Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 1 (7.1.1927)
- Date
- 1927-01-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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werke» und wirkte schon Ende 1915 aktiv an der Front mit, wo er als einer der tapfersten Flieger der Armee große Dienste leistete. Neben seinen Kriegsauszeichnungen erhielt er auch die Rettungsmedaille für die Errettung eines Soldaten vom Tode des Ertrinkens. Die Jagdstaffel 17, bei der -er Verstorbene Jagdflugzeugführer war, und der Ring der Flieger widmen ihm ergreifende Nachrufe. Prof. Max Liebermann hat sein Porträt gemalt. Hannover l Erziehung -er Erzieher). Im Rahmen der Lehrkurse der Synagogengemeinde sprach am 21. Dezember vor etwa 120 Personen (meist Damen) Herr Studienrat Dr. Schwarz über dieses Thema. Hier sollen nur kurz die wesentlichen Gesichtspunkte der hochinteressanten, volkstümlich gehaltenen, von sonniger Heiterkeit erfüllten Ausführungen wiedergegeben werden. Redner ging von dem unersetzlichen Wert der guten Kinderstube aus und sprach von ihrem gewaltigen Einfluß auf das ganze spätere Leben. Er beleuchtete das 6. Gebot und zeigte, daß die den Kindern auferlegte Ehrfurcht vor den Eltern auch hohe Ansprüche an diese selbst stellt. Wem Ehrfurcht gezollt werden muß, der muß Ehrfurcht verdienen und sie selbst ausüben. Die Eltern sollen den Kinder» ein Beispiel der Ehrfurcht geben an ihrer Stellung zum Judentum, an ihrem Verhältnis zum Vaterland und an der Art und Weise, wie sie die Gaben ' des Lebens hinnebmen und worin sie die Aufgaben des Lebens erblicken. Darin drückt sich die Ehrfurcht vor dem Kinde aus, auf das überhaupt in der ganzen Lebensführung Rücksicht zu nehmen ist. Ehrfurcht schließt ernste Selbsterziehung in sich. Es ist nicht immer richtig für alles, was einem nicht gefällt, die Ursache in den Kindern oder im Antisemitismus zu suchen. DaS ist freilich bequem, aber nützlicher ist cs häufig, die Ursachen in eigenen Taten und Unterlassungen zu suchen. Den zweiten wichtigen Faktor der Erziehung bildet die Natur des Kindes, die von vornherein den Einwirkungen der Erzieher Grenzen setzt, aber solche, die einen weiten Spielraum lassen. Daraus ergibt sich die ' Forderung, die kindliche Natur und die seelische Entwicklung kennen zu lernen, um das Kind in seiner Eigentümlichkeit und in seiner Eigenart zu verstehen. Kassel. (Ans dem jüdischen Leben.) Die jüdische Gemeinde hat im zweiten Stock ihres Verwaltungsgebäudes eine Bibliothek eingerichtet, deren Eröffnung in den nächsten Wochen zu erwarten ist. Aus Beständen -er Bibliotheken des 1920 eingegangenen Seminars, des Literatur-Vereins und anderer Verbände, sowie aus Stiftungen privater Nach- . lasse an hebräischen und jüdisch-wissenschaftlichen Werken, die in letzter Zeit durch Neuanschaffungen seitens der Gemeindeverwaltung noch ergänzt und bereichert wurden, ist ein recht wertvoller und lehrreicher Vorrat literarischer Schriften gewonnen worden, deren Studium mit dazu beitragen kann, die geistige Not des jüdischen Menschen zu beseitigen. Man darf daher die von der Gemeinde geschaffene Einrichtung eines Lesesaales, der mit der Bibliothek verbunden ist, nur mit Freuden begrüßen und dem Wunsche Ausdruck geben, daß hier wie in der häuslichen Benutzung der Bücher der fleißige Gebrauch von der Bücherei gemacht werde, den ihre Begründer erwarten und den sie auch verdient. Die Vorbereitungen znr Einrichtung des jüdischen Museums, das — wie wir früher berichteten — in einem Teil des Landesmuseums untergobracht wurde, sind so weit gediehen, daß im Lause des Monats Januar mit einer Ausstellung der bereits gesammelten Gegenstände gerechnet werden kann. — Der kürzlich aus seinem Amt als Gemeindeältester geschie- . dene Herr Leo Lazarus, wurde an Stelle des Kreisvorstehers M. Lieberg, der wegen vorgeschrittenen Alters sein Amt niebergelegt hat, von den Gemeindeältesten von Kassel und Hoof zum Kreisvorsteher gewählt und vom Vorsteheramt bestätigt. — Nach einer Mitteilung des Amtsblattes der hiesigen Regierung wurde Provinzial-Rabbiner Dr. Cahn in Fulda zum Rabbiner der israelitischen Kuttusgemeinden ^oDersfeld, Schmalnau, Gettenhausen, Tann und Wüsten- *^sachsen ernannt. Köl«. (Repräsentantenwahlen.) Der Termin für die Wahlen zur Repräsentantenversammlung ist in der Repräsentantensitzung vom 30. Dezember auf den 20. März d. I. festgesetzt worden. München. lT ö des fall.) Am Sonntag, den 2. Januar, verschied hier nach kurzer Krankheit im Alter von 72 Jahren der der traditionell gesetzestreuen Richtung angehörende Rabbiner der Münchener jüdischen Gemeinde, Dr. Heinrich Ehrentreu. Neiße. lD i e n st j u b i l ä u m.) Am 0. Januar 1027 feiert Herr Rabbiner Max Ellguther das Jubiläum seiner 40jährigen ununterbrochenen Amtstätigkeit in Neiße (Oberschlesien). Gondershausen (7 0. Geburtstag). Rudolf David. Vorsteher der hiesigen Synagogen-Gemeinde ein eifriges . Mitglied der jüdisch-liberalen Bereinigung, begeht am 8. Januar seinen 70. Geburtstag. Spaugenberg (Neubcsetzun a4> e r Lehrerstellen). Die seit einiger Zeit erledigte Stelle eines Lehrers und Borbeters der hiesigen Synagogen-Gemeinde ist dem Lehrer G. Unikower aus Lauenbrg i. Pomm. übertragen worden. Der Amtsantritt soll bereits Anfang Januar erfolgen, da die Gemeinde Wert darauf legt, daß nach manchen Enttäuschungen die bestehenden religiösen Einrichtungen wieder in ihrer früheren bewährten Eigenart erhalten bleiben und sortgeführt werden. Man hofft sogar, daß die Schulstelle vorläufig ihren Privat-Elementarschulcharakter beibehält, und daß infolge der in den nächsten Jahren zu erwartenden Schülerzunayme berechtigte Aussicht besteht, sie in eine öffentliche bald nmwandeln zu können. Thor«. (Todesfall.) Am 3. Januar verstarb hier nach kurzem Leiden als Opfer seines Berufes, Sanitätsrat Dr. Hermann Wolpe. Der Dahingeschiodene war jahrzehntelang Mitglied der Gemeindeverwaltung uivd zuletzt auch eine Reihe von Jahren Vorsitzender des Vorstandes, und hat sich große Verdienste um die hiesige Synagogengemeinde erworben. fff Aus der Bewegung MD 1 Frankfurt a. M. (I ü d i s ch - liberale Jugendg c m e i n s ch a f t.) Im Rahmen einer Arbeitsgemeinschaft sprach Herr Dr. Gottschalk über die Entstehung des Christentums. Er führte aus, daß die Person des Stifters der christlichen Religion im Judentum von zwei extremen Richtungen betrachtet werde. Die eine sieht die Fortsetzung der Propheten in ihm, die anderen die Ursache zu unserem unsagbaren Leid in der Geschichte. Beides ist falsch. Ein Jude war Jesus, ein Prophet, aber durch seine Jünger wurde eine neue Religion und ein neuer Kultus daraus gemacht. Die Unterschiede zwischen der jüdischen und der christlichen Religion liegen auf der Hand: Bei uns Juden Tätigkeit und Lohn hier ans Erden, beim Christentum im Jenseits. Bei uns Gerechtigkeit für arm und reich, ausgleichen der Gegensätze, dort Seligkeit für die Armen, Duldung auch des Unrechts. Bei uns Hoffnung ans messianische Zeit, unmittelbare Stellung zu Gott,' beim Christentum ist der Erlöser bereits erschienen, und er ist der Mittler zwischen Gott und Menschen. So bleibt uns die Hoffnung, daß dereinst die ganze Menschheit ein Reich Gottes werde und Gerechtigkeit übe. Eine anregende Diskussion, die auch die sozialen Momente besonders in den Vordergrund hob, vereinte die Teilnehmer bis zu vorgerückter Stunde. Hamburg. Am 13. Dezember 1926 sprach in einem gut besuchten Vortragsabend der Vereinigung für das liberale Judentum Herr Rabbiner Dr. Kahlberg-Halle über das Thema: „Die treibenden Kräfte zur Erhaltung des Judentums". Er führte aus, daß wir Juden selbst die treibende Kraft sind, und wo kein Funke ist, läßt sich keine Flamme Herstellen, auch, mit den schönsten Mitteln nicht. Aber solange noch ein Funke im Judentum lebt, und er lebt noch, kann die Flamme wieder entfacht werden. Auf drei Punkten beruht nach Anschauung des Talmuds die Welt: Auf der Gotteslehre. dem Gottesdienst und der werktätigen Nächstenliebe, wenn diese überhaupt etwas tragen können, so sind es Stützen des Judentums. Die Thora enthält nur religiöse Wahrheiten, ihre Stärke beweist sie, daß sich schon zweimal der Geist des Judentums in Tochterreligivnen erneut hat. Die jüdische Idee macht ihren Weg durch die Welt, auch der Völkerbund ist eine Idee des Judentums zum Frieden. Sv sind auch die Rnhegesetze zu verstehen, es sollen keine Tage der Faulheit, sondern der Sammlung sein. Wenngleich der Sabbat'nicht mehr gehalten werden kann, so muß er doch als heiliger Tag, als Ideal bestehen bleiben, aber der Freitagabend sollte etwas Selbstverständliches sein. Keine Gemeinschaft hat so etwas wie unsere zwei oder drei hohen Feiertage, die alle unsere Mitglieder im Gotteshaus versammeln. Wohltätigkeit, soziale Arbeit, Nächstenliebe sollen Stützen des Judentums sein. Die ersten und letzten Buchstaben der heiligen Schrift (Bereschis) Jisroel bringen das Wort „lew" (Herz) hervor. Wir Juden sollten ein doppeltes Herz haben, eins für uns und eins für unsere Nächsten. Wir müssen den Gemeinsinn stärken, dann erhalten wir die Gemeinschaft, Als einst ein Rabbi gefragt wurde, was wichtiger sei, das Hinstellen oder Anzünden der Chanukalichter antwortete er mit „beide gleich wichtig". Immer wieder muß das Feuer entfacht werden, denn der Geist, d.h. der Gedanke, der unsere Väter erhalten hat, ist der Geist unseres Gottes und eine Stütze der jüdischen Religion. Spredisaal Die Wandlung des jüdisch-religiösen Liberalismus in Deutschland. Von Rabbiner Dr. H. Auerbach, Güttingen. Der Aufsatz: „Liberales Judentum im Spiegel der Gegner" von Rechtsanwalt Heinrich Stern in der „Jüdischlibera-len Zeitung" verdient Beachtung. Zeigt er doch, daß der Friede in der Berliner Gemeinde schon greifbar nahe ist. DaS hat aber nicht bloß eine örtliche Bedeutung. Ilmfaßt ja die Berliner Gemeinde, die größte in Europa, bei* nahe die Hälfte der deutschen Judenhcit. Heinrich Stern, ein Fülkrer der Liberalen, setzt sich mit den zionistischen Bestrebungen, die von der zweitgrößten Partei in der Berliner Gemeinde, der jüdischen Volkspartei, vertreten werden, auseinander. Er kommt dabei zu Ergebnissen, die eine Verständigung zwischen den beiden großen Parteien in Kürze erwarten lassen. Zwar erklärt er: „So weit der Zionismus reiner Nationalismus ist. dem die Religion ein Unwesentliches bleibt, das der einzelne zu- oder abtuu kann, trennen sich unsere Wege." Doch ist er davon überzeugt, daß der Zionismus den ausgesprochenen, strengen Nationalismus aufgegeben habe. Er habe die Ideen des Herzelschen Judenstaates fallen lassen. „Was bleibt da noch", ruft er aus, „von einer nationalen Bewegung übrig'? Warum also nicht die Mitwirkung am Palästinawerk?" Was erschwert ihm also noch eine Zusammenarbeit mit den Zionisten? Nicht das „ominöse Wort vom jüdischen Nationalismus", sondern „das Schlagwort vom jüdischen kulturellen Zentrum". Er fürchtet, daß der Sammelpunkt jüdischer Kultur in Palästina das Judentum aus der Menschheit herauslöscn werde. „Wer sich absondert, kann eine innere Wahrheit denen nicht übertragen, von denen er getrennt wird." Gehen seine Besorgnisse aber nickt zu weit? Wenn in Palästina, ans dem Boden heiligster Erinnerungen, die bedeutendste Pflegestätte jüdischer Werte geschaffen würde, so dürfte das Judentum davon keinen Schaden nehmen. Das Gegenteil wäre eher wahrscheinlich. Das Bestreben von zionistischer Seite, die Kenntnis der hebäischeu Sprache, deren Beherrschung demjenigen, dem das „Hebräische als Gebets- und Quellensprache" geläufig ist, gar nicht so schwer fällt, ist nicht einem Versuch gleichzusetzen, „uns die Muttersprache zu nehmen und geistig und seelisch von der Heimat zu trennen." Es ist kaum anzunehmen, daß Herr Heinrich Stern, der über den Berg des „ominösen Wortes vom jüdischen Nationalismus" gekommen ist. an dem Sandkorn des Schlagwortes vom jüdischen kulturellen Zentrum stolpern werde, und so ist der Friede zwischen der jüdischliberalen und der Vvlkspartei in Sicht. Wodurch ist diese Wendung gekommen? Der .Zionismus, dem auch seine Gegner niemals das Verdienst absprechen dürfen, in einem großen Teil der Judenheit Begeisterung für das Judentum entfacht zu haben, ist bei der Durchführung seiner Absichten unter dem Zwang harter Tatsachen nüchterner, besonnener geworden. Sein Nationalismus hat ausgehört, einen Führer der Liberalen zu schrecken. Der religiösen Gesinnung nach aber gehören die meisten der Zionisten mehr zu den Liberalen. Gewiß gibt es unter den Zionisten auch religiös Gleichgültige. Wer möchte aber bezweifeln, daß sich solche in großer Zahl auch unter denen finden, die ihren Stimmzettel für die jüdischliberale Partei abgeben? Woher nun trotzdem diese Todfeindschaft zwischen Liberalen und Zionisten? Es muß von jüdisch-liberaler Seite endlich offen, zstgegebeu werden, daß der jüdisch-religiöse Liberalismus^ die schwersten Fehler begangen hat, ja, eS soll die Behauptung nicht gescheut werden, daß er in den letzten Jahrzehnten entartete. Man braucht nur an einem Freitagabend eine Synagoge so mancher liberalen Großgemeinde zu betreten, und man wird den Verfall nicht leugnen. Trotz Chors, Orgel, rednerisch wirksamer Ansprache, eines jubelnden Heldentenors oder gewaltigen Heldenbaritons ist der Besuch recht spärlich und nicht viel besser als in einer Zwerggemein de. Von den zahlreichen künstlerischen Genüssen, die auf die Anwesenden lvsgelassen werden, werden diese mehr betäubt als zum Beten angeregt. Den Niedergang näher zu beschreiben, soll einem späteren Artikel Vorbehalten feilt* Er soll die Zustände schonungslos darlegen. Der jüdischreligiöse Liberalismus wurde sich selbst untreu. Sein ursprüngliches Ziel war. jüdische Frömmigkeit zu heben und von Muckertum und Ilnausrichtigkeit freizuhalten. Er suchte zu verhüten, daß die beglückende Adelsrnacht der Religion zu einer knechtenden, ermüdenden, dumpfen Gewalt werde. Er wollte die von der europäischen Bildung Geblendeten die Aron gsak. Eine Levensgeschichte. Bearbeitet von Dr. B. Schiölvf. (4. Fortsetzung.) Als wir in Stockholm ankamen, ließ er mich mit dem Wagen ans der Straße stehen. Wir waren Rauschchaudesch Tamus 5384*) Schlag neun Uhr vormittags angekommcu: es war sehr heiß. Da stand ich nun zwei Stunden, und alle Menschen, die Vorbeigingen, sahen mich an. Endlich kam er an, und ich fragte ihn, wo er so lange gewesen sei? Er sagte, es sei hier nicht so wie in anderen Städten, daß man sogleich Quartier bekommen könne. Es seien wohl Stellen, wo man Quartier bekommen könne, aber für einen fremden Menschen sei es hier sehr gefährlich. Er sei bestellt, in einer halben Stunde solle er Bescheid haben, und so ging ex wieder fort. Nicht weit davon ab, wo ich stand, wohnte ein Brauer, der Mann konnte Deutsch sprechen. Er gina gerade vorbei, als der Fuhrmann') sagte, er wolle nicht länger da stehen, und er werde die Koffer herunterpacken. Da fragte mich der Brauer, warum ich so lange hier stünde — er habe mich schon die ganze Weile hier stehen sehen. Ich erzählte ihm von meinem Reisegefährten, daß dieser Quartier suche und mir gesagt habe, er hätte eines bestellt, er solle in einer halben Stunde Bescheid haben. Nun sei er schon wieder eineinhalb Stunden weg. Der Mann lachte und sagte, hier seien genug Wohnungen zu bekommen, man habe es nicht nötig, hier mit den Pferden auf der Straße zu stehen. Man müsse aber den Fuhrmann dafür bezahlen. Ich gab ihm soviel, was der Brauer sagte, damit er noch so lange warten solle, bis mein Gefährte wiederkäme. Ich stand also noch so lange, bis cs zwei Uhr war. Der Brauer kam wieder zu mir und fragte mich, ob mein Kamerad noch immer kein Logis gefunden hätte. Ich war nicht wenig ärgerlich. Da sagte der Brauer: ,Ach will Ihnen ein honettes Quartier verschaffen bei einem Manne, der gut Deutsch spricht, viel besser als ich. und cs ist nicht weit weg von hier." Ich dankte ihm sehr, er ging selbst nrit und brachte mich I Juli 1774. ') Aron Isak gebraucht den Ausdruck „Schußkerl" in Anlehnung an das schwedische Wort skjutskarl, das den Mann bezeichnet, der .Postpferde besorgt. in das Haus eines braven Mannes, von dem ich zwei Zimmer mietete. Endlich, nach einigen Stunden, kam auch B. gegangen. Er hatte einen gottlosen Mund, er habe mich bereits in der ganzen Stadt gesucht, er habe genieint. man hätte mich lotgeschlagen — er war aber nämlich schon betrunken. Er habe mir schon unterwegs gesagt, wie es für einen fremden Menschen in Stockholm gefährlich wäre, daß er sein Lebens riskiert, wenn er in einem Haus ein Glas Branntwein oder eine Flasche Bier trinkt. Jeden Tag habe man solche Beispiele. Er wollte mir bloß Angst machen, damit ich ihn bei mir behalten sollte. Ich habe stets zur Gewohnheit gehabt, morgens frühzeitig aufzustehen und mir eine Pfeife Tabak anzustecken. Als ich aufstand: fand ich auch meinen Wirt schon wach. Ich sprach mit ihm wegen des Oberstatthalters und daß ich Briefe an ihn hätte. Der Mann sagte, um zehn Uhr wolle er mich nach dessen Wohnung hinführen. Ich bat meinen Wirt, er möge sich vor diesem B. nichts merken lassen. B. schlief gewöhnlich bis »eu« Uhr. dann ging er aus und kam nicht früher als um zwölf Uhr nach Hause. Mein Wirt war ein sehr braver Mann, und auch seine Frau war sehr liebenswürdig. Er ging mit mir punkt zehn Uhr nach des Oberstatthalters .Haus und zeigte mir, wo ich zu ihm hineingehen müßte. Er wandte sich an einen Bedienten und sagte ihm, daß ich Sr. Exzellenz sprechen wollte und an ihn Briefe hätte. Ich hatte alle meine Empfehlungsschreiben und. auch meinen Paß mitgenommen. Es dauerte wohl eine Stunde, ehe ich hiueingerusen wurde. Der Saal war voll von Menschen. Ich hielte meine Briese in der Hand und stotterte auf schwedisch: „Förlät hans Ekcellens iag kan inte tala svensk." „Ihr seid ein Hebräer," sagte er. „Sprecht nur Deutsch. Ich habe fünf Jahre als Soldat dem König von Preußen als Volontär gedient." Ich sagte ihm gleich mein Begehren, zeigte ihm meine Empfehlungsschreiben an den König von der Stralsunder Regierung und außerdem von den höchsten Persönlichkeiten. „Lieber Freund," sagte er, „das ist eine schwierige Sache. Es hat noch niemals ein Jude in Schweden gewohnt. Ihr seid mir durch meine guten Freunde besonders warm empfohlen, aber die Sache steht nicht in meiner Macht. Was ich Euch qber Helsen kann, das will ich gern tun. Kommt in einigen Tagen wieder her, dann will ich Euch weiter Bescheid geben. Mer eines muß ich Euch noch sagen: Enthaltet Euch jedes Handels mit Silber und Gold, den« wenn bei mir eine Klage über Euch kommt, dann kann ich Euch nicht mehr Helsen. Aber Petschafte stechen dürft Ihr, soviel Ihr bekommen könnt." Er bestellte selbst gleich bei mir sein Wappen in Karneolstein. Meine Empfehlungsschreiben mußte ich ihm alle dalassen. Er hatte über anderthalb Stunden mit mir gesprochen, und ich hatte ihm auch gesagt, daß ich einen Kameraden hätte, den Hof- Medailleur aus Schwerin, sowie meinen Bruder, Markus Isak. Nun ging ich nach Hanse und traf dort den B. Er war sehr ausgebracht und sagte, ich würde gewiß nicht lebendig ans Stockholm kommen, ich sei zu dreist und liefe immer in der Stadt herum. Ich wollte mich nicht mit ihm abgeben, aber ich sagte, ich wolle mich nicht einschließen, und es werde mich schon keiner auf der Straße totschlagen. Ich schickte des Oberstatthalters Wappen sofort nach Schwerin an Rabbi Abraham Pach. schrieb sogleich an meinen Bruder Mvrdechai. er solle so bald wie möglich Herkommen: er könne nach Wismar fahren, und von ba gingen sehr oft Schiffe hierher, bisweilen in drei Tagen von Wismar nach Stockholm. Einige Tage später ging ich wieder zum Qberstatthaltcr. Ich hatte meine mecklenburgischen Privilegien bei mir, > zeigte sie ihm. zugleich ein Attestat von der dortigen llniver-c sität über mein Wohlverhalten. Er sagte mir nun, ich solle zu.einem Advokaten gehen, den er mir empfahl. Er sagte mir auch, wie ungefähr das Gesuch abgefatzt sein müsse, der Advokat spräche übrigens so gut deutsch wie ich. Er gab mir noch eine Empfehlung an den Advokaten mit und trug nrir auf, das Gesuch, wenn es fertig sei. zu bringen, er selbst wolle es dem Könige übergeben. Ich tat so. und der Advokat nahm die Sache an. Ich sagte ifwit, der Qberstatthalter habe, mich ihm empfohlen: so bestellte er mich denn auf zwei Tage später, dann sollte ich das Gesuch bekommen. Ick hatte auch Empfehlungsschreiben an einige Reichsräte, die daraufhin mir . alle versprachen. mir behilflich zu sein. Als die Bittschrift fertig war, ging ich damit wieder pm Oberstatthalter und bat ihn um Verzeihung, daß ich ihm sv viel Mühe mache.! „Ihr könnt kommen, so oft Ihr wollt," sagte er zu mir. „Wenn ich Zeit habe, will ich gern mit Euch sprechen, ich spreche gern Deutsch. Ihr könnt also ruhig, in einige» Tagen wieder Herkommen." Ich kam also nach einigen Tagen wieder. Er war sehr gnädig. „Ich habe die Bittschrift dem Könige überreicht." sagte er, „imd der König ist nicht abgeneigt. Euch zu helfen, datz