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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-01-07 · 1 (7.1.1927) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
1 (7.1.1927)
Date
1927-01-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
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dieser allgemeinen Untersuchung zu zeigen, worin, -er besondere Sinn gerade der Orgel liege. Worin besteht für den liberalen Juden das religiöse Erlebnis? Wenn darin. Latz man im Gotteshanse seinem Gotte all die Beschwernngen des täglichen Lebens im Gebete vorträgt, alle Wünsche vorbringt — in der völligen Gewißheit, daß es nur dieses, sagen wir. Eingreifens des menschlichen Willens in den göttlichen bedarf, um unseren persönlichen Wünschen Erfüllung werden zu lassen —, wozu denn auch nur der auch rm orgellosen Gottesdienste angewandte Gesang des Kantors? Es münde ja dann doch genügen, diese Gebete zu sprechen! Oder glaubt der Beter vielleicht, seinen Bitten eine größere Macht zu verleihen, wenn er sie seinem Gott in singender Weise vorträgt? Gewiß ist die Frage nicht unberechtigt. Beispielshalber der Angehörige des wilden Volksstammes, der sich mit seinen primitiven Musikinstrumenten in seine religiöse Ekstase hineinpaukt. ist der Meinung, daß seine Bitten um w eher Erhörung finden, je kraftvoller und ekstatischer er sie seinem Gott vorbringt. Aber mit dieser Etnstelluna kommen wir Heutigen doch nicht an den Sinn der religiösen Musik lreran. Religiöse Musik ist Mittel zum wahren religiösen Erlebnis, bei dem der Mensch im Mittelpunkt steht, der sich seines Dualismus bewußt ist und aus diesem heraus zum Nicht-Geteilten, zum Einigen, zum Absoluten will. Ter sich des Dualismus von Materie und Geist bewußt ist. der — wohl der Materie verbunden und ihr verhaftet —eben deshalb zum Geist will, dem er als das Ewige erkennt, als das einzig wahrhaft Seiende. Der religiös berührte Mensch sucht Gott nicht, um etwas von ihm zu e r bitten idarmn wenden so viele, die es tun. mit der göttlichen Gerechtigkeit nicht fertig!), sondern er sucht, sich mit dem Geist Gottes zu erfüllen,' es ist ein Vorgang des Denkens und Fühlenö lnichr des FordernS!) und darum auch des Willens, also des Tuns. Wir wollen nicht ettvas von Gott, sondern wir wollen Gott selbst, der nur in unserem Tun verwirklicht werden kann. Diese Hingabe, dieses Verbindungsuchen mit dem Ewigen, — sind sie wirklich dem wahren Kunsterlebnis so entgegengesetzt? Kunsterlebnis im Sinne einer ästhetischen Unterhaltung — dem sind sie allerdings entgegengesetzt! Wahre Kunst fließt jedoch aus derselben Quelle wie wahre Religiosität. Daß man zu einem Konzert beinah nur noch geht um der Aus führ enden willen, das ändert ja nicht das mindeste daran, daß eine Beethoven- oder Mahler-Symphonie nicht dazu geschaffen wurde, daß sie von dem und ienem Dirigcntenstar dirigiert werde, damit die ästhetisch Gebildeten eine interessante dlbendunterhaltung haben: durch Offenbarung aus göttlichem Geiste sind diese Symphonien geboren .und darum haben sie auch die Kraft, des Hörers erdhaftes Menschentum zu modifizieren und ihn zu-m göttlichen Geiste zurückzuführen. Das gilt natürlich auch von jeder anderen wahren Zdunst. So stellen sich religiöses Erlebnis und wahres Kunsterlebnis gar nicht als ausschlietzendc Begriffe dar, vielmehr ist religiöse Musik zum mindesten ausgesprochene Förderin senes inneren Vorganges, den ich als religiöses Erlebnis analysierte. Mithelferin zur Hcrvorbriugung jener Stimmung (aber mit diesem Wort Stimmung ist noch nicht alles gesagt!): sie ist wertvollster Stimulus für jede Andacht. weil gerade diese Kunst, die nichts als Gefühl und Empfindung ist, von allen Menschen am leichtesten verstanden wird. . Soviel zur Beantwortung der Frage, ob es dem Gottesdienst schaden könne, wenn (nur recht viel!) Kunst in ihn hineingetragen würde. Aber über diese allgemeine Be- Mtwortutm hinaus liegt in der Anwendung gerade der Orgel nöch ein besonderer Sinn. Der Einwand liegt ja nahe: Wävnm gerade Orgel? Und weitergehend: warum überhaupt Synagoge? Dann kann ich ja meine religiöse. Erhebung auch im Konzertsaal suchen! Wer hat Einwände dieser Art nicht schon gehört? Gewiß, sie kann sich auch dort eiustellen! Aber es ist doch noch ein gewaltiger Unterschied, ob ich in den Konzertsaal gehe, wo sich religiöses Erleben einstellen kann, wohin ich jedoch zunächst meistens aus ganz andern Gründen gehe, mir einer anderen Einstellung ä priori — oder ob ich die Synagoge aussuche, einzig und allein zu dem vorher gewußten und v o r g e n o m m c n e n Zweck, mich religiösem Erleben hinzugeben, überdies in einem Hause, das nur diesem Zwecke, keinem andern, dient, und das nur zu diesem Zwecke erbaut wurde. Ebenso verhält eS sich mit der Orgel im Vergleich zu jedem andern Instrument. Die Orgel ist das religiöse Instrument, es gibt keine Orgelmusik bei irgendeiner weltlichen Angelegenheit lwozu natürlich auch keine Oratorium-Aufführung im Konzertsaale gehört!», und es ist etwas Erhebendes um den Gedanken, daß dieses Instrument nicht,, wie z. B. die an und für sich so edle Geige, sowohl bei einer Beethoven-Symphonie wie auch bei einer Tanzlustbarkeit erklingen kann. Von dieser Alleinherrschaft auf dem Gebiete des Religiösen geht schon jene Weihe aus. die den Hörer so schnell zur Hingabe zwingt. Und bann noch der ganz große Symbolwert der Orgel! (Daß Symbole und Formen auch bei der geistig-abstrakte» »ten Formulierung religiösen Erlebens ihren Wert nicht verlieren, wenn sie nur prinzipiell, und nicht nur graduell, sich von der starren Ausführung erlassener »Vorschriften" unterscheiden — das aufzuzeigen würde in diesem Zusammenhänge zu weit führen.) Welches gewaltige Symbol ist die Orgel für alle Möglichkeiten religiösen Erlebens! Wenn sie die ganze Skala ihrer Ausdrucksfähigkeit durchläuft, vom gewaltigen Gewitterbrausen der Abgrundbässe bis zum sanftesten Säuseln der zarten Register — wen: fällt dabei nicht die Gestalt Elias am Berge Horeb ein, der Gott suchte in der Macht des Sturmwindes, im Erdbeben, jm Feuer und ihn zuletzt im Säuseln eines sanften Windes fand? Welches Symbol für unser Weltbewuhtsein, wenn wir diese, ganz allein der Orgel zukommende. Fähigkeit betrachten, l in e ar e Klang bewegung auszubreiten und gleichzeitig die vertikale Tie f e des Akkords klingen zu machen! Und endlich. als Steigerung dieses Gedankens: welcher tiefe Ewigkeitöstnn liegt in dieser Fähigkeit, über ein ganzes Musikstück hin unter allem darüber sich ausbreitenden Tongeflirr, Geflatter. unter aller Bewegung des linearen Klangbildes festznhalten: den O r g e l p u n k t, den unveränderten Grunöton. das immer sich Gleichbleibende. den ruhenden Pol in der Klangerscheinungen Flucht, als Symbol für den letzten Grunv des Seins, das Fundament der unabänderlichen Ewigkeit zum veränderlichen, endlichen, wieder verfliegenden Bewegungsvorgang irdischen Geschehens. — Nein, dieses Instrument ist nicht nur so ein nebengeordnetes Begleitinstrument zur Erhöhung des ästhetischen Genusses. es ist integrierender Bestandteil des liberalen Gottesdienstes. kann den nach Vertiefung Ringenden nicht nur n i ch t st ö r e n . sondern mutz seine Andacht erhöhen uud sein Erleben steig ern I Welche Forderungen sind aus diesen Erkenntnissen, um wieder aufs allgenreine zu zielen, für die Gestaltung des neuzeitlichen Gottesdienstes abzuleiten? Stoßt euch nicht an der Kunst im Gottesdienste, sondern tragt recht viel von ihr in ihn hinein! Erstklassige Chöre und Orgelwerke, aber auch Künstler, die dieses Wunderwerk klingen urachcn und seine Struktur bis ins innerste Mark klanglich bloßlegen können! Der Kantor sei ein erstklassiger, technisch durchgebildeter Sänger, selbstverständlich, aber das ist erst materielle Voraussetzung, er sei außerdem ein Mensch von Bildung, ein Mensch mit einer Seele, der mit seinem Gesang in die Seele -er andern zu greifen versteht, der kür die a«-ern die Atmosphäre schafft, in der religiöses Erleben sich entrvickelt. F ü r d i e a n d e r n — das ist der Sinn deö Wortes vom „scheliach zibbur"! Ein Wort zur Kantorenfrage. Bon E. E h r e n r e i ch. Die Ausbildung von Lehrern geht in Preußen seit der Aufhebung der Seminare, der bisherigen Bildungsstätten für Volksschullehrer, neue Wege. Bestrebungen, für die Vorbildung der jüdischen Lehrer in Anlehnung an die allgemeinen Erfordernisse Bestes zu schaffen, sind alcichfalls im Gange. An die Heranbildung des Nachwuchses für den Kantorenberuf hat man bisher wenig gedacht. Die Wichtigkeit dieses Zweiges der Gemeindeaufgaben braucht aber nicht erst bewiesen zu werden. Sie ist in den Kantorenkrcisen nicht minder wie in den Gcmeindestnben bekannt, aber bislang nicht genugsam gewürdigt worden. Noch zehrt man am alten Nachwuchs, noch strömen die in der Inflationszeit Abgewandertcn in die alten Berufe zurück. Noch ist das Reservoir aus. dem Osten nicht erschöpft. Aber doch ist ein fühlbarer Mangel hauptsächlich für die kleinen und kleinsten Gemeinden nicht zn verkennen, die einer Universalkrast. die die verschiedensten Fähigkeiten in sich vereinigt, für die ihnen eigenen Verhältnisse bedürfen. Der Mangel wird größer und fühlbarer werden, wenn die zweifellos vorhandene Lethargie, eine offenbare Ratlosigkeit der beteiligten Stellen, auf diesem Gebiete weiter anhält. Um den Weg zu finden, der einzuschlagen ist. muß erst festgestellt werden, was an der bisherigen Methode der Kantorenheranbildung richtia und was falsch an ihr war. Der Bildungsgang der Lehrerkantoren war im früheren Deutschland ein durchaus ungleichartiger. In süddeutschen Seminaren, hauptsächlich in Bayern, erfuhren die Musikfächer eine bevorzugte Behandlung. Es trat daher eine Abwanderung musikalisch weniger befähigter Seminaristen und Präparanden nach den Bildungsanstalten des übrigen Deutschland ein. Hier wurden in musikalischer und gesanglicher Hinsicht nur bi-c allernvtwendigsten Grundbegriffe vermittelt. Für das Examen war Musik ohne ausschlaggebende Bedeutung, daher auch die Lehrkraft nicht in notwendiger Autorität. Schlimmer stand es noch um die gesanastechnii'che Ausbildung. Das Seminar konnte bestenfalls die musikalische Seite des Singens lBlattsinaen, TreMbunaen. Chorgesang usw.) fördern, und es war schon viel gewonnen, wenn in gesangstechnischer Hinsicht nichts verdorben wurde. Selbst die Kenntnisse im liturgischen Gesang wiesen bet den angehende): Lehrerkantoreu erhebliche Lücken auf. Gär manches Seminar hat seine Zöglinge mit einigen mehr ober weniger brauchbaren L'chv daudi's und Mussaf K'duschaus entlassen. . Erst die Zelt nach dem Seminaraustritt schied die Bocke von den Schafen. Erst jetzt, in der ersten Stelle, setzte das eigentliche Studium des Kantorats ein. Teils als Autodidakten. teils in privatem Studium, von ihrem kärglichen Gehalt die Mittel absvarend, suchten sie ihre kantvrale und musikalische Weiterbildung. Dies ist eine Gruppe der Kantoren. . Der Studiengang der anderen Berufskollegen weicht völlig ab von dem der bisher gezeichneten. Teils als die geborenen Chasanim ans dem Osten eingewandert teils ihre Neigung für den Kantvrenberuf im vorgeschrittenen Lebensalter entdeckend, haben sic der profanen Bildung itt iüngeren Fahrest weniger Aufmerksamkeit zugewandt. Ihre Bildungsgrundlage beruht zumeist, labcr auch dies durchaus nicht immer» auf der Kenntnis des jüdischen Schrifttums, der Mischnah und des Talmud. Den. traditionellen Synggogengesang haben sie mit der Muttermilch eingesogen. Er ist für sie etwas.Gegebenes. Zu Füßen des Chasmr ihres Heinwtortes haben sie gesessen und gehorcht, als Meschorerim seinen Gesang begleitet und umrahmt. Ausgestattet mit dem oft nur lückenhaften Wissen in profanen Fächern suchen sie dann die Fremde auf. um dort ein Tätigkeitsfeld für ihre Fähigkeiten zu finden, müssen aber erfahren. daß auch sie nur am Anfang ihres Weges stehen, daß viel zu tun übrig, bleibt, um den Ansprüchen des Westens in seiner Art gerecht zu werden. Jetzt setzt der Eifer in der Ausbildung in den musikalischeu Fächern, hauptsächlich der gesanglichen Ausbildung ein und nur diejenigen, die es wirklich ernst mit dem Studium nehmen und den nötigen Intellekt mitbringen, Mühe und Arbeit bei häufigen Entbchrnngen nicht scheuen, gelangen zum Ziel. (Zuweilen wird auch erst der Umweg über das Konzertpoöium oder über die Bretter, die die Welt bedeuten, gemacht, um späterhin zum Kantorcnbernf nberzugehen.) Wie wir sehen, in beiden Fällen ein schmieriger Weg, bisher kaum erleichtert von den Instanzen, zu deren Aufgaben die Vorsorge für die Ans- und Weiterbildung von Kultusbeamten gehört. Was zu tun bliebe also übrig? Welcher Studiengang wäre nötig, um die Dinge zum Bessern zu lenken? Würde es sich nur itut das rein sachliche handeln, sä würde die Frage nicht allzuschwcr zn beantworten sein. Mit der Ausbildung zum Kantor allein ist es aber nicht getan. Die heutigen finanziellen Verhältnisse der meisten Gemeinden lassen es nicht zu, eine vollbezahlte Kraft nur für die Kantorentätigkeit einzusetzen, für ein Amt,' das wirkliche und größere Leistungen nur an einem Tag der Woche, dem Sabbat und an den Feiertagen beansprucht. (Denn der Wochentagsgvttesdienst wird von den Hanptkantoren wegen Gefahr der Stlinmschädigung zumeist — und meiner Ansicht nach mit Recht — abgelehnt.» Eine Betätigung in einem andern Berufe im Interesse der Gemeinde wird daher zu unbedingtem Erfordernis. Die Wahl dieses Berufes stößt bereits ans Hemmnisse. Daß mit einer selbständigen kaufmännischen Tätigkeit und auch bei einer künstlerischen Tätigkeit nicht gerechnet werden kann, braucht nicht erst bewiesen zu werden. Abgesehen von den mit der Sabbatheiligung verbundenen Schwierigkeiten werden derartige Nebenbeschäftigungen des Kantors von den Gemeindemitgliedern nicht gewünscht. Bon den Funktionen, die im Dienste der Gemeinde verrichtet werden könnten, sei zunächst die Tätigkeit im Verwaltungsdienst genannt. Es sei nicht verhehlt, daß chivr gute Verbindungen sich zuweilen Herstellen lassen dadurch, daß der Kantor beispielsweise Rendantur- oder Sekretariatsgeschäste erledigt. Voraussetzung hierfür bleibt,"Mß die Organisation selbst es gestattet (bei größeren Gemeinden ist cs nicht immer der Fall) und daß die Neigung für den verhältnismäßig trockenen Beruf, ans dem keine Künstlererfolge zu pflücken sind, auf Seiten des Kantors vorhanden ist. Erschwerend muß aber auch hier ins Gewicht fallen, daß zum Writerstudium und zur Vervollkommmma wegen der langen Inanspruchnahme im Dienste nicht viel 'Zeit bleibt. Der lange Aufenthalt in den Burcauräumen kann für die Stimme nicht besonders zuträglich empfunden werden. Es muß somit die bisherige Entwicklung, die den Kantor auch jetzt schon auf den RcligionSlehrerberuf und den ' Lehrer auf das Kantorat hiugelenkt hat. noch als die am ehesten gangbare Form der Verbindung zweier Tätigkeiten angcsprochen werden. Nicht nur deshalb, weil die praktische Durchführung leichter zu ermöglichen ist. weil fast iede Gemeinde Verwendung für beide Kategorien hat. sondern weil die innere Beziehung eine fast vollkommene ist — weil beiden gemeinsam ist die Hebung des Religiösen im Menscher durch Unterricht und Gebet. Die Folgerungen, die hieraus zu ziehen sind, liegen nahe. In erster Linie hat demnach die Vorbildung auf diese spätere Verwendungsmöglichkeit Rücksicht zu nehmen. Wir befinden Legende von der Sabbatdämmerung. Nicht die Kerze, nicht die Lampe! Latz uns ruhu im Zwielichtschein, Laß an deiner Brust gebettet meines Hauptes Unrast fein. * Sieh — in Sagen meiner Väter, der Haggadah blüh irdem Strauch, Geht aus Zeiten gläub'ger Kindyett eln vericyouner Märchenbrauch. * Geht ein Sang vom Geist des Friedens, der des Satans Macht zerbricht: Einmal in der Sabbatdämmerung taucht die Hölle selbst zum Licht! * Taucht empvr zum Glanz des Himmels — alle Seelen werden still, Der Verworfnen, der Verdammten, die der Herr nicht mix will. ■ \ * Teuer fk Höllen) stete )ahwe's Grimm entzündet der Begierden md Mut: er. das nicht leuchtet, das nur brennt in Glut. * Die tu Mißgestalt gewandelt, Liebe nie von Lieb' erhört: Einmal zwischen Tag und Abend wird umfangen traumbetört. * IN ficit Qualm der ew'gen Nächte bricht ein Duften Kmmelhex —— Wenn cvm Sabbat sinkt die Sonne, brennt der Sehnsucht Qual nicht mehr. * Darum zagend stets mein Vater schob hinaus den Sabbatschluß. Daß der Himmelstraum noch weile —. den das Licht zerstören muß! * Nicht die Kerze, nicht die Lampe! Laß uns ruhn im Zwielichtschein, Laß an deiner Brust gebettet meines Hauptes Unrast sein. Thekla Skorra. Keyserling und die Juden. Von Willy Aron, Hamburg. Leider muß in der Gegenwart nur allzu oft Veranlassung genommen werden, gegen den vulgären Antisemitismus eine Polemik zu führen. Der Kampf gegen den Antisemitismus ist gleichermaßen der Kampf gegen die grenzenlose Denkfaulheit der Menschen. Es muß stets weithin merklich verzeichnet werden, daß in unserer Zeit Männer, die nicht unseres Glaubens sind, aufstehen uud das Unrecht des Judenhasses öartun. Diese Menschen, darüber muß Klarheit walten, erheben nicht aus Liebe, sondern aus dem Gefühle der Gerechtigkeit ihre Stimme für Inden und Judentum. Jedes Unrecht, begangen gegen Minoritäten überhaupt, von dem diese Männer hören, erzeugt einen Mißklang in ihrer Seele, und was von der Masse kaum beschwatzt und rasch vergessen wird, das zittert in ihren Gemütern lange nach. Einer solcher Männer, her in und über Deutschland hinaus eiyeu Rnf hat, und der verdient, in seinen Aeutzerungen über Juden und Judentum gehört zu werden, ist Graf Hermann Keyserling, der Begründer der »Schule der Weisheit" zu Darmstadt. Woher kommt es. daß auf den Straßen und Plätzen fast aller Orte und Städte das Hassen der Juden und des Judentums sich so breit macht und so anhaltend gedeiht? Woher kommt es, daß Achtungswürdiges verschmäht und Großes von der Welt verkannt wird? Der Sinn für die Wahrheit ist im Volke nicht geweckt, und die Trägheit im Denken verhindert den Zutritt geistiger, gesunder Nahrung. So oder so ähnlich mögen die Gedanken gewesen sein, die Keyserling auf das Judenproblein gebracht haben. Ludwig Börne sagt einmal sehr trefflich: "Es wird mit der schamlosesten Heuchelei gegen die Juden zu Werke gegangen, es werden lügnerische Behauptungen mit solcher Keckheit geführt, daß selbst Gutgesinnte dadurch getäuscht werden, weil sie nicht glauben können daß man sie sy plump betrügen wolle. Darum will ich die Toren entlarven und den Bösewichtern ins Angesicht leuchten. Sie werden lärmen und schwirren wie die ausgeschreckten Nachteuleu. Die hochweisen regierenden Knechte werden sagen: man solle die Gemüter nicht aufreizen durch Reden. Sie meinen, wenn Alles hübsch dunkel bliebe, dann sehen sich die Feinde nicht, und sie müßten Ruhe halten. Aber besser ist's. daß die Fackel der Wahrheit, als die der Mordbrenner die Nacht erhelle. Die Wahrheit reizt, ja, denn sic ist reizend. Unser Vaterland liegt krank darnieder: cs zn heilen, darauf kommtes an." Diese starken, männlichen Worte Börnes haben, obwohl sic im Jahre 1819. also vor über 100 Jahren geschrieben wurden, nichts an Bcdeutnug für unsere Zeit verloren Diese Worte sind mehr als einfache Sätze eines Literaten, sie sind ein Programm für die Kämpfer gegen Demagogie und Bolksverletznng. sie sind wach re Schlachtreihen. In diesem Sinne tritt nun Keyserling in seinem Werke „Der Weg zur Vollendung" aus! Dort sagt er: »Es ist eines der merkwürdigsten Phänomene der Menschengeschichtc. daß gerade daö Judentum kaum jemals ernste Würdigung erfährt, wo cs seit Menschengedeukcn keine Äuliurmacht gab. die sich gleich zäh durch allen Wandel seiner Schicksale hindurch behauptet, und wohl auch keine Nation, die gleich häufig Männer von ungewöhnlicher Bedeutung hervorgebracht hat." Die Tatsache ist nicht zu leugnen, daß mit Ausnahme einiger weniger Größen, viele, allzuviele Männer von den Geistigen und von den Denkern die Fnndamentalexistenz des Judentums bei Behandlung von Welt- und Völkerfragen übersehen. Man vergegenwärtige sich nur Oswalo Spengler, der das Judentum in seinem „Untergang des Abendlandes" mit sage und schreibe nichtigen zehn Seiten als eine Fcllachenreligion vom Nil gbtut. Keyserlina nmnt

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