Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 4 (28.1.1927)
- Date
- 1927-01-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1. Jahrgang Nummer 4 MischlLeraleZeilimg 1. Beilage 28. Januar 1927 I Rabbiner Dr.Jaulus^ Am 1V. Januar verstarb in Aachen im Alter von 76 Jahren Rabbiner Dr Heinrich JairluS. Mit ihm schieb eine Persönlichkeit aus unserer Mitte, die die Treue zum Glauben unserer Väter verband, mit der Erkenntnis von der Notwendigkeit einer durchgreifenden Reform der Ausbrncksformen jüdischer Religiosität. Mit ihm schied einer der treuesten Anhänger unserer Bewegung, der er sich aufs innigste verbunden fühlte. Sein Andenken zu bewahren, wird eine ehrenvolle Pflicht der Vereinigung für das liberale Judentum sein Rabbiner To. Jaulus war es vergönnt, Generationen heranzubilden, die zu treuen Pionieren seiner Weltanschauung wurden. Fast 60 Jahre lang hat er als der geistige Führer der Aachener Synagogengememüe gewirkt. Erst am 1. August v. I. trat er in den wohlverdienten Ruhestand. Bon Anbeginn 'einer Rabbtnertätigkeit bis zu seinem Scheiden verfocht er stets den religiös-liberalen Gedanken: denn er wußte, daß nur der jüdische Liberalismus dem Jnöifferentismus steuern und eine Erneuerung im Judentum schaffen kann. Bon der Verehrung, die dem Verstorbenen als-Folge feines aufrechten Charakters, seiner religiösen Ueberzeugung und seiner umfangreichen sozialen Tätigkeit entgegengebracht wurde, legte der schier endlose Trauerzug Zeugnis ab, der am vergangenen Freitag den Verstorbenen durch die Straße» Aachens zum Friedhof geleitete. An der Stätte, an der Dr. Jaulus fast 50 Jahre lang gewirkt hatte, war die Gemeinde zu einem Trauergottesdienst vereint. Sticht nur die Gemeindemitglieüer waren dem Rufe deS Vorstandes und der Repräsentanten gefolgt, neben ihnen iah man in der Synagoge auch zahlreiche Andersgläubige, unter ihnen Vertreter der Stadtverwaltung und den Pfarrer der evangelischen Gemeinde. In der im bellen Lichterglanz erstrahlenden Synagoge herrschte tiefste Stille, als der Sarg von Vorstands- und Repräsentantenmitgliedern zum Almemor getragen wurde. In ehrfürchtiger Ergriffenheit verharrte die Gemeinde, als der Amtsnachfolger des Entschlafenen, Rabb. Dr. Schoenberger, seine Gedenkrede begann, der der Ausspruch des Propheten zugrunde lag: „Hier bin ich, entsende mich!" In ergreifenden Worten schüöert« er den Lebenslauf des Dabinaegaugenen. seine Ueberzeugungstreue und seine großen Verdienste um die Erstarkung des Liberalismus im Judentum. Nach einem Trauergesang des Oberkantors Stiebet widmete im Namen des Deutschen Rabbinerverbandes und im Nam.eu des Nhein.-Wests. Rabbinerverbandes, dessen Mitbegründer Rabbiner'Dr. Jaulus war, Rabbiner Dr. Klein aus Düsseldorf dem Verstorbenen einen ehrenden Nachruf. Er ehrte den Toten als Meister des Wortes und als tiefen Kenner der jüdischeu Lehre. Der Vorsteher der Aachener Gemeinde, Justizrat Dr Frauken, einer der ältesten noch lebenden Schüler des Verstorbenen, sprach tiefempfundene Worte des Dankes zum Abschied. Er wies darauf hin, wie innig sich in Dr Jaulus der Stolz auf das Indentum mit der Liebe zum deutschen Baterlande verband. Ganz besonders würdigte er die Errichtung des Altersheimes, das durch die Initiative des Verstorbenen geschaffen wurde. Mit diesem vorbildlichen sozialen Werk habe sich der verstorbene Führer der Gemeinde ein unvergängliches Denkmal gesetzt. Orgelspiel geleitete den Sarg aus der Synagoge auf seinem Wege zum Friedhof, auf dem der Verstorbene nach einem Gesang des Aachener Synagogenchors zur ewigen Ruhe bestattet wurde. Ausstellung im Landesgewerbe-Mufeum zu Darmstadt. Im Laudestzewerbe-Museum zu Darmstadt wurde dieser Tage eine Ausstellung „Schrift und Handwerk" eröffnet, der eine besonders interessante jüdische Abteilung eingefügt ist. Die Ausstellung ist hervorgegangen aus der rümlich'st bekannten Rudolf-Koch-Schule in Offenbach. Kochs selbstgewählte Aufgabe war seit langem, den Charakter der Buchstaben in Schrift und Druck zu veredeln und ihnen bildhafte, sinnenerfreuende Wirksamkeit zu verleihen. Demgemäß weist die Ausstellung denn auch eine Reihe von Handschriften und Drucken auf, in denen Koch und seine Schüler teils in handgeschriebenen Schriften, teils in Druckwerken ihre Schriftcharaktere zur Anwendung bringen. Zumeist sind es biblische und andere Schriften und Drucke, die zu sehen sind. In der Kochschen Werkstatt ist in den letzten Jahren ein ganz neues Feld des Kunsthandwerks in Angriff genommen worden, die Teppichweberei. Aus handgesvonnenem Faden werden mit der Hand Teppiche gewebt, in die dann, selbstredend auch mit 'der Hand, Schrift eingestickt wird. Gedacht sind diese Teppiche als Wandteppiche, hie — wenn es sich um solche mit religiösen Inschriften handelt — dazu bestimmt sind, entweder im Gotteshaus aufgehängt zu werden, oder im Privathaus, sei es zu dauerndem Anblick, sei es zu bestimmten Gelegenheiten häuslichen Gottesdienstes. Zu sehen sind in dieser Ausstellung eine Anzahl von Rudolf Koch hergestellter Teppiche mit religiösem Text, einer z. B. enthaltend die Zehn Gebote, einer die Schöpfungsgeschichte, einer das Kapitel der prophetischen Berufung Jesajas, einer den Schir-Hamaalaus- Psalm. einer den 46. Psalm, den Ausgang von Luthers »Ein feste Burg": sie alle auf farbigem Untergrund in charakteristischer deutscher Schrift. Um nun von der jüdischen Abteilung im besonderen zu berichten, so ist aus ihr zunächst die Arbeit eines jungen vielversprechenden jüdischen Künstlers zu erwähnen. Berthold Wolpe aus Offenbach, der, ein vielversprechendes Talent, noch einmal von sich reden machen wird und der jüdischen Sakralkunst neue Bahnen weisen wird. Seine Spczialaufgabe. die er sich gestellt hat, ist. die hebräische Druckschrift aus der Verwahrlosung, in die sie leider verfallen ist, herauszureitzen und den Buchstaben in ihrer Wiedergabe ihren Adel wieder zurückzuerobern. Das tritt an allen seinen Arbeiten hervor: da sind z. B. Wandtafeln von ihm entworfen, eine die Menerah wiedergebend mit der Umschrift: „Nicht durch Macht und nicht durch Kraft usw." in Hebräisch: eine andere mit dem Psalmvers: „Hilf mir. o Gott, denn die Wasser gehen mir ans Leben" gleichfalls in Hebräisch: dazu ein Schiff am Wogen zeigend und darüber den Regenbogen. Hier und in einer anderen, die das Kaddisch in Deutsch wiedergibt, zeigt sich seine zeichnerische Kraft Sein ursprüngliches Kunsthandwerk ist die Metallschmiedekunst, eine Anzahl von Schalen und Kannen legen von seinem Können Zeugnis ab: diese auch großenteils mit Umschrift, teils in Hebräisch, teils in Deutsch. Bon ihm stammt auch die Schriftführung bei vier für den jüdisch-religiösen Gebrauch bestimmten Wandteppichen. Da rst einer, enthaltend den Hallelpsalm „Als Israel aus Aegypten zog", in Deutsch, mit hebräischer Schrift zwischen den deutschen Zeilen, ein anderer enthaltend Len Hallelpsalm „Aus der Enge rief ich usw." Diese sind bestimmt, im Hause des Bestellers am Sederabend ausgehängt zu werden. Ein dritter trägt als Inschrift wesentliche Stücke des Tischgebetes in Deutsch, ein vierter, und dieser ist das Glanzstück der ganzen TevptchausfteVung. hat wesentliche Stücke des Tischgebetes in Hebräisch als Inschrift. Mn ihm ist nicht nur die Farbenzusammenstellung, schwarze Buchstaben auf grünem Grund, so wohltuend, man kann auch an ihm die ungeahnte Dekoration und bildhafte Kraft der hebräischen Buchstaben studieren. Diese Teppiche, in einem Privathause aufgehäugt, bedeuten eine wirkliche, in edelstem Sinne liberale Fortbildung deö biblischen Gebotes: Du sollst sie schreiben au die Pfosten deines Hauses". Alle dieje Teppiche sind vvn einem bekannten Kunstfreund tu Auftrag gegeben gewesen, aus dessen Besitz noch mancherlei zu scheu ist, z. B. eine von Rudolf Koch augefertigte Handschrift der seinerzeit vom D. I. G. B. herausgegebenen „Grundsätze der jüdischen Sittenlehre", ferner eine gleichfalls von Koch.hergestellte Sederschüssel, eine Handschrift des Zeichners Hemrichferi, die die wichtigsten Gebete des Gebetbuches für Jugend, die Liebe deiner Brautzeit, als du mir nachzogest in die Wüste, in das Land, das keine Saat noch trug".^ Besonders hervorzuhebeu ist aus diesem Kunstbesitz die Handschrift der Ossenbacher Haggadah, die, wie bekannt, demnächst im Druck erscheint und deren Subskription eben, von einem starken Begehr getragen, im Gange ist. Hier ist die deutsche Schrift von Heinrichsen, die Bilder von dem Maler Kredel, die hebräischen Buchstaben von dem bereits erwähnten Berthold Wolpe. Bon ihm wäre noch mit besonderem Nachdruck hervorzuhebeu eine Bronzegrabplatte, die die bekannten fünf Buchstaben der Abkürzung des bekannten Grabsteinspruches „seine Seele sei eingeschlossen in den Bund des ewigen Lebens" irr einer neuartigen Anordnung zeigt; sie sind als Knöpfe in den Ecken und in der Mitte angebracht und werden hier zu einer verblüffenden dekorativen Wirkung. Man sieht, welche künstlerische Entwicklungsmöglichkeit der jüdischen Friedhoföknnst noch gegeben sind, und Wolpe scheint berufen zu sein, hier bahnbrechend zu werden und wegweisend. Die Ausstellung ist bis April zu sehen. Es bewerben sich schon andere Museen um die leihweise Überlassung der jüdischeu Abteilung in ihrer Geschlossenheit. darunter waren 690000 Moslemiten, 83 794 Juden und, 73024 Christen sowie 9474 Angehörige kleinerer Stämme, meist Drusen. Eine Zettschrift der jüdischen Jugend Frankreichs. Der „Club de la Jeuuesie Juive", über welchen wir unlängst zu berichten Gelegenheit hatten, sieht endlich einen sehnlichen Wunsch in Crsüünng gehen: er gibt ein eigenes unparteiisches Verbaudsorgau heraus, welches den Titel „La Jeunesse Juive" (Die jüdische Jugend) führt, und vermehrt ans diese Weise die Zahl der spärlichen jüdischen Zeitschriften in Paris. „La Jeunesse Juive" erscheint zunächst nur einmal im Monat und hat noch einen bescheidenen Umsang. doch glauben und hoffen wir, daß unsere jungen Kollegen imstande sein werden» ihr Blatt häufiger erscheinen zu lassen und ihre Auflage zu vermehren. Schon aus den ersten zwei nummern ersehen wir, daß die Schristleitung ihre Mitarbeiter gut gewählt hat, der Stoff ist trotz des Raummangels interessant, gut dokumentiert und abwechslungsreich. Die deutsche StudmtenschasL auf dem Wege zur Gesundung. Es mehren sich die Anzeichen dafür, datz ein anderer Geist in unsere Hochschulen einzieht. Wer jüngst die Reden einiger Universitätsrektoren gelesen und die Berichte verschiedener Studentenschaften aufmerksam verfolgt hat, wird mit Genugtuung seststellen. daß die völkischen Neigungen ernsthaft bekämpft werden und daß einem Programm das Wort geredet wird, das sowohl innerals auch außenpolitisch zu Deutschlands Wiodergesuiidung beitragen mutz. Wir entnehmen einem Bericht der Bonner Studentenschaft an die Kölnische Bolkszcitung folgendes: „Die Studentenschaft der Universität Bonn hat stets eiue vorbildliche Stellung eingenommen. die die Beachtung der andereu Studentenschaften in höchstem Matze verdient. Ein Rückblick auf die vergangenen Jahre läßt klar die Linie erkennen. die die Bonner Studentenschaft zu ihrer jetzigen Satzungsänderung im Sinne der großdeuifchen Kulturgemeinschaft geführt hat. Als nach den Studententagen tm Jahre 10*22 in Honnef und Würzbnrg der Verfassungsstreit seinen Anfang nahm, kam die Bonner Studentenschaft in große Konflikte. Sie stand hinter dem Honnefer Programm mit seinen Grundsätze^:'' Die Deutsche Srudentenschast kann kein völkischer Verband sein Sie dient der ganzen Nation und empfängt durch den Aufbau der Einzelstudeutenschaften vom Start ihre Rechte. Darum kann weder die Einzelstudentenschaft noch der Gesamtverband cmfgebaut sein als rassenvölkische Organisation. die nur innerhalb des Deutschen Reiches aus Zweckmäßigkeitsgrüirdcn das Staatsbürgerprinzip anerkennt. Die Verwendung zweier Ausbauprinzipieu (nationalkultnrelles und rassenvölkisches) muß zwangsläufig die Einheit zerreißen und eine fruchtbare Zusammenarbeit verhindern. Es ist in Vergessenheit geraten, daß die Deutsche Studentenschaft nicht Selbstzweck ist oder ein Uebuugsfeld junger Menschen, die politisch führen wollen, sondern daß sie um der Studierenden willen geschaffen wurde. Hier liegt Sinn und Maß ihrer Leistung. Die Würzburger Satzung jedoch mit ihren antisemitischen Tendenzen errang den Sieg. Der Ring katholischer Korporationen hätte ebenso wie die republikanisch-gesinnten Freistuöenten aus weltanschaulichen Gründen eine solche Satzung ablehnen müssen. Sie hätten sich auch zweifellos zu anderen Zeiten unter diesen Umständen einem solchen Verband nicht angeschlossen, wenn nicht die außenpolitische Lage sie dazu bewogen hätte. Bonn hatte seinerzeit Besatzung, und die Anfänge des Separatismus machten sich allenthalben geltend. Eine Sonderstellung unserer Hochschule hätte diese Bestrebungen unter Umständen fördern können. Nach reiflicher Ueberlegung und in vollem Bewußtsein, daß das persönliche Interesse unter allen Umständen gegenüber dem Staatswohlc zurückzutreten habe, nahm mau zu der Deutschen Studentenschaft eine versöhnliche Stellung ein. Dann kamen die Zeiten der Unruhen und Verfolgungen, der Kampf gegen den SevaratiSmns. und mancher mutzte seine Ueberzeugung mit Gefängnis. Flucht und Ausweisung bezahlen. Die Verhältnisse innerhalb der Deutschen Studentenschaft aber nahmen Formen an, die trotz aller Bedenken eine erneute Stellungnahme der Bonner Studentenschaft erforderten. und notgedrungen sah sie sich zu folgender Erklärung im November 1023 gezwungen: Die Bonner Studentenschaft stimmt schweren Herzens einer Einigung mit der Deutschen Studentenschaft nicht zu. Sie wird sich dazu erst entschließen können, wenn das Rassevrinzip durch eine eindeutige Erklärung des Vorstandes für die gesamte Deutsche Studentenschaft endgültig fallen gelassen wird und wenn der Vorstand gegen antisemitisch-nationalistische Uebcrgriffe einzelner Studentenschaften und gegen ähnliche Auslassungen in amtlichen Organen einzelner Kreise einschreitet. Die Volkszählung in Palästina. Soeben wurde das Ergebnis der am 1. September 1926 in Palästina stattgefllndenen Volkszählung durch die Regierung veröffentlicht. Danach betrug an dem genannten Tage die Zahl der allgemeinen Bevölkerung Palästinas rund 687 000. darunter 611000 Moslemiten, 158 000 Juden. 73 000 Christen und 10 000 anders meist Drusen. Zn den Moslemiten werden nicht nur palästinensische Araber und Syrier, sondern auch eine Anzahl eingewanderter Zirkassier, Magharbaehs (Nordafrikaner) und Bosnier sowie einige turkmenische Nomaden gezählt. In die Gesamtzahl der Christen sind Angehörige der griechisch-orthodoxen, römisch-katholischen, anglikanischen, lutherischen sowie ananderer Kirchen eingeschlossen. Ueber die im Oktober 1922 stattgefundene erste Volkszählung von Palästina berichtete Sir Herbert Samuel, der damalige Oberkvmmissar für Palästina, an die britische Regierung in seiner Denkschrift über die Palästinaverwaltung in den Jahren.1920 bis 1925. Mach dem damaligen Ergebnis betrug die Gesamtzahl der Bevölkerung Palästinas 787182, Aus dm Gemeinden Berlin. iS v z i a l e K r a u k e » h a n s f ü r s o r g e.) Dm Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden und der Bund der jüdischen Kranken- und Pflegeanstalten Deutschlands hakten gemeinsam am Montag, den 17. Januar 1927, die Vertreter jüdischer Kranken- und Pflegeanstalten sowie die Vertreter einer ganzen Reihe bedeutender städtischer undinterkonfessioneller Krankenhäuser, desgleichen das Wohlfahrtsamt der Jüdischen Gemeinde, die Berliner Rabbiner, verschiedene Vereine und interessierte Einzelpersonen zu einer Aussprache über die Soziale Krankenhausfürsvrge eingeladen. Unter Leitung von Prof. Dr. Seligmann wurde das Thema nach einleitenden Ausführungen des Herrn Dr. Philipsborn vom Standpunkt des Seelsorgers (Rabbiner Dr. Löwenthal), des Arztes (Geh. Rat Dr. Strauß), Der jüdischen Anstaltsverwaltung (Direktor Dr. Koburger), des Wohlfahrtsamtes (Eugen Caspary) beleucht-et, die Aufgaben und die erforderliche Ausbildung von Frl. Frieda Weinreich (Zentralwohlsahrtsstelle der deutschen Juden) geschildert. Aufgaben und Ziele der Sozialen Krankenhausfürsorge sind fest Umrissen, sie erstrecken sich einmal auf den Kranken selbst, zum anderen ans seine Familie, die hilflos zurückgeblieben ist. Hier mutz die Verbindung geschaffen, für die Abstellung wirtschaftlicher und gesundheitlicher Nöte gesorgt werden. Die Ucbersührung des Genesenen in das Berufsleben, die Betreuung des noch behandluugsbedürstigen Entlassenen sind vorzuberelten: die Verbindung mit den Organen der allgemeinen und freien Wohlfahrtspflege ist herzustellen. Alle Referenten waren sich darin einig, daß eine beamtete, gut vorgehildete soziale Krankenhaus-' fürsorgerin (möglichst Gcsundheitsfürsorgerin) eingestellt werden müsse, die ihre Wirksamkeit nicht nur aus die in den nichtjüdische» Anstalten befindlichen Patienten, sondern vor allen Dingen auch auf die in den nichtjüdischen Kranken- und Pflegeanstalten untergebrachten Juden erstrecken mutz. Ebenso wurde die Wichtigkeit der Betreuung der Besucher der Polikliniken hervorgehobeu. um eine Gewähr.dafür zu geben, Latz die gesundheitssürsorgerischeu Anordnungen'auch wirklich öurchgeführt werden. Es gilt, eine Form zu finde«, um eine gedeihliche enge Zusammenarbeit mit sämtlichen in Frage kommenden öffentlichen und privaten Fürsorgeeinrichtungen sowie vor allen Dingen mit Len Fürsorgerinnen, die an den nichtjüdischen Anstalten wirken, zu erreichen. Es wurde weiterhin von allen Anwesenden betont, datz auf die Mitarbeit der ehrenamtlichen Hilfskräfte trotz Einstellung einer Berufskraft nicht verzichtet werden soll, daß aber diese ehrenamtlichen Mitarbeiter durch besondere Kurse geschult werden müssen. Solche Kurse, verbunden mit einer Praktikantentätigkeit in Krankenanstalten, sollen in Gemeinschaft mit dem Jüdischen Frauenbund eingerichtet werden. Die lokalen Berliner jüdischen Organisationen, vor allem das Wohlfahrtsamt der Jüdischen Gemeinde Berlin, werden sich nunmehr der praktischen Durchführung der vielseitigen wertvollen Anregungen annehmen und die bereits in sehr guten Anfängen in Berlin vorhandene Soziale Krankenhausfürsvrge systematisch weiterentwickeln. Die Zentralwohlsahrtsstelle der deutschen Juden und der Bund der jüdischen Kranken- und Pflegeaustalten Deutschlands werden cs sich angelegen sein lassen, üie Durchführung oder den Ausbau der Sozialen Kvankenhanssürforge auch in andereu Jüdischen Gemeinden Deutschlands anzuregen und durch Rat und Tat zu unterstützen. Berlin. (WeiterberatungdesJu den ge setze S.) Nachdem auf dem letzten Berbandstag des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden beschlossen worden ist, daß zum März 1927 der durchberatene Entwurf für ein preußisches Gesetz, betreffend die Verfassung der Synagogengemeinden, vorliegen solle, trat in voriger Woche die Kommission, die mit der Beratung des Gesetzentwurfs betraut ist, unter dem Vorsitz des Herrn Justizvat Makower zusammen. Der Beratung zugrunde gelegt wurde der bekannte. bereits dem Berbandstag vorgelegte Gesetzentwurf und ferner der Entwurf für ein Steuergesetz, der von einer Unterkommission des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde Berlin nach Vorschlägen des Herrn Dr. Jsmar Freund mit geringfügigen Modifikationen ausgearbeitet worden war. An den Anfang der Beratung wurde die Auötrittsfrage gestellt. Es wurde von mehreren Setten auf die unbedingte Notwendigkeit Angewiesen. dem dauernden Anwachsen der Austritte aus der Gemeinde, deren Ursache in den meisten Fällen nur Steuerflucht ist, einen Riegel vorzuschieben. Herr Dr. Freund führte aus, daß die heutige Austrittsgesetzgebung den Bestand von Hunderten von mittleren und kleinen Gemeinden bedrohe, und auch Herr Rechtsanwalt Dr. Schleitzner legte dar. daß die Verzögerung einer Neuregelung geradezu den Untergang einer Reihe von Gemeinden zur Folge haben müsse. Die Ansicht, daß der aus der örtlichen Gemeinde AuStretende, der aber nach eigenem Wunsch Jude bleiben und der jüdischen Gemeinschaft auch fernerhin angehören wolle, dieser auch weiterhin Steuern entrichten müsse, fand schließlich trotz von verschiedenen Seiten geäußerter Bedenken die Zustimmung der überwiegenden Mehrheit. Demnach dürfte der Entwurf des Ausschusses als wichtigste Neuerung den Grundsatz enthalten, daß derjenige, der aus einer Gemeinde austritt, ohne gleichzeitig einer Sondergemeinde beizutreten, künftig einem anerkannten, öffentlich-rechtlichen Landesverband zu Steuerleistungen verpflichtet bleibt. In eingehenden Beratungen wurde dann «der Wortlaut der Bestimmungen über Mitgliedschaft, Errichtung von Synagogengemeinden erörtert, ferner die Einzelheiten Über Veränderungen der Bezirke von Synagogengemeiuden und Deren evtl. Verschmelzung. Auf diese. Weise wurden die ersten 9 Paragraphen des Gesetzentwurfs durchberaten. Die Verhandlungen dehnten sich bis in die späten Nach- Mittagsstunden aus. Erst gegen dH Uhr abends konnte