Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 5 (4.2.1927)
- Date
- 1927-02-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Verhandlungen über die Jewish Agency in Amerika. Wir veröffentlichen den nachstehenden Bericht mt5 behalten unS vor, noch darauf zurückzukommen. Die Redaktion. Wie die Jüdische Telegraphen-Agentur mittetlt, hat Dr. Weizmann in der am 18. Januar im Mecca-Ternvel abgehaltenen Massenversammlung, mit der der United Palestine Appeal für 1927 eröffnet worden ist, den Text des Abkommens über die Neubildung der Jewish Agency, der von rhm als Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation und von Louis Marshall als Repräsentanten der Gruppe der Nichtzionisten unterzeichnet worden ist, verlesen. DaS Abkommen lautet: Die neuerlichen Verhandlungen zwischen der Zionistischen Organisation und oen Repräsentanten der «Unparteiischen Konferenz zur Erörterung der Palästina-Probleme" betreffend die Bildung der Jewish Agency für Palästina haben jetzt ein Stadium erreicht, in welchem es als notwendig erscheint, die Ergebnisse aller gepflogenen Unterhandlungen der Oeffentlichkeit zu unterbreiten. ES soll zunächst daran erinnert werden, daß die am 17. Februar 1024 im Hotel Astor zu New Bork avaehaltene „Unparteiische Konferenz zur Erörterung der Palästina- Probleme" die folgenden Entschlüsse angenommen hat: In Anbetracht dessen, daß daS Palästina-Mandat des Völkerbundes in Artikel 4 bestimmt, daß die Zionistische Organisation bei der Durchführung der Bestimmungen des Mandats die Mitwirkung aller Juden erstreben soll: in Anbetracht ferner, das, die Zionistische Organisation vorgeschlagen hat, daß Nichtzionisten in die Jewish Agency eintreten — wird beschlossen, daß der Vorsitzende ein aus sieben Personen bestehendes Komitee ernennen solle, mit der Vollmacht, sich durch andere Personen zn ergänzen: das Komitee hat die Aufgabe, die Frage der Jewish Agency zu studieren und einen Plan anSzuarbeiten, laut welchem die amerikanischen Juden der Jewish Agency beitreten. Dieses Komitee hatte die Vollmacht, mit der Zionistischen Organisation und mit anderen Körperschaften zn verhandeln und einen die Erreichung des Ziels ermöglichenden Plan ansznstellen. ES wird ferner beschlossen, daß dieses Komitee in einer zweiten Sitzung dieser Konferenz oder auf entsprechendem anderen Wege über die Ergebnisse Bericht erstattet. In der am 1. März 1025 abgehaltenen zweiten Konferenz, Äte den Bericht des von der ersten Konferenz (Februar 1624) ernannten Komitees entgegennehmen sollte, wurden die folgenden Entschlüsse gefaßt: In Anbetracht des Artikels 132 des Frtedensvertrages, unterzeichnet in Seores am 10. August 1020, laut welchem die Ttirket auf alle ihre Rechte in Palästina zugunsten der Alliierten Mächte verzichtet, sowie in Nevereinstimmung mit Artikel 115 dev Vertrages, wonach England als Mandatömacht die Verwaltung Palästinas antertrant wurde, mit der Verpflichtung, die Balsvnr-Deklaration gemäß der im Vertrag anerkannten historischen Verbindung zwischen dem jüdischen Volke und Palästina zn verwirklichen: in Anbetracht ferner, daß gemäß Artikel 4 des Palästina-Mandats Sie Anerkennung einer Jewish Agenen als öffentliche Körperschaft vorgesehen ist, deren Aufgabe es ist, mit der Palästina-Administration znsammenzuarbeiten, um solche ökonomischen, sozialen, nationalen und andere Bedingungen zu schaffen, die die Gründung eines jüdischen nationalen Heims in Palästina fördern sollen: im ferneren Betracht, daß die Zionistische Organisation als Jewish Agency anerkannt worden ist mit der Direktive, im Einvernehmen mit der MandätSreaicrung ein Zusammenwirken aller Juden, die an dem Aufbau dev jüdischen nationalen Heims mitzu- ^wirken bereit sind, herbeizuführen: in Anbetracht weiter, die "ivnistische Organischion in Nebereinstimmung mit '-.Artikel 4 des Mandats die Bildung einer erweiterten lyomAgency voraeschlagen hat, in der den Nichtzionisten eine entsprechende Vertretung zugesichert wird in der Weise, daß sie an den Privilegien nnd Verpflichtungen der Jewish Agency teilhaben: sowie im Hinblick darauf, daß auf einer am 17. Januar 1024 in New Bork abgchaltenen Konferenz amerikanischer Inden beschlossen worden ist, einen Plan der Teilnahme der amerikanischen Judenheit an der Agency aüfzustellen nnd ein Komitee zn ernennen, welches die Verhandlungen mit der Zionistischen Organisation führen soll, — inzwischen haben auch die jüdischen Gemeinden Europas Schritte zur Erreichung dieses Zieles unternommen —; tu Anbetracht endlich, daß die Unparteiische Konferenz wieder zusammengetreten ist und den Bericht ihres Komitees entgegennahm und erörterte, — wird beschlossen: Erstens: Der Bericht des Komitees und seine Vorschläge werden im Prinzip airaenommen. Zweitens: Zwecks Durchführung des im Bericht vorgesehenen Planes ernennt die Konferenz ein aus 12 Personen bestehendes Organtsationskonritee, dessen Mitglieder der Zionistischen Organisation nicht angehören, die aber mit der Zionistischen Organisation zusammenzuarbeiten bereit sind, zu dem Ziele, die volle Beteiligung der amerikanischen Judenheit an der Jewish Agency herbeizuführen. Das 'Komitee wird instruiert, seine Arbeit nach folgenden Gesichtspunkten zu führen: o) Es wird eine Jewish Agency in Nebereinstimmung mit dem Mandat geschaffen, die aus einem Rat und einer Exekutive besteht, in der Weise, daß in beiden Körperschaften Vertreter von Nichtzionisten und verantwortlichen jüdischen Organisationen Amerikas nach dem folgenden Verhältnis vertreten sein sollen; b) 50 Prozent der Mitglieder des Agency-Rates werden durch die Zionistische Weltorganisation, und 60 Prozent der Mitglieder durch nichtztonisttsche Körperschaften, die an der Jewish Agency im Geiste des Mandats mitzuwirken bereit sind, ernannt: c) von den nichtzionistischen Mitgliedern des Agency-Rates sollen 40 Prozent das amerikanische Judentum vertreten, wobei jene Amerikaner, die von der Zionistischen Organisation erwählt werden, nicht eingerechnet sind; 6) 50 Prozent der Mitglieder der Ageney-Essekutive, die die Geschäfte der Jewish Agency zu führen haben wird, sollen durch die Zionistische Weltorganisation und 50 Prozent vom Rat der nichtzionisttschen Körperschaften, die die Verantwortung in der Jewish Agency mittragen, gewählt werden: o) die Mitglieder des Rates und der Exekutive der Agency haben das Recht, sich bei der Abstimmung durch eine andere Person vertreten zu lassen. Drittens: Sobald die Mehrheit der erwählten Mitglieder des Agency-Rates, die die nichtzionistischen Körperschaften repräsentieren, erklärt haben, die Wahl anzunehmen, soll eine Konferenz der amerikanischen Mitglieder des Agency- Rates abgehalten werden. Viertens: Diese Konferenz soll darüber beraten, ob es wünschenswert sei, den Keren Hajessod zn einem Instrument der Jewish Agency zu machen im Hinblick auf jene finanziellen Angelegenheiten, die der Jurisdiktion der Agency unterstehen, ferner in Bezug ans die Zusammenfassung der verschiedenen öffentlichen Arbeiten, die sich von den anderen ökonomischen Unternehmungen oes Aufbaus Palästinas unterscheiden. Aus hier nicht näher zu erörterudeu Ursachen wurden die in den Resolntionen enthaltenen Pläne bisher nicht durchgeführt, hauptsächlich deshalb, weil man es als notwendig ansah, zunächst genaue Informationen über die mit der Agency zusammenhängenden Tatsachen und Probleme einzuholen, nicht aber deshalb, weil man etwa an der Wichtigkeit der Agency-Bildung gezweifelt hätte. Im Verlauf der letzten zwei Monate wurde eine Reihe Konferenzen abgebaltcn, in denen über eine wirksame Methode fiir die Uebernahme der Arbeit beraten wurde. Nach einer sehr sachlichen und vorsichtigen Diskussion erklärten sich alle Teilnehmer der Konferenz im Prinzip damit einverstanden, daß es wünschenswert und angemessen sei, die Jewish Agency gemäß den Bestimmungen des am 24. Juli 1922 vom Völkerbund beschlossenen Palästina-Mandats und gemäß den Richtlinien der vom Zionistenkongreß, der im August 1025 in Wien getagt hat, angenommenen Resolutionen zu organisieren. Zwecks Aufstellung eines umfassenden Programms für die Jewish Agency erachtete man cs als notwendig, zunächst eine Kommission zn ernennen, die die Lage in Palästina gründlich zu untersuchen hätte. Dieses Studium von Fachleuten soll die agriknlturellen, industriellen, kommerziellen nnd anderen ökonomischen Möglichkeiten Palästinas nnd der benachbarten Territorien umfassen, damit man einen klaren nnd umfassenden Begriff der jüdischen Anstrengungen und Erfolge in Palästina erhält. Diese Kommission hätte zu untersuchen, bis zu welchem Grade es praktisch sei, verfügbare Landgebiete zu eAverben, ferner hätte sie die verschiedentltchen Aussichten für eine jüdische Immigration nnd Kolonisation und die allgemeine Entwicklung des Landes zn studieren. Diese Kommission hat die Aufgabe, ein genaues Arbeitssystem vorzuschlagen, das mit den Möglichkeiten des Landes im Einklang steht, sowie einen praktischen Plan betreffend die Verwaltung der Finanzen und die Vorbereitung des zur Durchführung der Arbeiten nötigen Budgets anszuarbeiten. Die Kommission soll einen unparteiischen Charakter tragen und sich aus Personen znsammensetzcir, deren Urteil als autoritativ anzuerkennen sei; es sollen ihr die hervorragendsten Sachverständigen für Agrikultur, Industrie, Handel nnd Finanzen angehören. Es wird erwartet, daß die Konnnissivu eine längere Zeit in Palästina weilen wird, damit ihr Urteil auf einem gründlichen und sachverständigen Studium der Lage basieren könne; man hofft, daß ihre Urteile von allen als endgültig angenommen werden würden. Sobald der Bericht dieser Kommission vorliegen wird, soll an die formale Bildung der Jewish "Lgeney geschritten werden. Wir sind der Ueberzeugnng, daß nur bei Befolgung dieser Methode die Jewish Agency zu einem wirksamen Mittel für den Aufbau der jüdischen Heimat in Palästina werden könne. Will man, daß das neue Unternehmen einen stetigen Wert behalten solle, so muß man den Prozeß der AronIsak. Eitle Lebensgeschichte. Bearbeitet von Dr. B. Schidlof. (8. Fortsetzung.) Nu» will ich noch erzählen, daß ich nach der Rückkehr aus Leipzig in Schwerin einen Vetter oon nrir, Rabbi Löb ben Pinchäs ans Strelitz. antraf. Der war früher ein reicher Manu gewesen, hatte sich aber hauptsächlich mit Studien abgegeben und genoß den Ruf eines bedeutenden Gelehrten. Er ließ sich als Rabbiner nach Polen berufen, fand aber nicht viel Gefallen an Polen, gab seine Rabbinerstelle wieder auf und ging nach Strelitz zurück, wo er voll seinem Gelde zehrte. Dg er mich gerade in Schwerin antraf, sagte er zn mir: „Hör' mal, wir sind gute Bekannte und Blutsverwandte. Du mußt mir helfen und mich alls Rabbiner nach Stockholm engagieren." Ich sagte ihm. daß wir für ihn zu schwach wären, er brauchte doch ein arrständiges Einkommen. Wir seien aber nicht mehr als 4—5 Haushaltungs-Vorsteher, die für beit Kultus Steuerbeiträge entrichteten: ich, mein Bruder Mordechai. R. David, R. Gnmprecht, R. Schmuel." Er sagte, es sei nicht mehr so bestellt mit ihn:, wie ehemals, und er müsse sich jetzt auch knapp behelfen. Ich versprach ihm, mit meinen Leuten zu reden, und ihm von Stockholm aus Antwort zu schreiben. Allein alle Schweriner Leute drängten mich, ihn doch anzustellen. Sie wüßten ganz gut, daß auch alle anderen mit dem. was ich tue. zufrieden sein würden. Ich gab ihm also mein Wort. Bei meiner Rückkehr ließ ich einige der Hauslmltvorstände kommen und erzählte ihnen von meinem Nebereinkommen mit dem Rabbiner. Wenn sie damit einverstanden sein sollten, müßten wir ihm daS Ravbinatsanstellungsdvkret schicken. Allein eS waren hier Leute, die unter unserem „körsvar" standen, richtiges Pack, noch keine fünfzehn Personen alles zusammen, die schrieben an Rabbi Löb PinchaS, sie hätten gehört, er wäre als Rabbiner angestellt würden, ohne daß man sie gefragt habe. Sie kündigten ihm daher. ' Unter denen war nicht einer, -er überhaupt selbständiges Avbnungsrecht besaß oder Frau und Kinder hatte. Der Rabbiner sandte mir den Brief, den sie ihnr geschrieben hatten, zu und fügte bei, er kenne keinen einzigen von diesen Leuten, die den Brief nuterschrieben hatten. Ich antwortete ihm, ans dem Ton und der Art des Briefes allein könne er schon ersehen, was für ein niedriges Gesindel das sei. Der Rabbiner nahm auch weiter keinen Anstand, herzukommen und sein Amt anzntreteu. Ich bvt ihm ein Jahr lang freie Wohnung und Tisch an, R. Gnmprecht ebenfalls ein Jahr Freitisch und ebenso auch mein Bruder eilt Jahr Freitisch. Da Moses Leidersdorf und Moses Kohn alls Hamburg sahen, daß sie mit mir nichts ausrichten konnten, suchten sie sich bei dem Rabbiner etnzuschmeicheln. Sie sagten, cs schicke sich nicht für einen Rabbiner, bei anderen Leuten zn wohnen und zn essen, er möge seine Kinder kommen lassen und solle seine eigene Wirtschaft führen. Sie wollten ihm Gesellschaft leisten und bei ihm speisen. Er war gerade ein Jahr bei mir. als seine beiden Töchter und sein Sohll hier ankamen. Bei meinem Bruder und bei R. Gumprecht hat er also nickt mehr gespeist. Er wollte das alles ilicht, aber seine vier Sohne vcrsührtcu ihn dazu, daß er mir in allem entgegen sein sollte. Endlich kam vom Magistrat ein Reglement heraus. Der Obersbatthalter sandte zu mir. ich möchte zu ihm hinkommeu. Da las er mir denn vor. was der Magist "N ihm zur Unterschrift zugeschickt hatte. Nun. daS klana ia nicht schlecht! Es sollte uns nichts anderes gestattet sein, als mit alten Kleidern zu handeln, keinen Laden sollten wir besitzen dürfen, und wohnen sollten wir alle nur auf Kuuqshalm. Jedoch in keinem Hause von einem Christen, auch durften wir keinen Christen in Dienst nehmen. Irgendein ein Handwerk zu treiben, sei uns verboten. und jeder Jude müsse ein aelbes. wollenes Band um den Hut tragen. Also jeder Nahrungszweig verboten und außerdem eine niederträchtige Mißachtung. Der Oberstatthalter hatte ihnen sagen lasten, wenn der König daS unterschreiben müßte, so sei es bester, alle Juden überhaupt gleich zum Tor hinauszutreiben. „Ich werde es selbst dem Könige übergeben, sie sollen gewiß kein Reglement für die Juden mehr machen." Der König schickte die Sacke an das Handelskollegium. Dieses verfertigte nun ein Reglement und sandte es an den König zur Unterschrift. Der Könio aber unterschrieb es nicht, sondern schickte es mir zu, ich sollte mich darüber Anpassung, Zusannnenfassung und der Gewinnung praktischer Erfahrungen mit in den Kauf nehmen. Dieses liegt im Interesse eines organischen Wachstums und einer stetigen Entwicklung. Wir glauben, baß durch diese Prozedur eine Vereinigung aller jüdischen Kräfte fiir den Aufbau Palästinas mit der Zeit praktische Wirklichkeit werden wirb, zum Segen des gesamten jüdischen Volkes. Die Palästinawanderuug. Im Verlaufe des Monats Dezember 1926 feft ttt Palästina 513 Personen eingewandert. GletchzejM wanderten 642 Personen aus. — Im Monat Nove»ver 1926 zählte man 521 Einwanderer und 923 Auswanderer. Das Irrationale in der Religion und die Sittlichkeit Die Religion muß eigenes Leben haben. Sie hat ihre eigene Wirklichkeit, strömt aus selbständigen Quellen und hat ihre eigenen Gesetze. Ist sie Mystizismus, so verwirft sie das Diesseits völlig nnd erkennt nur die Welt ihrer Mysterien an. So ist dem Buddhismus das Nirvana allein Wirklichkeit. Das Urchristentum lebte ausschließlich in Christi Wiederkunft. Diese Welt war nur eine Vorhalle zu der jenseitigen. Und als dieser Glauben nicht mehr voll aufrechtzuerhalten mar, verlangte die Kirche wenigstens strenge Unterordnung der Welt unter ihre eigene Führung nnd hielt letzten Endes an einer künftigen Wiederkunft Christi fest, die sie vorzubereiten hatte. Etwas anders verhalten sich D i e s s e i t s r e l t g i o n e n. Aber auch sie haben ein selbständiges Leben gegenüber der wirtschaftlich-polttischen Wirklichkeit. Auch sie schöpfen auS den eigenen religiösen Quellen ihre Ziele und ihre Methoden. Dies ist das Irrationale, das auch dem Judentum anhaftet. Wenn es ihm fehlte, ginge es nicht auf Gott zurück und wäre es keine Religion. Ob man wohl etwas anderes damit meint, wenn man jetzt so häufig bei allen Gelegenheiten vom irrationalen Judentum rodet? Es wäre vernünftiger. sich deutlicher auszudrücken nnd sich vor allem darüber zu erklären, wie sich denn das Irrationale im Judentum zu seinem stets betonten Diesseitscharakter verhalten soll. Wir müssen zunächst diesen spezifischen Charakter des Judentums als Diesseitsreligion im Äuge behalten. Nur wenn wir ihn nicht aus den Augen verlieren, können wir das Irrationale im Judentum richtig begreifen. Wir behaupten, daß die Ethik nichts weniger als rational ist, daß die Ethik von Religion und Gott-nicht trennbar ist und daß der religiöse Charakter des Judentums, so wie es von den Propheten begründet ist, gerade darin besteht, daß cs, aus tiefseelischen und religiös-ekstatischen Quellen entsprungen, ausschließlich ans Sittlichkeit als Ziel hinausgeht. Gerade dies scheint es aber zu sein, was die unklaren modernen Jrrationalisten am Judentum bestreiten nnd bekämpfen wollen. Sie meinen, daß das Judentum einen höheren Wert gewänne, wenn es über den Bereich des.Sittlichen hinausgehe. Indem sie den Dtesseitscharakter dabei vergessen, scheint ihnen die Sittlichkeit nicht hoch genug als Ziel der Religion. Mit dieser Weisheit schaden sie beiden, dem Judentum und der Sittlichkeit. AuS dem Judentum machen sie einen Scheinmystizismus, einen Mystizismus der Formalien, nnd gerade die liberalen Juden laden diese Schuld auf sich. Die Sittlichkeit nicht heilig genug, nicht irrational? Die Sittlichkeit vielleicht gar eine platte Selbstverständlichkeit des bürgerlichen Lebens? Liegt es denn nicht auf der Hand, daß die Sittlichkeit allen egoistischen Motiven des wirtschaftlich-politischen Lebens widerspricht und von diesen Motiven aus geradezu als eine Unbegreiflichkeit erscheint! Der Sittlicheist, vom egoistisch-wirtschaftlichen Standpunkt aus aeKyen, weltfremd und würde immer als solcher beträchteL^Er trägt die heroische Tragik des Religiösen an sich, was..-.nur von dem Mystiker oder andererseits von dem SittlichkLjtssremden verkannt werden kann. Wahrlich der ist ein.Held, der sich selbst bezwingt. Auch im praktischen Leben ist her irrationale Charakter der Sittlichkeit erkennbar. „Selbstverständlich" ist die Sittlichkeit nur dann, wenn sie durch die Macht der Gesellschaft erzwungen wird. Im übrigen wird sie nur als Mittel des Wirtschaftslebens zur Schau getragen. Darum strauchelt auch solche Sittlichkeit stets bei Not oder Machtlosigkeit der Gesellschaft. Nur die aus ernster religiöser Anschauung erwachsene hat Sicherheit und Bestand. Der moderne christliche Philosoph S ch e l e r, der auch in jüdischen Gelehrtenkreisen großen Anklang gefunden zu haben scheint, will alle Religion psychologisch ans Liebe im Sinne der unio mystica begründen. Mir scheint, daß er von hier aus aus Sittlichkeit nicht hiuauskommen kann nnd diese ihm als etwas äußerlich Formales erscheinen mutz. Damit verkennt er den Charakter der Sittlichkeit. Die Sittlichkeit mit ihrem Inhalt der irdischen Gerechtigkeit entspricht für die Diesseitsreligion dem, was für den Buddhismus das Nirvana. für das Urchristentum die himmlische Seligkeit beäußern, vH ettvas daran zu korrigieren wäre. Nun, -a war mehr als zn viel daran zu korrigieren. Ich machte eine Eingabe, was ich dagegen zn sagen hätte, und so wurde daun ein neues Reglement abgesaßt und wieder an den König geschickt. Der König ließ es wieder an mich zur Korrektur znrückgehen. Es war zwar vieles geändert, aber noch nicht alles. Ich machte nochmals meine Anmerkungen, aber sie verbesserten es nicht und -er König war nicht zu Hanse. So unterschrieben denn alle vom Handelskollegium ihre Namen und ließen mich rufen. Als ich hiiikam, lasen sie mir das Reglement vor. Es ivar schlechter als das vorherige nnd war ausgoferttgt am 27. Mai 1782. Nachdem sie mir das Reglement vorgelesen hatten, verlangten sie. ich solle es gegen Zahlung von 200 Platen in Empfang nehmen. Ich gab ihnen zur Antwort, daß ich es nicht einmal geschenkt haben wolle, viel weniger, daß ich noch Geld dafür geben würde. Darauf antworteten sie, die KartesiglaturZ koste soviel. Wenn ich bis nächsten Tag nicht bezahle, würden sie mich pfänden lassen. Ich ging zum Oberstatthalter und erzähilte ihm die Geschichte. „Nicht einen Pfennig wirst du bezahlen," sagte er zu mir. „Wenn sie es so hoch haben stempeln lassen, dann sollen sie es auch bezahlen." Er schickte den Polizeimeister zum Handelskollegium nnd ließ das Reglement holen, das sie ihm auch zuschickten. Ich habe allsv keinen Pfennig dafür bezahlt. Nun sagte ich aber dem Oberstatthalter, daß es nicht möglich sei, daß wir nach diesem Reglement existieren könnten. „Das hilf nun nichts," sagte er. „.Ich muß euch Inden nun alle zusannnenbernfen und muß euch das Reglement verkünden. Aufheben kann ich es nicht, aber was ich euch durch die Finger sehen kann, das will ich gerne tun. Ihr müßt immerhin bedenken, daß ihr noch als Fremdlinge hier geltet. Seid ihr erst einige Zeit hier und die Menschen haben sich an euch gewöhnt, so wird sich alles geben, und die Zeit wird vieles glatt machen. Aber im Augenblick ist eS eben noch zu früh." Wir wurden nun alle zur Polizei gerufen und man las uns das Reglement vor. Nachher gingen wir zu- Z Richtig charta sigillata, Stempelgebühren.