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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-02-11 · 6 (11.2.1927) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
6 (11.2.1927)
Date
1927-02-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Gründung einer Arbeitsgemeinschaft der süddeutschen Landesverbände. Die Vertreter der israelitischen Religionsgemeinschaften und Landesverbände in den Ländern Bayern, Baden, Württemberg und Hessen sind am 6. Februar 1927 in Stuttgart zusammengetreteu und haben, vorbehaltlich der Zustimmung ihrer Organe, die Bildung einer Arbeitsgemeinschaft beschlossen.. Die Vertreter der Landesverbände sind nach wiederholter eingehender Prüfung zu der einstimmigen Auffassung gelangt, das, die Bildung eines Reichsvervcrbandes erstrebenswert ist, daß dieser aber nur aus dem Wege über die Landesverbände geschaffen werden kann. Es gibt nur einen Reichsverband. Der aufmerksame Leser der jüdischen Presse wird sestgesteUt haben/ datz neuerdings wieder die Frage der Grüngung eines Neichsverbandes in den Vordergrund der Ereignisse gerückt wird. Nicht nur von einer, sondern von verschiedenen Seiten wird der Ruf erhoben: „Her mit dem Reichsverband auf der Grundlage der Beschlüsse des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes vom Jahre 1921!" Im Organ der zionistischen Partei ist die Forderung gestellt worden, und eine Bertreterversammlung der Gemeinden Nordwcstdcutschlands hat Anfang Januar eine Resolution im gleichen Sinne gefaßt. Man fragt sich mit Recht, warum mit solcher Einmütigfeit jetzt auf die Beschlüsse des Gemeiudebundes von 1621 zurückgegriffen wird, nachdem die Organisation des deutschen Judentums in der Zwischenzeit ganz andere Wege «ungeschlagen hat durch die Bildung von Landesverbänden. Die deutschen Landesverbände haben bekanntlich gemeinsam an einem Berfasjungsentwnrfe für den Reichsverband gearbeitet, der auf dem letzten Verbandstage des Preußischen Landesverbandes allerdings abgelehnt worden ist. Die Gründe für seine Ablehnung waren ausschließlich in mehr oder minder erheblichen Wünschen der Parteien zu suchen, nicht aber — und das sei uachdrücklichst festgestellt — in dem Umstande, daß der Entwurf nicht auf der Grundlage des direkten Zusammenschlusses der deutschen Gemeinden ansgebant war. Unterzieht inan die erwähnten Wunsche einer genaueren Betrachtung, so erstreckten sich die der liberalen Fraktion, die übrigens dem Entwurf im ganzen, jedenfalls seinen Grundzügen, nicht ablehnend gegenüberstand, in der Hauptsache auf eine stärkere Vertretung des preußischen Verbandes gegenüber den anderen Verbanden. Es wurde ferner bemängelt, daß der Reichsverband nur einen Rat und nicht auch eine Reichstagnng haben sollte, die die Aufgabe einer Kontrottinstanz gehabt hätte. — Der erste Einwanü hätte sich ebenso wie eine Reihe weiterer Bedenken bei nochmaliger Verhandlung und einigem Entgegenkommen der süddeutschen Verbände wohl beseitigen lassen. Der zweite deckt sich mit der Forderung der zionistischen Partei, die das Schlagwort von dem demokratischen Prinzip geprägt hat. Hierzu sei bemerkt, daß der ursprüngliche Entwurf des bayerischen Führers, -Oberlandesgerichtsrats Dr. Neumeyer, eine solche Reichstagung vorsaH. Mau hat sie aber nach sehr eingehenden Erwägungen fallen gelassen, weil man sich sagte, daß die beschränkten Mittel, die dem Rcichsverbanöe vorerst zur Verfügung stehen würden, für wichtigere Zwecke verwandt werden müßten, als daraus die sehr erheblichen Kosten von Wahlen und Bezahlung der Reisekosten und Tagegelder für die Abgeordneten zu bestreiten. -^ Welchen praktischen Wert solche Parlamente haben, wird jeder, der dem im Itovenrber stattgefnndenen Verbandstage ^v.es preußischen Verbandes - beigewvhut hat, ermessen können. Man hörte stundenlange, hochinteressante Anscinandersetznngeu der Parteiführer über ihre Weltanschauungen und damit zusammenhängende Ereignisse, während die sachlichen Debatten auf ein Minimum von Zeit beschränkt wurden. Wen — und das sei in erster Linie den Vvlksvarteilern, die am stärksten den Ruf nach der ans Urwahlen hervorgegangenen Reichstagnng erheben, gesagt — die preußische Tribüne für solche Auseinandersetzungen zu klein ist — ja, dann wird allerdings ein weit kostspieligeres Reichsparlament geschaffen rverden müssen, das aber der deutschen Jndenheit wenig Nutzen bringen und auch nicht in der Laqe sein wird, das leider so geringe Interesse an jüdischen Dingen zu erhöhen! Die Wünsche der konservativen Fraktion und die der religiösen Mittelpartei werden kurz gekennzeichnet durch Versammlungskalender / Berlin-Nordeu. Liberale Synagoge Norde» (im Auerbachschcu Waise«, Haus. Schönhauser Allee 162): Gottesdienst: Freitag, den 11. Februar, abends 7,80 Uhr. Predigt: Rabbiner Dr. Salomonski. Sonnabend, den 12. Februar, vormittags 10 Uhr. Breslau. Jüdisch-liberaler Jugenbverein „Abraham Geiger". Freitag, den 18. Februar, abends 8M Uhr. gemeinsame Freitagabend-Feier bei Herrn Erich Königsberger. Kaiser- Wilhelm-Str. 27. Gäste, dnrch Mitglieder eingeführt, willkommen. Halle a. S. Montag, den 11. Februar, abends 8'A Uhr. im groben Saal des Hotels „Hohenzollcrnhof". unterer Saal. Bortrag George Goetz (Berlin). Generalsekretär der Verciniguna für das liberale Judentnm E. B.: „Was ist und was will das liberale Judentum?" das Verlangen nach stärkerer Berücksichtigung der religiösen Minderheiten. Auch diesen Wünschen hätte ohne weiteres Rechnung getragen werden können. Da eine Abänderung des Entwurfs von vornherein als nicht möglich bezeichnet worden war, stimmten schließlich alle Parteien für seine Ablehnung. Die Gründe sind dargelegt worden, und es ergibt sich die Tatsache, daß auch nicht eine einzige Partei sich dagegen gewandt hat, daß der Reichsverband ein Dachverband der Landesverbände sein sollte. Auch in den Resolutionen der Parteien ist an keiner Stelle hiergegen Einspruch erhoben worden. Die eingangs aufgeworfene Frage kann also wohl nur dahin beantwortet werden, daß führende Persönlichkeiten des Gemeindebundes die neue Parole lancieren, die aber I voll und ganz verwerflich ist. Verwerflich ist dieser Gedanke deshalb, weil er widernatürlich ist! Es hieße an allen bestehenden Organisationen achtlos Vorbeigehen, wenn man einen Reichsverband neben die Landesverbände setzen wollte, der nicht diese, sondern ihre Einzelglieder znsammenfaßt. Moralisch Hütte vielleicht auch ein solcher Verband eine Berechtigung: aber praktisch wird er nnr existieren können, wenn er materiell sichergestellt wird. Die Hilfsquellen Eöttnen nur die Mitgliedsj gemeinden sein, die die Notwendigkeit nicht einsehen werden, neben ihrer schon an und für sich enorm hohen Belastung Beiträge an den Reichs- und an ihren Landesverband zu zahlen (wozu noch evtl. Beitragsleistungen an den Provinzialverband kommen). Sie werden also von einer Organisation znrücktreten und dadurch entweder den Reichsverband nicht entwicklungsfähig oder die Landesverbände lebensunfähig machen. Es ist ja aber auch ganz sinnlos, neben einen schon bestehenden Organismus einen neuen, ihm vollkommen wesensfremden zu setzen: denn inelnanderfügen werden sie sich niemals lassen! Ans dem gleichen Gebiete ist in Preußen schon einmal die Erfahrung gemacht worden. Es gibt hier bekanntlich Provinzialverbände, Borsteherämter und Bezirksrabbinate, die in sich zweifellos gut organisiert sind und waren. Da erschien der Landesverband auf dem Plan mrd vereinigte die einzelnen Gemeinden in sich, unbekümmert um etwa schon bestehende Provinzverbände. Die Folge davon war, daß diese ihre Bedeutung einbüßten und es sich gefasten lassen mußten, daß der Landesverband sie völlig ausschaltete. Es bedurfte erst sehr eindringlicher Vorstellungen, um ihnen einen Teil ihrer Rechte zurückzugeben, und auch heute noch ist infolge der gemachten Fehler ihr Organismus noch nicht mit dem des Verbandes, der eigentlich ihr Dachverband hätte sein müssen, verschmolzen. Diese Vorgänge sollte man als Warnungstafel an dem Wege zum Reichsverbande aufrichten! Wenn man einen solchen zum Leben erwecken und ihn lebensfähig gestalten will, dann gibt es nur einen von der Natur und der Entwicklung vorgeschriebenen Weg: „Zusammenschluß der Ei n z elj ud en zu Gemeinden, der Gemeinden zu Provinzialverbänden, der Provinzialverbände zu Landesverbänden und der Landesverbände zum Reichsverband!" l - Anschluß der Liberalen Amerikas an oen Dellverband des liberalen Judentums. Die Zentralkonferenz der amerikanischen Rabbiner und die Union of American Hebrew Congregations haben auf der soeben in Cleveland abgehaltenen Jahresversammlung einstimmig beschlossen, sich dem Weltverband des liberalen Judentums anzuschließen. Bei der im Juli v. I. in London erfolgten Gründung des Weltverbandes waren die amerikanischen Organisationen, wie wir seinerzeit berichteten, bereits vertreten: ihre Delegierten waren jedoch nicht ermächtigt, ohne nochmaliges Befragen ihrer Organisationen eine Anschlußerklärung abzugeben. Nach dem Bericht der Delegierten haben nunmehr die Organisationen beschlossen. Mitglieder des liberalen Weltverbandes zu werden. Durch den Anschluß des Verbandes der liberalen jüdischen Gemeinden Amerikas und deren Rabbinerkonferenz wird die internationale Organisation des religiösen liberalen Judentums vervollständigt. Gegenwärtig gehören dieser Organisation die liberalen Verbände in Deutschland, Amerika. Frankreich, England, Gruppen in Schweden, der Tschechoslowakei, Kanada und Indien an. Präsident des Weltverbandes ist Claude G. Montefiore in London: Vizepräsidenten sind Rabbiner Dr. Seligmann und R.-A. Heinrich Stern aus Deutschland. Rabbiner Wolsey, Frau Freiberg und Ludwig Bogelstein aus Amerika sowie Rabbiner Dr. Mattuck aus England. Ehrensekretärin ist Frau Lily H. Montagu. Mitglieder des Kuratoriums sind: Aus Deutschland: Dr. Leo Baeck, Prof. Elbogen. Rabbiner Vogelstein. Frau Ollendorf, Dr. Rudolph Geiger und Bruno Woyda: aus Amerika die Mbbiner Leo Franklin, Dr. Morgenstern, Dr. S. Schulman. Dr. A. Simon und Felix Levy, Frau Kohut, A. Leo Weil, Roger Strauß: aus England: B. L. R. Henrigues, Lionel Jacob, Rev. M. L. Perlzweia und Ernest Joseph. Das Lasker-Drama. Von Arthur Silbergleit. Wenn eine nicht nur unter unfern Glaubensgenosse.» so bedeutsame Persönlichkeit wie Weltschachmeister Emauuel Laster, der in Fachkreisen überdies als Profeffor der Mathematik und als Philosoph sehr geschätzt wird, zum ersten Male die viernndsechzig Felder des Schachbretts mit den Brettern, welche die Welt bedeuten, vertauscht und als Dramatiker Geltung sucht, horcht man unwillkürlich auf. Denn seine Entwicklung bestätigte die Verkündigung seiner zahlreichen Jünger, daß ihn niemals ein allzu mühelos zu pflückender Lorbeer lockte, und so erwies sich auch sein Bühnenwerk: „Vom Menschen die Geschichte", an dem er sieben Jahre lang gemeinsam mit seinem Bruder Bertold arbeitete, anläßlich der Vorlesung durch Fränze Roloff und Kurt Gerron im Meistersaal als ein wuchtiger und quadernstarker Geöankenbau, durch den Urzeit. Altertum, Mittelalter. Gegenwart und Zukunft schreiten und die ewigen Ideen und unvergänglichen Grundakkorde der Menschheit bald in feierlichen Jamben, bald in volkstümlich frischen und schlichten Weisen ausklingen. Wenn es etwa je eines Beweises bedürfte, daß gerade wir Juden, denen törichte oder böswillige Gegner allzuoft einen starken Hang zu einer materialistischen Lebens- und Weltanschauung und zu einer in ihrer Begrenzung genau ausmeßbaren irdischen Wirklichkeitswclt vorwarfen, von unfern metaphysischen Trieben und Träumen so überwältigt werden, datz uns die Rechenmaschinenkünste des Gehirns am Ende belanglos erscheinen, so vermöchte ihn die wesentlichste Gestalt dieses Stückes, der bekenntnisselige „Wanderer", der als AhaSver durch alle Gedankenreihe stürmt, überzeugend zu erbringen. Denn sein faustischer Erkenntnisdrang begreift die Unzulänglichkeit und seelische Fruchtlosigkeit alles menschliche« Wiffeps und der nnr Verstandeskräfte: „Vernunft ist Herr, und ihr ist untertan " Der Sterne Lauf und der Geschichte Gang. Doch mir ist diese Herrschaft Tyrannei. Geheimnis, Zauber, Reiz am Ungewissen, Und jedes Abenteuer starb dahin. Nichts bleibt mir, nichts als Glaube an Kalküle. Der Kopf war hell, das Herz erstarrt zu Eis," und deshalb kehrt er zur Heimat aller Gedanken und Gefühle, zu jenem geheimnisreichen Lande, das er „Das Unvollendlich" nennt und in dem er sich innerlich zu verwurzeln vermag, nach mannigfachen Irrfahrten durch alle Lebenslabyrinthe gläubig zurück: „Ja, ich bin ein Nichts, Und über uns im myst'schen Dämmer waltet Das Unbegreifliche." Ehe er jedoch sein Ziel erreicht, bleiben seiner trämneri- Kirche zu bringen. DaS sicherte ihm die werktätige Unterstützung des Adels und der Geistlichkeit, er wurde eine einflußreiche Persönlichkeit, ein Bischof ordnete — entgegen dem polnischen Staatsgesetz — die Verbrennung des Talmuds an. die Rabbiner wurden gezwungen, mit den Irankisten in der Kathedralcirche von Lemberg öffentlich zu disputieren. schließlich holte Frank znm gefährlichen Schlag aus. indem er versicherte. Nachweisen zu können, datz der Talmud den Gebrauch von C h r i st e n b l u t am Pessach vorschrcibt. Eine dustere Zeit schien über die polnischen Juden heraufzuziehen. Abgewendet wird das Unheil durch Israel Baal- Schem. Auch er hat viel ans dem Herzen gegen den starren Rabbinismus. Ihn erbarmt das arme Volk, das im Finstern wandelt und von der hochmütigen Kaste der Gelehrten verachtet wird. Er lebt unter diesem Volke, das au ihn auch als Wundertäter glaubt. Er tröstet und berät es in seinen Nöten und lehrt, das; die wahre Förderung der Thora und der wahre Gottesdienst nicht in dem scharf- ■ sinnigen Disput besteht, sondern in der schlichten Reinheit , des Herzens und in dem Erbarmen mit allen Geschöpfen. Er huldigt ebenfalls der Äabbalaü und tritt damit in einen gewissen Gegensatz zum Nabbinismns. Sein Prinzip ist: nicht teilen, sondern e i n i g e n. nicht Zwic - trächt, sondern Versöhnung! Er verwirft darum das schroffe Einschreiten der Rabbiner gegen Frank, da er bis znm letzten Augenblick hofft, ihn und seine Angehörigen zurückzugewiunen. „Solange ein Glied nicht amputiert ist, kann es noch immer mit dem Körper wieder verwachsen." Er unterhält also Beziehungen zu Frank und | den Frankisten und hat Kenntnis von ihren Plänen. Da er als Wunderdoktor bei den hochstehenden Persönlichkeiten Einfluß hat. so gelingt es ihm. den Tag der Disputation so lange hinausznschieben, bis der ans seine Veranlassung nach Rom entsandte Legat Selig zurückgekehrt ist mit einer Bulle des Papstes, der die Blutbeschuldignng feierlichst verdammt und deren Urheber mit dem Bann bedroht. Den Frankisten ist die giftigste Waffe ans der Hand geschlagen, auf den Disputationen in der Kathedrale ist es Israel Baal Schem, der durch seinen Witz und seine Schlagiertigkeit den Sieg der Rabbiner entscheidet. Nun hat er zuviel Erfolg gehabt, er muß dem Neid seinen Tribut zahlen. Noch an demselben Tage wird der große Baun über ihn und seine ganze Anhängerschaft, die Ehassidim. verhängt. . . Der große Bann hat ihm bekanntlich nicht geschadet. Bald daraus s war der Chassidismus die mächtigste Richtung im Judentum des Ostens und ist es auch in seiner Entartung länger als! hundert Jahre geblieben. Sicher nicht zum Glück der! Luden...! Es muß betont werden, daß der Dichter hier der rvissenschaftlicheu Forschung vorgreift, den Baal Schem und seine Lehre sicherlich stark idealisiert. Während das Leben und die Wirksamkeit Abarbanells in klassisch klaren Linien vor uns ausgebreitet liegen, waltet ein romantisches Helldunkel über dem Baal Schein und seine Tat. Zwei Menschcnalter nach seinem Tode konnte ein anfklärerischer Bekämpfer des Chassidismus die Theorie aufstellen, daß dessen Stifter, der Baal Schem. überhaupt nicht gelebt habe, sondern ein leeres Sagengebilde der Jüngergemeinde sei . . . Es kann geschehen, daß auch hier, wie so oft schon, die dichterische Intuition über die exakte historische Forschung den Sieg davvnträgt. Die ganze Skala der Mittel, die dem Dichter zur Verfügung steht, ist hier aufgeboten: die prächtigen Volksszenen, durchflochten von entzückenden Uebersetzungcn ruthenischer Volkslieder, die dramatisch packenden Begegnungen zwischen Frank und dem Baal Schem, die intimen Auftritte und Diskussionen unter den Geistlichen, die fein i beobachteten und kräftig gezeichneten Figuren ans dem Volke, und zum Schluß die ergreifende Szene, in der der Held sein tragisches Schicksal, den großen Bann, mit heiterer Seelenruhe ans sich nimmt, nur die Summe seiner Ersahrnngen in herrliche Worte gießt, die er den künftigen Geschlechtern einprägen möchte. Er ist ein Ueberwinder gleichwie Don Isaak Abarbanell. Es ist ein ganz anderer Baal Schem, als ihn unsere bisherige historische Neberliefernng gekannt hat. Landau stellt hier, gleichwie in seinem Herodes, unsere geschichtliche Erkenntnis mit souveräner poetischer Kraft auf den Kopf. Sollte seine Anschauung sich in der allgemeinen Meinung durchsetzen, so wird das zwar ein Sieg der Poesie sein. aber, ich fürchte — ein Sieg über die Wahrheit . . .*). SS. W. Segel. Eine jüdische Buchansiiellunj». Am 16. Januar wurde im großen Fesisaale des jüdischen Rathauses in Prag die große Buchansstellnng eröffnet, welche die Gemeindebibliothek ans ihren Beständen ver- *) Die auffällige Tatsache, datz das neue hebräische i Theater, z. B. die „Habima". ans Landaus Dramen nicht zurückgegriffen hat, beweist nur. datz das Nachkriegspubliknm I nicht an Dramen im Stile Shakespeares und Schillers, j sondern im Stile Wedekinds und Georg Kaisers, höchstens 1 noch Strindbergs Geschmack findet. anstaltet. Wie aus der „Entstehungsgeschichte der Bibliothek der israelitischen Kultusgemeinde in Prag", des Bibliothekars Dr. Tobias Jakobowitz,, dessen Werk die ganze Ausstellung ist, hervorgeht, umfaßt die Prager Gemcindebibliothek ivertvolle Bestände. Diese stammen aus den Bibliotheken hervorragender jüdischer Gelehrten, so des bekannten R. Baruch Jeiteles, des Buchdruckers Moses I. Landau, des ersten jüdischen Universitätsprosessors Wessely, des berühmten Rabbiners Rappoport, des Bibliophilen Lieben usw. Aus diesen wertvollen Beständen wurde mm eine verhältnismäßig kleine Auswahl (520 Bände) getroffen, die doch den ganzen großen Festsaal füllt. Einige Schränke zeigen die Entwicklung des Buches von seinem Anbeginn durch Abbildungen von Steintafeln, Papyryrollen u. dgl. Andere die äußere Technik, besonders wertvolle Einbände: zu dieser äußeren Technik gehören auch die Spuren der vandalischen Tätigkeit der Zensoren, die oft — in Rußland noch in neuester Zeit — ganze Seiten mit irgendeinem Farbstoff überstrichen, um sie unlesbar zu machen, oft auch auf dem Titelblatte durch Unterschrift bezeugten, daß sie ihr schändliches Handmerk vollzogen haben. Nach Vitrinen geordnet, sicht man die wichtigsten Vertreter der einzelnen Fachgruppen, wie Bibel, Talmud, Lexika, Geschichte, Hagqadas, illustrierte Bücher, und in einem eigenen Schrank durchwegs Bücher kleinsten Formates. Von den ausgestellten Handschriften, von denen eine ganze Reihe illustriert ist, sind bcrvorznheben: alte Machsorhandschriften, Maimoniöes, kabbalistische Werke und ein kleines, unscheinbares Manuskript, über das eine ganze Literatur geschrieben sein soll, ein Werk Moses Darschens, das nur in diesem Exemplar erhalten ist. Auch die Druckwerke weisen neben Inkunabeln manche Unika auf. Hervorragend vertreten sind die alten italienischen Druckereien (Rimini, Fano, Brescia, Riva, Ferrara, ganz besonders Venedig), dann die deutschen, auch .Konstantinopel und vor allem Amsterdam. Ehristliche Druckereien, wie die berühmten von Elzevir, Plantavik. Frobenius. sind gut vertreten. Den größten Umfang nehmen die Erzeugnisse der Prager hebräischen Druckereien der Gersoniden ein, deren Produkte in den ersten Jahrzehnten voll auf der Höhe stehen, später aber, nm die Wende des 16. Jahrhunderts, verfallen. Hier ist der sigurenrcichc Buchschmuck besonders hervorzulieben, auch die häufige Verwendung des böhmischen Landeswavpens und des Prager Stadtwappens. Jedenfalls gibt die Ausstellung ein gutes Bild der alten jüdischen Kultnrhöhe des einstigen Prag.

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