Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 4 (28.1.1927)
- Date
- 1927-01-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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7. Jahrgang Nummer 4 FMchÄemleZeidmg Aremde -es Zionismus? 3»r Sküudvog de, Vro-PaWoa-KomIlees. Iw Jahre 1912 war es. Sombart war Mode. Bon den Anschlagsäulen Berlins luden große Reklamezettel zu seinen Vorträgen ein. was sonst in wissenschaftlichen Kreisen ntchi eben üblich ist. Damals schrieb die Zeitschrift »Im Deutschen Reich", das Organ des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens: „Sombart versichert, daß er der Judenfrage unparteiisch gegenüberstehe. und er läßt es auch au einigen Komplimenten für die Bedeutung der Juden in der Kultur der Menschheit nicht fehlen. Aber wie er im Grunde seines Herzens denkt, insbesondere über die erste und unerläßliche Forderung der vollen Gleichberechtigung, verrät sein Ausspruch: „Die Staaten werden den Juden dieGleichberechtignng geben müssen, und die Juden werden den Takt haben müssen, von dieser Gleichberechtigung keinen Gebrauch zu machen." Diese Worte beweisen. daß der Herr Professor von dem Wesen der Gleichberechtigung keine Ahnung hat oder nicht haben will. Denn Gleichberechtigung gewährt mit dem Vorbehalt, daß ich davon keinen Gebrauch mache, ist eine Farce, ein Possenspiel. eine Verhöhnung. Ich verlange die volle Gleichberechtigung nicht als Geschenk und Gnade, sondern als rin Recht, das mit mir geboren ist. auf das ich nicht verzichten kann, ohne mich selbst als minderwertig zu bezeichnen und mich zum Paria herabznwürdigen. Und diesen so natürlichen Forderungen und Empfindungen. die nicht bloß für einen Professor. sondern für jeden politisch senkenden selbstverständlich sein müßten, ttkt Sombart Sitzen ans dem Metropoltheater entgegen — und induche Zuhörer klatschen ihm Beifall. Das ist der Gipfel der Bescheidenheit und Selbstlosigkeit oder sollen wir sagen: Würdelosigkeit- — Sombarts wissenschaftliche Beüeutung, die Nichtigkeit seiner Darlegungen über Kapitalismus und Judentum, wird hoffentlich recht bald von einem Fachmann beleuchtet werden. Sache jüdischer Theologen wird es fein, die Richtigkeit seiner Talmudzitate zu prüfen. Sombart selbst halt sich freilich für einen Talmudkenner. weil er den Talmud zwei Jahre studiert habe. Diese Auffassung beweist nur. wie wenig Ahnung er von diesem Werk hat. Fm Augenblick muß es genügen, unsere Glaubensgenosseu oavor zu warnen, daß sie sich durch ein wissenschaftliches Gewand und scheinbare Unparteilichkeit von einem Manne blenden lassen, dessen Ausspruch ,.D i e Juden sind unser Schicksal" in fataler Weile erinnert au das so unheilvoll ausgebeutete Wort eines anderen Professors: „Die Juden sind unser Unglück." Und einen Monat später, im März 1912, hieß es in einer Polemik der Zeitschrift „Im Deutschen Reich": „Daß über den wissenschaftlichen Wert auch des Sombartjchen Buches von berufener theologischer Seite ganz außerordentlich ungünstig geurteilt wird, weil auch nach dieser Richtung hin Sombart die nötige Prüfung und Gründlichkeit hat vermissen lassen, beweisen die Artikel von Rabbiner Tr. Mar Eschelbacher in der Zeitschrift „Ost und West", im „Israelitischen F-amilienblatt" von «„.Rabbiner Dr. Finkel „Pros. Sombart und die Inden" '""vom 4. Januar 1912. ütt Israelitischen Gemein deblatt in Köln und uamentlich in der „Jüdischen Presse" von Rabbiner Dr. Hofsmann-Randegg. In der Zeitschrift „Ostbiimfr West" (Februar 1912, SZ12U heißt es: Wenn wir nun bei Sombart lesen, „welche Seelenaugst muß der reiche Christ ausstehen, da ihm das .Himmelreich verschlossen ist. gegenüber dem reichen Juden, der. wie wir sehen, im Namen Gottes Gold wie Zinn und Silber wie Blei sammelt", so dürfen wir demnach sagen, daß in diesem frivol und tief v e r l e tz e n d e n S a tz e die e r st e H ä l f t e e b c n s o unwahr ist wie die zweite." 1L Seitdem sind 15 Jahre vergangen. Fünfzehn Jahre, in denen sich vielerlei gewandelt hat. Aber der Wandel, von dem leider bisher noch nichts zu hören gewesen ist, ist der in der Gesinnung des Herrn Professor Sombart. Und dennoch ist dies wahr: als vor Wochen das deutsche Pro- Palästina-Komitee gegründet wurde, veranlaßten die Zionisten auch ihn zum Eintritt in dieses Komitee. Doch überrascht's nur bei ihm? Findet man nicht auch sonst Namen von Persönlichkeiten dabei, deren Nennung in diesem Zusammenhang den deutschen Juden befremden mutz? Etwa den des Herrn Pros. Dr. Hoetzsch. der ja bekanntlich der Deutschnationalen Volkspartei angeyört und im Bunde mit dem Grasen Westarp deutschnationale Politik im Reichstag betreibt? Wie lange ist's her. Laß von Zionisten immer und immer wieder das Märchen von dem bösen Assimilanten erzählt wurde, jenes Märchen, nach dem im Kampf für die Gleichberechtigung des deutschen Juden angeblich die jüdische Würde, das jüdische Selbstbewußtsein. sa das Judentum für ein Linsengericht verkauft worden sei? Erhob man nicht die schwersten Vorwürfe gegen den Eeutralvereiu. wenn dieser die Sympathien von nichtjüdischen Volksgenossen für seine Ideen zu gewinnen trachtete- Und nun? In der konstituierenden Versammlung des Pro - Palästina - Komitees in Berlin führte der Vorsitzende der zionistischen Vereinigung für Deutschland, Herr Kurt Blumenfeld, in seiner Begrüßungsansprache aus: „Auch jetzt ist es dem Zionismus gelungen, den Kreis seiner Freunde zu erweitern, sowohl im jüdischen als auch im nichtjüdischen Lager. In anderen Landern wurden ähnliche Komitees gegründet wie das nunmehr in Deutschland entstandene. Der Zionismus bedarf der Sympathie von Angehörigen aller Völker, die bereit sind, sich für eine Idee einznietzen." Es scheint fürwahr, die „Assimilation" — wenn wir dieses Wort einmal in dem verwerflichen Sinn gebrauchen dürfen, den ihm die Zionisten beilegen — hat im Sturmschritt die Gemüter der Zionisten erobert. Und so erwerben sie denn „Freundschaft" tu Kreisen, mit öeneu befreundet zu fein sie den Nichtzionisten wohl nur schwer verziehen haben würden. 111. Doch sprechen wir von den Persönlichkeiten, die dem Pro-Palästina-Komitee beigetreten sind und deren Namen einen Klang bei allen Juden Deutschlands haben. Sind sie fürwahr Freunde des Zionismus, wie die „Jüdische Rundschau" nunmehr fast in jeder Woche glanben machen Möchte? Wir sind Gegner eines politischen Judentums und haben das hier wiederholt unzweideutig zum Ausdruck gebracht. Doch hatten wir stets geglaubt, daß zionistische Politik sich auszeichnen würde durch besondere Charakterfestigkeit, durch Ueüerzeugungstreue und Ehrlichkeit. Und wir sind als Juden ein wenig beschämt, wenn wir jetzt erkennen müssen, daß auch zionistische Politik den Charakter verdirbt. Es sei hier nicht erörtert, ob es im Interesse der deutschen Juden opportun ist, Nichtjuden in den Streit der jüdischen Meinungen hineinznziehen; ob es der jüdischen Würde entspricht, die deutschen Jude» von ihren christlichen Mitbürgern darüber belehren zu lassen, daß der Aufbau der im Palästina-Mandat vorgesehenen Heimstätte für das jüdische Volk „Anspruch auf die tätige Anteilnahme der deutschen Juden" habe. Nur die Frage soll hier erörtert werden, ob die Zionisten die Persönlichkeiten, die sie zum Beitritt zum Pro-Palasttnä-Äomitee aufgefordert haben, wenigstens sachlich informierten über das Wesen des Zionismus und über die Strömungen im deutschen Judentum. Denn nur. wenn das der Fall war, dürfte es wohl angebracht sein, die Mitglieder des Pro - Palästina-Komitees als Freunde des Zionismus zu bezeichnen, nur dann dürfte ihrem Beitritt zum Komitee eine »jüdisch-politische Bedeutung zukvmmen. IV. Da nahm es schon wunder, daß zu der Gründunasversammlung des angeblich neutralen Komitees von jüdischer Seite nur Zionisten und Prominente des Keren-Hajesiod geladen waren, daß aber ängstlich vermieden worden war, wenigstens auch solche nichtzivnistischen Persönlichkeiten zur Teilnahme aufzufordern, die ihr Interesse am Palästinaaufban bekundet haben, soweit dieser ein Werk menschlicher Wohlfahrt und Gesittung und nicht auch ein solches der Rationalisierung des Judentums und der Entnationalisiernng des deutschen Juden ist. Unmittelbar nach der Gründung des Komitees wurde in einem Leitartikel dieser Zeitung (Nr. 82 vom 24. Dezember 1926) die Stellung des liberalen Judentums zum Zionismus, zum Palästinaaufbau und zu der Neugründung klargelegt. Dieser Aufsatz wurde von der Vereinigung für das liberale Judentum den nichtjüdischen Mitgliedern des Komitees übersandt, damit sic auch den Standpunkt der Mehrheit der deutschen Juden kennenlernen. Aber das freilich war Sünde! Wie können die bösen Liberalen es wagen, den Nichtjnden im Pro - Palästina-Komitee nun auch ihre Ansichten vorztttragen-'. Was den Zionisten recht ist, ist eben den Liberalen durchaus noch nicht billig. Nun spricht man von „Denunziation der jüdisch-liberalen Vereinigung" und schreibt in der „Jüdischen Rundschau": „Was tun die Antizivnisten in furchtbarer Verblendung? Sie wünschen und fordern, daß der Staat, daß die nichtjüdische Welt sich in die Angelegenheiten jüdischer Gesinnung hineinnnscht." Heißt das nicht die Dinge ans den Kopf stellen? Sollte es nicht unter der Würde eines jüdischen Journalisten liegen, seinem jüdisch-politischen Gegner einen Vorwurf aus dem zu machen, was man eben bei seinen eigenen Gesimmngsfreunden noch begrüßt hat? Wie notwendig diese Arbeit der Vereinigung für das liberale Judentum gewesen ist, das zeigen am besten die bet der Bereinigung eingegangenen Antworten. Niemand in der liberalen Bereinigung, das sei hier ausdrücklich betont, hat geglaittn, daß auch nur ein Mitglied des Pro- Palästina-Komitecs aus diesem auf Grund unseres Zeitungsartikels ausscheidcu werde. Wir wußten aber, daß die Mitglieder dieses Komitees nur einseitig informiert waren, und hielten es da für unsere Pflicht, ihnen auch unsere Ansicht vorzutragen. Wie recht wir hatten, zeigt doch wohl am besten die Antwort eines als Gelehrter hochaiigesehenen Komiteemitgltcdes: „Zum Beitritt zu dem deutschen Pro-Palästina- Komttee bin ich aufgefordert worden, und da ich bei völlig neutraler Einstellung keinen Grund für die Ablehnung wußte, auch keinerlei Unfreundlichteit begehen wollte, sagte ich zu. Hätte ich gewußt. Saß unter der dents ch e lf Iudenhert eine s v st a r k e und entschiedene Gegnerschaft gegen den Zionismus noch heute besteht, so würde ich vielleicht gerade meine Unparteilichkeit als Grund für eine Aülehn u n g angeführt haben. Die Gründe, die ^rie ln dem schönen Leitartikel beibringen, weiß ich vollauf zu würdigen, kann aber andererseits auch die Ziele, die die Nesolution des Komitees — ich war bei der Sitzung nicht zngegen — aufstellt, als verständig anerkennen und sehe an sich keinen Grund, verschiedene Richtungen in der Jnöenhert sich nicht, jede in ihrer Werse auswirken lassen. So kann ich auch Ihnen bei Ihren schönen Zielen nur den besten Erfolg wünschen." Nun mögen die Zionisten selbst sagen, ob es nicht äußerst gefährlich ist, die Uninformiertheit von Nichtjnden so auszunutzen, wie sie es getan haben. Wie etwa, wenn wir nun nach ihrem Muster morgen Leu verehrungswürdigen Schreiber dieser Zeilen als Freund des liberalen nichtzionistischeu Judentums bezeichnen würden? Ein anderes prominentes Mitglied des Komitees schreibt «; a- „Ich freue mich der Juden, die Deutsche sein und bleiben wollen: denn entscheidend für das Bekenntnis zum Deutschtum scheint mir nicht das Blut, sondern der Wille . . Mein Beitritt hindert mich nicht, auch Ihre Auffassung zu respektieren und mich ihrer durchaus sympathischen Ausführungen zu freuen." Wie etwa, wenn wir hier von einenr Freund unserer Anschauung und einem Gegner des Zionismus sprechen würden; wurde doch unser Deutschtum erst vor wenigen Wochen von einem der prominentesten Zionisten rn der „Jüdischen Rundschau" als „Unwahrheit einer eingebildeten Nationalidentität" bezeichnet. Doch vielleicht wissen die Zionisten das alles ebenso gut wie wir und reiten gerade deshalb nun auf einem Brief herum, den der Staatssekretär in der Reichskanzlei, Herr Dr. Pünder. geschrieben hat. Da erzählt Herr Blnmenfeld von der schrecklichen Abfuhr, die sich migeblich die liberale Bereinigung geholt hat. glaubt, daß wir uns scheuen werden, von diesem Brief auch nur unseren Freunden Kenntnis zu geben. Weshalb? Freut sich Herr Blnmenfeld so darüber, daß im Pro-Palästina-Komitee nicht alle nichtsüdischen Mitglieder Gegner des politischen Zionismus sind, daß wenigstens auch einige von den Gegensätzen im deutschen Judentum Kenntnis haben und dennoch dem Zionismus Sympathie eutgegenbringen. In dem Brief des Herrn Dr. Pnnder heißt es: „Ich persönlich weiß mich völlig frei von den Gedankengängen des Antisemitismus und kann daher für mich erklären, daß ich den meines Erachtens sehr idealen und politisch einwandfreien Bestrebungen auf Schaffung einer Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina keineswegs deshalb diene, um das Judentum aus dem deutschen Volkskörper auszumerzen. Im Gegenteil unterstütze ich mit ebenso fester Ueberzengung alle Bestrebungen, die darauf hingehen, dem Judentum in Deutschland z« voller Gleichberechtigung zu verhelfen. Ich sehe auch nicht, inwiefern die Schaffung von Heimstätten für das jüdische Volk in Palästina eine gegen das Deutschtum gerichtete Angelegenheit sein soll. Mir will scheinen, daß z. B. die Deutsch-Amerikaner in den Vereinigten Staaten, wenngleich sie über Generationen hinweg die Liebe zu ihrer alten deutschen Heimat im Herzen tragen, durchaus geachtete nordamerikanische Staatsbürger sind und wohl nur ungern von ihren übrigen amerikanischen Landsleuten ent¬ 2. Beilage 28. Januar 1627 behrt werden würden. Ick möchte gerade umgekehrt, wie in dem von Ihnen liebenswürdigerweise beigefirgten Zeitungsartikel erwähnt ist, der Meinung sein, daß durch die Stedlungsbestrebungen auf dem alten palästinensischen Kulturboden altes Unrecht am jüdischen Volk wieder gutgemacht wird: nicht zuletzt auf die Drangsalierungen des Judentums im Mittelalter, seine zwangsweise Abwendung vom Lande und die Zusammenpferchung in erbärmlichen Stadtvierteln usw. ist meines Erachtens die gegenwärtige falsche soziale Schichtung des Judentums, die cs ganz einseitig von der Scholle und dem Handwerk weg dem Handel zngeführt hat, zurückzuführen. Sollten durch die Siedlungöbestrebungcir in Palästina im Judentum wieder die Liebe zur eigenen Scholle und Handarbeit eine Pflanzstätte finden, so wäre dies ein Ziel, dem man meines Erachtens rückhaltölvs Erfüllung wünschen könnte." Ist das wirklich Honig für die Zionisten? Müßten sie nicht vielmehr aus diesen Zeilen eine Bestätigung unserer Anschauung herauslesen? Denn die Siedlnngsbestrebungen, soweit sie nicht mit nationalen Scheuklappen betrieben werden, sind doch eine Angelegenheit, gegen die kein deutscher Jude, auch nicht der jüdische Nichtzionist etwas einzmvenden hat Und der Vergleich mit dem Deutsch-Amerikaner zeigt doch ganz deutlich, daß Herr Dr. Pünder die deutschen Inden als eine« Bestandteil der deutschen Nation betrachtet. Was freilich den Vergleich der deutschen Inden mit den Deutsch-Amerikanern anlangt, so decken sich unsere Anschauungen mit denen des Herrn Dr. Pünder nicht: das Verhältnis von Volkstum und Staat ist Ar den Vereinigten Staaten ein gänzlich anderes als in Deutschland. Wegen dieser Meinungsverschiedenheit aber von einer „Abfuhr" zu sprechen, ist doch etwas reichlich naiv. Wir meinen vielmehr, daß dieser Brief eine gute Plattform ■ äu weiterer sachlicher Auseinandersetzung abgibt; und wir meinen ferner: Wer einen Brief einer nichtjüüischen Persönlichkeit nur hinzunehmen versteht als Aeußernng, in der einer Weltanschauung eine Zensur erteilt wird, der hat, rvenn er jung ist, den Standpunkt eines Schnlkindleins, wenn er älter ist, den eines Dienstboten. Noch ein anderer Brief soll hier besprochen werden. Ter Preußische Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung, Herr Professor D. Dr. Becker, schreibt uns. und wir wundern mts darüber nicht, er halte „das Bekenntnis zum Zionismus durchaus vereinbar mit nationaldeutscher Siaatsgesinnung". Pros. Becker fährt fort: „Mir sind viel zu viele leidenschaftliche Zionisten bekannt, die sich in schwerster Zeit als Tatdeutsche bewährt und die für ihr Bekenntnis zum Deutschtum gelitten haben, als daß ich in eiltet zionistischen Betätigung unserer jüdischen Mitbürger irgendeine Beeinträchtigung ihrer staatsbürgerlichen Stillung erblicken könnte." Wir haben gegen diese Ausführung,en zunächst nichts einznwenden, sondern wollen nur, damit sie von oer Gegenseite nicht zum Gegenstand nnzuläsirger Reklame gemacht werden, hinzusügen, daß im Beckers'chen Brief auch steht, er habe iu seiner Rede bei der^Komitcc- Gründung „ganz stark nnterstricheu," daß er „die Tendenzen des Ceutralvereins und des liberalen Judentums freudig begrüße". Aber das ist noch nicht alles; der Brief schließt mit folgenden Bemerkungen: „Da ich selbst als Alttcstameutler meine wissenschaftliche Laufbahn begonnen und als Semitist Sprache und Literatur des Judentums nahe stehe, kann ich es durchaus verstehen, daß unsere heutigen jüdischen Mitbürger in dankbarer Erinnerung an die großen Traditionen ihes Volkes und ihrer Religion sich für ein jüdisches Heim ans palästinensischem Boden entsetzt. Das ist eine humanitäre oder historisierende Haltung, die meine volle Sympathie besitzt. Deswegen bin ich detn Pro-Palästina- Komitee beigetreten" — Als seinerzeit, die „Frankfurter Zeitung" geschrieben hatte, das Prv-Palästina-Koinitee habe mit politischem Zionismus nichts zu tun Und der Palästina-Aufbau sei nur noch ein Siedlnngswerk. da wurde diese „Frankfurter Zeitung" von der „Jüdischen Rundschau" in deren nächsten Rnmurer ivom 81. Dezember 1926) des Gegenteils belehrt; es heißt dort: „Die Mitglieder des Pro Palästina-Komitees . . . waren sich natürlich auch nicht im geringsten im unklaren, daß es sich um eine politische Sache handelt; eine andere Sache hätte sie kaum interessiert." Wir nehmen nicht an, daß die Herren Zionisten, denen wir oben den Inhalt des Briefes von Herrn KnltuSminister Becker znr Kenntnis gebracht haben, nunmehr auch diesen in ähnlicher Weise „belehren" werden wie die „Frankfurter Zeitung". Aber man soll uns doch nicht schelten, wenn wir auf Grund solcher Briefe die Behauptung anfstellen, daß die nichtjüdische deutsche Oeffentlichkeit über das wahre Wesen des Zioinsmus nicht aukaeklürt ist und daß insbesondere die christlichen Komitee-Mitglieder nur auf Grund gänzlich einseitiger Information gewonnen worden sind, lind man höre endlich auf „von Denunziationen zu sprechen, wenn wir nun auch unserem Standpunkt Geltung zu schassen suchen! Biel wird in der letzten Zeit über die Befriedung des deutschen Judentums gesprochen und geschrieben. Wer sollte nicht mit vollem Herzen wünschen, daß die Gegensätze eine Milderung erfahren? . , , Aber eine wirkliche Befriedung kann nur enttrcteu, wenn beide Seiten offen und ehrlich ihre Weltanschanung betonen und sich dazu bequemen, auch die Weltanschauung thres Gegners zu achten. Niemals wird ein Ausgleich geschaffen werden durch Verwischung der Gegensätze. Fllle Richtungen aber sollten es sich versagen, mit Briefen oder Aeutzerungen von Leuten hausieren zu gehen, die den wirklichen Gegensatz nicht kennen. Empsinden die Zionisten es nicht selbst als unwürdig, wenn sie mit dem Brief eines auch von uns sehr hochgeschätzten Dichters die Oeffentlichkeit betören wollen, der nun von ihnen als Freund des Zionismus angesprochcn wird und der, wie er jetzt an die liberale Vereinigung schrieb, mit jenem Brief nichts weiter wollte, als „die Schönheit des Gedankens betonen, das Land, iu dem sich eine so ungeheure religiöns- und menschheitsgeschichtliche Entwicklung vollzogen hat, der Verödung zu entreißen", und er schrieb: „Das Verhalten des deutschen Judentums zum Zionismus ist mir durchaus einleuchtend.?" Wir sind nicht erpicht darauf, unsere Gegnerschaft zum Zioinsmus, die in erster Linie ia jüdischen Gesichtspunkten entspricht, vor Nichtjuden zum Anstrag zu bringen. Wenn aber vbn zionistischer Seite nichtjüdische Persönlichkeiten der deutschen Oeffentlichkeit in die innerjüdischen Streitfragen hereingezerrt werden, und das geschieht durch die vom Pro- Palästina-Komitee au die deutschen Juden gerichtete Aufforderung zur Teilnahme am heutigen Palästina-Aufbau, dann ist es nicht nur unser Recht, sondern unsere jüdische Pflicht, den iu Frage kommenden Persönlichkeiten auch unsere Ansicht t'undzutun. Es ist unsere jüdische Pflicht, weil wir für den Bestand unseres Judentums fürchten, denn wir teilen den Standpunkt, den einst Claude G. Montesiore. unser Londoner Gesinnungsfreund, zum Ausdruck brachte (Liberales Judentum. Jahrg. 1919. Nr. S u. 6). „Zionismus und zionistische Bestrebungen drücken nicht nur das Judentum herab, weil sie erst die Nationalität und dann erst die Religion setzen, sondern sie schädigen das Judentum dadurch, daß sie Religion und Nationalität mit-