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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-01-21 · 3 (21.1.1927) · page 7

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
3 (21.1.1927)
Date
1927-01-21
Page
– (sequence 7)
Language
German
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uctoentctyttt umxbiägt und verdächNg wirkt. bei der Er- ^wähnung Spinozas. Spinoza ist offenbar dem faustischen Denker unbeqüem: er kann sich Helsen (nicht wie Spinoza sich half, durch Denken) nur durch Kühnheit, nimmt bedenklich viel, viel Bedenkliches auf den Löffel und mutz den Mund weit anfreitzen iS. 4171: „Ich nenne nur ein merkwürdiges, völlig unbeachtet gebliebenes Beispiel: Spinoza. Aus dem Ghetto stammend, ist er, neben seinem Zeitgenossen Schirazi't, der letzte verspätete Vertreter des magischen und ein Fremder in der Formenwelt deS faustischen Weltgefühls. Er hat als kluger Schüler der Barockzeit seinem System die Farbe abendländischen Denkens zu geben gemutzt: in der Tiefe steht er vüllia unter dem Aspekt des arabischen Dualismus zweier Seelenmbstanzen. Dies ist der wahre innere Grund, weshalb ihm der K r a f t b e g r i f f G a l i l e i s und D « s c a r t e S kehlt. Dieser Begriff ist der Schwerpunkt eines dynamischen Universums und damit dem magischen Weltgesühl fremd. Zwischen der Idee vom Stein der Weisen — die in Spinozas Idee der Gottheit als causa sui versteckt liegt — und der kausalen Notwendigkeit unseres Nalurbildes gibt es keine Vermittlung. Deshalb ist sein WillensdeterminismuS genau der. welcher von der Orthodoxie in Bagdad verteidigt wurde — „Kismet" und dort hat man die Heimat deS Verfahrens „more geometrico" zu juchen, das in seiner Ethik innerhalb unserer Philosophie ein groteskes Unikum bildet." Der solches schrieb, scheint ebenfalls ein kluger Schüler eines gewissen Systems zu sein und in bezug auf Philosophie von einer sagenhaften Dummheit, Unwissenheit und Verwirrung. Kaum ist z. Ä. bei der Konfusion vom „Dualismus zweier Seelensubstanzen bei Spinoza" auch nur noch zu erkennen, woraus konfundiert wurde. Vermutlich aus den zwei Substanzen der früheren Scholastik wie sie auch noch bei DeSeartes sich findet: der seelischen und der körperlichen Substanz: die aber gerade durch Spinoza in ihrer Selbständigkeit aufgehoben und als Momente einer unbedingten Einheit geletzt werden. Aus Spinozas Aufhebung dkeses Dualismus von seelischer und körperlicher Substanz macht nun der faustische Geist den Dualismus .zweier Seelen substanzen — man höre wohl: zweier ^ve e le^n s u b sta n ze n (!) Bei Spinoza! Wegen dieser »eiben Seelensubstanzen, die sich weder bei Spinoza noch bei irgend welchem anderen Denker finden lassen, fehle Spinoza der Krastbegrifs und der Begriff von der kausalen Notwendigkeit „unsres" Naturbildes, an dessen Stelle bei Spinoza , der Stein der Weisen" gelte. — ich brauche wohl niemanden daran zu erinnern, daß man mit dem Stein der Weisen Gold gewinnt! Das alles ist derart unerhörter, wirklich bis heute unerhörter Unsinn, daß. wenn es beabsichtigte Erfindung wäre, man cs nicht faustisch, sondern mephistophelisch nennen mutzte, wegen der Tücke. Bei Spinoza ist übrigens der Begriff der Kraft, richtiger der Bewegung, und dementsprechend auch der kausalen Notwendigkeit, von klassischer Prägnanz, wie nirgendwo sonst: und dadurch nicht zuletzt hat Spinoza seine Bedeutuna erlangt für „unsre" Philosophie und für ..unsre" Nalurbetrachtimg. Fichte, Schelling, Hegel sind im Wesentlichsten, was sie sind, Neospinozistcn: und an unserer Naturwissenschaft hat Spinoza mehr mitgearbeitet als ein anderer Denker, manchmal direkt: JvhannesMüller hat seinem fundamentalen Werk der „Physiologie" ein ganzes grotzes <«tück der Ethik wörtlich einverlcibt. „weil es nicht möglich ist. etwas Besseres zu liefern, als was Spinoza mit unübertrefflicher Meisterschaft gelehrt hat." Es wäre noch viel gegen diesen faustischen Geist zu sagen — sch must cs alles unterwegs lassen. Nur eines darf nicht ungesagt bleiben. Es will hier erinnert sein noch an einen zweiten oder vielmehr an einen ersten faustischen Geist: denn Unsrer ist wirklich nicht der erste. Ich will auch nur gleich LagLy: er ist nicht einmal der zweite: doch wollen wir ihn, wegen der bequemen Bezeichnung, vorläufig so «ernten. Es will mm so eher an den wirklich ersten erinnert sein, als ckMe^hn unser zweiter gar nicht wäre. Dieser zweite gesteht selber, er sei erweckt zu seinem faustischen Geist durch den ersten, den cr auch überall anruft, und der der einzige ist, dem er. für einen Augenblick unser zweiter faustischer Geist, niemals widerspricht. Ader — Aber der erste faustische Geist widerspricht dem zweiten — sehr oft, auch bei Gelegenheit Spinozas, uird verdient gehört zu werden. Weil er doch eben der erste ist und auch wohl der einzige eigentlich faustische Geist bleiben wird. Gemeint ist hier natürlich der Dichter des Faust, Goethe. Dieser erste wirstische Geist spricht anders über Spinoza als der zweite. Er nennt (Me folgende kleine Zusammenstelluna enthält nrchts als wortwörtlich angeführte Aeutzerungcn Goethes). M»ethe nennt Spinoza seinen Heiligen. tksisLiimum et cüriLtiLaissimum: er will nach Spinozas Lehre seinem Geist (^»igkeit^verschaffen: er bezeichnet sich als seinen lcidenichastlichen Schüler, seinen entschiedensten Verehrer: er suhlt *) Wen mag er wohl meinen'? Am Ende Saadi (von «chiras) ans dem dreizehnten Jahrhundert! sich, ihm sehr »ah, obwohl Spinozas Geist viel tiefer und reiner sei als der setnige: er nennt ihn den Denker, dem er zumeist vertraut: FriedenSluft weht ihni auö den Schriften Spinozas entgegen: er nimmt daher für seine Sinnes- und Handelnsweise sehr heilsame Einflüsse, schöpft daraus Mut, fein Leben der Betrachtung der Dinge zu widmen, steht sich in seinen Naturstndien durch Spinoza gefördert (kommt auf ein bleu Kai pan in der Botanik) — Gott in der Natur, die Natur in Gott zu sehen: diese VorstellungSa.rt mache den Grund seiner ganzen Existenz. — So spricht über Spinoza Goethe, den Spengler, wie gesagt, in allen Stücken anrust für „unsre" faustische Philosophie und „unsre" faustische Natnrbetrachtnng. Nur bei Gelegenheit Spinozas hat er vergessen. Goethe anzurnfen, widerspricht ihm zwar nicht, hat aber offenbar ebenfalls gänzlich vergessen, wie gewaltig Goethe ihm widerspricht: und auö dieser beachtenswerten Vergeßlichkeit erklärt sich denn auch wohl sein Irrtum, in der faustischen Welt Goethes, die er uns ja vermitteln will, den Spinoza für einen Fremden auszugeben. Aber Spengler ist fremd in der Welt Goethes: und wenn Jakob Burckhart recht hatte zu sagen, wir Deutsche trügen alle ein Stück Faust in uns, durch welches Wort Spengler vielleicht auf sein ganzes Spiel geraten sein mag. — cs ist aber wohl so. datz jeder Mensch ein Stück Faust in sich trägt, denn Faust ist die Sehnsucht der Seele, die in ihrem hehrsten Beisichselbstsein zum All sich erweitert fühlt, und zugleich ist Faust die Wildheit unserer schrankenlosen Natur in der Kleinheit ihrer Bereinzelnna — wenn Jakob Burckhart recht hat mit seinem Stück Faust in jedem Deutschen, so erscheint mir Spenglers Stück nicht allzu bedeutend, kaum nach dem Höchsten sich streckend mit seinem Hohen, wohl aber mit seinem Niederen von überhoüenftem Anspruch und. am allermeisten im Punki seiner faustischen Philosophie, dem Dichter des Faust zuwider. Goethische Philosophie ist diese faustische Philosophie ganz gewiß nicht. Es gibt überhaupt keine Goethische Philosophie. Goethe hat die allerherrlichsten Reflexionen: aber von seiner Philosophie haben immer nur Dilettanten geredet. Goethe war viel zu sehr Künstler, um Philosoph sein zu können: und wenn von seiner Philosophie, von feister faustischen Philosophie» die Rede sein kann, so kann nur davon die Rede sein, daß Goethes faustische Philosophie die „magische" Philosophie Spinozas gewesen. Es hätte Spengler nicht unbekannt sein dürfen, datz Goethe unter allen Philosophen dem Spinoza „zumeist vertraut", datz er sich dessen „leidenschaftlichen Schüler" genannt hat uud wie bedeutend dieses Verhältnis zn dem Magier Spinoza auch in Goethes Dichtungen sich widergespiegelt zeigt. Von dem Magier Spinoza spricht natürlich nur Spengler, nicht Goethe: und es erübrigt sich wohl zn '.eigen, daß Goethe überhaupt wahrlich nicht nur „faustisch", sondern auch „magisch" und „apollinisch" m. Er hat eilt so lebendiges Verhältnis zum Griechentum wie zur Bibel. Orient und Okzident einen sich in ihm: wir bewundern entzückt, diese Persönlichkeit, wie sie allem Wirklichen, so wie es ist. mit Sachlichkeit und Ehrlichkeit hingegebeu erscheint. Goethe wohnt mit seinem Blut in dem Haus des unendlichen Lebens: während Spengler dein Reich der Versteinerung angehört: feine Konstruktion ist das imaginär-abstrakt Starre, die Entseelung und der Tod.' Was natürlich unsere Journalisten nicht hindern wird, sie das Leben zn nennen und für nc zn glühen. bis sic wieder neuen Geliebten die Lippen küssen. Habe ich gezeigt, daß der erste und eigentliche faustische Geist dem zweiten und nneigerttlichcn widerspricht, so sei noch gezeigt, wie Dreier anxite Heft auch selber widerspricht. Nach feinen oben beigebrachten Worten sollte man meinen, „der letzte verspätete Vertreter des magischen und Fremder in der Formenwelt des faustischen Selbstgefühls" sei Spinoza gewesen. Allein es gibt offenbar noch verspätetere und noch letztere als den letzten idieS ist aber noch nicht der Widerspruch, den ich meine — der kommt gleich): es gibt noch heute derartige Vertreter — der faustische Denker fühlt das und die .Konstruktion verlangt das, oder vielmehr das Gefühl, sein hoher sanstischex Mut. sein faustischer Hochmut »erlangt die Konstruktion. Seite ststO heitzt es schon ganz deutlich, Latz „Spinoza, als Jude, noch der magischen Kultur zugehövr lmomit also die Inden als Fremde in der faustischen, abendländischen Kultur bezeichnet sind — am Ende kriegen sie auch noch schuld am Ruin des Abendlandes), und dann fährt er fort: „Es ist ein erstaunliches Jeichen für die Intensität der Urbegrisse. daß H. Hertz, der einzige Jude unter den großen Physikern der Jetztzeit, auch der einzige ist, der den Versuch gewacht hat. das Dilemma der Mechanik d u r ch A u s s ch a l - tung des .Kraftbegriffs zn lösen." In der Tat ein erstaunliches Zeichen — es wäre ja ewig unmöglich für einen faustischen Menschen, ans derartige niederträchtige Ausschaltung zn geraten: darauf konnte nur ein „unsrem" Weltgefühl Fremder. ein magischer Mensch, nun, mit einem Wort: nur ein Jude kommen — und welch ein erstaunlicher Beweis für die Wahrheit der Konstruktion unseres saustischen Denkers. Leider auch ein vernichtender Widerspruch. Tenn was hat unser faustischer Denker gedacht? H. Hertz sei ein Jude. weil, manche Juden Hertz heißen, hat unser faustischer Denker gedacht — weiter hat er wirklich nichts gedacht. Aber dieses von ihm wirklich Gedachte ist nicht richtig. Der Jude H. Hertz ist nämlich gar kein Jude, weder ein ganzer noch ein halber. Die Rasientheorre und die mit ihr verwandten Konstruk. tionen sind reich an derartigen wissenschaftlichen Triumphen. Sowohl bei Ernennung znm Juden wie auch beim Gegenteil davon. So ist z. B. jener berühmte Eherusker. der in den Synagogen Palästinas lehrte, gar nicht wirklich ein Cherusker, sondern wirklich ein Jude gewesen. Ich will mit dem über Heinrich Hertz Erwähnten nicht etwa die faustische Welt anklagen, weil einer ihrer Physiker den Krastbegrifs auszuschalten unternommen habe: ebensowenig wollte ich Spinoza retten, den ich in keiner Gefahr erblicke. — ein so großer König wird durch einen kleinen Spengler noch nicht mattgesetzt. Meine Absicht war lediglich, auf die Armseligkeit und Tollheit des neuesten Konstrukteurs htnzuweisen, die übrigens gleich armselig und toll bliebe, auch wenn der Borwnrs gegen Spinoza gerechtfertigt und H. Hertz wirklich ein Jude wäre. Ich schreibe unschuldigen Seelen zur Ausrichtung, die dem Gedruckten hilflos ausgeliefert sich finden, und schreibe bekümmerten Lesern zum Trost: ich möchte ihnen die Angst nehmen vor dem Skelett. Diesem Skelett, das sich Faust nennt und alle übrige wissenschaftliche Gcwitzüeit verwirft, brauchen sie darum noch nicht seine eigene neueste zn glauben und — Faust verzagt ja nicht nur skeptisch an der Wissenschaft, sondern übergibt sich auch höchst unwissenschaftlich und abergläubisch dem bösen Schalk — sie brauchen auch seine Diagnose über unfern Ruin nicht so ernst zu nehmen und keineswegs zu denken, datz sie nun den Geist ausgeben müssen (höchstens diesen faustischen!). Ich. was mich betrifft, empfinde gar keine Angst vor dem allerbaldigsten Ruin des Abendlandes, trotz diesem Kriege nicht, mein Glaube an den Ruinbrschaucr Spengler ist untrerkleinerlich. Das Abendland wird noch nicht sterben, und eS wird auch gehn: nicht alles Kranken ist gleich zum Tode. — Verzweifle nicht, mein frommer Christ, Bevor du nicht gehangen bist! Und auch die frommen Juden sollen nicht ver.zweiseln, sie merden's trotz allem voranbringen im Kampf für ihr Recht und ihre Freiheit. Bei dem. was ihnen widerfährt, müssen sie auch eingedenk bleiben ihrer eigenen Schuld: der Jude kann nichts, ganz richtig gar nichts, er darf nichts können, er kann nichts können: die .Konstruktion (Me Rassentheorie und die übrige Konstruktion) beweist es ja. daß er nichts kann als ein Unglück sein. Nun können aber trotzdem so viele Juden so viel Tüchtiges, als wenn die Konstruktion nicht wahr wäre? Tie Jeit hat wirklich ihre scheußliche Not mit den Juden! Dafür haben denn auch — ernst gesprochen ~ die Juden ilnv gleiche Not mit djr Beit. Ta die Juden nicht nur so Konstruktionen sind, sondern natnrhaft lebendige wirkliche Menschen, so haben sie genug zn lauen und zn bauen au den Konstruktionen nach dem abstrakten Schema, welche dem Vorurteil und dein Hochmut von Nichtjnden dienen. Die Juden werden an ihrer Wirklichkeit bcsirast für die. Konstruktionen, die mau sich von ihnen mach:, und traben viele Gefahren zu bestehen, darunter solche, die zuerst gar nicht gefährlich auösehen. Das sind Konstruktionen wie die des faustischen Denkers, mit grünen Jweigen bedeckte Fanggrnben. Man sieht dem Magier zuerst nicht an. was er ist und wozu er dienen wird. Man hatte es auch zuerst der Konstruktion des „Semiten" nicht anseheu können, daß sie nur dem Antisemiten dienen würde, der übrigens gar kein Antisemit ist, sondern nur ein Judeuhasser. Und was Spengler anlangt: wenn er nicht zn den eigentlichen Judeuhasseru geiwren sollte, so hat er sich doch auch in der Judensache des Leichtsinns, der Leichtfertigkeit schuldig gemacht. Wie in so sehr viel andrem: jeder ernste Mensch wird Sveuglcr leichtsinnig finden. Strenger noch als der in der Jndensache vielleicht vorhandene^ wäre ihm sein, ganz unbezweiselbarcr Leichtsinn gegenüber der Philosophie auzurechnen. Von Spenglers Willkürmut. der keine Grenzen der Beschränkung kennt, auch nicht vor den notorischen Daten der Geschichte, und von seiner lknsähigkeit zur Philosophie ist schon die Rede gewesen. Seine faustische Philosophie entpuppt sich zuletzt als Nichtphilosophie und Widerphtlosophie, als ausdrückliche Verwerfung der Philosophie bei Bekenntnis zu krassem Materialismus. Wer nichts kennt als Materialismus. der bleibt unterhalb des wirklichen Denkens und Hot keine Philosophie: der Materialismus gehört in die Philosophie lediglich da, wo jener Jndifferenzpunkt erreicht ward, ans welchem Materialismus und Idealismus als die beiden Seiten des Einen zu Denkenden erscheinen. Wer wahrhaft philosophiert, ist immer ein Materialist des relativen Denkens oder der W e l t amchauung und eilt Idealist des Geistes. Spenglers faustische Philosophie als Verwerfung der Philosophie enthüllt nur Mit prinzipiellen Widerspruch, die Äon-. susion und den Leichtsinn seiner Natur. Dieser Leichtsinn wird nicht vergütet dadurch, daß er die Philosophie verwirft, die ihn verworfen hat. Niemand verwirft die Philosophie als ein für sie Ungeschciler: und der Leichtsinnige vergeht, aber die Philosophie besteht. ~ o1'üu. mit drei Kindern, zwei Söhne und eine Tochter, kämmen über Dalarü her: sie waren von Wismar E.nnt dem Schiff gefahren. Meine älteste Tochter und die lungste Tochter waren in der Beit, in der ich vom Hanse weg war. gestorben. Einige Wochen nach dem Eintreffen meiner Familie kam R. Abraham Pach mit seinem Handwerkszeug ebenfalls hier an. mit ihm ein Vetter von mrr. Natanael. Ich verschrieb mir ferner einen Bockur als Zehrer für meine Kinder, ebenso einen Schocket'). Dieser, namens Abraham Verden, war gleichfalls ein Vetter von mtr. Ferner mernen guten Freund R. David und einen lungen Menschen namens Feibisch. Es kamen aber noch mehr Fremde hier an, allerlei ^andstrctcher. Im Anfang hielt ich sie für anständige Menschen, aber es zeigte sich, datz sie Lüderjahns waren. öte ntSJ . "r den Wirtshäusern betranken. Ich ging zum Oberstatthalter und sagte ihm. cs trieben sich hier fremde Juden herum, die in der Stadt umherlaufen. Ich lttdjt, und ich wäre bange, sie würden betrügerische 'L>chu!üen machen, denn sie hätten kein Vermögen, lins «"^ren. die wir hier noch neu sind, würde das in schleckten Ruf bringen. Der Oberstatthaltex sagte, das sei brav von mir. Er werde sie alle vorlaöen lassen und wer nicht auf mein „tor8VLr da sei. den dürse ich nicht hier lassen. Er gab rmr eure Schrift, in der er mich a(s „hukvuämsn"-) bczenhnete. Es waren ungefähr zehn Kerls, die zur Polizei vorgeladen wurden und Pässe erhielten, sofort das Land zu verlassen. Wenn ein fremder Jude hier ankam, mutzte er fernen Patz zu mir schicken. Fand ick den Mann für gut. io sollte ich ihn bei der Polizei anmelden und was für ein Handwerk er treibe. Fände ich ihn nicht für einwandfrei, dann sollte er von der Polizei seinen Patz bekommen und das Land sofort wieder verlassen. Auch wenn einer der hiesigen Juden hier im Lande oder aus dem Lande reisen wollte, mutzte er erst von mir eine Bescheinigung bekommen. Damit mutzte er zur Polizei gehen, und die gab ibm dann eine Anweisung auf die Schlotzkanzlei. die die Pässe ausstellte. Der Oberstatthalter war nun so gnädig zu mir. datz K Schlächter für rituelle Flctschichlachtnng.?) Vorsteher, er mir non der Schlotzlaiizlej Pässe für meine Leute ausstellen ließ, damit sie frei in Städten, auf dem Lande ttud auf Märkten für mich in Galanteriewaren reisen konnten. Die Juweliere und Hutstafucrer traten aber zusammen und beratschlagten, was sich gegen die Juden tun Uetze, und sie zogen genaue Erkundigungen über den Inhalt meiner Privilegien ein. Da sie nun erfuhren, daß in meinen Privilegien nur von Graveur- und Stcinschnciderarbeit Me Rede war. gingen sie znm Handelskollegium und brachten eine umfangreiche Klage gegen uns ein, ebenso auch gegen den Oderstatthalter. Der König habe gnädig drei Juden •— wir waren mit Namen angeführt — die Gunst erwiesen, datz sic mit ihren Frauen und Kindern hier wohnen und ihre erlernte Kunst als Graveure und Steinschneider in Stockholm ausüben dürften. Nun seien aber bereits hundert hier, die ganz Schweden mit Galanteriewaren bereisen. Man wüßte nicht, woher Seine Exzellenz der Oberstatthalter die Befugnis habe, für die Jtrden solche Pässe ausznstellcn. Solche Rechte hätten selbst schwedische Bürger nicht, deshalb sollte Seine Exzellenz wegen dieser Freiheiten Auskunft erteilen. Der -Oberstatthalter ließ mich r-nfen und las mir dann vor. was die Juweliere und Hutstasfierer gegen die Inden und auch gegen ihn für eine Eingabe gemacht hätten. „Siel,', ich habe alles mögliche getan, um dir weiterznhelsen," sagte er. „Aber du treibst cs zu grob. Ich habe dir zehn Personen erlaubt, aber nicht hundert. Bisher haben sich noch niemals Bürger über mich beschwert." Ich verteidigte mich, Latz es nicht einmal zehn Leute seien, die für mich reisten, sondern nur acht, das könne ich durch die Patzabteilung der Schloßkanzlei beweisen. „Das Hilst alles nichts." sagte er. „Ich habe dem Hairdelskollegium bereits mitgeteilt. datz der Schlotzkanzlei das Ausstelle» von Pässen verboten sei. ES solle kein Jude mehr mit Waren reisen. Hast du also Leute, die nicht zn Hause sind, schreibe ihnen, datz sie sofort zurückkommen." Es war aber gerade die Zeit zwischen den hohen Feiertagen, und alle waren zu Hause. „Nun", sagte mir der Oberstatthalter weiter, „mutzt du dir eine Bittschrift machen lassen und damit selbst zum König gehen. Schreibe, ich hätte dir 1«) Personen sreigegeben, um Gottes dienst abzübalten. Alle diese Leute könnten jedoch nicht Graveure sein. Du habest gleichzeitig einen Handel mit Steinen n \D Galanteriewaren, und nun hätte ich dir verboten, dein Geschält zu betreiben und deine Leute reisen zn lassen. Du seiest aber nicht imstande mit dem Petschaftstechen allein für alle deine Leute — drei Haushaltungen — das Brot verdienen." Ich toi, wie er mir geraten und ging mit der Bittschrtst selbst zum König. Wie der König sah. daß ich ihm entgegen kam. blieb er stehen. Ich verbeugte mich tief und bat um gnädigstes Gehör. Er sah. daß ich eine Schrift in der Hand hatte, so hielt er die Hand auf. daß ich ihm meine Bittschrift überreichen solle. Ich legte sie auf meinen Hut. er nahm sie und ging seinen Weg, wobei er meine Eingabe las. Während ich wartend auf dem Schlossplatz still da stand, schickte der Herzog .Kars nach mir, ich solle zu ihm hinaufkommen. Er fragte mich, was ich beim König gemacht hätte. Ich erzählte ihm die ganze Geschichte und bat ihn zugleich, ob er nicht so gut sein wolle, für mich ein gutes Wort beim Könige einzulegen. Er versprach mir. es noch heute zn tun. Ich könne auch sicher sein, einen günstigen Bescheid binnen kurzem zu bekommen. Ich wartete vierzehn Lage, es 'kam nichts. Ich ging zum Herzog Karl und bat, ich möchte gerne die Ehre haben, mit ihm zn sprechen. Er kam in das Garderoüenzimmer, wo ich stand, heraus und fragte mich, was ich wünschte. „Euere königliche Hoheit", antwortete ich, ..haben mir anädigst zugesagt, meinetwegen mit Seiner Majestät zu sprechen wegen meiner Handelsfreiheit." „Aber das ist ja schon lange erledigt", sagte cr. „Geht in die Kanzlei hinauf und fragt nach dem Baron Rebinöer, bei dem werdet Ihr alles bekommen." Ich ging zu Baron Rebinder und erhielt Handelsfreiheit. wie ich sie begehrt hatte. Das Dekret war ausgeferttgt mit Datum vom 2. Mai 1777. Wer war fröhlicher als ich und mein Bruder Abraham? Ich ging damit zum Oberstatthalter und übergab ihm die Entscheidung-. „Gut so —" sagte er. „Nun könnt ihr Schweden bereisen lassen so viel ihr wollt. Ihr hübt nun alle drei HandelSerlaubnis und ein jeder bars für sich Reisende khinomsschicken." (Fortsetzung folgt.)

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