentums aufmerksam zu machen: Die Deutsch nationalen erinnern wir an die vielfach übersehenen oder vergessenen Stellen ihres wissenschaftlichen Kanons, der „Grundlagen des 1V. Jahrhunderts" von H. St. Chamberlatn: „Sowohl Christi Schicksal als auch die Hauptrichtung seines Denkens ist eng mit echt jüdischem Leben und Charakter verwachsen. Hier kommen namentlich zwei Grundzüge des jüdischen Nationalcharakters in Betracht: die geschichtliche Auffassung der Religion und das Borwiegen des Willens. Der erstere hat namentlich das LcbenSfchicksal Christi und daS Schicksal seines Angedenkens tief beeinflußt, der letztere seine Sittenlehre . . . Christus ist ein Jude, und seine Erscheinung kann nnr verstanden werden, wenn wir die speziell jüdischen Anschauungen, die er vorfand und sich zu eigen machte, kritisch begreifen gelernt haben." Und dem Zentrum empfehlen wir die Lektüre des Freiburger katholischen Theologieprofessvrs Engelbert Aron Isak. Eine LebenSgeschichte. Bearbeitet von Dr. B. Schi-los. (9. Fortsetzung.) Ich muß hier noch eine Sache erzählen, die beweist, wie gütig sich König Gustav Hl. immer gegen Juden gezeigt bat. Ich war erst ungefähr drei Jahre in Stockholm, da bekam ich einen Brief von der Amsterdamer Jüdischen Gemeinde. Die Anschrift lautete: „Au die Aeltesten der Judenschast." In dem Schreiben stand, daß sich hier am königlichen Hofe ein Mann namens Jakob Blonde! aufhalte. Dieser fcl von Geburt ein Christ, sei aber Jude geworden, habe sich beschneiden lassen und in Amsterdam ein jüdisches Mädchen geheiratet, mit dem er auch eine Tochter habe. Bor einem Jahre sei der Mann nun au's Amsterdam verschwunden und habe Frau und Kind sitzen lassen. Man habe jetzt sichere Nachricht, Vaß dieser Mann sich in Stockholm bei Hose aufhalten solle. Es wäre nun nach dem Gesetz Moses' unsere heilige Pflicht, dafür zu sorgen. daß dieser Mann sich von -er Frau wenigstens rechtsgültig scheiden lasse, ihr einen Get^) gäbe. Diese Frau sei eine noch junge Person, könne also vielleicht noch ein neues Eheglück finden. Ich konnte dielen Namen Blonde! aber in Stockholm nicht ausfindig machen. Ein Jahr vorher war ich aber an einem Sabbat bei Kammerdiener des Herzogs Karl mit meiner Frau zum Kaffee eingeladen gewesen. ES war dauralS noch ein anderer, mir fremder Mann mit seiner Frau da. Ich begrüßte den Fremden und dessei, Frau, sie grüßten schr höflich wieder, zugleich sagte dieser Gast aus Hebräisch zu mir: „Gut SchabboS. dorucl» habo!" Ich fragte ih«. wie er dazu käme, jüdisch zu sprechen? Er erzählte mir. er kenne die ganze jüdische Religion und nannte mir hebräisch alle jüdischen Feiertage. Seine Aussprache klang aber nicht jüdisch. Nun sagte er. daß er in seiner Jugendzeit mit seinen Eltern in einem jüdischen Hause gewohnt hätte. *) Get — Scheidobries. wie ihn die jüdi-sch-orthodoxe MÜSionSsatzm« -wschchittW. Krebs, dessen Büchlein „Urkirche und Judentum" (Philo- Berlag) in der Erkenntnis gipfelt: „Wenn heut« von rassentheoretisch verbildeten Menschen die jüdische, altteftamentliche Sittlichkeit geschmäht und verworfen wird, so ist die Kirche...im Kerne ihrer Sittlichkeit, die sich stützt auf den Dekalog des Alten Testaments, dem Judentum heute noch so verbunden wie in ihren liturgischen Gebeten und Gebräuchen . . Pro Palaestina. Den Zionisten dürfte der Regierungsrvechsel einen willkommenen Anlaß bieten, ihr Pro-Palaestina-Komitee entsprechend zu erweitern. Die Leser dieses Blattes kennen bereits die Methoden, mit denen christliche Persönlichkeiten, die von intern jüdischen Problemen keine Ahnung haben, zu einer Sympathiekundgebung für den politischen Zionismus verleitet worden sind. Auch wenn ihre Ahnungslosigkeit sich zu direkten Angriffen auf das Judentum verdichtet hat, wie z. B. bei Werner Sombart, ist dies für die Jüdischnationalen kein Hindernis, sondern wahrscheinlich noch ein Anreiz mehr, die betreffende Persönlichkeit unter die Protektoren ihres politischen Programms zu pressen. Sie werden sich also auch nicht scheuen, die neuestenS regierungsfähig gewordenen Deutschnationalen und sogar den noch nicht regierungsfähigen Antisemiten Graes in das Komitee auszunehmen. Sie dürfen bloß nicht vergessen, wenn sie nach den kolonisatorischen Leistungen und Plänen der Zionisten in Palästina gefragt werden, auch die Anlage von Pfefferplantagen anzusühren. Dann wird ihnen die Sympathie der Deutschnationalen sicher sein. Denn diese Herren haben auch schon bisher kein Hehl daraus gemacht. daß sie die Juden dorthin wünschen, wo der Pfeffer wächst . . . Das Faknltätsgntachte». Die üeutschnationalen Minister leiden schwer unter ihrer Vergangenheit, und alle Verlegenheiten der neuen Regierung stammen aus den mißglückten Versuchen, den Riß zwischen der antirepublikanischen Opposition von gestern und dem republikanischen Regierungseifer von heute in der deutschnationalen Politik zu verkleistern. In dieser Not wird den Herren ein geniales System sehr a tempo kommen, das gerade in diesen Tagen in Oesterreich für so verzweifelte Fälle praktisch in Anwendung gebracht wird. Wie erinnerlich, hat in Wien vor anderthalb Jahren ein Deutschnationaler tschechischer Muttersprache (österreichische Spezialität!) den Schriftsteller Bettauer erschossen, weil dieser Judenstämmling von den Hakenkreuzlcrn für den Niedergang der sexuellen Moral in der Nachkriegszeit verantwortlich gemacht wurde. Der Verteidiger des jugendlichen Mörders suchte die Tat als einen Ausfluß von Jngendwahnsinn hinzustcllen. Das daraufhin eingeholte Fakultätsgutachten äußerte sich sehr vorsichtig: „Otto Rothstock steht an der Grenze der Geisteskrankheit. Gegenwärtig ist er aber nur ein jugendlicher Wirrkopf mit abwegigen Gedankengängen, von einer überwertigen Idee beherrscht, die zur inkriminierten Handlung geführt hat und zu weiteren Aktionen führen kann. Sehr möglich, daß er ausgesprochen krank wird, wenn das, was jetzt noch überwertige Idee ist, sich weiter entwickelt." Die Männer aus dem Volke, die auf der Geschworenenbank saßen, wußten mit diesem wissenschaftlichen Versuch, einen Pelz zu waschen, ohne ihn naßzumachcn. nichts Rechtes anzufangen. Und so fand die zur Schuldfrage gestellte Zusatzfrage, ob der Mörder im Moment der Tat bei voller Vernunft gervesen sei, eine geteilte Antwort: Sechs „ja", sechs „nein". Das genügte für einen Freispruch. Die Hüter der öffentlichen Ruhe hielten es aber für geraten, den Frevler, der dem Kerker entgangen war, aus Grund des zitierten Fakultätsgutachtens in einer Irrenanstalt zu internieren. Weniger zur Sicherheit der anderen als zu seiner eigenen. Denn es war klar, baß die in dem Fakultätsgutachten erwähnte „überwertige Idee" nichts anderes war als die Idee, die im Zeichen des Hakenkreuzes in alle jugendlichen „Wirrköpfe" gepflanzt wird. Nun hat man aber, wie erst die jüngsten Tage wieder gezeigt haben, in dem angeblich „schlappen" Oesterreich für politische Morde ungleich weniger Langmut übrig als anderswo, wo man sich auf seine „Strammheit" viel einbildet, und daher schien es geboten, den Mörder nicht ungeschützt der durch den Freispruch nicht eben besänftigten VolkSwut preiszngeben. Rothstock. ein beschäftigungsloser Zahntechniker, sah sich also gezwungen, die Gastfreundschaft der schon durch ihre landschaftliche Lage an den lieblichen Hängen des Wiener Waldes weltberühmten, aber auch sonst in jeder Hinsicht mit vorbildlicher Humanität geleiteten Jrrenheilanstalt „Am Steinhof" in Anspruch zu nehmen. Nicht jeder Arbeitslose hat'S so gut! Trotzdem scheint dem Internierten die Zeit zu lang geworden zn sein. Denn sein Rechtsanwalt hat jetzt ein neues Fakultätsgutachten einholen lassen, und dieses lautet: „Die Geisteskrankheit, an der Otto Rothstock zur Zeit der Ermordung Bettauers gelitten haben soll, ist völlig geschwunden und seine Wahnideen sind völlig abgeklungen. Er ist alS geistesgesund zn betrachten und seine Internierung vollstärr.d'ig rechts widrig gewesen." Es winkt also dem Judenmörder die Hoffnung, daß er nicht nur endlich die volle Freiheit erlangt, sondern vielleicht noch obendrein für den nachträglich als „rechtswidrig" entlarvten Zwang, anderthalb Jahre lang auf Kosten der Stadt Wien ein sorgenloses Leben zu führen, eine Entschädigung aus der Staatskasse erhält.. . Die Idee, unter deren Einfluß er ein Menschenleben vernichtete, würde sich dann auch in finanzieller Hinsicht als „überwertig" entpuppen, das erste Fakultätsgntachten war also auch nicht garrz wertlos . . . Weniger forsch dreitrgehende Temperamente, die nicht gleich zur Mordwaffe greifen, werden aber auch an dem zweiten Gutachten allein ihre Freude haben und die Nutzanwendung daraus ziehen. Politisch kompromittierte Ministerkandidaten werden sicherlich eine Fakultät finden, die ihnen wissenschaftlich bescheinigt, daß ihre früheren Ideen „vollständig abgeklungen" sind, und daß es rechtswidrig wäre, sie für diese völlig geschwundenen Ideen — sie mögen über- oder nnterwertig gewesen sein — noch heute büßen zn lassen . . . Gewöhnliche Schlägereien. In Berlin wurden in den letzten Tagen einige durch ihre besondere Kühnheit sensationelle Raubüberfälle bei helllichtem Tage in den belebtesten Straßen ausgeführt, ohne daß man die Täter festnehmen konnte. Die Frage, wie dies möglich sei, erhält eine eigenartige Antwort in dem Bescheid jener Leute, die den Ueberfall auf den Kassenboten in der Wielefstraße beobachteten, ohne sich zum Einschreiten verpflichtet zu fühlen. Sie sagten, sie hätten geglaubt, daß da eine „gewöhnliche Schlägerei" im Gange sei! Hätten sie geahnt, daß eS sich um einen Raubversuch handle, dann hätten sie natürlich sofort eingegrifsen . . . Bisher hat man nicht gewußt, daß in unseren zivilisierten Gegenden Schlägereien zu den großstädtischen Gewohnheiten gehören, die zu stören man als Taktlosigkeit empfinden würde. Da klappt etwas nicht! Man hat fidi einmal über den im kaiserlichen Berlin gefällten behördlichen Machtspruch mokiert: „Die Straße gehört dem Verkehr." Sollte man im republikanischen Deutschland den Begriff des Straßenverkehrs auf die wechselseitige Traktierung von Passanten mit Stockschlägen ausgedehnt haben? Fast scheint es so, wenn man sich an die vor kurzem durchgeführte Gerichtsverhandlung erinnert, in der Reichsbannerleute, die von Stahlhelmern überfallen worden waren, auf der — Anklagebank saßen. Man läßt sich nicht gern dafür, daß man Schläge bekommt, noch obendrein cinsperrcn. Lieber geht man den Schlägen aus dem Wege und läßt die sich öffentlich Prügelnden ungeschoren ihrem Vergnügen frönen. So kommt es, daß vor etlichen Monaten der jüdische Gelehrte I t e l s o h n aus der Straße von besoffenen Haken kreuzlern erschlagen werden konnte, und daß sich immer wieder Hakenkreuzexzesse hemmungslos auStobeu dürfen, obwohl alle Wahlen bisher gezeigt haben, daß die Herrschaft, die sich die Rechtsradikalen über die Straße anmaßen, keineswegs in den wirklichen politischen Machtoerhältnissen begründet ist. Ja, wenn man draufkommt, daß es sich nicht um die Austragung von Weltanschauungsdifferenzen, sondern um die Wegtragung von etlichen tausend Mark oder von Juwelen handelt, dann hört die Gemütlichkeit freilich aus. Aber diese Erkenntnis kommt eben nicht immer rechtzeitig. Denn es ist ja wirklich schwer zn unterscheiden, wenn ein jüdischer I u w e l i c r überfallen wird, ob es auf de» Juden oder auf den Juwelier abgesehen war . . . Dr. Hugo S p i e g l e r. Aus den Gemeinden Berlin. (Aus der jüdischen Handwerkerbewcgung.) Bei einer Vorstandositzung des Zentralverbandes jüdischer Handwerker Deutschlands, zu der Herr Rasncr- Warschau, Seym-Abgeordneter und Vorsitzender des polnischen Handmerkerverbandcs, als Gast anwesend war, nahm der Verbandsvorsitzende M a r e u s Veranlassung, nicht nur auf den inneren Ausbau des eigenen Verbandes einzugehen, sondern rückte der Frage näher, evtl, eine Verbindung mit internationalen Handwerkerorganisattonen zu schaffen. Die augenblicklichen Verhältnisse in Polen schildernd, führt Herr Rasner aus, daß es in Polen zur Zeit zwei Hanbwerkerorgantsationen gäbe, von denen die eine rein jüdischnational eingestellt ist, während die andere, deren Vorsitzender er sei und die mit ihren 660 Ortsgruppen mit 120 000 Mitgliedern die weitaus stärkere und deshalb auch maßgebendere sei, sich ans durchaus neutralem Boden bewege. In anschaulicher Weise schildert er den Aufbau der dortigen Handwerkcrorganisation: bemerkenswert ist, daß neben den Handwerkerschulen, Darlehnskassen, Genossenschaftsbanken, und was besonders wesentlich ist. EinkaussgLnossenschaften bestehen. Selbst die Regierung unterstützt Dort wären Knaben in seinem Alter gewesen, und von diesen hätte er das alles gelernt. Er habe mit leinen Kameraden auch oft jüdisch gesprochen. Ich hörte von der Frau des herzoglichen Kammerdieners auch diesen Mann, immer .Herr Kammerdiener" titulieren. Ich ktzm weiter mit diesem Manne nicht zusammen, und es ist mir auch nicht eingefallen, ihn mit dem Amsterdamer Brief in Verbindung zu bringen. Ich schrieb auch nach Amsterdam, daß ein Jakob Blonde! in Stockholm unbekannt sei. Einige Wochen nachher traf mich dieser Kammerdiener auf der Straße, sprach mich auf Jüdisch an und bat mich, ich möchte i>bn mit meiner Frau am Sabbat zum Kaffee besuchen. Ich dankte ihm und sagte, ich würde so frei sein. „Verzeihung." sagte ich, „wie war doch Ihr Name?" „Ich heiße Blondel." Nun erinnerte ich mich. ,^Jhr Vorname ist Jakob?" „Woher wissen Sie das?" ,Hch weiß noch mehr. Sie sind doch Jude?" Daraufhin wur-de er schr aufgebracht. „Herr — was sagen Sie? Wollen Sie sich um den Hals reden? Ich werde sofort gegen Sic bei Gericht die Anzeige erstatten." „Wenn Sie beim Gericht eine Anzeige erstatten, so werde ich beim Gericht Nachweisen, daß Sie sich haben beschneiden lassen und daß Sie eine jüdische Fvau und Tochter haben. Ich habe von der Amsterdamer Gemeinde einen Brief bekommen. Sie sollen Ihrer Frau einen Scheidebrief schicken. Wenn Sie das nicht tun, wird sich die Amsterdamer Gemeinde an den König wenden." Als Blondel daS hörte, wurde er ganz still. Er trug schwarze Kleider, seine Frau war inzwischen gestorben. Er sing nun an. mir gute Worte zu geben, und gestand alles ein. Er beklagte sich, seine erste Frau habe ihn sehr schlecht behandelt und ihm seine Existenz zerstört, er wolle sich aber doch von ihr scheiden lassen. Man möge nur die Scheidnngsurkunde schreiben, er wolle seinen Namen daruntersetzen. Bor ein dea 6inZ gehe er aber nicht. Lieber wolle er fortreisen und niemand soll« erfahren, wo er sich befinde. ') Rabbrnaksgericht. „Sie wissen ja selber," sagte ich. „wie es bei eine? Scheidung zugeht, und daß aus solche Weise daS nicht zu regeln ist." Er schwur, dann schon am nächsten Morgen abzureisen. „Ich will mit unserem Rabbiner reden," sagte ich. „Wenn sich ein Ausweg finden läßt, so soll das Möglichste geschehen." Ich bestellte ihn siür den nächsten Tag nach einer bestimmten Stelle. Ich war bange, daß er wirklich dawongehen würde. Unser Rabbiner war damals Rabbi Berisch. Ich besprach mit diesem die Angelegenheit. Am nächsten Tage traf ich dann mit Blondel zusammen. „Unser Rabbiner hat mir gesagt," berichtete ich. „daß er allein die Scheidung nicht durchführen dürfe, es sei denn, daß noch drei rabbiuische Autoritäten ihre Zustimmung dazu geben. Das dauert aber mindestens acht Wochen, ehe die Antworten alle eingelassen sind." Er meinte, seinetwegen könne es noch Jahr und Tag dauern. Nun hatte ich Zeit, der Anrsterdamer Gemeinde Nachricht zu geben. Ich schrieb also die ganze Geschichte mach Amsterdam und fügte hinzu, daß ich mit Güte nichts ausl’idjlcit könnte. Blondel würde lieber von hier Weggehen, als einzugestohen. daß er als Christ geboren, dann Jude und nachher wieder Christ geworden sei. Er fürchte auch eine strenge Bestrafung, und aus diesem Grunde möchte ich mich nicht damit abgeben. Ich stellte ihnen aber anheim, sich direkt an den König zu nnnideu, der sehr gnädig sei. Seine Majestät könne ihn natürlich zwingen. Uebrigens sei Blondel Leibfriseur der Königin mit dem Titel Kammerdiener. Ich erhielt keine Antwort mehr. Ein Jahr später reiste der König von hier nach Wien, kam dann auch irach Amsterdam und besuchte dort der» Juwelier R. Tobia Haag, um sich Edelsteine anzusehen. Die Frau des Blondel war nun auch in Amsterdam und ging zum König, dem sie ihre Lage darstellte. Sie wolle einen Scheidebries haben und Blondel wolle sich nicht dem Nabbmatsgericht stellen. Der König war sehr gnädig und sagte, sie möge unbekümmert sein. Er wolle dafür sorgen, daß der Mann die Scheidung von dem Rachbinatsgerrcht durchführen lasse.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.