Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 5 (4.2.1927)
- Date
- 1927-02-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Streben des Kindes. Was ans so vielen Gebieten ' möglich ist, sollte gerade da, wo eS sich um das seelische Wachsen -es Kindes handelt, nicht angehen? Eltern können auf je-enr Gebiet, ohne selbst die Führenden Ku sein, wenigstens die Richtung weisen, können durch Förderung dem Streben -es Kilrdes Bedeutung geben. Und so können auch jüdische Eltern trotz eigenen Fernstehens dem Kiird den Weg in das jüdische Leben bahnen. Sie können ihm Möglichkeiten schaffen, sich Wissen mit das Judentum r>it erwerben. Postulat der „religiösen Bildung" ist Wissen um den Grnndtcxt unseres Glaubens, die Bibel, und Kenntnis -er hebrä. ischen Sprache, um den Inhalt der Gebete zn erfassen. Diese Dokumente uralter jüdischer Glaubenskraft rverden zur Kindcsseele sprechen. Jüdische Eltern können den Einfluß des Lehrers fördern, sie können ihr Kind an öcmBranchlcbcn befreundeter Familien teilnehmen lassen, und sie können es zum Besuch des Gotteslrauscs anregen. Lebendiges jiidisches Leben spielt sich vor allem in den verschiedensten Organisationen ab. Einst war das jüdische Hans der Ausgangspunkt alles jüdischen Lebens, heute gehen die weitaus stärksten jüdischen Impulse von den jüdischen Verbänden ans. Hier wird jüdische Begeisterung und jiidisches Interesse gepflegt. Das ist die Atmosphäre, in der auch erkaltetes jüdisches Interesse wieder anfleben kann. Wenn erst die Zeit wieder gekommen sein wird, wo neben ein«m blühenden jiidischen Gemeinschaftsleben auch das indische Haus von jüdischem Geiste erfüllt ist, wird auch die Frage der jüdischen Erziehung des Kindes ihre Problematik verloren haben. Gedanken über liberalen Religionsunterricht. Bon Direktor Dr. Joseph G u (r>r a n n. liberal im religiösen Sinne sein, heißt: sich das Recht zngestehen, die überlieferten religiösen Urknnden und Bräuche aus ihren Wert und ihre Bedeutung zu prüfen, nicht blind der llcberliefernng zu folgen, sondern nur das oou ihr zu übernehmen, was für den Prüfenden religiöse Bedeutung haben kann. Der lluterschied zwischen Orthvdoi'ie und Liberalismus liegt vor altem darin, daß jene kein Vertrauen zur Fähigkeit der menschlichen Beruunst tmt. wertvolle religiöse Ideen und Bräuche aus sich selbst zu erzeugen, mii> deshalb ein ständiges Eingreifen der Gottheit annehmell zu müssen glaubt, die ihr Wesen und ihren Willen aus eine aller sonstigen menschlichen Erfahrung widersprechende Weise den Menschen offenbart, das; dagegen der Liberalismus eine solche Art der Gottesonenbarnilg ablelmen zu dürfen glaubt, ohne darum ans den Glauben au eine Offenbarung überhaupt und an die prvvidentielle Sendung des Volkes Israel zu verzichten. Kein Kenner der Geschichte rvird leugnen, daß, wie die Griechen das klassische Voll der Kunst und der Wissenschaft, die Römer das klassische Volk der Kriegskunst und Staatsverwaltung, so die Juden das klassische Volk der Religion genannt zu werden verdienen. Wer aber will es einem religiös empfindenden und alle Erfahrungen r»uli Lpecie 3eternit2ti8 deutenden Menschen wehren wollen, in der besonderen Begabung des israelitischen Volkes eine Auswirkung des göttlichen Willens zn sehen, der verschiedenen Völkern verschiedene, Israel aber die richtigste Aufgabe in der Geschichte der Menschheit zuteilte, nämlich die Erkenntnis seines Wesens und seines Willens unter de>« Völkern zu verbreiten? Und was den OfsenbarungSglanbeu angeht, so hat darüber kein Geringerer als Abraham Geiger in seinen .Vorlesungen über das Judentum und seine Geschichte auf die Frager „Woher stammt die Kraft der Gottesmänner, die als ein so Urplötzliches anftritt?" die Antwort gegeben: „Wir gelangen hier an den tiefen Grund der menschlichen Seele, über den hinaus wir nicht können, an eine Urkraft, die schöpferisch ans sich selbst wirkt, ohne daß sie von einem äußeren Antriebe getragen wird . . . Ja, bas Judentum ist entstanden in dem Volke der Offenbarung. Und warum sollten wir das Wort denn nicht gebranäien dürfen, da. wo wir auf den Urgrund stoßen, auf eine Erleuchtung, die von dem höheren Geiste ansgeht, die nicht erklärt werden kann, nicht ans einer Entwicklung sich zusammensetzt, die mit einem Male als ein Ganzes da ist wie eine jegliche neue Schöpfung, die aus dem Urgeiste hervorgcht." Natürlich sind die religiösen Gedanken nicht gleich in voller Lauterkeit und Erhabenheit dagewesen,' sie haben eine Entwicklung dnrchgemacht. und auch Rückschläge sind nicht ausgeblieben. Mit dieser Anfsassung des Judentums als einer Religion der Entwicklung, die nicht auf einer aller Erfahrung widersprechenden. laut vernehmbaren Kundgebung des göttlichen Willens bericht, aber auch nicht eine Schöpfung kluger 5azit. Wir besuchen Dich. Gott, in Deiner Werkstatt Natur, In Deiner Tempel Feierstunden: Bergen uns in Deine Arme Der taufe uö Wunder alles Lebens. Gewirkt in Deines Geistes Weltgemand, Bebt jede Fiber in Dich hinein. Wie Du — anschanend nnd erschaffend. Im Geist zu sein. Ella van Clecf. Sicki Baum: Feme. Dieser Roman") hat nichts mit Lern Judentum zn tun, — es sei denn, daß die Ermordung Rathenaus das Vorbild zu dem Ministermvrd abgegeben hätte, die den Ausgangspunkt der Erzählung bildet. Trotzdem, glaube ich, darf das liberale Judentum nicht an dem Buch vorübergehen. Natürlich hat cs nicht von seinem ästhetischen Wert zn sprechen. Das mögen Berufenere tun, an Stellen, die dafür in Betracht kommen. Mir erscheint das Buch hier besprechenswcrt als ein anffallenides Beispiel für die Entwicklung, die das ethische Bewußtsein in unsrer Zeit genommen hat. — Ein Geheimratssohn. stuck, für. im zweiten Semester, ein unreifer romantischer Junge, hat in der verworrenen Zeit nach der Revolution den feiugeistigen Minister getötet. Die Furien und die Polizei jagen ihn als Landstreicher und Gelegenheitsarbeiter durchs Land, lange Zeit in tierisch dumpfem Selbsterhaltungstrieb. Ein Marienbild und ein Beethoven- Quartett wecken schließlich nach tausend Leiden seine verkrampfte Seele: und nun. zum richtigen Bewußtsein seiner Tat gekommen, erwägt er die Frage nach der Sühne. Hier ist der Punkt, der den Liberalismus interessiert! Die Bibel dekretiert kurz: Seele für Seele: wer Blut vergossen hat. des Blut muh wieder vergossen werden. So verlangt es das Prinzip der gerechten Vergeltung. Danach gäbe es nur eine Sühne: Todesstrafe durch den Richter oder durch Selbstmord. Bickr Baum denkt anders. Sie läßt den Mörder sprechen: „. . . ich muß leben, das ist das Wichtige. Wenn *1 Verlag Ullstein. Berlin. Menschen, sondern das gottgewollte Werk gottbegnadeter 1 Menschen ist, mit der Auffassung ferner von der Aufgabe unsrer Gemeinschaft, das Licht der Nationen zu werden, sind auch die besonderen Aufgaben eines jüdisch-liberalen Religionsunterrichts gegeben. Daß in den ersten Schuljahren die bibliscl>en Erzählungen den Kindern so geboten werden, wie die Bibel selbst sie gibt, ist eine Selbstverständlichkeit. Sie sagen auch in dieser Form den Kindern am meisten zu. Der Gott, der mit den Menschen spricht wie ein liebevoller Vater, der seinen Lieblingen ein Helfer ist in jeder Not, der die Wege der Menschen liebevoll leitet, ist der Gott der Kinder, wie er der Gott eines kindlich denkenden Bottes ist. Anders liegen die Verhältnisse, wenn die Kinder, die Märchenstnfe überwindend, zu zweifeln beginnen, ob alles sich auch wirklich so wunderbar zugetragen hat, wie die Bibel es erzählt. Die Schwierigkeiten wären hier weit geringer, wenn die Schüler nicht immer wieder hören würden, dah es mit der Herkunft der Bibel eine ganz besondere Bewandtnis hat. Liberale Eltern sollten deshalb von vornherein Bedacht darauf nehmen, bei aller Ehrfurcht vor der Bibel sie nicht mit dem Scheine einer Heiligkeit zn umgeben, den sie einem anderen Umstände als ihrem erhabenen Inhalt verdankt. Bei Kindern, die der Bibel unbefangen gegenüberstehen, mag der Lehrer ruhig diejenigen Erzählungen als Sagen und Dichtungen bezeichnen, deren Inhalt dem natürlichen Geschehen widerspricht. Ganz verkehrt wäre es allerdings, die Wundererzählungen rationalistisch zu erklären nnd so ihre Verfasser in vielen Fällen geradezu zu Lügnern zn stempeln. Die alten Israeliten kannten den strengen Begriff des Wunders als einer Durchbrechung der Naturgesetze nicht in der Schärfe, wie er uns geläufig ist, nnd überdies war für sie mit ihrer ansgesprochen religiös gefärbten Anffassnng alles (Geschehen ein Ausfluß des göttlichen Waltens, und die Wunder nnterschieden sich für sie von anderen Ereignissen nur durch ihre Außerordentlichkeit und ihre bedeutungsvollen Folgen. Darum ist es die wichtigste Ausgabe bei der Behandlung solcher Erzählungen, ihren religiösen Kern erfassen zn lassen und oic Wnndergeschichte nur als die Form, in der dieser Kern geboten wird. Man vergesse auch nicht, daß Erzählungen, die von dem unmittelbaren Verkehr Gottes mit einzelnen Menschen berichten, als Projizierung innerer Vorgänge in die Außenwelt ailfznfassen sind. So ist die Erzählung von der Berufung Moses nichts anderes als die in ein Zwiegespräch verwandelte Darstellung des Kampfes, der sich in seiner Brust abspielt, da ihm immer starker zum Bewußtsein kommt, daß er von Gott dazu ansersehen ist, der Befreier seines Veiles zn werden, und er die Schwierigleiten erkennt, die sich der Durchführung seines Auftrages entgegenstellen Das „Gott redete zn mir" der Propheten ist immer so anfzufassen. Die Gewalt, mit der diese Stimme sich ihren Willen nnterlvarf. das Bewußtsein, daß die Gedanken, die ihnen kamen, nicht das Resultat ihres Nachdenkens waren, geben ihnen die Ucberzeuguug, daß es sich nm den Willen eines Höheren handle, der sich ihnen ossenbare. Werden die Schüler so allmählich in das richtige Verständnis der Bibel und ihrer Helden eingesührt, so steht einer Behandlung der Bibel nichts mehr im Wege, die ebensowohl der von der Wissenschaft gelehrten Anffassnng von ihrer Entstehung wie ihrer religiösen Bedeutung gerecht wird. Daun wird mau den Schülern sagen dürfen, daß die Bibel eine Sammlung von Büchern ist, die den Rest der Literatur des israelitischen Volkes bilden, daß die einzelnen Bücher selbst nicht alle eine literarische Einheit darstellcn, sondern aus verschiedenen Quellenschriften entstanden sind, daß sie ihren Wert nur beit religiösen Ideen verdanken, die in ihnen entweder nnmittelbar ausgesprochen oder in Erzählungen gekleidet sind oder in Gesetzen ihrcti Ausdruck gefunden haben. Eine solche freiere Anffassnng bietet folgenden religiösen Gewinn: Alles Anfechtbare und Unbegreifliche der Bibel kommt nun ans Rechitung der biblischen Schriftsteller und findet seine Erklärung in der Anschauung der altert Zeit und ihrer eigenartigen Denkweise. Während sonst mit dem Ueberbordwerfen des Glaubens an die Wahrheit ihrer Erzählungen die Autorität der Bibel überhanpt in Frage gestellt wurde, bleibt das, was an ihr eivig und unvergänglich ist. jetzt in seiner Bedcutung bestehen. Was geeignet ist, die Vorstellung von Gott zu trüben, wird »ins dargestellt als irrige uub tut Laufe der Entwicklung überwundene Vorstellung von Gott. Der rvichtigste Zweck des Bibelnnterrichts bei reisen Schülern ist, sie bekannt znmachen mit der religiösen Entwicklung Israels in der alten Zeit und mit der Anftg'sung, die die Besten im Volke von der Bedeutung seines Geschicks und seiner Ausgabe gehabt haben. Wenn dabei auch nicht Bibelwissenschnft mit den Schülern getrieben werden sott, so sollen ihre Ergebnisse doch uitbefangeu verwertet werden. Moses bleibt nach wie vor der Mann, der Israel zu einem Volke nmgeschmiedct, die Stämme geeinigt hat, sein erster Gesetzgeber gewesen ist und den Grund zu der Gottesanschaunng gelegt hat, die sich allmählich zttm ethischen Mvnoich büßen muß, öaim muß ich es au meinem Leben büßen, an meinem eignen, jungen, starkett Leben, das mir der Herrgott in die Hände gelegt hat, und das ich mir verdorben habe, und das ich wiedergetvinnen muß und an den rechten Platz setzen, damit ich es znrückgebeit kann als ein Ganzes — weint cs ans Sterben kommt.... Sv weiß ich es jetzt, und anders ist es nicht. Mit Wasser und Brot und einem Gitter vor der Nase wird nichts gntgemacht, nichts, das glaube mir Aber dieses Jahr, das ich ans der Flucht tun, das hat gntgemacht. ich spür' es in mir drinnen, da wächst etwas, da wird etwas anders, und es geht znm Guten mit mir. Und tvenn cs nichts ist. als daß ich Kohlen schleppe oder Dreck trage, damit ist doch getan ttnd gelitten, damit ist doch abverdient —" Damit ist also gesagt: Für einen solchen Mord ist die Todesstrafe keine der Moral genügende Sühne: es gibt und wird verlangt eine bessere Gerechtigkeit: erst die Seele durch freiwillig übernommenes Leid läutern und dattn durch dienende Tat daS eigne Leben wiederherstellen, daß es beim Tode sozusagen als ein Ganzes, als ein nicht zerbrochenes, sondern in sich einiges wieder vor den göttlichen Richter actragen werden kamt. Das Schlechte im Menschen wird gesühnt nur durch die neue Schvvfnug des Guten in ihm durch feinen bewußten Willen: das Verbrechen aus Unklarheit nur durch dienenden Verzicht in Klarheit. wie es die Dichterin dann im zweiten Teil des Romans durchführt. Eine wundervolle Denkweise! Sie ist ganz jüdisch gedacht, insofern daS Problem nicht das objektive, von dem Sünder vollbrachte Werk betrifft, sondern die snbiektive, in seiner Seele wirkende Gesinnung: Nicht das Bewirkte soll gesühnt, gebüßt, wiedergutgemacht werden: DaS ist ja ans keine Weise möglich. ES würde auch nicht durch die Todesstrafe geschehen. Und es ist überhanpt nicht die Frage der Moral. „Die Seele des Sünders." wie es bei Jecheskil heißt, darauf fomtitt es au! Man hat für die Abschaffung der Todesstrafe manches Argument ins Feld geführt. daß sie ein Wiederaufnahme-Verfahren unmöglich macht, daß der Staat kein Recht hat. Menschenleben zu vernichten, sie bessert nicht usw. All das sind Argumente, die aus der Nützlichkeit stammen, nicht aus der Moral. Das Argument der „Feme" stammt aus dem Wesen der Moral selbst. Es ist der Gedanke, den Hermann Cohen in seiner „Ethik" (S. 859ff.) in dem Worte „Selbsttviedererzengung" ztksammenfaßt. Der sittliche Charakter muß sich selbst wiederherstellen, das ist -die einzige wahrhafte Sühne, und dazu theismns entwickelt hat. Die zahlreichen Gesetze aber, die im Pentateuch auf ihti zurückgeführt werden, stammen nicht von ihm. wenn auch der Geist, der aus ihnen spricht, Geist von seinem Geiste ist. In den folgenden Jahrhunderten hat Israel zu dem ursprünglichen Besitz nur wenig hinzugefügt, die teilweise Uebernahme der kanaanitischen Kultur hat zunächst die religiöse Entwicklung mehr gehemmt als gefördert, bis dann nach einigen Vorlänfern die großen Propheten des 8. bis 6. Jahrhunderts die Religion Israels auf eine Höhe bringen, die im ganzen Verlauf der weiteren Geschichte nicht wieder überbvtett wird. Mit diesen großen Männern unsere Jugend bekannt zu machen, ihr das Eigenartige und Einzigartige ihrer Predigt und ihres Wirkens nahezubringen, ist die Hauptaufgabe des biblischen Unterrichts auf dieser Stufe. Niemals wieder ist ein Israel mit solcher Wucht und solch genialer Einseitigkeit der Gedanke vertreten mordet,, daß die Forderungen Gottes an die Menschen rein sittlich sind, daß sein Wohlgefallen auf keine andere Weise erworben werden kann, als durch Gerechtigkeit und Liebe gegen den Nebenmeitschen, daß alle äußere Verehrung in Gottes Augen wertlos, ja sündhaft ist, wenn jemand glaubt, ditrch sie Verzeihung zu erlangen für sittliche Berfehlnugen. Aber auch der andere Gedanke, daß Israel von Gott ansersehen sei, das Licht der Nationen zu sein, hat nirgendwv einen klareren Ausdruck gefunden als bei ihnen. Bou Ainos mit seinem „Nur euch habe ich erwählt aus allen Geschlechtern der Erde: önritttt will ich alle Sünden an euch heimsuchen" führt eine gerade Linie bis zn den Liederü des 2. Jesaja vom Knecht Gottes, als deren Leitsatz man den folgenden bezeichnen könnte: „Es ist nur ein Geringes, baß ött mein Knecht seist, uut die Stämme Jakobs aufzurichtett und die Geretteten Israels zuritckzuführcu: ich mache dich vielmehr zum Lichte der Völker, ans daß euer Heil am Etide der Erde sei." Eine sehr schwierige Frage des liberalen Religionsunterrichts ist die nach dem spezifisch Jüdischen unserer Auffassung von der Religion. Wer die eigentliche Bedeutung der Religion im Moralischen sieht, wein der Glaube an einen Gott mtd an eine Menschheit die wichtigsten Lehrsätze der Religion sind, der wird vielleicht um eine Ätnwort auf die Frage nach l dem Unterschied zwischen liberalent Judentum und liberalem Ehristentum zunächst verlegen sein. Gewiß kann man sagen, daß das Ehristenttttn sich um so mehr dem Judentum nähert, je mehr cs von den Schlacken befreit wird, die cs infolge der Vergöttlichung seines Stifters angesetzt hat. nnd daß es unser, die tvir der Welt diese erhabenen Lehren gegeben haben, unwürdig wäre, auch nur tinsern alten Namen gegen einen neuen zn vertauschen. Nun bestehen aber sicher nicht belanglose Unterschiede zwischen den religiösen Atlffassungen im liberalen Judentum und im liberalen Protestantiönuts: die Gvttesanssassung des Protestanten ist ganz gewiß eine andere als die nnsrige. Aber das Hauptgewicht ist darauf zu legen, daß das Indentnm mehr als andere Rc- Iit\innen eine Religion des Lebens sein will. Das ganze Leben soll von der Religion seine Weihe, seinen Ernst, seine Tiefe erlangen, soll im Lichte Gottes verbracht werden. Die eifrigen Bemühungen ttnserer Rabbinen nm die Schaffung von Formen der Religion wird man nur dann würdigen können, tvctut mau bedenkt, daß ihnen darum zu tun mar, das ganze Leben mit Religion zu dnrchdringen. Es ist deshalb auch nicht richtig, einen diametralen Gegensatz zwischetl Rabbinen nnd Propheten zn konstruieren. Jene wollten nichts anderes als den Ideen der Gvttesmänner zur Herrschaft über das Leben verhelfen. Daß sie damit im großen und ganzen das Rechte getroffen haben, wird niemnttö, der die Geschichte des Judentums kennt, bestreiten. Ohne ihre Bemühungen hätte unsere Religion und hätten ihre Bekenner die Stürme, die seit mehr als zwei Jahrtausenden über sie dahingebranst sind, nicht überstanden. Die Gedaitkett der Propheten, so erhaben sie sind, sind gerade wegen ihrer Erhabenheit nicht ausreichend, einen ständigen Einfluß uns das Lebet! der Menschen ansznüben. Welche Religion hätte unserein Sabbat, unserem Ransch-haschono, unserem Jaumkippur etwas AehnlicheS an die Seite zu stellen? Daß der religiöse Gehalt dieser Tage nicht aus der biblischen Zeit stammt, dürste wohl bekannt sein. Dabei kann man ruhig zngcben, daß unsere Rabbinen in ihrem Eifer sicher des Guten zn viel getatr haben. Aber daß in der Beobachtikng vieler der von den Rabbinen gcschafsenen Formen ein rechter Segen liegeit kann, wenn sie mit innerer Anteilnahme geübt werden, ist unbestreitbar. So hat auch der liberale Lehrer die Pflicht, seine Schüler aus die Bedeutung der Zeremonien hinznweiseu und ihnen die llebnttg derjenigen ans Herz zn legen, die geeignet sind, der Religiott einen Einfluß ans das Leben zu sichern. Mit einer solchen Konkretisierung der Religion kommen wir auch den Bedürfnissen unserer Jugend entgegen, die nach allgemeiner Erfahrung theoretischen Fragen ein viel geringeres Interesse entgegenbringt als die Jugend früherer Generationen, dagegen für die Darstellung des inneren Lebens in äußeren Formen Verständnis besitzt, und die muß er in der Freiheit der Selbstbestitntnung erhalten bleiben, — so sagt Cohen dort iu ewig denkwürdigen Ausführungen. lind auch darin stimmt der Roman dem Philosophen zn. daß beide als Mittel dafür die sittliche „Arbeit" ttennen, — so daß der Roman fast tote die künstlerische Ausführntig von Cohens Gedaitkett antnntct. — Worauf cs aber an dieser Stelle ankommt, ist, daß wir intierlich nicht anders können, als dieser Argnmentativu zustimmen. lNicht allem stimtnen tvir zn, was Vicki Baum über Moral predigt. Wenn sie sagt: „Es gibt im Grunde keine Schuld. Es gibt nur Notwendigkeit," — so macht der Ethiker ein großes Fragezeichen ttnd sagt: so darf die verzeihende Liebe sprechen, aber nicht die sittliche Forderung: es gilt dockiawack. nach geschehener Tat. für die theoretische Betrachtung, aber nicht iechitchillah, für den Handelnden. Notwendigkeit widerspricht auch der Freiheit der Selbstbesserung, die Vers, selbst predigt.) Aber dem Gedanken der Sühne einer Mordtat drtrch ein besseres Leben stimmt nufer Gewissen zu. Denn üe bedeutet eine stärkere, strengere Gerechtigkeit als die der Früheren! Damit aber ist gesagt, daß wir über einen moralischen Standpunkt der Bibel htnausgetvachsen sind! Daß die Etrttvicklung des JndeittlkmS. die nach der Meinung des älteren Liberalismus im vorigen Jahrhundert nur Nebensächlichkeiten des Kultus betroffen hat, in Wahrheit auch das Zentrum betrifft. Daß das „Wesen des Judentums" nicht eine starre Achse ist, sondern ein zwar langsamer als die peripherischen Dinge, aber doch gleichfalls ein tiefinnerlichst sich Acnderndcs, Lebendiges, Wachsendes Die philologische Bibclkritik ist nicht die einzige Grundlage unsrer neuen jüdisch-religiösen Einstellung. sondern auch unsre ungewollt andre Gesinnnng. Diese ist an der Bibel geschult und baut auf ihr weiter. Auch die genantlte Sühne-Idee ist Fortsehnng der Idee der Gerechtigkeit, wie sie das Judentum stets verlangt hat. Aber es ist eine Fortführung. Wir wolleti daS nicht leugnen, und am allerwenigsten uns schämen, daß wir nicht mehr so denken können wie die Bibel, oder gar uns vorwerfen lassen, wir hätten das biblische Judentum verlassen: sondern sollen uns freuen, daß der ethische Fortschritt, und das heißt die Offenbarung, in unseren Tagen ebenso lebendig ist wie einst, und sollen den Mut fassen, im Sinne solchen Fortschritts unser gesamtes Judentum weiter auszugestalten. Solcher Liberalismus bedeutet eine bessere Treue als das Festhalten am Veralteten. Fuchs- Chernnik