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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-01-14 · 2 (14.1.1927) · page 7

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
2 (14.1.1927)
Date
1927-01-14
Page
– (sequence 7)
Language
German
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sang- und klanglos ins Dunkel des Privatlebens verlieren kann wie der Dichter von „Hamlet" und „Macbeth". An seinen Rennpferden hat -er Engländer den Begriff ver Rasse schätzen gelernt. Houston Stewart Lhamberlainö kühne Tat war der Versuch, diese Schätzungsmethode auf die Menschheit anznwenden. Die Weltgeschichte stellt sich ihm als ein großdimensivnaler Turfplatz dar. Je besser die Rasse, desto sicherer das Nennen für die einzelnen historischen Persönlichkeiten und die ganzen Nationen. Der Jude ist der prädestinierte Nutzen fetter. Macht er trotzdem gelegentlich ein Rennen, dann gilt unerlaubter „Dopping" als erwiesen, kulturell minder erfreuliche Jahrhunderte entlarven sich dem scharfen Auge des zoologischen Geschichtsbetrachters als eine Zeit des „B ö l k e r - chavs" im Sinne unsystematischer Rassenmischung. Der Gegensatz zu dieser barbarischen Vergangenheit ist das Knlturidcal einer Zukunft, in der bic Zuchtsysteme der englischen Gestüte auf die Entwicklung der Völker zur Anwendung gelangen werden. Für die Gegenwart tippte Cham- Lerlaiu zunächst sehr vorsichtig nur summarisch auf „Stall". Seine Losung hieß „G e r m a n e n t u nt". Als aber die Spaltung des germanischen Völkerstalles im Weltkrieg zu präziserer Parteinahme zwingt, setzt der gebürtige Brite kühn auf dcit Favorit Deutschland. Doch der Favorit erweist sich als „schlechter Steher", der keine Quoten zahlt. Uebcrdies droht Clmmberlain der Verlust eines Erbgutes, das im heimischen Stall, an der Themse, liegt. Da setzt der um eine rennsportliche Erfahrung reicher Gewordene einfach ans das andere Pferd, reklamiert seine leichtfertig — zum Glück nach englischem Gesetz unverbindliche — aufgegebenc britische Staatsbürgerschaft. Die Laien, d.h., in diesem merkwürdigen Falle die Nichtdilettanten, bekommen den moralischen Koller. Sie finden es unerhört, seine "Nationalität so ganz nach Bedarf zu wechseln, nachdem man die Arbeit eines Lebens darauf verwandt hatte, die nationale Zugehörigkeit des einzelnen als zoologisch d e t e r m t n i e r t zu erklären. Besonders grotesk sei solche Verleugnung des eigenen Lebenswerks n m s ch n ö d e n Bk a m in o n s willen, nachdem man sich vorher bescheiden als von der Natur durch einen Langschädel geadelten Idealisten klassifiziert hatte. Solche Kritiker spotten ihrer selbst und wissen nicht wie. Denn sic zeigen, datz sie den Mann für ernster genommen haben, als sie in ihren Schriften wider ihn und er selbst in seinem hier schon gerühmten Bekenntnis zum Dilettantismus es gewünscht. Huston Stewart Chamberlain im Sinne seiner eigenen Schriften messen, heißt diese über- und den Mann unterschätzen. Er war ein ins Geistige versprengter o ck c y. Als solcher hat er bravourös alle Hindernisse genommen, au denen die seriöse Wissenschaft niemals vorbeikommen kann. - 4 Gedanken eines jüdischen Laien über unsere Synagogengesänge. Bon Arthur L i ch t e n s e l d. An den Herbslfeicrtagen ö. I. haben wieder viele Tausende unserer Glaubensgenossen an unseren herrlichen hebräischen Gesängen sich erfreut. Die gottesdienstlichen Gesänge haben zu ihrem Teile, neben dem Inhalt der Gebete, zur Weihe und Andacht beigetragen. Uns allen sind diese Melodien so zu eigen geworden, daß das Herannahen eines jeden unserer Feste uns die betreffenden charakteristischen Festesmelodien (die Neginos) auf die Lippen drängt, daß wir sic aus dem Gottesdienst nicht mehr hinwegdenken können. Sie singen und klingen in uns. und es ist ein für uns Juden "Ätzt-heutigen Zeit nicht hoch genug einzuschätzendes Verdienst der jüdisch-musikalischen Meister, vor allem Lewandowski und Sulzer. daß sie cs verstanden haben, das vorhandene musikalische Material dem heutigen Zeitempfinden anzupassen und so für den zeitgemäßen Gottesdienst das musikalische Fundament zu schaffen, das sich für absehbare Zeit unangetastet behaupten wird, auf dem ihre Nachfolger weiterbauen können. Eine Anzahl Kantoren der Jetztzeit haben im Geiste der genannten Meister ebenfalls wirksame Kompositionen für den indischen Gottesdienst im modernen Stil geschaffen. Venn sonst Musiker von Beruf über dieses Thema sprechen, io sei es auch einmal einem musikalischen Laien unseres Glaubens gestattet, für sein Gefühl Worte zu finden: ein jeder unserer Glaubensgenossen mag diese Empfindungen ieilon oder bei sich revidieren. Die hebräischen Gesänge wollen mehr als bloße tonliche Untermalung des Textwortes sein, vielmehr als wesentlicher Bestandteil des Gebetes, des Rituals, der gottesdienstlichen Erhebung und Weihe dienen. Sie stützen nicht nur den Vortrag von Vorbeter und Chor, sondern in vielen, man kann sagen: in den meisten Fällen ist dem Tonschöpfcr völlige Nebercinstimmung von Wort und Ton gelungen. Die Aeltcren unter uns erinnern sich noch. und die Jüngeren wissen es aus mündlicher Ueberlieferung. wie wenig reizvoll früher der monotone Vortrag der Chasonim war sman findet heute noch dergleichen!. Weil man den Mangel deS musikalischen Beiwerks als Mittel zur Erzielung stärkerer Wirkung schon in früherer Zeit empfand, lmtte man damals dem Kantor eine Begleitung aus Brnnnnstimmen. stellenweise auch aus Sopranstimmen. beigegeben. Doch erst die Einführung der Orgel (die „Königin der Instrumente"! brachte hierin grundlegende Aenderung, die sich auch beim Gottesdienst nach „überliefertem" Ritus lohne Orgel! auswirkte, auch hier verschönte man trotz der konservativen Richtung die Andacht durch Chorgesang auf moderner musikalischer Grundlage. Heute fällt eS niemandem mehr ein, die ästhetische Wirkung der musikalischen Einkleidung der Gebete leugnen zu wollen. Die Verbreitung mancher hebräischen Gesänge außerhalb des Gottesdienstes (z. B. Kol nidre und andere auf Grammophonplatten! trägt Kenntnis von der tiefen Gefühlöinnigkeit und dem weihevollen Ernst auch in solche Kreise, die dem Besuche des Gotteshauses fcrnstchen. Selbst der Rundfunk, dieses modernste Verbreitungsmittel von Nachrichten, hat neuerdings in dankenswerter Weise an mehreren Orten, u. a. auch in Berlin, sich für die Verbreitung der hebräischen Melodien eingesetzt: dies ist besonders bemerkenswert durch -das Heranbringen an Andersgläubige. Als auch außerhalb des Gottesdienstes bekannteste Melodie wurde das Kol nidre bereits erwähnt, zu desien Berbreitung vielleicht der von den Andersgläubigen vielfach mißverständlich angegriffene Text des Gebetstückes beigctragen hat: diese Melodie ist auch von mehreren der gottesdienstlichen Musik fernstehenden Komponisten für verschiedene Instrumente vertont worden. Außer -dieser hat als populärste Melodie das „MoauS zur" (die Chanukahhymne) weiteste Verbreitung über bas Gotteshaus hinaus, sogar durch Einbau in das Spielwerk von Chanukahleuchtern, gefunden. Man kann zunächst zwei Klassen von hebräischen Melodien unterscheiden: solche, die tatsächlich „traditionell", also von früher her überliefert, und solche, die Schöpfungen neueren Datums, also dem Zeitstil „angenähert" sind. Des weiteren sind Gesänge vorhanden, die im Ritus des ganzen Jahres gleichbleibend sind, daneben die dem Charakter des betreffenden Festes angepaßtc Melodie von besonderer Eigenart. Ferner möchte ich vom Gefühlsstandpunkte des Laien aus die Gesänge der Stimmung nach, die sie wecken, kennzeichnen v. a. als solche, die tiefe Inbrunst auslösen. als solche, die aufrichtend und tröstend wirken. Kümmernis und Bedrükkung von der Seele sortnehmen, und als solche, die Beruhignng einflötzen. Ein jeder wird diese gefühlsmäßigen Unterschiede wohl selbst beim Gottesdienst schon empfunden haben. Wir sprechen vom Charakter eines Musikstückes, wie wir vom Charakter vder der Eigenart -eines Menschen oder eines Bauwerkes sprechen, denn auch das Musikstück ist ein Bauwerk. Wir wissen, datz wir der Gefühlsstimmung gemäß den Ton und Ausdruck unserer Sprache bei freudiger Stimmung heben bzm. beim Schmerz senken, und wir wissen, daß das gesungene Wort sich bedeutend schneller und nachhaltiger einprägt und bleibendere Wirkung hat als das gesprochene. Diesen gefühlsmäßigen Umstand hat sich als natürliches Hilfsmittel die Musik im Gottesdienst zunutze gemacht, besonders durch die Anpassung an das feierliche getragene Moment, das der räumlichen Wirkung des Gotteshauses entspricht. Wir finden in unserem Gottesdienst eine ganze Anzahl markanter Beweise dafür, wie unter Zugrundelegung der N.eginos herrliche, zu Herz und Gemüt sprechende Gesänge auf moderner musikalischer Grundlage geschaffen sind und wie sich die starke Eindrucksfähigkeit und Wirkuna der Gebete hierdurch steigert. Di-e Fülle der jeder Stimmung ang-epaßten Gesänge ist so groß, daß bei eingehender Würdigung. die den Fachmusikern Vorbehalten bleiben mutz, man das ganze Gebetbuch analysieren müßte, denn fast zu jedem G-cbetstück haben unsere musikalischen Erneuerer mehrere Kompositionen für die verschiedenen FcsteSgelegenheiten und Gefühsstimmungen geschaffen. Die Gesänge haben für jedes Fest eine besondere dem Charakter desselben angepaßte Eigenart, den charakteristischen Jontif-Nigunr. Die Verwenduna der den Festen bzw. den Monaten des religiösen Jahres beigcgcbenen Melodien erstreckt sich bis auf die Einweihung der betreffenden Monate bei der Neumondsverkündung. z. B. für Nissan. Siwan, Ab. Ellul. Kislew. Bei den heiligsten Festen deS Jahres, den Jomim naurvim, ist es angesichts der seelischen Verbundenheit des Rasch haschono und Jom kippur selbstverständlich, daß auch die musikalische Einkleidung für beide Feste Uebereinstimmung in mancherlei Beziehung zeigt. Die Melodien sind ans den erhabenen Grmrdton dieser ernsten Tage gestimmt. Diese Gesänge sind einem jeden von uns geläufig, da an diesen Tagen die Andachtsstätten besonders stark besucht sind. Nur einige will ich nennen: die weihevolle melodische Linie bet dem Sch'ma idem Bekenntnis), der ernste Zug bei Owinu malke'inu. Di-e Melodie zum MussafLaddisch leitet in breit ausladendem Ernst die Hauptgebete ein, die tiefernste Stimmung dieser Stunde besonders betonend, die ehrfürchtige Schauer wachrnft: der Situation entsprechend, ist der Ton schwer und wuchtig gehalten. Wir höre» dies bei den Gebetstücken Un'fane taukef. Kervakoratz, Berausch haschono, bis sich die Spannung in dem jubelnden Chor bei der Lobpreisung asie lemaan schemecho und der Keduscha löst. Bei wejeesoju ist die Stimmung im Wechselgesang zwischen Vorbeter und Chor sinngemäß schön getroffen, dann ansteigend zur erhabenen Linie der Benedeiung des Olenn-Gebetes. Ebenso ist der Stimmungsausöruck vortrefflich dem Inhalt der einzelnen Gebetstücke angepabt im Mussafgebet Roschhaschono bei hajanm haraß aulom (feierlich), chol-rmch wekoroso (lieblich). s'se'n scheorim lmajestätisch). . w Der erhabene Charakter des Jom kippur wird noch durch weitere Gesänge betont. Sehr bekannt ist die Melodie für den Eingangspsalm, der dem Kol nidre-Abend seinen Namen gegeben hat. Im Gottesdienst nach neuem Ritus ist an dessen Stelle der Psalm 130: Mimaamaktm — Aus der Tiefe mit einer nicht minder bekanntgewordenen Melodie gesetzt. Im weiteren Verlaufe dieses Abends begegnen wir einer Anzahl uns sehr vertrauter Gesänge: Jaaleü (diese Melodie wird auch bei der Tal- (Pessach) und Geschem- (Schemini azeresj Weihe verwendet): Omnom ken: das oft wiederholte el rachum wechanum'schma kaulenu. Eine der schönsten, tiefempfundenen Melodien bat Lewandowski dem Gebet al taschlichenn beigegeben. Wie sehr die Gemeinde mit den gewohnten Gesängen verknüpft ist, zeigt sich besonders am Jom kippur in den dichtgefüllten Andachtsstätten. Es gibt wohl keinen unter uns. der nicht in tiefster seelischer Ergriffenheit sich mit dem Aulom verbunden fühlend, die bekannten, altehrwürdigen Gesänge Ki vnu amecho, towau lefonecho, oschamnu usw. mitsingt, wobei der Gemetndegesang den Synagogenchor vielfach übertönt. Wer möchte angesichts dieses Beweises die tiefe Wirkung des musikalischen Moments verneinen? — Ein weiteres markantes Beispiel für den treffenden Ausdruck des musikalischen Empfindens und der Einheit zwischen Wort und Ton ist die Melodie zur Awauöo sMussas Jom kippur), dem Gebet zur Erinnerung an den Gottesdienst im Tempel zu Jerusalem. Die wehmütige Stimmung ist hier musikalisch aus dem Text des Gebetes heraus empfunden, die Gestalt des Hohepriesters in seiner strahlenden Reinheit ist durch stgurenreiches, melodisches Beiwerk herausgehobeu. Der Jom kippur neigt sich seinem Ende zu: zerknirscht stehen die Andächtigen vor Gott mit den besten Vorsätzen, die dieser hochheilige Tag geweckt hat. Dieser Stimmung versöhnender Milde und beruhigender Klarheit des Gefühls tragen die Neila-Melodien Rechnung. Wie in milder Verklärung der Strahlen des scheidenden Tagesgestirns kommt beim Ertönen dieser Klänge beglückende Ruhe in unser Herz, und wir scheiden von dem heiligsten Tage des religiösen Jahves getröstet und aufgerichtet. Mit der Mila-Melodie Melodie (Jo schimcho, Kaddisch und Einleitung zur Tefilla) ist dem Tonschöpfer eine seltene Anpassung an die Stimmung dieser einzigartigen Stnude gelungen.- Bei den drei Wallfahrtsfesten begrüßt uns zu Beginn jedes dieser Feste die betreffende charakteristische Melodie, die sich an hauptsächlichen Stellen mehrfach wiederfrirdet. Hier ist auch die Melodie zum Mnssafkaddisch und dem ersten Teil der Tefilla vor der Tal- und Geschem-Weihe als charakteristisch zu erwähnen. — Ueberaus wirkungsvoll ist die musikalische Umrahmung der Gebete beim Aus- und Einheben der Thora, z. B. bei nwnuchau jaumar: ebenso bei der Äeduscha (Lobpreisung), wenn beim Bortrag im Mnssaf an Festtagen der hebräische bzm. beim Gottesdienst nach neuem Ritus der deutsche Text in den einzelnen Abschnitten sinngemäß musikalisch illustriert ist. Erwähnung verdient ferner die Innigkeit des musikalischen Ausdrucks bei hafchkiw-enu suwzel k'nofecho) beim Vortrag im Abendgebet an Festtagen, eine der schönsten Kompositionen überhaupt. Schön sind auch die mehrfachen Vertonungen des Sabbat-Psalms lPsalm 92 und 98 Mismaur schir) und deS Psalm 36 (Ma jokor), welcher beim Abendgottesdienst an den Festtagen an den Berliner Orgelsnnagogen vorgetragen wird und eine (für mein Gefühl) unbeschreibliche Stimmung weckt. Der feierlichen Weihe der Stunde des Gedenkens bei der Seelenferer ist der musikalische Ausdruck bei Enausch angepaßt. In manchen Gemeinden wird dieser Psalm 103 (Herr, was ist der Mensch) deutsch vorgetragen. Die Melodbe beim Thora-Umzug an Simchas-Thora. dem Abschluß der Herbstfeiertage, ist durch den überaus starken Besuch dieses Gottesdienstes alt und jung bekannt und in angenehmer Erinnerung. Sehr bekannt sind die Gesänge beim Freitag-Abend- Gottesdienst: Lechn nerannenu (zugleich die Melodie für die einleitenden Psalmen im Halle!. Lecho daudi, Mismaur schir, Weschomru, Wajchullu. Diese Andacht ist für sehr viele beruflich tätige Menschen die einzige wöchentliche Stunde der Arbeitsruhc und seelischen Erhebung und bewahrt besonders in der festlosen Winterszeit die Verbundenheit mit dem Gottpshanse. Die in den Orgelsynagogen die Predigt umrahmenden deutschen Lieder sind neueren Datums: sie gehören nicht zu „Dieses glauben wir auch," antwortete er. „Aber ohne den Erlöser, den die Juden den Messias nennen, kann man nicht selig werden." Ich wiederholte abermals, daß hier nicht der Ort wäre für eine religiöse Disputation, aber aus diesem Handel werde nichts werden. Er sagte mir dann, ich würde noch Bescheid bekommen. Ich verbeugte mich und ging meines Weges. Einige Tage später traf mich dieser Ratsherr Flodin auf der Straße. Er bat mich, ich folle ihn nach Hause begleiten, er wohne dicht in der Nähe. Er habe einen schönen Karneol, den wollte er gerne zu einem Petschaft geschnitten haben. Ich ging mit ihm. übernahm den Karneol zmn Gravieren und fragte bei der Gelegenheit, ob er mir nicht in meiner Sache behilflich sein könnte. „Weder ich noch der Magistrat können Ihnen die Erlaubnis geben, nur der König selbst kann es. wenn er es mit Gemalt tun will. Aber das glaube ich nicht, denn so etwas ist noch niemals vorgckommen. Uebrigens am Ende dieser Woche erhalten Sie die Entscheidung." "Nach einigen Tagen ging idi wieder zum Magistrat und erhielt den Beschluß. Es stand nichts anderes darin, als in dem vorherigen. und er war wieder von Karl Sparre unterschrieben. Nun verlor ich alle Hoffnung und lief zum j Oberstatthalter. Als ich hinkam. rief er mir entgegen: „Nu — gute Neuigkeiten?" „Schlechte Neuigkeiten! Sie werden doch wissen, was Sic selbst unterschrieben haben, hier ist es." „Ist das hier das Letzte?" „Ja vom Rathaus." sagte ich. „Aber Ew. Exzellenz hätten mir doch schon längst sagen können, daß ich wieder wegreifen solle, ich hätte dann viel Geld erspart. Es hat mich so viel gekostet — ich darf es gar nicht sagen." „Du hast wohl in deinem Leben noch keine großen Prozesse geführt. Nun willst du mit mir zanken. Gut. verklage mich." Ich verbeugte mich und bat sehr um Entschuldigung. „Wann befehlen Ew. Erzellenz daß ich reifen soll?" „Nein. nein, ohne Spaß, du mußt zmn König gehen und mußt mich verklagen. Geh zu deinem Advokaten, zeige ihm die Entscheidung- und sage ihm, daß er eine Eingabe an den König machen und mich darin wegen meiner Entscheidung verklagen soll. Wenn du diese Eingabe fertig hast, dann gehe damit zum Staatssekretär von HelandZ. damit er sie dem Könige übergebe. und ich werde mein Bestes tun, was nur möglich ist." Ich tat so. wie mir der Oberstatthalter geheißen hatte, ließ mir eine Eingabe machen nebst einer Abschrift der Entscheidung und ging zum Staatssekretär von Heland. Dieser Herr sprach gut deutsch. „Gnädiger Herr," sagte ich. „ich habe hier eine Bittschrift, die ich gerne dem Könige überreicht haben möchte." Ich gab ihm die Schrift, und er las sie genau durch. Als er fertig war, schrie er mich an: „Was seid Ihr für ein Kevl, daß Ihr es wagt, eine solche Klage gegen den Oberstatthalter anzubringen? Wollt Ihr vielleicht in Stockholm Euch Ruten holen? Schaut, daß Ihr hinauskommt aus dem Land, oder ich werde Euch forthelfen. Hinaus mit Euerer Dummheit!" Das war nun deutsch genug gesagt und mir wurde angst und bange. In meinem Schrecken brachte ich nur hervor, daß mir der Oberstatthalter selbst es befohlen habe. Der Staatssekretär stand eine Weile ganz still. Dann sah er mich streng an. „Lügt Ihr auch nicht?" Ich schwur in meiner Angst. >daß der Oberstatthalter eS mix befohlen hatte. Endlich sagte er: „Ich kann Euch das auch nicht auf Euer Wort glauben. Aber ich werde nachmittag selbst zu ihm hrnfahren. und Ihr könnt morgen wieder zu mir Herkommen. Diese Schriften behalte ich hier." Ich ging fort. Beim Weggehen siel mir ein. was ich für einen Fehler begangen habe, da mir der Oberstatthalter bei Leib und Lehen verboten hatte, *u sagen, die ganze Sache stamme von ihm. Ich faßte einen Entschluß und eilte sofort zum Oberstatthalter. Ich kam ganz außer Atem an und vermochte kaum einige Worte bervorzustoßen: „Ew. Exzellenz haben mich zu einem sehr bösen Mann geschickt." „Was nun, was nun? Erzähle doch, was er dir getan hat?" i) Johann von Helarid. Staatssekretär. „Ich gab ihm die Bittschrift. Wie er sie gelesen hatte, schrie er, ich sollte dafür Ruten bekommen, daß ich Ew. Exzellenz verklagen wolle. Ich folle sehen, daß ich schleunigst aus der Stadt komme, sonst wolle er mir dazu verhelfen. Ich dachte immer, er wolle mir an den Kragen. Der Mann ivar fo wütend auf mich, daß ich mir nicht anders zu helfen wußte und ihm sagte. Sie hätten mich geschickt. Ich mußte wirklich vor Angst nicht, was sch reden sollte. ,^i, ei, der Löse Mann! Da hast du wirklM recht getan." „Er sagte, er wolle am "Nachmittag selber zu Ihnen kommen. Die Schriften hat er dabehalten." „Nun. dann wird er wohl kommen." Ich aing sehr erfreut darüber, daß mir der OberstattHalter nicht böse war. nach Hause. Am andern Morgen «ging, ich wieder zum Staatssekretär. Der empfing mich außerordentlich freundlich und zeigte sich überhaupt von da ab als ein sehr guter Mann. „Ich bin beim Oberstattilialter gewesen," sagte er» „und habe mit ihm gesprochen. Das Bittgesuch will ich umschreiben, kommt morgen her. damit Ihr Euern Namen darunterfetzt." Am andern Morgen kam ich wieder hin und schrieb meinen Namen unter die Bittschrift. „Seid Ihr schon bei den Reichsräten gewesen?" fragte' er mich. „Ja. bei einigen." „Morgen wird in Mrichsdal beim König Sitzung sein. Cs kommen dazu vier Reichs rate hinaus" — er nannte sie beim Namen —, «geht zn denen Hin und sprecht mit ihnen. Wenn Ihr mit denen bekannt seid, die können Euch helfen." Unter ihnen waren just zwei, zu denen ich Empfehlungsschreiben hatte. Ich war immer zu ihnen gegangen, wenn ich ablehnende Bescheide erhielt, und sie Hatten mich stets vertröstet. Herr v. Heland sagte, ich möge in vier bis fünf Tagen wieder zu ihm kommen, denn er -liebe einige Tage draußen beim König. Ich ging nun zu allen vier Reichsräten und sprach mit ihnen über meine Angelegenheit. Laß diese morgen in Mrichsdal Leim König zur Verhandlung komme. Sie versprachen mir. alles mögliche zu tun. Ich brauche nicht zu zweifeln, ich würde bekommen, was ich wünschte. (Fortsetzung folgt.)

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