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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-12-24 · 52 (24.12.1926) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
52 (24.12.1926)
Date
1926-12-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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I Organ -er Vereinigung für das liberale Zudenium e. V. Be-ugaprei» durch die Geschäftsstelle ^jährlich M. 230 LtvzeUmmmer 0.20 Bei freier Zusendung i. Inland v.25 Mr die MiLglteder der Vereinigung ist der Bezugsprei» :: tm Wigliedsbeitrage enthalten. r: v :: verantwort!. Redakteur: Bruno Doyda. Vlv „Jüdisch Udvrole 3eituitg“ erfdjeint jeden Sretlag. Redaktion u. SvfchSttsstells: Vvrlln SVV. >VNHelmstr. 147. Sernrut: vasenhaivo 33S8. 2359 poma,«a»u»nr»; v«r»nn>vrne.»»roa» (Vwimattm fflr da» liberal, JuOtwtqm Nad)5ra(k fSmtlld}«r Orlglna!>B*mas« nur mit vorh,n,„ Ssnehmlgung dar R«Baktl«ti 0*ftatt«t. Auzeigeupreise: Die 12gespaltene Nonpareillr-elle 0.48 Goldmark, dt« Rrklamezeile 3,00 Goldmark, der :: :: s Wiederholungen Rabatt. :: u u »n^istnsnntqwc; m2«vmc9 * iivcruic 0«wn{l Inseratenabteilimg: Berlin Sw 48. Dilhelmstrahe »47 (Hasenheide: 3358—89). sowie siimtl. Anuoncen.Erped. Rr.52 Berlin, 24. Dezember 1926 6. Jahrgang Das liberale Wenlum «ab DalWna. Zum neuen „Pro Palästina'Comils. Vermrlatzt von der Zionistischen Vereinigung für Deutschland erfolgte am 15. Dezember in Berlin die Gründung des deutschen ComitLs „Pro-Palästina". Führende nichts irdische Persönlichkeiten des öffentlichen, vornehmlich des politischen Lebens, vereinige» sich in ihm mit bekannten Zionisten und den leitenden Herren des Keren Hafessod. Neben Kurt Bliunenfeld, Karl Glaser, Dr. Bodt. Martin Roseublüth, die als Zionisten sich selbstverständlich an jeder Bewegung iür Palästina beteiligen, finden sich z. B. vom Ke re» Haseffod Oscar Wassermann, Rabbiner Dr. Vaeck. Und ihrren gesellen sich u. a. der preußische Ministerpräsident Otto Braun, der preußische Kultusminister Tr. Becker, bekannte Namen des wissenschaftlichen Lebens ~ sogar Prof. Dr. Sombart, der ja nicht übermäßiger Juden* freundlichkeit geziehen werden kann, fehlt nicht — und vor allem Führer der politischen Parteien, von dem EosialLemokraten Breitscheid angefangen bis zu dem Mitglied der deutschnationalen Reichs iagssraktip» Prof. Dr. Hoetzfch. Für die Reichsvegiexung »ahnpa» Sde Gründungsversammlnng Staatssekretär 'Dr. ENder teil, der in einer Begrüßung betonte, Mn Reichs reg ierun^ den Bestrebungen des Coinitss -Palästina lebhaftes Interesse und Sympathie entaegenbringt. Als Programm des Comiteä wurde einstimmig folgende Resolution angenommen: „Das Cornitä wird in der Ueberzeugung, daß der Aufbau der im Palästina-Mandat vorgesehenen - Heimstätte für das jüdische Volk als ein Werk mensch- . licher ' Wohlfahrt und Gesittung Anspruch auf die , deutschen Sympathien mrd die tätige Anteilnahme . der deutschen Juden hat, bemüht sein, die deutsche s -Oeffentlichkeit über das jttdifthe Kolonisationswerl - in Palästina aufzuklären, die Beziehungen zwischen ' Deutschland und Palästina zu pflegen u'nd allge-; mein die Erkenntnis zu verbreiten, daß das jüdische Aufbauwerk in Palästimr ein hervorragendes Mittel ' für die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung des - Orients, für die Ausbreitung deutscher Wirtschasts- . beziehungen und für die Versöhnung der Böller ist. Denn prominente Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens sich zu einer neuen Organist! ivn mit jüöisthe» Aufgaben zufamurenschließen und ertläreu, „daß der Ausbau der im Palästina-Mandat vorgesehenen Heimstätte Anspruch auf die tätige Anteilnahme der deutschen Juden I)at", dann wird es Pflicht dieser Juden, ihre Stellung zum Zionismus erneut klarzulegen und zü prüfen, ob ihre bisherige Stellungnahme unverüudert für die Zukunft bestehen bleiben kann und soll. Aus zwei Quellen entspringen die Motive, die den liberalen Juden Deutschlands zu einer Ablehnung des Zionismus veranlaßt haben: Aus unserer jüdischen Religion und aus imferctn Zugehörigestsgefühl zum deutschen Volke. - Unsere jüdische Religion ist uns innerstes Erlebnis. Jede Faser unseres Ichs verknüpft uns mit dem Glauben unserer Väter. Und gerade wir liberalen Juden, die wir bewußt den ewigen Inhalt der jüdischen Religion über ihre zeitbedinMn Formen stellen, betonen, daß uns der Inhalt der jüdischen Religion in seiner Reinheit Grundlage unseres Seins ist. Das SHma Iisroel, dieses ewige Bekenntnis zum einigeknzigen, überall und immer »ürkende» Gott, mit dem einst urrsere Vorväter ihr Leben aus dem Scheiterhaufen aushauchten, es soll auch das r-ckigivse Bekenntniswort unserer Kinder sein. In Demut bewahren wir die Hoffnung der jüdischen Vergangenheit, daß einst all«Menschen unseren Gott erkennen möge» und aus jedem Munde sein Lob erschalle, eine Hoffnung, zu der uns neben unserem tätigen Bekennen der Glaube berechtigt, daß Gott den Menschen frei erschuf, so daß er selbst sich zur Erkenntnis des Guten, zur Erkennt-- nis des Wahren durchzuringen vermag. Dieser Glaube, der das Wesen unserer Religion in den Jahrtausenden war, karrn auch nicht getrübt werden durch die, von höherer Warte betrachtet, doch nickt allzu beachtlichen Leiden und Kränkungen des Jude»; der Gegenwart. Wir wollen nicht unser geistiges Zion mit dem räumlichen DalaLinu verknüpfen. Uns scheint die L ü s l ö s u » g der jüdischen Religion vom Boden Palästinas kein bedauerlicher Zufall der Weltgeschichte, sondern ein sinnvolles Geschehen. D«durch wurde der Untergang der jüdischen Ration bedingt und das Fortbestehen des Judentums als We! treligion e r m ö g l i ch st Als treue B e £ e n n erde s I u d e u t u m s sehen wir e i n c Gesa i) c f it r 6 e » F ortbe ft a n d n u s e r c r religiösen G e m e r u s ch a s i im Zion iZm us, der den Gang der Geschichte zurückrcvid i e r e n m ö ch r e. Jüdische Pflicht ist es da für uns, zu warnen und drohendes Unheil aüzumehren. Wir teilen nicht den religiösen PessilnismuL, der heute weite Kreise der Judrnheit ersaßt Hot und ihnen' mm die Schaffung eines jüdiicheli Kulturzentrums errvlinschi erscheinen läßt. Wir teilen diese Auffassung nicht, einmal wer! wir wissen, daß noch nie irr der Welt ein Kulturzentrum ^.geschaffen" rvnröe, dann aber vpr allenr, weil wir die ewige» Wahrheiten der jüdischen Religion nickt nur für eine Macht der Bergaugercheit, sondern auch für ein-e ME der Zukunft halten. ll »s e r I » d e n t» m b e f t ( t i u Z entrinn, ciu Zen trn m des Geistes,. Gott. Und cö benöti gt zir fr in e r Erhal tu» g nicht noch als Zentrum ein Stück Land. Es fällt uns gewiß nicht leicht, daß wir uns vom Aufbau Palästinas, soweit «r „ein Werk menschlicher Wohlfahrt nrrd Gesittung" ist. fernhalten müssen. Gern: würden wir an der Nebersicdlung von Juden, die in ihren jetzigen Aufenthaltslän-üer» keine Heimat finden können, Mitwirken, wenngleich wir uns nicht verhehle», daß eine Lösung der Indeufrage nur in den einzelnen Ländern mög-lich ist. Gern ivürdeu wir an Kulturaufgaben, etwa der Schaffung einer wirkliche ll jüdischen Universität, tettnehmen. Ter Verzicht hierauf lastet sthwer ans uns. Aber wir müssen verzichte»!, »veil diese Aufgabe» (Kolonisation, Universität oder dgl. iit Palästinas heute unht um ihrer selbst rvill-e»», sondern nur als Mittel zum Zweck betrieben werden. Zum Zweck, das I'udeirtun» zu nmionalisie-ren. So komme»: »vir aus jüdischen Gründen zur Ablehirung des Ratlonalfüdentmns, um der Erhaltung unseres Iudentilms als Weltrrligiou willen. Und »lim zur zweite»! Quelle. Wi r de u tsch.e n I u den empfinden nnä a l ö ei »ren n»»- löslichen Bestandteil des öerrtschen Volkes. Deutsch i st uns« t e M nttersprache. sie soll nicht durch das künstlich gebildete Reu hebräisch zu einer Fremd sprach« unserer Kinder werde»». Deutschland ist unsere Heimat, es. soll nicht zum Wirtslanü unserer Kinder werden, tt n f e r Wunsch ist es, daß unsere Kinder als treue Juden von den nichtjüdischen Deutschen als Brüder, als Söhne des gleichen Volkes empfunden werden mögen. Ur»d «nn betrachten »vir es als deutsche Pflicht, zu warnen und drohendes Unheil abzmvehren. Die Nationalisierung des Judentums r»ruß uns i m D e u t s ch tu m e n t n a t i o n a l i s i e r e n. Man lese einmal das B»rch des pro»»rinenten Zimiisten Max Kvllenfcher „Indisches ans der deutsch-polnischen Ueberganasz-rit", in de»n er in der Auseinandersetzurrg zwischen Dent'chturn und Polentum die Auffassung verficht: ,.Uns Nationaljuden war unsere Parole im Natio;»alitätöka»»»yf gegeben: sie lautet ...Jüdisch"." Un>d in de»n Leitartikel des vor »venige» Wochen erschienenen Sonderheftes der Zeitschmft „Der Jude", das über «Judentum und Drntschtum" handelt, schreibt Walter Snhzbach: ^Den hinreißenden Gedanken, der Berge versetzen ka»m, besitzt der Zionismus. Er will die Juöensra-ge dadurch lösen, daß er sich von den Wirtsvölkerrr abwewdet." Sulzbach schreibt in voller Offenheit! „Aber zu den Zionisten zählen auch die >zaUreichen Inden, die für ihre eigene Person nicht daran derben, »»ach Palästina ansznwanderr» und die dmmt gegenüber dem jirdischen Volke ebensir »venia eine Jnwnseqnenbegehe» wie Derrtsche oder Enyläude^ die, »vähre»ld sie für eir»en Teil ihrer La»rösleute Siedlungskolonien erstreben, selbst für Europa optieren. Ob aber diese in dem Lande ihrer Geburt verbleibenden Gehnnurigszwniften gegemiber dem deutschen Volke die Beibehaltung ihrer Staatsbürgerrechte beanspruchLn können, und ob sie sich »»icht »nit ihren» deutschen StaatAbürgertlim in eine untnögliche Z»oitterstelluug begeben — dos ist eine andere Frage. Ter Versuch, zrvischen zwei Vaterländer»» keine Entscheidung zu treffen, wird nicht NUi‘ von de»tischer. so»rdern leilrveise a»»ch von jiidifd>er Seite aus scharf vernrieilt. Karrn huvh den» deutschen Botte MNtnien, sich den islln: Zionisten gefallen (ji, lasse»»?" Snlzbach glarrbt, daß die Entscheid«»»»; beim- Einzelne»» liegt, daß der eine dein» Wld-crstreit der Mteresse»» sich aus ^Pflicht" ans die deutsche Seite stellen »verde, daß der mldere, der sich d<»z»« »ücht »»nstawde fühlt, rechtzeitig die Konsegnenzeir ziehen »verde. Sollte die Frage »'.icht vielleicht besser als durch diese Lösung öilvch die Tatsache, dos; sie von etile»«» R«nio»»aijude»l gestellt werden kar»n, beantwortet sein? Wir »pisse»»! nicht, »ver das Programm des Pra- Palästina-Cv»»»it>;s e»:iwvrse«» hat. Aber »vir missen, daß. we?m gesagt wird, der Ansbau der im P-alästllra- Mandat vorgesehenen Hcinvstälte für das jüdische Volk hat Ansprnck auf die deutsche«« Synrpathieu „als eilt Werk menschlicher Wohlfahrt n»»d Gsstttung", hierbei zu er»väh»reu vergessen würbe, daß der?l u fban. Palästinas beute in erster Liirie ein Werk j n d»s ch -» a t io u a l e n W o l l e n s ist. Unser deutsches Ich aber Arvingt uns zu arbeiten für die deutsche Ration, zu der »vir gehören, und nicht für die Echo fs u n g einer jüdische >» 9t a t i o u, d i c u n s zwangsläufig lrnferon De»»tscht it rn c u t f v c in d c u w lt ß. Wir bedauern, daß inder Grüilduugsversamrnluug des Pro-Palästi»»a-Co»»itt:s nur die A»ksichte»» einer bestimmten Mirrderheitsgruppc der deutschen Juden z»r Worte käme»», und das; der Mehrheit der deutschen Juden nicht durch die Eiirladnna ihrer Vertreter Gelege «rheit' gegeben »oar, ihre Ansichten zum PalLstiua- Proble»»» vor-utragen. Wir beda»»ern, daß auf Grund einseitiger Ja formal io »um führende »»ichtjüdische Deutsche »ich in de» inncrjüdischen Parteistreit begeben lhrben. Bei dieser Lage hielten »vir es für «rnsere Pflicht, hier Miseren Standpiurkt klarznlege»k. Zusammensesse»ld dürfen »vir sagen: Als Deutsche beobachte«r »vir mit Besorgnis das Sympathisieren führender deutscher Männer mit einer Bewe-' gnug, die in der Oesse»rtlichkeit die Borstelluug erweckt, als ob die Inden »rach Palästina gehörten. Uns »väre lieber gewesen, dieselbe»; Männer zu 'einem ein« »nütigen Bekenlrtnis gegen den »rmerdentsche»» Iude»«- hatz als einer deutsche»; Sehrnack sich znsamme«. schließe»» zu sehen. — In dem Eo»«ritL befinde»; sich einige extrem rechtsgerichLete Politiker »md eure Persönlichkeit, die die Jude»; als verachte»ksrvertes Handleroolk bezeichnet: »oäre es »;icht richtiger aewesen.^datz diese Männer, «»»statt uns bcutfttj« Juden «darüber belesirvu z»; »volle», ob die Sckassuilg einer Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina Anspruch aus unsere, d. h.. der deutscher» Jude»;, tätige A»;teilnahme habe, zunächst einnral durch ihr eigenes Tn»; de»; A'nfpruch der deutschen Inder; aus Gleichberechkigu»;g in Deutschland ersütter»? Urr-d wenn ihner; den»» nru „rrrenschliche Wohlfahrt »n»d CSesittnng" »»nd um „Versöhnung der Völker" zu tu»; ist, so dürfen wir als religiöse?)teuscheu, als I n de »» Hinz»;füge»», daß die jiidische Religion dieses H»»»»mnitätsideal seit 400t» Jahve»; predigt n»?d »rn-ter die Völker gebracht hat: aruh das dentsche Volk hat es ans der Bibel übernvrnmen. Verwirklichung des tz u m tz « i - tätsideals hier in unserer deutsche»; Heimat, zu diese»»» Zwecke religiöse Durchöringirng des ganze»; deutschen Volkes und Gleichberechtig»bug aller in Deutschland bestehende»» Religionsgemeinschaften als Träger dieses Hnuranitätsideal — das »st nach unserer Meinung die Aufgabe des Deutschen in der Gegenwart, auch die deK deutschen Jude«.

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