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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-01-14 · 2 (14.1.1927) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
2 (14.1.1927)
Date
1927-01-14
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Zum Ableben von Achad Hiram. 1 Aus Tel-Awiw kommt die erschütternde Nachricht, daß eine der ehrwürdigsten Gestalten deS modernen Juden-! tums, der grobe Denker. Mahner und Kritiker aller Ideen > geistiger und materieller jüdischer Soziologie, gestorben ist. 1 Mit tiefer Trauer mub man feststellen, daß das moderne Judentum immer ärmer an überragenden Persönlichkeiten wird. Die Groben sterben allmählich aus, und die Kleinen > bleiben übrig! Mit seltener Einmütigkeit feierten die Inden aller Parteien, aller Richtungen, aller Länder noch vor einem halben Jahre den 70. Geburtstag dieses einzigartigen Mannes. — Er war schon bei Lebzeiten zu jener geistigen, historisch bedingten Größe emvorgewachsen, die von der Atmosphäre der Kritik und Nörgelsucht nicht mehr erreicht wird. Das wehmütige Wort, das der größte Dichter an der Bahre eines seiner Lieblinge sprachen läßt: „Er war ein Mann ...! Ihr werdet nimmer seinesgleichen sehen!" trifft nun auf ihn zu. Bon den Propheten des alten Israel, deren ethisches Pathos und flammend-religiöse Inbrunst die darauffolgenden Jahrtausende nicht mehr erreicht haben, über die großen Kulturerneuerer und Erzieher, wie Maimonides und Mendelssohn, hinweg führt eine direkte — wenn auch absteigende — Linie zu diesem ungewöhnlichen Manne. Er hatte nicht den eifernden Zorn enttäuschter Liebe, die jenen Heroen aus der Frühzeit unserer Geschichte Unsterblichkeit verlieh, ihm war vom Schicksal nicht jenes allumfassende Wirken vergönnt, das die Großen der Uebergangsepoche zu geistigen We^cheideu machte. — Er schrieb auch in keiner Weltsprache, sondern seine Werke sind in hebräischer Sprache abgefaßt. Und äußerlich war er einer der stillsten und bescheidensten Menschen, die nur sprachen oder schrieben, wenn ihr Dämon, wenn unerbittlicher Zwang sie dazu trieb. Er war jedoch einer der fruchtbarsten und tiefsten Denker, die das Judentum je hervorgebracht hat! Und er war vor allem — ein Genie des Herzens! Eine seltsame alte talmudische Legende erzählt, daß, wenn ein Herz stillsteht, weil es zu voll von Liebe war, Gott diesen Ueberschuß an seelischer Wärme in Gestalt eines leuchtenden Gestirns am Himmel für alle Zeiten aufflammen läßt. Wenn das wahr wäre, so würde bei dem Tode dieses wundervollen Menschen ein ganz besonders heller Himmelskörper zu strahlen beginnen! — Denn Uscher Ginzberg hat an seinem Volke — im Rußland des vorigen Jahrhunderts konnte man noch von einem jüdischen Volk sprechen — mit einer überströmenöen Liebe gehangen, mit einer Jnbrnnst, deren nur ein ganz großer Mensch fähig ist. Und aus dieser brennenden Liebe heraus ist er der hervorragendste Kritiker aller jüdischen Bewegungen der letzten Jahrzehnte geworden, vor allem der schärfste Mahner dem Zionismus gegenüber. Uscher Ginzberg — er nannte sich mit seinem Schriftstellernamen „Achad Haam". d. h. ein schlichter Mann aus dem Volke — wurde am 5. August 1856 im Gouvernement Kiew als Sproß einer überaus angesehenen und wohlhabenden Familie geboren. Seine Jugendzeit verlief frei von jeder äußeren oder inneren Not. Auf dem großen Gute, das seinem Vater gehörte, erhielt er eine denkbar sorg- > faltige Erziehung. Diese harmonische Jugend erklärt auch I zum Teil die ungewöhnliche Vornehmheit und ruhige Würde ' seines Wesens, die manchen jüdischen Schriftstellern, die ihre Reifejahre in Kummer und Entbehrungen zubringen mutzten, abgeht. Aus dem Munde oder der Feder dieses Mannes ist wahrlich niemals ein Wort gekommen, das von Verbitterung gezeugt, verletzend oder herbasetzend hätte wirken * rinnen. Zn seiner Zeit — es sind die siebziger oder achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts — setzte die Sturmflut der antifepiitischen Bewegung in Rußland ein. Wüste Hetzen, Progrome, Metzeleien lassen in ganz Osteuropa das furchtbarste Mittelalter wieder anfleben und verhindern jede ruhige Entwicklung. Da fällt, wie ein Funke ins Pulverfaß, die von Herzl ausgehende zionistische Idee in die Seelen all' dieser unglücklichen und verzweifelten Menschen. Dieser Zionismus, aus schwerster Not geboren, wird eine große, leuchtende Sehnsucht; die Hoffnung, in Palästina die Wiedergeburt eines „jüdischen Staates" in die Wege zu leiten, wird der Leitstern einer begeisterungsfühigen Jugend. In diesen Jahren unruhigsten Werdens aab Ginzberg seine Zeitschrift „Haschiloach" heraus und veröffentlichte im Laufe von Jahrzehnten in hebräischer Sprache eine Reihe von Essays. die ohne jeden Zweifel zu dem Bedeutendsten und Tiefsten gehören, was in neuerer Zeit über Juden und Judentum geschrieben worden ist. Bon diesen Aufsätzen ging geradezu eine Renaissance der hebräischen Literatur aus. Die alte Sprache erlebte durch sie eine Art neue, klassische Periode. „Was für die Entwicklung der deutschen Sprache die Luthersche Bibelübersetzung, was für die der italienischen die Diviua Comedia, das ist für die neuhebräische die Publizistik Haams", schrieb in richtiger Er- Aron Isak. Eine Lebensgeschichte. Bearbeitet von D r. B. S ch i d l o f. (4. Fortsetzung.) Um nun aus meine frühere Angelegenheit wieder zurückzukonnnen. die vier Wochen, die mir das Embetskollegium bestimmt hatte, waren verflossen. Ich ging mit meinem Advokaten wieder hinauf, um ihre Entscheidung zu hören, aber sie wiesen uns wieder ab. sie hätten noch keinen Beschluß gefaßt. Ich sollte in vierzehn Tagen wiederkommen. Mein Advokat sagte mir, nun gehe er nicht mehr mit hinauf, ich wisse nun allein den Weg. Wenn ich eine Entscheidung bekäme, sollte ich sie ihm bringen. Ich lief gewiß noch vier Wochen hin. ehe ich die Entscheidung bekam. Die war sehr kurz: Wir erlauben Dir nicht. Deine Religion hier im Lande auszniiiben. viel weniger, einen Nahrungszweig zu betreiben. Unterschrieben war: Karl Sparre. Ich war nicht wenig erschrocken, ging damit sogleich zum Oberstatthalter und beklagte mich: „Sie haben mir versprochen, zu helfen, und nun geben Sie mir einen solchen Bescheid." „Ich muß dir das alles deutlich erklären." sagte der Oberstatthaltcr. ,^ch bin der Präsident dieses Gerichtshofes und muß alle seine Entscheidungen unterschreiben, ivas sie auch beschließen. Aber dabei bleibt es noch nicht. Du mußt weitergehen, du kannst deinem Advokaten sagen, daß er bei dem HallrättenZ Berufung Anlegen soll." Ich lief sogleich zum Mvokaten. Er brachte eine Schrift ein. es dauerte ungefähr vier Wochen, da bekam ich die gleiche Entscheidung wie vorher. Ich ging also damit wieder zum Oberstatthalter und beklagte mich wieder über seine Unterschrift. „Wenn Ew. Exzellenz nichts anderes können, als unterschreiben, was die rcsolvieren. ia dann sehe ich. daß ich nichts ausrichten kann. So will ich lieber mein Gevd sparen und wieder nach Hanse reisen." „Du bist sehr hitzig." sagte er und lächelte. „Es ist noch J) Steuer- und Stempekarnt, dem aber auch Gewerbekcscheinigungcn unterstanden. kenntnis Ende der neunziger Jahre der Ordinarius für semitische Sprachen an der Berliner Universität. Prof. Strack. WaS sind nun die wichtigsten Ideen dieses großen Denkers? — Ginzberg war ein an Darwin geschulter Soziologe, der sich alle neueren Erkenntnisse in bezug auf soziale Entwicklung angeeignet hatte. Er war durch und durch Evolutiontst. Den Begriff der historischen Entwicklung hatte er logisch erfaßt, zum Angelpunkt seiner Weltanschauung gemacht und ihn mit dem Mute des unbestechlichen Wahrheilssuchers auf das Judentum unserer Zeit, vor allem auf die zionistische Bewegung, angewandt. Im Leben der Völker gibt es keine gewaltsam inaugurierten Veränderungen. Nur Produkte steter und harmonischer Entwicklung sind lebensfähig. Immer wieder betonte er. daß die Größe und Stärke des antiken Judentums in der Kraft der ihm innewohnenden sozialen Ethik begründet gewesen sei. in der Fähigkeit, das einzelne kleine Ich zugunsten des Ganzen zu opfern. Achad Haam hat in zu Herzen gehender Weise verkündet, daß es keinen Zweck habe, in Palästina die Errichtung eines neuen jüdischen Staates zu versuchen, bevor nicht eine Renaissance der Herzen in langem, historisch-berechtigten Werden angebrochen sei. Aus diesem Streben nach eine'- geistigen Regeneration, nach einer Erneuerung der Herzen, nach dem Aufkommen eines jungen jüdischen! Idealismus heraus, der wie eiu Völkerfrühling erst alle! Keime zur Blüte bringen sollte, stellte er die Forderung 1 nach einem rein geistigen, nach einem Kultur-Zionismus, der mit dem realen, polittschen vorläufig nichts zu tun haben, und Ziel und Mittelpunkt für eine vernünftige, nicht überstürzte Bewegung sein sollte. Diese geistige Nengeburt, die nur das Ergebnis und Werk langer Zeitläufte sein könnte, sei viel wichtiger als „durch Anpreisung der Ren, Labilität der palästinensischen Kolonisation und durch gefärbte rosige Berichte die Zionsfreunde anzulocken". Wie ein roter Faden zieht sich die Propagierung dieser Gedanken durch das gesamte Schaffen Haams. An der Größe und Reinheit seines Wirkens, das vor allem in Polen und Rußland reiche Früchte trug, ändert es nichts, daß er in wichtigen Puukteu irrte. Er hat, wenn er vom Judentum und jüdischen Interessen sprach, immer nur „das Volk", wie er es im Osten sah und tagtäglich erlebte, vor Augen gehabt. Er hat nicht berücksichtigt, daß im westlichen Europa sich das Judentum aus einem Attribut der nur physischen Volkheit längst zu einem rein geistigen Komplex und zur fortwirkenden reinen Idee emporentwickelt hatte. Für die breiten Massen der mit der westlichen europäischen Kultur unlöslich verbundenen und aus Gedeih und Verderb seit Jahrhunderten mit ihrem Vaterland verwachsenen Juden wird der „Kulturzivnismud" dieses großen Anregers nie die Bedeutung erlangen können, die er für seine von Haus und Hof vertriebenen Landsleute, die durch ihn vielfach zu reinen Idealisten wurden, besessen hat. Ja. viele von Haams Ideen, von denen die meisten scheinbar praktischen, doch stets nur wundersame Phantasmagorien bleiben werden, waren zum Teil gefährlicher, als die Theoreme des politischen Zionismus. Denn diese lieferten ihre Anhänger nur der Gefahr aus, ihre physische Existenz zu verlieren, und nach grausamsten Enttäuschungen wieder die Nutzlosigkeit ihrer I Bestrebungen einsehen zu müssen. Aber die Sehnsucht der I Achad Haam'scheu Anhänger batte einen fast religiösen! Charakter angenommen. Für sie bedeutete der Schiffbruch geradezu eine Zerstörung ihrer Seele. Es ziemt sich nicht, an der Bahre Ginzbergs auf das Sterbliche an ihm hinzuwetsen. In seinen Büchern und Briefen werden alle Probleme, die uns Juden am Herzen liegen, in der sesselnsten und geistvollsten Art behandeln. Bon jeher haben sich manche großen Jrrtümer als fruchtbarer und segensreicher erwiesen, als kleine Wahrheiten! Auch von Achad Haam wird dereinst einmal das Wort gelten, das Nietzsche auf Schopenhauer prägte: „Was er lehrte, ist abgetan, was er lebte, wird bleiben stahn!" Uscher Ginzbergs Werke sind in älle Kultursprachen übersetzt! — Bücher machen den Menschen weder gut noch schlecht; aber etwas besser oder etwas schlechter machen sie ihn doch! — Kein Mensch — wer eS auch sei — wird Achad Haam lesen, ohne dadurch etwas besser und klüger zu werden! ...... Dr. Ludwig Davidsohn-Berlin. Zum Gedenken an Dr.Moses Friedländer Am 22. Januar 1927 ist ein Jahrzehnt seit dem Tage vergangen, an welchem Dr. Moses Friedländer, ehemaliger Generalsekretär der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, im Alter von 4a Jahren im Weltkriege den Heldentod bei Armentiöres erlitt. Treueste Hingabe an seinen Stammesglauben paarte sich bei diesem Menschen von selten edlem Charakter mit glühender Vaterlandsliebe, die ihn freiwillig zu den Fahnen drängte, aus dem glaubensstarken Gefühl, als Jude nicht in den Reihen derer zu fehlen, die in schlimnicht alle, du mußt nur Geduld I-aben. Nun mußt du beim Magistrat einkvmmeu, wir wollen hören, was die sagen." Ich ging zu meinem Advokaten und erzählte ihm. was mir der Oberstatthalter gesagt habe. Der Advokat schüttelte den Kopf. „Ja der Magistrat! Tic am Magistrat werden auch nichts Besseres machen." Ich machte also eine Eingabe, lief zu allen Neichsräten, die versprochen hatten, mir zu Helsen. Sie antworteten, der Oberstatthaltcr könne viel tun, sic selber aber könnten bei diesen Behörden nichts tun, denn da sei der Oberstatthaltcr Präsident. Karne es aber vor ihr Konsilium, so würden sie alles mögliche tun. Und sie gaben mir guten Trost Ich wartete acht Tage und ging hernach zum Magistrat. Ich brauchte nun meinen Advokaten nicht mehr mitzunehmen. Ich ließ mich melden und bekarn zur Antwort, ich solle ein wenig warten. Endlich, da ich ein paar Stunden gewartet hatte, kam einer zu mir heraus, fragte mich, wo ich wohne, schrieb meine Adresse auf und sagte, ich brauchte nicht früher herzukommen. bis man nach mir schicken würde. Damit ging ich nach Hause. Ich war aber bei allen Herrschaften hoch angesehen. Meine Arbeit wurde gerühmt als die des größten Künstlers der Welt. Ich hatte viel Verkehr mit Juwelieren, besonders mit I dem guten braven Mann, Herrn Suter. Herrn Willkom und auch Herrn Wilhelmson. Tic waren meine guten Freunde und wußten alle, daß ich gerne hierbleiben wollte. Ich hatte überhaupt viele gute Freunde: alle, die mich kannten, waren mir sehr gut gesinnt. Endlich wurde ich zum Magistrat aufs Rathaus bestellt. Ein Ratsherr, der kurze Zeit darauf Bürgermeister wurde, kam auf mich zu. Es war ein Herr Flvdin. ein gelehrter Mann, der viele Sprachen sprechen konnte. Er war sehr liebenswürdig, kam dicht zu mir heran und sagte zu mir deutsch: „Mein lieber Herr Aron. Sie haken eine Eingabe an den König gemacht, daß Sie hier wohnen wollen. Wir haben auch älle Ihre Empfehlungsschreiben eingesehen mtö daraus entnommen, daß Sie einen ausgezeichneten Ruf als ehrlicher Mann und auch als Künstler haben. Wir glauben auch, daß sich alles so verhält, wie Ihre Zeugnisse es bestätigen. Der König selbst wünscht, daß Sie hier bleiben möchten, schon deshalb, weil wir in ganz Schweden keinen Steinschneider haben. Aber die Sache liegt so, daß es mer Zeit das Vaterland schützen halfen. Einmal war eS ihm damals noch vergönnt, im Nniformrock sich seiner Familie und seinen Mitarbeitern bei der jüdischen Gemeinde zu zeigen. Nur zu bald erreichte die traurige Nachricht von seinem Tode vor dem Feinde seine Familie und seine Freunde in der Heimat. Nach erfolgter Ueberführuug der Leiche gestaltete sich die Bestattung aus dem Friedhöfe in Weißensee, wo er im Ehrenseld ruht, zu einer ergreifenden Feier, die jedem Teilnehmer unvergeßlich bleiben wird. Moses Friebländer entstammte einer angesehenen Familie in Posen, wo sein Vater sich ehrenamtlich in der jüdischen Gemeinde betätigte. Der Verstorbene war ein modern denkender Jude trotz oder vielletcht gerade wegen seiner umfasienden jüdischen Bildung und Gelehrsamkeit. Höchste Wahrhaftigkeit gegen sich und ein rastloser Arbeitseifer, in dem er sich nie genug tun konnte: das waren die beiden Pfeiler seines Wesens, das durch schlichte Menschlichkeit jeden anzog, der mit ihm in Berührung kam. Bor seiner Berufung zur Verwaltung der Jüdischen Gemeinde Berlin war er am Reichenheimschen Waisenhause und an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums tätig. Der jüdischen Gemeinde hat er an erster Stelle als Generalsekretär hingebungsvolle Dienste geleistet und manche Nacht sah ihn in treuester Pflichterfüllung an der Arbeit im Verwaltungsgebäude der Gemeinde. Schon in jenen Zeiten vor der staatlichen Umwälzung bewies er als fortschrittlich gesinnter Mensch Verständnis für die Forderungen der Beamten und hat sich Anträgen in dieser Richtung nicht verschlosien. Er starb nicht nur für seine Angehörigen zu früh. Wer Gelegenheit hatte, dem leider in so jungen Jahren Dahingeschiedenen jemals näher zu treten, wird ihm über seine Ruhestätte hinaus dauerndes Gedenken bewahren! Der Jockey auf dem Musenroß. Bon Dr. Hugo S p i e g l e r. Die Philosophie des in Deutschland naturalisierten Eng, länöers Houston Stewart Chamberlain, dessen Tod die Tagespresse meldet, schreibt sich direkt von den englischen Rennställen her. Es ist müßige Spielerei, den Verfasser der „Grundlagen des 19. Jahrhunderts" als. den Jünger Gobineaus zu etikettieren. Denn die geniale Intuition des französischen Begründers der Langunö Kurzschädelthcorie schrie nach einem Ausbau auf wissenschaftlichempirisch er Basis. Alle wirklichen Großtaten der Wisienschaft nehmen ja diesen Weg: am Anfang ist das Wort des schöpferischen Genius, dann folgt die pedantische Kritik des fachmännischen Mißtrauens und schließlich der Triumph der Idee im Zeichen ihrer praktisch-handwerksmäßigen Erprobung und Weiterführung. Der Entdeckung Gobineaus mar dieser natürliche Entwicklungsgang nicht beschieden. Seiner Rassentheorie ist die wisse ns ch a f t l i ch e Approbation bis zur Stunde versagt geblieben. Obwohl vielleicht noch keine Hypothese die Geister so an-, ja, aufgeregt hat, wie die von Gobineau in die an revolutionären Umstürzen nicht gerade arme Naturwissenschaft geschleuderte. erwies sich die Sache, wie von ernst zu nehrnenden Forschern immer wieder betont wird, als ein Fiasko. Daß sie schließlich doch einen grotesken Triumph erlebte, verdankt sie der liebevollen Zärtlichkeit, mit der sich ihrer der D i l e t t a n t i ö m u s annahm. Houston Stewart Chamberlain bekannte sich mit schönem Stolze als D i l e t t a n t. Er wußte, daß die Schaumschlägerei ihren Mann ernährt, und hatte den anerkennenswerten Mut, sich offen zu diesem Handwerk zu bekennen. Und während die heimtückisch verlogene Charlatanerie früher oder später dem todbringenden Fluche der Lächerlichkeit verfällt, hat die Offenherzigkeit Chamherlgsins diesem so sehr das allgemeine Vertrauen erworben, daß man ihm — nicht glaubte! Nämlich die Selbstdeklarierung als Dilettant! Alles andere, was er sagte, hat man ihptz.geglaubt. Die es nicht taten, schrieben sich, angetan mit dem Rüstzeug der Wissenschaft, die Finger wund. Ihre Werke modern in den Stellagen der Bibliotheken. indes der Schaumschläger allgmeinen Zulauf fand. Denn der Schaum mundet den Gaumen und verkleistert die Gehirne. Darum gehört dem Schaumschläger die Welt. Arm in Arm mit ihr fordert er sein Jahrhundert in die Schranken, das Jahrhundert, dessen Grundlagen der Erfolg seines Werkes noch in einem viel tieferen Sinne bloßgelegt hat, als es das Werk selbst vermocht hat. Chamberlain hat von Gobineau bestenfalls die Terminologie entlehnt. Aber den Geist seines Werkes hat er aus anderen Regionen bezogen, aus einem Milieu, das jedem Engländer auch ohne wissenschaftliche Prätentionen vertraut ist: dem Milieu der nationalen Pferdezucht. Man weiß, welche Bedeutung dieser Zucht im öffentlichen Leben Großbritanniens zukommt, und daß die Stammbäume der edelsten Rasse der Londoner Jugend geläufiger sind als die Lebens, daten Shakespeares. Jedenfalls ist es im dreieinigen Königreiche ganz ausgeschlossen, daß ein mit dem blauen Bande des Derbysiegers geschmückter Hengst sich eines Tages so. unmöglich ist, denn Sie sind jüdischer Religion. Nun will ich Ihnen Nachweisen, was unsere Gesetze uns vorschreiben." Er hatte ein altes Buch in den Händen, daraus las er mir jetzt auf deutsch vor. Er übersetzte gleich ans dem Whwcdischen ins Deutsche: „Wenn ein Jude zu Schiff in unser Reich kommt und das Schiff hat Schiffbruch gelitten, daß es repariert werden muß, fo soll dieses Schiff den Vorzug haben, als erstes repariert zu werden, damit der Jude aus dem Reich komme. Sollte ein Jude zu Wasier Herkommen und krank werden, so soll man ihm einen tüchtigen Arzt schicken, um ihm von seiner Krankheit zu helfen, damit er bald aus dem Reich komme. Kein Jude darf hier etwas kaufen oder verkaufen. — Nun", sagte er zu mir. „sehen Sie, daß sind unsere Freiheiten." „Das ist Freiheit?" sagte ich. „O. welch' eine schlechte Freiheit für das menschliche Leben!" Er w-a>r weiter sehr liebenswürdig und meinte: „DaS rst aber nun einmal so, und so lange die Welt steht, hat kein Jude im schwedischen Reich gewohnt. Wir -haben nun beraten, wie wir Ihnen gerne helfen wollten, schon weil der König wünscht, daß Sie hierbleiben. Als Jude ist cs aber nicht möglich, denn es wäre gegen unsere Gesetze. Wollen Sie sich aber taufen lassen, so sollen Sie sogleich umsonst das Bürgerrecht bekommen und eine zelinjährige vollständige Steuerfreiheit. Bedenken Sie, daß so etwas noch nie ein Mensch bekommen Hai, und sagen Sie uns in acht Tagen Bescheid." „Liebster Herr," sagte ich. „ick brauche keine Bedenkzeit Niemals werde ich meinen Glauben ändern, nicht für alle- Geld. Dazu bin ich nicht hergekommen, um meine Religion zu verkaufen oder zu vertauschen. Ich werde meine Religion, durch die ich denke selig zu werden, niemals verleugnen." Er hörte mir ruhig zu und sagte dann: „Wir missen nicht ganz genau, was die jüdische Religion ist und wodurch Sie selig zu werden hoffen." „Ich bin kein gelehrter Mann." sagte ich, „und hier ist nicht der Ort, die ganze Religion zu erklären. Aber der Grundsatz unserer Religion ist, Gott zu fürchten und seine Nächsten zu lieben. Dieses gedenke ich heilig zu Haller^ soviel es in meinen Kräften steht."

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