Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 5 (4.2.1927)
- Date
- 1927-02-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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7. Jahrgang Stumme* 5 1. Beilage 4. Februar 1027 IiidischllberaleZerliML Die Hetze gegen den jüdischen Liberalismus Die Jüdisch-religiöse Mittelpartei. Köln, hat Ende Dezember ein Flugblatt herausgebracht. das sich mit dem Liberalismus und mit der Londoner Weltkonferenz befaßt. Herr Rechtsanwalt Heinrich Stern-Berlin, der Vorsitzende der „Bereinigung für das liberale Judentum e. B. und Vizepräsident des „Weltverbandes des religiös-liberalen Judentums" hat uns die Abschrift eines an Herrn Prof. Dr. Scheftelowitz gerichteten Briefes zur Verfügung gestellt, in dem er zu dem Flugblatt Stellung nimmt. Wir lassen diesen Brief im Wortlaut hier folgen. Die Schrtftl. * Berlin. 29. Januar 1927. Herrn Professor Dr. I. Scheftelowitz K o l n a. Rh., Universität. Sehr geehrter Herr Professor! Ende Dezember 1926 ist mit Ihrem Namen und. wie ich nicht zweifle, unter Ihrer tätigen Mitwirkung ein Aufruf der Kölner Mittelpartei herausgegeben worden, der zum liberalen Judentum Stellung nimmt. Als Vorsitzender der Bereinigung für das liberale Judentum in Deutschland und Vizepräsident des Weltverbandes des religiös liberalen Judentums sehe ich mich genötigt, zu dem Aufruf Stellung zu nehmen. Diese Stellungnahme wäre bereits früher erfolgt: es mußte aber erst festgestellt werden, ob hinter Ihrem Ausruf wirklich die von Herrn Rabbiner Dr. Weiße geführte Religiöse Mittelpartei stand, da Ihr Aufruf auf einige führende Männer der uns bekannten Mittelpartei Bezug nahm. Nachdem festqestellt ist, daß dies nicht der Fall ist, nachdem die Mittelpartei offiztcll in ihren Briefen an die Liberale Bereinigung von Ihnen und Ihrem Ausritt a bg e r ü ck t ist, steht fest,/daß wir es lediglich mit der sich ebenfalls Mittelpartei neiuienden Organisation in Köln zu tun haben, in erster Linie also mit Ihnen, dem geistigen Führer dieser Organisation. Unter der Devise „für Frieden und Einheit in der Gemeinde" greift das Flugblatt das deutsche liberale Judentum tu einer Weise an, die weder dem Frieden noch der Einheit dient, weil ihm das erste Erfordernis jeder Gesinnnngsäußeruug fehlt, die Anspruch hat, ernst genommen zn werden: die Wahrhaftigketi. Ich will mich an dieser Stelle nicht mit den allgemeinen Auseinandersetzungen über Liberalismus beschäftigen, welche so weit gehen, daß man sogar Abraham Geiger znm Kronzeugen gegen das liberale Judentum aufrnft, ich will darüber himveagehen. daß 'zum mindesten Ihnen, dem Wissenschaftler, das Verständnis dafür nicht fehlen dürfte, daß es gerade der Liberalismus gewesen ist. der im letzten Jahrhundert tausende.- der Orthodoxie Entfremdete vor dem Abfall bewahrt hat. ich will mich an dieser Stelle nur mit der der Wahrheit geradezu ins Gesicht schlagenden Eharakteristerung der Londoner Weltkouserenz und des ans ihr her- »orgegangenen Weltverbandes durch das Flugblatt beschäftigen. Bon jedem der Wahrheit Dienenden sollte man erwarten. Hatz er über eine Tagung zu berichten verschmäht, die er «ichtieibst mitgemacht hat uud über die ein Protokoll bisher .nochnicht erschienen ist. Aus welchen Duellen das Flug- VWn feine Ktznutuisie der Tagung schöpfte, ist um so unklarer, äknicht einmal die dem Liberalismus doch durchaus gegnerisch eingestellten jüdischen Zeitungen Deutschlands irgendetwas auch nur annähernd Aehnliches von dieser Konferenz berichteten, das dem Blatt zur Entschuldigung und Entlastung dienen könnte. B n r a l l e r O e f f e n t l i ch k e i t muß ich festst e l l e n. daß man ohne jede Unterlage in gehässiger Weise und der Wahrheit zuwidrer Beschlüsse und Ergebnisse der Londoner Tagung in dem Flugblatt mitteilt, von denen in London mit keinem Wort die Rede gewesen ist und denen der Weltverband des liberalen Judentums völlig fern st e h t. Ich fordere Sie auf. mir einen Beschluß oder eine Aeußerung der Weltvereinigung zu nennen, in denen es heißt: „Es gibt keine Gesetzesreligion, sondern nur freiwillige Bindungen." Da Sie diesen Satz in Ihrem Flugblatt in Anführungsstriche gefetzt haben, erwecken Sie den Anschein, als wenn Sie hier eine von der Konferenz oder der Weltvereinigung ausgesprochene These wörtlich wredergeben. In Wirklichkeit hat weder die Konferenz selbst etwas derartiges behauptet noch der Weltverband als solcher. Die Stellung des liberalen Judentums zum Reliaionsgesetz ist stets die gewesen, daß es das Sittengesetz vom Zeremonialgesetz unterscheidet. Während das erstere. wie es von Thora. Propheten. und Gesetzeslehre verkündet ist. tu seiner Wahrheit und Reinheit auch heute noch für alle Juden im wesentlichen unveränderlich geblieben ist. glaubt der Liberalismus an die Veränderlichkeit der religiösen Ausdrucksformen und hält kraft der im Flugblatt so höhnisch abgetanen „fortlaufenden Offenbarung" auch unsere Generatiou, die nach dem alte» Väterwort wieder am Sinai steht, nicht nur für berechtigt, sondern für verpflichtet, das selbst zu empfangen und auszuwerten. was dereinst bestimmt ward Aus dieser „fortlaufenden Offenbarung" fließt, auch ohne geschriebenes Recht, uns das verbindlichste Gesetz, da es unsere Seele in Emklang bringt mit dem Ewigen. Wenn dieses Gesetz unserer Seele etwa in diesem Zusammenhang von irgendwem als „freiwillige Bindung" bezeichnet wurde, so mutzte, um der Wahrheit willen dieser Zusammenhang mit dargestellt werden. Als authentische Äeußerung von Weltverband oder Konferenz durste ein objektiver Berichterstatter sie überhanvt nicht in dem Flugblatt zitieren. Die weitere Behauptung, daß wir die Verantwortung des Menschen vor Gott ablehnen, ist eine um so unerhörtere Unterstellung, als gerade das .Hauptreferat in London, der Bortrag des amerikanischen Theologen Rabbiner Schulman, sich in der eindeutigsten Weise ans den Dtandvunkt der religiösen Berantwortlichkert und der Gotteskindschaft des Juden gestellt hat. 'Allein dieser Bortrag, von tiefer Frömmigkeit erfüllt, wird, wenn er erst im Wortlaut veröffentlicht sein wird, das ganze Phantasiegebilde des Flugblatts in Stücke zerschlagen. Heber die Fragen, die Sie sonst noch ausüliren „Unsterblichkeit der Seele". „Göttliches Gericht für den Einzelmenschen" ist in London überhaupt nicht gesprochen worden, weil derartige Fragen ganz außerhalb des Bereichs der Konferenz lagen, wie sie bisher ja auch außerhalb des Meinungsstreites gelegen haben. Erst das Flugblatt hat sie. wieder der Wahrheit zuwider, in den Meinungsstreit hincinaezerrt. Mit Entrüstung mutz auch die Behauptung zurückgewieseu konnte mit den Worten, die Sie als Lehre der Weltnnion werden, als habe auch nur irgendeiner von uns etwas gesagt, ivas der gehässigste Zuhörer in Verbindung bringen als Richtschnur. Die Thora und der Talmud sind aufgevortrageu: „Für den Juden gelten nur noch die Sittenlehren der Propheten, deren letzter großer Prophet Jesus ist, hoben. Die israelitische Religion ist eine natürliche Ausgeburt der arabischen Wüste. Daher darf man den Sabbat ohne weiteres auf den'Sonntage verlegen." : Ich stelle fest, daß weder Nber das Jestrs-Prvblem noch über die Frage des SonntagSgotteSdienstes in London von der Konferenz irgendwie Stellung genommen wurde. Nicht ein einziger Redner hat zur ersten Frage überhaupt gesprochen. lieber die Frage des Sountagsgottesdienstes ist nur gelegentlich teils in ablehnendem, teils in befürwortendem Sinne berichtet worden. Die Synagoge aber, tu welcher die Tagung stattfand, die Synagoge der englischen liberalen Union, au deren Spitze Claude Montefiore steht, hat noch heute als Hauptgottesöienst einen regelmäßigen und gut besuchten Sabbatgottesbtenst. und erst seit kurzem daneben einen ntchtregelmäßigen Sonntagsgottesdienst eingeführt. Ich verschmähe es. mich des weiteren mit Ihnen über das Wesen der Londoner Konferenz und ihrer Folgen auseinanderzusetzen. Nur auf eins möchte ich noch Hinweisen, um die besonders gehässige Art und Weise zu kennzeichnen, in welcher das. Flugblatt die Kölner Juden irrezuführen bemüht ist. Als besonders belastend und mit Fettdruck ausgezeichnet stellt man dem früheren deutschen liberalen Judentum den heutigen internationalen Londoner Liberalismus entgegen. Die Kölner Mittelpartei verargt es also dem liberalen Judentum besonders, daß es durch Fühlungnahme mit seinen Brüdern, in der ganzen Welt das auch äußerlich gekennzeichnet hat, was jedem Juden eine Selbstverständlichkeit ist, den Gedanken der Gemeinschaft aller Juden auf Erden, die Idee des K'lal-Jisroel. Man borgt von unseren Todfeinden die abschätzige Würdigung des „Internationalismus" im Judentum, anstatt mit uns stolz daraus zu fein, daß Israels Religion nicht an die Grenzen der Staaten gebunden, über Zeit und Ort erhaben ist. Offenbar glaubt man bei einigen besonders reaktionär veranlagten Kölner Juden mit dem Gespenst des „internationalen Liberalismus" dieselben Geschäfte zu machen, wie ein Hitler oder Wulle mit dem Gespenst des „internationalen Judentums". Daß die gesetzestreue Richtung im Judentum in der Agudas Jisroel, daß das nationale Judentum in der Zionistischen Weltorganisation eine derartige internationale Bindung für ihre Gesinnungsfreunde geschaffen haben, ist Ihnen offenbar entfalle». Die größte Autorität, die das Flugblatt gegen den „Londoner Liberalismus" ins Feld führt, ist die eines christlichen Universitätsprofefsors. Mit Genugtuung wird ferner festgestellt. daß eine große Reihe führender deutscher Juden zur religiösen Mittelpartei übergetreten sind: dabei aber wird — natürlich versehentlich — dem Leser nicht mitgeteilt, daß einer der genannten Führer der Berliner Mittelpartei, Herr Professor Sovernheim, an der Londoner Tagung teil*» genommen, in ihr gesprochen, der Gründung des Weltverbandes zugestimmt, seine Satzungen mitbeschlossen hat. Das Blatt behauptet, daß die Londoner Tagung „den Abbau der Wissenschaft und Religion" auf ihre Fahne geschrieben hat. es verschweigt, daß zu den Führern der Tagung und der Weltorganisation einer der ersten lebenden jüdischen Gelehrten Deutschlands, Prof. Elbogeu, gehört, daß das liberale deutsche Rabbinat fast vollzählig vertreten war und daß der verehrte Vorsitzende des allgemeinen deutschen Rabbinerverbandes. Herr Dr. Baeck, der nur krankheitshalber der Konferenz fernblieb, mit seinem Bortrag über die „Botschaft des Individuums an den Liberalismus" bei alle» Anwesenden tiefste religiöse Ergriffenheit auslöste. Ich bin es unseren Londoner Freunde», besonders ihrem Führer, unserem teuren, auch von seinen Feinden verehrten Präsidenten Claude Montefiore schuldig, dem-im Flugblatt niedergelegten Zerrbild eines der größten jüdischen Ereignisse der Gegenwart die Wahrheit entgegenznsetzeu. Ich kann würdigen, daß im politischen Kampf nicht jedes Wort auf die Wagschale geworfen werden kann, daß aber in einem programmatischen Aufruf einer Partei, die „Frieden und E i n h e i t" w i l l. ein derartiges Gemisch von Unkenntnis. H a tz - u n d Unwahxhastigkejt in die Oeffentlichkeit gelange» darf» ist eines der traurigsten Zei^ chen unserer Zeit. DaS Traurigste an dieser traurigen Tatsache aber ist. daß ein jüdischer Gelehrter, der au einer deutschen Hochschule lehrt, sich z u m W o r t f ü h r e r dieses widerwärtigen Kampfes gemacht hat. Mit vorzüglicher Hochachtung Rechtsanwalt Heinrich Stern, Vorsitzender der Vereinigung für das liberale Judentum. Während der Weiten Wethe : //KaDeWe inWei^S Damen-Wäsche Seiden-Stoffe Tagbemdenm.Trägcm qc Stickcvei-Camitur 1.45, 1.26 wv Ff. TagbcmdenHd.sd6*i. i qe mit Sthkercigatnitur 1.95, 1.40 JUOO Nachthemden vier, n ne eckiger Ausschnitt 2.66, 2,45 a&oiCO Hemd-Beinkleider *, ac Stickerei a. 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