Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 2 (14.1.1927)
- Date
- 1927-01-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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ficn eigentlichen hebräischen Gesänge». Die Tonschöpser dieser Lieder haben sich bemüht, den jedem Fest eigenen Wesenszug in ihnen musikalischen Ausdruck zu geben,- sie erfüllen ihren Zweck, die Stimmung Vorzubereiten. Dankbar begrüßt und unterstützt mutz jede Gelegenheit werden, die hebräischen Gesänge in Wort und Tat der breiteren Oeffentlichkeit auch außerhalb fies Gottesdienstes in Bortrag und Erläuterung zugänglich zu machen und ihre Resonanz auf diese Weise zu vertiefen,- sie verdienen es wahrlich um ihres tiejreligiösen, warmfühlenden Ethos willen. Durch die alljährlich stattfindenden Konzerte hat sich in Berlin der „Verein zur Pflege hebräischer Musik" unter Leitung seines Dirigenten Kapellmeister Albert Kellermann besonderes Verdienst erworben. Aus demselben Grunde war auch der im Berliner Rundfunk von dem genannten Herrn gehaltene Bortrao über dieses Thema wertvoll wegen des Verbreitungökreises, besonders auch für Andersgläubige. Ebenso finden die im „Gemeindeblatt der Jüdischen Gemeinde zu Berlin" über dieses Thema veröffentlichten Abhandlungen aus berufener Feder sicherlich dankbare Leser. Der Geist unserer Gebete hat durch die Gesänge eine ebenbürtige würdige, zeitgemäße Ausgestaltung erfahren, die unserer Andacht zur Zierde gereicht und zur Erhebung beiträgt. Die treue Magd. Von C l e nt c n 11 n c Kramer. Man konnte wohl von ihr sagen, datz sie getreu bis in den Tod gewesen mar. Denn als ihr Herr damals den Flecktyphus bekam und sich alle von ihm wandten, selbst seine eigene Frau und seine beiden Töchter, da verlieh sie ihn nicht und pflegte ihn und wusch ihn und gab ihm zu essen. Und scherzte sogar mit tönt und sagte, daß es nicht so schlimm sei, und das; er gewiß bald wieder gesund sein werde,' obgleich sie wußte, was der Arzt ihr gesagt hatte: daß keine Rettung wäre! Und sie wußte auch, daß eS die ansteckendste Krankheit sei. Aber sie blieb dennoch bei ihm, denn man konnte ihn doch, bei Gott, nicht verkommen lassen Und schließlich drückte sie ihm die Augen zu. Aber späterhin -- ein paar Jahre danach — als cs ihr schlecht ging — was tat sie da? — da stahl diese Allergekreueste ein halbes Dutzend silberner Löffel. Wie sie sie beim dlberarbeiter verkaufen will, wird sie festgenommen und eine ganze, lange Zeit eingesperrt. Als sie gestorben war. ward sic vor den Thron des Herrn berufen. Dieser schlug das große Hauptbuch auf und er fand unter dem Buchstaben „T" ihre Treue ausgezeichnet. Da freute er sich sehr und sagte, daß sie ihm willkommen sei in seinem schönen, blauen Himmel. Es erhob aber der Erzengel. welcher zur Rechten des Herrn stand, den Zeigefinger, nahm dem lieben Gott das Vnch aus der Hand und schlug unter dem Buchstaben „U" nach, dort wo ihre Untreue verzeichnet war. und machte den Herrn aufmerksam. Dieser fragte das Mädchen: „Wie hat man dir gelohnt für deine Treue?" „Wieso?" fragte jene dagegen. „Nun", sagte der l. Gott, „du tvarst doch die Allergetreueste deinem Dienstherrn auf Erden." Mer die Magd erwiderte bekümmert: „Ich habe silberne Löffel gestohlen, ein halbes Dutzend." „Ja", sagte der Herr, „das lese ich hier, dafür haben sie dich wohl eingesperrt?" Sie nickte: ,„Jch habe es auch gar nicht gern getan, Herr, aber ich war so arm." , Gott fragte: „Ja, verstehst du mich denn nicht? — Du sollst doch nicht immerzu davon reden, denn dafür hast du ja schon gebüßt, sondern wir wollen miteinander von dieser großen, guten Tat sprechen, die du fieiuem kranken Herrn.." „Ich habe keine große, gute Tat getan", erwiderte die Magd, „daö muß ein Irrtum sein, lieber Gott." Sie machte ein Gesicht, das ganz bekümmert war, und auch fast ein wenig einfältig. „Nein", sagte der liebe Gott, „ich irre mich nicht, du hast doch damals deinen Herrn gepflegt und ihn nicht verlassen, du ganz allein." Der Herr winkte mit dem Finger, und da stand ans einmal der Dienstherr der Magd und zeugte für sie. „Ja, öas habe ich doch gern getan", widerholte das Mädchen. Da nickte der Herr und sprach: „Gerade darum . . und er winkte dem Engel zu seiner Rechten, daß dieser einen goldenen Schemel bringe, und sie ward geheißen, sich niederzusetzen zn den Füßen Gottes. Unsere Rätsel-Ecke Streichholz-Rätsel. Durch Umlegung von zwei wagerechten und vier senkrechten Hölzchen entsteht der Name eines biblischen Königs. Earl Deubel. Nälselauflösung aus voriger Nummer. Zahlenrätscl. 392 366 364 386 D O N 1 370 380 382 376 8 A K A 378 872 374 384 B A R B 368 390 388 362 A N E L »Don Jsak Abarbanel," Zerleg-Aufgabe. Abisag von Sunem. Eiue Geschichte aus König Davids letzten Lehenstagen. (Forts.) Maria Renee Daumas. Des Königs Sohn war selber anzuschauen, wie ein Gott, in seiner strahlenden Schönheit, in seinen prächtigen golddurchwirkten Gewändern, als er jetzt opferte. Die anwesenden Gäste un<) das Volk vermochten nur ihn anzuschauen und an dem herrlichen Bilde, das er bot, sich zu ergötzen. So hielt es später nicht schwer, die begeisterte Menge mit fortzureißen, als einige von Abiathar und Joab Eingeweihte plötzlich in den Ruf ausbrachen: „Es lebe der König Adonija!“ Der schöne Tüngiing dankte mit gewinnendem Lächeln, seine Miene schien zu sagen: „Laßt mich euer König sein, und ich will euch alle, alle glücklich machen!'4 Und sie huldigten ihm und küßten seine Hände, seine Füße, sein Gewand, ja die Erde, die sein Fuß betrat. Sein Herz aber war von Glück geschwellt, er faßte Joab und Abiathar um die Schultern und dankte ihnen für ihre Treue, und dann freute er sich auf den Augenblick, in dem er Abisag von Sunem entgegentreten würde als ihr König und Herr und sie an sein Herz nehmen, denn nun hatte er die Nebenbuhlerschaft seines Bruders Salomo nicht mehr zu füchten, und Abisag, die schöne Abisag, sollte die erste in seinem Herzen und in seinem Frauenhause sein. Nicht mehr heimlich wollte er ihren süßen Leib genießen, nein, öffentlich sollte sic ihm angehören, Salomo, sein Bruder, war abgetan. Lange tafelte man und zechte darauf mit den Getreuen, den Tag und das Gelingen des Planes zu Vou dieser Königsfeier schlich sich mit verdecktem Haupte ein Mann, der hinter einem Felsen verborgen, alles mit angesehen hatte. Vorübergehende, die ihn sahen und nicht kannten, mochten ihn für einen verschämten Bettler halten. Er aber lenkte seine Schritte nach dem Frauenhause König Davids und trat dort durch eine geheime Pforte. Im Innern angelangt, klopfte er mit einem dünnen Stäbchen au eine schmale Tür, die alsbald geöffnet ward. Eine junge Dienerin ließ ihn in ein Gemach treten, darin eine Frau gesetzten Alters auf Kissen ruhte und feine Goldfäden durch ein dünnes Tuch zog. Sie hielt mit ihrer Arbeit inne und blickte dem Eintretenden entgegen, ihr Antlitz war ernst und ruhig, von einer ebenmäßigen Bildung, die Augen groß und mandelförmig, sie mußte einst in ihrer Jugend sehr schön gewesen sein, diese Matrone, es war Bathseba, jene Frau, um die König David gesündigt vor seinem Gotte, die ihm so viel Glück und so viel Leid geschenkt hatte. Sie ließ ihre Arbeit sinken, erhob sieh und trat ihrem Gaste entgegen, der nun sein Haupt enthüllt hatte. ..Der Friede Gottes, unseres Herrn, sei mit dir, mein Vater,“ sagte sie und neigte demütig das Haupt, „was suchst du die Trauernde auf, sieh, ich biu iü großer Trübsal um meinen Herrn David, man sagt mir, seine Ta^e seien gezählt, kommst du, mir Trost zu spenden?4 Und der Prophet Nathan erwiderte: „Denke nicht des Mannes, der dir teuer war! des Sterbenden, Frau, denke des Lebenden, deines Sohnes Salomo, denn ihm droht Gefahr!“ Bathesaba erbleichte. Sie hatte in ihrem Leben so viel Greuel und Gewalttat gesehen, an der sie mit Teil gehabt, und an der manche Schuld sie traf, daß sie beständig die Strafe eines göttlichen Richters an sich und den Menschen, die sie liebte, fürchtete, besonders an diesem Sohne, der ihr vor allem teuer war, an Salomo, dem künftigen König. Beschwörend faßte sie die Hände des Propheten. „Was droht meinem Sohne?’4 fragte sie angstvoll. Da sprach Nathan: „Hast du nicht gehört, daß Adonija, der Sohn der Haggitk, ist König worden?“ Bathseba griff hinter sich und suchte nach einer Stütze, die Knie wankten ihr plötzlich. „Und König David?“ stammelte sic, „er ließ es zu?“ Der Prophet schüttelte den Kopf. „Unser Herr David weiß nichts davon." Da atmete die Frau erleichtert auf. „Oh, ich wußte es, er konnte mir nicht lügen.“ Nathan wiegte den Kopf hin und her. „Trotzdem ist die Gefahr groß für dich und deinen Sohn!“ „Was soll ich tun?“ Mit großen verlorenen Augen starrte sie dem Warner ins Gesicht. Der schwieg einen Augenblick und sah nachdenklich vor sich hin, dann sagte er: „Ich will dir einen Rat geben, daß du deine Seele und deines Sohnes Salomo Seele errettest. Gehe sogleich zu König David, deinem Herrn und sprich zu ihm: „Hast du nicht, mein Herr König, deiner Magd geschworen: Dein Sohn Salomo soll nach mir König sein, und er soll auf meinem Stuhle sitzen? Warum ist denn Adonija König worden?44 Bathseba senkte das dunkle Haupt, durch dessen schwarze Haarfülle sich schon hie und da Silberfäden spannen. „Ich liebte den schönen Knaben, Adonija, einst wie mein eigenes Kind, bis er und sein Anhang mir feindlich ward.“ Der Prophet machte eine ungeduldige Bewegung mit der Hand, „du hast jetzt nicht Zeit, Frau, Erinnerungen und Erwägungen nachzuhängen, tue, wie ich dir gesagt habe, und ehe du mit dem Könige ausgeredet hast, werde ich in sein Gemach kommen und deine Worte bestätigen — aber eile! Denn keine Zeit ist zu verlieren, der ganze Osten der Stadt hallt wider von dem Rufe: Es lebe der König Adonija!“ Da wandte sich Bathseba, fest hüllte sie ihr Haupt in einen dunklen Schleier, grüßte dankbar den Propheten und schritt dann von ihrer Magd gefolgt, tief in Gedanken dem Palaste des Königs zu. König David lag auf seinem Ruhebett und sebaute in Sinnen verloren vor sich hin. Er fühlte sich heute nicht allzu schwach und nicht allzu wohl, er dachte vergangener Zeiten und hatte dabei fast die Anwesenheit seiner Pflegerin vergessen, die geräuschlos ihres Amtes waltete. | Da trat einer seiner Knechte ein und meldete: Das Weib Bathseba bitte um Gehör! Die matten Züge des Königs belebten sich. Hatten seine Gedanken sie hergezaubert, just an sie und alles, was sie ihm an Glück und Liebe gespendet hatte, hatte er in dieser Stunde gedacht. Aber immer hatte er sie vor sich, da sie jung und blühend war und er alles um ihretwillen und ihre Schönheit vergaß, Ehre, Recht und göttliches Gebot. Fast erschrak er, als nun auf sein Geheiß die Matrone das Zimmer betrat, trotzdem fand er sich so-, gleich in den geliebten Zügen zurecht. Abisag von Sunems Herzschlag aber stockte — das war die Mutter des Mannes, den sie täglich auf. das Schmählichste betrog. Des Königs Weib war eingetreten; ihr Blick traf zuerst das fremde schjöne Mädchen am Lager ihres Herrn — ihre Miene wurde stolz, fragend und ab-, weisend —, die beiden Frauen blickten einander in die Augen und fürchteten sogleich eine die andere. „Wer bist du, Eindringling, an diesem Königslager?“ fragten die Augen der älteren — „was hast du gegen mich und warum siehst du mich so strenge an?4' die der jüngeren. Aber nur Sekunden währte dieses Forschen, dann winkte der Gesalbte seiner Pflegerin, sich zu entfernen, und Abisag verließ still das Gemach. Da wandte sich die Frau zu dem Bett, auf dem der Sieche lag, neigte sich und fiel vor dem Könige nieder. David tastete mit der Hand nach ihr und zog sie zu sich. Sie drückte die welke Rechte des Greises an ihre Lippen und netzte sie mit ihren Tränen, die plötzlich ihren Augen entströmten, als sie seine Schwäche und Hilflosigkeit erkannte. Der König aber sprach: „Was ist dir?“ Da rankte sie sich an ihm hoch und flüsterte dringend: „Mein Herr und Gebieter, du hast mir gnädig in einer Liebesstunde geschworen bei dem Herrn, deinem Gotte, daß Salomo, mein Sohn, sollte König sein nach dir und auf deinem Throne sitzen. Nun aber, mein Herr, siehe, nun ist eines anderen Weibes Sohn König worden, nämlich Adonija — und alles Volk jubelt ihm zu, doch du, mein König, weißt wohl nicht darum? Denn Ochsen und Schafe und viel gemästet Vieh hat der andere geopfert an dem Steine Soleleth und alle deine Sohne, seine Brüder, hat er dazu geladen und den Feldhauptmann Joab, und der Hohepriester Abiathar hat ihn gesegnet, aber Salomo, seinen Bruder, deinen Knecht, hat er nicht geladen!“ Sie ließ das Haupt tief herabsinken und schluchzte wild und verzweifelt auf. Der König war verwundert ob des Gehörten, aber es traf ihn nicht mehr allzu sehr, er war wohl schon zu abgeklärt, um des Irdischen noch viel zu achten, nur der Schmerz der geliebten Frau rührte ihn noch. Mild und beruhigend strich er mit zitternden Fingern über ihren Scheitel. Sie aber fuhr leidenschaftlich fort und umklammerte in Angst seine Kniee: „Sieh, mein Gebieter, die Augen von ganz Israel schauen auf dich., damit du ihnen sagest, wer nun nach dir auf deinem ThronujJeg. Platz einnehmen soll, denn wenn du, oh König, was Gott verhüten möge, entschlafen sein solltest, so werden Adonija und sein Anhang Salomo, meinen Sfdm und mich also hassen, über uns herfallen, meine Ene mit dir, mein Herr, wird dann eine schamlose sein und mein Sohn ein unehrlicher Wicht! Man wird uns beide töten und den Vögeln zum Fräße überlassen.“ Tief ließ sie das Haupt auf den Rand des Lagers sinken und verharrte so in schweigendem Jammer. Da löste sich der Vorhang vor dem Gemache des Königs und Nathan, der Prophet, trat ein — auch er fiel vor dem Gesalbten auf die Knie. „Was willst du?“ fragte David auch ihn und Nathan sprach: „Mein Herr König, hast du gesagt: Adonija soll nach mir König sein und auf meinem Stuhle sitzen?“ Und er erzählte noch einmal alles, wie es sich zugetragen und bestätigte damit die Worte des Weibes, das noch immer schluchzend lag und am Fuße des Ruhebettes das Haupt barg. Und der Prophet drang in den siechen Fürsten, seine Meinung zu sagen, oh er dem Adonija also befohlen und ob er nun seinen Sohn Salomo und dessen Mutter verstoßen wolle. Der König schwieg und Bathseba wartete angstvoll auf seine Entscheidung. Da fühlte sie wieder die Hand des Greises auf ihrem Scheitel und dann sagte die schwache Stimme: „Bathseba, so wahr der Herr lebt, der meine Seele erlöset bat aus aller Not, ich will heute tun, wie ich dir geschworen habe, bei dem Herrn, dem Gotte Israels, und geredet, daß Salomo, dein Sohn, soll nach mir König sein, und er soll auf meinem Stuhle sitzen für mich.“ Bathseba neigte sich noch tiefer zur Erde und sprach leise: „Glück meinem Herrn König David ewiglich!“ Er streichelte ihre weiche Wange und führ zärtlich über ihre schönen Augen, wie er so gern und oft in den Tagen junger Liebe getan, dann aber schickte er sie von seinem Lager und entließ die wehmütig Beglückte mit gnädigem Gruße — er hatte dem Propheten seine Anweisungen zu geben. Er ließ die Würdenträger sogleich zusammenrufen, die er sich und Salomo als treu ergeben kannte. Sie kamen alle auf des Königs Ruf — unter ihnen der Hohepriester Zadok und Benaja, der Hüter der Leibwache und viele andere von den Edelsten von Jerusalem. Und als sie nun um das Lager des kranken Fürsten versammelt waren, da befahl ihnen der König, Salomo, seinen Sohn, auf sein, des Königs, eigenes Maultier zu setzen, ihn gen Gihon hinab zu führen und ihn von Zadok und dem Propheten Nathan daselbst zum Könige salben zu lassen. Alle stimmten David erfreut uud begeistert zu. Alle diese würdigen Männer hatten den Wert des Königssohnes Salomo längst erkannt und freuten sich, ihn zum Fürsten über Israel krönen zu dürfen, an Stelle des flatterhaften Jünglings Adonija, und Benaja sagte: „Wie der Herr mit meinem Könige gewesen ist, so sei er auch mit Salomo, Amen!44 (Fortsetzung folgt.)