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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-01-21 · 3 (21.1.1927) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
3 (21.1.1927)
Date
1927-01-21
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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lichste uui ungerechteste aller Wahlrechte wird dazu benutzt, um Meinungen einer besonders aktiven. positiv jüdisch-orientierten Gruppe zu unterdrücken." Und zum Schluß wörtlich: „Da wir an eine alsbaldige freiwillige Aenderung des Wahlsystems von seiten der Gelueindeverrvaltung nicht mehr glauben können, so «erde» wir uns von jeder Mitarbeit an den Aufgaben der Gemeinde in Zukunft fern halten. Der Borstand der Zionistischen Ortsgruppe Hannover." Kassel. (B e r w o r f e n e Revision.) Da- Reichsgericht in Leipzig beschäftigte sich in seiner Sitzung vom 7. Januar mit dem in jüdischen Zeitungen wiederholt erwähnten Prozeß des Seminarlehrers M. gegen das Borsteheramt der Israeliten in Kassel. Die von der Beklagten zum zweiten Male eingelegte Revision wurde v e r w o r - f e n. Dadurch hat das Urteil des OberlandesgertchtS in Kassel seine Bestätigung und Rechtskraft erbalten. Die erste Revision hatte aus formalen Gründen zur Znrückverweisung an die Bortnstanz geführt, die dem Kläger den größten Teil seiner Forderung tden UnterschieüSbetrag zwischen Seminarlehrer. und Volksschullehrergehalt) zuerkannte und eine domentsprechende Verteilung aller Kosten verfügte. Der Rechtsstreit hat die Gerichte etwa 3K Jahre beschäftigt, und um io erfreulicher ist die Tatsache, daß die Angelegenheit nach .den langwierigen Auseinandersetzungen zwischen den Parieren endlich ihren Abschluß gefunden hat. Kolberg. sT o d e sf a l l.) Im Alter von 90 Jahren starb der Rabbiner Dr. Solomon Goldschmidt, der über 60 Jahre an der Spitze der Jüdischen Gemeinde gestairden hat. Dr. Goldschmidt gründete vor 58 Jahren das jüdische Kurhosprtal Kolberg. das auS kleinen Anfängen durch die Freigebigkeit de- Berliner Philantropen James Simon sich zu einer weit über die Grenzen der Provinz hinaus bekannten Kinderheilstätte entwickelt hat. München. lDie Gleichberechtigung der jüdischen Studenten.) Vom Vorstand der Israelitischen .KultuSgemeinde München wird uns mitgeteilt: In Sachen der Beteiligung der jüdischen Studentenverbindungen an den Feiern der Münchener Universität hat der von uns beklagte Zustand, wie er sich bei der Jahrhundertfeier bemerkbar machte, nunmehr eine Veränderung erfahren. Auf die Vorstellung des Rektors hat der ÄorporattonsauSschuß beschlossen, Latz angesichts der fortbestehenden Schwierigkeiten in der Frage des offiziellen Auftretens der Verbindungen bei Universitätsfesten bis auf weiteres vom Chargiere» abgesehen werden solle und der Korporationöausschuß aufzulöscu sei. Damit ist die Gleichberechtigung aller Stndenten ans dem akademischen Boden der Universität hergestellt. Wattenscheid. iOrtsjubilän m.) Am 15. Januar tonnte der hiesige Lehrer S. Oppenheim, der gleichzeitig auch das Amt des Predigers und Borbeters bekleidet, auf eine Lojährtge Tätigkeit in dev Wattenscheidcr Gemeinde zurückblicken. Aus diesem Anlaß fand eine besondere Feier statt, bei der cs an ehrenden und anerkennenden Worten und Gaben des Dankes für den allgemein geachteten Beamten und Jugeuderzieher nicht fehlte. Wiesbaden. (Z itsammcn st otz zwisch e n Hakenkreuzlern und jüdischen Frontsoldaten.) Nach einer Meldung ans Wiesbaden kam cs dort am 12. Januar, abends bei dem erstell Auftreten der Nationalsozialisten im besetzten Wiesbaden anläßlich einer Wahlversammlung für die bevorstehenden Stadtverordnetenwahlen zu einem schweren Zusammenstoß zwischen den aus Frankfurt eingetroffenen Hakenkreuzlern und einer Abordnung des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten. Die Abordnung des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten erschien in dem Saale nach vorheriger Vereinbarung mit dem Vorsitzenden: die jüdischen Teilnehmer sollten sich an der Diskussion beteiligen. Beim Eintritt kam es plötzlich zu einem Streit, der sofort in eine Schlägerei mit Stöcken und Stühlen ausartete. Die jüdischen Teilnehmer erwehrten sich der Angriffe. Man zählt auf beiden Seiten etwa 15 meür oder weniger erheblich Verletzte. Englische und deutsche Polizei war anwesend. Es gelang endlich, die Kampfenden voneirrander zu trennen. Nach Schlutz der Versammlung wurden die Teilnehmer auf Waffen hin untersucht; cs wurden bet den Hakenkreuzlern Gummischläuche und Stöcke, sowie eine Reitpeitsche festgestellt. Nachdem die Hunderte, die sich auf der Straße angesammelt hallen, zerstreut waren, verließen die Hakeirkreuzler auf Lastautos. mit denen sic von Frankfurt gekommen waren, die Stadt. Vom Reichobund. der behauptet, die Polizei hätte energischer zugreifen müssen, ist eine Eingabe hierüber dem Regierungspräsidenten überreicht worden. Die Polizei behauptet demgegenüber, der Streit sei so plötzlich ausgebrochen und Habe so rasch um sich gegriffen, daß nicht seine Verhütung. nur seine Einschränkung und seine rasche Beilegung möglich gewesen wäre. Die Nationalsozialistische Partei beteiligt sich zum ersten Mal mit eigener Liste an den Stadtverordneten wählen. Iaustlscher Geist und Untergang des Abendlandes Eine Warnung für Christ und Angesichts der Tatsache, daß Oswald Spenglers Buch „Der Untergang deS Abendlandes" neuerdings wieder Gegenstand der öffentlichen Diskussion geworden ist svergl. z. B. die Neuerscheinung „Der Streit um Spengler" von Manfred Schroeter). dürften die nachfolgenden Ausführungen Coustantin Brunners für unsere Leser von Interesse sein, um so mehr, als darin besonders eingegangen nnrd aus die Gefahren, die Spenglers Begrisfskonstruktionen für uns Juden und für unsere Beurteilung durch Nichtjuden enthalten. — Wir selbst möchten uns in diesem „Streit um Spengler" eines Urteils enthalten, freuen uns aber, daß ein Mann von der Bedeutung Brunners in unfern Blättern hierzu das Wort nimmt. Die S ch r i f t lei t u n g. Wer „ mit faustischem Auge" auf die Geschichte blickt, ihre rein objektive Struktur aufzuzeigen und das Kommende vorherzusagen sich anheischig macht, der verspricht viel, wovon er nichts halten wird. Unmöglich auch kann einen wahrhaft geschichtsphilosophischen Stairdort erreichen, wer zu allerdings erstaunlich zartsinnlichem, fast krankhaft feinem Kunstfühlen nur elegante Klugheit und geistreichen Eigensinn, aber nicht die geistvoll schöpferische Freiheit und Mächtigkeit der wahrhaft philosophischen Geoanken besitzt. Es wird sich Willkür bedeutungsloser, schiefer Konstruktionen, überall eingeknickter Phantasien, Geflacker, es wird sich Dunkel nach Dunkel aus ihm herausbcgeben; und wollten alle Geschichtschreiber auf solchen Wegen gchen, um zuletzt zur „faustischen Philosophie" zu gelangen, so könnte wohl die Rede kommen, zwar nicht vom Ruin des Abendlandes, aber vom Ruin der Geschichtschreibung und noch so manches andern, und unsere Lehrbücher der Konfusion würden noch vermehrt werden. Das „faustische Auge" des untergehenden Abendländers patzt auf Welt und Geist wie die Faust aufs Auge und wird aus der Geschichtschreibung keine Wissenschaft machen. Geschichtschreibung wird nicht Wissenschaft dadurch, daß eine Seele der „faustischen Kultur", trotzdem sie selber ihre Grundverschiedcnheit von den Seelen der „apollinischen" und „magischen" Kulturen beteuert, dennoch sich vermißt tbeteuernd dabei allerdings, daß eben nur sie einzig und allein dieses Wunder vollbringen kann), zugleich auch die fremden Kulturseelen mitzuerleben und der übrigen blinden Faustwelt vorzuerleben. Dem ähnliches ist früher oft genug von anderen Seelen unter uns versucht worden. Dichtern, Deukern und Geschichtschreibern. Diese allerdings fühlten sich den Seelen der Vergangenheit verwandt und glaubten alt den einheitlich seelischen Charakter des Menschengeschlechts; haben sich auch, mit Pcrmission zu meldcu. einer weniger verschwebenden Nomenklatur bedient als Faustisch, Apollinisch, Magisch. Wer ivciß. ob nun dieses Mal durch die faustische Seele Spenglers die Seelen der Vergangen heit sich glücklicher nachcrlebt fühlen könnten, und ol> auch nur wirklich die Seele der gegenwärtigen Kultur sich schnell noch erkannt sicht'? Ich wenigstens will — aus die Gefahr des Unglücks und der Schande hin, das nunmehr ausgespreitete Verständnis alles Verstellbaren verfehlt zu haben — ich will mich vor m eine m abendländischen Untergänge noch beeilen mit dem Geständnis, daß ich nun keineswegs geschichtlich belehrt mich merke, wieviel Uhr es sei, und daß mir die Worte der saustijchen Philosophie, je mehr sie herausfordern, dabei an (in ihnen selbst wahrlich nicht enthaltene) wirklich philosophische Gedanken zu denken. desto kindsköpfischer erscheinen. Vor der Philosophie hat die Allmacht des faustischen Denkens ein allertrüöseligstcs Ende; da ist Nacht ohne Mond und Sterne. Die ganze Allmacht der faustischen Philosophie besteht in der Verbindung des Zweifels an aller Wahrheit — mit einer neuen .LSalmheit". Wie steht cs mit dem Zweifel an aller objektiven Wahrheit? Hier ist darüber in Kürze zu sagen: Nicht etwa nur die Geschichte kann keine objektive Wissenschaft sein — cs gibt überhaupt keine Wissenschaft von wirklich objektiver Wahrheit. Alle Wissenschaft ausnahmslos gehört in unsere Relativität und dient der menschlichen, der menschtierischen Existenz: Wissenschaft hat nur praktisch« Bedeutung und wandelt sich nach den Zeiten und Verhältnissen. Ganz anders die absolute Wahrheit, die zu allen Zeiten als die eine und gleiche, als die Wahrheit des Einen ist erkannt worden von allen, die erkannt haben: vom jüdischen Prophetismus wie vom Meistcr Eckhart, von Platon wie von Spinoza hören wir den Zusammen klang der Stimmen. Doch bleibt durchweg den bei weitem zahlreichsten Menschen der Unterschied zwischen der Erkenntnisart von den relativen Wahrheiten und der einen absoluten Wahrheit gänzlich verhohlen. Es gibt eine grobe Zunft derer, welche zu denken Iud. / von Lonftanttn Brunner. vermein«»; st« kennen aber nur die relativen Wahrheiten und verwechseln dann, sehr unphilosophisch, entweder diese relativen Wahrheiten mit absoluter Erkenntnis, oder — wie heute die Mode — sie verwerfen, ebenso unphilosophisch. mit dem berechtigten Zweifel an der absoluten Erkenntnis durch Wissenschaft auch die wirklich absolute Wahrheit des Einen, auf welche, lwie hier unmöglich auscinandcrzusetzcn). der Zweifel gar keine Anwendung finden kann. Solcher unphilosophischen, ans Denkfehler und Denk-, Unfähigkeit gebauten und in ihrer Armseligkeit sich dünkenden, letzten Endes abergläubischen Skeptik verhaftet, zeigt: sich auch das faustische Denken. Daher kann von Philosophie bei ihm keine Rede sein, und wäre Spengler überhaupt nicht« zu reden geblieben, wenn er nicht den heute allgemeinen üblichen Zweifel an der vorhandenen wissenschaftlichen Wahrheit sUexkttll nennt die wissenschaftliche Wahrheit den Irrtum von heute) verbunden hätte mit einer neu konstruierten und darum, wie er vertraut, dieses Mal unbezweiselbar objektiv wissenschaftlichen Wahrheit. Und das gebildete Publikum fiel herein, weil das gebildete Publikum niemals historisch gebildet ist und in keinem Fall irgend welche Verkehrtheit des Denkens wirklich überwunden hat. sondern immer nur auf eine Zeit zurückstellk, aushebt und wieder hervvrnimmt. Ganz wie mit den Klcidermvden. Und so wie die ältesten Kleidermoüen iviederkchren, tun dies auch die Verkehrtheiten des Denkens: es ist ein Turnus der Wiederholung. Viele haben gemeint, mit dem Denken nach abstraktem Schema sei es nun für alle Mal vorbei, seitdem e8 mit Hegel seine Blütezeit gefeiert hatte? Es hatte aber mit Hegel seine Blütezeit und hat mm mit uns seine Früchtezeit: in unserer Welt wird nicht allein nach abstraktem Schema gedacht, sondern unsere Praxis des Lebens r i ch t e t s i ch d a n a ch — die von jüdischer Abstammung erfahren das an ihrem Leib und Leben. Der Unterschied zwischen Hegels abstrakten Konstruktionen und den unsrigeu ist aber groß. Hegels Schema, auch sein geschichtliches, ist ein wirklich rein theoretischer Irrtum; und wenn ein Hegel irrt, bleibt er immer noch groß. Hegel durchbricht sein abstraktes Schema mit der Wahrheit seines Denkens, und mir finden uns überall entschädigt durch den Glanz und die Fülle aus seinem übersrnchtbaren Geiste. Bei uns, unsere jetzigen Schemata, kommen gar nicht aus der Theorie: sie steigen — unter der jetzigen Konjunktur des Judenhasses und unter der Phantasie seiner Verbohrtheit — aus rein affektiven -Quellen auf, sind übrigens grundlos und inhaltsleer, nichts als unsinnige, von keinerlei Wahrheit durchbrochene Schemata: Schemata des sehr subjektiven Hochmuts, nach denen die Wirklichkeit der Welt gezwungen werden soll. Diese Konstruktionen haben gar nichts mit der Theorie zu schassen, alles mit dem Unrechttun aus Hochmut, mit dem hybrizein. Zusammenhang mit ihnen hat auch das Schema und das Werk Spenglers, von welchem Manne noch einmal, als außerordentlich im besten Verstände, sein hauchzartes Kuustfühlen gerühmt werden soll. Jedoch bleibt auch dieses seine Privatsache. Fürs Lehren ist ihm nicht viel befohlen zu vollbringen; Frucht, wie bei unfern großen Kunsthistorikern, hält der Leser nur dürftige in Händen; und da letzten Endes dieses Kunstfühlen es ist. womit die neue rasscntheoretische Historik, Prophetik und Philosophik konstruiert wird — das Fühlen verdirbt das ganze Sviel! Gefühl ist alles und nichts, und es gibt nicht nur Denkirrtümer. sondern auch Gefühlsirrtümer; war das nicht, cs stünde besser um manche Theorie und um das Leben in unserer Gesellschaft und stüMe schlechter um so manches Unrecht und um den Menschenhaft. Aber bei Spengler das Gefühl ist gediegen und warartaryaft, und dieser Umstand allein schützt sein Werk davor, datz warr es nicht in die Nähe jener „Bluffs" der Bildung rückt/damk unser Land von keinem anderen heruntergestochen wird: daß man es nicht in eine Reihe stellt mit „Nembrandt als Erzieher" und Ehamberlains „Grundlagen des 19. Jahr, Hunderts". Als subjektiv hinterhältig gegen die Juden soll es damit nicht gekennzeichnet sein; aber die Verwandschaft mit den Konstruktionen der Judenhaß gelehrten ist unverkennbar, und die deS faustischen Denkers dürfte wohl geeignet sein, die Gelahrtheit und die Feindschaft gegen die Juden zu ver, mehren und zu stärken. Der faustische Denker macht keineswegs direkt Jagd auf sie, er billigt vielleicht gar nicht diese Jagd; doch sind seine Konstruktionen als Fanggruben brauchbar, werden also gebraucht werden, und er selber scheint keineswegs frei von den hier in Betracht kommenden Vorurteilen. In dem ganzen ersten Bande lick kenne nur diesen ersten Band und möchte den zweiten nicht lesen), auf den s>>5 Seiten dieses ersten Bandes hält er sich durchweg objektiven Tones, der nur ein einziges Mal in eine gewisse Aron gsak. Eine Lebeusgeschichte. Bearbeitet von Dr. B. Schidlof. l6. Fortsetzung.) , Einige Tage später ging ich zum Staatssekretär v. Holland. Are ich bereinkam. gratulierte er mir zu meinen Privilegien und sagte mir. ich möge zum Oberstatthalter gehen. da würde ich sie bekommen. Ich bedankte mich vorerst bei ihm viele Male und ich würde noch bei ihm Vorkommen, meine Schuldigkeit abzutragen. Tann gin» ich sofort zum -Oberstatlhalter und sagte ihm. der Staatssekretär halbe mich zu ihm geschickt wegen des königlichen Bescheides. „Du mußt auf die Schlotzkanzlci gehen und nach dem löniglichen Sekretär von Sieverts fragen." Ich ging hin. bekam meine Privilegien und bezahlte, was von mir verlangt wurde. Dann ging ich wieder zum Oberstatihaltcr. iwn mich bei ihm zu bedanken. „Den Teufel habe ich dir Privilegien gegeben." unterbrach er mich heftig. „Bedanke dich beim König. Jetzt geh' aber aufs Rathaus zum Magistrat, zeige deine Privilegien vor. damit sie diese m Protokoll nehmen." Beim Magistrat sagte man mir. ich solle in acht Tagen wiederkomineu und meine Privilegien dort lassen. Ich war sehr unschlüssig und wollte sie wieder mitnehmen, aber mein Advokat, der mit mir gegangen war, sagte mir auf Deutsch, ich brauchte nicht bange zu sein. Die Privilegien waren ausgefertigt in Mrich-sdal. den 28. September 1775?) Sie lauteten aus mich, meinen Bruder Mordechai und auf Rabbi Abraham Pach. daß mir hier mit unseren Frauen und Kindern wohnen könnten gegen Zahlung der gewöhnlichen Abgaben. Acht Tage später kam ich wieder zum Magistrat und erhielt meine Privilegien zurück. Ich schrieb sofort an meine Frau, sie solle mein Haus und meinen Garten verkaufen und mit den Kindern Herkommen. Auch au Abraham Pach schrieb ich, daß er Herkommen solle. Was schrieben sie aber im hiesigen Wochenblatt gegen mich! Was für gemeine Sache» erfanden sie nicht gegen die D»L richtige Datum ist 2. Mai 1773. Juden, so daß die gemeinen Leute hinter mir herschricn. Ick ließ mich wohl vierzehn Tage lang nicht auf der Straße sehen. Sie schrieben sogar all deli König, wie er sich hcrausnehmen könne, das heilige Land durch Juden zu verunreinigen. Große Herren legten sich nun ins Mittel und veröffentlichten anfklärcndc Gegenschriften. Aber es dauerte sicher seine sechs Wochen, ehe *y, ganz still wurde. Nun ging ich wieder znm Oberstatthalter und sagte ihm: ,^Fetzt habe ich die Privilegien bekommen und die Freihcit, hier als Jude leben zu dürfen. Ew. Erzelleuz wissen ja. daß wir kein Abendmahl haben, dafür aber den Versühnungstag. an dem wir hoffen, durch Buße für unsere Sünden Vergebung zu finden. Aber all das kann nicht geschehen. wenn wir nicht zum Gottesdienst elf bis zwölf Mannspersonen zusammcnliaben, außerdem eine Snnagogc und einen Begräbnisplatz." Er sagte mir. ich möge in einigen Tagen lviedcrkommeu und mir Bescheid holen. Als ich wieder zu ihm hinkam. sagte cr: „Wenn du dir eine Sunagvge bauen willst, so soll das auch freisteheu. Tn sannst dir zehn Leute dazu halten. Wegen ciitciy Bcaräbnisolatzos melde dich beim Magistrat, man wird dir einen Platz auweisen." Daraufhin gni> ich zum Magistrat und sagte, der Oberstatihaltcr hätte nr ich gesch ickt, damit man mir Zeinen Bearäbnisplatz anwciie. Sie schickten mich znm Totengräber, der bei der Klar-akirche wohnte, der wußte gleich, ich käme lvegen eines Friedhofs. Er bat mich wir möchten ihn als Totengräber annehmen bei unserer Gemeinde mit einem jährlichen Gehalt Ich sagte ihm. ich wäre noch allein, aber wenn unsere Leute kämen, würden wir es besprechen. Er bat nochmals, wir sollten ihn nicht vergessen. Ich ermahnte ihn nun zum Gehen, er meinte, cs sei nicht weit. Er ginz mit mir über den Kirchhof an der Kirche vorbei. Wie wir an die andere Seite der Kirche kamen, zeigte cr mir. daß zur rechten Hand die Katholischen ihren Kirchhof hätten, und daß ihm der Magistrat befohlen hätte, uns Inden die linke Seite des Klaratirchhoses anzuweisen. Aas sollte ich ihm antworten? Ich sagte, es wäre gut. Ich erzählte dann dem Oberstatthalter den Sachverhalt. „Diese Leut« verstehen das nicht besser, man muß ihnen alles deutlich auseinandersetzen." sagt er. „Ich komme morgen selbst aufs Rathaus, da werde ich ihnen das alles erklären. Du kannst dich in einigen Tagen auf dem Rathaus beim Stadtingenienr. erkundigen, der wird dir Be, scheid sagen." Ich ging also zu diesem Ingenieur und der sagte mir, ich möge in ungefähr vierzehn Tagen avicüerkommen. Er wolle erst einen Platz ans Stadshage» — außerhalb der Stadt, aber noch dazugehörig — für einen Friedhof aussuchen. Ich mutz »och bemerken, daß ich am selben Tage, an dem td) meine Privilegien bekam, an einen guten Freund nach Hamburg schrieb, ich hätte vom König von Schweden Privi, legieu erhalten, und fügte eine Abschrift davon bei. Es vergingen keine drei Monate, da stand es in der deutschen Zeitung. Daraufhin kamen einige Juden aus Mecklcrrburg hergereist. Leute, die kein Wohnungsrecht hatten und sich unter meinen PrivilegienschntzZ begaben. Darunter waren auch ein alter Mann und seine alte Frau, ein armer Manu, ei» Gekrätzwaschcr. der sich still und bescheiden bei de» hiesigen Goldschmieden aufhielt und ihnen die Gold- und Silberkrätze wusch. Zusammen mit meinem Bruder waren wir acht Mannspersonen. Ich bekam Nachricht vom Stadtingenienr. ich möge zu ihm kommen, wir sollten zusammen uns den Platz an sehen. Er habe zwei Plätze, die er mir anwcisen könne, beide nicht steinig und für einen Friedhof sehr geeignet. Ich nahm also einige Inden mit mir. wir folgten dem Stadtingenieur, der auch seine Leute bei sich hatte, die ihin seine Instrumente und Ketten, den Platz auszumessen, trugen. Wir kamen an eine Stelle, wo der Ingenieur einen Bohrer nahm und tief in den Boden hineinvohrte. Er zeigt uns den schönen Grund, der war sehr gut. durchwegs blauer Lehm. Er sagte, er hätte noch eine» anderen Platz, aber der sei noch ein Stück weiter. Air überlegten, daß der andere Platz auch keine bessere Erde habe» könnte und noch weiter sei. schon dieser war weit genug. Wir erklärten uns also für zufriedengestellt. Der Ingenieur maß nun den Platz mit seinen Leuten aus und bestellte mich für acht Tage später aufs Rathaus, wo ich es vom Magistrat schriftlich bekommen sollte, wie weit und wie groß es ausgemessen sei. Ich ließ nachher einen Graben herumziehen und auch ein Staketenzaun herumsetzen; ater den Winter darauf wurden alle Staketen gestohlen. Schwedisch: fömar.

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