Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 51 (17.12.1926)
- Date
- 1926-12-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2613366-2613841-2613892--2058-2619490- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
»rrö die Seinert". der — bei Wassermann ein selten an- Lu-rpenoendes Wort — wie mit Herzblut qeschrteben ist. Ueber mesem Buche liegt. mag sein Verfasser auch noch soviel fremde Erfahrung, bestimmte, fchlüsselhaft au deutende Vorgänge darin verwertet baden, etwas Schicksalhaftes, das den Künstler wahrscheinlich zerbrochen hätte, wäre er nickt fähig gewesen. eS au gestalten, ihm eiaen-e Körperlichreit zu schenken. Wie dem auch immer sei, welches die Irrend Wirrgänge des W-assermannfchen SedöpfuNgSprozefies fein mögen, so bleibt doch unter allen Umständen die Tätliche bestehen, dass unter der deutschen Belletristik Jakiw Wassermann nur ganz wenige nennen könnte die ihm eben-?urna zur Leite .zu stellen wären Und — er ist erst '.'?V ^assre und keine nnrastige. ewig schweifende Phantasie sicher erfüllt von tausenderlei Gesichten und Möglichkeiten, die oemäliigen und ausAuichöpsen kein EhrgeiA anstreben durste. Die Prophezeiung ist leicht, aber nicht leichtfertig, dass Deutschland noch viel von ibm zu erwarten naben wird. „Und sedermanu erwartet sich ein Fest" von lodern Herren Buche Jakob Wassermanns. Sersammlnngskalender Berli«.Rord«est. Die Ortsgruppe Nordmeft beabsichtigt, außerhalb der zu ocranstaltendeu BortragSabeude alle drei Wochen Dis» kvsfiovSabende ein-urichte«, «m «tue engere Fühlungnahme zwischen de« Mitglieder« z» ermögliche«. Mitglieder «ud Freunde unserer Bewegung» die daran teilnehmen wollen» werde« gevete», ihre Anschrift Herr» Max Sohn. Berlin NW. FlenSburger Str. 20 fTels: Moabit 1168) mitzu, teilen. Einladungen s« diese» DisknssiouSabenden ergehen nur an diejenigen» die ihre Adresse zwecks rcilnal- - Berttn-Rorden. ^5ranz Werfel. DaS jüngste Mitglied der preußischen Dickterakaoernie jüdischer K v n f e s, i o n ist Franz Werfel. Jung jede m Ben-gchi 1860 zu Prag geboren, mithin erst ^6 Jahre alt. lcbei» und weben in ihm noch alle Menschheitsrraume und Weiterlöstrngsgedanken. die der Jugend eigentümlich und bei einem Dichter auch noch mit 86 Jahren selbstverständlich sind. Politisch hat Franz Werfel in den ersten Jahren nach der Revolution sehr weit links. aus dem rrtremston Flügel gestanden, hat publiziert und demonstriert un.d hätte am liebsten der Mem'chhcu ganzen Jammer mit icrnem Federstriche aufgehoben. Aus Franz Werfel trifft das 'möne Wort aus Gerhart Hauptmanns „Florian Geyer" zu: fltept ttn brennendes Recht durch sein o r ..." Fürwahr Und aus diesem brennenden Recht, das ^urch sü-seS gross.' Dichter herz fließt, stammen jene vielen tzcrrlicherr Gedichtbände. die sich alle nur mit dem Menschen fnrd der Liebe zu ihm befassen Werfel ist von all den füdi- 'then Akademie-Mitgliedern der einzige, der eigentlich ein n : r ^urtfct ist. Denn lyrisch ist er auch, wenn er Romane oder Dramen schreibt. Leine ersten Bücher „Welttrcund' „Wn sind' „Gerichtstag". „Beschwörung" u, a. m. «tCBctt öre Stillen aber auch die Heissen im Lande aufhorckren. Da war einer, der streckte sehnsuchtsvoll seine Arme ins Ast, um den ..Bruder Mensch" zu fassen und saugen. Nach v'.cht so stilisiert und raffiniert, wie Wassermann desgleichen in seinem „Christian Wahnschaise" getan, dafür aber hinreissender. elementarer, mit aller Wucht der grossen Leidenschaft Er schmetterte in eine verständnislose Welt seine große Anklage wider Lchcingerechtigkcit hinein: „Nicht der M f) rj r if f o n ft e v u der Ermordete t ft schuld! g." Roman aus Gednikenquadern zusammengefügt. Aber rn diesem von ^nächtige« GedankLuauadern errichteten Bau '^aß das übermächtige Weltgetühl fernes Erbauers und schrie und lärmte und gab keine Ruhe. Die Tauben iw Lande w-llten aufwachen. die Lauen rm Lande sich regen »Es galt tu, den Menschen? Nein, cs galt Menschheit uns) Menschtichkeit. ,Franz Wer sei hat es fertiggebrgcht. selbst in seinem Fuglrästigcn Bühnenstück „I u a r e z und Maximilian" aus dem ehrgeizigen Habsburger einen versöhnungsfreu.' strgen Menschen- und Friedensfreund ssst oxochon zu machen. Uu& Kiit uem’>i Buch ..D e r D o o des Kleinbürgers" ist wiederum d nichts als ein traurig erschütterndes Stück Menschenschrcksal und Menschenabschied. Ein schier unmenschliches. übermenschliches Opfer, dargebracht von einem Armen im Gusto Heldentum eures Wcrkeltaasmenschen, der alle Aradiest'. Erde aus sich nimmt und doch alle Härte der Materie überwinde-t durch die Liebe seines großen einfachen Herzens Eines Werfels che. n H e r z e ns. Es schimmert Mx eine Glorie von Helligkeit über diesem.Bucke das Leihs. Die Geschichte non diesem Kärrner des Lebens, der. vor deckt Kriege Pförtner eines hohen Amtsgebäudes, nach dem.Kriege als ein Namenloser stumm und klaglos am Kreuze seines Schicksals verblutet ist wie Werfels erste Gedichte überblickst non eitel Liebe und Mitgefühl mit jeder Kreatur Gottes. Qualvoll ist das Buch um seiner phantastischen Fabel von der Versichert,ngsprämic. die der Kleinbürger gezahlt hat. um seinen Lohn vor der Notdurft des Lebens oder dem langsamen Hungcrtodezu retten. Wenn er mit 65 Jahren ffir&f, bekommt sein Lohn von einem Wucherer in Menschen fleisch er» in seinen Augen stattliches Kapital auSgezahlt. ^.cr Bater^aber ist 64, nur leider rüstig wie ein Fünfzigui hi ,gt r. Der tt-auu"? .zwischen dem Kleinbürger und dem 4,vde, dem er selbst sich aus Liebe ausgeliefert hat. ist. obwohl mit höchster Kunst durchgeführt. eine Marter für den Leser. Aber eine Marter, in der der Leier am Ende selbst das Knie beugt oder zusammenbricht vor dem Dichter solcher Menschlichkeit und — solcher Nnmenschlichkeit. die derlei Opfer erheischt. „Es fließt ein brennendes Recht durch fein Herz." Liberale Synagoge Norde« (im Auerbachscheu Waisenhaus, Schönhauser Allee 182). Gottesdienst Freitag, den 17. Dezember, abends 7# Uhr. Predigt: Rabbiner Dr. Salomouski; Souuavend, den 18. Dezember, vormittags 10 Uhr. So und nicht anders ist Franz Werfel zu charakterifieren. Gleichviel, ob er Leben und Sterben eines Kleinbürgers in atempreffenüer Tragik widergibt oder ob er den Werdegang eines großen Musikers, wie in seinem Romane „Berdr' in ebenso schlichten und eindringlichen Worten erzählt. Sein neues Drama „Paulus unter den Juden" wird zwar, wie wir hier bereits betonten, dem Judentum zur Zeit des Urchristentums nicht gerecht. Aber auch in diesem Drama ist Werfel, wie in icdcr Zeile, die er je aus seiner Werkstatt entließ, sich selbst treu geblieben, verficht er die Sache der Menschheit, das heißt der Gerechten gegen di« Ungerechten. Dieser junge Dichter — ehedem stellte man sich unter Jugend und Akademie unvereinbare Gegensätze vor — ist noch kein Vollendeter wie manche seiner Ratsgenossen, aber er ist mehr als das: Er ist eine Verheißung. Die Akademie darf sich seiner rühmess.: er braucht ihrer nicht Deutsche und Juden aber dürfen beide stolz sein in dem Bewußtsein: „Er ist unser." Tenn seine Menschlichkeit wie seine dichterische Begabuna würden jedem Volkstum und jeder Rasse zur Zierde gereichen. Als Juden freuen wir uns, daß unter dem Nachwuchs der deutschen Dichtung eben das stärkste Talent dem ältesten Stamme entsprießt. Ein Reis vom Stamme Juda . . . Gewiß. Aber aus jenem Holze, aus dem die Märtyrer und Blutzeugen für die Sache der Menschheit, die immer auch eine Sache Gottes ist. erwachsen. Epilog. Wir haben schon eingangs bemerkt, daß die A'ngliederung einer besonderen Dichter-Akademie nicht nur vor und nach ihrer Entstehung heiss umstritten worden ist, sondern dass sie auch dem einen oder anderen von uns als anfechtbar erscheinen mag. Sie wird durch ihre Taten ihre eigene Existenzberechtigung zu beweisen haben. Man kann auf dem Standpunkt stehen, dass freie Schöpfer freibleiben sollen von jedem Zwange, selbst von dem einer ehrenvollen und freiwilligen Organisierung und Organisation. Ihre Entstehung geschah unter ungünstigen Auspizien, unter der Absage. Gerhart.Hanytmanns und dem ideologischen Zornesanfallvon Anw Holz. Seid drnm! Das wahre und gerechte Urteil wird erst eine späte Zukunft'fällen können. Uns als Inden aber bleibt in jedem Falle die Genugtuung Vorbehalten, dass bei der Erschaffung einer ausschließlich geistigen Zielen geweihten Institution die indische Gemein - s ch a s t, die nur ein Prozent der deutschen Bevölkerung darstellt, zu den gekrönten und anerkannten Streitern für deutsche Kultur und deutsches Geistesleben m e hr d e n n 16 Prozent beigestenert bat. Noch ist die Dichter-Akademie nur eine preußische Institution. Es ist aber selbstverständlich, daß sie die deutschen Interessen zu hüten und im Auge zu behalten berufen ist. Die Interessen der Deutschen oder am besten, wie Franz Werfel als leuchtendes Beispiel es tut, „der Menschheit grosse (Gegenstände" - Freiheit, Frieden. Gerechtigkeit und Duldsamkeit — als heiligste Güter schirmen. Nur unter diesem Zeichen wird sie sich behaupten und zum Siege des Geistes über ihren großen Widersacher den hohlen Materialismus unserer Tage — gelangen. Wir hoffen, daß die Postulate der Menschheit nirgends schlechter aufgehoben fein mögen als bei den Werfels und ihresgleichen .... - Gründung einer jüdischen Altershilfe für Grotz-Berlin. Die Entwicklung der Wohlfahrtspflege — und auch der jüdischen — wird von dem aufmerksamen Beobachter schon seit langem nicht ohne Besorgnis betrachtet. Vielfach werden Klagen darüber laut, daß auch in der Wohlfahrtspflege der Bureaukratismus Einzug gehalten hat, baß die Organisierung der Wohlfahrtspflege viele wertvolle Einzelleistungen beeinträchtigt hat. Das Geben von Geld an den Bedürftigen ist ja nicht allein die Unterstützung, die in den meiste» Fällen erforderlich wird. Ein gelehrter Rabbi erläuterte einst das Psalmwort, indem er sagte: „Es heißt nicht: Heil dem. der dem Armen gibt, sondern wer aus den Armen achtet — achte auf die Art. wie du dem Armen Wohltaten erweist." Ganz besonderes Feingefühl ist beim Wohltun dann crforgerlich. wenn es sich um verarmte Alte handelt, um Menschen, die einst für andere sorgten und nun selbst aus die stützende Hand ihrer Mitmenschen angewiesen sind. In den durch die Inflation verarmten Kreisen können im Gegensatz zu den jüngeren Elementen die alten Menschen ihre Verluste nicht überwinden, weil sie nicht nur ihre Kapitalien, sondern, was viel entscheidender, ihre Arbeitskraft verloren haben. Ein verarmter Rentier, der von den Zinsen heut geschwundener Kapitalien lebte, ein ins Hintertreffen geratener alter Arzt, Anwalt, Künstler oder Kaufmann. die Witwe, die als Tochter einst vermögender Eltern keinen Beruf erlernt hat. die betagten Zuwanderer aus den deutschen Ostprovinzen — sie sind aus Wirtschaftskampf und Erwerbsleben ausgeschaltet und aus das Wohlwollen der Verwandten oder die öffentliche Wohlfahrtspflege angewiesen. Der Arme aus niederen Schichten findet den Weg zu den öffentlichen Wohlfahrtsstellen und in die Bereinsbureaus. Der Verschämte aus gutem Stande bettelt weder bei Anverwandten, noch antichambriert er in den Wohlfahrtsbureaus — er hungert. Da die bestehenden Wohlfahrtsinstitutionen trotz bestmöglicher Organisation naturgemäß nicht einmal die Gesamtzahl der ihnen zustrebenden Petenten auch nur annähernd ausreichend befriedigen können, bleiben diese sozial und menschlich oft zu tiefst Leidenden fast ohne jegliche Unterstützung. Diese Lücke in der jüdischen Wohlfahrtspflege auszufüllen. dient die Gründung des Vereins „Jüdische Altershilfe Groß-Berlin E. B." Sie erfolgte am vergangenen Montag im Hause von Frau Preuß, der Witwe des leider zu früh verstorbenen Schöpfers der Weimarer Verfassung, des Reichsministers Hugo Preuß. Man bemerkte unter den Anwesenden Professor Dr. Albert Einstein. Groß-Präsident Rabbiner Dr. Leo Baeck. die Rabbiner Dr. Meyer-Hildesheimer. Dr. Emil Cohn-Bernhard. Dr. Emil Levy, Geheimrat Timendorsser, Dr. Paul Nathan, Kammergerichtsrat Leo Wolfs, Oberregierungsrat Goslar, den Leiter der Zentralwohlfahrtsstelle Eugen Caspary und zahlreiche bekannte Industrielle und Großkaufleute, so vor allem den um die jüdische Wohlfahrtsinstitutiouen verdienten Herrn Maurice Glogau sowie endlich die Initiatoren des Werks, Frau Minister Preuß und Herr Arthur Kahn. In der Begrüßungsansprache wies Dr. Fritz Kahn auf die Bedeutung einer wirklichen Altershilfe hin. Die jüdische Altershilfe soll der Anwalt der Verarmten sein. Ihre Aufgabe ist Unfallverhütung, eine Tätigkeit, die praktischer ist als Unfallhilfe. Während der Arme zu fordern W wohnt ist, hungert der Verarmte. . Ein geistiges Altersheim soll geschaffen werden, dessen Insassen jeder Verarmte Berlins sein kann. Hätte man schon vor dem Kriege die jüdische Altershilfe gegründet, so wäre wohl mancher der Gründer heute gezwungen, die Altershilfe selbst in Anspruch zu nehmen. Die Aufgabe der jüdischen Altershilfe ist folgendermaßen gedacht. Die ihr bekannt werdenden und von der öffentlichen Fürsorge nicht erfaßten Fälle von Altersnot sollen in taktvoller Form durch einen sachmännisch geschulten Sozialpfleger geprüft werden. Nach Feststellung der Bedürftigkeit werden evtl, notwendige Maßnahmen zur Verbesserung der Vermögenslage eingeleitet lBermögensbilanz, Auseinandersetzung mit Schuldnern, Eintreibung von Außenständen, « Realisation brachliegender Vermögenswerte, Heranziehungvon Verwandten zur Erfüllung versäumter Pflichten» Berhandlungen mit Hauswirt. Steuerbehörden usw., angemessene Preiserzielung bei Verkäufen von Wertsachen). Für jeden Pflegling soll ein Pfleger bestellt werden, der die Verbindung zwischeir her Altershilfe und dem Notleidenden lhiieiliriK'u Familie heraus gehet! anzusehen scyu. Zumal ia die Religion eine Sache des Gewissens sey f welche keiner Menschlick'eu Gewalt l weder eines Privat!, noch selbst des Landes Vaters / sondern Gott allein untermorfett I und Selbigem dieicrhalü Rechenschaft zu geben sey." Die beiden jüngere» Töchter von 8—w Jahre» wurden wegen ihres zarten Alters in die erste Zeit der väterlichen Gewalt gesetzt, ..da sic wegen eigenes unvollkommenen Urtbeils ihren Eltern schlechterdings unterworfsia kenn müssten". ...... Es sei aber dabei zu bedenken: 1. Daß. obwohl diese Ki.röer freilich noch ein schwaches und unvollkommenes Urtheil haben, ihre Eltern in dieser fraglichen Sache — nämlich in der Religion noch unvollkommene^ als ihre Kinder urteilen, da sie durch die jüdisclie» Vorurteile geblendet seien Es würden dann ~ „so ein Blinder den andren sührete" — beide in die Grube fallen Daher habe der Landes-Vater — dessen Lchutz die Kinder anrusen — ins Mittel zu treten, den Eltern ihre Gewalt, womit sie Schaden verursacheu könnten, einzuhalten und die Kinder auszunehmen. 2. Dieses um io viel mehr, weil die Eltern, da sie ihren Kindern bei Christen zu essen, zu schlafen, mit ihnen umzugehen gestattet und hierdurch zu ihrer Erkeucktuna selbst Gelegenheit und Anlass gegeben, ihrer Gewalt sich insoweit begeben zu haben scheinen. . . ‘ 3. Und da es in manchen Fällen heiße: Malitta suoolct aetatem. was an Jahren mangelt, ersetzet die Bosheit: warum sollte ech auch nicht in einigen heißen können: 8uvv!et aetatem tfratia; was an Jahren mangelt, ersetzet die Gnade. Gott iei die Hand nickst gebunden, auch iunge Personen zu erleuchten. Er habe Samuel. Salomo. Jeremia. Johannes den Täufer usw. von Kindesbeinen au zu sich gezogen: so erschiene es, daß auch bei diesen Kinderrc der Finger Gottes zu erkennen wäre. 4. Dass.dieser erste Funke des wahren Glaubens tchristlichen), der bei den Kindern glimme, keineswegs zu dämpfen, sondern vielmehr cruszuflammen sei. 5. Auch das sei kein Hinderunasgrund, daß eigentlich nur Erwachsene bekehrt werden. Sagt doch der Heiland: ..Lasset die .Kindlein zu mir kommen". V. ^est die Kinder mit einem so ungemeinen Eifer nach dem Christentum verlangen, wäre es eine Sünde, das Werk Gottes nicht zu vollenden. Diesem Gutachten folgt mm noch in wenigen Abschnitten die eigene Meinung des Gutachters, die darin gipfelt, daß das Gewissen der Kinder ausschlaggebend sei und diesem nichts entgeaengestellt werden dürfe. Das Büchlein schließt mit den hochfahrenden Worten: „So kann mol kein Zweifel übrig sein, daß Gottes Finger hierunter sein werk habe und man demselben I unter dem Vorwand der Väterlichen Gewalt nicht zu nabe zu tretton / mit gutem Gewissen nicht widerstehen könne / sondern vcel>uehr demselben die Hand zu bieten nnd alle mögliche Beförderung zu thun verbunden sey. Vielleicht will Gott ein Borspiel geben und zeigen I wie cs ihm ein leichtes sey / zu seiner Zeit in Bekehrung der Juden! durch seinen Geist zu tbun / was alle Gelehrten der Welt mit ihren besten Methoden bißher anszurichten nickt vermocht haben." Das zweite Büchlein (gedruckt bet Friedrich Kargen, Gießen 1672) erzählt bei peinlicher Genauigkeit und sichtlicher Freude von der Bekehrung und Taute des Juden David Salomons Levi am 30. Juni 1672 zu Türckheim an der Hardt tn der Löblichen Grafsschast Leiningen. Der Verfasser. Pfarrer nnd Snpperintendcnt Franciscus Wippermnuit, Hospreüiger zu Hartenburg, hat die ganze Angelegenheit im Auftrag des „Hochgebvhrnen Grossen und Herrn Friedrich Emichen Grasten zn Leiningen und Dachsburg etc." zum Drucke verfertigt und schildert zunächst, wie der Täufling zu ihm aekommen wäre und seine große Lust knndaetan hätte, den christlichen Glauben anzunehmen. Stach fleißigem Studium besteht der 24jährige vor dem Grasen und „denen dazu deputierten Personen" seine Prüftmg am 16. Juni 1672. Es folat das Gevatter-Schreiben — die Einladung zu dem feierlichen Akt —. das au viele Adelige und sonstige Interessenten geschickt wurde. Und sie kamen alle. Eine lange Reihe von Grasen und Gräfinnen. Pfarrern und vielen anderen Personen wird namentlich ausaezählt, die dein Zuge solaten Die Kirche war übenüllt. „Daraust ist Hofs-Prediger von seinem Orth ansf die Cantzel gangen" nnd hat eine, weitausbolende Vrediat abgelegt. Nachdem die Personalien des 'Täuflings vor aller Welt kundgetan, wird sein „Belieben znr Christlichen / Seeligmackenden Religion" aevrieieu und „sein Eckel zu dem Abergläubischen Judenthumb" hervoraehoben: „Da Er vor etlichen Jahren gesehen > daß aus dem großen prablen und rühmen! der Ist den / vn ihrem Mess»a t daranst sie so lange gewartet / nichts worden / und die Jüden / so fast alle reg waren / zu solchem Messia zu ziehen , mit Schimpfs nnd Spott vor aller Welt bestehen müsse. Dagegen wird Jesus als der wahre Messias, die Bekehrung vieler Juden durch ihn und überhaupt die Heilskraft des Christentums in den höchsten Tönen besungen — selbstverständlich mit Belegen aus dem Schrifttum. Durch ein handgreifliches Beispiel aus dem Jahre 1533 sollte dem Täufling ganz besonders ins Gewissen geredet werden. „Am 10. Juli 1553 wurde ein Jnd Rahmens Ansteet zn Weißenstein in Schwaben i umb feiner Uebelthat zum Strange vernrtheilt I und würklich an den Füßen / wie bei solchen Leuten pfleget zu geschehen / an das Hochgericht ausfgezogen / zu welchem denn zween große Hunde gleichfalls an dernr Füssen sind gehencki worden I die tu ihn gefallen / die Ohren abgebissen / und sein Ehlenbogen genüget I als wenn man ihnen sonsten ein Bein zngeworsfen hätte." D. Jacobnm Andreae. damals Pfarrer zu Göppingen, hat es durch sein eindrirdgliches Zureden fertiggebracht, daß schließlich der furchtbar Gequälte den Wunsch äußerte, getauft zu werden. „Endlich ist er hangend aur Hochgericht getaufft worden. Hernach ist er aufs Befehl des Edelmanns Jörgen von Rechberg desselben Orts Obrigkeit / an denn Füßen ledig gemacht! nnd an denn Hals gehenckt worden." iDieser Fall ist ausführlich beschrieben in D. Felic. Bidembachr Oovsiliorum streolotzicuw: Oeoas 4, Oonsiliorum 10.) Nach einem gemeinsamen Gesang ergriff, der Superintendent das Wort zu einem kurzeit Sermon und legte dem Täufling 17 Fragen vor. die er mit „Ja" beantwortete und die dartun sollten, wie gut er im Katechismus unterrichtet rvar. Daran schloß sich der Taufakt an. Aus besonderer Gnade wurde ihm der Name des Hochgräflichen Herrn: „Ewich Christian" gegeben, dazu ein langes weißes Hemd angelegt und mit „schwarzen sey-enen Banden vorher zugebunden". Nach einer Vermahnung an den Getauften, die Gevattern nnd die ganze Gemeinde wurde mit dem Segen geschlossen. „Nach dem Segen hat man ein Stück Musiciret / und ist tn voriger Ordnung wieder in daß erwehnte Hans gegangen l da denn alle Tauffzeugen und andere dem getanfsten gratulieret / Beständigkeit im Christlichen Glauben gewünschet I und daß er mit einem Gottseeligen Leben sein Christentumb zieren wollte / ermahnet haben. Daraust die Hochgräflichc Herrschaft ein Kostbar Convivium. aufs dero Kosten angericktet hat. Und hiermit ist der gantze Actus glücklich vollendet worden." Ueber den weiteren Lebeusgang des Getauften schweigt bas Büchlein.