Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-02-11 · 6 (11.2.1927) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
6 (11.2.1927)
Date
1927-02-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2613366-2613895-2613901--2134-2619573
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Wahl kann der gewählten Vertretung der Geweiudc nicht das nötige Vertrauen gewinne» und entspricht nicht der Würde einer ösfeutlich-rochslichen Körperschaft. Mschriften der an die Einspmcherkhober erteilten Bescheide füge ich bei. ü<z. Zürgiekel. 5ritz Engels SO. Geburtstag. Von Doris W i t t n e r. Gemeinhin vfleflt man das eigene Alter nn dem, einem plötzlich ausfallenden, scheinbar jähen, in Wahrheit aber gesetzmäßig erfolgten Wachstum der nächsten Generation wahrzunehmen. Wesen, die man in stumpfer Gewohnheit vor sich und anderen als „die Kinder" bezeichnete, sieht und erkennt man in einem unerwarteten Augenblick der Hellsichtigkeit als Erwachsene mit höchst erwachsenen Ansichten vor sich: und aus diesen Ansichten erfährt man, daß man selbst schon längst leise belächelt und nicht mehr für ganz voll genommen worden ist. Um dieses ruckweise ausschließende Gefühl kommt niemand herum, der im Leben, geschweige denn, in der Oeffentlichkeit steht. Und dabei braucht die Kluft zwischen den Generationen gar nicht immer so lies und unüberbrückbar zn sein, wie sie uns beisvielsweise von Vater und Sohn Thomas und .Klans Mann als Protagonisten dieser Erscheinung erst kürzlich — auf -er väterlichen Seite mit der sein abgetönten, resignierenden Weisheit der älteren Stufe, auf der jünglinghasten Svhneöseite hingegen mit allem Furor, aller unversöhnlichen Jntransigenz und der charakteristischen Ueberyeblichkeit aller „Kommende n" — dargelogt worden ist. Indessen: es bedarf nicht einmal immer des überfallartigen Vergleichs mit dem künftigen, heranfdrängenden Geschlecht: sondern zuweilen erkennen wir auch, daß und wie alt wir selbst geworden sind, an der einfachen Tatsache, wie jung andere sich zu erhalten vermochten. Zu diesen verwöhnten Lieblingen einer gnädig schenkenden Natur darf sich mit Fug der Berliner Theaterkritiker Fritz Engel, eine der populärsten Erscheinungen der deutschen Publizistik, zählen. Wie denn, was denn, wirklich, soll das Gerücht tatsächlich wahr sprechen, das da hartnäckig verkündet, besagter Fritz Engel, der kluge, erkenntnisreiche, sachliche, zwar häufig scharfe, doch niemals rauhe oder rohe Theaterreferent des „Berliner Tageblatts" vollende am 16. Februar sein 60. Lebensjahr? Sicherlich: seit Jahrzehnten haben wir diesen feinnervigen Geistesarbeiter mit dem ironischen Schmunzeln und der großen Herzensgüte in dem überlegenen und doch wohlwollenden Antlitz auf immer dem gleichen Kritikersessel sitzen sehen: Fahrzehnte hindurch haben wir uns am nächsten Morgen aufrichtig seiner zumeist ins Herzblatt der Dinge treisenden Würdigung geistiger und kultureller Begebenheiten erfreut: aber gerade, was uns diesen Zionswächter der Bühnenkuust besonders wert erscheinen ließ, war ja jene unversiegliche Jugend, die mit jeder neuen, rcformatorischen oder auch revolutionären Bewegung mitzugehen wußte, die sich nicht cnghirnig und engherzig abschloß und ans dem Jsolierstühlchen schmollte, wenn sich auch „mancher Most noch so absurd gebärdete", sondern die vielmehr immer um Verständnis und Einfühlungsvermögen selbst noch so heterogener Geistesrichtungen beflissen war. Man fühlte sich so fest verankert in dem Bewußtsein, daß hier weder ein hochnotpeinlicher Richter, noch ein sadistisch beseelter Henker, noch etwa ein urteilsloser, sveichelleckerischer Schmeichler ÄLobredner seines hohen, im Namen breiter Massen ten Amtes waltete, sondern, daß hier ein Mann im Goetheschen Geiste „besinnlich" und erfüllt von nnnachgibigem Verantwortungsgefühl als Torwart vor den, ihm und uns heiligen, Musentempeln stand und Unbefugten mit dem feurigen Schwert der Begeisterung oder Entrüstung den Eingang öffnete oder wehrte. Gewiß: wir haben gelegentlich vielleicht wahrgenommen, daß durch das dunkle und üppige Haupthaar dieses Mannes sich allgemach weiße Fäden spannen, bis es endlich einheitlich silberfarben erglänzte. Aber gerade unter diesem silbernen Scheitel sahen zwei so junge, feur ige Augen in die wechselvolle Welt der Erscheinungen, daß uns die legendären 60 Fahre auch heute höchstens als ein frohlauniger Scherz von ihm selbst anmuten. Er hat, wie die meisten Leute vom „verfehlten Beruf", sehr jung begonnen, und diese Jugend dankt ihm nun, indem sie ihm unwandelbar treu bleibt. Berliner Witzbolde pflegen zu behaupten, daß es überhaupt keine echtbürtigen Berliner gibt, sondern daß alle Berliner aus Breslau stammen. Wir wollen uns dieser kühnen Verallgemeinerung nicht anschließeu: aber daß die Reichshauptstadt dem schlesischen Zentrum einen starken Bevölkerungseinschlag dankt, der auS besonders kräftigem Holze geschnitzt scheint, und daß Tüchtigkeit, Gediegenheit. Unbeugsamkeit und musische Begabung diese Spezies des „homo sapiens" auSzeichrien, vermögen auch wir, deren Wiege wirklich an dem grünen Strand der Spree gestanden, nicht zu letrgneu. Bedarf es nach dieser Einleitung noch der ausdrücklichen Erwähnung, daß auch der unglaubwürdige Sechziger vom 16. Februar einem patrizIschen BreSlaver Kaufmannshause „vom tausendjährigen Stamm" entsprossen, in Breslau selbst daS Gymnasium absolviert und die Universität bezogen hat, zu dem ausgesprochenen Zweck, iu dieser auch wissenschaftlich wohl fundierten Stadt Chemie zu studieren? Es war, wie Fritz Engels älteste und trensamste Leser wissen werden, nicht nur — wie die Juristen dergleichen zu bezeichnen pflegen — ein „Versuch mit untauglichen Mittel n". sondern auch „am untauglichen Objekt". Die Chemie und Fritz Engel haben einander nicht viel zu sagen und noch weniger zu danken gehabt. Dafür war der junge Kanfmannssohn schon ans der Schulbank mit jenen Vorstellungen. Hoffungen und Sehnsüchten erfüllt, die dereinst seine volle Manneskraft in Anspruch nehmen sollten. Noch auf dem Gymnasium wandelte er bereits selig und vielbeneidet auf des Parnasses Höhen, stürzte sich aber überdies. sobald er die Breslauer Hochschule bezogen, in die studentischen Kämpfe, die dazumal soeben die Gemüter bewegten und den Schlachtruf der jungen und freiseinwolleuden Akademiker gegen die von Bismarck aus opportunistischen Motiven jeweils protegierte „Stöckerei und Muckerei" erschallen ließen. Politische „parties honteuses", die der künftige Steuermann des Staatsschiffes sehr wohl zu verurteilen und zu verleugnen wußte. Jene Nassen- und Klassenkämpse, die heutzutage zum guten Ton gehören, erlebten in Fritz Engels Jugend eben ihre verschämten Morgenröten. Sie haben dazu beigetragen, aus dem jungen Denker und Schwärmer auch einen .Kämpfer zu machen, der allzeit in der Arena der „Oeffentlichen Meinung" eine scharf geschlissene Klinge führte und seine Ehre öareinsetzte. bei allen Gefechten für geistige Freiheit oder konfessionelle G l e i ch b e r e ch t i g u u g die g e f ä h r d e t st e Position einzunehmcn. Es war die Zeit der bismarckischen Gewaltmethoden, die jeden freien Mann bedrohten, der sich bedrohen ließ. Fritz Engel, durchglüht von dem schönen Radikalismus seiner jungen Jahre, achtete der Gefahren nicht, die eines wackeren Geisteskämpeu harrten. Der bodenständige Breslauer vereinte sich glücklich mit dem kritischen Berliner, und das Ergebnis solcher Vermählung war ein trotziger Willen zur Unabhängigkeit, ein unbekümmertes „Sicheinsetzen" für alle Güter der Freiheit, des Rechtes und der bedrängten Demokratie. Denn wenn Fritz Engel, alsbald einer der mächtigsten und einflußreichsten Berliner Theaterkritiker. seine Tätigkeit in den Spalten des „Berliner Tageblatts" auch zumeist „unter dem Strich" übte, so war seine politische tz>esinnung darum nicht minder bekannt und — allen „gesinnungstüchtigen" und staatscrhaltenden Elementen — verdächtig. Haben wir nun nicht recht, wenn wir die uns vorgegaukelten sechs Jahrzehnte des längst zmn echten Berliner hinübergewechselten Breslauers mit Fug anzmeifeln? Denn ist der Mann, der noch heute zwischen zwei Theaterkritiken von minutiöser Gewissenhaftigkeit — die eine vielleicht über ein pathetisches Werk des Klassizismus, die andere über irgendeinen Exzeß unserer Jungen und Jüngsten — Muße und Freude findet, wider „Schmutz und Schund", wider „Külz und Kunst", zu eifern und geifern, ein anderer als jener, der sich in den Fehden um die „Lex Heintze“ blutige Köpfe holte: der den „konsequenten Naturalismus" und die „Freie Bühne" aus der'Taufe heben half, uud der schon, der Schulbank knapp entronnen, wider jeden Obskurantismus und seine Vertrete^ leidenschaftlich anrannte? Auch auf ihn traf der Ritterschlag zu: „Und seine Wange glühte rot und röter Bon jener Jugend, die uns nie entflieht, Bon jenem Mut, der, früher oder später, Den Widerstand der stumpfen Welt besiegt. Von jenem Glauben, der sich stets erhöhte. Bald kühn hervordringt, bald geduldig schmiegt. Damit das Gute wirke, wachse, fromme. Damit der Tag dem Edlen endlich komme." Diese Worte, die der Olympier von Weimar dem Schädel des vor ihm dahingeschiedenen säkularen Genies nachries, charakterisieren — mit dem bekannten Salzkorn — auch unseren Jubilar vom 16. Februar. Fritz Engel ist ein, wenn auch noch so freiheitlich, so doch aufrichtig gesinnter Deutscher. Aber er ist darum nicht minder ein aufrechter, selbstbewußter, seines menschlichen U r a d e l s sich stolz und gern bcrühmender Jude. Beide Kulturen — die deutsche wie die jüdische — haben beigetragen, seine Bildung zu vertiefen und seinen Gesichtskreis zu erweitern. Ein „guter Europäer" vor dem Weltenbrand, hat der Krieg ihn zu einem guten Deutschen geprägt, der mit den Waffen des Geistes für sein Vaterland in jede offene Bresche sprang. Allerdings: auch hier lief er niemals mit der Herde und Horde: denn ihm bedeutete ein räumlich gröberes, immer größeres, in Waffen starrendes, die Welt mit kriegerischen Phrasen und liegemonistischen Gelüsten schreckendes Deutschland weniger als ein befriedetes, in Eintracht miteinander lebendes und wirkendes Europa. Also ein Mann der gesinuungstüchtigen Opposition'. (Ohne den fatalen Beigeschmack des „juste milieu".) Nicht mehr, nicht weniger. Aber auch das kann man nur sein und bleiben, wenn der Blutstrom noch nicht erkaltet durch die Adern rinnt, wenn geistige und seelische Jugend unverändert den rhythmischen Takt angibt. llnd auch darum: Fkitz Engel — 60 Jahre? — „Unterdessen nimmt'ö uns Wunder". Die Franzosen — uns weit voran iu künstlerischer Erziehung und traditionellem Formenfiuu — haben das Wort geprägt: „Le stvle c'est I'üomme." Ein Ansspruch, wie zugeschnitten auf Len Meister und Diener des Wortes, Fritz Engel. Obwohl neben ihm. und mit ihm gemeinsam. einer der größten lebenden Sprachkünstler wirkt — der allerdings auch manches Virtuosenstncklein, manchen Seiltanz. Luftsvrung oder exzentrischen Trick der Worte nicht verschmäht — nämlich Alfred K e r r. der Lichtende Kritiker und kritische Dichter, -er direkte Nachfahre Heinrich Heines, so ist doch die Freude an Fritz Engels klarer, durchsichtiger Formbegabung eines jener Momente, die die große Schar der Verehrer um den Jubilar mit den Jahren eher hat wachsen als abnehmen lassen. Fritz Engel hat nicht nur die Fähigkeit, die Dinge anszusprecken, Lie sind, oder „wie er sie sieht", die tiefschürfende Urteilskraft in allen künstlerischen Sphären: sondern es eignen ihm auch Sarkasmus, Witz, Caprice und Malice, doch alles iu einer gedämpfen, wohl abgestuften Art, die Sorge dafür trägt, nicht zu verletzen — auch wo der Künstler in ihm selbst vielleicht verletzt sein dürste — nicht zu kränken, nicht wehe zu tun. Er hat bestimmt niemals jener Kategorie der „verrohten" Kritiker angehort. die den Sturm im literarischen Glase Wasser entfachte. Auch er weiß, zn tadeln, zu rügen. Mängel des künstlerischen Schaffens in das grelle Rampenlicht kritischer Beleuchtung zu setzen. Doch er ist mit Erfolg bei dem größten Kritiker aller Zeiten, bei Lessing, in die Schule gegangen mi<5 hat von ihm gelernt, daß in der Beschränkung allein der Meister wohnt. Er gehört nicht zu jenen, die um eines wohlgelungenen „Bonmots" willen ihrem lieben Nächsten Ehre uud Leben abschnevben. Er weiß alles zu sagen und sagt alles, aber stets „in einer Form, die mit Bedeutung auch gefällig sei". Fritz Engel ist, wie so viele Enkel und Erben des Wüstenwandcrstammes, der g e b o r e u e I o u r n a l i st. Er brauchte nicht erst eine „Hochschule für Journalistik" — eine paradoxe Erfindung der Neuzeit — zn absolvieren, um den Forderungen des Tages unverzüglich gereckt zn werden . Ihm eignet die selbstverständliche Adoption an jeden Stoff, die Geschicklichkeit, in prägnanten und präzisen Formen dem Leser jede Streitfrage nahe zu bringen und ihm mit künstlerischer Diktion Aufklärung zu schenken. Und er tritt jederzeit mit seiner ganzen Person für die Sache ein, der er den Weg zu bahnen gedenkt. Aber auch hier immer „suaviter in modo, lortit in re", maßvoll im Ausdruck, scharf in der Sache. Was insbesondere an seiner eigenen Persönlichkeit fesselt, ist die selbstverständliche Lauterkeit seines Wesens, ist das „integer vitae", das ihm int Blute wohnt, statt bloß auf einem klirreudeit Wappenschild zu prunken. Er wird selbst unter jenen, die, iit Abwandlung eines bekannten politischen Wortes, lediglich „Objekte und nicht Subjekte der Gesetzgebung" — in diesem Falle der Engelschen Tätigkeit — sind, nämlich unter Dichtern und Darstellern, kurz: unter dem ganzen „fahrenden Bölklein" Her Bretter, die die Welt bedeuten, nur wenig Feinde besitzen. Denn instinktiv achtet auch noch der unbeachtetste Mime in ihm den seiner Sendung sich bewußten, unbestechlichen und unbeirrbaren loyalen „arbiter elegantiarum". Wenn man Fritz Engel selbst mit einer Formel umschließen und erschöpfen will, so am besten mit dem Worte Grimms: „Das Leben, in Reinheit gefaßt mtö getragen vom Zauber der Sprache". Und wenn wir auch an die sechzig Jahre Fritz Engels schwer zu glauben vermögen, so werden wir sie uns wenigstens für den 16. Februar suggerieren und werden uns beglückwünschen zn der Tatsache, daß wir einen Jubilar von der persönlichen Reinheit Fritz Engels und der ihm eigenen schöpferischen Kunst am Worte freudig den unfern nennen dürfen. Seine scharf ausgeprägte Individualität ehrt das Judentum wie das Deutschtum, und die gemeinsame Kultur beider Rassen hat ihm ein umfängliches Lebenswerk zn danken. In diesem Sinne: ein kollegiales Gratulor! Und ans die nächsten 60 Jahre in unverminderter Frische und Jugend! Israel Daal Echem als Held einer Tragödie. Bor einem Menschenalter wäre es undenkbar gewesen, daß ein moderner hebräischer Dichter den Stifter der Gemeinde der Chassidim zum Helden einer Tragödie wählte. Zwischen Chassidismus und moderner hebräischer Literatur herrschte von Anbeginn grimmige Feindschaft. Das Leitmotiv der modernen hebräischen Literatur war Aufklärung, sie hatte ihre stärksten Anregungen aus Berlin durch Mendelssohn und die Seinigen erhalten, eine der hauptsächlichen Zielscheiben ihres Kampfes war oben der Chassidismus mit seinem Aberglauben, seiner Wundersucht, seiner Abneigung gegen jeglichen Fortschritt, gegen die Verbreitung nicht nur weltlichen, sondern auch jüdischen, aber exakten Wissens, seine Anbetung der Trägheit, die die Bolksmassen immer tiefer in das Elend und die Finsternis versenkte. Und der Chassidismus erwiderte ehrlich und unehrlich diesen Haß, indem er die moderne hebräische Literatur als den Ausbund aller Ketzerei und Abtrünnigkeit verpönte, und, wo er nur die Möglichkeit batte, wütend verfolgte. Diese Haltung nahm er sogar der Pflege des Hebräischen und seiner Grammatik gegenüber ein. das galt alles als unheiliges Teuselswerk, das direkt in die Hölle führte. Der Chassidismus wußte sich in seinem Haß gegen die „Haskala" deren Organ die hebräische Literatur war. eins mit seinem alten Gegner und Feind, nämlich dem starren Rabbinismns von ehedem, der in der Aufklärung seinerseits eine gefährliche Bedrohung jedes Herkommens erblickte und sich mit dem Chassidismus zu gemeinsamer Abwehr verband. Diesem Kampf gegen den Chassidismus und seine Bundesgenossen verdankt die moderne hebräische Literatur einige der schönsten ihrer Schöpfungen. Aber die Zeiten haben sich geändert. Je mehr der Chassidismus verfiel und an Macht über die Geister, auch der großen Masie, verlor, desto mehr singen die „Maskilim" an, ihn mit freundlichen Augen zu betrachten, ein toter Feind riecht ja immer schön. Man entdeckte an ihm vielerlei Poetisches. Interessantes, bald fing man an, ihn historisch zu verstehen, seine Auswüchse zu entschuldigen. er wurde fast als eine Entwicklungsnotwendigkeit begriffen. Manche fanden sogar, daß er sein Gutes hatte, sein Aberglcnrbe wurde als Mystik von besonderer Tiefe gedeutet, sein inniger Ztlsammenhang milder Kabbalah betont. Einzelne Persönlichkeiten aus seinen Reihen wurden als besonders anziehend auf den Schild gehoben und verklärt. So ist er allmählich literaturfähig geworden. Schließlich wurde sein Stifter in der Phantasie eines starken Dichters sum Helden einer Tragödie. Jehuda Leo Landau, dessen neueste historische Tragödie in fünf Akten „Israel Baal Schem" vorliegt, ist ein moderner hebräischer Dichter von starker und hoher Begabung, als Lyriker und Dramatiker gleich ausgezeichnet. Schon sein Jugeuddrama „Bar-Kochba" wies einzelne Szenen von ungewöhnlicher poetischer Kraft auf. einzelne Gestalten, vorab die des Helden und die weiblichen Figuren, bekundeten eine erstaunliche psychologische Intuition. Landau blieb zunächst dieser Epoche der jüdischen Geschichte treu und wählte ans ibr die Stoffe zu seinen weiteren historischen Dramen, wie „Die letzten Tage von Jerusalem" und „Herodes". Das letztgenannte Drama ist besonders deswegen interessant, weil es den verwegenen Versuch unternimmt, Hcrodes psychologisch zu verstehen und — zu rechtfertigen. Und es muß gesagt werden, der Herodes des Landauschen Dramas richtet sich so kräftig und eindrucksvoll vor dem Leser ans, daß er die andere, ans den Geschichtsbüchern bekannte Gestalt des unseligen Königs verdunkelt, ja, gänzlich verdrängt und in der Anschauung des Lesers ihre Stelle einnimmt, gleichwie dies mit Schillers Don Carlos und Goethes Egmont im Verhältnis zu ihren historischen Urbildern der Fall ist. Inzwischen hat das Leben den Dichter weit weg von seinem Heimatlande getragen. Der Svriißling einer alten polnischen Rabbinerfamilie. Sohn eines Vaters, der selber als namhafter Gelehrter und Dichter bekannt war, der Zögling des Wiener theologischen Seminars, sitzt seither in Johannesburg, als Chief Rabbi der südafrikanischen Indenbeit und fungiert zugleich als Profesior der hebräischen Sprache und Literatur an der Johannesburger Witwatersrand Universitätät. Als solcher hat er vor kurzem die an dieser Universität gehaltenen Borträge über die moderne hebräische Literatur seit Mendelssohn veröffentlicht, die die Universität auf ihre Kosten herausgegeben hat. Nach mehrjähriger Pause erwachte Landaus dichterische Tätigkeit von neuem. Er hatte sich einer viel späteren Epoche der jüdischen Geschichte zugewandt und zum Helden seines neuen Dramas Don Isaak Abarbanell gewählt, den Führer der aus Spanien 1497 vertriebenen Juden. Dieser Wechsel des Stoffes machte sich zunächst sprachlich und stilistisch geltend. Während die früheren Dramen Landaus feierlich in Versen uud in getragener biblischer Sprache gehalten sind, haben wir im Abarbanell-Drama das fast neuzeitlich anmutende, bewegliche und geschmeidige Hebräisch, welches die besten Schriftsteller des Mittelalters, darunter Abarbanell selber, gebrauchten und das sich so vorzüglich für die Konversationssvvache eines Dramas eignet. Hier wird auch ein ganz modernes Problem behandelt, nämlich das Problem des Führers. Ein Problem aus dem sozialen Leben der Gegenwart behandelt ein weiteres Drama „Väter und Söhne". Zuletzt hat Landau ans das IS. Jahrhundert zurückgegriffen mit dem in Rede stehenden Drama Israel Baal Schem. Während die Szenen im Abarbanell-Drama, namentlich das Flüchtlingslager und die Vorbereitungen zum Pogrom, den Eiltdruck machen, als spielten sie nicht vor nahezu fünfeinhalb Jahrhunderten, sondern in unserer seligen Zeit, wirkt das Baal-Schem-Drama zum Teil, als handelte es im elften oder zwölften Jahrhundert. Die Menschen, die sich darin bewegen, haben keine Ahnung, daß in der Welt das achtzehnte Jahrhundert herrscht, daß Newton vor nicht langer Zeit in London gestorben ist, und daß in Paris die Enzyklopädisten die große Umwälzung vorbereiten. Juden und Christen denken und atmen in derselben Atmosphäre wie ihre Vorfahren vor sechs- oder siebenhundert Jahren. Heber dem Horizont des polnischen Reiches ballen sich Wolken zusammen, aus denen alsbald jener Sturm hervorbrechen sollte, der die erste Teilung Polens herbeisührte. Aber die hohe Geistlichkeit und der hohe Adel sannen darauf, die Juden in den Schoß der alleinseligmachenden Kirche hineinzulocken. Die bittere materielle und seelische Not der jüdischen Massen, die in ein immer tieferes Elend hineinvegetieren, bekümmert keinen, die bestallten und berufenen Führer merken es aus Gewöhnung ebensowenig wie den Druck der Lust. Die Rabbiner alten Schlages wachen mit heiligem Eifer über die Unversehrtheit des strengsten Ritualgesetzes und führen die luftigen Türme des „Pilpul" immer höher in die Wolkenregionen hinauf. Mittlerweile ist Jakob Frank ausgestanden, ein Gemisch von Glücksritter, Streber, Charlatan und Denunziant: er hat die spärlichen versprengten Reste der sabbatistischen Gemeinde gesammelt. scharte nm sich eine Anzahl verworrener Köpfe ans den Kreisen der Jcschiba-Jünger und Mißvergnügter aus dem Lumpenproletariat und gründete eine Gemeinde, der er versprach, das Elend zn bannen, indem er das Volk vom „Joch des Gesetzes" und seiner Hüter, der Rabbiner, befreit. Ein wirres, unsauberes Gemisch von kabbalistischen Floskeln und scheinchristlichcn Phrasen, welches er als seine „Lehre" ausgab, umnebelte gewisse Kreise der Unwissenden und Verdrossenen und bildete zugleich in der Hand des Jakob Frank ein Mittel, in der christlichen Gesellschaft Karriere zn machen. Denn eine Sekte innerhalb der Juden zu stiften, hätte seinem Ehrgeiz nicht genügt. Er trat also als Reformator auf, der den Talmud und RabbinismuS bekämpft und die Juden von deren Nichtigkeit und Verderblichkeit überzeugen will, um sie sämtlich in den Schoß der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.