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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-02-04 · 5 (4.2.1927) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
5 (4.2.1927)
Date
1927-02-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
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überdies von einem starken Gefühl der Zusammengehörigkeit der Gleichgesinnten und Gleichstrebenden erfüllt ist. Dieses Gefühl dem Gedanken der religiösen und nicht der nationalen Gemeinschaft dienstbar zu machen, ist für einen liberalen Lehrer eine selbstverständliche Pflicht. Natürlich werden wir es der Jugend immer wieder zum Bewußtsein bringen müssen, daß die Formen nicht um ihretwillen geübt zu werden verdienen, sondern nur als Mittel zur Weckung und Darstellung religiöser Gefühle und Gedanken Wert und Bedeutung haben. Wir werden ihr aber auch sagen, daß wir ohne sie in Gefahr sind, das Beste zu verlieren, waS das Judentum uns zu geben vermag, nämlich die Erhöhung des gesamten Lebens durch Religion. LersammlungsKalender Berlin-Norden-Osten. Am Dienstag, den 8. Februar 1927. abends 8 Uhr Pünktlich, findet in der Aula der Mädchenschule Kaifcrstraße 29-38 der 6. Gemeindeabend statt. Bortrag des Herrn Dr. Ludwig Holländer, Direktor des Central-Bereins „Mein jüdisches Bekenntnis". Anschließend freie Anssprache. Mitglieder mit ihren Angehörigen und Freunde« sind herzlich eingeladen. Jüdische Erziehung? Bon Prof. Ludwig Basnizki. Heidelberg. Wenn ein so feinsinniger Beobachter, wie es der ehemalige badische Kultusminister HeUpach ist, in seinem Buch über die Wesensgestalt der deutschen Schule (Seite 100) die Worte prägt: „Das intellektuelle Milieu des jüdischen Hauses bietet uns nicht selten solche Beispiele einer gehätschelten Frühreife, die später im Berhältnis zu ihren kindlichen Wunöerleistungen — enttäuscht," so ist wohl die Frage berechtigt, ob es eine besondere jüdische Erziehung gibt, die sich im guten oder schlechten Sinn von den allgemein befolgten Erziehungsgrnndstitzen unterscheidet. Indem wir diese Frage grundsätzlich verneinen, sei es uns gestattet, einige kritische Bemerkungen anzufügen. Wir deutschen Inden von heute wünschen uns nichts Schöneres als eine wahre Bolksgemeiuschast. die uns über alle engherzigen Sonderintereisen hiuweghebt, und bei der wir dem Volks- und Schicksalsgenossen freudig die Hand reichen können. Soll dieser Instand in Deutschland jemals erreicht werden, so ist eine gemeinsame Erziehung von frühester Jugend an erste Vorbedingung. Selbstverständlich wird cs auch dann noch sogenannte obere Zehntausend geben, die den Willen und das Geld dazu haben, ihre Kinder, abgeschlossen vom breiten Bolksstrom, erziehen zu lassen. Wir Juden aber sollten in unserem eigensten Interesse alles daran setzen, in dem großen Strome mitznschwimmen. Heute ist es jedoch immer noch so, daß es nicht wenig jüdische und nichtjüdischc Familien gibt, die ihr Kind für zu gut halten, um es in die Grundschule zu schicken, wo es Flöhe und Läuse mit nach Hause bringen kann. Auch werden viele Kinder für so begabt und anfnahmefähig gehalten, daß sie des langweiligen Bildungsganges der Grundschule nicht bedürfen, weil sie iu dem zehnten Teil der Zeit lesen, schreiben und rechnen zu lernen imstande sind Meine lieben Glaubensgenossen, die Ihr dieser Ansicht huldigt! Ihr könnt keine größere Sünde gegen euer eigenes Kind im besonderen und gegen die Volksgemeinschaft im allgemeinen begehen, als mit einer solchen Einstellung. Die Gehirnwindungen des wachsenden Kindes brauchen Zeit und abermals Zeit, um sich normal zir entfalten nud ansnahmesähig zu sein. Wer hier Treibhausmethvden anmendet, wird es früher oder später zu bereuen haben. Das ist eben das kerngesunde Prinzip der Volksschule — im Gegensatz zur höheren Schule — daß sie Zeit dazu hat, nach dem bewährten Grundsatz zu arbeiten, nichts Neues dem Kinde zuznmnten bis das Alte, in hundertfältiger Form dargeboten, auch dein Schwachbegabten sich eingeprägt hat. Möge es darum bald keine einzige jüdische Familie mehr geben, die nicht unserer Losung folgt: Hinein mit unseren Kindern iu die Grundschule! Dort sotten sie lernen und spielen und raufen von .Kindheit an mit ihren Altersgenossen: und was die Flöhe nud Läuse betrifft, so ist diese Gefahr bei der heutigen Fürsorge und Hygiene, in den Volksschulen nicht größer als anderswo. Ein Hindernis stellt sich allerdings in vielen Ländern unserem Wollen entgegen.' das ist. die Konfessionsschule. >Wer die wahre Volksgemeinschaft austrebt» der sollte sich darüber klar sein, daß eine solche nur ans der Gemeinschaftsschule hervvrgeheu kann, und zwar nicht heute und nicht morgen, sondern im Ablauf einer ganzen Generation. Wenn sich bei uns in Baden die StaatSuinwälznng nach dem Weltkrieg ruhig und stetig vollzog, so schreiben wir dies nicht zuletzt der seit einer Generation (seit 1878» cingefülirteu Simultanschule zu. Es ist daher zu hoffen, u.nd im Sinne einer wahren Volksgemeinschaft zu fordern, daß der Absatz 1 des Artikels 140 der Rcachsversassung — die gemeinsame Grundschule — iu den Ländern allmählich die Regel, und die im Absatz 2 zugestaudeue Bekeuntnisschule die Ausnahme bilden wird. Glücklicherweise sind die höheren Schulen fast durchweg simultan, mit Ausnahme von wenigen KonsessionSschnlen, die ganz speziellen Bedürfnissen entsprungen sind. An und für sich wäre demnach der Boden einer Volksgemeinschaft für diejenigen, die später die Führer des Volkes werden, günstig vorbereitet. Und irr der Tat war in der Vorkriegszeit das gegenseitige Verständnis und Zusammenleben jener Schichten, die ans den höheren Schulen hervorgegangen sind, verhältnismäßig erträglich. Da kam der Krieg und Berlin-Norden. Liberale Synagoge Norden (im Auerbachschen Waisenhaus. Schönhauser Allee 182): Gottesdienst: Freitag, den 4. Februar, abends 7,38 Uhr. Predigt: Rabbiner Dr. Salomonfki. Sonnabend, den S. Februar, vormittags 19 Uhr. Bielefeld. Donnerstag, den 19. Februar, abends 8,88 Uhr. im „Lindenhof" Nebelöwall. Bortrag: George Goetz (Berlin), Generalsekretär der Bereinigung für das liberale Judentum e. B.: „Universalismus nnd Nationalismus im Judentum". Breslau. Jüdisch-liberaler Jngendverein „Abraham Geiger". Mittwoch, den 9. Februar, abends 8, 38 Uhr, spricht Herr Lehrer Freundlich im Restaurant Schaal, Tauentzienstraße 12, Eingang Anger, über „Gemeindeanfgaben". Freie Anssprache. Gäste, durch Mitglieder eingeführt, willkommen. Die Mitglieder der Gruppe „Süden" sind besonders eingeladen. Frankfurt a. M. Freisinniger Verein für jüdisches Gemeindeleben E. B. (Ortsgruppe der Bereinignug für das liberale Judentum). Montag, den 7. Februar, abends 8.36 Uhr, spricht Herr Rechtsanwalt Dr. Rudolf Geiger im großen Saale des Dr. Hochschen Konservatoriums, Eschersheimer Landstraße 4, über das Thema: „Ans der Berwaltnugsarheit der israelitischen Gemeinde." Freunde nnd Gäste sind willkommen. Frankfurt a. M. Nachtrag znm Programm der Jüdisch-liberalen Jugendgemeinschaft: Montag, den 14. Februar, 8.30 Uhr, Riedenau Nr. 371l. Herr Rabbiner Tr. Gottschalk: „Aus jüdischer Geschichte", lltägig, also auch am 28. Februar, 14. März nsw. Köln a. Rh. Montag, den 7. Februar» abends 8,38 Uhr, im großen Saal der Rheinlandloge. Cäcilienstrade 18-22: Bortrag George Goetz (Berlin), Generalsekretär der Bereinigung für das liberale Judentum e. V.: „Der jüdische Liberalismus und die Parteiungen im deutschen Judentum". Königsberg i. Pr. Dienstag, 8. Februar 1927. abends 8 Uhr, im Jugendheim Stcindamm. Ordentliche Hauptversammlung. 1. Jahresbericht. 2. Kassenbericht, Entlastung des Vorstandes. 3. Borstandswahl. 4. Bericht über die Tätigkeit der liberalen Fraktion in der Reyräsentantenversammlung. Referent: Herr Sieg m nnd Wolfs. 3. Ausstellung der Kandidaten (Männer und Frauen) für die Wahlen zur Repräsentantenversammlung. Münster i. W. Sonnabend, den 12. Februar, ahends 8,30 Uhr, im Saal des Hotel KÜpper-Fechtruv: Vortrag George Go eg (Berlin), Generalsekretär der Bereinigung für das liberale Judentum c. V. „Unser unbekanntes Gebetbuch", gemeinsame Veranstaltung der Ortsgruppe und des Jli. Münster i. W. Wattenscheid i. W. Dienstag, 8. Fcbrnar, abends 8,39 Uhr, im Prnkopschen Saal. Bortrag: George Goeß (Berlin), Generalsekretär der Bereinigung für das liberale Judentum e. B>: „Unser unbekanntes Gebetbuch". nach ihm die wüsteste Judenhetze, für die auch die grünste Jugend organisiert wurde. Da kam der Abschluß Aller gegen Alle. Jugeudvrganisationen schossen zu Dutzenden aus dem Boden hervor, darunter selbstverständlich auch jüdische. Wir bekennen ganz offen, daß wir die parteimäßig oder weltanschannngsmäßig organisierte Jugendbewegung für einen schweren Erziehungsfehler unserer Zeit halten. Sollte diese Tendenz nicht rückläufig werden, und zwar bald, so sind die schlimmsten Befürchtungen für die Zukunft unseres Vaterlandes gerechtfertigt. Wenn auch wir Inden zur Zeit durch die Verhältnisse gezwungen sind, uns gleichfalls gesondert zusammenznschließen, so wollen wir dabei nicht vergessen, daß es sich um eine Abwehrmatznahme handelt, die so bald als nur irgend möglich, wieder rtickgängig gemacht werden mutz. Der Organisationssimmel der Andern ist für uns keineswegs nachahmenswert, denn je mehr jüdische Sonderorganisativnen ausgebaut werden, um so größer wird die Entfremdung der aus solchen Organisationen hervorgegangenen Generation ihrer christlichen Umwelt gegenüber fortschreiten. Die Zersplitterung unserer Jugend in tausend Gruppen und Grüppchen muß unbedingt wieder verschwinden. Unsere Jugend kann ein gesundes Eigenleben nur in einer Organisation führen, die auf weitgespannten Ideen anfgebaut ist. Wohl soll in die Jugend bereits das Samenkorn staatspolitischer Denkweise, aber nicht der Giftweizen parteipolitischer Beschränktheit gesenkt werden. Darum wollen wir unsere Kräfte für die Verwirklichung der hier skizzierten Erziehungsgrundsätze einseben, auf daß die Synthese Judentum und Deutschtum bei Inden und Nichtjuden erfolgreich weiterschreitet. Die Ablehnung nationaler Minderheitsrechte durch die Juden. Es hat neuerdings in der ganzen jüdischen Welt großes Aufsehen erregt, als der Vorsitzende des American Jewish Commitee, der greise und mit Recht in der ganzen Judenheit hochverehrte Lo u i s Mar sh a l l den Inden der neuen Türkei öffentlich seinen schärfsten Tadel ausgedrückt hat, weil sie der Regierung gegenüber feierlich auf die ihnen nach den Friedensverträgen zukommewden Minderheits-Rechte und auf den Schutz als gesonderte Nationalität verzichteten, keine Minorität im Staate Hilden zu wollen versicherten, und nur auf die Gleichberechtigung als Vollbürger des türkischen Staates, gleich der großen Mehrheit der anderen Bürger Anspruch erhoben. Louis Marshall versicherte, dieser Präzedenzfall schlage eine Bresche in dem ganzen System der ans den Grundsätzen Wilsons sich aufbanenden neuen Judenrechte, dieser erste Fall einer freiwilligen Verzichtleistung ans ein so kostbares Gut seitens der Jndenheit eines ganzen Landes müsse für die Inden der anderen Länder die verhängnisvollsten Folgen nach sich ziehen. Es entspann sich eine öffentliche Diskiission über die Frage, und die türkischen Juden fühlten sich veranlaßt, dem ehrwürdigen Führer der amerikanischen Inden in einer längeren Erwiderung zu antworten. So vielseitig das Thema erörtert wurde, es wurden doch einige wichige Punke übersehen. Zunächst ist dieser Verzicht nicht der erste, wenn auch die vorhergegangenen nicht mit gleichem feierlichem Nachdruck in der Oeffentlichkeit erfolgt sind. Verwirklicht wurde dieses neue Judenrecht in seiner vollen Ausdehnung bisher eigentlich nur in der Ukraine, nämlich in der Ukraine Petljnras. wo die gleich darauf begonnenen grauenhaften Pogrome den Inden ad oculos demonstrierten, welchen Schutz die „Nationalantonomie" den Juden gewährleiste, nnd in Litauen, wo ihr ebenfalls nach kurzem Bestand das Lebenslicht ansgeblasen wurde. Was bestehen blieb, war bloß eine ganze Anzahl abgebanter ehemaliger „Minister für indische Angelegenheiten" beider Staaten, seiner dieser Männer, ein hochverdienter Vorkämpfer des Judentums im ehemaligen Rußland, ist litauischer Konsul in Palästina). Den Inden Ungarns ist es nicht in den Sinn gekommen, auf nationale Sonderrechte Anspruch zn erheben, nnd die „großen Demokratien des Westens", die ihnen diese Rechte garantiert haben, fühlten sich nickt verpflichtet einzuschreiten, als die primitiven Menschenrechte der Juden in Ungarn mit Füßen getreten wurden. In Polen haben die Forderungen der Inden bisher nur die eiserne Mauer gebildet, die eine Verständigung zwischen ihnen und der Mehrheit verhinderte und für den rücksichtslosesten Antisemitismus die beste E'sttschuldianng bildete: die positiven Forderungen aber gingen im großen und ganzen nicht über das hinaus, was die Inden auf Grund der Gleichberechtigung im polnischen Teil des alten Oesterreichs besaßen: in der 1923 zustande gekommenen Verständigung war das voll ersichtlich. Von den Repräsentanten der anderen Minoritäten trennten sich die Inden Polens entschlossen, als diese einmal vor dem Fornm des Völkerbundes ihre Rechte geltend machten. Da weigerten die Juden sich mitzutun in der richtigen Empfindung, daß ein solches Appellieren an das Ausland für sie ganz andere Folgen haben müßte als für die anderen Minoritäten. Diese Errungenschaft des Jahres 1919 hat also bisher noch für keine jüdische Gemeinschaft einen realen Nutzen gebracht, aber mannigfachen Schaden gestiftet. Die türkischen Inden mögen sich gesagt haben, daß die alte Methode der absoluten Gleichberechtigung mit der Mehrheit eine größere Gewähr bot als diese neue, sich freiwillig zur Minderheit zu machen nnd ans einen Schutz zn rechnen, den kein Mensch bisher aus eigener Erfahrung kennenznlernen Gelegenheit hatte. Nlln gilt Louis Marsball unter den Juristen Amerikas als einer der bedeutendsten Kenner des internationalen Rechts: gleichwie viele andere juristische Partien der Frie- Kleine Zeitglossen. Blntausfrischnng. Das Schicksal schreibt manchmal merkrvürdige Nekrologe. Just in der Woche, in der der Philosoph der germanischen Rassenreinheit Houston Stewart Chamberlain zn Grabe getragen wurde, brachte das „Hamburger Fremdcnblatl" ans einem kleinen holsteinischen Orte die Notiz, daß der dortige Jagdvcrcin den Ankauf von 40 ungarischen Hase» beschlvssen habe, um der einheimischen Familie Lampe eine kleine B l n t a n f fr i sch u n g zu gcivähren. Blutauffrischung'. Bekanntlich hat lein Geringerer als B i s m a r ck sogar den preußischen Adel als einer solchen überaus bedürftig hingestcllt. Und er hat auch ganz deutlich ausgesprochen, welches Blut er für diesen heilsamen Prozeß besonders geeignet hielt: das indische... Es hat sich aber nicht gezeigt, daß der preußische Adel — sonst auf Bismarck eingeschworen — dieses Rezept mit großer Begeisterung ausgenommen oder gar befolgt Hütte. Und auch bie luiuöev hochgeborene!' Schichten des deutschen Volkes, die aus der BiSmarck-Trene ein politisches Programm gej macht haben, legen besonderen Wert ans stolze Rassen-! epklusivität. Haben sie schon kein bl an es Blut in ihren! Adern zn schützen, so suchen sie wenigstens ihr arisches; Edclgeblnte unvermistht und rein zn erhalten. Wir können j uns die ehrenwerten Mitglieder des holsteinischen JagdklubS lebhaft vorstellen: blauäugig, blond, schwerblütig. . . So kommen sie zusammen, diskutieren sachlich, was ihren: Wild frommt. und nachdem sie die Blutausfrischnng ihrer Hasen sichergestellt und solchermaßen die Tagesordnung erledigt haben, schweifen ihre Gedanken weiter zu den Nöten! des Vaterlandes, der gute Trunk löst ihre Zungen und als-! bald erhitzen sich die teutschen Gemüter bei der Erkenntnis. I daß au allem Unglück nur die Infizierung der hei-! mischen R a s s e d n r ch a r t f r e m d e E i n d r i n g l i n g e > schuld ist . . . Leider ist niemand da, der sie aus den Widerspruch zwischen ihren weidmännischen und ihren p oliti scheu Prinzipien aufmerksam machte. Und wäre er doch da und täte cs — er würde binausballotiert ans dem feudalen Jagdklub. Denn die Hnbertusjnnger würden empört die Zumutung zurückweisen, sich mit dem Getier des Waldes auf eine Stufe zn stellen. Sie ahnen ja nickt, daß ihre politische Ideologie von einem philosophischen Charlatan beeinflußt ist, der sich die Rezepte für die Menschheit aus dem Tierreich verschrieb und der dabei versehentlich statt eines Medikaments einen Gifttrank gebraut hat. weil er eben auch die biologischen Gesetze dcZ Tierreichs verkannt hat. Bereknndia. Vom Balkan her dringen wieder einmal beunruhigende Gerüchte nordwärts in die deutschen Gaue. Nicht etwa, „daß hinten wo in der Türkei die Völker anfeiuanderschlagen . . Solche Knude hätte heute wohl nur eine ähnliche Wirkung, wie sie Goethe im „Faust" behaglich ausgemalt hat. Nein, weit Aufregenderes!tnd — an dem Grade der in allen konservativen und für die Heiligkeit der Traditionen eintrctenden Gemütern ansflammenden sittlichen Entrüstung gemessen — viel Unheilvolleres wird diesmal von dem alten Brandherde Europas gemeldet. Man höre nnd schaudere: die Hagia Sophia zu Konstantinopel soll zu einem Tauzlvkal umgestaltet werden! Wohlverstanden: nicht zu einem Lokal tanzender Derwische, die seit undenklichen Zeiten dem religiösen Leben des Orients ein musteriöses Kolorit geben, sondern zu einer Tanzdiele im westeuropäischen Sinne, also zu einer Stätte, die zwar auch der Erbauung dient, aber einer sehr weltlichen, und >vo es kaum ein Mysterium gibt als höchstens das, welches der Kater Hiddiacigei in die Frage gekleidet hat: „Warum küssen fick die Menschen?" Das Schicksal der Hagia Sophia hat schon einmal das Gewissen Europas anfgernttelt. Nämlich damals, als Konstantiuovcl von den Türken eingenommen und das christliche Gotteshaus in ein mohammedanisches umgewandelt wurde. Dieses geschichtliche Ereignis hat großes Aussehen gemacht nnd das vom mittelalterlichen Christentum verlöschte Interesse für altgriechische Kunst und Wissenschaft wieder aufflammeu lassen. Was die Religion verloren hat, retten Humanismus nnd Renaissance wenigstens künstlerisch der europäischen Kultur. Mag Christus durch Mohammed verdrängt sein — als die eigentliche Gottheit dieses Hanfes wird die hellenische Muse glorifiziert und der kann keine Erobererwillkür etwas anhaben. Mit dieser bernhigenden Gewißbeit gab sich Europa zufrieden — bis heute. Es ist rührend zu sehen, wie gerade die allerchristlichsten Gemüter in heiliger Empörung darüber ausmallen. daß nunmehr auch Mohammed das Gastrecht in dem altehrwürdigen Bau gekündigt werden soll, das zuerst dem Heidentum, dann dem Christentum und schließlich dem Islam gehört hat und jetzt die leichtgeschürzte Schwester der anerkannten Hausherrin beherbergen soll. Man könnte die sittliche Auflehnung hiegegen als Aeußerung jener „verecundia" nehlnen, die Schopenhauer — den Juden abspricht, nämlich der christlichen Ehrfurcht vor Heiligem, mag cs sich auch um Heiligtümer anderer handeln. Aber gegen eine solche Auffassung spricht die Erfahrung. daß diese germanisch-christliche vereenndia in der letzten Zeit erstaunlich geschlummert hat, so oft es sich um Frevel an deutschen Gotteshäusern handelte. Auch in unserem Baterlande fehlte es ja leider nicht an Gelegenheiten, Frevel gegen nichtchristliche Heiligtümer abzuwehren. Aber die sittliche Entrüstung, die wir ans Deutschlands konservativen Organen gegen den entarteten Geist der Zeit wettern hören, weil die Türken ein türkisches Gotteshaus weltlichen Zwecken zuführen wollen, bleibt erfahrungsgemäß stumm, wenn hakenkrenzgeschmückte Germaneni nnglinge jüdische Friedhöfe v e r w ü st e n und i ü di sche G o ttc shä use r i n infamster Weise beschmutzen. Zugegeben, daß der Knnstwert der Hagia Sophia ein wesentlich höherer ist als der Durchschnittswert nuferer Synagogen. Trotzdem und bei aller Anerkennung öer differenzierten kunstkritischcu Veranlagung der Herren Westarp, Hitler und .Konsorten können wir nicht recht verstehen, warum die von den eigenen Besitzern durchgeführte Verweltlichung eines Gotteshauses, bas schon zweimal seinen Gott gewechselt hat, barbarischer sein soll als die bewußte Schändung von Kultstätten, deren Besitzer keine andere Schuld trifft als die, dem Gotte ihrer Väter die seit Jahrtausenden opferbereite Treue zu bewahren. Und wir beneiden die angeblich bevorzugten Nassen nicht länger um eine „verecnmdia". die sich ungefragt in die Kirchenpolitik eines halbexotischen Landes einmengt, bei der Erziehung der heimischen Jugend aber so gottesjämmerlich versagt . . . Also... In der „Deutschen Tageszeitung" vom 21. Januar führte ein Feuilletonist darüber Klage» daß die Weimarer Lokalpresie es fertig gebracht habe, dem Theaterintendantcn W. Schirmer „nationalistische und antisemitische, also kun st fremde, wenn nicht gar kunstfeindliche Tendenzen" vorzuwerfen. Dieses „also" ist eine überaus wertvolle, weil freiwillige Ergänzung der „Richtlinien", ans die sich die Deutschnationalen bei ihrem Regierungsantritt der Form nach festgelegt haben. . . Dr. Hugo Spieglcr.

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