Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 3 (21.1.1927)
- Date
- 1927-01-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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im Staatsgesetz bestimmt werde» soll, oder ob «A nicht richtiger ist, auch hier der Gemetndefatzung die Entschließung vorzubehalten. Wenn man aber eine Höchstgrenze für Wahlrecht und Wählbarkeit ziehen will, bann Darf sie nicht so bemessen sein, daß sie in nicht ganz seltenen Fällen ««tragbar erscheint. IV. . Der Entwurf steht im ß 10 vor. daß den Verbänden (also msbesonbere dem Preußischen Lanbedverband) daß Steuerrecht auch unmittelbar gegenüber den Mitglieder» der Servandsaemeinden zusteht. Danach würden die Verbände berechtigt sein, die einzelnen Gemeindemitglieder unmittelbar zu veranlagen und im Berwaltungszwangsverfahren diese Steuern zu erheben. Das einzelne GerneindemUalted würde demnach zwei Steuerzettel erhalten. In dem einen fände die Veranlagung der eigenen Synagvaengemeinde ihren Niederschlag, während der zweite Steuerzettel die Bettraadpflicht zum Landesverbände bezifferte. Zuzugeben ist. daß bet dem bisherigen Verfahren, nach dem die einzelnen Gemeinden die Beiträge zu den Verbänden abzuführen haben, eine wesentliche Erhöhung der Mitgliedseinnahmen bei den Verbänden sich nur langsam und schwer durchführen lassen wird. Andererseits aber erscheint es sehr bedenklich, ein Steuerrecht der Verbände, noch dazu ohne Höchstbeschränkungen, neu etnzuführen. Ed ist damit zu rechnen, daß die Verbände zunächst in sehr bescheidenem Ausmaße von dem Steuerrecht Gebrauch machen werden. Aber ebenso sicher ist es, daß der Umlagesatz ständig wachsen wird. Die Prophezeihung. daß er in absehbarer Zeit aus 8 Prozent der Retchsetnkommensteuer steigen wird, dürfte kaum als kühn bezeichnet werden. Eine derartige Entwicklung würde aber dem heute schon mühsam hergestellten Gleichgewicht der Gemeindehaushalte den Todesstoß versetzen und zu katastrophalen Folgen für die einzelnen Gemeinden führen. V. Aus öcit Abänderungsanträgen Dr. Freund ist schließlich hervorzuheben. daß eine ZmarraSrnitgltedschaft der Gemeinden gegenüber den bestehenden Verbänden eingeführt werden soll. Dieser Gedanke ist für jeden, der einen stärkeren Zusammenschluß der jüdischen Gemeinden für nötig erachtet. Mid. Aber er kann in einer Zeit der Spannungen geusätze nicht durchgeführt werden. Unsere Gemeinden haken vielfach einen starken Zugang anders gearteter Mitglieder erfahren. Während -es Verschmelzungsprozesses in der polemischen Zeit des UebergangeS können Zwangsgemeinschaften nicht neu begrübet werden. Damit sollte man warten, bis sich allmählich ein Ausgleich gebildet hat. Diese Ausführungen faßte ich in folgende Thesen zusammen: I. Zu 88 4 und 8 des Entwurfs: ES empfiehlt sich nicht, für jede Beränderuttg des Bezirks und für jede Verschmelzung von Synagogengemeinden eine Urabstimmung der Gernetudemitglieder gesetzlich vorzuschreiben. Die Bestimmung, daß eine Zweidrittelmehrheit aller Stimmberechtigten sich dafür aussprvchen mutz, würde nahezu jede Veränderung mvb Verschmelzung unmöglich machen. Auch der Antrag Makower geht noch zu weit. U. Zu 88 6 und 10 des Entwurfs: Die Beseitigung oder die wesentliche Erschwerung der Möglichkeit des Austritts aus der Gemeinde würde in der Regel dazu führen, daß statt des Austritts auS der Gemeinde der Austritt aus dem Judentum erfolgt. Die Zulassung neuer „Personalgemeinden" an Stelle der bisher zulässigen Sondergemetnden ermuntert unzufriedene Gemeindemitglieder, die Gründung von Sondergemeinden zu betreiben urrü für den Uebertritt zu werben. Das kann zur Sprengung oder aber doch zu einer schweren Beeinträchtigung der Leistungsfähigkeit der bestehenden Gemeinden führen. III. Zu 8 11 des Entwurfs: ' Die Bestimmung, daß das Wahlrecht und die Wählbarkeit nicht von einer längeren als einjährige Mitgliedschaft in der betreffenden Gemeinde abhängig gemacht werden darf, ist zu streichen. Sie stellt einen unzulässigen Eingriff in daS Selbstbestimmungsrecht der Gemeinden dar, trägt auch den sehr verschiedenen Verhältnissen in den einzelnen Gemeinden nicht hinreichend Rechnung. IV. Zu 8 10 des Entwurfs: Die Bestimmung, daß den Verbanden das Steuerrecht auch unmittelbar gegenüber den Mitgliedern der VerbandSgemeinden zustehen soll, ist unannehmbar. Würde von ihr in irgendwie erheblichem Ausmaße Gebrauch gemacht, so droht eine Störung des Gleichgewichts des Hau-Halts der Gemeinden. Die Gemeinde» «erden sich alsdam» gerwtigt sehen, aus dem Verbände durch Kündigung auszuscheiden und so den Verband aufzulösen. V. Die in dem Anträge Freund vorgeschlagene Zwangs- Mitgliedschaft der Gemeinden zu einem Verbände wirb abgelehnt? Nach einer eingehenden Aussprache wurde der Wunsch geäußert, eine Abstimmung über die vorgeschlagene» Thesen vorzunehmen. Man war sich klar darüber, baß die Erschienenen nur für sich persönlich und ohne jede» Präjudiz für ihre Gemeinden sich an der Abstimmung beteiligen konnten, da die Fragen in den einzelnen Gemeinden nicht beraten rvareiu Man hielt die Abstimmung aber doch für wünschenswert, um sestzustellen. wie die leitenden Persönlichkeiten der erschienenen Gemeinden sich zu den Dingen stellten. Die Thesen I, II, IV und V fanden die einstimmige Billigung der Versammlung: die These HI wurde mit etwa Dreiviertel Mehrheit angenommen. Aus den Kreisen der Ablehnenden wurde dazu bemerkt, daß sie hinsichtlich der Wählbarkeit der Entschließung zustimmen würden, dagegen hinsichtlich des Wahlrechts die Regelung des Entwurfs für richtig hielten. Dr. Herzfeld - Essen. «Antisemitismus- und «Liberalismus" in Oesterreich. Zur bevorstehenden Wahlkampagne. Die in diesem Jahre fällige Neuwahl des österreichischen Parlaments hat die christltchsvziale Partei veranlaßt, ihr Programm in neuer Aufmachung den Wählern zu präsentieren. Die Wandlungen des Staatswesens seit der Gründung der Partei und damit der Partei selbst, die, von einem kleinen oppositionellen Seitensprung in den jugendlichen Flegeljahren der Luegerzeit abgesehen, fast immer Regierungspartei gewesen ist und noch ist, machten diese Neufassung notwendig, lassen aber auch die Schwierigkeiten erkennen. die sich solchem Unterfangen entgegenstellten. Einer der Punkte, die die größte Verlegenheit für jeden ehrlichen Revisionswilleu verursachen mußten, war wohl der Judcn- Punkt. In der längst entschwundenen Zeit, da Lueger in heißem Konkurrenzkampf mit dem R a ssen anti sem iten Schönerer gegen den toleranten Liberalismus anrannte und, um diesen zu entthronen, die von jenem geweckten jndenfeindlichen Instinkte der unteren Volksschichten dem K l e r i k a l i sm u ö dienstbar zu machen suchte, mußte dieser Punkt ganz anders zur Geltung kommen als heute, wo die streitbare Kirche in Oesterreich ihre politische Avantgarde hauptsächlich gegen die Sozialdemokratie ins Feuer schickt woraus sich zwangsläufig eine gemeinsame Operationsbasis mit dem einst als „verjudet" bekämpften Großkapital ergab. Wie weit das Bündnis der Christlichsozialen mit den jüdischen Repräsentanten des Bankkapitals in der Praxis schon gediehen ist. das haben in grotesker Weise die skandalösen Enthüllungen über die von einem ch r i st l i ch i o z i a l e n F i n a n z m i n i st e r ünrchgeführte Beteiligung der P o st s p a r k a s' c ldes österreichischen Postscheckamts) an den Börsenmanövern S i g i Bösels gezeigt. Dieser Fall hat viel Staub aufgewirbelt, weil er mit einem Fiasko geendet hat. Aber vereinzelt war er nicht — man hat bloß bet den zahlreichen viel günstiger verlaufenen Operationen die jüdische Waffenhilfe nicht so indiskret der Oeffeutlichkeit preisgegeben. So sonnt sich der jetzige Bundeskanzler Dr. Seipel im Glorienscheine des Verdienstes, die österreichische Währung stabilisiert zu haben, obwohl die Vorbildung eines Prälaten und Professors der Moraltheologie sicher nicht die richtige Schulung für eine erfolgreiche Währungspolitik darstellt. Es ist denn auch ein ziemlich offenes 'Geheimnis, wer der Spiritus reetor der Seipelschen Finanztaktik war. Der christliche Spiritus Sanctus war eS jedenfalls nicht .... Als theoretische Ergänzung dieser praktischen Erziehung zur religiösen Toleranz gesellte sich der Geist, der vom r e i ch s de u t s ch e n Zentrum über die Landesgrenzen herüüerwehtc. Mit der Partei Wiudhorsts hatte sich die christlichsvziale, obwohl im allgemeinen dem Anschlußgedanken an Deutschland weniger hold als die anderen Fraktionen Oesterreichs, seit jeher verwandt gefühlt. Daher konnte sie sich gewiß auch den inneren Gründen. die die Führer der reichSdeutscheu Katholiken immer dezidierter vom Antisemitismus abrücken lassen, auf die Dauer nicht verschließen. Auch in dieser Beziehung hat der jetzige Bundeskanzler Dr. Seipel bahnbrechend gewirkt, indem er als erster vor einer österreichisch-katholischen Organisation die Gedankengänge »er Zentrumspolitik gegenüber dem Rassenantisemitiömus darlegt«, die zn dessen Ablehnung führe» müssen. Leider hat dieses mutige Beispiel keine Nachahmung gesunde» und auch Dr. Seivel selbst hat sich seither sichtlich Reserve in der öffentlichen Bekämpfung des Antisemitismus auferlegt. Die Gründe solcher Vorsicht sirid leicht zu erkeuuen. Die Partei, der die Sozialdemokratie nunmehr auch schon auf dem flachen Lande — unter den Kleinbauern und Forstarbeitern — Terrain abzugewtnne» sich anschickt, will in dem bevorstehenden Entscheidungskamps um die Mehrheit im Parlament auch nicht einen Trumpf aus der Hand geben. Und zu ihren wirkungsvollsten Trümpfen der großen Masse gegenüber zählt nun einmal — sicher zum Bedauern den intellektuell höher stehenden Führer und Anhänger — das antisemitische Schlagwort. So kommt eS, Latz dieses auch in der Neuredigierreng des Parteiprogramms Unterschlupf gefunden hat. Der betreffende Passus lautet, die Partei bekämpfe die „Uebermacht des zersetzenden jüdischen Einflusses". Ein Vergleich dieser bescheidenen Fassung mit den antisemitischen Fanfarentönen der Luegerzeit verrät indeS nur allzu deutlich das Bestreben, diesen Programmpunkt immer mehr ins Hintertreffen zn drängen. Noch klarer wird diese Tendenz durch den Kommentar, den Dr. Seipel dem Wiener Vertreter der Jüdischen Telegraphenagentur gab. Der Kanzler erklärte, seine Partei bekämpfe nicht die Juden als solche, auch nicht ihren Einfluß auf geistigem und wirtschaftlichem Gebiete, sondern eben nur die „Uebermacht" beS „z e rsetzenden" jüdischen Einflusses. Wobei als „zersetzend" ausdrücklich j-ene Richtung des jüdischen Intellektes bezeichnet wird, die zum Sozialismus und Kommunism u s hinführt. ES hieße Eulen nach Athen tragen, wollte man den Professor der katholischen Theologie darüber aufklären, daß eben diese Richtung des jüdischen Intellekts seinerzeit zur Gründung üeS Christentums führte und dem Urchristentum die belebende Kraft verlieh, die Verfolgungen, denen es alS „zersetzender" Faktor im römischen Cäsarenreiche ausgesetzt war, sieghaft zu überdauern, bis cs als Staatsreligion von den „Mühseligen und Beladenen" auf die Machthaber der Erbe überging, worauf es zur Verfolgung der anderen schreiten konnte.... Eine Entwicklung, die ganz deutlich auch der Kommunismus in Rußland durchmacht. Es hieße auch noch Wasser in die Donau gießen, wollte man: den Führer einer offiziell antisemitschen Partei fragen, wie denn die österreichischen Juden, soweit sie nicht zionistisch eingestellt sind, wählen sollen, wenn nicht sozialdemokratisch, da ja die liberale Partei dem dereinstigen christlich-sozialen Ansturm unter Lueger so gründlich erlegen ist, daß das Zusammenslicken ihrer irdischen Heberrcste zu einem einheitlichen, von neuem organischen Leben erfüllten Gebilde trotz zahlreichen Versuchen bis heute nicht mehr geglückt ist. Wahrscheinlich wird dieser Versuch angesichts der bevorstehenden Neuwahlen wiederholt werden, doch wage ich. ihm auch diesmal keine günstige Prognose zu stellen, denn abgesehen davon, daß das österreichische „Listen"-Wahlrecht seinem Namen vor allem in dem Sinne Ehre macht, daß cs alle Listen zur Anwendung bringt, um das Aufkommen neuer Parteien zn verhindern, fehlt eS an Männern, die einem neugeborenen Liberalismus Pate zu stehen befähigt wären. Denn zu solcher Befähigung gehört nicht nur liberale Gesinnung, sondern auch eine gewisse Opferbereitschaft für diese. Wie steht cs aber damit in Oesterreich? Aus diese Frage gibt eine kleine, scheinbar ganz unbedeutende Episode der letzten Tage grotesken Ausschluß. Der österreichische „T o u r i st e u k l u b" feierte eiüüHu, biläum und wurde aus dieseni Anlaß vom Bundespräsidenten beglückwünscht. Hätte sich Liese Gratulation in streng amtlichen Formen vollzogen, so wäre ihr keine Mjtere Bedeutung beizumessen, da ja GraLulationscouren bei jubilierenden Vereinen zu den wenigen Funktionen gehören, Lue die österreichische Verfassung dem Staatsoberhaupt« gestattet. BundeLpräsideut Dr. Hainis ch hat aber nicht umhin können, dem „Tauristeukkuü" auch seine private Sympathie in beredten Worten zum Ausdruck zu bringen und mit dankbarem Stolze auf seine eigene langjährige Mitgliedschaft hingewiesen. Und hier — stocke ich schon. Denn der „Tvuristenklub" hat vor einigen Jahren, dem Beispiel des deutsch-österreichischen SUpenvereins folgend, den Arier Paragraph in seine Statuten ausgenommen. Damals war es Ehrensache jedes wahrhaft liberal denkenden Mannes, dem Verein den Rücken zu kehren und — Dr. Hämisch ist ein liberaler Mann. Er hat den Liberalismus schon mit der Muttermilch cingcsogen, da seine Mutter trotz Die Thoraschreiber. (Zu eine« Bilde vor» Joseph Israels.) Dort draußen spielt in bunten Farben Des Lebens tausendfält'ger Schein: Sein Meer braust hoch, Biel Wellen starben — Kein Frühwind drin-gt zu euch hinein! In Kelleruacht gebannt, im Dunkeln fit starrem Eifer schreibt ihr fort — hr schreibt das Wort! — ie Sterne funkeln, Di-e Frucht am Baum dort draußen dorrt. In Lenzlust strahlen Lunte Fluren, In Sommer- und in Herbstesduft: Euch zog kein Lied Des Frohseins Spuren? Der Sonne fern ihr, fern der Luft. Im Wort habt ihr erlebt die Erde Bergang'ner und verheiß'ner Zeit, Wie sie dereinst Des Schöpfers Werde Gestaltend aus dem Nichts befreit. Das Wort, es mutzt euch sätt'gend geben Des Tages hell lebend'gen Glanz: Und nie euch schwang, Das wache Leben, Das wirkliche, in seinen Tanz. Ihr sitzt und grübelt, sinnt und sinnt: Steht'S nicht: „Im Anfang war daß Wort?" Die Stunde rinnt, Ihr stummen Greise — Und jede nimmt ein Leben fort! Das Wort all dieser Erdenfreuden Und dieses trunk'nen Lebens Saat? Glaub's nicht! Zu stark Dort draußen Leiden — und Glück! — „Im Anfang war die Tat." Tbekla Skorra. Skizzen aus Paris. I. Die iidbifche Reime. Ich komme von den großen Boulevards und habe die Frauen, köstlich gekleidet, sich drängen sehen vor der schimmernden Pracht der Juwelierläden, sah die Auslagen mit den erlesensten Schöpfungen der Mode, mit den bizarren Einfällen einer nirnmermttdeu Phantasie, sah Farbeiizusammenstellrrngen, wie nur die alte Kultur des Geschmackes sie finden kann, und stehe nun nach fünf Minuten Fahrt im tollsten Jahrmarktstreiben. Ja, ist denn das noch dieselbe Stadt? Kreisende Karussels, strahlende, jubelnde Kinder, Glücksräder, Bilden mit Süßigkeiten. Porzellan. Schuhen, Kämmen. Teppichen: Musikanten. Ausrufer, vergnügte. schmutzige, lachende Menschen. So bietet sich der Platz der Republik dar, indes die Anlos in unaufhörlicher Kette einander zu jagen scheinen, und die rot, blau oder gleißend weiß aufzuckende Lichtreklame ihre verwirrende Buntheit über das Straßeubild ausschüttet. Alles wird beschaut, ein Karussel kritisch begutachtet, und schließlich rette ich mich in eine der dunkel und still sich öffnenden Straßen: Faubourtf du temple. Verwirrt, noch geblendet, glaube ich an einen Streich meiner Phantasie, als mir hebräische Buchstaben in die Angen springen: „Eine jiddische Revue" . . . Oh Paris, oh liebe fremde Stadt: oh schönste aller Freuden, EntdeckersrendeU Eine Treppe hinunter geht's, flink vorbei an einem Strumpfhändler, der seine Ware aufdringlich anpreist. Der Dumme: Strümpfe! Wv daS Theater ein armes, kleines Theater vielleicht, aber ein Bolkstheater lockt. Die Preise sind nicht so niedrig, daß ich auf die Vergünstigungen der Pressekarte verzichten möchte, und frage, mich alS deutsche Journalistin ausweisend. den Kassierer nach dem Direktor. — „Madame, Sie sind aus Deutschland, dann wollen wir deutsch sprechen . . . Der Direktor, der bin ich: und was für ein Direktor: Bürste« ist mein Name (Händedruck!): ich schicke meine Schauspieler spaziere» (Ihnen gesagt, gute Gage bezahl ich) und tue hier alles selbst, bin Kassierer. Haudwerker, führ die Bücher . . Und dann erzählt er mir, daß er das einzige, ständige Theater in Westeuropa vor VA Jahre» gegründet hat, jeden Abend spielte: Ansky, Scholam Asch. Gordon. Nun aber ... „ist die Krise da: das Publikum will nichts Seriöses, will lachen, tanzen, singe» ... deshalb die Revue ..Ich mutzte ein wenig lächeln, wie der halb verhungert versorgt auLsehende Mann seinen Keller auf dieselbe Stufe setzte mit den luxuriösen Vergnügmigspalästen, die allabendlich eine unerhört« Pracht zur Schau stellen. Ich habe noch oft Vergleiche zwischen den Darbietungen von Moulin-Rouge etwa und dieser Borstadtschmiere gezogen und auch gelächelt: nicht mehr mitleidig, sondern froh und stolz über die Kraft und den Geist, der in unserem alten Volke lebt. Denn waS sich da in armseligsten Kostümen, unter Verzicht auf jeden Kulissen- und Beleuchtungseffekt abspielte, war Herzerfreueudes, lebendiges Theater: war die Komödie um des eigenen Lachens willen, kam aus dem Kontakt mit dem mitredenden, selbst für uralte Witze dankbaren Publikum, war Spielbesessenheit. Der Friedenskongreß wurde parodiert: sie deuteten Pariser Straßennamen in einem jiddisch-französischen Kauderwelsch so um, daß man sich vor Lachen über „so viel faulen Schmus" bog. Man tanzte Blae Bottom und Krakowiak. sang O Tannenbaum und ehrte — mit einer seltenen Fähigkeit des Nebergangs zum Ernst — den gefallenen, unbekannten Soldaten, den Juden, der auf allen Schlachtfeldern geblutet hat. Wundervoll ergreifend klang di« Sprache, die jiddische Heimatsprache. nun ohne alle französischen Zusätze, mit ihren weichen Diphtongen. Ins Herz hinein aber ging sie erst recht, als hebräisch« Melodien dazu ertönten und der bärtige Kopf eines Bocher» sich belehrend zu seinem Schülerlein neigte: zu einem Kiird, das allen Charme seiner Herkunft, die großen, traurigen Augen, die süße Stimme, eine unfaßbare Musikalität und die Koketterie einer großen Schauspielerin besitzt. Stein heißt daS Schülerlein und ist ein fünfjähriges Mädchen, verfallen der Bühne, dem Tanz und jetzt schon eine Beherrscherin des Publikums. Sie war der höchste Ausdruck von Rasse und Temperament, zwei Gaben, die eis allen diesen Schauspielern, Sängern, Tänzern leicht machen, ei« Publikum besser zn unterhalten, als die müden, langweilig lächelnden Revuegirls, deren Wirkung sich täglich abstumpft, denn noch mehr kann man sie nicht auSziehen . .. Und während man im Moulin-Rouge als SchlußapotheosS eine goldene Geldtruhe öffnet und hundert Frauen, nur in Brokatspitzen gehüllt, heraussteiae» läßt, gibt man hier alS letztes Bild „Erez Jisroel", erzählt von seinen Schule». Universitäten, Beamten, Einrichtungen, und die Hoffnung, die eigene Hoffnung der Spieler, leuchtet auf. dort eine Heimat zu finden. Sie malen daß Land, wie die Juden immer ge, malt haben, wenn sie auf den Messias warteten, in leuchtenden Märcheufarben so. als ob nicht schon Hunderte enttäuscht und zerbrochen zurückgekommen wären auS dem Wunderland... Ich aber frage Herrn Kunze oder Herrn Dinter. w o tanzt mau also den Tanz ums goldene KaLd??? wobei ich diesen Vergleich nicht allzu wörtlich aus di« Schönen aus Mouliu-Äouge angewandt haben möchte, denn auch sie ... aber dafür bin nicht ich die zuständige Duelle ..., Trude Rosenthal (Paris).