Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 4 (28.1.1927)
- Date
- 1927-01-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ein interview. In diesen Tagen ist Herr Dr. A. Singalowsky, Mitglied -eS Präsidiums der Zentralverwrltung der Gesellschaft zur Förderung des Handwerks und der Landwirtschaft unter den Anden «Ort". nach Berlin znrückgekehrt. Herr Dr. Singa. lowsky begnügte sich nicht damit, die Zentren des Sowjet, reiches zu sehen, sondern er besuchte die jüdischen Städte und Städtchen, die alten und neuen Kolonien in Weißrußland, Ukraine, Krim usw.. wo er eingehend die Lage der jüdischen Bevölkerung studierte und die in ihr gegenwärtig wirkenden Kräfte festzustellen versuchte. Der Vertreter der Jüdischen Telegravhen-Agentur ersuchte Herrn Dr. Singalowsky, ihm ein gedrängtes Bild der Lage dieses großen und wichtigen Teils deS Judentums, der sich gegenwärtig in einer sehr bedeutungsvollen Wirtschaft, lichen und geistigen Umschichtung befindet, zu geben. Herr Dr. Singalowsky gab auf Befragen die folgenden Aufschlüsse: Der allgemeine Eindruck. Die Eigenart der amerikanischen Zivilisation machte seinerzeit auf mich starken Eindruck: als ich aber jetzt Rußland bereiste, hatte ich beständig das Gefühl, daß die ,,n e u e Welt" eigentlich hier ist. In den Jahren meiner Abwesenheit von Rußland hörte ich nicht auf. der Lage der dortigen Juden nachzuforschen. Roch vor meiner.letzten Rußlanbreise stand mir das gesarutLüatrstische Material aus dru ausführlichen .Spezial, berichten von Ort und anderen Organisationen zur Verfügung. Als ich aber nun Mt der lebendigen Wirklichkeit, die hinter den toten Zahlen steckt, in Berührung kam. erschien mir das Verhältnis zwischen diesen und jener wie das zwischen bloßen Katalognummern und den Werken selbst. Der Gesamteindruck in kurzen Umrissen: Im Zusammenhang mit der in der Sowjetunion vor sich gehenden allgemeinen Wiederaufbauarbeit wird der wirtschaftliche Wiederaufbau der jüdischen Massen in einem Umfange intensiv und zielbewutzt burckigesührt. wie es noch in keinem anderen Lande je der Fall war. Dieser Wiederaufbau trägt den Charakter einer Reorganisation, einer Wesenswandlurrg des ursprünglichen jüdischen wirtschaftlichen und politischen Lebens. Die Lage in de« Städte». — Das jüdische Handwerkertum. Ueber die Lage der Städte sprechend, bemerkt Dr. Singalowsky: «Ich habe drückende Armut in den großen und namentlich in den kleinen Städten gesehen. In Weißrußland, wo offiziell 30 Prozent der jüdischen Bevölkerung als berufslos bezeichnet sind, lebt tatsächlich die große Mehrheit der städtischen jüdischen Bevölkerung in tiefstem Elend. Nur ein geringer Prozentsatz des Handelsstandes widersteht dem gewaltigen Steuerdruck und der Konkurrenz der Konsumgenossenschaften: die übrigen fristen ein Hungerdasein. Ihre gegenwärtige Position ist haltlos, in der Zukunft droht ihnen der völlige Untergang. Die Lage der Handwerker hat sich in den letzten zwei Jahren dank der politischen Zugeständnisse und des Wachstums der Handwerker-, Kredit- und Produktionsgenossenschaften wesentlich gebessert. Ihre Zahl erreichte durchschnittlich die Borkriegsziffer (35 Prozent der füdischen Gesamtbevölkerung). Absolut wird für Sowjetrußland die Gesamtzahl der jüdischen Handwerker aus 200 000 (ohne Familienangehörige) angegeben. Die Arbeitslosigkeit unter den Handwerkern ist tu den letzten Jahren zurückgegangen. das Einkommen ist gestiegen. Dessenungeachtet ist die Lage der jüdischen Handwerker keineswegs als normal zu bezeichnen. Eine Teilumfrage unter den jüdischen Handwerkern in Kiew ergab z. B.. daß 6 Prozent ein Einkommen von 26 Rubel, die Hälfte ein solches von 80 Rubel monatlich hatten. Eine Ausnahme bilden die Schuhmacher und ein kleiner Teil der Schneider, die mehr verdienen. Im Zusammenhang mit dem von Ort getroffenen Abkommen über die Einfuhr von Werkzeugmaterial nach Rußland behufs kroöitweiser Versorgung der jüdischen Handwerker konnten wir einen außerordentlichen Mangel au Produktionsmitteln unter den jüdischen Handwerkern feststellen. Eine Stichprobe in einem Städtchen im Odessaer Rayon bewies z. B.. daß mehr als die Hälfte der jüdischen Handwerker über keine Maschinen verfügt. Eine Ermittlung bei einer Kreditgenossenschaft in Moskau, unter deren Mitgliedern sich auch 800 jüdische Handwerker befinden, ergab. daß nur 821 das erforderliche Werkzeug besaßen. Das jüdische Handwerk ist ovendreiu auch technisch sehr rückständig. Man vermißt das Aufkommen von neuen Handwerksfächern, die den neuen Anforderungen der bäuerlichen Konsumenten zu entsprechen hätten. Es müssen auch verbesserte Arbeitsmethoden zur Einführung gelangen. In den interessierten Kreisen in Rußland herrscht gegenwärtig allgemein die Auffassung vor. daß Ort aus diesem Gebiete zur Erfüllung einer Aufgabe berirfen sei. der im Hinblick auf das in letzter Zeit relativ sich verlangsamende Entwicklungstempo der russischen Großindustrie eine aktuelle Bedeutung zukormnt. _ . Die Zahl der jüdischen Industriearveiter in Rußland hat in den letzten zwei Jahren eine bedeutende Steigerung erfahren. In einer großen Industrieanlage in Jekaterinoslaw z. B.. wo früher die Inden keinen Zutritt hatten, konnte ich gegenwärtig bei einer Besichtigung über 2000 jüdische Arbeiter seststellen. Die Gesamtzahl der jüdischen Lohnarbeiter wird gegenwärtig auf zirka 400 000 beziffert (360 000 sind in den Gewerkschaften organisiert). Es ist inbesten eine Tatsache, daß die ans den Kleinstädten sich rekrutierenden jüdischen Lohnarbeiter infolge mangelhafter technischer Ausbildung sich hauptsächlich als unqualifizierte Arbeiter betätigen, deren wirtschaftliche Position erst noch befestigt werden mutz. Ein besonders trauriges Bild bietet die Lage der jüdischen tagend in den Kleinstädten. Soweit sie nicht an Ort und telle oder in den neuen Siedlungsgebieten der jüdischen Binnenwanderer der landwirtschaftlichen Arbeit obliegt, legt sie den Drang an den Tag. sich für die JndnstriearÜeit zu qualifizieren. Es ist bezeichnend, daß in der Ukraine, wo di« Juden insgesamt 6 Prozent der Gesamtbevölkerung bilden, der Anteil des jüdischen Elements in den Fachbildungsanstalten 31,5 Prozent erreicht. Dessen ungeachtet bildet die Fachausbildung der jüdischen Jugend in Sowjetrußland ein überaus aktuelles und dringendes Problem, das noch einer Lösung harrt. Die neue jüdische Landwirtschaft. Den Gipfelpunkt des ln der jüdischen Aufbauarbeit Erreichten erblickt Dr. Singalowsky in der neuen jüdisch e n La n d w i r t s ch a f t. In aus Wunderbare grenzenj>6* Weisewsrd hier die Grundlage zu einem neue» Leben gelegt, bellen segensreiche AuSnürkir'ng aus das gesamte jüdische Leben noch nicht in vollem Umfange zu Überblicken ist. Im Verlause von 2lA Jahren entstanden mehr als 170 neue jüdische Siedlungen. Für die Zwecke der planmäßigen jüdischen Kolonisation wurden in diesem Zeitabschnitt über 200 000 Hektar Boden für die Ansiedlung von 12000 Familien bereitgestellt. Im Laufe von 1026 und 1026 wurden 10 670 Familien auf einem Areal von über 180 000 Hektar angesiedelt, davon 6740 Familien in der Südukraine, 1838 in der nördlichen Krim, 1877 in Weißrußland (einschließlich Hömel mrü Retsch-iza) und 100 Familien im nördlichen Kaukasus. Diese Ergebnisse erforderten einen Aufwand von insgesamt 9 Millionen Rubel. Bon diesem Betrag« brachten die Siedler selbst 2 Millionen Rubel auf. Weitere 3 Millionen Rubel stellen staatliche Kredite dar, während der Rest von den jüdischen Organisationen, mit dem Ägro-Joint an der Spitze, beigetragen wurde. Der wirtschaftliche Erfolg der jüdischen Kolonisation gibt dieser schon jetzt die Bedeutung eines wichtigen Faktors deS allgemeinen landwirtschaftlichen Fortschrittes in Rußland. Der innere wirtschaftliche Ausbau der jüdischen Siedlungen ist noch nicht vollendet, namentlich in bezug auf die Entwicklung neuer intensiver Kulturen: die Förderung von außen ist zum Teil noch unentbehrlich. Während aber die neue jüdische Kolonisation noch vor wenigen Jahren Gegenstand von Fragen und Bedenken gewesen war, sind diese Zweisel sowohl nach der allgemeinen Ueberzeugung der staatlichen landmirtschafllichen Instanzen, als auch der jüdi, schen und nichtiüüischen Sachkenner heute nicht mehr am Platze. «Nicht wir, sondern der jüdische Kolonist hat die schwere Probe bestanden. Die Intelligenz, der ungewöhnliche Fleiß und der Pioniergeist des jüdischen Siedlers haben den Sieg davongetragen" — mit diesen Worten versuchte -er hervorragende Agronom Lubarskn, dieser Willensstärke und wissensreiche Meister der neuen jüdischen Kolonisation, mir die über alle Erwartungen hinauSgehenden Erfolge zu erklären. Der jüdische Weizen war in diesem Jahre der beste in der Ukraine. Allein die Chersoner jüdischen Kolonisten lieferten drei Millionen Pud und erzielten die höchste amtliche Preiskategorie. Die Odyssee eines jüdische» Siedlers. Ich erinnere mich — setzte Dr. Singalowsky fort — an eine Unterhaltung in -er Kolonie I i d e n d o r s (KreiS Cherson), einer der zahlreichen neuen jüdischen Siedlungen, die ich aus meiner Reise besuchte. Bon einer Gruppe jüdischer Bauern umgeben, hörte ich einen von ihnen feine Odyssee erzählen . . . Wie es war, als man von Wolhynien hier ankam. Wo gegenwärtig das schöne jüdische Dorf steht, war damals noch öde Stepve. Nach einer Nacht, die wir zusammen mit den mitgebrachten Pferden unter freiem Himmel zubrachten, traten wir in aller Frübe unter dem Kommando des Instruktors zum Eggen an. Draußen regnete es. düster und trübe war uns ums Herz. Pferde und Pflug wollten dem Kleinstadtinden von gestern noch nicht gehorchen. Borbeiziehende nichtjüdische Bauern hielten an: «Sehen wir mal zu. wie Inden arbeiten!" Gutmütig spöttelten die Bauern: «Ihr wollet hier säen?" «Jawohl!" — erwidert mein Nachbar — «säen werden wir und ernten, »nd Ihr werdet noch erstklassige Weizensaat bei unS kaufen!" So fertigte er sie ab. «Und er." schließt der Erzähler, auf einen von Wind und Sonne gebräunten, breitschultrigen Inden wpjsend — «er hat richtig prophezeit. Aus den entlegenen Dörfern kamen die Bauern, kansten uns unseren Weizen ab und zahlten 1.30 Rubel pro Pud." Der neu« jüdische Mensch. In de» Kleinstädten stieb ich fast überall aufResignativN und Niedergeschlagenheit: in den Kolonien aAr fand ich überall Zuversicht und Schaffensfreude. Die schwere Vergangenheit gerät hier allmählich in Vergessenheit. Hier heilen manche offenen und versteckten Wunden. Auffallend ist hier auch das Vertrauen zur Regierung, das SicherheitSgefühl und das Selbstbewußtsein des Bollbürger». Bei meinem Besuche in den jüdischen Kolonien des Odessaer Rayons, wo Ort seine Tätigkeit nach einem klaren System und mit weitem Ausblick entfaltet, gereichte Mr die Tatsache zur groben Genugtuung, daß hier die Bevormundung der Kolonisten bereits aufgehört hat und diese ein erhebliches Matz von Selbständigkeit in bezug auf die Verwaltung ihrer wirtschaftlichen Angelegenheiten erreicht haben. Unvergeßlich bleibt mir das Bild der zusammenhängenden jüdischen Kolonien im Chersoner und Kriwojroger KreiS und in der Krim, wo (mit Ausnahme der Ozet-Bezirke Schalachow und Eupatoria) Agro-Joint seine großzügige Kolouisationstätigkeit entfaltet. Auf meiner Reise durch den Chersoner Rayon, wo sich heute das größte jüdische landwirtschaftliche Zentrum der Welt befindet, in dem 49 jüdische Kolonien Mt einer Bodenfläche von 100 000 Desjatin dicht beieinawder liegen, verspüre ich den Atemhauch einer neuen, eigenen, durch und durch jüdischen Lebensart. Eine größere Anzahl von Kolonie» im Odessaer, Chersonernnd Kriwojroger Rayon und in der Krim haben bereits eine' höhere Stufe von Wohlstand erreicht. Einige derselben seien hier erwähnt: «Friling", «Schalem-Alejchem", «Jideadorf", «Erster Mai". «Ratridorf, «Najleben" u. a. In diesen Kolonien findet man bereits einen jüdischen Dorfrat und Institutionen wie eine Kreditgenossenschaft, einen genossenschaftlichen Derkaufölaöen, einen (nicht allein von der Jugend besuchten) Klub, eine öffentliche Bibliothek, eine Schule, einen — Minjan und einen Schochet. In einigen der genannten Kolonien sand ich ein eigenes Postamt (so in der Kolonie «Schalem Alejchem") eine öffentliche Fernsprechstelle und eine Radiostatiou. In einer neuen jüdischen Kolonie im Kriwojroger Rayon, wo ich übernachten mutzte, lauschte ich am Radio dem Bortrag eines berühmten deut, scheu Naturforschers in Berlin. Die Jndeuschaft in der weißrussischcu Republik. Einen besonderen Charakter weist die Arbeit in Weißrußland auf. wo ich auf meiner Rückreise ans dem Süden Halt machte, um mich mit den allgemeinen Verhältnissen deS Landes und hauptsächlich mit der Ort-Tätigkeit vertraut zu machen. In der weitzrnssischen Republik leben zirka 830000 Juden. Juden wie Weißrussen betrachten die jüdische Gleichberechtigung, den Anteil der Juden am staatlichen Leven alS eine Selbstverstän-dlichkeit. Jiddisch ist ebenso wie weißrussisch als Staatssprache anerkannt. Ernst mid loyal wirb die Eingliederung der Juden in die StaatSwirtschaft betrieben. Diese Eingliederung geht infolge allgemeiner Berarmnug des Landes und der Rückständigkeit der industriellen Entwicklung sehr langsam vor sich. Die landwirtschaftliche Ansiedlung der Juden bildet einen Teil des staatliche» Arbeitsprogramms. Bon der Landwirtschaft leben gegenwärtig in Weißrußland 7376 jüdische FaMlien, von denen 1211 in Kollektiven und 6125 in individuellen WirtschaftSbetrieben angesiedett sind. Für den nächsten Zeitabschnitt sind für die Judenansiedluug weitere 82 000 Desjatin Boden bereitgestellt, von denen ein großer Teil erst trockengelegt und gerodet werden muß. Auf dem Gebiete der Meliorationstätigkeit leisten die Juden Pionierarbeit. Es soll hier nur die Tätigkeit der Meliorationsgenossenschaft erwähnt werden, die die Jude» in Städtchen Starobin (KreiS Sluzk) gegründet Haben. Jedes Mitglied dieser Genossenschaft, die zunächst 480 DeSjatineu SumpflanH zugewiesen erhält, leistet seinen Anteil und widmet der MeliorationsarVeit zwei Arbeitstage in der Woche. In einem Beschluß der weihrussischen Regierung werden die Ergebnisse dieser Meliorationstätigkeit als Pionierleistungen anerkannt, die von großer Bedeutung für die gesamte Republik sind. In letzter Zeit erhalten die mittellosen jüdischen Bauern in Weißrußland von Ort Kredite zwecks Anschaffung von Pferden und Kühen. Politik und Wirtschaft. Machen sich parteipolitische Eingriffe in SaS Wirtschaft-« leben der Kolonien bemerkbar? Darüber, erwiderte Herr Dr. Singalowsky. werden im Auslavde viele falsche Gerüchte verbreitet. Die Wahrheit ist, daß im Leven der Kolonien die wirtschaftlichen Gesichtspunkte überall die Oberhand haben. Die mechanische Kollektivierung hat längst aufgehört. Tatsächlich wird von keiner Seit« ei» hemmender Druck auf die Entwicklung der indididuellen WirtschaftSVetrieVe ausgeübt. Gewisse Elemente Ser Kollektivierung (so z. B. Kredit- «nd Konsumgenossenschaften, genossenschaftlicher Zusammenschluß zu besonderen arbeitstechnischen Zwecken ». a. haben allerdings Wurzel gefaßt und sich auch gut bewährt. Die Kolonisten und sogar die Politiker, die sich mit Liesen Dingen täglich praktisch be. i Jl. 8