Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 51 (17.12.1926)
- Date
- 1926-12-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Wünsche des Magistrats überbrachte Ober-bürgecmeistLr Dr. Geisler. die -des Stadtverordnetenkollegiums. der Stadtverordn etenvorstehcr Kaffanke. Als Vertreter des Verbarrdes öer Lyuagogengcmeinden Lbcrschlesiens sprach Rabbiner Dr. Kaatz. Im Namen des RabbinerverbanHes rvrach Rabbiner Dr Gllguther ans Neisse. Juftizrar .Kvchmann brachte in seinem Schlußwort allen Rednern den Dank zum Ausdruck nn-L hoffte, daß sich alle Wünsche »er. wirklichen mögen. Hierauf fand ein Rundgana durch die Rä^rme des Gebäudes statt, von deren Ausstattung alle Be» luder des Lobes voll waren. Hamburg. (75. Geburtsta g.i Herr Joseph Lippmann. Lcniorchef der Metallgrvtzhaudlung H. Lippmarm, Homburg-Berlin, beging gestern in voller geistiger und körperlicher- Rüstigkeit seinen 75. Geburtstag Herr Lipp.- mann gehört schon seit Jahren dem Vorstand der Deutsches earlitischen Gemeinde an und hat sich auch sonst vielfach ehrenamtlich in der Gemeinde betätigt. Hamburg. (W. Geburtstag.) Hier beging der emeritierte Lehrer Nathan Leon unter starker Beteiligung feiner zahlreichen freunde und ehemaligen Schülern in körperlicher und geistiger irische seinen 80. Geburtstag. Der Jubilar hat seine Lehrtätigfctt in Oberheisen entfaltet und allein 48 Jahre an dem Gymnasium in Gießen gewirkt. Seine Ernennung zum Lehrer in dieser Schule erregte seiner Zeit deshalb großes Aufsehen, weil es sich um die erste Anstcllmrg eines indischen Lehrers an einer höheren Schute im damaligen Grvtzherzogtum Hessen handelte. Bei mehreren Anlässen wurde der allgemein geachtete Schulma-rm ncm Laudee-herru ausgezeichnet u. a. auch bei seinem goldenen Ämtsjubiläum das dem Uebertritt in den Ruhestand nnrausging. Tie besten Wunsche für einen ungetrübten Lebensabend wurden dem allseits verehrten Veteran der Erziehungsarbeit dargabracht. Erwähnenswert ist noch, daß auch der Dbernürgermeincr Böß in Berlin zu den Schülern Leuns .zahlte, und daß er seinem ehemaligen Lehrer auch S/moathie und Anhänglichkeit bewahrt hat. Karssruhe. «Beisetznn g.j Zu einer erhebenden Kundgebung der Liebe und Verehrung gestaltete sich d'e Beisetzung des im Alter von 71 fahren verstorbenen Seniorthefs der Holzgroßhandlung Juchs Söhne. Bernhard Juchs. J;r der Grabkapelle des rsraclitischen Friedhofes widmete Stadtrabbiner Dr. Schiff dem Verstorbenen einen ehrenden Nachruf Er rühmte vor allem dessen hingehende Liede und Arbeitsfreude, sein ausgeprägtes soziales Verständnis und seine Opjerbereirschasi aus den verjchicücnsten Gebieten. Aus Huchs seien die Bibelworte an zu wenden: „Minder sich noch ein Manu gleich diesem, tu dem (sattes Geist uV Namens des Oberrats der Israeliten und der israelitischen Religionsgemeinschaftentbot Herr Pros. Tr. Nathan Stein dem verstorbenen früheren Synodalabgcordneten den letzten Gruß. Er erinnert? daran, wie?r'rchs seine ganze Kraft für seine Ueberzengung einsetzte, rr-eu gegen sich selbst und unbeirrt von den Strömungen des Tages Potsdam (B a rt fror R u dolph H 11 f ch b e rg g c» stcrben.l In Potsdam verstarb nach vollendetem 70. Lebensjahre der Bankier Rudolph Hirschüerg. Seit langen Zähren gehörte er der RepräfentantenversamnAung an. der er in den letzten Jahrzehnten Vorstand, -ttl Jahre hindurch stand er an der Spitze der Chewra Kadischa. Hervorragenden Anteil hatte er an dem Neubau der Synagoge, der Leichenhalle und der Ausgestaltung und Erweiterung des herrlichen Z riedstos es auf dem Pfingstberg. Sein Toh ist ein schwerer Verlust für die Gemeinde, die sich gern um seine vornehme, uneigennützige Person scharte und jetzt von tiefer Trauer um den Heimgang dieses hervorragenden Mannes erfüllt ist. Auch in der sonstigen Bevölkerung der Stadt Potsdam bat sein. Tod große Teilnahme hernorgerusen. dg er sich als langjähriger Inhaber eines angesehenen Bankgeschäftes ein Msouderes 'Vertrauen des alten Adels und der alltetü». Mfessenen Jamrlieu erfreute. Regensburg. (Wahlen.) Am Sonnrag, den 5. Dezember. endete die Wahl zur Vertretung der israelitischen Kultusgemeinde. der wegen der bevorstehenden Rabbi verwähl besondere Bedeutung zukam. Der frühere Rabbiner gehörte bekanntlich der Trennungsorthodoxte an. Unter Berücksichtigung dieses Umstandes muß das Wahlresultat als günstig gewertet werden. Die liberale- Partei errang 7 Sitze, während , den Orthodoxen 8 Sitze zuftclen. Zum ersten Vorsteher der Gemeinde wurde Kommerzienrat David Rosenblatt gewählt Reilingen. <T o d e s fa lI.) Mit dem hier tm Alter von 82 Jahren verstorbenen israelitischen Lehrer a. D. A. Heim» berger ist der älteste Einwohner unseres OrteS verschieden. Unter großer Beteiligung fand die Beerdigung statt. Der Borstand deS MtlitärvereinS überbrachte dem Mitgründer den letzten Gruß. Auch die Geistlichen beider Konfessionen beteiligten sich an der Trauerfeier, während BeztrkSrabbiner Dr. Pinkuß die Verdienste deS Verstorbenen würdigte. Tewpelburg. «Abschtedsfeierst Am Sonnabend, de« 4. Dezember, fand in der Synagoge die AbschtedSfeler deS Predigers Lion Wolfs statt, welcher im 82. Lebensjahre stehend, nach 57jähriger Amtstätigkeit sich zur Ruhe setzt. Herr Wolfs bat fast 25 Zähre in der hiesigen Synagogen» gemeiirde als Lehrer und Prediger gewirkt und war nicht nur in seiner Gemeinde., sondern auch chbet der hiesigen Bürgerschaft geachtet, geehrt und beliebt. An dem Ge. meinweien unserer Stadt hat de? Scheidende sehr regen Anteil genommen und in gemeinnütziger und selbstloser Weste gewirkt. Wir wünschen Herrn Wolfs, der zu seinen Kindern nach Berlin gebt, einen gesegneten und ruhigen Lebensabend. j; Ü j Aus der Bewegung |ff Berlin. lLibcraler Verein für die Ange» legeny eiten öer Jüdischen G 4M Lindest Die Ortsgruppe N o r d w e st vrr anstaltete am 'Mittwoch, den 8. Dezember, im Pfeilersaal des „Tiergartenhof" ihren ersten Vortragsabend, der auf außerordentlich hohem Niveau stand. Herr Rabbiner Dr. Lewkowitz hielt das Hauptreserat deS Abends und sprach über „Wandlungen des Liberalis-mus". Er führte ungefähr aus. daß sich daS Wesen des Liberalismus in den Satz fassen ließe: „Tu sollst lieben den Ewigen. Deinen Gott, mit ganzem Herzen, mit ganzer Seel« und mit Deiner ganzen Kraft." in der gewohnheitsmäßigen Beobachtung der Jormen und Gebräuche, sondern in dem religiösen Individualismus, dem persönlichen Verhältnis zu seinem Gott, das innerste und heiligste Angelegenheit des einzelnen fei, liege das Wesen des Liberalismus begründet, in der Anpassirna der Tradition an dos Leben der Gegenwart Die Anfänge des Liberalismus gehen auf die Emanziparion der deutschen Juden zurück. Mit dem Eindringen in das Wesen deutscher und westlicher Kultur und der Beschäftigung mit den modernen Wissenschaften begannen viele Gebildete, die. sogenannten aufgeklärten Juden, sich dem Judentum zu entfremden, denn es gab damals nur zwei Möglichkeiten: das starre Jesihalten an der Tradition oder abseits zu stechen. Abraham Geiger, der eigentliche Begründer des Jungliberalismus war bemüht, diese Abseitsstehenden dein Judentum wiederzugewinnen, indem er alles auszulchalteu versuchte, was in unseren Tag.»n nicht mehr durchführbar ist. Es mußte allen Juden die Möglichkeit gegeben werden, ein modernes Judentum zu leben. Jeblte es damals dem isidischen Gottesdienst an Ruhe und Würde, an Jornr -er Melodien und an deutschem Wort, so war man zunächst bemüht, um dem Judentum Ächtung zu gewinnen, den iüdi'chen Gottesdienst der Kultur der Umwelt amzupaslen. In diesem Bestreben mar man damals bereit, aui manches jüdisch-- Gut ,ut verzichten und sich nach .fremden Vorbild er» zu richten. Man brachte d>'u Gottesdienst au, Sit Höbe dey deutschen Kultur und bellte kau» man feststellen, daß die Erziehung zu Ruhe und Würde beinahe zu gut gelungen und dadurch «in bedauerlicher Mängel an l-bendiqer Andacht «inaetreten ist. Es ergibt fick» also die Aufgabe, nicht mehr so sehr die äußere Jorm zu betonen, als vielmehr die Aktivität der G-ineinde wachzuruken. Auch der religiöse Individualismus bat sich zirm Teil in falscher Jorm entwickelt, indem der einzelne Jude sich ihn aushalren. Er sagte, das bekümmere ihn nicht, er richte sich ltödj dem herzoglichen Befehl. Ich sagte ihm, dg stäube nicht darin, daß .arme Leute etwas geben sollen. Er wurde grob und sagte, ich solle nicht räsonniereu. sonst werde er nrich zur Türe hinauswerfen. Was sollte ich tun? Der Gewalt muß man weichen, also ging ich weg. Gerade isim gegenüber wohnte aber der Prorektor der Universität. Ich tonnte mich nicht beruhigen, ging also zu dem Professor und erzählte ihm von dem Kerl, wie der so grob mit urir verfahren sei. Dazu sei er im Unrecht. Es handle sich nir eineu armen Studenten, der Patient sei und dem ich versprochen hatte, daß er sich acht Tage in meinem Hause ausruhcn könne, bis ihm besser sei. Run solle ich für jede Nacht sechzehn Schillinge bezahlen. „Das rväre sehr unrecht.'" antwortete mir der Professor. ..Aber wollen Sie deshalb beim Herzog einen Prozeß anstrengeur' Sie werden den Prozeß zwar nicht verlieren, a-ber die Kosten werden Sie teurer zu stehen kommen als zwei Reichstaler und sechzehn Schillinge." Ich sagte, ich ließe es mir auch zehn Retchstaler kosten, aber der grpbe Kerl sollte nicht seine» Willen haben. „So?" sagte der Professor, „auf diese Weise kann bald geholfen werden, es i'oll Sie rmr fünf Retchstaler lviteu. Wenn ich doch nur den jifngen Mem'chen selbst sprechen könnte." Ich sagte, er sei nicht so krank, denn er sei jacheute schon eine Meile Wegs gegangen, also werde er auch noch daS Stückchen Herkommen können. Ich ging nach Haus« und sagte, er möge seine Atteste mitnehmen und mit mir gehen. Wir kamen also zu dem Prorektor. Der Bochur konm-e einige Sprachen: Lateinisch. Jranzösifch, Ungarisch. Hebräisch, und er war auch ein guter Deutscher. Er besaß ein Zeugnis von der christlichen Universität in J-ranksurt an der Oder, daß er ein befähigter Mann sei. Er war der Sohn des Preßburger Rabbiners, der ihm alles mögliche hatte lehren lassen. Dir aber die Mutter stavb rm-d der Vater rwchmals freite, kam es. daß der junge Mensch sich mit seiner Stiefmutter nicht vertragen konnte. Also vertrieb sie ihn aus dem Hause, und nun war er schon drei Jahre in der Welt herumgewandert und konnte nicht, wie er es gern gewollt, au die richtige Stelle ankonnnen. Der Professor iprall» mit ihm erst lateinisch, dann französisch. „Es ist schade, sagte er. „daß Sie so m der Welt herumlaufen. Sic sollten Medizin studieren." „Ja. herzlich gern, wenn ich Vermögen hätte. Bon meinem Vater kann ich nichts bekommen, seine junge Iran hat alles unter den Händen, wie. es früher auch meine Mutter gehabt hat." „Gehen Sie nach Hause," sagte uns dann der Prorektor, „ich werde Ihnen eine Matrikel als Student schicken, so Kat Ihnen denn der Bürgermeister nichts mehr 3u befehlen, c^ie stehen dann unter der Justiz der Akademie." Wir gingen nach Hause. Bald nachher kam der Pedell und brachte eine Matrikel nebst ..le^es" und alles, was noch dazu gehört. Ich gab ihm fünf Retchstaler. Am nächsten Tag fragte ich den Studenten, oh er wohl Lust habe, ins Kolleg zu gehen. O ja, meinte er. aber er habe kein Geld dazu. Ich sagte, bloß die paar Tage, die er bei mir sei. dem Bürgermeister nur zum Trotz, ich möchte selbst zweimal täg-lich mit thw vor des Bürgermeisters Tür Vorbeigehen. Ich ging »um Pvsessor Hvfrat Detterding. einem Mediziner, erzählte chm die ganze Geschichte und bat ihn. ob der. junge Mensch rncht einige Dwbei ihm könne frei Kolleg hören. Er sagte, nicht bloß cin.-je Tage, wenn er auch ein Jahr hierbleiben wolle, er verlange keine Bezahlung dafür. Ich ging zu Profesior Tetins von der philosophischen Jakultät. erzählte chm ebenfalls die Geschichte, auch dem Professor E-arpahof') für orientalische Sprachen. Ich bekam alt allen Stellen für ihn freies Kolleg. Ich ging nach Hause und sagte dom jungen Menschen, er möge sich heute noch ausruüen. vorn motgigen Tagau hätte ich ihm drei freie Kollegs erwirkt. Er bedankte sich, aber ich sah es seiner Physiognornic an. daß ihm dabei etrvas nicht ganz recht war. Ich fragte ihn. ob ihm das nicht gefiele? — O doch — aber seine Kleider seien für einen Studenten nicht recht paffend. — Ich sagte ihm. wir würden morgen zusehen, wie es sich esnrichten ließe. Am anderen Tage »lahm ich meinen besten Anzug, meinen neuen Hut mit goldener Tresse, den ich erst gekauft hatte, einen ülberbeschla-genen Degen, ließ ihn frisieren, kleidete ihn au und versprach ihm, er solle vier Wochen bei mir bleiben rmd ave Tage ins Kolleg gehen. Herngch solle er als Student nach Berlin reisen, ich würde ihm an meine Freunde Empfehlungsschreiben mitgeben. In Berlin wohnen viele und reiche Juden, die würden ihm beim Studium behilflich sein. Ich ging darauf mit ihm zu Hofrat Detterding. am Nachmittag zum Professor Tetins. nachher zu Professor Carpahos. Am nächsten Tage öanil auch zu Proseffor Scharschmied. ebenfalls einem Mediziner. Alle Wenbrachte er mir meinen Anzug. Hut und Degen wieder herein und zog leine eigenen Kleider an. Einige Tage, bevor die vier Wochen verstrichen waren, schickte Hofrat Detterding zu mir. ich solle zu ihm kommen. Alb ich hinkam. sagte er mir: „Ich habe gehört, der StUident Dtavkus solle wieder von hier wegretseu. Es ist aber schabe um diesen Menschen, denn einen so befähiaten Studenten haben wir hier auf der ganzen Universität nicht. Dieser junge Mensch macht Ihnen große Ehre. Ich habe gestern mit Professor Scharschmied über ihn gesprochen, e: bat mich, ich sollte mit Ihnen reden, daß Sie ihit ein Iah^ hierbebalteu möchten, er werde gewiß in einem Jahr so viel profitieren, als andere Studenten nicht in vier Jahren. Es wohnen 'a hier vierzehn Jamilien, die ihm zusammen Tisch- und Hausraum geben könnten. Es wäre für euch Juden eine Schande, wenn ihr das nicht tätet." Auch Professor Scharschmied und Profesior Tetins traten mit öer gleichen Jürbitte nir den Studenten Markus an mich heran. Ich glaube. Markus hat die Professoren *) Gemeint ist wahrscheinlich der Theologe im& Philologe Johann Benedikt Earpzow aus der berühmten Gelehrtenfamilie. PWWIÜP beute allein befreit hat. und zwar gründlicher, als wtr es wünschen können. Eine andere Aufgabe hat sich uns enthüllt: liberales Judentum bedeutet nicht Jretmachen von allem, was religiös ist. sondern den nennen wir liberal, der von innen heraus die Bindung herstellt zum Judentum, freiwillig, ohne äußeren Bwang! Das religiöse Gewiffen des einzelneu muß geschärft werden, die Ehrfurcht vor der Tradition gilt es zu stärken. De Äersplitterung im Judentum. weil jeder fein eigenes Judentum hat, muß überwunden werden, durch Einheit aller jüdischen Kräfte, wie es bereits in den Richtlinien der liberalen Rabbiner festgelegt wurde. Ein erfreuliches Zeichen auf diesem Wege war die Londoner Weltkonferenz des liberalen Judentums. Eine weitere Aufgabe ist die Schaffung eines einheitlichen Gebetbuches für alle liberalen Synagogen. Die Eigenarr des Judentums muß darin stärker betont werden. Wir müsien deutsche Gebete haben, weil wir das Hebräische nicht genügend beherrschen, was wisienfchaftlicher Kvttik nicht standhält, mutz fallen. d«nn ein Gebet, das nicht verstanden wird, ist kein rechtes Gebet. Wenn man aber auch das Gebet versteht, es mit dem Verstände erfaßt, ist man noch kein betender Jude, es gehört dazu An-dacht und Ergriffenheit der Seele. Diese wird verstärkt durch das Hebräische, durch die Klänge aus vergangenen Zeiten. Es ist ein Unterschied. ob man ^Höre Israel" oder Sch'ma jisroel" betet. Wtr haben die Pflicht, dafür zu sorgen, daß unsere Müder wieder mehr hebräisch lernen, und wollen daher das Deutsche in unserem Gottesdienst nicht noch weiter ausbauen. sondern in dieser Beziehuna einen Stillstand eintreten laffen. um das Berbundensein mit der Vergangenheit festzuhalten, denn die Religion ist nicht Sache des Intellekts, sondern Angelegenheit des Herzens. An Stelle des verhinderten Herrn Dr. John Wertheim sprach Herr Dr. Mayer über „die Politik in der Gemeinde^. Er setzte sich in temperamentvoller Weise mit dem Etat und der Steuerpolitik auseinander und forderte, daß der Beginn der Gottesdienste in den liberalen Synagogen auf eine Zeit gelegt werde, die es auch den Erwerbstätigen möglich macht, daran teilzunebmen. Ter Gottesdienst müffe dem modernen liberalen Enrpfinden mehr Rechnung tragen, indem er öte Aktivität der Gemeinde mehr anrege und nicht durch M lange Tauer ermüde. Die Liberalen hätten früher die Mehrheit gehabt, aber nicht verstanden, sich derselben würdig zu erweisen, indem es an der nötigen Zivilkourage gefehlt habe. Da über ein Drittel der deutschen Juden tn Berlin ansässig ist, muß unser ganzes Bestreben dahin aehen. wieder die Mehrheit zu gewinnen und uns ihrer würdig zu zeigen. Wir brauchen Lehrer, die Verständnis dafür haben, daß sie Kinder verschiedener religiöser Richtungen vor sich haben und nicht solche, welche den Kindern liberaler Eltern den Liberalismus als unjüdisch hinzustellen versuchen. Im Anschluß an diese beiden Referate entspann sich eine lebhafte Diskussion, welche besonders durch die eiugeheueen Ausführungen des Herrn Prediger Dr. Karl Rosenthal. der Herren Lehrer Auerbach. George Goetz und der Repräfen-- tanten Emil Pincus und Moritz Rosenthal Interesse fand. Herr Rabbiner Dr. Lewkowitz setzte sich in einem Schlußwort nochmals mit den Ausführungen des Herrn Dr. Karl Rosenihal auseinander, und in vorgerückter Stunde schloß diese überaus wohlgelungene und interessante Versammlung» welche einen regeren Besuch verdient hätte. Jrankfnrt a. M. lJüdisch-liberale Jugendgemeinschaft.j Eine schöne Chanukahfeier führte unsere Mitglieder in den Räumen der Jamilie Bonwit zusammen, die ihr Haus in liebenswürdigster Weise zur Verfügung gestellt hatten. Eine Ansprache unseres Vorsitzenden. Dr. Hoffmann. eröffnete die Jeier: Er wies darauf hin, daß man in der Erinnerung an die dldakkabäer-Zeit nicht nur öer GlaubenSireue der danralige» Juden in Palästtna gedenken solle, sondern Saß wir liberale Juden in Verbinduna mit diÄss/ Erinnerung an die Makkabäer-Kämpfe der Juden in Palästina auch der aleraudriuischen Juden gedenken sollten, insbesondere des jüdischen Philosophen Philo, der es in geradezu Vorbildlicher Weise oerstcnid. griechische Weisheit mit jüdisch-religiösem Empfinden in sich zu vereinen. Die griechische Kultur, die den Juden Palästinas gegen» überstand, war nicht das eigentliche Griechentum: es war das auf diese Idee gebracht. Ich ließ also alle Juden zusammenrufen und stellte ihnen die Sache vor. Ich hatte bereits aus freien Stücken ihm jede Woche einen Neichsialer Taschengeld sowie freie Wohnung uuö Essen gegeben. Nun kamen wir überein, daß ich ihm freie Wohnung. Holz und Licht und jede Woche einmal Jreitisch geben wollte. Die übrigen sechs Tag« müßten die andern ihn speisen, welche zu Mittag, welche zum Abendbrot. Auch wurden ein Reichstaler und sechzehn Sckrillingc Taschengeld alle Woche aufgeteilt. Unsere Weiber taten sich gleichfalls zusammen und ließen ihm einen neuen Anzug wachen. So wnrde ihm weit erg cholwn und er war bei den Herren Professoren sehr gut angeschricbeu. Der Herr Hafrat Detterding nahm ihn beständig mit. wenn bei einem Patienten ein besonderer Jall vorlag, und der junge Mensch wurde in der Stadt als geschickter Mediziner angesehen. Er nmr ungefähr eineinhalb Jahre in Bützow, so wurde er bereits in die Stadt gerufen, wo ihn die Bürger sehr irr Anspruch nahmen, und sogar die Bauern vom Lande kamen zu ihm und verlangten nach seinen Rczepterr. Er war sehr glücklich in seinen Kuren, hatte es nicht mehr nötig. Taschengeld zu nehmen, nwchte auch bereits allerlei Staat und führte sich sehr proper. Auch alle SlUdercten schätzten ihn sehr. Ich verschaffte ihm eüw reiche Braut, es kam zur Verlobung und ich lieh ihm noch zweihmrdert Neichsialer. die er mir nach der Hochzeit zurückzablen sollte. Er bekam zweitausend Taler Mitgift und wohnte zuerst in StreUtz. Mit einem Male sin-g er aber an, groß zu leben. Ich schrieb ihm um mein Geld, das ich ihm bar und ohne Zinsen geliehen hatte, er schrieb mir allerlei Ausreden zurück, um mich vier bis sechs Wochen hinzuhalten. Ich muß mich wirklich hier ein wenig selbst loben. Ich habe in meinem Leben vielen Menschen Gutes getan, aber mit Willen und Wissen niemals iomandem etwas Böses. Er reiste, wie ein Schelm, auf betrüg-erische Art aus Strelitz. Er zeigte einen gefälschten Brief, als hätte er diesen vom Kommandanten aus Stettin bekommen. Dieser habe gehört, daß der Herr Doktor Markus so berühmt wäre. -Er bäte ihn. nach Stettin zu kommen gegen hohe Vergütung und Reisekostenersatz. Der Schwiegervater gab zur Reise ferne Kutsche mit zwei Pferden und dachte, der Schwiegersohn werde in höchstens vierzehn Tagen wieder zurück sein. Dieser aber ließ seine Iran mit einem kleinen Kind in Strelitz bei den Eltern und reiste nach Polen davon, litt* ftcmfjr ein Jahr später schrieb er au seine Schwiegereltern, ob sie ihm Iran und Kind nackschicken wollten nach Lissa in Polen. Da seien viele und reiche Inden, die hätten mit ihm einen Vertrag aemacht als Lester des jüdischen Krankcnhames für 500 Retchstaler Gehalt. Was sollten die Eltern tun? Sie schickten ihm Iran und Kind mrch. Ich aber habe mein Lebtag keinen Pfennig bezahlt bekommen. Solche Schelme haben mich sehr oft betroaen. Ich bin in meinem Leben aber nicht rachgierig gem>esen und war immer mit meinem Schicksal zufrieden. Ich dachte in meinem Leben an nichts weiter, als ein ehrlicher Mann zu bleiben. DaS war mein Vorsatz. (Jortsetzung folgt.)