Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-01-21 · 3 (21.1.1927) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
3 (21.1.1927)
Date
1927-01-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2613366-2613895-2613898--2104-2619540
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

ihres hohen Alternoch heute zu Len unermüdlichen Borrämpferinnen des Freisinnegehört. Dr. Hainifch selbst hat nicht nur bet der Wghl seiner intimsten Freunde, sondern sogar bei der seiner Lebensgefährtin seine religiöse Taleranz bewiesen. Denn seine Gattin ist als Jüdin geboren. Wenn daher seine Söhne nicht rechtzeitig, d. h. vor Einführung des ominösen Paragraphen, Mitglieder des „Touristenklubs" geworden sind, dann muß Ihr Dater den Schmerz erleben, daß sie des von ihm so hoch gepriesenen Glückenicht mehr sür würdig befunden werden.... Es scheint, daß den Politikern in Oesterreich der Sinn für solche Paradoxa fehlt. Dr. Hämisch und Dr. Seipel stnd menschlich gewiß unanfechtbare Charaktere. Sie meinen cS sicher ehrlich mit ihrer Weltanschauung. Aber bet einem gewissen Punkte läßt ihre Ehrlichkeit — und daß Ist typisch für Oesterreich'. — den Mut der Konsequenz vermissen. Der christlichsoziale Führer, der sich einst offen als Gegner der Judenhetze bekannt hat, deckt einen verlogen-antisemitischen Programmpunkt mit der dem Jta-Vertreter ganz offen abgegebenen Erklärung, daß die Jirden selbst diesen Punkt kaum ernst nehmen und sich durch ihn keineswegs bedroht fühlen dürften, lind der liberale Bundespräsident beglückwünscht einen Verein, der die Rassenverhetzung in die freien Berge trägt, zu seinen sportlichen Erfolgen. ES ist vom jüdischen Standpunkt sicher tragisch, baß der Mangel an Gesinnunasfestigkeit der österreichischen Politiker den antisemitischen Parteien stets die gewünschten Vorteile bringt, den Liberalismus aber um jeden Kredit gebracht hat!!i Dr. Hugo S p i e g l e r. Samuel Gordon gestorben. Im Alter von 56 Jahren verstarb hier der bekannte Novellist und Dramatiker Samuel Gordou. Gordon ist in Deutschland geboren, kam als 12jähriger Knabe mit seinen Eltern nach England. Sein Vater, der verstorbene Rev. A. E. Gordon. war viele Jahre bindurch Prediger an der Großen Synagoge zu London. Samuel Gordons Werke, von denen mehrere Bände erschienen sind, behandeln vornehmltch jüdisches Leben. Die bekanntesten unter ihnen stnd „Daughters of Shem" (Töchter des Schem). Sons of the Covenant "(Söhne des Bundes), und „Strangers at the Gate" (Fremde am Gitter). Sie wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Gemeindegesang. Bon Max Ko hu. (Chorleiter der „Liberalen Synagoge Norden") In den berechtigten Bestrebungen, eine lebendigere Teilnahme der Gemeinde in den liberalen Gottesdiensten wach- «urufeu. spielt auch der Gemeindegesang eine große Nolle. In Artikeln der liberalen Zeitungen und Zeitschriften, in Beriammlungsreferaten und persönlichen Aussprachen interessierter Kreise wird immer wieder der Ruf nach einer Erneuerung des Gemeindegesanges laut. Aus all den Anregungen. die zu diesem Thema bisher gemacht worden sind, geht aber nur hervor, daß eine gewisse Unklarheit darüber besteht, was man eigentlich zu erreichen sucht. Es wird immer wieder in die Debatte geworfen, daß in nuferen liberalen Synagogen der Knnstgesang eine zu große Rolle spiele und der Gemeindegesang darüber vernachlässigt werde. Man konstruiert einen Gegensatz zwischen Kunst- ' gelang und Gemeintzegesaug, der in Wirklichkeit gar nicht vorhanden ist. denn die Liturgie, wie sie in den Berliner »ilsheralen Gemeindesynagogcn eingesührt ist. enthält vom kompositiouStechnischen Standpunkt aus nur ganz wenige Gesänge, die man als Kmntgesang ansprechen könnte. Die .Mehrzahl der liturgischen Gesänge ist in melodischer, har- * wtrttifdjer und rhythmischer Beziehung viel zu anspruchslos. als daß von Kungstgesan-g in dem oben erwähnten Sinne die Rede sein könne. Lcwandowski gestaltete, wie man wohl annehmen darf, seine durchweg brauchbaren und zum Teil auch wertvollen Kompositionen absichtlich anspruchslos, um auch Gemeinden, denen kein Chor von Berufssängern zur Verfügung steht, sondern die sich mit Äinüerchören oder auch unbezahlten, freiwilligen Chören aus den Kreisen der Gemeindemitglieder behelfen müssen, die Ausführung der Gesänge zu ermöglichen. Daß auch Gemeinden, die überhaupt keinen Chor zur Verfügung haben und tn denen die Gemeinde allein die Ausführung der Gesänge übernehmen muß, von der Lewandowskiichen Liturgie Gebrauch machen können, spricht wohl am besten dafür, daß dieselbe eine Giovanni Boccaccios Dekamerone und seine Beziehung zuvl jüdisch-literarischen Schrifttum. Von Wi lly Aron, Hamburg. Giovanni Boccaccio, Italiens großer Novellist, Humanist Und Poet, der Vater der italienischen Prosa, hat neben seinen gelehrten Philologenwerken seinen Ruhm begründet durch die Hinterlassenschaft seines Dekamerone. einer Sammlung von hundert Novellen. Zu der Zeit, wo außerhalb Italiens alleS andere als Kulturnivean festzustellen war. blühte im klassischen Lande der Renaissance neben Petrarca, Boccaccio. So wie jener, auch dieser Berkörpernua edelsten Menschentums. Bon Bocc-accio wissen die Wissenschaftler, daß er ebenso wie Petrarca mit Duldung und Vornehmheit dem Judentum gegenübcrstand. Ter Dichter ist ans seinen Werken zu erkennen. Und so sehen wir von Boccaccio die JdealpersönlichkeitSgestalt eines Iirden gezeichnet, den er in den besten und prächtigsten Farbtönen darstcllt. Er nennt ihn einen reichen Juden. welcher Abraham hieß und ein rechtlicher und ehrlicher Kaufmann war. Seine Seele sei gut und weise. Seine Treue zur airgestammten Religion schildert er mit vorbildlicher Liebe und Sachlichkeit: „Der Jude hielte keine Lehre außer der jüdischen weder für heilig, noch für gut: in dieser wollte er leben und sterben, und nichts wäre vermögend, ihn jemals davon abwendig zu machen." Bescheiden und scharfsinnig, das seien die charakteristischen Merkmale diese- Juden gewesen,' zugleich war er „in dem mosaischen Gesetz ein großer Meister". Unmöglich ist es. im einzelnen die jüdischen Motive, die Boccaccio nachweisbar in seinen Novellen verwendet hat, im Rahmen eines Aufsatzes herauszustellen. Genug, daß hier stehe: Wir sind in Bewunderung versunken vor diesem herrlichen Gedankenaebände des Dekamerone. das sein Baumeister Boccaccio aufgeführt hat, und zu welchem in nicht geringem Maße jüdisch-literarisches Element ihm dienlich war, damit die Universalität seines Geistes dartnenb. Darum verdient es dieser Mann, der vor über 600 Jahren unter den Menschen weilte, seiner Nachwelt gezeigt zu werden, ans den Pfaden, die er beschritt und die ihn auch brachten zum Quell jüdischer Lebensweisheit. Es ist hier wieder anzumerken die Tatsache, daß abermals, wie in unendlich zahlreichen o-ällen. jüdisches Wesensgut nach erfolgter Entlehnung in bis zur Unkenntlichkeit verkleideter Form Len Lriumvhzug in die Zeiten angetreten hat, bis §or aller Welt diese Konstatierung bekannt wurde. Da ist zuerst zu nennen die Novelle von Le» drei Ringen. Boccaccio hat diese Novelle mit ihren Motiven nach erfolgter gründlicher Umarbeitung übernommen von dem italienischen Romanschriftsteller Busone. Dieser hatte einen Freund, von Lern er das Material zu der Novelle überliefert erhielt. Versammlungskalender j Berlin-Lüben. A« Montag, Le« 24. Januar, abends 8.15 Uhr, findet eine groß« Versa»»!»«« i« Le» Kammerstle», Teltower Straße 1-4, Eck« VaLe-Uliianea-Gtraße. statt. Thema: „WaS find «nd rvas »olle» wir Literalen-" Referenten: Rabbiner Dr. Galomonfki »nd Professor Dr. Türk. Repräsentant der Jüdische« Gemeinde. Anschließend frei« AnSfprache. Di« Veranstalt»«« wird dnrch «nsikalische Vorträge von Oberkantor Wilhelm Friedman« eingeleitet. Berlin-Norden. Am 15. Januar. aberrdS 7.45 Uhr. pünktlich» fiudet im BerwaltungSgebSude der Jüdische» Gemeinde. Rosenstr. 2-4. ein Lichtbildervortra« des 4tactn Dr. Michael Tranb von der „Ort"-Ges«lls«hast über daS Thema: „Jüdische Aufbau, arbeit in der Berkstätte «nd ans dem Felde" statt. Anschließend freie AnSfprache. Liberale Synagoge Norde« (im Anerbachfchen Waisenhaus. Schönhauser Allee 142): Gottesdienst: Freitag, de» 21. Jannar. abends 7.80 Uhr. Predigt: Rabd. Dr. Salomonfki. Sonnabend, den 22. Jannar, vormittags 10 Nhr. Berliu-Karlshorft. Im Gesellschaft-Haus, Augnste-Viktoria-Gtraße 41, spricht am Mittwoch, de« 20. Januar, abends 8 Uhr, Herr Rabbiner Dr. Arthur L-wenstamm-Spaudau über „Die Anfänge des jüdische« LideraiismnS in Deutschland". Freie AnSfprache. Daran anschließend: Gemütliche- Beisammensein mit Tanz. Breslau. Jüdisch-liberaler Jugendverei» „Abraham Geiger". Mittwoch. de« 20. Januar, abends pünktlich 8.15 Uhr, im Restaurant Schaal. Tauentzienstraßc 12. Eingang nur Anger, Generalversammlung. 1. Tätigkeit-- und Kaffenbericht für bas Jahr 1928. 2. Neuwahl des GefamtoorstaudeS. 8. Festsetzung des Beitrages für da- Gefchäftsiahr 1927. Abends 9 Uhr Bortrag d«S Herrn Rabbiner Dr. Sänger: „Die Stellung des Christentums nud des Judentumz» Krieg und Frieden." Pünktliches Erscheinen «nd zahlreicher Besuch erbeten. durchaus geeignete Unterlage sür den Gemeindegesang abgeben kann. Die Annahme, daß mit Kunstgesang die Ausführung der Gesänge seitens der Synagogenchöre gemeint sein könnte, erübrigt sich wohl, denn es ist eine Selbstverständlichkeit, die nicht ausgesprochen zu werden braucht, daß dort wo ein Chor vorhanden ist, die Leistungen desselben wenigstens den elementarsten musikalischen und künstlerischen Anfordernngen genügen müssen. Bon verschiedenen Seiten wird angeregt, eine ganz neue musikalische Liturgie zu schassen, welche dem Gemeindegesange in stärkerem Maße Rechnung tragen soll. Das wäre wohl der größte Irrtum, den man begehen könnte. Einmal, weil die Lewandvivskuchen Melodien ein gewissermaßen traditioneller Bestandteil unserer Gottesdienste geworden sind, den wir nicht missen möchten. Hat doch auch die Berliner Reformgemein.de in der neuen Fassung ihrer Liturgie gerade diese uns allen vertrauten Melodien $um großen Teil wieder ausgenommen, um das Verbundenlein mit der Gesamtheit der Berliner Gemeinde zu betonen. Der zweite und viel wesentlichere Einwarrd, der gegen eine Neukomposition der Liturgie zu erheben wäre, ist der. daß es viel zu lange dauern würde, che neue Melodien sich derart eingebürgert haben, um von der Gemeinde mitgesungeu werden zu können. Daß gerade die Schaffung besonderer Gemeindcgesänge eine sehr undankbare Aufgabe ist, beweisen die uns bekannten Gemeindelieder vor und nach der Predigt, die — bis auf das Predigtlied am Rausch-Haschono, „Du bist der König aller Sphären" — fast nie von der Genteütöe mitgesungeu werden, obwohl sie speziell für den Gemeindegesang gedacht sind. Hierbei mag vielleicht der Umstand mitsprechen, daß die choralartige Form dieser Gesänge als etwas dem Wesen des jüdischen Gottesdienstes Fremdes empfunden wird. Um die Frage des Gemeindegesanges einer befriedigenden Lösung entgegenzusühreu, ist es notwendig, der ganzen Der Name dieses Mannes ist Manvello: dieser war ein bekannter jüdischer Dichter Italiens. Ter Inhalt dieser Novelle ist in ganz einfacher Form derjenige, den wir in Lessings bekannter gleichnamiger Parabel finden. Aus Umwegen erfahren wir also, daß das Lessiugsche Ideal ttrgut jüdischer Seele ist! Lessiug gesteht an zwei Stellen, daß der eigentliche Inhalt seines Nathan die Novelle des Boccaccio bildet. In einem Briefe an seinen Bruder vom 11. August 1778 und in einem an Herder vom 15. Januar 1770 ist dies geschehen. Das von dem jüdischen Dichter Manvello als mündlicher TraöitionSstoff Erzählte über die drei Ringe drang über 4/500 Jahre später zu Gotthold Ephraim Lessing. In der Zwischenzeit, etwa um 1500. finden wir, obgleich arg entstellt und zum Teil unrichtig dargestellt, diese mündlich im jüdischen Lcbenskrei'e sich erhaltende Parabel zum erstenmal in Schriftsorm niedergelegt. In einer stark abweichenden Fassung tritt sie uns entgegen in dem hebräischen Werk S ch c b e t h I e Ij u d a des Salomo den Vcrga. Hier ist der Fragesteller der König Ton Pedro der Aeltore von Äragonien (regierte von 1004—1104), der den Juden fragt, ob die christliche oder die jüdische Religion besser ist. Ter Jude gibt dann anfänglich eine ausweichende Antwort und erbittet sich eine dreitägige Bedenkzeit. Nach Ablauf der Frist kommt er zum König, stellt sich ganz verdrießlich und erzählt die Ursache seines Äergers mit folgenden Worten: „Bor einem Monat verreiste mein Nachbar und ließ seinen zwei Söhnen zwei Edelsteine zurück. Die Söüne kamen hierauf zu mir und verlangten, ich solle sie von der Eigentümlichkeit der Steine und deren Unterschiede in Kenntnis setzen. Als ich ihnen zuc Antwort gab. daß niemand dies Vesser zu tun imstande sei als ihr Vater, der ein Juwelier ist, schlugen und schmähten sie mich." Als hierauf der König bemerkte, daß die Brüder unrecht hätten und bestraft zu werden verdienen, antwortete der Jude mit der Nutzanwendung ans Esau und Jacob und den Vater im Himmel, den großen Juwelier, der allein den Unterschied der Steine kenne. Die hier besprochenen weniger jüdischen Motive in Boccaccios Dekamerone haben gezeigt, daß Boccaccio viel Stoff fremden Quellen entlehnt hat. So vor allem, was wegen des Umfangs an Material weiter nicht besprochen werden kann, auch der Bibel! Fast keine einzige Novelle Ist Boccaccios Phantasie entsprungen; er hat da» Verdienst, die entlehnten Erzählungen umgesormt, ihnen erst Leben und Gestalt gegeben zu haben. Er hat sie mit allen Reizen der ErzatzlungSkunst geschmückt und in die herrlichste, von ihm gleichsam erst geschaffen« Sprach« gekleidet. Dem gleichen Ursprung wie die Novelle von den drei Ringen gehört die Erzählung des Vunderrittes in ,/Sultan Angelegenheit von einer anderen Seite aus beizukommerr zu versuchen. Man kuriert sonst gewisiermaße» au de» Symptomen herum, anstatt den tieferen Ursachen auf den Grund zu gehen. Man mutz sich zunächst vor Augen halten, daß die mustkaltsche Ausgestaltung des Gottesdienstes zwar nicht Selbstzweck, sondern nur Mittel zum Zweck ist, daß aber trotzdem die Frage des Gemeindegesanges eine musikalische Angelegenheit ist und bleibt und infolgedessen nur vom musikattschen Standpunkt aus gelöst werden kann. Die Besucher der Gottesdienste setzen sich naturgemäß nicht nur au» musikalischen Menschen zusammen, sondern auch aus wenig und auch ganz unmusikalischen Leuten. Es wäre natürlich vollkommen abwegig, die Synagogenbesucher lediglich in musikalische und unmusikalische Elemente eintetlen zu wollen, denn auch unter den Unmusikalischen wird es viele sür den Gottesdienst sehr wertvolle Mitglieder geben» die sich wit dem gleichen Recht wie jeder andere, aktiv am Gottesdienst, also auch am gemeinschaftlichen Gesänge, beteilige» wollen. Was man aber verlangen tanu und worauf man bestehen muß, das ist, daß diese unmusikalischen Elemente sich eine gewisse Zurückhaltung auferlegen und nicht, wie man es häufig beobachten kann, gerade durch besonders lautes n»d naturgemäß falsches Singen, die übrigen GotteSdienstteil» nehmer in der Andacht stören und wirklich musikalisch empfindenden Gemeindemitgliedern das Mitsingen verleiden. Ferner mutz genau festgelegt werden, was von der Ge- . metnde mitgesuilgen werden soll und was nur vom Chor j allein vorzutragen ist. Ausnahmslos alles von der Ge- I meinüe mitsingen zu lassen, wie es vielfach verlangt wird, dürfte sich nicht empfehlen. Wenn inan das will, braucht man keinen Chor und keine mehrstimmigen Gesänge, sondern kann alles einstimmig einrichten und von der Orgel begleiten lassen. Die Aufgabe des ChoreS besteht ja nicht nur in der Führung des Gemeindegesanges, sondern beruht zum großen Teile auch in der seelisch erbauenden und erhebenden Einwirkung ans die Betenden, einer gewissen Suggestion. die von jeder Musik, besonders aber vom singenden Menschen, ausgeht. Bon der Gemeinde mitznsingen sind zunächst alle einstimmigen Response» und Gesänge. Auch die vierstimmig gesetzten Responsen bei der Aushebung sowie in der Kcüuschah sind mitzusingen, obwohl man vielleicht besser täte» auch diese Responsen einstimmig singen zu lassen. Vom rein musikalischen Standpunkt aus ist gegen das Mitsingen mehrstimmiger Gesänge einzuwenden» daß durch das um eine Oktave tiefere Mitsingen des Soprans eine unstatthafte Verdoppelung entsteht. Wenn man sich also der Mühe unterziehen will, bei der Neuordnung der Liturgie sür den Gemeindegesaug. die zum Mitsingen bestimmten Gesäuge einstimmig einrichtcn zu lassen, so wäre das vom streng musikalischen Standpunkt ans zu begrüßen. Dies würde jedoch vermutlich zu einer gewissen Monotonie führen und da, wie bereits erwähnt, die musikalische Airsgestaltung des Gottesdienstes nicht Selbstzweck sein soll, kann man wohl unbesorgt die Konzession machen, auch eine große Zahl der mehrstimmigen Gesänge von der Gemeinde mitsingen zu lassen. Die Gesänge hier aufzuzählen, die sür den Gemeiudegesang geeignet sind, würde zu weit führen. Es seien nur die wenigen Gesänge genannt, die unter allen Umständen vom Chor allein zn singen sind und welche £>ie_ Gemeinde auf sich einwirken lassen soll. Das sind zunächst sämtliche Kompositionen des Sabbathpsalms 02, bei denen nur die kurze Stelle „w'atto moraun l'aulonr adaunoj" mitzusingen ist. Ein besonderes Kapitel bildet die Lewandowskische Chortomposition „iuT schomrn b' ne jissroel", obgleich hier, um wit einem hinkenden Vergleich zu sprechen, ein Blinder mit dem Krückstock fühlen mutz, was davon mitgesungen werden soll und was nicht. Bon der Gemeirrüe mitzusingen sind natürlich die beiden nnisono-Sätze „m'schomru" bis „b'rvi aulom" und „ki schesches jomim" bis „w' ess hoorez", während die beiden pianissimo zu singenden a-capella-Sätzchen „beui «wen b'ne jissroel aus hi l'aulom" und „uwajaum haschwii schowas waiinofasch" nur vom Chor zu singen sind. Diese beiden Sätzchen sind so zart und fein empfunden, daß die Gemeinde viel mehr davon hat, wenn sie dieselben auf sich eimvirken läßt, als wenn sie durch Mitsingen die Wirkung der Komposition zerstört. Der erste Satz (ins Deutsche übersetzt: „Zwischen mir und den Kindern Israel sei er ein Zeichen sür ewig"> soll die Stimme Gottes darstellen, während der zweite Satz mit dem gleichen Thema die Ruhe Gottes am fiebeuten Tage nach den sechs Tagen der Schöpfung charakterisiert. Wenn mitunter die Forderung austaucht, gerade diese beiden Stellen, die für den Gemeindegosang absolut ungeeignet sind, müßten von >der Gemeinde mitgesungen werden, so kann dies nur von unmusikalischen Salaüln und Tvrello". Ta die Kenntnis dieser Novelle vorausgesetzt wird, beschränken wir uns nur auf die Hinweise, daß Boccaccio folgendes jüdisches Motiv zugrunde gelegt hat: Rabbi Samuel bar Nachman erzählt in Bereschith rabba zum Ersten Buch Moses: Kaiser Diocletian hielt sich in seiner Jugend als Schweinehirt in der Nähe von Tiberias aus und wurde oft von den Schülern des Lehrüauscs mißhandelt. Römischer Kaiser geworden, vergaß er die Lei-derc des Schweinehirten nicht, und unr einen Vorwand zur Verfolgung seiner Jugendfeindc zu finden, sandte er den inzwischen zu Rabbinern herangereiften nach Tiberias den Befehl, zn Sonntag in aller Frühe an seinem kaiserlicher Hoflager, das sich in Panaias befand, zn erscheinen, und schärfte seinem Boten ein. ihnen die Vorladung erst Freitag Abend einzuyändigen, damit die frommen Juden, die, wie er wohl wußte, am Sabbat nicht reisen würden, den kaiserlichen Befehl nicht befolgen können sollten. Als die Rabbiner >n Tiberias den Befehl erhielten, gerieten sie in große Bestürzung, gingen aber doch im Vertrauen auf göttliche Hilfe, um die am Sabbat-Rüsttag üblichen Waschungen zn vollziehen. Im Baöehausc präsentierte sich ihnen bald ein muntrer Dämon Argonaut, -er sie guter Tinge sein hieß und sich anheischig machte, sie zum Termin nach der Residenz zu bringen. Am ÄuSaang des Sabbat stellte er sich pünktlich ein und transportierte das ganze Kollegium durch die Lust bis nach Panaias, und als Tiocletian die Tore schließen lieb, über die Mauer in die Mitte der Stadt, zum großen Aerger des Kaisers. Von Manvello über Busone zu Buccaccio gelangte dieses Midrasch-Motiv als Perle in die Weltlitecatnr! Die Ausstellung hebräischer Buchdruckerkunst. Die im Gebäude der Amsterdamer Universität untergebrachte Äusstellmra hebräischer Drucke gibt eine Uebersicht über die letzten drei Jahrhunderte hebräischer Buchdruckerkunst, seit 1. Januar 1027. da in Amsterdam das erste von Meuaffe ben Israel gedruckte Werk die Presse verlieb. Besonders wertvoll ist die vom verstorbenen Baron Rosenthal der Universitätsbibliothek vermachte sogen. Bibliotheea Rosenthaliana. CS sind Arbeiten von mehr als 100 hebräischen Buchdruckern ausgestellt. So sind zu sehen: 1585 bis 1630 bei Francker und Leiden gedruckte Bücher, Pseudo- Amsterdamer Drucke aus Berlin Breslau, Köthen. Dessau» Frankfurt a. M., Frankfurt a. O» Fürth, Hamburg, Homoura, Johannisourg, Leghorn, Ofsenbach, Salzbach imd Zolkiew, ferner Porträtvon Buchdruckern, Herausgebern und Autoren, sowie einige sehr seltene Radierungen von Rembrandt und anderen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.