Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 4 (28.1.1927)
- Date
- 1927-01-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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kaffen, werden derart in den wirtschaftlichen JntereffenkretL der Kolonien hineingezogeu, daß alle Nebenabsichten in den Hintergrund gedrängt werden und nur ein Ziel übrig bleibt — eine gute Ernte und eine schuldenfreie Arbeitswtrtschaft. DaS Gebot der Ttnvde. Auf die traurige Lage der jüdischen Bevölkerung in den Städten und auf die großen Möglichkeiten der jüdischen Kolonisation nochmalhinweisend, führte Dr. Dingalowsky abschließend aus: „Die bisher erreichten Ergebnisse können uns nur insoweit befriedigen, als dadurch von neuem der Beweis erbracht worden ist. -ab die Juden kolonisationsfähig sind und datz in Rußland außerordentlich günstige Voraussetzungen für jüdische Ansiedlung dadurch gegeben sind, daß dort auS- -reichend freies Land vorhanden ist und die Regierung die Förderung der Kolonisationsarbeit als die Erfüllung einer selbstverständlichen Pflicht ihren eigenen Bürgern gegenüber ansieht. Und dieum so mehr, als die Kolonisation einen wirtschaftlichen und kulturellen Faktor darstellt, der für das gesamte Wirtschaft-, und Kulturleben des Landes von Bedeutung ist. Durch die bisherigen Errungenschaften sind also nur die wichtigsten Borfragen endgültig geklärt worden. D:e große Arbeit im entsprechenden Umfange beginnt Kolonisation. Anlisemitismu! Mit der Veröffentlichung der beiden nachfolgenden Aufsätze schließen wir die Diskussion über die Problematik der jüdischen Siedlungsbewegung in Rußland zunächst ab. Wenn die Verfasser der beiden Aufsätze, die selbstverständlich beide das Beste für die Zukunft der Juden in Rußland wollen, zu verschiedenen Ergebnisse» gelangen, so dürfte neben der verschiedenen Anschauung über die Umschichtungs- Möglichkeiten der russischen Juden die politische Einstellung zum Kommunismus stark mitsprechen. Als politisch neutrales Blatt haben wir beide Richtungen zu Wort kommen lassen. Wenn wir nun mit der heutigen Veröffentlichung vorläufig die Diskussion zu diesem Thema schließen, so betonen wir nochmals, daß die Hilfe für die russischen Juden uns eine jüdische und menschliche Pflicht zu sein scheint, die wir trotz allen Höünens der Kommunisten zu erfüllen haben. Bei dieser humanitären Aufgabe müssen die Theorien den Menschen untergeordnet werden: die politische Situation in Sowjet-Rußland ist nach unserer Auffassung von den Juden, gleichviel wie der Einzelne zn ihr steht, als gegeben hinznnehmen. Die Redaktion. Das Gesicht des Antisemitismus in Sowjetrutzland Die Tatsache, daß sich in Sowjetrußland Symptome eines neuerwachenden Antisemitismus bemerkbar machen, hat vielen Journalisten Grund gegeben daraus für ihre Interessen Kapital zu schlagen. Es ist nicht uninteressant, wie weit „gewisse" amerikanisch-jüdische Kreise dieses ausgenntzt haben: sie haben sogar gefälschte Berichte über die Pogrome in der Ukraine fabriziert, die sie gleich am nächsten Tage dementieren mußten. Natürlich haben diese falschen Berichte nur -einen Zweck, nämlich den, der jüdischen Kolonisation in Sowjetrutzland möglichst zu schaden. Ein ähnlicher Tendenzartikek erschien in der „Jüdischliberalen Zeitung" Nr. 43, unter dem Titel „Die jüdische Kolonisation in Sowjetrußland". Dieser Artikel hatte eine Nachbemerkung, gerade aus Prag importiert, über den Antisemitismus in Sowjetrutzland, in der der Verfasser versucht hat mit einer bestimmten Absicht die jüdische Kolonisation in Sowjetrutzland mit naiven Vorhaltungen lebensunfähig zu machen. Hauptsächlich stützt sich der Verfasser auf den Antisemitismus, der gegenwärtig in Rußland wieder auslebt. Unter anderem bringt er als Beispiel den Brief eines kleiner Telegraphenbeamten an den Sowjetpräsidenteu Kalinin, der sich gegen die tiidische Ansieülung richtet. Beispielsweise sind aber auch viele Bekanntmachungen, sogar durch die „Jta" veröffentlicht worden, in denen verschiedene Bauernverbände die Entstehung der jüdischen Kolonien begrüßen und sich bereit erklären sie zu unterstützen, was Herr Dr. Lewin nicht erwähnt. Im Gegensatz zu Dr. L. schreibt ei» in Sowjetrutzland lebender Mitarbeiter des New-Borker „Tag". Dr Sonin, am 5. Oktober: „Wenn jemand jetzt kommt und uns einredeu will, daß die jüdische Kolonisation und die jüdischen Sowjetbeamten eine Gefahr siir das russische Judentum seien, so kann man nur darüber lachen." , eigentlich erst jetzt. Wir stehen vor einer historischen Aufgabe, die den Zusammenschluß aller lebendigen Kräfte des gesamten Judentums erfordert und auch herbeiführen wird. ES muß sich endlich die Ansicht durchsetzen, daß es ein Irrt«» sei zu glauben, baß das amerikanische Judentum die ganze finanzielle Last für bas große Werk zu tragen habe. Das wäre eine ungerechte und gefährliche Zumutung. Der Umstand, datz die Sympathien der westeuropäischen und überseeische» Juden außerhalb Nordamerikaeine» konkreten organtsatorischen und materiellen Au-druck bi-her noch nicht gefunden haben, ist dazu angetan, früher oder später eine Erlahmung der Aktivität der amerikanischen Inden und einen folgenschweren Rückschlag herbeizuführen. Damit, daß die anderen Teile des Judentummit aufrichtigem Interesse Berichte über die mit amerdkanischen Mitteln geleistete Arbeit entgegennehmen und diese Arbeit mit den besten Wünschen ihres jüdischen Herzens begleiten, sind sie ganz gewiß ihrer Pflicht noch nicht in vollem Maße gerecht geworden ... Ich glaube, datz e3 höchste Zeit fei. die Notwendigkeit eines allgemein jüdischen Kongresses in Erwägung zu ziehen, der den überparteiischen Aufgaben deö Wiederaufbaues des jüdischen Wirtschaftslebens in Osteuropa überhaupt und der jüdischen Kolonisation in Rußland im besonderen gewidmet sein soll." troft koumuulflische Politik. Diesen Behauptungen könne nur böse Absicht oder Unwissenheit zugrunde liegen, da der Antisemitismus in Rußland keine neue Erscheinung oder das Produkt des sowjetischen Systems sei. Es gab Zeiten nach dem Bürgerkrieg, m denen die ganze jüdische Bevölkerung körperlich und wirtschaftlich so geschwächt war, daß der Antisemitismus während dreier Zeit keine AuswirkungSgelegenheit hatte. Dagegen ist in der letzten Zeit, in der der freie Handel wieder zugelassen worden ist und der jüdische Kaufmann in Moskau, in jedem Ort und auch im Dorfe sein Geschäft betreibt, durch die Konkurrenz der Antisemitismus aufs neue erwacht. Denn wenn auch der Jude, um seine Existenz zu fristen, sich sehr quälen muß, so lebt er immerhin im Durchschnitt besser alS die anderen. Und wenn durch die ans den Dörfern eingeivanderteu Arbeiter und durch die kulturell zurückgebliebenen Massen, die zum großen Teil arbeitslos sind, bemerkt wird, wie die wohlhabenden Kausleute frei ihren Handel treiben, während sie hungern müssen, entsteht unwillkürlich ein Hatz gegen die Jlrden. Der Antisemitismus wird von Staat, Gesellschaft und den bewußten Arbeitern wie ein Schädling gehaßt. Man hält ihn siir einen Krüppel und die Sowjetmacht und Sowjetg-esellschasi bekämpft ihn wie eine Seuche. Der Antisemitismus führt in Sowjetrutzland ein klägliches Dasein, schlimmer wie in allen Staaten der Welt. Herr Dr. Sonin meint am Schluß, das radikalste Mittel, um den Antisemitismus auöznrotten, ist doch die produktive Arbeit der Inden. Infolgedessen Hilst jede Familie, die zur Landwirtschaft übergeht, jeder Jude, der sich vom Handel lossagt und ein Handwerk betreibt, jeder, der in der Industrie arbeitet, den Antisemitismus in seinem neuen Entstehen tvtzuschlagen. Die Sowjetmacht führt die Inden produktiver Arbeit zu, um den Kampf gegen den Antisemitismus siegreich zu bestehen. Interessant ist die Meinung des Schriftstellers und Berichterstatters deö Warschauer „Moment", Z. Wendrof, über das Thema, ob der Antisemitismus für die Juden in Sowjetrutzland gesährlich ist, zn hören: „Zu sagen, daß in Sowjetrutzland kein Antisemitismus zu finden sei, wäre falsch und lächerlich; derselbe wurde Generationen lang allen Schichten der Bevölkerung eingeimpft und er kann nicht in einer so kurzen Zeitspanne cursgerottet werden. Der Antisemitismus im neuen Rußland unterscheidet sich grundsätzlich vom Antisemitismus des alten Rußland, der direkt ein huegierungssystem war; dagegen ist der heutige Antisemitismns eine Erbschaft der alten Zeit, den die Rüsten noch mit der Muttermilch eingesvgen haben, oder ein oberflächlicher, der sich nur in Worten betätigt, Unter der Intelligenz stößt mau. selten auf einen Antisemiten und unter den Arbeitern sind es die geistig Zurückgebliebensten, die antisemitisch denken. Was den Antisemitismus unter dsn Bauern anbelangt, so ist das Gerücht über ihn mehr als übertrieben. Ich habe die Beziehungen der Bauern zn den Juden ans meiner Reise, die ich eben durch dreißig jüdische Kolonien beendet habe, persönlich studiert und kann nur sagen, datz es sehr gut wäre hätte die städtische Bevölkerung sich so zu den Inden gestellt wie die Bauern. Der Antisemitismus hat sich m Sowjetrutzland in verschiedene Kreise yineingeichlichen, doch ist er keine Gefahr für die Juden, und solange die heutige Ordnung herrscht, wird er auch nie eine Gefahr sein. Dr. Lewin beruft sich auf die Ansicht eines Leiters de- »Ort": Prof. Bruzkus. Ich möchte auf den Bericht in der ^Jüdisch-liberalen Zeitung" Nr. 83 über die „Ort"-Konferenz Hinweisen, in dem deutlich berichtet wird, daß nicht hundert, sondern hundertfünfzigtausend Familien mit 880000 Seelen vom Ackerbau leben, und wie leichtfertig der Verfasser die Unterstützung der jüdischen Kolonisation durch den „Joint" behandelt, ist unverständlich. Demgegenüber möchte ist Herrn Dr. Rosen, dem Vertreter und Agronom de- »Joint" in Rußland als den gleichen Fachmann wie Prof. Bruzkuanftthren, der nicht in Berlin lebt, sondern eine längere Zeit in Rußland war, um die Boden- und Kolonisationsfrage zu prüfen und zn studieren. In der letzten „Joint"-Konfereuz in Chicago haben die Fachleute den Beschluß gefaßt, diese mit noch größeren Mitteln zu unterstützen, da sie die jüdische Kolonisation als einen Levensfaktor darstellten, den niemand mehr anzweifeln kann. Dr. Rosen berichtete, daß. obwohl man nicht allen Wünschen nach Ansiedlung Nachkommen kann, doch schon wieder 30000 Familien vorgemerkt worden sind. Obwohl Herr Dr. Lewin glaubt, daß es schwer ist, das städtische Element zum brauchbaren Bauern zn erziehen, ersehen wir auS der Praxis, wie der Bericht in der „Jüdischliberalen Zeitung" Nr. 33 aus der Ortkonferenz sagt, datz der Drang der jüdischen Massen, sich produktiv zu betätigen, sie nicht nur zu brauchbaren Siedlern macht, sondern die Wirtschaften der neuen Kolonisten gelten als Muster bei den benachbarten Bauern. Der jüdische Kolonist ist neuen Ideen und Methoden zugänglich und läßt sich von den Instruktoren gern belehren. Er ist geistig rege und verwirklicht allerlei Pläne zur besseren Ausnutzung seiner kleinen Wirtschaft. Die letzte gute Ernte hat es den jüdischen Bauern ermöglicht, ihren bisher lächerlich geringen Bestand an lebendem Inventar ansehnlich zu erhöhen. Die Frage der Ansiedlung von Juden auf dem Lande ist jetzt brennend. Die jüdischen Kolonisten sind mit ihrem Schicksal zufrieden und sind glücklich, datz sic auf ihrer eigenen Scholle leben können. „ _ Soeben verbreitet auch die „Jta" die Nachricht, datz dce Sowjetregierung der jüdischen Kolonisationsgesellschaft wieder große Flächen Boden zur Verfügung gestellt hat in der Nordkrim; gleichzeitig haben auch die russischen Bauern Land bekommen, damit keine Feindseligkeiten entstehen. Dr. Lewin versucht aus einem Artikel von I. Leszinsky zu beweisen, daß die Not der jüdischen Kleinstädte in Rußland noch groß ist, was niemand bestreiten kann, da dort hauptsächlich unproduktive Elemente leben. Dasselbe kann man doch auch von den russischen Kleinstadt- und Dors- -elementen sagen, die sich in derselben Notlage befinden, da bei der heutigen Staatslage noch kein Existenzreservoir für alle diese Elemente geschaffen ist. Jedoch vergißt Dr. Lewin zu berichten, daß in allen Staatsanstalten sowie in Industrie und' Gewerbe die Regierung bemüht ist, die Juden zur produktiven Arbeit heranzuziehen; sie hat sogar den jüdischen Handwerkern Konzessionen gemacht, um ihre Lage zu verbessern, gar nicht zu sprechen von ihrer großen Hilfe bei dem Kolonisationswerk, zn dem sie große Summen beigesteuert hat. Auch ist sie bemüht, jetzt viele Arbeiterschulen, in denen die jüdische Jugend beruflich ausgebilöet wird, zu schaffen. Wichtiger als die sinnlosen Hetzen kleiner Antisemiten ist die große Aufmerksamkeit, die sowjetrussische Staatsmänner dem jüdischen Problem widmen. Im „Berliner Tageblatt" (vom 18. v. Mts., Abendausgabe) wird berichtet, daß bei der Konferenz der „Ozet" Gesellschaft für Landansiedlung der Juden) der Präsident der Sowjetunion eine Rede hielt, in der er unter anderem sagt: Eine Versammlung von jüdischen Bauern und für jü/ig, sche Bauern sei nur in Sowjetrutzland möglich, wö -tede* Nation den ihr zustehenden Platz einnimmt. Wäre dies nicht der Fall, so würden die Juden nicht ihr Vaterland ür der Sowjetunion finden. Die Sowjetunion wende flöte* Kräfte an, um die Juden die früheren Bedrückungen des Zarenregimes, das sie am stärksten traf, aber auch eben darum ihre Nationalität erhielt, vergessen zu machen. Wir wollen nicht, datz die Juden durch die Russen assimiliert werden, sorrdern wünschen sie als Nation für sich zu erhalten. Die Oktoberrevolution hat das Judentum schwer mitgenonvmen. das zum größten Teil aus dem Kleinhändlertum in den Städten bestarrd. Jetzt müsse man die früheren Erklärungen der Hilfsbereitschaft in Taten umsetzen. Das Land, das den Juden zur Verfügung gestellt worden sei, sei so gewählt, daß von einer Schädigung anderer Interessen keine Rede sein könne. An der Art der Arbeit liegt es, haß die Erfolge erst nach Jahren eintreten. Kalinin unterstrich mit allem Nachdruck, daß die rnssischen Juden ihre Heimat ans russischer Erde finden müßten. Die Auswanderung, insbesondere die nach Palästina, sei Unsinn. Die Juden dürften nicht die russische Erde verlieren, auf der sie seit tausend Jahren lebten. Ebenso ist er Gegner der Auswanderung nach Amerika oder anderen Länderm Die Juden in Rußland sollten in territorialer Einheit zusammen gefaßt Juden und Jüdisches aus Paris. Es mag wohl Vorkommen, datz man sich heute noch zuweilen jener Geschichte erinnert, die von so vielen jüdischen Soldaten mttaeschaut oder sogar selbst miterlebt sein will: Wie der deutsch-jüdische Krieger dem Franzosen die Todeswaffe durch den Körper rannte und dieser mit dem jüdischen Glaubensbekenntnis, dem Schwa ans den Lippen, seine Seele auShauchte. Wie steht es mit den französischen Inden, die natürlich bei den jetzigen häufigen Besuchen von Paris für uns. wie für andere all die anderen Dinge, in den Mittelpunkt des Jnterejscs treten können. Man wird auf den ersten Blick und sogar auch bei einem weiteren Studium der Juden und der jüdischen Verhältnisse in Paris nicht viele Unterschiede finden. Die jüdische Familie ist eine ähnliche wie in Deutschland, und wenn uns auch politische Landesgrenzen trennen, Kol bne jisroel ochim. ES gibt fromme, orthodoxe, liberale und indifferente. Znm Teil gehen sie noch in die Synagoge, deren es etwa acht öffentliche gibt. Die größte, die auch den imposantesten Eindruck macht, ist die sogenannte „Rothschild-Synagoge" ssie soll zum grvtzen Teil mit Rothschilds Geld gebaut worden sein). In einer engen dunklen Straße gelegen, so daß sie von außen kaum auffüllt, gleicht sie au Größe mindestens der neuen Synagoge in Berlin, wenn sie nicht noch größer und schöner ist. Mit Orgel und Chor, ganz wie bei uns. obwohl die Melodien (keine ostiüdischeus von den unseren wesentlich abweichen. Auf der Empore sitzen im Halbkreis auf besonderen Ehrenplätzen die ersten Rabbiner Frankreichs, die nach dem Ausheben allesamt hinter den Sforim durch die ganze Synagoge (wie bei uns nur am Simchas Tauroh) ziehen. Nach dem Einheben wird der Oraun automatisch geschloffen, so wie er vor dem Ausheben automatisch geöffnet wird. Diese entsprechenden Hebel auf der Kanzel bedient einer der Schamossim, der eher einem französischen Soldaten denn einem Tempeldiener gleicht. Er trägt einen betreßten Rock und auf dem Kopf einen Dreispitz mit französischer Kokarde, versieht aber natürlich sein Amt mit Ernst und Würde. Eine Predigt gibt es an gewöhnlichen Sabbaten nicht, nur an Festtagen und zu besonderen Feierlichkeiten. In der Synagoge kann man wohl noch echten französischen Inden begegnen, obgleich auch hier das ausländische Element stark vertreten ist, aberder ausländische, besonders der der Ostjude, fällt als solcher in Paris gar nicht sonderlich auf, da — wahrscheinlich infolge der Valuta und der Arbeitsmöglichkeit — die Stadt von ausländischen Touristen und Arbeitern aller Art wimmelt. Der französische Jude scheint jedoch eine ziemliche Anhänglichkeit an dieses Vaterland zu besitzen, das ihm sein Judcsein nicht verübelt und ihm weder politisch nvch gesellschaftlich besondere Schranken auferlegt. Der Jude sitzt im Parlament genau so, wie er hohe soldatische Ränge (General) auf Grund seiner Leistungen bekleiden darf, und über all das wundert sich kein Mcsisch. Antisemitismus ist im großen und ganzen unbekannt, und obwohl der Franzose der Meinung ist, daß der Jude, zum Kaufmann geboren, sich stets viel Geld zu machen weiß, ist er ihm deshalb nicht gram. Ein einziges Mal sah ich im Palais de Justice an eilte Wand die Worte gekritzelt: A bas les iuifs. wahrscheinlich einer, der den Prozeß gegen den klügeren Inden verloren hat. So kann mau vielleicht eine gewisse Anhänglichkeit an Frankreich verstehen, die sich z. B. auf dem Friedhof äußert, wo sehr schöne jüdische Grabmäler mit der französischen Trikolore geschmückt sind und die Aufschriften mit einem gewissen Stolz besagen, daß der Tote ruhmvoll fürs Vaterland gefallen sei. ES ist kein aufdringlicher Patriotismus, aber doch ein Zeichen der Verehrung an diesen sonst durchaus jüdischen Gräbern mit hebräischen und französischen Inschriften. Die Bedeutung, die Paris ohne Scheu an den Namen des jüdischen Rothschild knüpft, ist weltbekannt; aber es wird manchem Inden, der Paris besucht, von Interesse sein, daß auS dem Hause Rothschild jüdische Werte dem sehr schönen Cluny- Museum gegeben wurden, mit denen ein ganzer jüdischer Saal ansgestattet worden ist, den die vielen Besucher mit mehr oder weniger Verständnis, doch stets interessiert, betrachten. ES sind dort alte Verlobungsringe von ziemlicher Größe, kostbare Steine, BeschncidungSmesser und andere znm Kult gehörige Gegenstände, sehenswerte Megillauß in sehr großem und sehr kleinem Format (eine ganze Megilloh auf einem Taschenbuchblatt) mit schönen bunten Aus» malimgen; es sind dort Thorarollen und Thoraschreine, alte, kunstvoll gezimmerte Vorlesepulte und Kultgewänder, Menoroth. die noch mit Oel und Docht beleuchtet wurden, und vieles andere mehr. Daß natürlich eine starke Ostjudeumandernng nach Paris eingesetzt hat, ist also bei dieser persönlichen Freiheit auch des einzelnen Inden (Frankreich steht im Zeichen der Revolutionsworte: libertS, 6galite, fraternite) durchaus verständlich, und sie leben dort in allen Berufen. Zum großen Teil als Akademiker, die vielfach in Deutschland studiert haben, zum anderen Teile als Handwerker, auch als Kausleute, hauptsächlich im Zentrum, am meisten in der Rue de Rivoli, die sich vom Hotel de Ville (Rathaus) bis hinter den Louvre hinzieht und die scherzhaft Ru« da reveli (mit jüdischem Akzent) genannt wird. Man kann besonders dort viel jiddisch regen hören. ES gibt auch eine Pariser jiddische Zeitung, sogar die erste jiddische Revue hat Paris schon hervorgebracht (es gibt allerdings auch ein englisches Theater, wie ein chinesisches und japanisches Restaurant in dieser internationalen Stadt), aber ein ausgesprochenes Judenviertel, wie z. B. in Berlin oder in London, sucht man dort vergebens. Paris hat auch eine Rabbinerschnle tecole rabbiniqne 9 Rue Vanquelin) anfzumenen. Sie unterscheidet sich wesentlich von unseren Nabbinerseminaren oder theologischen Lehranstalten. Prospekte kann man nicht erhalten „blous n’avons ni besoin ni d inieret de faire Ia propagande!” sagte mir der Direktor. Es gibt eine Knaben- und Mädchenschule, mit dem Lehrstoff einer höheren Schule, die nach einer gewissen Zeit von Jahre" die Schüler vorbereitet zur Prüfung für das baccalaureat, das an der Universität abgelegt wird und dem Kandidaten nach Bestehen Universitätsreife erteilt, also unserem Abiturium entspricht. Die Schüler können dann entweder ein beliebiges Studium ergreifen, oder sie können auch in die höhere Abteilung der Schule eintreten und dann nach einer gewissen Zeit und einem dem unserem entsprechenden Studium das Rabbinatsexamen oblegen, ohne allerdings die in Deutschland stillschweigende Voraussetzung deS Doktorexamens, das für überflüssig und unwichtig betrachtet wird, erfüllen zu müssen. Die französische Judenheit fällt nicht ans. aber sie ist da. Selbst in kleineren Orten, wo Juden sind, gibt es Synagogen. Sie zu besuchen, hatte ich leider nicht die Gelegenheit, denn es ist nicht alle Tage Sonnabend oder Freitag. Aber sei es Fontainebleau, sei eS Rouen, eine kleine Synagoge ist zu finden, und der kleine Bursch, den ich frage, waL denn das sei. antwortet mit einem erstaunten Gesicht dem Fremden, der es wirklich nicht weiß oder wirklich an dem kleinen Gebäude mit der Inschrift in unbekannten Letter» Interesse hat: „Eh bien, c est pour les iuifs". Hans I. Salomon, canä. phil., Berlin. t