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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-02-11 · 6 (11.2.1927) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
6 (11.2.1927)
Date
1927-02-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
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MMÄsEMmg 7.Iahrgang Nummer 6 Für Deutschtum und Judentum. Eine KrtU-gebimg zum Pro Palästiua-ComitL. Am 6. Februar fand in Berlin im LoaenhauS, Joachünsthaler Straße eure Kundgebung statt, zu der unter anderem auch zahlrecche Freunde unserer liberctten Bewegung einge- Een hatten. Das Thema lautete: „Das deutsche Volk und öle Gefahren der Palästinawerbung." In dem dichtgefüllten tsaal bemerkte man zahlreiche Führer des Berliner Judentums sowie eine größere Anzahl Nichtjuden, e r J!x^er Redner ergriff das Wort der Prediger der jüdlschen Reformgemeinde zu Berlin, Herr Dr. Rosenthal, der ungefähr ausführte: Die Palästina-Frage sei eine der «Kämmten im jüdischen Leben: sie möge leidenschaftslos und ohne Gehässigkeit behandelt werden. Es ist zuzugeben, daß sich der Zionismus um den Ausbau des Heiligen Landes große Verdienste erworben hat. Die zionistische Bewegung umfaßt Menschen, die ihre ganze geistige und materielle Existenz an die Idee gesetzt haben. Aber auch den Nichtzionisten rst Palästina das Heilige Land, ein Land ungeheuerer Erinnerungen und auch eine Verheißung. Noch vor dem Zionismus war in Palästina Aufbauarbeit geleistet worden: den unglücklichen Glaubensbrüdern aus dem Osten sollte eine menschenwürdige Existenz ermöglicht werden. Darüber hinaus aber ist uns Judentum einzig und allein Bekenntnis zur jüdischen R e l i g i o n, die Uraufqaüe des Judentums ist es, mit der jüdischen Lehre die ganze Menschheit zu erfüllen, die religiös sittlichen Ideen in der Menschheit zu verwirklichen, die Menschheit zu einem Bruderbünde zusammenzuschließen. Ein jüdischer Nationalismus muß antireligiös wirken. Ein jüdisches Volk können wir nrcht anerkennen. Wir stimmen einer Arbeit in Palästina zu, soweit nicht ein jüdischer Nationalismus in Betracht kommt. Im zweiten Teil seiner Ausführungen wandte sich der Redner gegen den Begriff des jüdischen Volkes, wie er von den Zwnisten angewandt wird. Unter Volk ist in der Thora nicht etwas dem heutigen Bolksbegriff Entsprechendes, sondern nur die betende Gemeinde verstanden worden. Wie wrr als Juden aus religiösen Gründen den Zionismus ab- ^hnen. so mühen wir uns als Deutsche aus nationalen Gründen gegen den Zionismus zur Wehr setzen. Als Beweis für die Verwirrung, die unter der zionistischen Jugend l.c* führt der Redner aus einer Jugeudzeit- Aufsatz eines jungen Nativnaljuden an. in dem heißt: „Aller guter Wille Deutscher zu sein, ist vergeblich." Wrr sind nicht in Deutschland zu Gaue, wir frnd im deutschen Volke zu Hause/ Deutschland rst unser Hermaterlebnis. Wir sind mit unserem Herzblut an Staat und Volk gekettet. Der Redner schloß mit dem Bekenntnis: Gott ist unser Vater. Deutschland unsere Mutter. Als zweiter Redner sprach Herr Pfarrer und fl xD alJ “äentLi e. Dr. Haack (Bresla u). der ausführte: Christentum und Judentum, beide sind Instrumente von wundersamen ewigem Klang. Was soll uns voneinander trennen? Ich fühle mich dem jüdischen AmtSbrnder. der vor mir sprach, näher als irgendeineur Namenschristen. Wo ein Deutscher so spricht, ist er mein Volksgenosse. Die deutschen Juden können nicht aus dem Deutschtum heraus, auch wo sie es wollen. Die Antisemiten bringen das Argument der Rasse ins Treffen. Wenn Rasse unterscheidet, fa wir Deutsche in Splitter auseinander. Wir wollen »Mwurch die Rassentheorie nicht unseren Glauben verderbemMsen. Einst haben die Christen das Land Palästina zu erobern versucht. Die Christen aber haben gelernt, daß der Glaube eine ewige Heimat hat. Palästina ist ein heiliges Land, »idjt nur für Inden, sondern ebenso gut auch für andere Religionen. Unsere Devise ist: Einigkeit und Recht und Freiheit. Wo aber wäre das Recht, wenn einem ganzen Bolkstcil das Deutschtum abgesprochen werden würde. Der Zionismus rst für manche eine heilige Sehnsucht, aber es ist die Sehnsucht, des Ahasver. Palästina ist nicht das Judenland, es wird von England verwaltet. Der Bölkerbund kontrolliert, aber was leider kann heute der Völkerbund? Die Araber werden Palästina nicht preisgeven. Es ist eine Tragik, daß das Judentum gespalten ist, nur die Religion kann cs einen. Man soll sich weder durch den Antisemiten noch durch den Zionisten beirren lassen. In der anschließenden Diskussion sprach als erster Rechtsanwalt Dr. Max Mayer. Er wies darauf hin. daß die Gründung des Pro-Palästina-Komitee gezeigt habe, daß in weiten nichtjüdischen Kreisen die seelischen Probleme des deutschen Juden noch nicht voll gewürdigt werden. In unserer Einzelpersönlichkeit sei Deutschtum und Judentum zu einem Einheitlichen verbunden. Wir können uns nicht im Deutschtum durch den Zionismus, der uns das deutsche Nationalbewußtsein ausreden will, entwurzeln laßen. Ferner sprachen in der Diskussion die Herren Unger, Rechtsanwalt Dr. Galliner, Dr. Naumann und Dr. Bruno Weil. Dr. Naumann verwies auf einen von ihm am sellben Tage in der „Berliner Börsen-Zeitung" veröffentlichten Aufsatz, in dem er ausgeführt hat, daß ein Mensch zwar mehrere Staatsbürgerbriefe besitzen könne, aber nur mit einem Volke national verbunden sein könne. Dr. Well gab der Hoffnung Ausdruck, daß das Pro-Palästina-Comits wiederum ebenso schnell einschlafen möge, wie das im Kriege begründete. Bon allen Diskussionsrednern wurden die nationaljüöischen Gedankengänge entschieden zurückgewiesen und die nationale Zugehörigkeit der deutschen Juden zum deutschen Volke — uno nur zu diesem — betont. Zum Schluß verlas der Vorsitzende der Versammlung, Rechtsanwalt Dr. Simon, dessen vornehme und sachliche Leitung den harmonischen Verlauf der Versammlung günstig beeinflußten, folgende Resolution, die von der Versammlung angenommen wurde: „Die heute im Logeuhaus versammelten von deutsch fühlenden Juden verschiedener politischen und religiösen Richtungen zusammeuberufenen Deutschen erheben schärfsten Einspruch gegen die hemmungslose Agitation des Zionismus, die geeignet ist, weite Kreise der deutschen Juden, insbesondere leicht beeinflußbare Jugend, dem deutschen Vaterlande zu entfremden und schwere Zerwürfnisse in viele Familien zn tragen. Die Werbung für den Aufbau des englischen Mandatlanües Palästina, das niemals auch nur eine erträaliche Heimstätte deutschgeborener Juden, viel weniger ein selbständiger Judenstaat werden kann, muß nach Ueberzeugung der Versammlung die Wirkung haben, im deutschen Baterlande ein bewußt undeutsches Empfinden zu züchten, das die Einheit des deutschen Volkes und die Gleichberechtigung aller deutschen Volksgenossen aufs schwerste gefährdet. Diese Gefährdung ist keme „innerjüdische". sie ist eine deutsche Angelegenheit. Die Versammlung bedauert, daß Männer und Frauen, deren deutsches Nationalgefühl über jeden Zweifel erhaben »st, sich in völliger Verkennung der tatsächlichen Verhältnisse haben bewegen lassen, dem Pro Palästina-Comite beizutreteu. Sie werden jetzt von den Zionisten als Freunde des Zionismus bezeichnet und als Aushängeschild benutzt. Die^Gründung des Pro Paläftina- Comites ist von zionistischer Seite deshalb betrieben worden, um jül-isch,nationale Bestrebungen zu fördern, die außerhalb btt jüdischvWkifche» und der anttsömitifch^beutfch-vSNischen Kreise von jedem guten Deutschen, gleichviel welcher Parteirichtung. mit Entschiedenheit abgelehnt werden umsten." Ueber Westjn-entum. An die Gebildete« unter seine« Verächtern. Wir entnehmen diesen Aufsatz der in Strasburg erscheinenden Zeitschrift „La Tribüne Juive.“ Die Red. In diesen Tagen, wo die sterbliche Hülle des jüdischen Denkers und Schriftstellers Achad Haam zu Grabe getragen wurde, um in Tel-Aviv neben dem Leichenhügel des Zivnistenführers Max Nordau zur letzten Ruhe bestattet zu werden, ist wieder von dem temperamentvollen Artikel die Rede gewesen, in dem der trotz seiner Meisterschaft über das Wort stilistisch oft ausgleitendc Freund Theodor Herzls den .Kritiker des Romans Altneuland nnter allzu leidenschaftlichen Ausbrüchen und mit wuchtigen Hieben zu demolieren suchte. Es ist heute allgemein üblich, das Vorgehen Max NordauS, der weder Achad Haam, noch seine Schriften kannte, mitleidig zu verurteilen. Sich in Widerspruch zu dem Verfasser des Al Paraschat Derachim zu stellen, durfte selbst ein Max Nordau. wenn er besonnen gewesen wäre, sich nicht erlauben. Wer aber wie der Schreiber dieser Zeilen sich des Aussehen erregenden Abwehrartikels noch gut erinnert, wird zugeben, daß Mar Nordau vielen aus dem Herzen sprach und uns durchaus nicht empörte, als er flammenden Protest gegen den anspruchsvollen Versuch erhob, das Ostjudentum zum Normaltypus dessen, was jüdisch ist. zu erklären. Seit der großen Revolution haben sich die Ströme endgültig gegabelt, und die Stellung unserer Glaubensgenossen zu ihrer nichtjüdischen Umwelt ist für West- und Osteuropa in ihrer grundsätzlichen und tatsächlichen Verschiedenheit seitdem festaeleat. Die französischen, deutschen, englischen Israeliten sprechen die Sprache des Landes, das sie bewohnen. Sie uelnnen au dem kulturellen und geistigen Leben regen Anteil, find beis?'ielSwcise in unserm franzonschen Vaterlande sogar ganz davon durchdrungen. In: Physischen und im Moralischen, in ihrem äußern Habitus und in ihrer geistigen Einstellung haben sic sich vollständig der christlichen Bevöliernng augeglicl'.eu, sind also assimiliert, ohne in allen Fallen die Geschmacklosigkeit zu haben, Assimilanten zu sein. 'Wer bei uns die Landessprache nicht spricht, gilt als Fremder, wer sie schlecht spricht, als ungebildet. Eine andere .Kultur als die französische ist unbekannt: sie ist so vorherrschend, daß sie nach Ansicht vieler Glaubensgenossen sogar die Kenntnis unserer religiöser! Traditionen verdrängt bat. An sich aber bedeutet die Aneignung der französischen Kultur für unsere Glaubensgenossen durchaus nicht eine Gefährdung ihres Judentums. Unsere Väter haben es bewiesen und hervorragende Vertreter unserer Gemeinschaft beweisen es bis auf den heutigen Tag, daß Tbora im derech eretz. rege Anteilnahme an der europäischen Kultur nud acsetzestreue Lebenssübrui'g. sich harmonisch vereinigen lassen. Ob ein französischer Israelit die vielfältigen Traditionen des Judentums beobachten und für seine Familie bewahren will, ist ein persönlicher Willensakt. zu dem er sich ebenso gut wie der französische Katholik und der — Ostjudc durchringen muß. Für diesen ist freilich der Kampf viel leichter. Er lebt in einem, jüdischen Milien. Vom kulturellen und geistigen Leben der christlichen Umwelt wird er kaum berührt. Daß er in es eindringt, ist ein Ausnahmefall. Die Masse lebt abgeschlossen, weil sie mit der sie umgebenden Bevölkerung keine Sprachgemeinschaft im westeuropäischen Sinne bildet. Erst die gemeinsame Sprache schasst die gemeinsame Kultur. Wenn die Ostjuden mauscheln oder jiddisch sprechen, erscheinen sie dadurch nicht als Fremde oder Ungebildete in den Augen ihrer Umwelt: sie dokumentieren damit den Willen, die Kultur, der andern nicht anzunehmen. In diesern Punkte nun ruht die Schwierigkeit. Wenn der osteuropäische Christ aus der Tiefe emporsteigt, um an der europäischen Kultur teilzunehmen, verläßt er sein Element. Er studiert die Werke französischer oder deutscher Denker, besucht Pariser oder Münchener Kunstschulen und lebt fortan in westeuropäischer Kultnrzone. Der christliche Pole oder Russe, der in die europäische Kultur einkritt. atmet nichi mehr in slawischer, sondern in abendländischer Geistigkeit. Daraus haben unsere osteuropäischen Glaubensgenossen die Schlußfolgerung gezogen, daß der Marsch aus ihrem Ghetto in die europäische Kultur säe zur Auflösung führen würde. Und das ist nicht so uneben. Ihre Denker, die nun freilich wie Achad Haam durchaus in der europäischen Kultur wurzeln, haben aus diesem Grunde den jüdischen Nationalismus proklamiert, in den die zu moderner Bildung drängenden Elemente eingesponnen werden sollten. Sie haben es sogar sertiggebracht. diesen Nationalismus in einer Natioualsprache vorzutragen, im Nenhebräischen, das den Eingeweihten alle europäischen Kulturgüter vermittelt und doch gleichzeitig das Band der jüdischen Zusammengehörigkeit um sie schlingt. Der Nationalismus und die neuhebräische Sprache sollen den schlitzenden Panzer bilden, ähnlich wie der rabbinische Sejog als Hecke um das göttliche Gesetz aufgerichtet wurde. So weit, so gut. Verhängnisvoll wird diese ostjüdische Ideologie erst, wenn sie der optischen Täuschung unterliegt, die westindischen Verhältnisse im osteuropäischen Lichte zu sehen. Wir trauen uns nicht die Ueberredunaskunst zu, einem selbst nicht zu Widerspruch neigenden Ostjuden es klarzumachen, aber es ist die aufrichtige Meinung des französischen Israeliten, keine Bedrohung seines Judentums in der innigen Anteilnahme an der westeuropäischen Kultur zu erblicken, weil er eben das slawische Beispiel an den französischen Katholiken nicht beobachten konnte. In diesem Punkte scheidet sich Ost- und Westjudentnm. Und deswegen wird der von Achad Haam so glänzend mit wissenschaftlichem Anstrich verkündete Nationalismus, der in Osteuropa seine psychologische und politische Notwendigkeit zweifellos hat, in seiner Wirkung aus die Länder beschränkt bleiben, wo er entstanden ist. Eines schickt sich nicht für alle. Es ist eine historische Unmöglichkeit, die von Osteuropa ausgebildete Form des Judeseins als den allein gültigen Typus hinzustellen. Einzelne Köpfe unter den deutschen Zionisten haben sich die Theorie des extremen Nationalismus unter dem Eindruck bestimmter, spezifisch deutscher rassentheoretischer Argumente zu eigen gemacht, haben aber die erdrückende Mehrheit der deutschen Glaubensgenossen, die Palästinafreunde sind, in einem Maße gegen sich, daß darüber der Bruderkrieg ausgebrochen ist. In Frankreich, Italien, England und den Bereinigten Staaten, wo unsere Glaubensgenossen ihrer Staatsangehörigkeit, ihrer Kultur, ihrer Gesinnung nach Franzosen. Italiener. Engländer und Amerikaner sind, kam: von einem jüdischen Nationalismus im osteuropäischen Sinne nicht gesprochen werden. In diesen Ländern gibt es einen Zionismus praktischer Natur, der ausschließlich an die Besiedelung Palästinas denkt und im Aufbau des heiligen Landes gleichzeitig eine moralische Stärkung feines Judeseins erblickt. Die ideellen Momente, die Anerkennung der Gemeinschaftsbande, das Bewußtsein der Beilage N. Zebruar 182? Zusammengehörigkeit mit allen Juden der Welt, sind im französischen, aber auch im amerikanischen Judentum von seinen besten Vertretern stets betont worden. Was darüber hinausgeht. ist Stoff für einen politischen Bramarbas und geeignet, die seelische Einfühlung in das uns umgebende Milieu zu hemmen. Darauf können wir aber nicht verzichten und wollen es nicht, schon aus dem einfachen Grunde, weil wir uns dort bestimmte Eigenschaften angewöhnen, die der anarchische Geist vieler Ostjuden nicht hat und nicht kennt, die zwar eine große Gefahr für die Schwachmütigen darstellen, die uns aber dazu befähigen, unsere alten Traditionen in neuem Gewände weiterzupflegen, gutes Eucopäertum und treue Stammesgenossenschast zu vereinigen. Die nicht wegzuleugnenden schweren Gefahren, die uns fortwährend bedrohen, bestehen aber auch für unsere osteuropäischen Glaubensgenossen. Der Panzer des Nationalismus und der nenhebräischen Sprache schützen nur mittelmäßig vor der fortschreitenden Aufklärung. Auch das Ostjudentum hat seine Sozialisten und Kommunisten, Assimilanten und Täuflinge. Ihre Bildung erlaubt den dortigen Freidenkern sogar, die religiösen Gefühle der andern durch allerlei Provokationen zu verhöhnen und den Versöhnungstag öffentlich zu entweihen. In dieser Hinsicht ist der Unterschied zwischen den beiden Judentümern nicht so groß, als viele Naive wähnen, der Abfall vom überlieferten Väterglanben erfolgt dort nach durchaus westeuropäischem Vorbild und nur in* verschiedenem psychologischen Tempo, nämlich brüsk und ohne Ueberaang. Wer genau abzuwägeu sucht, wird auch die Spur einer Ueberlegenheit vermissen. Der von Achad Haam proklamierte Nationalismus und die neuhebräische Sprache können erst in Eretz-Jsratzl Auswirkung und znkunftwinkende Bedeutung erlangen, wenn nämlich dort ein jüdisches Gemeinwesen aufgebaut wird. Der Wiederaufbau Palästinas aber ist ein Akt kolonisatorischer Tätigkeit, im Vergleich zu der die Problematik unseres gewiß interessanten Gemütszustandes eine Nebenrolle spielt. Heute ist die Entwicklung der Verhältnisse so weit gediehen, daß die besten Köpfe und edelsten Herzen der sogenannten assimilierten Judenheit, die das europäische und das amerikanische Gestade des Atlantischen Ozeans bewohnt, für die Neubesiedlung Palästinas gewonnen sind. Es ist das Gebot der Stunde, alle Kräfte zu dem großen, gemeinsamen Zwecke zusammeuzufassen. Die Theoretiker des Zionismus liegen friedlich nebeneinander in Tel-Aviv begraben. Jetzt haben die Männer das Wort, die praktische Arbeit leisten wollen. L. D. Tagung der amerikanische« Nesormgemeinden. In diesen Tagen fand in Cleveland die 30. Jahresversammlung der Union of American Hebrew Cowgregations statt. Einstimmig wurde der Beschluß gefaßt, sich dem Weltverband des liberalen Judentums anzuschließen. — Auf der Konferenz wurde eine halbe Million Dollar für das Hebrew ' Union College gezeichnet. Der Vorsitzende der Konferenz. Herr Adolf Ochs, unterstrich in feiner Rede die Erfolge des Hebrew College, in welchem die Reformrabbiner für Amerika ausgebildet werden. Er spendete seinerseits 200 000 Dollar für da) College. Die Herren Ludwig Bogelfteiu, M. Guggenbeim. Samuel Untermeyer und William Föt steuerten je 50 000 Dollar bei. Mehrere andere Teilnehmer . spendeten Summen von je 25 000 Dollar, 10 000 Dollar usnt?^ Die Konferenz empfahl in einer Resolution der amerikanischen Regierung, die Friedensverhandlungen mit Mexiko fortzusetzen und jede Kriegsmöglichkeit ans der Welt zu schassen. Mehr als 2000 Delegierte wohnten der 30. Zweijahreskonierenz der Union der amerikanisch-jüdischen Kongregationen bei. Es gehören dieser Union 278 Kongregationen mit insgesamt 56860 Mitgliedern an. Der Schwesternschaft dieser Organisation (National Federation of Temple Sisterhoodsf gehören 325 Vereine mit einer Gesamtmitgliedschaft von 55 000 an. Die Hetze gegen den Jüdischen Liberalismus. Offener Brief a« Herr« UniverfitatS-Profefior Rabbiner Dr. I. Scheftelowitz, Köln a. Rh. Sehr geehrter Herr Professor und Kollege! Nachdem Ihnen in Ihrem Wiudmiihlenkampfe gegen die Londoner Weltkonferenz für Liberales Judentum der Vorsitzende der Deutschen Vereinigung, unser Rechtsanwalt Stern für unser aller Gefühl hinreichend klargemacht, wie sehr Sie sich im Unrecht befinden, wird es mir doppelt schwer, meinerseits aus der Reserve herauszutreten, die wir Teilnehmer der Konferenz uns bisher schweigend auferlegt hatten. Aber Sie zwingen mich dazu. Es genügt Ihnen nicht, den Geist jener Versammlung von Notabel« des Geistes zn schmähen und zu verunglimpfen: Sie behaupten, wie mir aus Köln ohne mein Zutun berichtet wird, in Versammlungen von mir und anderen liberalen Kollegen Ansichten über religiöse Grundfragen des Judentums gehört zu haben, die Ihre Angriffe rechtfertigen. Insbesondere wollen Die aus meinem Munde vernommen haben, daß ich „Thora und Talmud verwerfe" und nicht an die „Unsterblichkeit" glaubte'. Sie können damit nur auf eine Diskussion im Rheinischen Rabbiner-Verbaude, Oktober 1926, Hinblicken, die sich an Ihre unglückliche Verteidigung st a r r e r D o g m e » im Judentum, wie wir sie in anderen Religionen finden, anknüpfte. Ich erkläre hiermit öffentlich, daß eine solche Wiedergabe meiner Meinungen, wenn sie wirklich so erfolgt ist, eine grobe Verdrehung darstellt, bei der es schwer fällt, die Gutgläubigkeit zuzngestehen. Ein Theologe, dem die Wahrheit höher steht, als sein Parteiinteresse, konnte und durfte so nicht mißverstehen. Sie haben üher mich und andere liberale Kollegen ebenso leichtfertig referiert, wie über die Londoner Konferenz. Es ist Ihnen nicht gegeben, obwohl Sie als Philologe und Kulturforscher an pünktlichste Genauigkeit und Akribie gewöhnt sein müßten, die Ansichten eines theologischen Gegners objektiv aufzunehmen, geschweige sic nach ihrem wahren Sinne zu beurteilen und zn würdigen. Sie gehören zu den Männern, die nur eine Meinung, nämlich die eigene, kennen und dulden. Naturgemäß macht Sie solche Einseitigkeit und Starrheit blind. Sie versenken sich liebevoll in die Religion der Feueranbeter und Leichenschänder: Sie kennen die feinsten Regungen der altpalästinensischen Bauernreligion: Sie fanden früher ganz naiv heidnische Parallelen zu pentatenchischen Gesetzen: aber für ihre neuliheralen Kollegen neben sich 4

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