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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-12-24 · 52 (24.12.1926) · page 2

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Auserwählt, aber «ichl beruf«. In btt vorige» Nummer unfecci Blatte» habe« wir tut» Me MüLe genommen. eltten Ueverülick über bte Teilnahme der Öuocn am deutfAcn Geistesleben, neuerding» bezeugt durch die jüdischen Mitglieder der kürzlich gearünoeten preußischen Dichterakademie. zu gebe« Und wir kamen zu dem erfreulichen Ergebnis. daß, obwohl nur eia Prozent der gesamten Bevölkerung de» heutigen Deutschen Reiche», unter Eiuschlutz der Deutschen Oesterreich», jüdischer Konfession ist» die Beteiligung der Juden an dem deutschen Kultur- und Geistesleben mehr denn 16 Prozent beträgt. Im Anschluß un diese Darlegungen ist es vielleicht nicht ganz uninteressant» auch jene represeatativo men deutschen Geistes, aber jüdischen Stammes zu betrachten, die, in Umkehrung des herkömmlichen Zitates: »Berufen, aber nicht A u S11 w & $ I i", üb vorliegenden Falle «t ch t berufen wurden, obwohl sie vielleicht mit Fug zu den An»- erwählten hätten gezählt werden dürfen. Gewissermaßen eine Heerschau über den j ü d i s ch e n »Salon der R «frisierten." Kein einsichtiger Kenner des deutschen Schrifttums wird zu leugnen vermögen, daß die Preußische Dichter-Akademie in ihrer heutige» Zusammensetzung auch manche Mediocretüten beherbergt oder andere Mitglieder, die mau sich ehrlicherweise nur als Berlegenheitökaudidaten erklären kann. Wir haben unter den deutschen Dichtern und Denkern, gleichviel, ob sie arischer oder jüdischer Abstammung sind, sicherlich viele Persönlichkeiten, die dem kundigen Buck unbedingt als Repräsentanten des Geistes geeigneter erscheinen dürsten, Senn beispielsweise die Herren Josef Ponten. Schmidtbonu und Wilhelm von Scholz, ja. sogar als der gewiß dichterisch begabte, indessen durch keine Stavdarbleistungen beglaubigte Hermann Steür. Wir verstehen, baß den Herren Gerhart Hauytmantr, Hermann Sudermann, Hugo von Hofmannsthal, Stefan George» Rainer Maria Rilke und manchen arrderen die Eingliederung in de» Rahme« eben dieser Korporation nicht genehm war. Und wir bedauern, daß statt der oben genannten Mittelmäßigkeiten Namen wie Otto Flake, Fritz von Unruh, der »kommende Mann": Alfred Neumann, Rudolf Birrding, Anton Wildgans, Clara Bieüig» Emil Lirdwig. ferner eines der stärksten epischen Talente wie Reck - Malleczewen mit kühner Selbstverständlichkeit übergangen wurden Aber e» bleibt, ja die Möglichkeit bestehen, diesen Fehler wieder gut zu machen und den einen oder anderen der Vergessenen oder Gemiedenen, deren Namen teilweise schon europäische Geltung besitzen, teilweise durch ihre bisherigen Schöpfungen eine Verheißung für die Zukunft bilden, in späteren Stadien noch zu kooptiere«. Der Parität halber haben wir zuvörderst die berechtigten und trotzdem unberücksichtigt gebliebenen Ruhmesanwärter christlichen MarrbeuS erwähnt. Mit um so größerem Nachdruck dürfen wir darauf Hinweisen, daß man manche besondere Begabung, deren Träger zufällig jüdischen Bekenntnisses ist, im Schatten der akademischen Anonymität belassen hat. obzwar bereits der Lorbeer einer weit über die Gemarkung des Deutschen Reiches hinauslanaenden Glorie aus seiner Stirne blüht. Bedarf eS eines ernstlichen Hinweises darauf, batz in Persönlichkeiten wie Stefan Zweig. Georg Hermann, Alfred D ö b l t n . M a * Brod. Richard B e e r - Ho f m a » », Lion F e u ch t w a n g e r. Felix Salten und Alfred Polgar die Akademie sich selbst wertvoller und würdiger Mitglieder beraubt, und daß sie sich durch eine solche Selbstbeschränkung ein bedauerliches Ärurutszeugnis ausgestellt bat? Wir geben anheim, zu bedenken, ob die Werke Josef Pontens, ja selbst eine» SchmidtÜonn oder eines Wilhelm von Scholz weiter verbreitet und volkstümlicher fein dürsten als Stefan Zweigs „JeremiaS" oder seine erst kürzlich erschienene, alleuLhalbeu erfolggekrönte „B e r w i r r u n g der Gefühl e". als Alfred DöblinS grandiose WaLenstein- Triologie oder seine »Drei Stufen des Kwang-Fu", alS Beer-Hvsmanns »Gras vor« Charo! ai»" oder »JaakoW Traum". Und — so hoch wir auch die Verdienste Walter von Molos um seinen psychologisch fein erfaßten »FriderieuS" einschätzen mögen, glauben wir doch, daß Georg Hermann tu seinen anspruchslosen, aber yoesieverklärteu Pottzbamer Romanen mehr für diesen Ausgangs- und Mittelpunkt de3 alten Preußens getan Hat als sein vorerwähnter Bruder in Apoll. Ja, so seltsam eS klingen mag, aber -ec Jude Georg Hermann hat das seelische Klima von Sanssouci urrd die Kleinwelt jener großen Zeit weit tiefer und überzeugender erfüllt als der im Gotha verzeichuetc ritterliche Barde. Aber selbst, wenn mau von Georg Hermanns mit dem Auge gedichteten Gemälden de« alten Potsdam oder des üiederme torischen Berlin lwie in »Jettchen Gebert" und »Henriette gsaeoüy") absehe« wollte, so bleiben doch immer noch unvergleichliche Meisterwerke eines wirklichen MenfchendarstellerS und um die Schicksoll« jeglicher Kreatur Bescheid Wissende« Übrig, wie zum Beispiel »Die Rächt de» Dr. Herzfeld", »Schnee", »KubtNke" und andere Kronjuwelen der deutsche« Dichtung mehr. Und hat die Akademie vergessen, daß ihre Körperschaft in Alfred Polgar eine» Stilisten von sublimster und subtilster Feinheit, einen Ziseleur de» Worte», wie sie in Deutschland nur ganz selten zu finden sind, besitzt, oder vielmehr nicht besitzt, sondern in unbegreiflicher Versäumnis sich hat entgehen lassen? Und hat sie daneben auch jene Rhapsoden der deutsch'en Sprache vergessen, rote die schon namhaft gemachten: Stefan Zweig und Alfred Dvbltn, «eben ihnen Max Brod. Lion Feuchtwanger. Arnold Zweig oder da» einzig geartet« weibliche Genie: Else LaSker-Schüler? Dir stellen anheim, zu bedenkrn» ob der Aktionsradius der Schöpfungen Joseph PontenS, Hermann StehrS. GchmidtVonnS, Wilhelms von Scholz, ja selbst dehochbegabten Wilhelm Schäfer ein weitortragerrder ist al» jener der »Außenseiter" Stefan Zweig, Georg Hermann, FelixSalten? Will man geflissentlich übersehen, -atz selbst zu den populärsten und zahlenmäßig alle» in den Schatten stellenden buch Händlers scheu Schlagern Werke gehört haben, wie: Max Brod»: »Röubeni. König der Juden". Lion Feuchtwangers: »Jud Süß", ganz zu schweigen von den Arbeiten Emil Ludwig-, der ja nur noch nach Rasse und häufig abgelegtem, trotzigem Bekenntnis, nicht aber der Konfession nach mehr zu beu Unseren zählt? Die „aura popularis' webt und schwebt jedenfalls, unbekümmert um die internen Streitigkeiten und Wahlergebnisse der Akademie, um jene Outsider vom tausendjährigen Stamm, um jene »AuöerwählLenZ die nicht berufen wurden. Und: „Vox populi vox dei‘\ pflegen ja unsere Widersacher gern im Munde zu führen und gegen int» zu kehren. Sei'» drum! Wir sind auf den »Salon der Refüsierten" vielleicht noch stolzer als auf das Gremium der — Gleichen unter Gleichen Die Berufung in offizielle Körperschaften tragt meistens ein janusköpfiges Antlitz. Jede akademische Abstempelung war denen, die gern ihre eigenen Wege zu eigenen Zielen wandern und wandeln, von jeher unwillkommen, weil sie in ihr — und vielleicht nicht zu Unrecht — einen etwaigen Zwang, eine Behinderung abweichender, keinen Zügel vertragender Gedanken und Gesichte witterten. Und so kam e« dahin, daß man anch in früheren Zeiten die Tatsache der Zugehörigkeit eine» Künstlers (zumeist handelte eS sich ja um die bildenden Künste) zu einer akademischen Korporation als etwa» Herabsetzendes, den Wert Vermindernde-, ja zu einer Art von „guaniiiS n6g]igeable‘' ansah. Akademie und Anejennität. — das hieß: Ueberholtheii. Zeitsremdheit. künstlerische Saturiertheit» sofern nicht dieser Begriff selbst einen Widerspruch in sich schloß, — wurden gleichsam identifiziert. In Berlin. Wien und München, den führenden deutschen Kunststatten, erlebte man die offizielle Trennung der sogenannten akademischen Kunst von den Protagonisten der Gegenwart und vor allem der Zukunft, die seitens der Neuerer mit einem stürmischen ExobuS und der revolutionären Sezessio vollzogen ward. Und alS nicht nur ,.ia ariikus". sondern auch „in IMeris"' eine ähnliche Scheidung stattfand, ertönte und erdröhnte eS aus einem amusischen Olymp: »Die janze Richtung patzt mir nicht." — »Doch der Segen kommt von oben." Indessen immer wieder erfolgten Absplitterungen von der jeweils herrschenden oder alS modern geltenden Richtung in eine noch modernere, noch herrschsttchtigere. Denn, wenn tu dem Artikel über die jüdischen Mitglieder der preußischen Dichterakademie das Wort zitiert worden ist: „ On «55t taaiours 1« räaetionnair* de cuel'n’tri“. so Müfhi es mit Fug auch in die nkcloeruseue B.rrr-rnte avgewa:röe!t werden: „On est touiours?e raqicaie de fluclqu'un". DaS lebendige Interesse der Mitwelt aber wandte sich zumeist mit größerer Bewegtheit und heftigerer Leidenschaft jenen Künstlern zu, tn denen sie ihr eigenes Spiegelbild zu erkennen glaubte. Und üaS waren nicht just die von staatlichen oder städtischen Behörden Signierten, offiziell oder offiziös Abgestempelten, sondern weit eher die auS allen Einzäunungen Au§. gebrochenen, die auf ihre Selbständigkeit und Selbstherrlich, reit Pochenden, aller Bürden Spottenden und alle Hürden im Sturme Nehmenden. Sie, die nirgends und von niemand »berufen" worden, erschienen den appollinisch Begeisterten als die wahrhaft »Aus er wählten". Selbst die „Unsterblichen" der „Ac&demie francaW, einer Institution, die die Patina der Geschichte für sich hat, haben von ihrer erlauchten und erleuchteten Körperschaft durchaus nicht immer das Patent auf jene Unsterblichkeit erlangen können, die alleiu »des Schweißes der Edlen wert BMfe Plaudereien aus aller Zeit. Aufgefrifcht von Doris Wittuer. Wintersonnenwende: Julfest der alten Germanen. Chauukahfest der Jndenheit, Weihnachtösest der Christen - immer derselbe Sinn, dasselbe Gefühl, der Gruß an das 6uht. das Sehnen nach Freiheit, die Hoffnung auf hellere, ^rohere Zukunft nach den Tagen Leö Niederganges und der innsterniö. Fiel mir da, als ich j« meine Bücherei griff, nn alter Band in die Hände, der sich lang« in einer Ecke »ersteckt hatte. Siehe toi, Ferdinand KürnSergerK „Siegel- 'mge , eine Auslese seiner politischen Feuilletons. wer weiß reute noch von .Nürnberger, obwohl einzelne seiner Werke, vie der „Amerlkamüde". sogar bei Reklam zu finden sind rnü au» seinem Nachlaß anno 1904 Karl Rosner den Roman .Das Schloß der Frevel" herauSgegebeu hat! Ich schlage den »ickleibiaen ..Führer durch die deutsche Literatur des zwarrilgsten Jahrhunderts" auf und suche Kürnberger — verieSens Und doch schrieb einst Oskar Blrunenthal über ihn: .Ich liebte ihn gerade wegen der Eigenschaften. die ihm die mm der breiten Masse entzogen haben ES entzückte mich, nit welcher beivutzten Schroffheit und Strenge er alles ver- »rred. was den Instinkten der Leser schmeichelte. Sein Witz katte Rarrütierzähne. Sein Humor hatte unverschnittene «krallen. Sein Lachen war stark, aber unsroh . . . Literamische Herzenssachen hat er eine Sammlung seiner kritischen Aufsätze betitelt, und damit hat er weder zuviel, noch zuwenig gesagt. Daö Herz wird immer verstanden. Beteiligt nmr e» in jedem Sinn an diesen Arbeiten. Das dslrfte Kür«- berger, der in Gunst und Zorn aus der vollen Blutwärme des Temperaments heran» gefchrteven bat. mit vollem Recht von sich rühmen." Zum 14. Oktober IE. den: dreißigsten Todestag KiirnbergerS. «rschtenen neu seine längst verzrisfenen „Siegelringe" mit einem Aufruf für eine achtbändige Gesamtausgabe seiner Schriften. Dieser Ausruf fand die Unterstützung einer großen Reihe hervorragender Männer, wie Raou! Auernheimer. Hermann Vasir. Anton Bettelheim, Otto Julius Bierbaum. Siegmund Freud, Ludwig Geiger. Theodor Gompertz. Paul Lindau. Mar Nor, dau. Engelbert Pernestorfer, Felix Salten. Richard Schaukal. Stephan Zweig. »AuS manchem Band wird ein Kampfton bervorkltngen, wie wenn Stadl und Stein znsammenfchlagen. Wenn wir die Blätter uruwendcu. so wird ung manchmal zumute fein, als ob wir ein elektrisches Knistern hören. Aus teoer Seite wird ein Lebendiger zu un» reden — und Ihr werbet erstaunm, wieviel er «ns noch zu sagen hat." * Also ich schlug auf und blätterte und las wieder wie einst. Biel sachliche Betrachtungen über die österreichischen StaatSrnänner und Zustände der NeakliouSzett, des Konkordats, der Unduldsamkeit und Berfolgungssucht. Rach Schmerlings Sturz wurde der Graf Beleredi Minisierpräsideni. feudal, klerikal, absolutistisch, auf die Unteedrückung des Deutschtums und der Geiftessreiheit bedacht, der Bannerträger der »Listierungöpolttik". Da erschien zu Weihnachten 1806, also vor jetzt zwei Menschenaltern. in der „Neuen Freien Presse" Küxnbergers Feuilleton »Kinder und Kindermärcher". ES plaudert vom Christkind und vom Tannenbauw und vom Märchenbuch, das unter Aepfeln und Rüssen liegt, und vom gläsernen und papiernen Berg, »nü wie der Gkanbe an Märchen toft über Glück nnd Unglück der ganzen Zukunft des Menschen entscheidet. Und er lässt de» guten Datei: zu den Kindern sprechen: „ES ist heute gewiß nicht der Tag. euch grme!« und schaudern zu machen — daS hat schon der Krampus besorgt — ober ich könnte euch haarsträubende Dinge erzählen. von Kindern, gescheiten, talentvollen Kindern, welche üesieuttngeachtet das Baterhauo meiden mussten, denn — sie glaubten das Märchen nicht; Da hatten uür z. B. einst ein Kind — Dr. Grnbp hieß es 7da8 um* der größte Plinsiolvg unter unS, zu einer Zeit, wo wir in der Phnsiologie noch so gut wie nackt ljerumliefen. Wir brauchten ihn wie einen Bissen Brot, aber ~ er glaubte das Märchen nicht, und mir konnten ihn entbehren. Ausgestoßen vorn Vaterhaus schleppte sich der Unglücklich!.' — allerdings in den glänzendsten Berträltitjfieir, wie die Materialisier: sagen — noch viele Jahre iu Paris herum. Kinder, glaubt eure Märchen: Dann ssarterr wir ein anderes Kind — Dr. W^rtheim — dessen ttnrersuchunge«: ül^r die Elastizität geradezu epochemachend waren. Bor ganz Eunova konnten wir stolz sein aus ihn. Aber — er glaubte das Märchen nicht, und aus den Märchcnglallüen sind wir Loch noch stolzer als aus di« Elastizität. Auch den hat der Rattenfänger von Hameln geholt, nämlich das gläubenSlose Paris. Kinder, fürchitt den Rattenfünger und glaubt eure Märchen! Ferner hatten ivir einen äußerst talentvollen Astrono-- men — Dr. Levn —. welcher die S«ele von LittrowS Sternwarte war. aber leider das Märchen nicht glaubte. Daß wir Narren gervesen wären und ihm mehr alz eine Afssssentenstelle mit M sl. gegeben hätten! Da kamen bi« unvermeidlichen Pariser unk» gerben ihm »nur fürs erste" SRV Fr, Sv schmachtet der Unglückttche jetzt im NnSken»«. ist." Wtztztnsege» Eiaenüröbler. selbfthLrti-e GeniK. ftte fich weder de» rote« Bändchen» noch der Palmen der Ehrenlegion berühmen konnte«, erhobenen Haupte» in die fernsten Safte hinan» schreiten durften, voll de» stolzen Bewußt- »ES wird «ei» Name nicht t« Aeonen untergehe», «an nur die letzte« Jahrzehnte hindurch die Mitgliederliste» der «^enckewia heute kmrchblattern wollte: wieviele Namen stehen nicht darin verzeichnet, denen ihr Anspruch auf die Unsterblichkeit mit allem dazugehörigen Pomp verliehen ward, deren Aufnahme in den Kreis der anderen »Unsterblichen" zu einem gesellschaftlichen Ereignis von prunkenoe« Stile, mit einem Trotz eifriger Reporter, ward, und deren Träger man sich doch heute schon nur mühselig in die Erinnerung zurückzurufen vermag. Ein Anatolc Franee hingegen starb ohne die Palmen. Aber er wird leben. Lebe» im Geiste seiner Nation, wenn alle jene, die. von den Scheinwerfern der Aktualität grell bestrahlt, da» große Pfauenrad weltlich allzu weltlicher Eitelkeit schlagend, längst^ vergessen und verschollen sei« werden. Den« stehe, sie waren ja nur „berufen". Jener aber war wirklich »auSerwählt". Die AnSerwählten können e» ruhig mit anfehen, wenn Menschen und Moden in de« rasenden Eiltempo unserer weniger rhythmisch als dynamisch getriebenen Zeit, mit Vieltausend Pserdekräften hastig an ihnen vorüber renne» und rinne», ohne das Auge zu ihnen zu erheben oder daS Knie vor ihnen zu beugen. Sie könne« warten. Denn in ihnen wohnt bas unbeirrbare Bewußtsein, daß ihrer di« Zukunft und ihrer noch späte Generationen geistiger Enkel und Erben sein werden. Jene aber, die »nur" berufen wurden — sei eS durch eine glückliche Kombination, sei eS durch Zufall, sei es dank dem dominierenden Grundsatz unseres modernen Gesellschaftsbaus: „dlsnvs mauum tavai", »Eine Hand wäscht die andere" lohne daß beide dadurch sauberer würben): jene allerdings müssen sich sputen, damit sie mit ihrem eigene» Ruhm, der doch häufig nicht» andere» al» ei» flüchtiger TageSruhm ist, auch hinlänglich Schritt halte». Manchmal müssen sie ihm sogar nach, laufen, um den verblassenden, entschwindemvollende» Schemen flugS wieder einznholen. Man darf nicht vergessen: Kunst ist mit Gunst nahe verwandt. Zum mindesten kann die eine nicht ohne die andere leben. Einer der ganz Unsterblichen. Shakespeare, schon hat gesagt: »Anerkennung ist das Brot deS Geistes." Um wieviel mchr braucht die ungewisse Mittelmäßigkeit die Akklamation selbst Sicherlich hat, wie gerade der a» dieser Stelle veröffentlichte Artikel über die jüdischen Dichter der preußische« Dichterakademi« bewies, klüaliche Selektion in vielen Fälle« wirklich die Rechten, die Kronprätendenten künftiger Un-» sterblichLeitSthrone, getroffen. AVer ebenso konnte es geschehen — wie wir eingangs schon ausgeführt haben — Latz Auserwählte, wie Gerhart Hauptmann. Hermann Sudermann, Hugo von Hofmannsthal. Stefan George. Rainer Maria Rilke aus eigenem Wunsch und Willen der Sammelstätte von Unsterblichkeit fern blieben, andere wie Fritz von Unruh. Anton Wildgans, Clara Biebig. Emil Ludwig und von den Unseren Stefan Zweig. Georg Hermann, Alfred Dvblin. Max Brod. Richard Beer-Hofmann, Lion Feuchtwanger, Felix Salten. Alfred Polgar — man könnte vielleicht auch noch Georg .Hirschfeld und Felix Holländer dazurechnen — hingegen dank den »unerforschliche« Ratschlüssen der sich selbst ergänzenden und in ihren Vorschlägen souveränen Körperschaft einfach nicht berufe» wurdeir. Nicht berufen, wiewohl an ihrer Qualifikation kein Zweifel bestehen kann, und obzwar, wie ebenfalls schon bemerkt, die Nach wählen nicht ebevso glücklich ausgefallen schienen, sondern eher an Gelegenheiis- oder VerleDenheitsmacherei gementen. Es mag jemand ein nvch'st» sonniger Optimist fern, ohne daß er darum zu dem Glaube» zu bekehren sein dürfte, daß kommende Jahrhunderte die obengenannten Namen Ponten, Schmidtbonn, von SchvW ober Oskar Loerke ebenfalls noch kennen und nennen werde» Und dergleichen Berufungen bieten dann allerdings das halb» ergötzliche, halb Vetrübsame Schauspiel eines geistigen Wettlaufs. einer Art literarischen SechsragerennenS» wo ein jeder sich bemühen muß. seiner ChampionSwürde gerecht zu werden und womöglich die Türe zu gewinnen, will er nicht in seiner Hoheit und akademischen Noblesse allgemach petrifizieren. Und gerade, weil wir wünschen, daß die Mitgliedschaft der Drchterakademie weder einen Ruheposten, ein geistiges ..otium eum ckignitato", noch aber ein sportliches Training darstellen oder einen Rekoröehrgeizüchten soll, betonten wir, daß wir auf den jüdischen »Salon der Resüfierten" nahezu stolzer wären als auf die an dieser Stelle gewürdigten Mitglieder der Akademie, deren Mehrzahl ihr Lebensmerk und damit arrch den rechtens erworbenen Anspruch aus Unsterblichkeit Kinder, «ehmt tin Beispiel daran und glaubt eure Märchen! BaS soll iÄ errch vou Dr. Gold mark sagen, Hern ungeratensten aller Kinder? Ein großer Chemiker, ein sogenaunter nützlicher Mansch! Er batte die Entdeckung de» amorphen Phosphors aemacht. für Gerverbechemie und Fabrikwesen von äußerster Wichtigkeit. Was half's? Hatte et doch keine Spur von MärÄenglaubeu! Nun. ihr wißt. waL aus ihm geworden ist. Sogar feine Entdeckung ist zum Märchen geworden, ein anderer schreibt sich jetzt diese Entdeckung zu. welcher Ur Ehren und Würden unter uu» lebt, weil er seinerseits wieder ans Märchen glaubt. Kinder, spiegelt euch daran und glaubt fein ans Märchen. Unter den Eiszapfen der Schweizer Alpen friert der unglückliche Professor Büdinger. einer unserer verdienstvollsten Gelehrten. n»elcher aber nicht ans Marche«, glaubte. Au der Sonne von Afrika bartet Professor Lieben i» Palermo, wie Wertheim ano einer Milionäröfamilie. Er kö.uckc sein Geldunter uns vermehren, wäre auch gerne geblieben, wenn wan ihn nur zum Dozenten getnacht fiöik — aber er glaubte ans Märchen nicht. Also fort mit solchen Kindern in alle vier Winde! Ich könnte euch noch Namen nennen wie Curtius, Schleicher. W e i n h 0 l d » Ludwig. B r i n z . große (^rlel?rte und Lehrkräfte, ausgezeichnete Prosessaven und Zierden jeder Lehrkanzel. Wie gern hätten mir sre auch behalten!?tber kouuier: wir daS? Sie alaubt'rn an» Märchen nicht. Ihr seht also. Kirrder. ihr seht es >»ik zahlreiichen Beispielen. die ich noch um viele vermehren könnte, daß «S buchstäblich wahr ist. was ich gesagt habe. Nichts so folgen^ reich als ans Märchen zu glauben. Das Wob! und Wehe eures Lebens hängt daran. . ." Es folgt noch der Schlußabsatz mit einer Fehde gegen ein Schlagmort. das dazu oral in der TagcApresse ausaekommen mar. Diese Weihnachtsplauderei hatte ein nverlwürdiges Schicksal, worüber Kürntzerger selbst im Juni 1874 berichtete. Gr erzählte da in der Borrede zur ersten Aufürge der ..Siegel ringe". wie es jedem Unbefangene»: so deutlich wie mög« lich sein müßte, dass das. was hier das ..Märchen" genannt wird, der Inbegriff dessen bedeute, ivas man wüst „das System" nennt So werde in dem Feuilleton semes Blatt, mit dem Belerrii für sein »System" werbe, ausdrttckttch da» kühnste „Mirchrn" genannt. „Zufällig sind aber bi« Ungläu» bissen deS Märchen», da/, beißt also die Ungebärdigen im offiziellen System — sechs Inden, svlglich (l) mutz da« nicht geglaubte Märchrn daö Cürisientunr sein." Und nun ae< schass «twa» merkwürdiges., a!» Wirkung dreier Mißdeutuna.. »Am & Septemlxr 1857 legten nämlich" schreibt Äüni&m

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