Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 5 (4.2.1927)
- Date
- 1927-02-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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beutet Als Ausgangspunkt ist für die Diesseitsreligion allein der begeisterte Wille zu Gott geeignet. Als Erfüllung wirkt diesem Willen, in der Diesseitsreligion wie in ieder Religion, die Phantasie, die ihm in der Diesseitsreligion daS Erlösungsbild der irdischen Gerechtigkeit schasst. Nur der ekstatische Wille schasst so. der mit der Liebe mindestens nicht identisch ist. DiessettSreltgtonen, diesseitiges ErlösnngsbtlÜ, irdische Gerechtigkeit: Diese Worte bezeichnen klar die in dem Begriff enthaltene Problematik. Der Begriff ist, wenn auch in anderer Weise, so doch nicht weniger problematisch als der korrespondierende -er jenseitigen Seligkeit. Gerade wegen seiner Schwierigkeit liegt es für denjenigen Denker, der aus dem Standpunkt des Mystizismus steht oder von ihm herkommt, so außerordentlich nahe, die psychische Wirklichkeit dieses Begriffes überhaupt zu bestreiten. Schließlich ist aber jede religiöse Leistung, ebenso wie die künstlerische, ein Werk des Genies. Hätten die Propheten Israels den Begriff der irdischen Gerechtigkeit als religiösen Zielbegrtff nicht geschaffen und für ihr eigenes Leben wirksam erwiesen, so wäre er zwar psychologisch nacksühlbar, aber dennoch schwer glaublich. Die Propheten Israels haben nicht das Diesseits verworfen oder unbeachtet gelassen, sondern die wirtschaftlich-politischen Verhältnisse beobachtet und verfolgt. DaS Werben ihrer Ziele suchten sie aus dem Gang der Ereignisse abzulesen. Dennoch find sie nicht Politiker in dem Sinne, daß sie sich von der Wirklichkeit ihre Ziele vorschreiben ließen. Sie hatten die Sicherheit des religiösen Glaubens, die absolute Bestimmtheit ihrer Ziele und entnahmen nur die Anschauungen über die Wege der Verwirklichung den politischen Verhältnissen. Dieser Glauben macht sie zu den Religionsgründern, als die wir sie bewundern. Hätten sie den Glauben nicht gehabt, sondern sich die Gesetze des Anschauens und Handelns von den Ereignissen vorschreiben lassen, so wären die Politiker wie andere gewesen und hätten die Idee der irdischen Gerechtigkeit der Welt nicht geschenkt. Die Propheten sind die Gründer und ewigen Vorbilder einer Diesseitsreligion. Nur in ihrem Sinne ist Diesseitsreligion möglich. Nur als religiöse Idee und aus religiösen Quellen abgeleitet ist Sittlichkeit denkbar und eine wahrhafte Macht. Ueber den Inhalt mtfeter heutigen Diesseitsreligion brauche ich hieran nur wenige Worte zu knüpfen. Auch sie kann nur ans Sittlichkeit abzielen. Alles Irrationale, das sich nicht in Sittlichkeit veranschaulicht, ist ihr fremd und störend. Es ist keine Erhöhung des Judentums, wenn man es jetzt zu irrationalisieren oder gar durch Formalitäten irrational zu schmücken sucht. Die Ideen unserer Sittlichkeit sind noch dieselben wie zu den Zeiten der Propheten und beweisen gerade durch diese Beständigkeit ihren religiösen und absoluten Ursprung. Auch heute handelt es sich vorwiegend um die Gerechtigkeit zwischen den Völkern und um die Gerechtigkeit zwischen den Individuen. Beide Gerechtigkeiten sollen dazu dienen, eine beständige einige und wertvolle Menschheit zu schassen. Das Judentum hat die theoretischen Zweifel an der Berechtigung der F r i e d e n s i d e e durchaus abzulehnen! Nichts garantiert jemals dafür, daß ein Krieg aus den notwendigen Bedürfnissen der menschlichen Gesellschaft und nicht aus egoistischer Mißachtung derselben entstanden ist: aus diesem Grunde erzeugt auch jeder Krieg, wenn er einmal entstanden ist, fortzeugend Mißachtung der menschlichen Gesellschaft. Diese Gefahren muß der Sittliche bekämpfen, der an die Begründung einer menschlichen Gesellschaft glaubt. Nichts darf ihn davon abhalten. Die Wege zur friedlichen Gesellschaft mögen durch die politischen Verhältnisse gewiesen werden. Jeder Sittliche muß sich aber daran beteiligen, diese Wege zn suchen. Werden diese Wege mit Eifer gesucht und von sittlichem Abscheu gegen den Krieg Mette Schichten durchträukt, so wird er selten oder unmöglich Mrden. Er wird unmöglich und auch unnötig werden. Aber ' oer Geist des Friedens, de i Glaube an 6t e m enschl i ch e Gesellschaft, muß religiöse Sicherheit und Festigkeit haben. Auch in diesem wichtigen Punkte sei wieder vor 6er falschen skeptischen Auffassung S ch e l e r s gewarnt, die dessen ethische Unsicherheit bezeugt. Die Frie6ensidee muß die religiösen Gesellschaften wie eine Flut überfluten, wie dies in Amerika schon der Fall zu sein scheint, während bei uns die Friedensidee noch ein kärgliches Leben hat. Es ist die Ausgabe des Judentums als der speziellen Diesseitsreligion hierin voranzugehen und auf die anderen Religionen cinznwirken. Allein kann es natürlich nicht wirken. Wetter hat die Idee der sozialen Gerechtigkeit auch heute noch keine Kraft. Auch heute haben wir noch keine menschliche Gesellschaft, sondern einen aufgedrnngenen Kampf aller gegen alle.' Die große Masse der Individuen hat nicht Raum zum Leben, sondern dient als abnutzbares Werkzeug für die Wirtschaft einzelner. Die Menschheit kann nur Beständigkeit haben, wenn die Menschen nicht gegeneinander, sondern f ü r einander leben. Dies setzt aber voraus, daß auch Raum für jeden einzelnen ist, daß also die Gesellschaft jedem einzelnen die Sicherheit bietet, zu existieren und für seine Existenz auf redliche Weise zu sorgen. Solche Möglichkeiten innerhalb der menschlichen Gesellschaft zu schaffen, ist ebenfalls die Aufgabe jedes Sittlichen. Erst hinterher können Verbrechen und Hinterlist wirksam bekämpft werben. Nichts nützt Wohltätigkeit: und auch soziale Kleinfragen haben keinen großen Wert. Die gesamte Einrichtung der menschlichen Gesellschaft ist darauf zu prüfen, ob sie den Wert des Individuums respektiert und auf seine Erhaltung und die Sicherung seiner Existenz bedacht ist. Ja wir brauchen Idealisten und religiöse Ekstatiker. Ekstatiker der Sittlichkeit. Das ist liberales prophetisches Judentum. Es ist schon nicht so winzig, wie ein törichter politischer Aufruf jüngst behauptet hat. Liberale Juden, schafft Sittlichkeit. Glauben a n d i e M e n sch heit! R.-A. M. Lewinski-Berlin. 8 Berlin. Unter Leitung des Seminaroberlehrers, Herrn Falkenberg fand am 25. Januar d. I. im Plenarsitzungssaal der jüdischen Gemeinde zu Berlin in Verbindung mit dem liberalen Verein, Ortsgruppe Norden, der 5. Gemeind eabend der Liberalen Synagoge Norden statt. Bedeutet es in gewisser Beziehung ein Wagnis, einen solchen Abend außerhalb des eigentlichen Aktionsradius der Ortsgruppe Norden zu veranstalten, so zeigte der gut gefüllte Saal, daß die Anhänger der liberaljüöischen Bewegung dem Rufe ihrer Führer jederzeit gern folgen, wenn sie wissen, daß positive Arbeit geleistet werden soll, 6aß heiliger Eifer und Ernst sie zur Mitarbeit aufruft. Besonders wertvoll erscheint diese starke Beteiligung an der Versammlung darum, weil sie beweist, daß der Borwurf unberechtigt ist: Das liberale Judentum stellt sich außerhalb des K'lall Jisroel. Der Vorsitzende weist auch mit Nachdruck in seiner Begrüßungsansprache darauf hin und unterstreicht, daß wir liberalen Juden uns jederzeit gern in 6en Dienst des Gesamtjudentums gestellt haben, und nennt unter anderem Männer wie Justizrat Makower, Dr. Paul Nathan. Der Referent des Abends, Herr Dr. Michael Traub, Generalsekretär der „Ort"-Gesellschaft, sprach über das Thema: „Jüdische Aufbauarbeit in 6er Werkstätte und auf dem Felde". Mit großer Aufmerksamkeit und Ergriffenheit lauschten die Erschienenen den sachlichen Ausführungen über Entstehung, Bedeutung und Leistungen des „Orts". Naturgemäß liegt das Zentrum seiner Tätigkeit vorwiegend in Polen und Rußland, den großen jüdischen Siedlungsgebieten. Aufbau des Zerstörten, berufliche Ausbildung der Juden, Ueberführung in die Landwirtschaft, das sind die drei Hauptaufgaben, die zu erfüllen sind. Der Geist der „Ort"-Arbeit wird wohl am besten gekennzeichnet durch die Sätze: Keiner Partei dienstbar! Keine Almosen sollen verteilt werden! Nicht der Gegenwart, sondern 6er Zukunft gehört unsere Arbeit! Wir sorgen für Bildung und Arbeit! Daß es sich hier nicht nur um schöne Worte und fromme Wünsche handelt, bewiesen die zahlreichen und guten Lichtbilder, die die Ausführungen begleiteten. Starker Beifall zeigte, daß Wort und Bild bei den Hörern tiefen Eindruck gemacht hatten. An der sehr lebhaften und anregenden Aussprache beteiligten sich unter anderem der Nestor der Berliner Reprüseutantenversammlung, Herr Emil Pincus, Herr Dr. Caro, Herr Gerson — ehemaliger Schüler der Gartenbauschule Ahlem bei Hannover — Frau Heinrichsdorf u. a. mehr. Allgemein zeigte sich das Interesse an der Arbeit der Ortgefellschaft und die Bereitschaft zur Mitarbeit: allgemein war die Empfindung: Die Arbeit, die hier geleistet wird, gilt nicht einem Einzelnen, sie ist für dich, für mich, für uns alle, sie ist jüdische Aufbauarbeit im besten Sinne des Wortes, Aufbauarbeit, der auch wir liberalen Juden uns nicht fernhalten können und wollen. Einstimmig wurde folgende Resolution angenommen: „Die heute abend auf Einladung der Ortsgruppe Norden des liberalen Vereins Berlin und der liberalen Synagoge Norden im Gemeindehanse Rosenstraße versammelten Mitglieder und Freunde begrüßen nach Anhörung des Vortrags des Herrn Dr. Traub die Aufklärungsarbeit der Ortgesellschaft nute'' der: deutschen Inden, und sind bereit, nach besten Kräften und bestem Können für die Aufgaben des Ort einzutreten. Sie sprechen die Hoffnung ans, daß die Prinzipien der Ortgesellschaft in der gesamten deutschen Judenheit weitgehendste Unterstützung finden mögen." Mit herzlichen Dankesworten an den Referenten schloß der Vorsitzende den 5. Gemeindeabend, dessen Thema die Hörer sicherlich noch lange beschäftigen und dem Ort recht viele neue Mitarbeiter gewinnen wird. Berlin. Am 28. Januar 1627 veranstaltete die Bezirksgruppe Bcrlin-Karlshorst unter Leitung ihres rührigen Vorsitzenden, Herrn Rechtsanwalt S. Hamburger, ihre erste diesjährige Versammlung. Herr Rabbiner Dr. Löwen¬ :i||j Aus der Bewegung stamm, Spanbau, sprach über „Die Anfänge deS jüdischen LiberaliSmuSin Deutschland". Der Redner ging davon auS, daß die französische Revolution von 1789 den Ausgangspunkt deS modernen Judentums darstellt. Vorher hatten die Juden als Paria der Völker eingeschlosien in Ghettomauern dahinvegetiert, den Abschluß selbst verstärkt, indem sie sich von den Errungenschaften der modernen Bildung fern hielten und lediglich in der Familie, in der von mystischen Vorstellungen umrankten Religion und im Talmudstudium ihr Glück suchten. In die Reihen der großen deutschen und französischen Männer der Aufklärung trat zu jener Zeit MoseS Mendelssohn, bewundert von den Gebildeten der ganzen Welt. Sein Auftreten führte dazu, daß eine große Anzahl Juden besonders aus wohlhabenden Häusern Anschluß an den Zeitgeist suchten. Eine tiefe Kluft im Judentum zwischen diesen Modernen und den Orthodoxen tat sich auf. Schon war durch die französische Revolution und die Maßnahmen Napoleons der Weg beschritten, der zur bürgerlichen Gleichstellung der Juden führen sollte, während auf religiösem Gebiet noch starres Festhalten an den alten Formen gepredigt wurde. Der 1816 von Leopold Zunz mit anderen hochgesinnten jungen Männern in Berlin inS Leben gerufene „Kulturverein" blieb erfolglos, der von Israel Jacobson und Jacob Beer begründete Reformtmnpel mit Orgel, Chor und deutscher Predigt wurde 1823 durch Kabinettsorder des Königs, der deswegen angegangen worden war, beseitigt. Während in Preußen wie auf politischem Gebiet auch hier die Reaktion wütete, konnte in Hamburg 1819 der noch heute bestehende liberale Tempelverein errichtet werden, Leipzig und Frankfurt a. M. folgten. Das Judentum hatte in der Zeit dieser Kämpfe eine große Anzahl wertvoller Bekenner verloren, darunter Heine, Börne, Rahe! Levin und andere, freilich ohne daß einer von ihnen seelisch tatsächlich vom Glauben der Bäter losgekommen wäre. Treu blieb Leopold Zunz. dem das Studium des jüdischen Schrifttums die Gewißheit gab» daß die Reform für die Zukunft des Judentums unerläßlich sei. Gleichzeitig mit ihm wirkte Abraham Geiger, der Schöpfer der jüdischen Theologie, welcher daS Judentum zur Wissenschaft erhob, nachdem es für Moses Mendelssohn noch lediglich offenbartes Gesetz gewesen war. Geiger erklärte: Gedanken sind ewig und müssen fortgebilbet. Formen wechseln und müffen dem Zeitbewußtsein angepaßt werden. Nach endlich vollzogener bürgerlicher Gleichstellung war es an erster Stelle Gabriel Rießer, welcher die innere Verbindung zwischen Judentum und Deutschtum herstellte. Auch er betonte immer wieder, daß das Judentum durch die Emanzipation nicht verlorengehen darf. So haben diese Männer -die Aufgabe des jüdischen Liberalismus unserer Tage vorgezeichnet. Die moderne Kultur kann das Judentum als religiös sittliches Element nicht entbehren. Die zahlreiche Versammlung dankte dem Redner herzlich für seine Ausführungen. Breslau. sJiidisch-liberaler Jugeudverein „Abraham Geiger"). Am 26. Januar fand vor einem leider nur kleinen Kreise unserer Mitglieder im Restaurant Schaal die diesjährige Generalversammlung statt. Mit herzlichen Worten begrüßte Max Vogelstein die Erschienenen und erteilte Hermann Sachs das Wort zum Tätigkeitsbericht für das verflossene Geschäftsjahr, in dem drei Vortragsabende, neun Gruppenabende, drei Vorstandssitzungen und zwei Freitagabendfeiern stattfanden. Wir hatten die Freude, als auswärtigen Redner Herrn Rabbiner Dr. Lncas-Glogau und den Prediger der jüdischen Resormgemeinbe zu Berlin, Herrn Dr. Rosenthal, bei uns zu begrüßen: in einer öffentlichen Versammlung sprach Frau Justizrat Paula Ollendorff zu unserer Jugend. Purim feierten wir tm engen Kreise, das Chanukahfest konnten wir unter starker Beteiligung weiter Kreise begehen. Im Sommer saudon sieben Ausflüge statt, an denen sich leider nur wenige' Mßglieder beteiligten. Der Kassenbericht unseres SchatzmetWes Alfred Berger bot einen sehr interessanten Einblick ln manchen Ovfersinn und in die doch oft geübte Zurückhaltung in 6er Erfüllung der Zahlung der Beiträge. Der Kassenführung wurde unter lebhaftem Beifall Entlastung erteilt. Bet der Neuwahl des Gesamtvorstanbes wurden durch Zuruf Herr Rabbiner Dr. Halpersohn zum ersten Vorsitzenden und in den weiteren Vorstand wtedergewählt Erich Bayer. Alfred Berger, Frieda Karger, Hermann Sachs, Rechtsanwalt Erich Spitz, neugewählt Irma Freund und Lisbeth Fuchs. Zu unserem lebhaften Bedauern sah sich Max Vogelstetn durch Berufspflichten veranlaßt, sein Amt als erster Vorsitzender niederzulegen. Wir sagen unserem lieben Führer für seine Führung unseren herzlichsten Dank und wir hoffen auch fernerhin seinen wertvollen Rat in der Vertretung unserer Idee an anderer Stelle nicht zu missen. Aus Antrag des Kaffensührers Alfred Berger wurde nach kurzer Aussprache mit Rücksicht aus die wirtschaftliche Notlage weiter Kreise unserer Mitglieder der Mindestquartalsbeitrag für das laufende Geschäftsjahr einschließlich der Bezugsgebühr auf die Jüdischliberale Zeitung auf zwei Mark herabgesetzt. Selbstverständlich hoffen wir bestimmt auf freiwillige Erhöhung lammen zum Rabbiner, machten uns selbst Gemeindestatnten und unterschrieben sie. Ich verpflichtete mich, sie dem Oberstatthalter vorzulegen und daß er sie auch bestätigen würde, was er auch tat. Ich war so angesehen, daß, wenn ein Jude von einem Schweden verklagt wurde und es zu einem ärgerlichen Prozeß kam. ich angernsen wurde, um einen Vergleich bcrbeizuführen. So kamen hier einmal zwei junge Kerle aus Stralsund an, meldeten sich bei der Polizei und begehrten Handelserlaubnis. Stach dem neuen Reglement stand es ihnen nun frei, sich zwei Monate probeweise aufzuhalten und sich dann zu überlegen, für welche Art von Beruf sie Erlaubnis haben wollten. Sie gingen nun in der Stadt herum und nahmen Waren in Kommission, wo sie welche bekommen konnten: bei einem Spiegelsabrikanten für 100 Reichstaler. bei Kaufleuten aller Branchen, sogar vom Jäger des Oberstatthalters nahmen sie die goldene Nhr in Kommission und noch andere Uhren. Sie bewohnten ein vornehmes Logis, kleideten sich elegant, aber ne besuchten sehr oft liederliche Häuser. Nachdem sie etiva drei Monate hier-' gewesen waren, batten sie schon über 1000 Reichstaler Schulden gemacht meist für Waren, die sie in Kommission genommen hatten. Sie wurden bei der Polizei angezeiat, im& es waren wohl zehn Leute, die Forderungen siir Waren batten, die den Burschen in Kommission gegeben morden waren. Für ungefähr 400 Reichstaler wurde zn Protokoll aenommen. und man fragte die Beiden, wo sie die Sachen hätten. Sie erklärten. sie hätten sie aus Kredit weiterverkauft, vermochten aber nicht anzugeben, an wen. Man schickte nach ihrer Wohnung, fand aber nichts als einige Kleidungsstücke, SMasröcke, Schuhe, Stiefel. Der Spiegelfabrikant bestand nun darauf, daß man die beiden in Arrest setze, bis man herausbekäme. wo sie die Sachen verborgt oder verpfändet hätten. Die Burschen wurden in Haft genommen und die Gläubiger wurden angewiesen, nach drei Tagen wiederzukommen. Als die sich wieder versammelten, wurde auch ick dazugerufen. Ich erschrak, als ich die Menge Leute sab. die alle Forderungen hatten. Es wurde alles zu Protokoll genommen, es waren an 1000 Reichstaler. Die beiden Leute gestanden alle Forderungen zu. Was sie nicht verkauft batten, das Hatten sic versetzt? Es befanden sich unter den Gläubigern auch arme Leute und einige Weiber, die weinten. Der Polizeimeistcr aber sagte, er könne ihnen nicht helfen, sie hätten solchen Burschen nicht tränen sollen. Uebrtgens werde am nächsten Tage das Urteil gefällt werden. Dieses lautete dahin, daß die beiden Brüder ie zwölf Rutenstreiche bekommen sollten. Ich hatte sicher nichts dagegen, denn sie hatten es verdient, sie waren auch sonst weder Juden noch Christen. Nach der Urteilsverkündigung wurden sie wieder in den Arrest znrückgeMrt. Ich ging aber doch zum Oberftatthalter und sagte ihm: „Diese zwei Kerle haben ihr Urteil vollkommen verdient. Es würde aber für uns im gairzen Reiche eine Schande sein, wenn es heißen würde. Inden in Stockholm hätten Ruten bekommen. Könnte die Strafe nicht in der Stille vollzogen werden?" „Nein, das geht nicht. Die Gläubiger bestehen darauf, daß die Bestrafung öffentlich erfolgen soll. Aber ich will dir einen Rat geben: Bezahle für die Spitzbuben, dann werden die Gläubiger sich zufrieden geben. Also wenn dn im Ernst 100 Reichstaler daran wenden willst, so sott man es den Gläubigern Mitteilen, daß du den Betrag in die Masse bezahlen willst. Daraufhin könnte man die Strafe in Einsperrnng bei Wasser und Brot ändern." Ich sagte, 20 Reichstaler würde ich es mir kosten lassen, worauf er den Polizeimeister holen ließ und ihm mein Anerbieten mitteilte. Er hatte nichts dagegen. Er berief die Gläubiger zusammen und sagte ihnen, es wäre doch nicht schön, wenn cs beißen sollte, Stockholmer Juden, die doch sonst so ehrliche Leute seien, hätten Ruten bekommen. Man solle die Strafe auf Wasser und Brot ändern, was wirklich noch härter sei als Ruten, dafür will Aron Jsak 20 Reichstaler in die Masse geben. Sie sagten aber, das lei zu wenig. 20 Reichstaler würden die Masse nicht sehr verbessern, aber 100 Reichstaler. das wäre schon etwas. Nun nahm der Polizeimeister das Wort und fragte, ob sie alle und auch ich sich mit seinem Ausspruch zufriedengeben würden. Sie erklärten sich mit feinem Schiedsspruch für einverstanden. Er fragte auch mich, und ich gab ebenfalls üieine Zustimmung. Nun sagte er. ich möge 100 Platen*) in die Masse geben. Ich erklärte mich bereit I Ein Plat — 16 Schilling 38>§ £>te. also etwa 1,04 schwedische Kronen nach gegenwärtiger Währung. und bezahlte sofort diesen Betrag. Die Gläubiger bedankte« sich noch alle bei mir. und die beiden Brüder erhielten i-hr Urteil: Sie sollten bei Wasser und Brot in scharfer Haft gehalten werden, und wenn sie die Strafe lebend überstünden, wollte man sie dann gefesselt über die Grenze bringen. Man rief den Wachtmeister herein und es wurde ihm unter schwerer Strafandrohung aufgetragen. streng aufzupassen, daß den Gefangenen nichts eingeschmuggelt werde. Dreimal täglich solle visitiert werden, ob man den Verurteilte« nicht heimlich etwas zugesteckt habe. Nachdem sie acht Tage verbitßt hatten, ließen sie einen schwedischen Geistlichen holen. Dem sagten sie. sie wollten sich taufen lassen, denn sie gedachten auf diese Weise!o'szukommen. Der Pastor versprach ihnen auch, sein möglichstes zu tun. Der Wachtmeister stand aber dabei und wollte ihn nicht allein bei ihnen lassen. Dann kam er zu mir und erzählte mir den Vorfall. Ich ging daraufhin zum Oberstatthalter und berichtete ihm die Sache. Der Oberstatthalter schickte dem Wachtmeister sofort einen Befehl, falls der Pastor wiederkäme, solle' man ihn nicht vorlassen. Die Beiden sollten erst ihre Strafe verbüßen, nachher könnten sie sich taufen lassen. Der Pastor wurde also nicht mehr vorgelassen. Nachdem die beiden Kerle dreißig Tage verbüßt hatten, wurden sie gefesselt ans einen Wagen gesetzt und so über Wad aus dem Lande gebracht. Ich bezahlte noch die ganzen Kosten, um nur solche Menschen raich aus dem Reich zu kriegen. Bon Wad wurden sie aufs Schiff gesetzt und nach Stralsund gebracht. Da waren sie wieder bei ihren Eltern. Aber es dauerte nicht lange, da machten sie wieder Betrügereien, daß man sie von dort verjagte. Sie gingen dann nach Schwerin, wo sie sich taufen ließen. Aber es dauerte kein Jahr, da begingen sie wieder allerlei SchelmenMckc. bis sie nach Damitz auf die Festung kamen. Ich habe in mancherlei Sachen als Schiedsrichter gewirkt, ich mag nicht alles erzählen. Der Oberstatthalter war ein sehr kluger Mann und voll Güte gegen alle Menschen. Besonders von mir hielt er viel, denn er wußte, ich war ein aerader Mann, der von keiner Seite ein Unrecht duldete oder durchgehen ließ. lFortsetzmig^folgt.)