Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 5 (4.2.1927)
- Date
- 1927-02-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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IWch WerakZellmg Organ der Vereinkgung für das liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle V« jährlich M. 2.80 Einzelnummer 0.2V Bei freier Zusendung t. Inland 0.25 Tür die Mitglieder ver Vereinigung ist der Bezugspreiim Mitgliedsbeitrage enthalten. :r s s Verantwort!. Redakteur Bruno Doyda. vis „Jüdifch-livorale Ästtung" vrscholnl joden Srvttag. Nedaktionu. SoscdSNsstolle: vsrltn 8 W, Wilhelmftr. 147. fernruf: kasenheidv 3358, 3359 Poftfdwfcfconto: v»rNnNW7 Nr.,S7000 (Vereinigung kür vae llbtrati Judentum Nad)&ru<fe sümtiiNier Sriglnai-Veltrüge nur mit vorderiger Senehmigung der Refiahtlon gestattet. A»_»eige . Die l2 gespaltene Nonpareillezeile 0,4öGoldmärK, die R-Klamezeile 3,00 Goldmark, bei :: L u Wiederholungen Rabatt. :r :: :: Anzeigenannahme: »Misch-liberaleZeitung.. Änseratenabteilung: Berlin SW 48. Dilhelmstratze 147 (Sasenheide: 3358-59). sowie sämtl. Annoncen Epped. Nr. 5 Berlin, 4. Februar 1927 7. Jahrgang Jüdische Erziehung. Religiöse Erziehung des Kindes. 1 Bon Elfe Cohn, Leipzig. Wenn wir uns in das religiöse Empfiudungsleben des Kindes hineinöenken wollen, so müssen wir ans unserer Seele einmal alles verstandesmäßig Erworbene, alle erklügelten Begriffe vom Göttlichen wegzudenken suchen. Es bleibt dann in einem Winkel noch cm Restcheu von jenem naiven Kinderglanben. von jener rührenden Vertrauensseligkeit übrig, die kein Mensch, der sie einmal besessen bat, je verliert, trotz gelehrtester Theorien, die ja immer nur den Verstand, nie das Gefühl erfassen. Diese Naivität des Glaubens ist bei aller Primitivität das Beglückendste und Echteste. In die Kindesseele diesen schlichten Glauben zu legen, der sich in einem Gefühl des Gebvrgenseins, des Beobachtetwerdens auslöst, ist wohl die erste Tat der religiösen Erziehuna. Bon diesem Glauben an einen gütigen und gerechten Gott, der das Gute fordert und das Böse verwirft, lassen sich alle ethischen Erziebunasaedanken ableiten. In einem Kinde das religiöse Empfinden wecken, heißt sein Herz empfänglich machen für alles Gute, beißt, ihm die Verbindung alles ethischen Wollens „ein Gewissen" geben, heißt, rtt . seine junge Seele, wenigstens ein Ahnen vom Göttlichen legen, heißt, seinem Geist den Weg in das Erhabene ebnen, den Keim zum Idealismus schon frühzeitig in sein Leben kragend. In ein junges Kindergemüt Gottvertranen legen, heißt, ihm Lebenssicherheit. inneren Halt verleihen, die noch immer die besten Stützen des Lebens sind. Alle Eltern, die sich ihrer Erziehungsaufaabe bewußt sind, wollen diese drei charakterbildenden Faktoren: Gewissen, LebenSficherbeit, Idealismus ihrem Kinde geben. Unsere jüdische Lehre, die so stark die sittlich-religiöse Erziehunaspslicht der Eltern betont, welche das Gebot: „Dn sollst es deine Kinder lehren", für so wesentlich erachtet. daß sie es täglich dem Inden von neuem in das Gedächtnis znrnckruft. weiß für ihre Gedanken keinen besseren Mittler als die Eltern. Sie sollen das Kind in den Wundern der Natur die Größe und Allmacht des Schöpfers aller Dinge erkennen lassen. Sie sollen das Kind beten lehren, zunächst seine kindlichen Wünsche dem Höchsten anvertrauend in der dem Kinde »geläufigen Sorache, dann schrittweise vorwärtsgebend, soll es den Klang der altheiligen Laute hebräischer Sprache in sich anfnebmen. bis es allmählich in das Verständnis unserer Gebetordnnna hineinreift. Die Eltern sollen das Kind in das Gotteshaus hineinführe n. damit die Weihe des Raums und der Stimmung seine junge Seele erfasse, damit der .Klang altjüdischen Liedes seinem Ohr vertraut wird, damit der Gedanke der Gemeinsamkeit der Betenden ihm nahe kommt. Das Gotteshaus soll aber für das Kind stets ein Ort heiligen Erlebens sein und bleiben. Stumpft allzu hännaer Besuch die religiöse Aufnahmefähigkeit ab, empfindet das Kind gar den Besuch des Gotteshauses als lästige Pflicht, dann zwinge man es nicht. Religiöser Zwang bedrückt die Seele statt sie zu erbeben. Es hat so mancher Jude in jungen Jahren das Judentum uur als eine lästige Fessel kennengelernt, die abznle^en er nicht .fnib gen na ersehnen konnte. Die Teilnahme am Gottesdienst soll vom Kind als Auszeichnung empfunden werden, nach der es begehrt. Eine kleine Unterbrechen^ im Besuch des Gottesdienstes. welche die Ermichteruno durch das Allzugewohnte und Allznvertrante nimmt, wird den Gottesdienst wieder zu einer Feierstunde werden lassen. Jede Erziehung ist in gewissem Sinne ein Erveriment. und gerade bei der religiösen Erziehung handelt es sich um ein vornchtiaes. tastendes Suchen in den feinsten, seelischen Bezirken des Kindes. Ein Zuviel kann von gleichem Schaden sein wie ein Zuwenig. Ausschlaggebend in der gesamten Erziehung und insbesondere in der religiösen Beeinflnß'una ist die Erüeüerversönlichkeit. Nur ein religiös begeisterter Mev'ch kann andere zu religiösem Handeln sortreißen. Der Gedanke des Dick'ters: ..Der Mensch sorge ..wie" er schasse, nicht das „was" eilst dem Leben seinem Wert". tritt mit ganz besonderer Betonung für alles Religiöse zu. Ein Kind bat ein sehr seines Emnsinben d^sür ob in den Eikern der Be'«ch des Goiteshanses eine seiert^alirbe airslnit. oder ob er Nur als lästige Nnterde;' Arb"if I^n»'äi«i»den wird, ob der religiöse Brauch von religiöser Weihe getragen ist, oder ob ihm Die Serliuer wahlproleske berechllgi. AnMisukg i> srMWlibeW De zur erneuten des watzlekgebnlffes. — Aushebung der Wahlen ntrtfiwrrfi Atalirfi Bei Redaktionsschlnß erfahren wir: Gegen die Gültigkeit der am 16. Mai v. I. stattgefundenen Wahlen zur Berliner Repräsentauteuversammlnng war bekanntlich von verschiedene» Seiten, im besonderen auch von den Liberalen, Einspruch erhoben worden. Dieser gründete sich ans zahlreiche Verstöße, die vornehmlich der zionistischen Liste zugute kommen mußten. In diesem Zusammenhang wurden gegen den zionistischen Wahlkommissar Kareski schwerste Vorwürfe erhoben. Nunmehr hat der Berliner Polizeipräsident folgenden Zwischenbescheid erteilt: Der Polizeipräsident Berlin, den 1. Februar 1927. Ans den dortigen Einspruch vom 26. Mai 1928 gegen die Rochtsgültigkeit der am 16. Mai v. I. stattgefnndenen Wahl zur Repräsentantenversammluug der Jüdischen Gemeinde zu Berlin erwidere ich ergebenst, daß die von mir »orgenvmmene Prüfung des Wahl- Verfahrens Verschiedene Verstöße gegen die Wahlvorschriften des Statuts ergeben hat. Die Mängel haben mir Veranlassung gegeben, den Gemeindevorstand anzuweiseu, das Ergebnis der Wahl erneut durch die vereinigten Wahlausschüsse feststellen zu lasten. lgez s Zörgiebel Polizeipräsident. In den letzten Wochen zeichneten sich den Zionisten nahestehende Org.aue durch eine besonders umfangreiche Produktion von Nachrichten über den Stand der Berliner Wahlangelegcnheit aus. In erster Reihe marschierte» die „Jüdische Rnndschau", die „Jüdische Telegraphen-Agentur"' und die Berliner Ausgabe des „Hamburger Israelitischen Familienblattes". Dieses glanbt noch in dieser Woche seine Leser nnter dcr Ueberschrkft „Zurückweisung Der Wahlproteste" informieren zn dürfen. Nunmehr ist mit der Verbreitung der irreführenden Mitteilungen endlich Schluß gemacht. Der Polizeipräsident stellt ausdrücklich fest, daß die von ihm „vorgenommcne Prüfung des Wahlverfahrens verschiedene Verstöße gegen die Wahlvorschriften des Statuts ergeben hat". Welcher Art diese sind, darüber wird sicherlich in Kürze das Schreiben des Polizeipräsidenten an den Gemeindevorstand Ausschluß geben. Wir zweifeln nicht daran, daß der Gemeindevorstand der Oeffentlichkeit von diesem Schreiben Kenntnis geben wird. Aus den Kreisen «der Verwaltung der Berliner Jüdischen Gemeinde sowie von namhaften Juristen werde« nns gegenüber ans Anfrage die gewichtigsten Bedenken geltend gemacht, ob eine erneute Feststellung des Wahlergebnisses durch die vereinigten Wahlansschüste überhaupt noch möglich nnd zulässig ist. Wenn der Herr Polizeipräsident nunmehr auch seinerseits zahlreiche Unrea.elmätzigkeiten sestgestellt bat, die evtl, die ganze Wahl ungültig machen könnte», so bedarf es ernsthafter Erwägung, ob eine so zustande gekommene Wahl den Gewählten noch das erforderliche Ansehen beläßt nnd mit der Würde der größten jüdischen Gemeinde Deutschlands in Einklang zu bringen ist. Nach dem Versuch einer erneuten Ermittlung des Wahlergebnisses dürste mit einer Genehmigung der Wahlprotestc zu rechnen sein. nur sein Gewohnheitsrecht eingeräumt wird.. Eltern, die ihr Kind religiös erziehen wollen, müssen dessen eingedenk sein: Kinder brauchen Vorbilder, um sich an ihnen nachbilden zu können. So müssen sie immer wieder an sich selbst arbeiten, damit der Quell religiöser Begeisterung nicht versiege. Führt oft in orthodoxen Kreisen eine Ueberbetonung des Zeremoniells zur Veräußerlichun-g, so daß trotz allen Brauchtums die Seele des Kindes leer bleibt so geschieht meist in den liberalen Kreisen gar nichts oder allzu wenig, um der Phantasie des Kindes religiöse Nahrung zuzuführen. Grundlage aller religiösen Erziehung ist selbstverständlich Erweckung der Gläubigkeit, aber dieses erwachte, religiöse Sehnen braucht sinnfälligen Ausdruck, braucht das Betätigungsfeld des Formenweseus. g viel Poesie eine von jüdischem Bramh belebte Kindheit in sich trägt, kann man in den Kindheitserinnerungen Pauline Wengerosss, der Glücke! von Hameln und vieler anderer lesen. Und selbst unsere modernen „ansgeklärten" Juden beschleicht ein Gefühl der .sirrhrnng, wenn sie alten, kindheitsgewohntcn Brauches sich erinnern, wenn nur in Gedanken indisches Leben wieder lebendig wird. Diese gemütsbetonte Kuidheltsermnerung können wir alle unseren Kindern schassen, wir ziehen damit das sich heute immer mehr lockernde Band des Familienlebens fester. Der altiudrsche Brauch schlingt durch seine Sabbath- und Festesseier um die Familie ein enges Band. Wir dürfen nicht vergessen, an der Seele des jüdischen Krudes zerrt mrt niederreißender Kraft der Antisemrüsmns Geben wir ihm als Gegengewicht die Wärme und Schönheit jüdischer Jestesseier! Ein jüdisches Kind soll ""»litten einer ihm oft nicht wohlgesinnten Umwelt fern Judentum tragen. Es rvird zn einem Ertragen, oft für m Kindesseele zu schwer, wenn in dem Krnde nrcht dre Gewißheit lebt, daß auch beglückende Momente gerade durch das Judentum in sein Leben hineir^etragenZmo. Die jüdisch-religiösen Feiern sollen die fe,tlrchen Höhepunkte des Hauses sein, damit das Kmd empfinden kernt, daß es nicht eine Last, sondern eine Lust r'si, Jude zu sein. Wie eine Blume nach Licht, so sehnt sich enre Kindesseele nach Freude. Nnd nichts wirbt so stark für eine Idee, wie wenn Freude vor, ihr ansgeyt. Unser altes, ernstes leiderprobtes Judentum birgt aber so viele Quellen der Freude in sich, sie müssen nur genutzt werden. Die Chanukahfeier mit Lichterglanz, Gesang und Erfüllung von Kinder wünschen, das Pnrtmfesi nnt seinen heiteren Bräuchen, das subelnde Simchaththorafest, das oft den ersten Synagogenvefuch des Kindes darstellt, das Snkkothfest. das diePhantaste so stark anregt, schassen selbst dem jungen Kmde eme Verbindung zum Judentum, zeigen .ihm, daß das Judentum nicht nur Ovferbereitschaft fordert, sondern auch Frohsinn in sich birgt. Jeder Sabbat und jeder Festtag kann zu einer Quelle der Freude werden. Da^ Kind nimmt ja so dankbar religiöse Einflüsse auf, ist dankbar, wen»» es am religiösen Brauch teilnehmeli nis, daß jüdische Eltern ihrem Kinde durch Schaffung eines jüdischen Milieus starke Geimütswerte neben, hat sich immer weiter Balm gebrochen. Und doch bleiben so viele bei dieser bloßen Erkenntnis stellen nnd scheuen die seelische nnd äußere Umstellung. Für viele Eltern handelt es sich sogar nur um die geistige Er-« sassuil» eines gesnhlsmäßia bereits Vorhandenen, oder nin Wiedererweckung verschütteten Empfindens, um bewußtes Auslebenlassen bereits vorhandener .Kindheitserinnernngen. Die Kriegsjahre, die Unmögliches möglich gemacht haben, haben nns gezeigt, wie stark die geistige Beweglichkeit der Menschen ist, wie groß seine Umstellungssähigkeit, sobald ein Wille dahinter steht. Wie aber, wenn sich trotz besten Willens die seelische Unmöglichkeit zur Unrstellung zeigt? Wenn jüdische Eltern, wie es bei der vergangenen Generation so häung war, der Weg zum jüdischen Gottesdienst nir erschlossen war, wenn jüdischer Brauch nie von ihrem Innern Besitz ergriffen hatte? Kann man vinenr Kinde etwas geben, was man nie besessen hat? Kanu: man jüdisch-religiöse Werte weitergeben, rvenn man nicht von ihnen erfüllt ist? Selbstverständlich, nein. Die Grundlage aller Erziehung ist Wahrhaftigkeit und der Erbfeind jeder Religiosität die Heuchelei. Aber, was alle Eltern tun können und tun müssen, ist ihrem Kinde rvenigstens den Weg zum jüdischen Leven nicht versperren. Eltern lassen dem Zuge der Zeit folgend, ihre Kinder in so vielen Dingen über sich hinauswachsen, ebnen ihnen die Wege, auch da, wo sie nicht selbst ihr Führer sein können. Wie viele Eltern erschließen ibrem Kinde Bildunasmöglichkeiden weit über ibr eigenes NildungSnineau hinaus, wie viele Eltern ohne künstlerischen Gaben ebnen der kümtlerischeir Anlage des Kindes den Weg. Wie viele Eltern jeglicher Sportücknrng ungewohnt, fördern das sportliche