Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-01-14 · 2 (14.1.1927) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
2 (14.1.1927)
Date
1927-01-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2613366-2613895-2613897--2093-2619528
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle Ve jährlich M. 2.50 Einzelnummer 0.20. Bei freier Zusendung t. Inland 0,25 §ür die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis :: im Mitgliedsbettrage enthalten, n s :: verantwortl. Redakteur: Bruno Doyda Oie „lüdisch-Nverals Zeitung" erscheint jeden Srettag. Nedaktion u. SeschLNssteNe: Vvrlln 6W, XVllhelmftr. 147. Sernrufr vasonheide 3358» 3359 Peftfcfted'konto: Berlin nW7 Nr.isros» (Vereinigung für Da» liberale JuDentum Nadjdrutft fttmtltdier Orlglnal-BeltrÄge nur mit vorheriger Genehmigung der RebaHtlon gestattet. Anzeigenpreise: Die 12gespaltene Nonpareillezeile 0,45 Goldmark, die Neklamezeile 3,00 Gotdmark» bei :: u :: Wiederholungen Nabalt. :: :: :: Anzeigenannahme: „Jüdisch-liberaleZeitung» : Inseratonadteilung: Berlin SD 48. Dtthelmftrahe 147 (Sasenheide: 3358—59). sowie sämtl. Annoneen-Exped. Nr. 2 Berlin, 14. Januar 1927 7. Jahrgang Judentum und Wirtschaft. Nach -er staatlichen Urnwälzmrg in Deutschland wurden hie und da Stimmen laut, die zu dem -Verhältnis von Judentum und Sozialismus Stellung nahmen. Die einen meinten: „Eine Weltanschauung wie die jüdische, deren Zentrum im Ethischen liegt, die eine möglichst reiche Entfaltung aller seelischen Kräfte fordert, ist also mit dem Sozialismus nicht ohne Preisgabe prinzipieller Anschauungen vereinbar." Und die anderen wiesen daraus hin. daß doch der Satz „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" in die Richtung des Sozialismus weise, und führten aus: „Eine innere Verwandtschaft zwischen Judentum und Sozialismus i ist auch darin zu erkennen, daß die Einrichtung des Jubeljahres und des Zehnten ein Zeugnis tief eindringender sozialer Erkenntnis und starken sozialen Pflichtgefühls ist. Dasselbe gilt von dem vierten Gebot, in dem es heißt: „Da sollst du keinerlei Arbeit verrichten. Weder du selbst, noch .. . dein Knecht oder deine Magd oder der Fremdling, der in deinen Toren weilt..." Es ist tief bedauerlich, daß die Diskussion.über diese Probleme aus der jüdischen Oeffentllchkeit fast völlig geschwunden ist. Immer stärker wird so die Entfremdnng zwischen Religion und Löben. Gewiß wissen wir heute, daß das Judentum weder als Kronzeuge für den Sozialismus noch , als KrvnzMtze für den wirtschaftlichen Individualismus angeführt werden kann. Die Erkenntnis wirtschaftlicher Vorgänge und deren verschiedenartige Beurteilung bedingen die Stellung des einzelnen Individuums zu den Bewegungen, die das wirtschaftliche Bild der Zukunft gestalten wollen. Aber gerade aus dieser Erkenntnis heraus muß es bedauert werden, daß das Judentum zur Praxis des Lebens der Gegenwart schweigt, daß es daraus verzichtet, seinen Einfluß geltend zu machen. Waren nicht einst die Großen in Israel gottbegnadete Menschen, die sich nicht nur in theoretischen Erörterungen erschöpfen, sondern die Haltung des Einzelnen im Leben des Alltags zu beeinflussen versuchten? Und hierauf kommt es an. Heute verliert sich das Judentum in Erörterungen über — die Herren Rabbiner mögen das Wort verzeihen — theologische Doktorfragen und — durch die Schuld der jüdisch-politischen Laienführer — in Erörterungen über Organisationsfragen der Judenheit. Ist nicht aber wichtiger als dieses beides die Aufgabe, jüdischen Geist im einzelnen Juden so stark zu machen, daß durch ihn alle Regungen seines Lebens beeinflußt werden? Gewiß hat die Religion weder die Fähigkeit noch die Aufgabe, Grundsätze fitr das Wirtschaftsleben aufzustellen. Aber ebenso gewiß ist es ihre Pflicht, darauf zu achten, daß bei jeder Wirtschaftsform die Handlungen in ihren Folgen nicht die Erfüllung religiöser Grundsätze unmöglich machen. Wir I den sind zu bescheiden geworden. Glaube allein, Beachtung religiöser Zeremonien, Betätigung in indischen Organisationen darf uns nicht genügen. Gerade im Judentum, der Diesseitsreligion, muH aus dem Glauben die sittliche Tat hervorgehen. : Wer einmal ein Protokoll über die letzte „Konferenz der Kirche Christi für praktisches Chistentum", die sogenannte Stockholmer Weltkirchenkonferenz, gelesen Hai, der muß nrit einem gewissen Gefühl der Beschämung und des Neides auf diese Verhandlungen blicken. Eingehend wurden hier ökonomische und industrielle Probleme vom Standpunkt des Christentums erörtert. Zu allen wesentlichen Fragen des Lebens der Gegenwart. zum Krie^sproblem, zu den Erziehungsfragen, 8U den Fragen Wohnungsnot, Arbeitslosigkeit. Unsittlichkeit, Alkoholmißbrauch, Verbrechen usw. wurde in eingehenden Beratungen, in Referaten und Aussprachen. Stellung genommen. Ist das nicht auch Aufgabe der Religion? Mutz man nicht aus Ehrlichkeit feststellen, daß heute im offiziellen Judentum so mancher als „guter" Jude anerkannt wird, der in seinem geschäftlichen oder privaten Leben sich durch alle möglichen Argumente eher leiten läßt als durch sein Judentum? Vielleicht ist die Bescheidenheit, von der ich sprach, nicht nur beim deutschen Judentum fest-ustellen, vielleicht ist sie allen Religionsgemeinschaften in.Deutschland gemein. Man bedenke z. B , -aß in England bei dem letzten Kohlenstreik einige Kirchenleiter eine Schlichtung der Differenzen herbeizuführen suchten. Sollte nicht diese „Bischofseinmischung", über die im einzelnen hier nicht gesprochen werden soll, von dem religiösen Menschen freudig begrüßt werden? In der Dezembernummer unserer englischen Feunde, der Zeitschrift „Ibe Jewish religious Union Bulletin“ wird dieser Anlaß zur Grundlage einer interessanten Erörterung gemacht. Dort heißt es: „Aber da werden praktische Einwände gegen jede „Einmischung" durch die Religion in industriellen oder sozialen Fragen erhoben. Diese Kragen sind Gegenstand politischer Auseinandersetzungen, sie bilden Meinungsverschiedenheiten zwischen den politischen Parteien. Alle stimmen darin überein, daß die Religion eine Identifizierung mit irgendeiner politischen Partei vermeiden muß. Aber das besagt nicht, daß nicht in einer einzelnen.Frage gesagt werden muß, auf welcher Seite das Röcht ist. 05 Jahre vor der Sklaverei in Amerika war diese eine politische Frage: eine politische Partei trat für ihre Abschaffung ein, die andere dagegen. Was wäre die Pflicht der Religion gewesen? Politische Fragen, welche Fragen des Rechts und Unrechts einschli'eßen, berühren die soziale Änfgabe der Religion. Bei großen Problemen muß es eine Miere Führung geben als die Führung durch untergeordnete Loyalität und. durch Vörüpteil. Warum fofe ifie i tisch Konservativen und dem politisch Raoikalett sagen: In diesem oder jenem Fall müßt ihr von höheren Gesichtspunkten aus urteilen als von denen der'Patteidisziplin." Die berufenen Führer des liberalen Judentums sollten erkennen, daß sie die Pflicht haben, religiöse Persönlichkeiten zu bilden, denen die Religion Grundlage ihres g e s a m t e n Handelns ist. Die 'Religion des liberalen Juden darf nicht etwas Abgekapseltes in dessen Leben sein, sie muß mit ihrem Geist alle keine Taten durchtränken. Die Führer des liberalen Judentums müssen durch die Erkenntnis und Erfüllung dieser Aufgabe die Judenheit als eine durch gemeinsames Wollen geeinte Gemeinschaft wiederherstellen. Walter Krosank er. Die Wirtschaftskrise der deutschen Judenheit. Von Bruno Weber. Die Konzentrationsbewegung in der deutschen Wirtschaft eilt mit Riesenschritten vorwärts. Das Jahr 1926 brachte Zusammenschlüsse im deutschen Wirtschaftsleben, die noch vor einem Jahrzehnt selbst von Sachverständigen nicht vorausgeahnt wurden. Riesenuuternehmungen. entstanden, die für die erforderliche Rationalisierung der deutschen Wirtschaft vermutlich von größter Bedeutung sind, die aber auf der anderen Seite auch die Gefahr in sich bergen, die Existenz der Kleinbetriebe zu vernichten und das Heer der Arbeitslosen noch zu vergrößern.. . . Ganz besonders muß von dieser Entwicklung die deutsche Judenheit betroffen werden. Leider liegen die konfessionellen Ergebnisse der Volks-, Berufs- und Betriebszählung des Jahres 1925 noch nicht vor. So muß man denn die Vorkriegsfeststellungen verwenden. Dabei ist natürlich zu berücksichtigen, daß unzweifelhaft durch den Krieg und die Inflation die Zahl der jüdischen berufslosen Selbständigen (zu denen ja also hauptsächlich die Rentner gehören) wesentlich gesunken ist. Rach der letzten Berufszählung, die im Jahre 1907 stattlil>lI!lI!III.l!I!!!!!!i:j>I!iIi!I!III!I!II!!!>!I,,II,!!III,III>II!I>IIII!IIIIII>II!IIIIlII>IlIII!I!I!II>I!I,,I,II,I,,,,,!,„,„III,!,„lilI!!II!II!»iIIIIIIIII Sendet den fälligen Beitrag für das erste Vierteljahr 1927 in Höhe von 2,60 Mark einschließlich Bezugsgeld für die „Jüdisch-liberale Zeitung" an das Postscheckkonto der Bereinigung für das liberale Judentum E. Berlin NW 7, Nr. 137 069 fand, ergab sich für die Berufsschichtung der Juden folgendes Bild:! BerufSabteilung > Gesamtbe- 1 völkerung Juden von je 100 Perfonen entfielen auf die nebenstehende Berufrablellung bet! i bet Sei.» finden A. Landwirtschaft 17 681 176 5 772 28,7 1,0 B. Industrie und Gewerbe 26 386 537 128 058 42,7 22,6 C. Handel und Verkehr 8 278 239 313 176 13,4 55.2 D. Häuslicher Dienst und Lohnarbeit wechselnder Art 792 748 i 1892 1,3 0,3 E. Oeffentlicher Dienst und freie Berufe 3407126 37 458 5,5 6.6 F. Berufslose Selbständige 5 174 703 80 616 8,4 14,2 Zusammen: 61 720 529(566 999 100,0 100,0 Diese Tabelle zeigt mit voller Deutlichkeit die tiefe Divergenz in der Berufsschichtung der deutschen Juden gegenüber derjenigen der Gesamtbevölkerung. Wahrend böi der Gesamtbevölkerirng jeder vierte Berufstätige in der Landwirtschaft tätig war, gilt das bei den (Juden Nur für jeden Hundertsten. Und während von der Gesamtbevölkerung nur jeder Achte etwa Handel und Gewerbe betreibt, bildet diese Berufsabteilung die HrährunHsgüelle für mehr als die Hälfte der deutsche« Juden. Und mm ist noch zu bedenken, daß diese Verhältnisse sich in den zwanzig Jahren seit jener Berufszählung-wahrscheinlich noch weiter zuungunsten der deutschen Juden entwickelt haben. Diese Berufsgliederung der deutschen Juden muß bei der Rationalisierung des Wirtschaftslebens als ganz besonders gefahrvoll bezeichnet werden, zumal wenn man bedenkt, daß die Juden sich immer stärker auf. die Großstädte konzentrieren. Man denke nur an die immer mächtiger werdenden Warenhauskonzerne und.au den immer stärker werdenden direkten Verkehr zwischen Fabrikanten und Detaillisten, evtl, unter Dazwischenschaltung genosseuschaftlicher Einkaufsgesellschaften, wodurch schon heute viele Grossisten in rhrer Existenz bedroht sind. Was ist zu tun? Niemand kann die Entwicklung des Wirtschaftslebens verhindern. Wenn auch hier und da Versuche gemacht werden, den Individualismus im Wirtschaftsleben zu erhalten, so haben diese Versuche bisher — und wahrscheinlich wird es in Zukunft kaum anders sein — doch wohl fast immer mit negativem Erfolg geendet. Noch vor fünf Jahren etwa verspotteten viele das wirtschaftliche Bild, das einst Karl Marx vorausgesehen hatte. Heute wird man — damit soll natürlich keine Wertung des Marxismus gegeben werden — sagen müssen, daß die Wirtschaft sich diesem Bilde doch sehr anähnelt. Alle diese Tatsachen machen das Problem der Berufsumschichtnng der deutschen Juden zu einer der dringendsten Ausgaben, die gegenwärtig zu lösen sind. So gewiß es kein deutsches Judentum ohne deutsche Juden geben kann, so gewiß ist der Bestand des deutschen Judentums bedroht, wenn die deutschen Juden in ihrer Existenzfähigkeit gefährdet sind. Diese Erkenntnis findet denn auch in den jüdiskhen Organisationen Deutschlands immer stärkeren Eingang. Wie in diesem Blatte kürzlich zu lesen war, beabsichtigt beispielsweise der Reichsbnnd jüdischer Frontsoldaten eine großzügige Aktion unter der Parole „Zurück zur Scholle". Und die Gesellschaft „Ort", die vornehmlich die Umschichtung der Inden in Osteuropa bisher als ihr Tätigkeitsgebiet betrachtete, hat sich erst kürzlich bereit erklärt, ihre umfangreichen Erfahrungen nunmehr auch in den Dienst einer Berufsumfchichtung der deutschen Juden zu stellen. Parallel mit diesen Bestrebungen jüdischer Privatorganisationen laufen Aktionen der jüdischen Gemeinden. Diese müssen dem Problem der Berufsuimschichtung ihre besondere Aufmerksamkeit schon deswegen zuwenden, weil sonst die Zahl der dem jüdischen Wohlfahrtsw-esen zur Last fallenden Gemeindemitglieder ins Unermeßliche zu wachsen droht. Aus diesem Grunde dürfen die Wohlfahrtsämter ihre Tätigkeit nicht wie in früherer Zeit nur als eine Tätigkeit des Gebens auffassen, sondern sie müssen die wirtschaftlich entwurzelten Inden wieder zu produktive« Mitgliedern der Gesellschaft machen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.