Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 53 (31.12.1926)
- Date
- 1926-12-31
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2613366-2613841-2613894--2080-2619514- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Immer Jitrcraiji fei», auch nienii sie nur eine flehte Miuderf^tt waren. Was beit Zionismus angeht, so glauben wir, dag andere Juden wohl ihr Judentum anders ausfasien rönnen als wir. aber wir «teilten, daß die Lehre vom Juden-- nun eine religiöse Lehre ist und keine nationalistische Frage. Auch wir wünschen, das, Hebräisch gelehrt werde, aber nicht, um die Sprache zu beleben oder für Palästina, sondern für den Gottesdienst. Wir verwerfen die Absonderungspolitik mancher Orthodoren, sondern bleiben bei der Gemeinde, auch rvenu M Prozent derselben orthodox ist. Wir kennen die fstdhche Gemeinde nur als Religiansgemeiude. Die Zionffsten verstehen e& meisterhaft, tu jeden Verein, der seinen «strebungen nach ganz neutral ist. htnetnzugehen und ihn in ihrem Sinne zu beeinflussen: es ist ein Fehler der Liberalen. -atz sie sich von allem sernhalten, was nicht direkt liberal ist. bezüglich K u ltnS u n ü Ritus empfinden wir es wenig angenehm, daß der Freitagabend-Gottesdienst im Winter schon so früh beginnt, daß kein Erwerbstätiger bin- «ingehcn kann. Wir glauben aber auch nicht, daß in absehbarer Zeir eilt Sonntags-Gottesdienst durchfetzbar fein wird, zumal ^ia auch an solchen Feiertagen, die auf eilten christlichett Snuutaa oder Feiertag fallen, die Synagoge leer ist. Kultus und Ritus erscheint somit als Angelegenheit eines kleineren Kreises, aber wir wollen nicht, datz der Gottesdienst uersteinert. Für den Neligionsuuterrtcht müfien religiöse Persönlichkeiten gefunden werden, die ein Herz für die Jugend haben. Tie jüdische Schule beriihrt nicht den Kreis unserer religiös-liberalen Fragen, sie H* meSi’ eine politische Frage, Roch so viele Stunden iiüdischen Unterrichts können nicht das jüdische Hans ersetzen, das eine besondere Stärke des Judentums ist. Die Persönlichkeiten der sozialen Fürsorge sollen so sein, daß sich auch der strettg Konservative ihrer bedienen kann, aber andererseits sollen die Leute, detren »rart die Fürsorge angedeihen läßt, nicht beschnüffelt oder intolerant behandelt werden. Für die Schechita wünschen wir die peinlichste Beachtung aller Vorschriften, Voraussetzung der Behandlung aller der erwähnten Fragen ist Bestehen einer geregelten Gemeindeverwaltung. Redner kritisiert gewisie Vorgänge in der hiesigen Gemeindevertretung, die in ihrer Mehrheit ans Richtliberalen besteht, die in schöner Eintracht seit Jahresfrist alle Anträge der Liberalen ohne weiteres niederstiutmen. auch wenn der Antrag das Beste für die Gemeinde will. Man will offenbar den Liberalen das Interesse am Gemeindcleben verekeln. Daher will man jetzt auch die völlige Neuwahl aller Repräsentanten verhindern, obwohl eine solche wegen der neuen Wahlbestimmungen, die auch den Frauen das Wahlrecht geben. unbedingt notwendig ist. Zionisten und Konservative, die in allen diesen Dingen Hand in Hand gehen, haben eigentlich nichts miteinander gemein. Daher ist cs paradox, wenn Konservative sich unterstützen lasten von Leuiett, die keine Glaubensbrüder sind, sondern höchstens Blutsbrüder sein wollen. Zionistische Gemeinöearbcit ka»n nicht dem Religiösen dienen, sondern wird immer nur eine Volksgemeinde schassen. Wir halten kest an unserm Glaube», an die sittlichen Grundwahrheiten deS Judentums. Wo wir für unsere Ziele kämpsen, wollen wir unS fernhalten von allem Gehässigen, von aller Parteiiwlitik. Unser Hauptziel muh sein die Ueberwirrdung des religiösen Jndifferenttsmus. T-cr Vorsitzende. Herr Dr. Holz, dankte de« Redner besoirders für seine weise Mäßigung. In der Diskussion vertrat Herr F e i n ft e i n die Ansicht, datz jeder. der in die neue Snnägoge gehe, liberal sei. vor allem also die Mittelparteiler. Die Reformen, die die Liberalen anftrebten. würden schädliche Wirkungen für das Judentum haben. Di, Kürzung der Thoravorlefung, die die Liberalen wünschten, sei unnötig, fte ja doch nicht in die Synagoge kämen. Herr I. R. Dr. ..L-i ch t c n st e i n erwiderte darauf, es sei erstaunlich, datz die Synagoge so schlecht besucht sei. wenn der Gottesdienst so, wie er jetzt ist. durchaus richtig sei. Redner wirft den Gegnern sehr energisch vor. datz alle liberalen Wünsche in böchft untoleranter Weise zurückgewiesen und alle Anträge der Liberalen in der Gemeindevertretung einfach ncederaestimmt würden. Auch Herr I. R. Holz bedauert diese Tatsache und fügt hinzu, es seien diese Abstimmungen offensichtlich sogar unter Fraktivnszmang erfolgt, es sei sogar einmal ein Antrag in der Kultuskommission angenommen und dann im Plenum abgelehnt worden. Das Zusammengehen der Mittelparteiler mit den Zionisten und Konservativen sei angesichts der Tatsache, datz Herr Ftiustein behauptet, die Mittelpartei fei liberal, sehr verwunderlich. Herr Korn wirft dem Redner des Abends die Drsaualifizierung des Natinnaljüdischen vor. Er meirH, datz auch der jüdische Staat etwas für die Weltt'nltur zu bieten haben werde. Zionismus habe mit Konservativismus wenig gemein, allerdings habe er mit ihm. besonders mit dem Misrachi. mancherlei Berührungspunkte. Herr Geh. Rat Prof. Dr. Falken heim weist darauf hin, datz das Judentum, wie eS nach der Zer- Uörwtß des Tempels wurde, nichts mit dem heutigen Zionismus gemein habe. Wie jetzt hier in der Gemeinde verhandelt werde, sei höchst unerfreulich, :r glaube allerdings nicht an Fraktionszwang. Herr erster Kantor Dr. P t k bedauert die parteimäßige Zerklüftung des Judentums und appelliert an einen neuen Geist in der Jugend, der allein eine gesunde religiöse Entwicklung verbürgen könne. Man glaube im Kreise der Konservativen, daß das innere Leben deS Judentums schon so weit erloschen sei. datz man ängstlich jedes Steinchen des Baues festhalten müsse. In seinem Schlntzmort betont Herr Dr. Mayer, datz die heutige Generation immer auf die Jugend herabgesehen habe. Dadurch ist die Jugend verhindert worden, am Jüdisch-Religiösen teilzunchmen und ist anderen, romantischeren Dingen in die Arme getrieben worden. Redner setzt fid) besonders mit Herrn Feinstein auseinander und stellt dessen zahlreiche Jrrtümer richtig. Als die Juden in die Diaspora zöge«, war die Auffassung der Religiosität keine nationalistische. Gott wurde aus dem einen jüdischen Gott zum einzigen Gott der ganzen Welt. Mittelparteiler, so führt Redner weiter aus, feien meist verärgerte Konservative und Liberale, die sich nicht getrauten, liberal zu sein., sie hätten also eigentlich keine Existenzberechtigung. Wenn die erwähnteit Beschlüsse ohne Fraktionszwang gefaßt worden seien, so wäre das noch viel schlimmer, denn wenn das. waS hier geschehen ist, freiwillig geschehen kann, so ist eine solche Gemeinde leine Statte reiner Gottesfurcht und Religionspslege. Air wollen den sittlichert Gehalt des Judentums in die religiöse Form gießen und über die Religiosität nicht nur mit ethischen Floskeln hinmeggehen. Reform der Menschen l sei die Vorbedingung für eine Reform des Gottesdienstes. Wir wollen unseren Weg geben, mit Matz und Mut. wir wollen die Gemeindemitglieder für die liberale Sache interessieren. am liebsten aber nicht in Versammlungen, sondern von Mund zu Mund. Rach Tankesworten für die klugen und maßvollen Ausführungen des Redners schloß der Vorsitzende die Versammlung mit der Aufforderung zum Eintritt in die liberale Vereinigung. Trier. Sonnabend, den 11. Dezember, sprach Herr George Goetz. Generalsekretär der Vereinigung für das liberale Judentum, vor einem großen Hörerkreise der j GewcinHe über das Thema „Was ist und was will l das liberale Judentum'?' Seine beredten Aus-! führungen über das Thema, das er wirkungsvoll von allen | Seiten beleuchtete und erschöpfend behandelte, fanden allgemein lebhaftesten Beifall und führten nach Beendigung des fast emeinhalbstundigen Vortrags zur Bildung der Ortsgruppe Trier. Die Mehrzahl der Anwesenden meldeten sich sofort als Mitglieder der liberalen Bereinigung. Man bildete einen vorläufigen Ausschuß, der baldigst eine Mitgliederversammlung Herufen wird, die alsdann die endgültige Vorstandswahl vornehmen soll. Es werden nunmehr in jedem Winter ein oder mehrere Vorträge berufener Redner veranstaltet werden. Sprechsaal ..Philo-Zionismus". Zu der unter diesem Titel von Regierungsrat Dr. Otto Halpert, Breslau, in Nr. öl der „Jüdisch-Liberalen Zeitung" - erschienenen Auseinandersetzung hat die Schrifrlcitung des : Blattes schon Stellung genommen. Es erübrigt sich also,! nur über die Beurteilung zu sprechen, die der Verfasser für die Bezeichnung des Rechtsanwalts Förder als „eines Gegners" des Liberalismus ansspricht. Herr Dr. H. lehnt diese von Rechtsanwalt Heinrich Stern gewählte Bezeichnung für Herrn Förder ab. Es ist nur anzunehmen. das; Herr Tr. H. den in der „Jüdischen Zeitung für Ostdeutschland" veröffentlichten Artikel des Herrn Rechtsanwalt Förder nicht gelesen Hat. und weiterhin, datz er auch nicht in der liberalen Versammlung war, in der Rechtsanwalt Stern sich gegen die Fördersche Ausführung wandte. Bald nach Erscheinen dieses Artikels wurde ich von einem prominenten, religiös sehr tief eingestellten Liberalen der hiesigen Synagogcngemeinde gefragt, ob ich nicht aus die Fördersche« Auslegungen erwidern wolle. Ich habe dies mit der Begründung abgelehnt, datz es am besten sei. eine von einem angeblich Liberalen in einem ausgesprochen gegnerischen Organ veröffentlichte und in diesem Ton gehaltene Kritik an dem jüdischen Liberalismus von beute nicht zu erwidern. Ter Verlauf der Versammlung hat mir leider vollständig recht gegeben. Trotz der maßvollen nnd vornehm-ruhigen Art. in der Rechtsanwalt Stern die Fördersche Kritik widerlegte oder auf das Maß des tatsächlich Tadelnswerten beschränkte, hielt Herr Förder eine Gegenrede, die ein Meisterwerk tendenziöser Entstellung und Verdrehung der durchaus klaren Sternschen Ausführungen war. Der verstorbene Dr. Benzton Kellermann hat einmal über ein Referat gesagt, daß „so etwas nur einer liberalen Versammlung geboten werden könnte". Dasselbe kann man auch von der Fördersche» Rede sagen. Bis auf einige noch dazu verhältnismäßig ruhig abgegebene Zwischenrufe hörte man den Redner geduldig bis zu Ende an. Ja. es fanden sich sogar, nachdem er geendet. Anhänger, die ihrer Begeisterung durch Applaus Ausdruck gaben. Mag es auch taktisch nicht richtig gewesen sein, so hatte der Versammlungsleiter doch im Grunde genommen recht, wenn er für diese Art Applaus nach dieser Rede die Bezeichnung „Clague" gebrauchte. Wenn im entgegengesetzten Falle bei Gelegenheit einer zionistischen Versammlung in der Auseinandersetzung zwischen dem Redner des Abends und dem Kritiker der letztere eine derartige Methode angewendet hätte, so würde ihn die Versammlung einfach niedergebrüllt haben und hätte ihn gar nicht bis zu Ende reden lassen. Trotzdem sagte Herr Rechtsanwalt Stern in seinem ebenso maßvoll gehaltenen Schlußwort von der Art des Angriffs nur. daß auch der Liberalismus von heute jede Kritik vertragen könne, auch solche aus den eigenen Reihen, nur müsse sie von Liebe zur Sache unk» nicht von einem gewissen Hatz gegen sie getragen sein. Herr Regierungsrat D'r. Halpert scheint aber auch über die sonstigen Verhältnisse im Breslauer Gemeindeleben nicht sehr nnterrichtet zu sein. Gewisse Kreise blicken mit einer Art Neid auf Berlin, wo es eine „Mittelvar tei" gibt, auf die Förder in seinem obenerwähnten Artikel in der „Jüdischen Zeitung für Ostdeutschland" sehr deutlich hinwies. Die Breslauer Kreise, die eine solche Partei wünschen, setzen sich zusammen aus etwas mehr links gerichteten Anhängern der Orthodoxie und aus einer Art Liberalen, für die eigentlich nicht mehr diese Bezeichnung zutrifft. Die ersteren möchten doch gern an einem fortschrittlichen Gottesdienst teilnehmen, wie sie eS heute schon oft als Gäste der Neuen Synagoge tun. ohne dadurch das Odium der Zugehörigkeit zum Liberalismus auf sich zn laden. Den letzteren wird immer noch reformiert, obwohl man nicht weitz, in welchen Taten diese Reform bestehen oder bestanden haben soll. Als die Wahlen zur Gemeindevertretung bevorstanden, nahm die Bestrebung zur Schaffung einer religiösen Mittelportei deutlichere Gestalt an und als ihr prädestinierter Führer wurde Rechtsanwalt Förder genannt. Wer unter der Selbstbezeichnung „Liberaler" gegen die liberale Partei in der Weise vorgeht, wie cs Herr Förder getan, den darf man wohl mit Recht als einen Gegner der Partei bezeichnen. I. Wolfssohn. Breslau. j BÜCHERSCHAU Alfred Nenmann: „König Haber“, Erzählung, Stuttgart 1926. Alfred Neumann, ein noch blutjunger jüdischer Dichter, aus einem winzigen westpreußische.n Nest stammend, jetzt in München lebend'und schaffend, fängt auf einmal an, in ganz Deutschland rasch bekannt zu werden. Sein letzter großer Roman „Der Teufel" hat sogar jetzt den Kleistpreis bekommen — ich weiß allerdings nicht recht, wieso. Denn es gibt, wenn auch nicht interessantere, so doch eine Menge dichterisch ganz bedeutend höherstehende, moderne Prosadif.htungen. „Der Teufel" ist schließlich nicht mehr, als ein auf höchster Stufe stehender Unterhaltungsroman, den man nur einmal liest und dann auf Nimme.rwiedersehn in das Regal stellt. — Dagegen nötigt die gesamte bisherige I.e.bensarb' it des jungen Poeten gröRte Hochachtung ab. Er hat bereits mehrere Bände zum Teil vortrefflicher Gedichte, eine ganze Reihe Erzählungen' und Romane, wertvolle NaRndirlitüngeu französischer Tyrik, hteratur-wissen schaUHqlie Arbeiten und ein Standardwerk über Alfred de Müsset geschrieben. -; Im Sommer dieses Jahres eröffentliehte er im Feuilleton der ..Frankfurter Zeitung“ eine Novelle „König Haber", die einen bereits mehrfach antisemitisch ausgebeuteten Vorgang aus der süddeutschen Hofgeschichte zur Grundlage hat. Und plötzlich kamen unflätige Angriffe aus der dentschvölkisrhon und rechtsgerichteten Presse, die von „jüdischer Sensationsgier" und ..semitischer Uncrschämtheit“ faselten. Nun legt der Kngelhornsche Verlag in einem reizend gedruckten nnd hübsch gebundenen Bändchen die Erzählung als Bestandteil seiner bekannten, billigen Romanbibliothek vor. Man kann den tiefgehenden Eindruck und „Sensationserfolg“ des kleinen Kunst"werk es ruhig nachprüfen und staunt über die Engstirnigkeit und Verbortbeit jener aus ungeistigen Kreisen stammenden Anvürfr. Denn ..König Hoher“ gehört zu den feinsten und dichterisch wertvollsten Novellen der neueren Zeit. N‘e ist mir unerhörter künstlerischer Meisternd r, ich fr.ifit nach iDwU.mo fahren und mich dort vier Woche« «rufHalten. Es fei eine schöne Stadt, dort würde ich gewiß Arbeit bekommen und könnte dabei auch etwas von der Sprache erlernen. Er gab mir einen Brief mit an einen guten Bekannten, einen Orgelbauer, der viel in Deutschland gereist war und deutsch spräche wie ein geborener Deutscher. Gr gab mir auch seinen Lehrjungen mit. der mit mir nach Malmö reisen sollte, da ich der Sprache nicht mächtig sei, und der auch mit dem Fuhrmann reden müsse. damit ich Pferde bekäme, wohin ich wollte. Ich folgte seinem Rai, nnd cs ging alles lehr gntt Ich kam glücklich nach Malmö. Mein Wirt war ein braver Manu und sehr reich. Er gab mir ein schönes Logis. Ich ging züm Bürgermerstcr und zeigte fönt meinen Patz. Er las ifm durch. Ich sagte, datz ich mich vier Wochen aufhalten möchte: ober er konnte kein Deutsch und ich kein Schwedisch. Ich zeigte ihm meine Empfehlungsschreiben, cr unterschrieb raenteit Paß, gab ihn mir wieder und sagte, cd wäre gut. Ich machte weine Verbeugung. bedankte mich und sagte Adieu. Ans dem Rackhauseweae traf ich einen Manu, der mir die Hand reichte und mich mit „Scholaum aiechem1), Reb Aron", begrüßte. Ich war sehr crsmunt, wußte erst nichts zu antworten, dann fragte ich: ■ „Woher kennt Ihr mich'?" „Wie ich noch als Bockur herumgrfabren bin, war ••£> mit iroch einem anderen Bochur einmal über Schabbotz bei Ihnen in Bützow. Das sind nun ungefähr vier Jahre her. Damals hieß ich Abraham Brodn. hier habe ich mich aber taufen lasten, und ich heiße nun B. Ich kam an einem Donner'staa nach Bützow uud war über Schabbos Lei Rabbi David, der nicht weit vom Schloß wohnt Sonntag ging ich herum, mn etwas Reisegeld zusammen zu bekommen. Ich kam auch zu Ihrem Haus, klopfte an die Türe und ging in die Stube hinein. Es war kein Mensch drinnen. Heber einem Stuhl hingen 'in Paar seidene, schwarze Strümpfe. Ich stopfte sie mir in die Tasche^ denn ich halte sie sehr uöi'g, und ging wieder hinaus. Wie ich aus der Türe heraustrcte. kommt mir Ihre Frau entgegen. Ich grüßte sie und bat .sie, mir etwas zu meiner Reise behilflich zu sein. Sie gab mir vier Schilling und fragte mich, ob ich ein Butterbrot mitnehmen wolle. Ich bedankte mich und nahm das Butterbrot auch mit. Ich reiste dann mit meinem GeMrLen Friede sei mit Euch! miehrr fort; Wir konnten beide, keine Stellung finden, und so bm ich endlich hierhergekommcn. habe mein Glück gemacht Und habe hier geheiratet. Nun. lieber Reb Aron, will ich Ihnen auch für die seidenen Strümpfe vergüten, kommen Sic mit mir nach Hause, ich Li« Kornhändler, habe ein großes Haus und Die sollen bei mir Wohnung und alles, was Sie genießen, frei haben. Denken Sie nicht, weil ich umgesotrclt habe, daß ich falsch bin; im Gegenteil, wenn ich einen Juden sehe, freut sich mir das Her^ im Leibe." Ich bedankte mich aber für sein Anerbieten und i^gie, ich hielte mich hier nicht lange auf. ich nrnste wegen eines Prozeßes nach Stockholm reisen, außerdem wären auch schon meine Koffer in meiner Wohnung. Er drängte aber so sehr, ich solle mit ihm nach Hause (veßest, seine Frau hätte in ihrem gan.zen Leben außer ihm noch keinen anderen Juden gesehen. Ich konnte ihn nicht loswerden und mußte ihn nach Hanse begleiten. Er hatte ein schönes, großes Haus und eine honette Frau sowie ein Kind von ungeMr vier Wochen. Er wr,r aus wunderliche Weise zu seiner Frau gekommen. Hier in Malmö ist eine deutsche Kirche, und bei einer Versammlung hat sich dieser B. beim deutschen Pastor genreldet und ihm erklärt, cr wolle sich taufen lasten. Der Pastor begann, ihn im christlichen Glauben zu unterrichten, gab ihm auch bei sich freie Wohnung. Er war ein alter, braver, ehrlicher Mann und er hatte weder Frau ttod) Kinder. Seiner Schwester Tochter hatte er alS Haus-bälterin bei sich. Dieser B. machte sich nun mit ihr näher bekannt und schwängerte sie. Das Mädchen hatte noch eine Schwester in Malmö, die mrl einem der größten Kanfiente verheiratet war. Diese Verwandten sagten nun dem Mädchen, es möge von diesem B. ablasten, es sollte trotzdem einen honetten Manu berommen. Wenn cs aber nicht von B. lasten wolle, dann wollten sic es nicht mehr als Schmester anerkennen. Das Mädchen aber sagte, der es unehrlich gemacht habe, müste es auch wieder ehrlich machen. Indes starb der gute, alte Pastor, der non der ganzen Sache nichts gewußt l?-.ute. Run hatte man den Pastor stets für einen reichen Mann gehaltcr,. doch nach soinevr Tode fand man kein Geld bei ihm. Gleich darauf, heiratete B. das Mädchen, lebte sehr lustig aus dem Weinkeller, und wer kam. wurde traktiert B. machte großen Wind, kaufte sich ein schönes Haus, ließ sich als Grossist in. die Handelskonrpagnie eintragen, starte aber niemals etwas zu verkaufen. Dafür hatte er täglich gute Freunde zu Tisch. DaS alles und in solchen Ausdrücken erzählte mir mein Wirt- und bemerkte dazu, das f^eld sei dem B. nicht sauer geworben, es iverde auch solchen Bestand haben. Nun war ich schon vier Wochen in Malmö und gedachte, wieder zü reisen. Ich hatte in Malmö schön verdient, auch durch Verkauf von Perlen und Juwelen. Wie dieser B. hörte daß ich reisen wolle, kam cr zu mir und sagte: „Lieber Freund, können Sie nicht noch achr Tage hierbleiben'? Ich reise dann auch nach Stockholm, ich habe da sechstausend Taler ans der Bank zu stehen. Dieses Geld will ich Ihnen für 5 Prozent leihen. Ich bin in Stockholm gut bekannt, kann Sie da cnrpsehlcn und Sie können mit Perlen und Juwelen gute Geschäfte machen. Ich bin auch beim Herzog Karlh gut bekanni, da will ich Sie. wegen Ihre? Prozesses rekommandieren. Sic nehmen ja doch zwei Pferde, da können wir sparen, da vnr beide mit zwei Pferden reisen könnten." Ta ich der Sprache nicht mächtig war, ließ ick mich dazu überreden. Wir reisten also zuerst nach Kristignstad. Seine Frau bat mich, ich solle ihm ein wenig znreden. er Di eine so hitzige Nainr. Sie habe geglaubt, alle Juden wären so, und nun habe sie bemerkt, ich sei so ruhig und gelassen. Während des Weges führte cr sich ganz orderlilich aus. aber in Kristiaustad. wo ich mich ebenfalls vier Wochen aufhielJ kam cr fast alle Abende betrunken irach Haus und brachte mir auch solche Gesellschaft mit. Ich bat ihn. er möge daS bleiben lassen, oder er möchte sich ein anderes Q-uartier nehmen. Endlich ließ er es wenigstens so weit blerben. daß er keinen mehr mitbrachte. Ich dachte, wenn ich bloß erst in Ltockliolm wäre, dann würde ich ihn schon los werden. Wir reisten von Kristianstad ab. Er wollte nun. ich ioÄe nach Goten bürg reisen, das sei eine große Stadt, da könne ich gute Geschäfte machen. Er suchte nämlich für mich .stunden und ich gab ihn von allem, was ich verdiente, den dritten Teil ab. Allein, er war ein so übler Mensch, daß er, wenn er betrunken war. mit allen Leuten Krakeel und Schlägereien hatte und dabei auch das Geld für nichts achtete. Das ging mich wM nichts an: nur mutzte ich mich in meiner Wohnung schämen, daß ich einen solchen Menschen bei mir habe. Endlich reisten wir von Kristianstad> ab. ich wollte mich aber weiter in keiner Stadt mehr mit ihm aufhalten. Ich sagte ihm auch nicht, was ich in Stockholm vorhatte. (Fortsetzung folgt.) ') Bruder König Gustavs UI., übernahm später nach dessen Ermordungdie Regentschaft.