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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-02-11 · 6 (11.2.1927) · page 8

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
6 (11.2.1927)
Date
1927-02-11
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Beschluß deS Landtages vom 8. Juli 1926. betreffend Bctäubungszwang für das Schlachtvieh, alsbald durchzuführen und cm entsprechender Gesetzentwurf ohne weitere Verzögerung dem Landtag vorzulegen ist. Im Ausschuß war dieser Antrag Buttman abgelehnt und dafür ein Antrag Dr. Scharnagl (Bayerische VvlksparteN angenommen worden, wonach „die Staatsregicrung ersucht wird, in Ausführung des Landtagöbeschlusses vom 8. Juli 3926 den dort geforderten Gesetzentwurf vorzulegen, sobald die zur Zeit im Gange befindlichen Versuche über eine den rituellen Vorschriften entsprechende Betäubung zum Abschlüsse gekommen sind. Sie soll auf möglichst baldigen Abschluß dieser Versuche lnnwirkcn". Die Abstimmung im Plenum ergab Ablehnung sowohl des Antrages Dr. Buttmann wie des Antrages Dr. Scharnagl. Für den letzteren stimmten nur die Bäuerische Volkspartei und die Demokraten. Damit bleibt es bei dem Beschluß des Landtages vom 8. Juli 1926, der die Negierung ersuchte, alsbald gesetzliche Anordnungen zu erlassen, wonach Rinder usw., die geschlachtet werden, vor Beginn der Blutentziehung zu betäuben sind, und durch gesetzliche Anordnung sicherzustellen, daß überall dort, wo es möglich erscheint. die Betänbnng des Schlachtviehes statt durch freien Kopfschlag durch mechanisch wirkende Geräte lTchußbolzen nsw.l erfolgt, die geeignet sind, die Betäubung oder den sofortigen Tod des Tieres herbeiznführen. Eine Eingabe des Münchener Tierschuhvereins um Beschleunigung des Gesetzes über Betäubung der Scklachtticre wurde für erledigt erklärt. Dberaula. lT o d d e s B v r st e h c r s.l Jur 76. Lebensjahre starb hier Herr David Wallach, der mehr als 33 Jahre an der Spib-e der Gemeinde stand und sich in dieser Eigenschaft um die Erhaltung und Ausgestaltung des religiösen Lebens eifrigst bemüht hat. In allen. Kreisen der Ortsbevölkerung erfreute sich der Entschlafene, dessen friedfertiges, menschenfreundliches Verhalten gegen jedermann »st dankbar empfundene Anerkennung fand, großer Beliebtheit. Am Grabe gaben Provinzialrabbiner Dr. Cohn, Marburg, und Lehrer .Heilbrunn der allgemeinen Trauer in beredten Worten Ausdruck und hoben auch die Verdienste des Entschlafenen um das Gemeinwohl hervor. Ben Judas Weg. Von Max Spanier. Seit 2000 Jahren stiebt Judas durch die Weit. Ptuhelos, im Sturm, von der Peitsche des allmächtigen Gottes getrieben Nirgendwo findet er eine Heimat. Hat er cks Dach über den Neubau gezimmert, grünen die ersten Bäumchen seines Gartens, jagen ihn wieder Krieg, Revolution und Pogromstiminung über neue Ströme. Fan furchtbarer Weg liegt hinter ihm die Wiistcn Felder Marokkos, Spaniens Gefängnisse, die Ghettostraßen Amsterdam* und die öden Weiten Rußlands. Dieses Leid ballte sich zu einem schrecklichen Blutsang in seinem Körper; ein gellender Auklageschrei dröhnte fordernd wider Jahwes Tor. Was sind gegen dieses Martyrium die wenigen Feststunden, die sein Dasein mit Jubel füllten! Die heiteren, blumigen Gärten Spaniens, die milden Nächte am Rhein, Spazierfahrten in südliche Meere, Tanzfeste in Paris, Orgien, um den Jammer und die Schmach zu überwinden, einem neuen Glauben entgegenzurudern. Sein Blut brennt noch von den Fiebernächten und Asa»,tollen Galopp der Jagd. Von der Eugc in die Weltweite. Immer derselbe Kreislauf. Von der Armut zum SsÄfehtum. Vom Hausierer zum Dollarkönig,, vom Tabnudgelehrten zum Universitätsprofessor, vorn Nichtstuer zum Dichterpropheten. Die Gier nach dem Mammon war der Trumpf, der Sieg, um zu herrschen und sich zu rächen an all denen, die ihn zum Knechttum gezwungen. Wehmut lächelnd schaut er seine Straße zurück. Auf den Broadways hatte er wuchtige Kolosse aus unzermürbbaren Steinmasscn erbaut, wie Gebirge nebeneinander, waghalsige Brücken erdacht, phantastische Tunnel gestochen und Wüstenland kultiviert. Auf den Straßen europäischer Hauptstädte hatte er Komödie gespielt, seine Seele, die Zuckungen seines Leides bloßgelegt, um schnöden Beifall einer sensationshungrigen Gesellschaft. In die tiefsten Schächte der Wissenschaft war er hinabgestiegen, um die Erkenntnis, den letzten Schluß zu ergründen. Blutstränen hatten sein Gesicht genäßt. Mit immer neuen Bildern und Skulpturen hatte er seine Räume gefüllt und das Neue, das Schönere, das Größere hatte er wie eine verheißungsvolle Fackel den Menschen entgegengebracht, um sie zu führen, zu bilden, zu wärmen und zu erheitern. Undankbare Sippe, hinterlistiges Gezücht. Verlacht, verhöhnt, geschlagen hatten sie ihn, den Boten aus der anderen Welt. Von neuem begann das Rennen, stürzte er in den Kampf. Ein endloses Wälzen von Schlacht zu Schlacht. Der Dämon lag in seinem Blut und gab ihn nicht frei, lachte mit seinen Ängsten. Träumen und Versuchungen. Einmal mußte sieh doch der Friede öffnen. Die schwangere Wolke mußte die Erlösung bergen, hinter den zackigen Graten mußten sich sanfte Flächen weiten. Wie schrie er nach diesem Eiland. Befreiung aus dem Kerker . . . nach der Kindheit Morgen tagen. Tn seinem müden Blute summten schwere Lieder. Fern am Horizonte löste sich der Hafen. Er hörte die Stimmen, den Jubel des Aufbruchs ... er fiel nieder in den roten Staub und küßte die Erde. Freunde riefen ihn. Und die Geliebte seiner Jugend. Wie ein Kranker kehrte er in das Land seiner Väter zurück, herzbeladcn, Heilung suchend; er weinte vor Freude, als sich seinem Schiff die Berge Judäas näherten. Er warf die Hände aus . . . um die neue Heimat zu empfangen. Was war gegen diesen inneren Jubel Iphis’ Kuß, dev Freunde herzlicher Händedruck? Sie führten ihn an eine blu men geschmückte Tafel, der Austausch der Neuigkeiten und der Grüße wollte nicht enden. Sie wurden nicht fertig, die Schönheit des Landes, den Segen der Felder und das Glück der Menschen zu rühmen. Dann, als die Gäste gegangen waren, die Stunde der Dämmerung heranschlich, setzte sich Iphis an den Flügel und spielte. Ein Stück Beethovens, Jubel und Gruß, der Befreiung, heroische Melodie. Er barg sein Gesicht in weichen Kissen und weinte. So weh wühlte der Schmerz in seiner Brust. Die Wunder, die ihn umstanden, konnte er noch nicht deuten. Der Sprung in die neue Welt war zu jäh geschehen. Die zweitausendjährige Empörung, Bedrückung* und Verzückung, die in seinem Blute trieben, konnte ein Tag nicht bändigen, ein Kuß nicht wegstreichcn. Schlaflos lag, er iu der Nacht und träumte. Bahnen, Schiffe, Freunde, Kinder, geliebte Frauen — umgaukelten ihn, er stand wie ein Kind in diesem wirbelnden Chaos, im Tanz der höllischen Elemente und rief nach Gott. Am zweiten Tag verließ er Iphis’ Haus. Er versprach ihr, bald wieder zu kommen. Er sagte ihr, er wolle eine Reise durch das Land machen. Aber eine andere Stimme, innerer Aufruhr, trieb ihn aus der häuslichen Enge, riß. ihn von der Seite der Geliebten. Ahnte eie, die für «ein Glück zu jedem Opfer bereit war, durch welche Meere seine Gedanken stürmten, daß er wie ein zielloser Nachen schwankte? Im Walde von Gethsemane lag er und träumte von dem Reich Gottes auf Erden. Wie herrlich die Kuppen der Berge, wie entzückend die Täler und verheißungsvoll die Zukunft. Er durchschlich die Felder und sah den Bauern bei ihrer Arbeit zu. Er lief neben dem Pflug her und saug. Mägde schwatzten und lachten kindlich froh. Er setzte sich zu ihnen und war ihnen dankbar für den Rest ihres Mahles. Immer weiter stürmte er durch das unbekannte Land, er wollte es vom Süden bis Norden, vom Osten bis Westen Kennenlernen, um dann auszurufen: Wie herrlich ist unsere Heimat, ein Gottesland. Hier will ich leben und sterben. Auf einem Felde arbeitete eine Schar junger Männer, schaufelte die Erde. Er grüßte sie; sie ließen sich in ihrer Arbeit nicht stören. Er setzte sich zu ihnen und verfolgte ihre eiligen Bewegungen, ihren Fleiß, ihre Selbstaufopferung. War er nicht auch gekommen, um an dem riesenhaften Neubau mitzuhelfen? Nun durchstreifte er schon Tage Städte, Dörfer und Felder. Iphis harrte seiner und auch die Verwaltung erwartete seinen Entschluß. Man hatte ihm eine höhere Stelle in Aussicht gestellt, in einer Finanzkommission . . . als Oberster des Grenzschutzes . . . eine Tätigkeit, die seinen geistigen Anlagen und seinem organisatorischen Talent entspreche. Er hatte sich Bedenkzeit ausgebeten. Er wollte sich zuvor mit der Scholle versöhnen, die Stimme seines Blutes ausgleichen, innere Klarheit gewinnen. Dann mußte er von selbst den Platz finden, wohin er gehörte. Noch fühlte er sich fremd in diesem Land ... ho fremd wie damals, als sein F uß zum ersten Male den Boden der U. S. A. betreten. Das Neue wirkt immer fesselnd, erregend, zaubert Wunder, bis einen der Allt.g packt und in den Gleichschritt zwingt. Da verblassen die Farben, zerrinnen die Freudentöne, die Nächte verlieren ihren Zauberreiz. ..Komm her, mein Freund, erzähle mir etwas. Ich lese aus deinen Augen, du bist kein Sohn eines Tabakpilunzers. Deine faltenreiche Stirne verrät, du hast viel über Bücher gesessen und über die Rätsel der Welt und die Geheimnisse im Menschen nachgedacht. Und du bist hergerannt, um frei zu werden von der Schmach, die uns im Blute brennt.“ „So ist cs, Herr. Ich fühle mich hier glücklich und wohlgeborgen.“ „Und dich treibt keine Sehnsucht nach dem Kampfplatz zurück?" „Kampfplatz!“ Verachtung umzuckte seinen Mund. „Lange genug haben wir unsere Leiber und unsere Seelen geopfert. Die besten Gaben haben wir ihnen gereicht und sie haben sie uns feindlich aus der Hand geschlagen. Unsere Kinder sollen nimmer Opfertiere sein, Freie, Aufrechte, Seßhafte. Lange genug waren wir die Spendenden, nun wollen wir die Empfangenden sein.“ „Du hast Recht mein Sohn Das wollte ich hören. Wir wollen hier Europa vergessen und neue Menscheu werden.“ Er ging weiter. Planlos durch Weingärten und Getreidefelder. Hatte dieser Jüngling nichts von der Botschaft vernommen, die hinauszutragen und zu verkünden ihre Berufung war? Das Leid hat uns alle zermürbt, tatohnmächtig gemacht. Gewiß, nicht jeder hat die Kraft und den Mut, gegen unbesiegbare Widerstände, gegen eine Weit von Feinden anzukämpfen. Oder hatte dieser Jüngling dennoch den Ruf des allmächtigen Gottes vernommen? Aus der Bedrängnis und Not seiner Volksgenossen war sein Wille erwacht, eine neue Heimat zu schaffen, auf neuer Erde Mensch zu werden. Glich er nur den Kindern Israels, die nach dem Auszug aus Ägypten aus Furcht vor den Wüsteustrapazen und den dunklen Ungewißheiten der Zukunft sich in das Joch Ägyptens zurücksehnten . . .? ln einer schmalen Gasse spielten Kinder, blondhaarige, schwarzhaarige. Sie liefen einem Ball nach und jauchzten mit jener erquickenden Frische, wie nur Kinder jauchzen können. An seine ersten Kinderjahre konnte er sich nicht mehr erinnern. Ob sie auch in so heiterem Spiele verlaufen? Er sah das kleine Elternhaus unweit eines Flüßchens, dessen eintöniges Gemurmel Tag und Nacht rauschte, das ihm die ersten Grüße aus der fremdeu Welt gebracht und seine ersten Sehnsüchte zu unbekannten Horizonten getragen. Allzu still war cs im Elternhaus gewesen. Die Eltern waren mürrische, verdnissige Leute gewesen, die aus unbewußtem Argwohn jeden Verkehr mit Nachbarn mieden. Mit dem Eintritt in die Schule hatte sich ihm die große Welt eröffnet. Auf der Straße war ihm zum ersten Male der Ruf entgegengeschlagen, dessen Sinn er damals nicht verstanden, den er erst viel später erfaßt, der aber in seiner Seele sich eingewurzelt hatte und zu einem mächtigen Feuer anwuchs. Alle Kämpfe lohten auf, um Selbstbehauptung, um Freiheit, Ehre, Würde und Menschlichkeit. Dieser Ruf hatte ihn aus dem Hause gejagt, durch Hörsäle getrieben, durch die Hauptstädte der Kontinente. Es galt, den Fluch aus der Welt zu schaffen, von einem unschuldigen Geschlecht eine schuldlose Schuld abzuwälzen, die kommende Generation von dieser Anklage zu befreien. „Warum weinst du, mein Sohn?“ eine mütterliche Stimme flüsterte. Ein gütiges Gesicht, um dessen Lippen Barmherzigkeit lächelte, neigte sich ihm. „Hat er dich wieder beschimpft? Er weiß nicht, was er sagt; spricht nur nach, was andere ihm vorplappern. Sei ihm darum nicht bös. Zeig ihm, daß du sein guter Kamerad bist.“ Er hatte sich redlich darum bemüht, Zeit seines Lebens. Es war unmöglich gewesen, die Klippe zu zersprengen. Nicht der fremde Gott, der Argwohn der Menschen, niedere Gesinnung, mangelndes Vertrauen ließen die Freundschaft nicht keimen. An einer Straßenbiegung las er einen Namen. Eine Erinnerung löste sich iii seinem Gedächtnis. Von fern her schwebte süße Melodie nnd umrauschte ihn: Biblische Gestalten, die Helden seiner Kindheit. Auf der ewigen Flucht, in der geschäftigen Hast hatte er nie Zeit gefunden, sich mit den Büchern zu befassen. Nun wo er im zeitlosen Strome stand, erstrahlten ihm in neuer Gloriole die Könige, Priester und großen Pro-- pheten. Er zauderte, wußte nicht ob er süd- oder nordwärts einlenken sollte. Der Zukunft konnte er sich nicht willenlos in den Schoß werfen, eine mächtige Vergangenheit hemmte den Sprung. Er sah in das Tal hinab, wo in goldenen Rüstungen die Helden erglänzten. Sie zogen vorüber. Das Feld stand leer. Die Sonne flutete auf gelbe Flächen. Die Vergangenheit kann uns die Kraft leihen, die Zukunft zu erstreiten, unser Blut für ein hehres Ziel zu wagen . Die Toten sind uns Führer ins neue Reich. Helden müssen wir werden, um die Welt nach unserem Willen zu gestalten. Gott hat uns ansgesandt. Und noch ist sein Werk unvollendet. Er kehrt nach Jaffa zurück. An die Landungsstelle. Durchstreifte die Hafenstraßen und schaute die Masten und Flaggen vieler fremder Nationen. Gruß aus Europa. Dir Fremdem im fremden Land. Da* klang wie Musik eines unsichtbaren Orchesters. Es öffnete die Bühne, auf der die großen Weltgeschehnisse abrollten. In den Lüften sah er das Kampfgewoge, er hörte das Sirren und Klirren der Schwerter. Er rief den Feldherrn die rechte Schlachtordnung zu; sie hörten ihn nicht, antworteten ihm nicht, in den Meilen der Entfernung ertrank sein Ruf. Er stand wie bereits erloschen hinter den Kulissen und wartete. Auf wen. auf was? Auf sein Ende? Es trieb ihn, sich in den Tumult zu stürzen und mit den Besiegten zu sterben. Aber dann hörte er wieder das haß volle Geschnauf unzähliger Feinde: Wer rief dich? Wer begehrt deinen Rat, deine Hilfe? — Der Vorhang fiel . . . Nacht umhüllte die Masten und Schornsteine der Schiffe. Sein schlummerbegehrendes Herz rief: Komm Friede, auch zu mir!. Bedächtig, gedankenvoll durchschritt er die Straßen, Aus einem Fenster sang eine sehnsüchtige Mädchenstimme. Sie trug ihn nach Deutschland. Wie oft hatte er auf deutschem Lande diesem sehnsüchtigen Lied gelauscht. Wenn er um Mitternacht am Ufer des Stromes gestanden und die dunkle Flut seine Wünsche ins Ungewisse getragen; wenn er über Felder getaumelt und das Wunder am Himmel gesucht. Durch ein helles Fenster sah er in eine Stube. Auf einem Schemel saß eine junge Mutter und wiegte ihr Kind. Ihr Gatte saß neben ihr und las, heitere Zufriedenheit drückte sein Gesicht aus. Am liebsten wäre er hingerannt, hätte die Frau und das Kind gesegnet. Gesegnet — er! Sie hätten ihn nicht verstanden. Es gab also noch Menschen, die nicht den Zwiespalt seiner Seele teilten, die jenseits des Kampfes standen und in denen die Erinnerung au die große Armut, an die zweitausendjährige Wallfahrt erloschen? Gesegnet seien diese Menschen. Vielleicht brauchte er nur zu Iphis zurückzukehren, an ihrer Seite auszuharren, unermüdlich zu arbeiten, um zu den erlösten Menschen vorzustoßen . . . Nein, dazu war er nicht erschaffen. In seinen Adern pulste ein stürmischeres Blut, ihn drängte es nach keinem bürgerlichen Mittagstisch, nach keiner friedlichen Abendruhe; in seinem Blute brannten alle ungelösten Fragen ÄA Menschheit, alle Qualen seiner Brüder. Er war Hammer und mußte den Amboß schlagen. ” Eine Schar Benediktinermönche kam die Straße gezogen. Auf der Wallfahrt nach Bethlehem oder sonst an einen Ort, der ihnen heilig ist. Sie beteten. Über ihre gefalteten Hände fiel ihr Blick in den Staub der Straße. Wer weiß, aus welchem Lande sie kamen, um am Grabe des Heilandes zu knien. Auch ihnen ist dieser Boden heilig. Er ist mit dem Blute ihres Erlösers getränkt. Und doch — es ist ein anderer Gott, zu dem sie aufblicken. Das Kreuz steht zwischen den beiden Religionen, das Kreuz trennt sie, das Grab des Gekreuzigten. Darum stehen sich Millionen feindlich gegenüber. Und hat sie nicht alle der Hanch eines Gottes geboren? Ließ er ihre Verwirrung so groß werden, damit sie sich nach dem schweren Marsche glücklicher zueinander finden? Jedes Glaubensziel ist, die Erlösung des Menschen vom Übel. Und sie werden die Stufen gemeinsam aufwärtsschreiten, wenn sie sich näher dem Menschen fühlen. Nicht im Jenseits liegt das Reich der Menschen — hienieden. Wir müssen fest über die Erde schreiten, die Vergangenheit hat uns dies gelehrt, wohl dürfen unsere Augen nach den Sternen schauen, damit sich ihre Sehnsucht am Wunderbaren und Göttlichen stillt. Schon am anderen Tage flüchtete er wieder in die Hafenstadt und ruhte au der Landungsbrücke. Schaute sehnsüchtig nach dem nahen Cypern. Fuhr in das Meer hinaus, tief beglückt, weil er sich auf dem Weg nach Europa fühlte. Er weinte nach den Gärten Frank* reichs, nach den Strömen Deutschlands, nach der grenzenlosen Weite Rußlands, nach dem abenteuerlichen New York. Als der Traum zerrann, kehrte er in die Stadt zurück. Noch fühlte er sich fremd auf dieser Erde, noch hatte sicli in ihm nicht die große Wandlung vollzogen, noch griffen seine Hände nordwestwärts, wo der Hellespont lag. Noch blutete seine Wunde, fühlte er sich hingerissen, hergezogen, von unendlichen Fragen gepeinigt. Stand er noch nicht am Ende des Kreislaufes? Mußte er noch einmal die Umwallung zurücklegcn? (Fortsetzung folgt) Kalendarium siir die Zeit vom 12.2.6.19.2.1927 Februar 1927 Abar I 3887 Sonnabend 12 Sonntag 13 Montag 14 Dienstag 16 Mittwoch 16 Donnerstag 17 Freitag 18 Sonnabend 19 10. Wochenavschnitt: T'zawe Hastarah: Ezechiel 43,10—27 Sabbat-Ausgang: 6,64 Uhr 11. 12. 13. 14. Klein Purim 18. 16. 17. Wochenabschnitt: Kisstsso Hastarah: Könige I 18,1—39 Sabbat-Ausgang: 6,07 Uhr \

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