Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 4 (28.1.1927)
- Date
- 1927-01-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Stunden bereitet wurden. Frau Henriette Watlach begrüßte als Vorsitzende alle Teilnehmer -er Jubiläumsfeier und gedachte mit herzlichen Worten der Damen, die s. Z. den Verein ins Leben riefen. Die noch lebenden Gründerinnen, die meistens der Feier beiwohnen konnten. wurden zu Ehrenmitgliedern ernannt. Lehrer Plaut gab dann einen geschichtlichen Rückblick von denr Werden und Wachsen des Jubilars und verband damit interessante Einzelheiten aus der Geschichte der hiesigen jüdischen Gemeinde. Den gemütlichen Teil leitete eine Revue ein, die allgemeinen Beifall fand. Zum Schlug trat auch Terpsichore in ihre Rechte. Wiesloch. (Synagog en -Umbau). Die hiesige kleine Gemeinde hat mit Hilfe der in Frage kommenden Behörden, insbesondere des Badischen OberratS, ihre baufällig gcwordene Synagoge umbauen können. Nach Fertigstellung der Renvvierungsarbeiten fand kürzlich unter allgemeiner Beteiligung der Gemeindemitglieder und auswärtiger Gäste die Einweihungsfeier des in schönerem Gewände erstandenen Gotteshauses statt. Dr. Pinkuß. Heidelberg, wußte durch seine Festansprache. die gleichzeitig einen Hinweis auf die Geschichte der bis in das Mittelalter znrückreichenden Geschehnisse der Wicslocher Gemeinde bot, die Hörer zu fesseln und zu erbauen. Auch überbrachte der Prediger die Wünsche des Badischen Oberrats und gab der Hoffnung Ausdruck, daß aus dem Gotteshaus wahre Religiosität und friedliche Gesinnung in die Häuser und Familien verpflanzt werden möchten. Lehrer Simon, Wiesloch. sprach allen Förderern des Baues den Dank der Gemeinde aus. und die liturgischen Gesänge des Oberkantors Krämer. Heidelberg, gaben der Feier eine würdige und eindrucksvolle Umrahmung. Aus der Bewegung Berlin. Außerhalb der regelmäßigen Veranstaltungen beabsichtigt der Liberale Verein. Bezirksgruppe Süd. eventl. alle 3 Wochen Diskussionsabende, in denen aktuelle Probleme erörtert werden sollen, einzurichten. Interessenten werden gebeten, ihre Adresse dem Liberalen Verein für die Angelegenheiten der Indischen Gemeinde^zu Berlin E. B., Berlin SW 48, Wrlhelmstraße 147, mitzuteilen. Berlin. (Liberaler Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Geme inde zu Berlin, Bezirksgruppe N o r ü w e st.) Unter denr Borsitz des Herrn Studienrat Paradies hielt die BezirkL- Sruppe Nordwest ihren ersten Diskussionsabend ab. Um zunächst die Teilnehmer des in Aussicht genommenen Kursus über die Eingruppierung des liberalen Judentums in die anderen jüdischen Parteirichtungen aufzuklären, war das Thema „Liberalismus, Zionismus. Orthodoxie" gewählt worden. — Herr Dr. Walter Breslauer grenzte in einem einleitenden Referat die Parteien gegeneinander ab und wies in sehr wirkungsvoller Weise darauf hin, daß die ideenmäßigen Unterschiede sich keineswegs immer bis in die reale Gemeindepolitik hinein fortsetzen, daß insbesondere der Zionismus ideenmäßig mit der Orthodoxie wenig oder nichts zu tun hat. daß aber in der Gemeindepolitik Zionisten und Orthodoxe fast immer Zusammengehen. — Herr Rabbiner Dr. Lewkowrtz legte in einer ausgezeichneten Diskussionsrede dar, wie ganz anders die Orthodoxie den Begriff des jüdischen Volkstums auffaßt als der Zionismus: hier das Gottesvolk, dort der moderne Nationalbegriff ohne den tieferen jüdischen Religionsgedanken. — Ein zionistischer Gast. Herr Capell. meinte. Religiosität sei zwar allen Völkern eigen, aber die jüdische Religion mit ihren Formen und teilweise auch mit ihren dogmatischen An- )ch«LtU»gen passen wenig in die moderne Zeit. So bleibt den Juden Palästina und die Neubildung des jüdischen Volkes zur Berwtrklichung der jüdischen Ideen. — Herr Woyda wi^rlegte diese Ausführungen, indem er treffend darauf ymwies, daß Herr Capell sich selber widersprochen habe, da er zuerst darauf hingewiescn hatte, daß unter den heutigen Juden und insbesondere unter den Zionisten Unreligiöse und Religiöse und unter letzteren wieder Liberale und Orthodoxe sich befinden, daß also ferne einheitliche Idee unter den Juden herrsche, so daß es eine leere Phrase bleibe, wenn dann weiter gesagt werde, das jüdische Volk müsse neu gegründet werden zur Verwirklichung der (in Wirklichkeit doch so uneinheitlichen) jüdischen Gedanken. Der umgekehrte Weg müsse gegangen werden: es müsse gefragt werden, welches der jüdische Gedanke ist. dann wird man anerkennen, «daß das Judentum Religion ist. und wird wissen, daß jede Bewegung, die das Judentum nicht als Religion ausfaßt, Verirrung ist. — Herr Goetz unterstrich diese Äusführungen und wies darauf hin, daß der Zionismus überhaupt nur erklärlich bleibt aus der hinter uns liegenden Zeit der Religionslosigkeit. der sogenannten wissenschaftlichen Aufklärung und der philosophischen Skepsis. Wenn uns Juden der durch keine Wissenschaft ersetzbare Gedanke der Religion wieder nayegebracht wird, werden wir auch wieder fest im geschichtlichen Judentum stehen und nicht aus dem Judentum eine Nation machen wollen. Religion zeigt uns den höchsten Gedanken der Wahrheit und bringt daher Befriedung des einzelnen Menschen und der menschlichen Gesamtheit,- Nationalismus dagegen sei völlig ibeenle-er und treibt die Menschen nur in Unfrieden und Unglück. Der Abend unterschied sich wohltuend von so manchen anderen jüdischen Veranstaltungen, indem er den Teilnehmern statt der häufigen programmatischen Reden Grundsätzliches zu Bewußtsein führte. Die Zuhörerschaft folgte denn auch mit sichtlichem Interesse jedem einzelnen Redner, und man nahm einen befriedigenden und starken Eindruck mit. Die Diskussionsabende sollen fortgesetzt werden,- sicherlich werden sie dazu beitragen, das Interesse und die Teilnahme an jüdischen Veranstaltungen zu heben. Berlin. Die Gruppe Süden der liberalen Bereinigung veranstaltete am Montag, den 24. Januar, in den Kammersälen eine außerordentlich gut besuchte Versammlung. Der Abend wurde von Herrn Oberkantor Wilhelm Friedmann durch den Vortrag zweier Lieber stimmungsvoll eingeleitet. Alsdann erteilte der Vorsitzende, Herr Rechtsanwalt Dr. Manfred Meyer, Herrn Rabbiner Dr. Salomonski das Wort zu seinem Referat. Der Redner führte aus, daß der religiöse Liberalismus feit Abraham Geiger stehen geblieben sei, daß er jetzt aber vor der Entscheidung stände: Verzweiflung am Judentum oder Errettung durch das Judentum. Das liberale Judentum werde sich durchsetzen. Er führte die Versammlung in die verschiedenen Probleme, die die Zukunft lösen müsse, ein. Haupterfordernis sei. daß den religiösen Bestrebungen der Jugend Rechnung getragen werde. Neues schöpferisches Geistesleben der Gemeinde werde besser in einer geschloffenen Gemeinschaft als tit der Großgemeinde gefördert. Gebetbuch und Gottesdienst bedürfen einer zeitgemäßen Neugestaltung. Das Judentum müsse wieder feiner Sendung inne werden, die Wege des Menschentums zu ebnen. Jüdischer Familien- und Gemeinschaftsgeist sollen gepflegt werden. Tann wird die Zukunft des jüdischen Liberalismus eine gesicherte sein. Das zweite Referat erstattete Herr Professor Dr. Türk. Der Entwicklung des religiösen Liberalismus sei das letzte Jahrzehnt nicht förderlich gewesen. Der Kamps gegen den Zionismus habe die Kräfte des Liberalismus stark in Anspruch genommen. Der Aufbau Palästinas als Heimstätte für verfolgte Juden würde an sich niemals bekämpft worden sein. Wohl aber mußten die deutschen Juden mit aller Energie sich gegen die nationale Politik der Zionisten — Palästina zu einem Zentrum der Gesamtheit der Juden zu urachen — wenden, um einer Entwurzelung des deutschen Juden in seinem Vaterland zu begegnen. In diesem Sinne müssen die liberalen Gegner der Prvpalästinabewegung und des Keren tzajessod sein. Ueberdieö sei die Gemeinde durch die starke wirtschaftliche Depression kaum in der Lage, den eigenen Etat zu balanzieren. Der Redner rechtfertigt die Haltung der Liberalen bet den letzten Nepräsentantenwahlen und ihren Folgen. Er gibt einen Ausblick für die kommende Arbeit in der neuen Repräsentantenversammlung, in der die liberalen Vertreter mit aller Energie für die Durchführung ihrer Ideen sich einsetzen werden. An der sehr lebhaften Diskussion beteiligten sich Frau Regina Friedmann, die Herren stuck. sur. Steffel: Cohn, Dr. Domke, Dr. Max Mayer, Seminaroberlehrer Falkenberg, Krafft. Wolf und' Marcus. Mit einem herzlichen Dank für die anregenden Ausführungen der Referenten und die aufmerksame und interessierte Teilnahme der Versammlung schloß der Vorsitzende um 11% Uhr die Sitzung. Breslau. (Jli „Abraham Geiger") Am 12. Januar fand eine Zusanuneukunft der Gruppe „Süden" in der Wohnung unseres Mitgliedes Frau Rieseufeld statt. Die Neuwahl der Gruppenleitung für das Geschäftsjahr 1927 ergab die Wiederwahl des bisherigen Grnppenvorstanües,- leider stellte Alfred Fuchs feilt Amt zur Verfügung. Wir Lanken auch an dieser Stelle unserem lieben Freunde Alfred Fuchs für seine Mitarbeit und wir hoffen, daß er uns auch weiterhin Anregungen für die Ausgestaltung unserer Arbeit gibt. Es ist in Aussicht genommen, die Gruppenleitunst. der nun Alfred Berger, Ludwig Freund und Hermann Sachs angehören. am nächsten Gruppenabend dnrch Zuwahlen zu erweitern. Das Referat für diesen Abend über „Gemeindeaufgabeu" hatte unser verehrter Freund Herr Lehrer Freundlich übernommen. In temperamentvoller Weise setzte sich der geschätzte Redner mit dem Schulproblem ausein¬ § ander. Die Gemeinschaftsschule ist erstrebenswert, Ko»« fefsionsfchulen und ihre kirchliche Kontrolle sind abzulehnen. In treffender Weise behandelte der Referent die Breslauer Verhältnisse und wies u. a. mit Recht auf die Nachteile ernes Sonntagsunterrichts in den jüdischen Schulen hin. AlS Gemetndcaufgabe skizzierte der Redner Die Errichtung eines Mischen Bereinshanses. Zu vorgerückter Stunde wurden auf allseitiaen Wunsch die Fortsetzung und die Aussprache über die „Gemeindeaufgaben" auf den nächsten Gruppenabend vertagt. Wir hoffen, daß sich bet dieser Zusammenkunft ein recht großer Kreis zusammenfindet, der dieses wichtige Problem in gemeinsamer Aussprache klaren soll. In einem gemütlichen Plauderstündchen, für dessen freund' schaftlichen Rahmen wir Frau Riesenfeld unseren herzlichster Dank sagen, glauben wir bereits manch wertvolle Anregung für unseren nächsten Abend gesunden zu haben. Halle a. S. Die zweite Freitagabendfeier unserer Ortsruppe fand bei Herrn Sanitätsrat Dr. Oppenheimer statt. Die sorgfältigen Vorbereitungen, die er und seine Gattin getroffen hatten, bürgten schon allein für ein gutes Gelingen der Veranstaltung. Es fand sich eine zahlreiche, fröhlich qestimmte Kinderschar ein. Auch Vertreter der Eltern erschienen und zeigten ihr reges Interesse für diese Sache. Die Feier begann mit einem Gedicht „«aobats Einzug". vorgetragen von Mirjam Rosenberg. Dann machte Herr SanitätSrat Oppenheimer Kiddusch und Mauzy. Darauf wurden die jungen Gäste mit Kaffee und Kuchen bewirtet. Mit feinem Verständnis für die kindliche Eigenart widmeten sich die Gastgeber und die anwesenden Damen den Kindern. Im weiteren Verlauf des Abends bewies die Jugend, was st« kann. Frl. Hanna Löwe las huuwrtsttsche jüdische Erzählungen vor, Charlotte Bauchwitz und Lieselotte Müller spielten „vierhändig" ein Klavierstück, und Mtrjam Rosenberg erfreute uns durch einige Täuze. Schließlich wurde ein Gesellschaftsspiel veranstaltet. Dann setzten sich alle an die Tafel, und Lehrer Bester dankte dem Gastgeber und seiner Gattin für die liebenswürdige Bewirtung und für das Interesse, das sie unserer Sache entgegen brachten. Mit dem Tischgebet, das Erich Cohn sprach, schloß die Feier. Sie zeigte, daß cs wohl möglich ist, Freunde am Judentum in Len Herzen der Jugend zn erwecken. Dazu sind allerdings auch neue Wege erforderlich und Menschen, die den Mut haben, sie zu gehen und zu weisen. Frankfurt a. d. O. Am 18. Januar sprach hier der Generalsekretär der Liberalen Bereinigung, Herr George Goetz, über das Thema: „Was ist und was will das liberale Judentum?" Der Vortrag, der von glühender Liebe für das Judentum zeugte, war für die leider nur geringe Zahl der Hörer ein Erlebnis. In einem geschichtlichen Ueberblick zeigte der Vortragende, daß der Entwicklungsgedanke in der jüdischen Religion nicht etwa einer Parteiausfassung entspricht, sondern daß dieser Wandel eine Tatsache für bas Gesamtjudentum, auch das orthodoxe, ist. Als Beispiele dienten ihm der Uebergang vom Opferzum Gebetsgottesdienst und der Weg vom GHettojudcn zum modernen jüdischen Europäer. Die begeisterte und begeisternde Persönlichkeit des Redners bewies überzeugend, daß das religiöse Judentum eine lebendige Macht ist, daß liberales Judentum nicht nur gelehrt, sondern auch gelebt werden kann und gelebt werden mutz. Das Versprechen des Vortragenden, demnächst über Einzelheiten, die diesmal nur gestreift werden konnten, ausführlicher zn sprechen, wurde mit besonderem Danke ausgenommen. Königsberg. Ueber das Thema „Gegenwartsaufgaben der jüdischen Jugend" sprach auf Einladung des Vereins für das liberale Judentum Dr. Erwin Lichten st ein- Danzig Mittwoch abend in der Aula des Körte-Lyzeums. In der Einleitung seiner feinsinnigen Ausführungen definierte er den Gegensatz zwischen Orthodoxie und Liberalismus. Elftere stellt die Gemeinschaft in den Vordergrund, alle alte Kultur ist Ergebnis einer solchen Gemeinschaft, die o-hne Formen nicht denkbar ist, während der Liberalismus dem Individuum mehr Freiheit gibt, die Persönlichkeit herausstellt und die jüdische Religion vom Geiste, nicht von den Formeln des Judentums aus aufsaßt. Was hat nun die jüdische Jugend vom Liberalismus zu erwarten? Welche Aufgaben stellt er ihr? Zu Anfang des Jahrhunderts opponierte die Jugendbewegung, die von der Romantik herkommt, gegen seine rein äußerliche Auffassung, sie wollte zurück zur Natur, sie empörte sich gegen Schule, Zwang des Elternhauses. Kultur der Großstadt. Der Wert des Wanderns wurde entdeckt, die körperliche Ertüchtigung gefördert. Mit Beginn des Krieges erhält sowohl die jüdische wie auch die christlich-deutsche Jugend politischen Charakter. Die äußere Uniformierung ist ein Symbol für die innere. Das rein Körperliche wird in den Vordergrund gestellt, eine religiöse Bewegung war nicht mehr möglich. Der Obcrstatthälter schickte nach mir, ich solle zn ihm kommen. „Aron, du hast gesagt, du habest mir hundert Dukaten gegeben, daß ich euch bei den Reichsständen die Freiheit verschaffen soll, und nun willst du die hundert Dukaten von den Juden wiederhaben? Auch hast du gesagt, du hättest dem Polizeimeister einen Seiöenschlafrock geschenkt — ist das recht?" > Ich sagte, das sei nicht wahr. Wenn ich so etwas gesagt hätte, dann sicher nicht zu solchen Leuten, die nichts weniger als meine Freunde seien und es Em. Exzellenz gleich wiedererzählen würden. Ich kann es mit einem heiligen Eide beschwören, daß ich gar nicht an Ew. Exzellenz gedacht h<rbc. als ich von meinem Bruder, von Moses Nathan und Hartwig Joel den Anteil an meinen Auslagen begehrt habe. Aber bei Gott im Himmel, cs hat mir niemand auch nur einen Pfennig dazu gegeben. Sie raten bloß, aber sie wissen nichts." „Geschieht dir recht," sagte der Oberstatthalter. „Das hast du für dein Lausen und Betteln, nimm dir jetzt ein Beispiel. Du bist ein ehrlicher Kerl, aber viel zu gut. Komm morgen um elf Uhr auf die Polizei. Ich glaube, daß Moses Nathan es gesagt bat, und er wolle cö morgen in deiner Gegenwart wiederholen." Ich war natürlich überzeugt, daß ich ibm so etwas nicht gesagt hatte. 3lls ich am andern Tage auf die Polizei kam und gleich hineingerusen wurde, war der B. drin. Ich hatte bereits von draußen den Polizeimeister und den Oberstatt- Halter laut sprechen hören. Wie ich hinein kam, fragte der Polizeimeister: „Hat dir der Aron Jiak so etwas gesagt?" „Nein, nicht gerade der Aron Jsak, aber die anderen Juden." „Kerl." schrie jetzt der Oberstatthalter, „du bist vom Judentum abgefallen, was hast du dich unter die Juden zu mischen und zu stänkern? Wenn ick noch einmal erfahre. Laß du mit Juden verkehrst, lasse ich dich nach Marötrand bringen." Der B. war ein frecher Kerl und wollte sein Maul ausreißen. aber der Oberstatthalter verstand seine Sache besser und gab ihm ein paar Ohrfeigen, die waren tüchtig. Dann befahl er. ihn zur Türe hinaus und die Treppe hinunter- Kuwersen. Damit war der Prozeß ans. R. Gumprecht hatte nun auch seine Frau und Kinder kommen lassen. Sie brachten erneu Diener. Joseph aus Schwahn. mit. Es kamen noch mehrere Leute zugereist, die sich aber nur eine Zeit lang hier anfhielteu und dann wieder wegfuhrcu. Ich reiste alljährlich zur Messe nach Leipzig. Meine Kinder wuchsen heran. Mein Sohn Nathanael war sechzehn Jahre alt, da laut er schon zum Herzog Friedrich als Hos- Ucfcrant, ivat sehr angesehen, und die höchsten Herrschaften, Damen und Herren, kauften sehr gerne von ihm. Als meine Tochter vierzehn Jahre alt gewrden war und ich wieder nach Leipzig fuhr, kam ich auch nach Schwerin. Da lobte ein seiner nmger Mensch. R. Eiseck ans Dernburg, aus etner hochachtbaren Familie. Seit sechs Jahren war er beim Hosagcntcn als Buchhalter tätig. Ich wurde mit ihm näher bekannt, er war ein sehr anständiger junger Mann mit besten Manieren. Er fragte mich, wie die Verhältnisse in Schweden seien, denn er habe nicht Lust, noch länger in Schwerin zubleiben. Ich bot ihm an, falls er Lust hätte mit mir zu kommen, würde ich ihn hei meiner Rückreise auf meine Kosten nach Stockholm mitnehmen und ihm allen möglichen Beistand leisten. Ich blieb über das Passahfest in Schwerin, den»! nach Passah reiste ich immer mit meinem Bruder nach Leipzig. Ich war auch mit N. Elia Schwerin zusammen, der wußte, daß ich eine Heranwachsende Tochter habe. Er fragte mich, ob ich seinen Sohn Rüben nach Stockholm mitnehrnen wolle. Dieser Sohn hatte sich schon durch eigene Geschäftstätigkeit viertansend Taler verdient. Wenn er sich in Stockholm etablieren sollte, würde der Vater ihm noch zweitausend Taler geben, denn soviel erhielte jedes der Kinder. Ich sagte, wenn ich zurückkäme, würde ich ihm Bescheid geben. Ich reiste mit meinem Bruder nach Leipzig und besprach unterwegs mit ihm die Angelegenheit. Ich erzählte ihm. daß ich zwei Vorschläge für meine Esther hätte: der eine wäre R. Eiieck, der Buchhalter von R. Joseph, der andere sei Rnben, der Sohn öcS R. Elig. „Wenn ich dir nach meinem Geschmack raten soll." sagte mein Bruder, „so gefiele mir R. Eiseck besser, vbschon dieser Rüben mehr Geld hat. Aber dieses Geld hat er sich abgekargt. Er hat bei seinen Eltern freie Wohnung. Essen, Trinken, Kleider, da ist es kein großes Wunder. Geld zusainmenzusparen. Aber mit seiner Tüchtigkeit ist es nicht weit her." Das war ganz nach meiner Meinung gesprochen. Ist. Eiseck hatte mir 500 Reichstaler mitgegeben, ich sollte ihm dafür etwas Schmucksachen, einige goldene Tabaksdosen, goldene Uhren und Ketten, kaufen. Ich führte den Auftrag so gut ans, als wäre es für mich selber. Seinem Herrn hatte er gekündigt, und als wir nach Schwerin zuoückkamen, hatte er sich bereits entschlossen, mit mir nach Stockholm zu reisen. Ans dem Wege hielt er ernsthaft um meine Tochter au» denn wir Hatte» uns beide diesbezüglich schon etwas merken lassen. Es war inzwischen, seit ich in Schwerin mit ihm gesprochen, fast ein Jahr verflossen. „Wenn wir nach Stockholm kommen," sagte ich. „und meine Tochter gefällt Ihnen und Sie gefallen meiner Tochter, so habe ich nichts dagegen. Sollte es aber auf einer Seite sehlschlagen, so können Sie versichert sein, trotzdem bei mir jeden Beistand zu finden, den ich Ihnen nur leisten kann. Soweit es in meinen Kräften steht, will ich Ihnen wciterhelsen." Wir kamen nach Hause und waren kaum acht Tage hier, da trat 9L Eis eck bereits mit der Frage an mich heran, ob wir uns nicht verbinden wollten. Ich sagte ihm. ich hätte mit meiner Tochter noch nicht gesprochen. „Das Mädchen scheint Ihnen also gut zu gefallen, so will ich es denn eben-, falls fragen." Ich rief mir nun das Mädchen allein in meine Werkstatt und fragte sie: ,45Me gefällt dir der junge Mann, den ich mitgobracht habe?" „Wie es scheint," meinte sie. „ist er ein ordentlicher Mensch." „Möchtest du ihn so gut leiden, um ihn als Bräutigam zu halben?" Da fing «»eine Tochter heftig zu weinen an. „Bater." sagte sie, ,/Sre sollten so etwas nicht zu mir sagen. Ich bin ja noch ein Kind und ich gehe noch zur Schule." ,D>as soll deine Sorge nicht sein" erwiderte ich. ,Ach fragte dich bloß, ob du diesen jungen Mann gut leiden nragst." „Lieber Vater, ich bin rroch zu jung, um darauf eine Antwort zu geben." sagte sie und marschierte ab. Das genügte mir aber. Wir warteten noch ungefähr acht Tage, dann trafen wir Anstalten zur regelrechten Ver-- lobung. Ich sagte meiner Tochter, ne möge ihr schönstes Kleid anziehen, wir wollten Verlobung feiern. Sie weinte darauf noch mehr, aber meine Frau redete ihr zu. daß sie glücklich fein könne, einen so hübschen, gebildeten nnd tüchtigen Bräutigam zu bekommen. Da meine Tochter wirklich noch sehr fmti?, tmm sechzehn wrfajoBeit wir die Hochzeit um zwei Jahre. Ich Mrte R. Eneck in mein Geschäft ein und gab ihm. weil Bräutigam meiner Tochter war, freien Tisch. Nietn Sohn Nathanael nahm ihn oft zu meinen Kunden mit öatz er an meiner Stelle Geschäfte abschließe. Während der Zeit, m der er Bräutigam war, -hat er sich ein nettes Sümmchen erspart. (Fortsetzung folgt.1