Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 1 (7.1.1927)
- Date
- 1927-01-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Ws beute im Stad mm der Entwicklung, des ilreuaufLaus für -re Art der Ausbild»mg des jüdischen Lehrers, besonders auck des ReligtonslehrerS. Die Aiiöbi.lt>.ittig des Kontors muh sich den Plänen anpassen, die für die Ausbildung indischer Lehrer brauchbar befunden werden. Früher Versäumtes dann jetzt nachgeholt, Fehler können verbessert werden. Doch ist allzuviel Zeit nicht zu verlieren. Wohl nehmen die für die Lehrerausbildnna vorgesehenen «vächer im Lehrplan die zur Verfügung stehende Zeit voll rn Anspruch. Gleichwohl mutz sich für die gleichzeitige Ausbildung gerade der Kräfte, die zum späteren Wirken in kleineren und Mittelgemeindeu bestimmt sind, die Zeit und Gelegenheit finden lassen. Besteht doch gerade hier so viel des Gemeinsamen, daß die Ausbildung beider Berufe eine geraume Weile nebeneinander her gehen kann. Diese gemeinsame Vorbildung mutz in ihrer Grundlage und Anordnung die Möglichkeit in sich tragen, auf ihr weiter zu bauen, auf den allgemeinen Unterbau einen Oberstock setzen zu können Für die allen gemeinsame Vorbildung müssen die Bedürfnisse der kleineren und Mittelgemeinden die massgebenden sein. Sie sind die Interessenten für die große Mehrzahl der herangebildeteu Kantoren. Für die Ansprüche der Großgemeinden Sorge zu tragen, mutz der Ausbildung in einer besonderen musikalischen Akademie Vorbehalten bleiben. die eine organische Weiterbildung des Unterbaues darzuitellen hätte. Der Besuch diefer Akademie müßte jedoch auch denen freigestellt werden, die eine Ausbildung als Lehrer nicht genossen haben und die sich lediglich dem Kantorenberuf zuwenüen wollen. Hier kämen insbesondere die hervorragend musikalischen und. stimmbegabten Kandidaten in Frage, für die erst in späteren Jahren ihre Eignung und Hinneigung zum Kantorenberus erkannt worden ist. Zweckmäßigerweise wird die Ausnahme in diese Akademie von der Ablegung einer Prüfung abhängig zu machen sein, ».ie den musikalisch besonders Befähigten zu erleichtern wäre, wie Lies Künstlern auch früher bei Erteilung des Einjährigenscheines zugebilligt wurde. Hat die Unterstufe in der Hauptsache diejenigen tvacher zu lehren, die ein verständnisvolles Amtieren ermöglichen, also in erster Linie hebräische Uebersetzung, Gebetruude und die liturgischen Gesänge des einfachen Gottesdienstes. so würde der Lehrplan der Oberstufe mehr die musikalische Leite des künftigen Berufes zu berücksichtigen habeir. Die musikalische Ausbildung ist bereits auf der Unterstute anzubahnen dadurch, daß für diejenigen, die sich dem Ka'.ltorenstudillm widmen wollen, Klavier- oder Violinspiel als fakultatives Unterrichtsfach eingeführt wird. Für die Oberstufe wäre Gesang als Hauptfach zn fordern, und zwar in erster Linie die Schulung der Stimme Tv.o die Pflege des Sologeiangs. Nebenher zu gehen hätten Ae Hebungen des Chorgesangs und die Anleitung zur Chordirektion. : Mit Nachdruck zu fordern ist das Spielen wenigstens fines Instrumentes, und zwar mit Rücksicht auf die Gesangsbegleitung am besten Klavier. Als Wahlfach hinzulreten könnte der Unterricht im Violin- oder Orgelspiel. Tie musiktheoretischen Fächer könnten beschränkt bleiben gnf Harmonielehre löer reine, vierstimmige Satzs und die Einführung in Kontrapunkt und Kompositionslehre. Einen breiten Rahmen einzuuehmen hätte dagegen die ^i t u r g i k des jüdischen G o t te s d i c n st e s. Das auch Musikgeschichte unter besonderer Berücksichtigung der der alten Völker jhier wiederum Geschichte des Synagogcnstesangs) Gegenstand des Unterrichts bilden mutz, bedarf keiner Erwähnung. Ebenso angebracht dürfte es sein, VorllMngen über Stimmphysiologie und Stimmhygiene sowie aper Sprecherziehung in den Lehrplan aufzunehmcn. ,,-Der in Aussicht genommene Lehrstoff dürfte selbst bei strengster Beschränkung unter einem Zeitraum von zwei Jahren kaum zu bewältigen sein und wird doch einen völligen Abschluß der Bildung nicht bringen können. Zweckmäßigerweise sind daher der Akademie mehrere Ferienfortbildungskurse anzugliedern, die eine Abrundung der Ausbildung bringen und Anstotz zu selbständigem Weiterarbeiten geben sollen. Der Andrang zum Kantorenberus ist ein außerordentlicher. Erfreulich dabei ist, daß gutes, zum Teil hervorragendes und bildungsfähiges Material vorhanden ist. Daß auch Auswüchse Vorkommen, Unterschätzungen unterschlüpfen, darf nicht wundernehmen, wenn man bedenkt, daß im großen Publikum die Vorbedingungen, die der Beruf des Kantors erfüllt sehen will, meist unbekannt sind. Daß eine glückliche Vereinigung vieler Vorzüge notwendig ist, stimmliche Begabung, musikalische Auffassungsgabe und gediegene tzchräische Kenntnisse, wird selten geziemend gewürdigt. Werden doch häufig nicht die besten Vertreter des Standes als Matzstab zum Vergleich mit den eigenen Leistungen herangezogen. sondern gerade immer die, mit denen man einen Vergleich glaubt aushalten zu können. Darum, Kantoren, und alle sonst dazu Berufenen, rührt euch, auf daß günstige. Gelegenheiten nicht verpatzt und die Entwicklung nicht in falsche Bahnen geleitet werde. Im! Versammlungskalender fllji Berlin,Rorde». Liberale Synagoge Norden (im Auerbachfchen WaisenhauS, Schönhauser Allee 162): Gottesdienst: Freitag, den 7. Januar, abends 7)4 Uhr. Predigt: Rabb. Dr. Salomonski. Sonnabend, den 8. Januar, vormittags 10 Uhr. Breslau. Jüdisch-liberaler Jugelrdverein »Abraham Geiger", Gruppe Süden: Mittwoch, den 12. Januar, abends %V> Uhr, bei Frau Riesenfeld, Bahnhofstr. 17, hptr. Thema: Gemetndeaufgaben. Referent: Lehrer Willy Freundlich. Freie Aussprache. Vereinsmitglieder, die der Gruppe nicht angehören, als Gäste willkommen. Pariser Brief. Bor einigen Wochen konnte man in den Blättern nachstehende kleine Information lesen: Der Handelsminister Bokanowski wurde in der großen Stadt Epernay vom Bürgermeister Levy empfangen. — Zwei Juden! Und dennoch haben die Antisemiten nichts gesagt, denn in Frankreich kann ein wertvoller Mensch, welche immer auch seine Religion sei, zu den höchsten Staatsämtern gelangen. Der gegenwärtige Präsident der Republik, Doumergue, ist Protestant und bereits mehrere Juden waren Minister. Es steht fest, daß wir nicht weniger Franzosen sind, weil wir Juden sind, wir jungen Leute, die wir auf Frankreichs Boden geboren sind, und es gibt unter uns Familien, welche bereits seit zahlreichen Generationen französisch sind. Wenn man die Dokumente und Werke durchgeht, welche die geschichtlichen Ereignisse in Frankreich behandeln, kann man sich darüber klar werden, daß Israeliten seit langen Zeiten in diesem Lande gelebt und an dem Leben der Nation tatkräftig teilgenommen haben. Darf ich bescheiden einige Beispiele anführen? Man hätte Bände notwendig, um alles zu erzählen^ Man kann in den Natwnalarchiven ein sehr altes Manuskript aus dem XIII. Jahrhundert, ein einzigartiges Exemplar, sehen, welches die Unterschrift und das Siegel der hervorragendsten Persönlichkeiten des Königreiches und auf der Rückseite hebräische Schrift trägt: wenn wir der zeitlichen Reihenfolge nachgehen, dann können wir ferner einen Friedensvertrag aus dem Jahre 1389 sehen, welcher zwischen den Juden der „I-aiMue d’oc“ und der ..Langtie d'oil“1) geschlossen worden war, was ein unfehlbarer Beweis für die Existenz zahlreicher Juden in Mittelfrankreich ist: eine Zeitstatistik setzt ihre Zahl mit 50 000 fest. Es wird auch ein Jude namens Salomon erwähnt, welcher Zollbeamter auf der St. Denis-Brücke war, und ferner findet man in den Nationalarchiveu ein Edikt Katharinas von Medicis-), gemäß welchem sie ihren jüdischen Verwalter „für seine guten und loyalen Dienste" mit einer Goldbörse belohnt (XIV. Jahrh.). Während der französischen Revolution (von 1788 an), welche den Juden die Bürgerrechte verlieh, sind die Beispiele ihrer Bürgertugend mnd Vaterlandsliebe sehr zahlreich: Der Wächter des TemplegefängnisseS") im Jahre II (1792) hieb Rvsenthal: ein anderer Jude, der heldenmütige Simon, wurde für seine Taten zitiert. Seine Zitierung lautete wie folgt: Kind der jüdischen Nation, vorher Jägerhauptmann im Jahre 1783. — Man erwähnt einen gewissen Meyer, welcher sich im Alter von 18 Jahren freiwillig anwerben lieb, um in der. Vendee .das bedrohte. Vaterland zu verteidigen.. Die Listen der Nationalgarden sind reich an jüdischen Namen: Lambert. Meyer, Bidermann, Klein. Picard, *) Anmerkung des Ueberfetzers: Im Mittelalter wurde die südlich der Loire gesprochene Sprache „Lämgue d'oc“ und jene nördlich der Loire gesprochene „Langue d'oil" genannt. Diese Bezeichnungen stammten von der verschiedenen Aussprache des französischen „oni“ (ja). Während man im Süden ,.oc" sagte, sprach man im Norden „oil“ aus. Seit Hugo Capet hatte das Herzogtum Paris nach und nach alle Südprovinzen absorbiert und der Dialekt des Norden, nämlich die „Langue d’oil“, drängte die „Langue d'oc“ zurück. Zur letzteren gehören u. a. nachstehende Dialekte: Gascon, Catalan. Limousin, Dauphinois, Savoyard usw. -) Gemahlin Heinrichs II., Mutter Franz' II. und Heinrichs III. Sie regierte während der Minderjährigkeit Karls IX. und trieb die Giftmischerei im Stile des Papstes Alexander VI. Auch für die Bartholomäusnacht (28. August 1572), in welcher die Protestanten nieöergemetzelt wurden, ist sie verantwortlich. *) Der Temple, welcher im Jahre 1811 abgetragen wurde, war ein ehemaliges befestigtes Kloster der Tempelritter Ludwigs XVI., Marie Antoinette und ihre Kinder wurden dort bis zur Hinrichtung des Königs und der Königin gefangengehalten. AaesS, Lsvst. BernarS ufw. Diese Leute bewohnte« ble ältßn Straßen «nt den Temple oder im „MaraiS"-Viertell Was ist anihren Söhnen geworden? Könnte» sie sich nicht von Herrn Biuet-Baürrer'), dem Sprößling einer ehre», werten Schweizer Familie Unterricht in französischer Vaterlandsliebe erteilen lassen? a t A Und ihr, junge Juden, Söhne der Mitkämpfer und Toten der grauenhaften Schlächterei von 1914 bis 1018. ihr. deren Väter die Ebenen der Champagne und die Wiesen von Flandern mit ihrem Blute benetzt haben, was sagt ihr, wenn ihr eure Brüder von lärmenden Minderheiten Eindringlinge nennen hört, so wie dies vor einigen Wochen in Belleville der Fall war. Der französische Jude ist stolz, Bürger des Landes der großen Freiheit zu sein, Bürger des Landes, welches Männer wie Voltaire, Hugo, Renan, Jaures, de Monzie, Painleve, Ferdinand Buisson zur Welt kommen sah. diese Apostel der Duldung, welche sich ganz den Leiden der Völker widmen. Die Israeliten können ganz wie die Männer anderer Glaubensbekenntnisse stolz das Recht fordern, den Namen Franzosen zu tragen. ... Aber die „Träumer des Ghettos", welche für eine bessere Menschheit schwärwen, werden doch nicht wollen, daß der traurige Geisteszustand von früher fortbestehe, daß die niedrigen Theorien des unversöhnlichen und gefühllosen Chauvinismus wieder aufleben. Was liegt daran, so denken wir, ob ein Mensch an den Ufern der Wolga oder der Donan geboren ist, was liegt an den Intonationen feiner Sprache, was liegt am Schnitt oder an der Farbe seiner Kleider! Nur der Wert seiner Seele gilt, ein Mensch ist nur ein Mensch, d. h. ein Objekt im grenzenlosen Weltall. So groß auch seine Bedeutung und seine Macht sein mögen, was ist er, da er doch schließlich unbeweglich unter einem schweren Steine liegen wird? Wozu sind die menschenmörderischen Krrege gut? Bemühen wir Juden uns. an einem fruchtbringenden Frieden zu arbeiten und wiederholen wir die Worte Bernard Lazares Wir beanspruchen unfern Titel, nämlich den: »nützliche Arbeiter in der großen WerMätte der Menschheit" zu sein. Das »Kolnidre" des Nationalsozialisten Slratzer. Der nachstehende Aufsatz mußte aus Raummangel von uns längere Zeit zurückgestellt werden. Wir glauben, daß sein Inhalt auch jetzt noch an Aktualität nicht verloren hat. Wenn ein völkischer Prophet aufsteht und über die Begriffe „Treue, Hingabe» Selbstlosigkeit. Pflichterfüllung" das Wort ergreift, dann müssen wir Juden wohl oder übel hoch aufhorchen. Denn da uns die Minderwertigkeit unserer Rasse ein intuitives Erfassen sittlicher Werte unmöglich macht, können wir nur auf diese Weise hoffen, etwas vom höheren Menschheitsadel zn profitieren. Als daher jüngst (in Nr. 238 des „Völkischen Beobachters") der Reichstagsabgeordnete Gregor Straß er über die oben angeführten Worte leitartikelte, ließen wir unseren parasitären Neigungen, aus der moralischen Vollkommenheit reinrassiger Bolkserneuerer Nutzen zn ziehen, die Zügel schießen und stürzten uns mit den bekannten Raubtierinstinkten der Semiten auf das nationalsozialistische Geistesprodukt. Und voll ehrfürchtigen Schauders lasen wir da: Sichtbar gemacht werden muß es allen Deutschen, für die die Worte „Treue, Hingabe, Selbstlosigkeit, Pflichterfüllung" noch den alten Klang und den alten Inhalt haben — sichtbar und hörbar gemacht werden mutz es ihnen, daß diese Worte im Staat von heute einen gMK anderen Klang, einen ganz anderen Inhalt haben, Mögen die Buchstaben auch gleich sein, aus denen sie zusamrnHy-^. gesetzt sind. r<~ Klar gemacht, sichtbar und hörbar gemacht werden mutz es den Hunderttausenden, die in ehrlichem Glauben von der „Pflichterfüllung im Staat", von der »Treue zum Staat", von der »Hingabe an den Staat" sprechen und danach handeln, daß dieser Staat dieser Pflichterfüllung, dieser Treue, dieser Hingabe unwürdig ist, und daß die Träger dieses Staates sich jener Begriffe, die ihnen im innersten Wesen fremd sind, nur gewandt bedienen, um die „Gläubigen" mit ihrer eigenen Ideologie zu fangen! Es ist nicht „Pflicht", den Buchstaben eines Gesetzes zu erfüllen, der vor der Stimme des Gewissens als Unrecht gilt! — Es ist nicht „Pflicht", Taten mit seinem Namen zu decken, die man innerlich als Schandtaten empfindet! — Es ist nicht „Pflicht", sich aus „Staatsinteresse" zu beugen, wenn man aus „Zukunftsinteresse" steif bleiben muß! Diese Belehrung wird niemandem Geringeren zuteil als dem Reichspräsidenten v. Hindenbnrg, weil er es mit seinem Eide auf die Verfassung ernst nimmt. Ihm und allen anderen Würdenträgern, die von der beschworenen 4) Ein französischer Schriftsteller, welcher weniger durch seine literarischen Gaben als durch seinen Juden- und Deutschenhaß hervorsticht. die Verfolgung der Juden nicht nur eine Dummheit und Gemeinheit sondern er betont geradezu die Berufung von Juden in höchste Staatsstetten, solange in Deutschland „keine seinen Inden als Geistesmenschen überlegenen Germanen leben", „sind doch die Juden von Haus aus die konservativsten aller Völker." Wer die Geschichte des Judentums und der angcstrebten jüdischen Theokratie kennt, weiß, daß allen extremen Tendenzen Feindschaft angesagt wird. Tie Zeiten haben bewiesen. daß trotz Drang und Nöte das Judentum als solches nie in das Fahrwasser oppositioneller, staatsfeindlicher Parteien sich hat treiben lassen. Würde ein Jude von seinem Stamme aussageu, er sei nicht nur anders als die Völker, : sondern geistig und biologisch höherstehend als diese, w würden Außenstehende von der Ueberheblichkeit des Judentums künden. Wenngleich wir es absolut nicht nötig haben über, unseren Wert vor der Welt Heimlichkeiten zu haben, sondern uns unserer Mission bewußt sind und diese hinanstragcn. so darf es uns andererseits freuen. Stimmen wie diese zu hören: Tie Juden sind das wichtigste Volk der Geschichte. Sie allein haben von der Prophetenzeit ab in ihrer Eigenart durchgehalten, sie allein sind weder anSgestorben noch degeneriert: sie sind das höchstgezüchtete aller Völker in Bezua ans Willen und Verstand. Die Juden mögen noch so unlymphatisch sein, sie sind in ihrer Art höher gezüchtet, als die eigentlichen enroväischen Völker. Also müssen wir uns. anstatt billig über. sic zu schimpfen, an ihnen ein Beispiel nehmen." Wie armselig dagegen nimmt sich das Gefasel unserer Hurrapatrioten und Patentöentschen aus. die sich Keyserlings Worte merken sollen, auch bezüglich der sportlichen Fähigkeiten der Inden, die er uns zuerkennt. Im Verfolg seiner Ausführungen untersucht Keyserling, wie «es möglich sein konnte, daß das Iirdentum sich durch Hölle und Schwert hindurch, trotz Ghetto und gewaltsamer, aufgezwungener Geburtenverhinderung körperlich und seelisch frisch und ungebrochen wie in den Jugendtagen der Geburt sich bis auf den heutigen Tag hat erhalten können. Nach manchem pro und contra kommt er zu dem Schluß: »Die Juden haben den grenzenlos ungünstigen Lebensbedingunö«t, dem furchtbaren Druck, dem sie als Mehrzahl beinahe ihre ganze Geschichte entlang ausgesetzt untren, widerstanden, weil ihre Religion eine Einstellung verlangte und durchsetzte, die das Sich-Selbst-Treu-Bleiben und Durchhalten trotz allem zum a priori ihres Volkstums machte." Wir sehen hier die Uebereinstimmung mit unseren iüdischen Denkern, die weise vorausschauend das Festhalten an der Religion als den Rettungsanker erkannte, an den das einsame Israel im Zeitenmeere und im Gemoge der Völker sich zu klammern hat. Nimmer ist das Heil des Judentums zn erblicken in dem Aufgehen in die Völker, aber auch nicht in der Ueberspannung des Nationalen, sondern nur in der geistigen Wiedergeburt. Noch viel des , Tiefen und Nachdenklichen über das Judentum sagt Keyserling was im Nahmen eines Aufsatzes jedoch nicht mehr besprochen werden kann. Es ist in heutiger Zeit ein Reiz. Worte zu hören, die, wie die Keyserlingschen, in unserer rauhen Welt selten vernehmbar sind, und die selbst antisemitischen Rohlingen wie Musik in den Ohren klingen mutzten. Ein Stück Mittelalter. Besuch im Eisenstädter Juüenghetto. Von Hermann Blumenthal. Kaum zwei Stunden Bahnfahrt von Wien entfernt liegt die Hauptstadt des Burgenlandes Eisenstädt. Hrrr befindet sich, von den übrigen Stadtteilen abgesondert, das Judenghetto, das dereinst in der Geschichte der mitteleuropäischen Juden eine große Rolle gespielt hat. mit seinen mittelalterlichen Sitten und Gebräuchen und wenn wir es durchschreiten. glauben wir uns um Jahrhunderte zurückversetzt. Zwischen dem Meyerhof des Esterhazy-Schlosses und dem Kloster der Barmherzigen Brüder liegen die beiden Gaffen mit den 31 Häusern, die vom Ausbruch des Sabbat bis zum Ausgang desselben mit einem Tor und einer Eisenkette vom Verkehr abgeschlossen sind. Auf diesem Territorium herrscht volle 48 Stunden lang volle Sabbatruhe. Am Ende der „Gasse" ist auch das Ende alles Seins. Hier befindet sich der Friedhof und die Inschriften der alten verivitterten Grabsteine erzählen uns von den früheren Bewohnern des Ghettos. Urkunden bezeugen, daß schon im vierzehnten Jahrhundert Juden in Eisenstädt ansässig waren. Als die Juden im Jahre 1496 Rieder-Oesterreich verlassen mußten, Uetz sich eine Anzahl Familien dort nieder. Fürst Esterhazy, der ungarische Paladin, gewährte ihnen Wohnrecht und stellte ihnen gegen Entgelt Schutzbriefe aus. Im Jahre 16Y8» als Leopold der Bubenberger, auf Drängen der Jesuiten, die Juden aus Wien vertrieb, wandten sich viele nach Eisenstäöt. wo sie seither ungestört wohnen durften. Im Jahre 1795 wurde die Niederlassung fast gänzlich eingeäschert, doch schon wenige Jahre darauf wurde das Ghetto neu geschaffen. Im Lause der Jahrhunderte wirkten dort viele hervorragende Männer. Meir ben Jsak war 26 Jahre lang Rabbiner der Gemeinde, und Abraham Asch, der große Gelehrte, versammelte eine große Zahl wißbegieriger Männer um sich. Sandor Wolf, ein Sohn Eisenstädts, hat in Gemeinschaft mit Dr. Bernhard Waschsteiu in zwei stattlichen Banden, „Eisenstädter Forschungen", ein Geschichtswerk geschaffen, das uns ein Bild vom Leben der früheren Generationen gibt. Aus unzähligen Urkunden lernen wir die Sitten und Gebräuche der dortigen Juden kennen. Wer sich einen Begriff von der Kultur des Judentums in den letzten Jahrhunderten machen will, wird in diesen zwei Bänden sicher Quellenmaterial finden. Seit dem Jahre 1848, als die Juden in allen Städten freies Wohnrecht und Freiheiten erhielten, spielt die Jndengasse in Eisenstädt nicht mehr jene Rolle wie ehedem. Ein großer Teil der Jugend wanüerte in die groben Städte der Monarchie aus. Noch immer ist die alte Tradition in der „Gasse" lebendig. Zum Laubhüttenfest erhebt sich vor jedem Hause eine Laubhütte und zu Purim tummeln sich Gruppen von Maskierten in der sonst stillen Gasse. Die Feste sind hier noch einzig schön. Eisenstädt gehört zu den wenigen Judengemeinöeu Europas, die eine eigene politische Verwaltung und eine eigene Gerichtsbarkeit haben. Es ist Abend, als ich Abschied von der „Gasse" nehme. Beim Bethaus brennt ein winziges Lichtlein. Sonst brütet die Finsternis über den alten Judenhäusern, die von jenen Zeiten träumen, da hier noch her Brennpunkt jüdischen Lebens war...