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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-01-14 · 2 (14.1.1927) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
2 (14.1.1927)
Date
1927-01-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Eng verknüpft mit Len Aufgaben der BeruffSumschichtnng sind auch die Aufgaben üer Berufsberatung. N!an hat leider Len Eindruck, als ob auf diesem Gebiete die Tätigkeit der jüdischen Organisationen und Gemeinden noch nicht genügend ausae-baut ist. Die jüdische Gesamtheit hat die Pflicht, bei der Berufswahl rsgebaut ist. D bei der Berufdische Gesamtheit hat die Pflicht, bei der Berufswahl lyrer ^ntgiteoer mrtMpreeyen. Sie oars nicht «arten, ob bzw. bis sie gefragt wird, sondern sie muß von sich aus Vorgehen, damit die Zayl derer, die ihr bei Krisen aus Vorgehen, damit die Zayl derer, die ihr bei Krisen einzelner Berufszweige zur Last fallen, möglichst gering ist. Sie hat hier ein Tätigkeitsfeld, aus dein sie sowohl die Interessen des Einzelnen als auch die Interessen der Gesamtheit, die hier gleichlansen, ivahrnehmen kann. Sie wird hierdurch auch die Möglichkeit haben, das Band, das den Einzelnen mit der Gemeinschaft verknüpft, enger zu gestalten. Jüdische Wirtschastsführer, jirdische Erzieher, jüdische Eltern, jüdische Organisationss'ührcr und Jugendliche sollten sich einmal zusammentun, um die hier erörterten Fragen eingehend zu beraten. Zeit ist es. U'nd die Entwicklung des deutschen Wirtschaftslebens sowie die Berufsschichtung der deutschen Juden macht diese Beratung zum dringenden Gebot der Stunde. Die Siedlungsaktion des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten. Im Zusammenhang mit der Siedlungsaktion des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, über die wir bereits berichteten. wird uns noch mitgeteilt: Zu gleicher Zeit mit den im Rheinland stattsindenden großen Versammlungen, in denen Herr Domänendtrektor Dyk. der bekannte Agronom und Sachverständige auf dem Gebiete des Siedlungswesens, sprechen wird, werden in Bayern und Württemberg in sechs Orten, und zwar in Augsburg, München, Ulm a. d. Dosse, Stuttgart, Würzburg und Regensburg, große Versammlungen abgehalten, in denen Herr Rittergutsbesitzer Sandelowsky die Notwendigkeit der Änsiedlung deutscher Juden auf deutschem Bosen darlegen wird. Der Reichsbund jüdischer Fronstoldaten hat sich als fachmännisch-technischen Leiter der landwirtschaftlichen Aktion Herrn Domänerrdirektor Dyk gesichert. Hervorragende Sachverständige stehen ihm zur Seite, so die Herren Rittergutsbesitzer Moste und Sandelowsky. Es ist ein Aufsichtsrat gebildet worden, dem namhafte Persönlichkeiten bereits angebören. Zu den Versammlungen sind sämtliche jüdische Vereinigungen, Körperschaften uns Persönlichkeiten eingeladen worden. Es sind Einladungen ergangen an sämtliche jüdischen Landwirte der Umgegend. Rabbiner, Lehrer, Vorsitzende und Vereinigungen, so daß mit einer Teilnahme aller Gemeindekveise an den Versammlungen gerechnet werden kann. Die Versammlungen dienen der Schaffung eines großen Gutes, an dessen Peripherie unter Leitung eines Zentralbetriebes geeignete Mische Landwirte auf Grund des Reichösiedlungsgesetzes zur Scholle gebracht werden können. Für die Sicherung der Rentabilität des Unternehmens sind alle Wirtschaftlichen Maßnahmen getroffen. Ein journalistisches Doppeljubilämn. In der Dezembernummer 1899 erschien an der Spitze üer «Mitteilungen des Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde zu Berlin" eine geschichtlich-programmatische Abhandlung: «Der Liberalismus im Judentum", der mit Alexander von Humboldts Worten begann: «Jahrhunderte sind Sekunden in dem großen Entwicklungsprozeß der fortschreitenden Menschheit. Die ansteigende Kurve hat aber kleine Einbiegungen, und es ist gar unbequem, sich in solchem Teile des Niedergangs zu befinden." «Die Juden in Deutschland." so hieß es im Anschluß au siesen Ausspruch Humboldts, «und nicht nur in Deutschland, befinden sich in solchem Teil des Niedergangs, nicht des Niedergangs der eigenen Entwicklung, sondern des politischen, sozialen, gesellschaftlichen Lebens, des Volkes, als dessen Bestandteil sie sich fühlen. Die deutschen Juden fühlen sich als Deutsche: sie wollen freudig ihre Pflichten gegen das Vaterland erfüllen: sie haben willig für Deutschlands Ehre und Freiheit Gut und Blut eingesetzt: wo immer der Ruf an die Ovferfreude der Bürger ergeht, werden die deutschen Juden hinter den Mitgliedern keiner anderen Religionsgesellschäft zurückstehen. Und dennoch werben sie heute wieder von Hunderttauserrden offen, von Millionen stillschweigend als «Fremde" behandelt: trotz der gesetzlich gewährleisteten Gleichberechtigung werden sie vielfach mit anderen Maßen gemessen als ihre christlichen Mitbürger: der Judenhaß regt sich mächtig wie in den dunkelsten Zetten des Mittelalters, wenn er auch gezwungen ist. sich aemeinhtn in anderen Formen zu entladen als in Totschlag, lustreibung und Brandschatzung . . ." So geschrieben im de si&cle! Doch der Aussatz schloß nach der Darlegung der Grundsätze des Liberalismus, das Judentum könne stolz und siegessicher dem neuen Jahrhundert seinen Gruß entbieten. Der Verfasser dieser Abhandlung und deS ihr angefügten Aufsatzes «Gedanken eines liberalen Juden" war später eine Reihe von Jahren Mitglied der Rc - präsentanten Versammlung der Jüdischen Gemeinde und gehörte hier der liberalen Fraktion an. ES ist der auch unseren Lesern und Abonnenten als unser Mitarbeiter rühmlichst bekannte Dr. iur. I. Levy. der in diesen Tagen ein doppeltes Jubiläum feiern kann: Am 18. Januar ist er volle 40 Jahre Redakteur der ,,Bos fischen Zeitung": am 15. Januar vollendet er sein 75. Lebensjahr. Journalisten sind Leute, die ihren Beruf verfehlt haben, versicherte einst Bismarck. WaS manchmal auch von Reichskanzlern gilt, vor allem von BtSmarck selbst, der nicht einmal das Assessorexamen gemacht hatte. Also: Der junge Kaufmannssohn aus Schippenbeil tu Ostpreußen. wo nicht lange vorher sich die Wölfe Gute Nacht gesagt hatten, sollte eigentlich alles eher als Zeitungsschreiber werden. Zunächst jedoch sollte er etwas lernen, deutsch und — jüdisch. Deshalb wurde er auf bas Gymnasium in Rastenburg geschickt, ungefähr in der Zeit, als Arno Holz dort geboren ward, und kam zu einem Kultnübeamten Lesserin Pension, der ei» nicht übler Lehrer und Prediger war. Er hatte auch Witz. Denn als er von einem christlichen Zeitgenossen als Schächter angerebet wurde, erwiderte er schlagfertig: «Schächter bin ich. wenn ich vor dem Ochsen stehe." Nach einem halben Dutzend Jahre mußte ein Beruf gewählt werden. Gut. Jurist. Ostern 1870 sang der Bruder Studio in Königsberg: «Frei ist der Bursch." Und ward Burschenschafter. Denn der Arterparagraph war dazumal noch nicht erfunden. Juden wurden sogar Reserveleutnants. So in der Stabt der «reinen Vernunft" z. B. der spätere Justtzrat Gutfelü und der nachmalige Geheime Justizrat und Lanögerichtsrat Jacob Meyer. Vom Pregel ^eS an den grünen Strand der Spree: der Kulturkampf dem Rechtskandidaten juckten die Finger, und er begann zu schreiben. Feuilletons. Leitartikel» Gedichte, was just die Forderung des Tages war. — Und alles fand in heimischen Blättern willige und Honorarlose Aufnahme. Worauf eines Tages der Leiter der Hartungfchen Zeitung bei dem jungen «Ritter vom Geist" in Berlin erschien, mit der Einladung, sofort mitzukommen und in Königsberg in die Redaktion einzutreten. Der erste April 1874 ist mithin der Gchickfalstag. an dem der Beruf endgültig verfehlt wurde. v Ein paar Jahre und ein paar Statiouen weiter, und Leopold Ullstein hatte einen neuen Chefredakteur für seine „Berliner Z e i t u n g", der Vorläuferin der heutigen «B. Z. am Mittag", entdeckt. Gerade als die «Berliner Bewegung" aufkam und Herrn GtöckerS Weizen üppig in die Halme schoß. Es war die Zeit der autographierten Strafanträge und üer Aussöhnung des Eisernen Kanzlers mit den früheren «Deklaranten". Es dauerte noch lange, ehe Bismarck über „Stöckeret und Muckerei" öffentlich den Stab brach. Unterdessen aber mußte der berufsmäßige Berufsverfehler drei Monate in Plötzensee «blauen Heinrich" schlürfen und ein halbes Jahrzehnt fern von Berlin und Brausewetter (dem zu spät als geisteskrank befundenen Staatsanwalts die freundlichere Luft des gastlichen Auslandes einatmen. Doch ein jegliches Ding hat seine Zeit, und am Ende ging auch das ahasverische Exil zu Ende, dieweil Fürst BtSmarck sein Herz erweichen ließ und aus Rücksicht auf den greisen Schwiegervater des unbekehrten Sünders den Strafantrag zurückzog. wonach der Steckbrief aufgehoben wurde. Friede, Freude, Einigkeit! Nur daß bald nach der Heimkehr des Flüchtlings der Streit um das Septennat auSbrach! Die „Berliner Zeitung" war nicht ins Regierungslager übergegangen, und die anderen zahlreichen Blätter tu der Provinz, die der Journalist mit Leitartikeln versorgte, ebenso wenig, und er selber ganz und gar nicht. Und da begab es sich, daß der Abgeordnete Dirichlet, der die meisten politischen Aufsätze der „Bossischen Zeitung" verfaßt hatte, plötzlich starb und wenige Tage vor Auflösung des Reichstags und Beginn des Wahlkampfes schleuniger Ersatz benötigt wurde. Und so kam es, daß — am dreizehnten Januar 1887 in dem äl test en Blatt der Reichshauptstadt der e r st e Leitartikel aus der Feder des Dr. iur. I. L e v y erschien. Im Jahre 1904 ist das große I ub i l äu m s w e r k: «Die Bo ssische Z e itung. geschichtliche Rückblicke" erschienen. Darin steht von Dr. Arend Buchholtz, damaligen Direktor der Berliner Stadtbibliothek, als Autor, folgender Passus zu lesen: «Seit dem Eintritt Leons in die Redaktion der „Bossischen Zeitung" bat es keine Frage der auswärtigen oder nationalen Politik gegeben, die er nicht mit der unerläßlichen Bestimmtheit in ihr erörtert hätte, und jederzeit ist es auch die sprachlich vollendete Form seiner Leitartikel gewesen, die einen weiten Leserkreis gefesselt hat. Der Verfasser des vorliegenden Werkes erinnert sich einer vor vielen Jahren über die „Bossische Zeitung" mit Kurd von S ch l ö z e r geführten Unterredung. Schlözer war kurz zuvor von seiner langen diplomatischen Odyssee, die ihm seine staatsmännische Kunst auch jenseits des großen Wassers zu bewähren vielfach Gelegenheit gegeben batte, in sein von Jugend auf geliebtes Berlin zurückgekehrt. Er war ein regelmäßiger Leser der „Bossischen Zeitung" und so oft er auch mit seiner politischen Meinung ihr Gegner war, so war er immer voll Staunens über das ungewöhnliche publizistische Geschick, womit Levv die leitenden Artikel schrieb, und dieser aufrichtigen Anerkennung gab er bei jener Begegnung einen in gewohnter ursprünglicher Art lebhaften Ausdruck" ... * * An selbständigen umfänglichen Arbeiten von Leon. zum geringeren Teil unter seinem eigenen Namen, zum gröberen Teil unter Decknamen, sind erschienen und in weite Kreise gedrungen: „Schwarz-Rot-Gold", „Waldeck". Revolutionäre in alter Zeit", Biographien Engen Richters und Ludwig Loewes. Auf Grund seiner politischen Tätigkeit wurde er auch in die Berliner Stadtverordnetenversammlung gewählt, der er vom 1. Januar 1906 ab bis nach Kriegsende angehörte, um alsdann freiwillig auszuscheiden. Ein erheblicher Teil seiner Arbeit galt nach wie vor dem Kampfe gegen den Antisemitismus wie früher. Gegen die Lievermann von Sonnenberg, Pickenbach, Ruppel, Ahlwardt, gegen den Assessoren Paragraphen, die Zurücksetzung der Juden im Notariat, i lt der Verwaltung, in der A r m e e. in den Professuren, gegen den Verein deutscher Studenten, gegen die Nitualmordschwindl e r. gegen die Unduldsamkeit „ch r i st l i ch e r" Freimaurerlogen ehedem, so neuerdings gegen die Dinier. Hitler. Gräfe und andere völkische R a s s e n s ch n ü f f l e r. gegen die „deutschnationalen" Nachfahren der Geburtshelfer des alten „Tivoli-Programms", gegen E r n st von W o l z o g e n s neue schmähliche Romane zur Verunglimpfung der Juden, gegen Wilhelm II. Episteln wider Jehova und das Alte Testament, gegen den groben Unfug üer „Weisen von Zion", gegen die Mordhetzc wider Walter Nathenau und die Seinen, kurz gegen die ganze Deutschland schändende Hakenkreuzerei. Hervorzuheben unter den größeren Arbeiten auf eben diesem Gebiet sind eine Abhandlung, dereinst erschienen in der von Rabbiner Dr. Rahm er herausgegebenen „Israelitischen Wochenschrift" in Magdeburg: «W i c K a u l b a cb s Peter A r b u e z e n t st a n d". eine D arst ellun g der mittelalterlichen Judenverfolgungen mit besonderer Berücksichtigung Bayerns, ferner „Die Juden und der Freiheitskrieg 1818", ein Vortrag, gehalten am 8. März 1913 iil der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums. „Fichte und die Jude n". erschienen im Philo-Berlage, „I uden haben keinen Zutritt", eine Flugschrift, die mit Moritz H a r t m a n n s Versen über die I u b e n r i e ch e r und die Prügelknaben der Nationen beginnt und mit Johannes Trojans Versen schließt? ..Ich habe manchen Juden gekannt. Den ich voll christlichen Sinnes fand. Und bin mit manchem Christen gewandelt, Der „jüdisch" an mir hat gebandelt. Gort, denk ich. sieht bei einem Mann Das Herz mehr als die Nase an." Auch daö umfangreiche Vorwort zur neuen, 1625 veranstalteten Ausgabe der Schrift: „Was ist national?" von Professor Dr. Moritz LazaruS rührt von Levy her. Er schließt mit den Worten: «Seid guten MutS und — wehret euch!" ES klingt wie eine Fortsetzung des Aufsatzes vom Dezember 1899. Die weiteren in Zeitschriften veröffentlichten, dem Judentum zu Schutz und Trutz, will sagen, der Gerechtigkeit gewidmeten Aufsätze des Verfassers sind zu zahlreich, als daß sie aufgezählt werben könnten. * _ * Ein Beterau der deutschen Publizistik und gleichzeitig des jüdische» Stammes, den der jüdische Dichter Richard Beer-Hofmann so treffend als den «Prügelknaben Gottes" bezeichnet hat. Ein Veteran, den Jahren und der Lebensleistung »ach, gewiß. Aber einer von jenen patrizischen Patriarchen, die sich die Regsamkeit des Kopfes auch «och im biblischen Alter bewahrt haben, und denen mit Fug nachgesungen werden kann, nein: muh: «ES glühte seine Wange rot und röter Bon jener Jugend, dte uns nie entflieht. Von jenem Mut, der, früher oder später, Den Widerstand der stumpfen Welt besiegt. Von jenem Glauben, der sich stets erhöhte Bald kühn hervorbringt, bald geduldig schmiegt. Damit das Gute wirke, wachse, fromme, Damit der Tag den Edlen endlich komme." Deutsche und Inden dürfen sich stolz berühmen: „Den» er ist unser." Wir aber grüßen und beglückwünschen uns zu diesem unserem Mitarbeiter und hoffen, daß sein freudvolles und sieghaftes Kämpfertum unS und unserer Sache noch lange erhalten bleiben möge. Anmerkung der Redaktion: Dr. Levy wird, um in seinen ho-hen Jahren nicht möglichenfalls schädlichen Anstrengungen auSgesetzt zu sein, die Ehrentage nicht in Berlin, sondern irgendwo in der Umgegend im engsten Kreis seiner Familie verbringen. Unsere Gedanken und Wünsche werben nichtsdestoweniger mit und bei ihm sein. Was gehl in Litauen vor? Es ist noch nicht lange her, als eine der bedeutendsten Berliner Tageözettungen im Zusammenhang mit üer Revolution in Litauen von Pogromen gegen Juden berichtete. Diese im Kampfgetümmel politischer Leidenschaften auSaestreute Meldungen haben sich als nicht richtig erwiesen. Was ist in Litauen geschehen? Wie ein Blitz aus heiterem Himmel ist die alte, links gerichtete Regierung gestürzt, die Fackel der Revolution inS Land geschleudert und eine Militärdiktatur errichtet worden. Der drohende Bolschewismus in Litauen wird von dieser Putschregierung zur Begründung der von ihr gemachten Revolution angeführt. ES ist aber kein Geheimnis bei all denen, die über die Lage orientiert sind, die aber infolge des Kriegszustandes nichts verbreiten dürfen, daß dte eigentliche Ursache der Revolution in der Unzufriedenheit und in dem Machthunger des Militärs zu finden ist. Es liegt nahe, anzunehmen, daß eine derartige Militärdiktatur bei der zweifellos vorhandenen antisemitischen Gesinnung der höheren Militärs und Beamten keine judenfreundlichen Auswirkungen haben würde. Sieht man von der Erschießung der vier K o m m u n i ft c it ö fc, unter denen sich ein Jude befand, der als ein Opfer feiner UeVcrzeugung mit drei gleichgesinnten Freunden durch ein „Urteil" des Feldgerichts erschvssen wurde, so gebietet es die Gerechtigkeit festzustellen, daß bisher entgegen anders lautenden Nachrichten noch keine Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung erfolgt sind. Kowno, dte Hauptstadt Litauens, die von 95 000 Einwohnern 25 000 Inden hat, ist der Auffassung, daß Ausschreitungen oder Unruhen in der Bevölkerung kaum zu erwarten sind, da Rußland und Polen als Schreckgcspenste drohend vor der Türe steherr. Gegenwärtig zittert noch die Erregung über die Erschießung der vier Kommunisten in Litauen nach. die. wie man überall weiß, Litauen nicht nur den Haß Rußlands eingebracht, sondern vor allem auch schwere wirtschaftliche Folgen gezeitigt hat. Trotz vieler unkontrollierbarer Gerüchte,, .über Arbeiteraufstände und drohendem Poleneinbruch, herrscht in der Bevölkerung Ruhe. Es bleibt abzuwarten, welche Entwicklung die Dinge in Litauen nehmen werden. Ob dies« Regierung lebensfähig sein wird, vermag heute «teuft«» kn Litauen zu sagen. Immerhin wird diese oder irgendein« andere Regierung in Litauen bestrebt sein müssen, der wirb schaftlichen Lage Litauens Rechnung zu tragen und sowohl nach innen wie nach außen Ruhe und Frieden zu halten. Georg Gordon. Ausstellung alter hebräischer Drucke. In diesen Tagen sind es 300 Jahre geworden, seitdem ta Amsterdam das erste hebräische Buch von der Druckerei deS bekannten jüdischen Gelehrten. Politikers und Rabbiners de, sephardischen Gemeinde, Menasse Ben Israel, hergestelll worden ist. Auö diesem Anlaß wurde eine Ausstellung alte, hebräischer Drucke arrangiert. Prof. Palache von üer Amsterdamer Universität, der Sohn des verstorbenen Ehachaw von Amsterdam, eröffnete die Ausstellung mit einer frierlichen Ansprache, woraufhin der Bibliothekar des Rabbrner- Seminars. Herr I. S. da Silva Rosen, über Menasse Ben Israel als Buchdrucker sprach. Er sagte, er wolle heute nicht von dem Gelehrten sprechen, auch nicht von dem Politiker, der sich bei Cromwell dafür verwendete, daß man die vertriebenen Juden wieder nach England einläht. Er wolle nur von dem Drucker Menasse Ben Israel sprechen, der von 1626 bis 1650 die erste hebräische Druckerei in Amsterdam leitete und sich ein unvergängliches Verdienst um daS jüdische Schrifttum erwarb. , „ In der Ausstellung sind 86 zum Teil sehr seltene Hebräischei Drucke von Menasse Ben Israel zu sehen. Houston Stewart Chamberlain gestorben. Aus Bayreuth wird gemeldet, daß dort der Schriftsteller Houston Stewart Chamberlain, der Schwiegersohn Richard Wagners, im Alter von 72 Jahren nach langem Leiden gestorben ist. Chamberlain war Engländer von Geburt und Erziehung, kam als junger Mensch nach Deutschland und schloß sich hier dem Kreise Richard Wagners an. Er wurde deutscher Patriot und ließ sich im Kriege naturalisieren. Trotzdem nahm er die Beschlagnahme seines Vermögens in England nicht ruhig hin. sondern strebte gerichtlich deren Aufhebung mit der Begründuug an, er sei ungeachtet des nationalen GlcmbenöwechselS ein Brite. Das Werk, daS Chamberlain in weiten Kreisen berühmt gemacht hat, sind die zweibändigen „Grundlagen des 19. Jahrhunderts: eine rassenpolitische Abhandlung mit dem Ziel, den RassenantisemttiSmus wissenschaftlich zu verteidigen. Eine glänzende Diktion vermochte aber nicht über die innere Brüchigkeit seiner Theorien hinwegzutäuschen. Das Werk wird lange schon in wissenschaftlichen Kreisen nicht ernst genommen. Chamberlain ist es gewesen, der in den „Grundlagen" zuerst die These aufstellte, daß C h r i st u S ein „Arier" gewesen sei. Dieses Werk hat später den Leuten um Hitler als „wissenschaftliche" Basis ihrer Ideen gedient. Mit Hitler selbst verband Chamberlain enge Freundschaft. An einem Nervenleiden ist er jetzt einsam und verbittert gestorben. Führt der liberalen Vereinigung neue Mitglieder zu!

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