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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-12-17 · 51 (17.12.1926) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
51 (17.12.1926)
Date
1926-12-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
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irgendwann oder irgendrvie einen mildernden Schein za wahren: der vielmehr nichts Grobes grob genug, nicht- RLck« teS nackt genug sein konnte, die längst alle Feigeu-ilätter auf den Kehrichthaufen einer angeblich überholten Ethik geworfen hatte, muhte dieser Gegenwart erscheine», datz just sie in ielbstverspottender Schetnhetltgkett vor etlichen Jahren Arthur Schnitzler den hochnotpeinlichen Prozeß mache« durfte, weil eine junge Bühne es unternommen batte, ohne Wissen und Willen des Dichters die letzte Szene des Anatvl- Zyklns. den „91 eige n", aulzusüHren. Arthur Schnitzler hat eben diese» Dramvlet. diesen musisch-mirsikalischen Schlußakkord seinerzeit ausdrücklich von der Bestimmung für tzaS Theater ausgeschlossen und nnr in einem Privatdrnck einigen wenigen Freunden zugänglich gemacht. Trotzdenr. nachdem längst Wedekind mit seiner'..Büchse der Pandora" oder seinem «Schloß Wettcrsteiu" die Schaubühne und die Schaulustigen genugsam abgehärtet haben durfte: und nachdem bereits eine neue, viel radialere i'seneration — die der Toller. Brecht und Bronnen oder gar des saftigen Rheinländers Zuckmayer — im Aufsteiger: mar, ganz ab.msehen von den modischen Ausschreitungen tänzerischer Auditoren und der mit Zoten überladenen Revuen. fände» sich doch etliche alte Weiber beiderlei Geschlechts, die all Schnitzlers «Neigen" das übliche, vom besetz vorgcschriebcnc „Oessentlichc Acrgernis" nahmen und io mit eine fvrenftfthe x'jöllr," ins Rollen brachten, die uns wie ein grotesker Anachronismus anmutete. Wenn mir heute das Repertoire der Neichshanptstadt und der großen Provinzbühnen betrachten ltud mit Staunen rvahrnehmer», waS alles an vffenrlicher Stätte, selbst unter Zulassung Jugendlicher, geboten werden darf, so lassen mir uns »chrer fassungslos an den Kopf >n dem Gedanken, daß dieser Monstre-Prozeü tatsächlich c r ft vor wenigen Jahren die öffentliche Meinung bis zur Weißglut erhitzt hat. Und das resignierte, skeptische, weit über die Dinge des Allings erhabene Lächeln Arthur Schnitzlers selbst will auch uns ankommen angesichts der Wandelbarkeit künstlerischer und — moralischer Meinungen, Heutzntage würde jeglicher Backfisch. geschweige denn ein Jüngling, «der nicht mehr seine sechzehn Jahre" fyn, den Besuch des «Reigens" wegen mangelnder Pikanterie oder zu großer Harmlosigkeit schlechthin ablehnen. Denn wir dürfen nicht vergessen, daß die vorgeschrittene Juaend von heute gewohnt ist. kräftigere Amvrnche?U stellen. „On est toujours le reactionnaire de quclqua“, agt ein französisches Sprichwort sehr weise. Arthur Schnitzler aber hat sich auf seinem Wege ^veder durch Freund noch Feind beirren lassen. Er blieb weiterhin der Dichter der Liebe und des Todes, und seine Künstlerschaft errang gerade in den letzten Jahren noch höchste Triumphe durch unvergleichliche Werke, wie beispielsweise die Novelle „Fräulein Else", die, jedes Vorbildes «na jeder Nachahmung bar. in der Tat die von den Zionsroächtern der Kunst geforderte «unerhörte Begeberlheil" in sich schloß. NingS um dieses Kabinettstück einer über sich selb,» hinausgewachsenen Kunst gruppierten sich andere, kaum minder bewunderungswürdige Arbeiten wie „Die Komödie der Worte", „Die Hirtenflöte" — ein pathetisches Pandämonium sinnlich-übersinnlicher Triebe — „Die I ra n des Richters" oder jüngsthin reine „T ra urn nove lle". Arthur Schnitzler vollendet demnächst rein 65. Lebensjahr. Sein Schaffen aber verrät nichts davon, daß er der biblischen Altersgrenze naht. Er ist geblieben, der er war: ein Bildner des Wortes von strengstem, künstlerischem Gewissen, ein Neutöner, vielleicht sogar wider Willen, ein Meister der edlen Form, dem nur wenige zur Seite zu stellen sind, ein Mann von Geschmack und Selbstdisziplin, ein wenig müde, «in wenig morbide, aber niemals nnliebenswürdig, geschweige denn ein Faustkämpser in der Arena des Geistes. Gin großer Puppenspieler, der gerne seine Marionetten tanzen läßt und seine Freude hat an den „Massen und Wundern" dieser erstaunlichsten aller Welten, lstce Poeta!, nehmt alles nur in allem! Die preußische Dichterakademie hat durch seine Wahl sich selbst, nicht ihn geehrt. Sein Name HHb im Pantheon der Unsterblichkeit verzeichnet stehen. Äidwig Fnlda. . | Ludwia Hulda, als Soli« rlnes walslbcailterlen GroA.inf. \ manns zu Frankfurt a. M. geboren, hat schon dem ersten, nur vierköpfigen Grenium der preußischen Dichterakademie angehört. Seine Wahl erfolgte, obwohl seine Geltung in der Oefsentlichkeit sicher nicht »»»»bestritten.nt, und trotzdem die heutige Generation deutscher Dichter und Deuker, viel-! leicht sogar geschlossen gegen ihn gestimmt Isiftte. da er ihres i Geistes keinen Hauch verspürt har und vive versa. Indessen: j auch er hat Verdienste um das deutsche Schrifttum, die. allem j Wandel und allen Wandlungen der Jahre zum Trotz, nicht! geleugnet werden können, und die darum begreiflich machen, i daß insbesondere ein mit den Strömungen des Tages nicht j allzu vertrantes Ministerium just in ihm einen prominenten j Vertreter der deutschen Dichtkunst sah. Fulda ist ebenso alt wir Schnitzler und fein erster Aus stieg, der sich in rapide: Kurve vollzog, fiel zeitlich mit dem i des Wiener Bruders in Apoll zusammen. E8 «ar eben um die Jahrhundertwende. Die Aera des «konsequenten Naturalismus" feierte sowohl in dem von Otto Brabm genial geleiteten «Deutschen Theater" als auch in der «Freien Bühne", einer von den beste« und tapfersten Geister» des »in Htterit et artibus" reoolutioniereuben Deutschlands redigierten Zeitschritt, eine Art künstlerischer Wiedergeburt. . Auch Ludwig Fnlda gehörte zu den Parteigängern der neuen Richtung, wenn er <*»id» immer, seiner ganzen Anlage entsprechend, wohltemperiert unbürgerlich moderiert blieb. Mit einer ausgesprochen. formalen Begabung ausgerüstet. schuf, er vörderst heitere, wenn arick» gedanklich nicht allzu tief lotende Versdramen, sowie lyrische Gedichte von Rhythmus. Formvollendung und kultiviertem Geschmack. Ein Zufall sollte ihn' jählings am -eu Zenit eines nie wieder erreichten Ruhmes schnellem Er hatte in seinem Drama ..De r Tali 8m a n" daS Andcrsensche Märchen vom ,Mnig ohn^ Kleider" verarbeitet und dichterisch, tronssigurielt. und dir auch politisch aufgewühlte Stimmung jener Zeit kam seinem Überaus graziösen und tu flüssigen Versen von schmeichelnder Anmut geschriebenen Schauspiel bereitwillig entgegen. Bei jener Szene, wo höfische Schranzen in erstarrter Devotion vor einem nnbekleidcte»» König erstarken, bis endlich di« erlösende satirische Pointe fiel: „Er bleibt ein König auch in Unterhosen", da brauste stürmischer, nicht endenwollender Applaus durch das Deutsch« Theater, das Fuldas gefälliges Werk durch eine Meisterdarstellnng geehrt hatte. Bon diesem Tage an war und blieb Ludwig Fulda eine europäische Berühmtheit. Seine Dramen, obwohl zumeist nur in -er Form bestechend und betörend, ohne den Tiefgang besonderer Ideen, wurden von den ersten Bübnen ebcnsogern akzeptiert, mte vom Publikum beifällig ausgenommen. Eine Revision dieser führenden Stellung vollzog sich eigentlich erst in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren, wo Fulda als schöpferischer Dramatiker^ mehr und mehr in den Hintergrund geriet. Aber, die Mit- und Nachwelt mag zu seinem eigenen Schaffen stehen, wie sie will: ei» unvergängliches, ja unsterbliches Verdienst wird auch ihm bleiben. Wir sagten es schon, daß er sich frütrzeilig als Meister der Form bewährte. Diese rein individuelle Begabung fmn ihm sofern zustatten, als er wie kein anderer deutscher Dichter, das Einfühlungsvermögen in fremde Sprachen und fremde Kunstwerke besaß. Fulda ist es gewesen, der den» deutschen Volke eigentlich erst Mvliöre geschenkt, stiostand erschlossen und noch viel« andere Dichter des fremdsprachlichen Auslandes zugänglich gemacht hat. Und zwar in einer so unübertrefflichen Form. daß niemand. ohne es wissen, auf den Gedanken tarne, es handle sich hier überhaupt um Kunstwerk« fremder Kulturen und fremder Sprachgemeinschaften. Wir vermögen uns Molisre heute kaum in einer anderen Uebertragung als in der Fnldaschen vorzustellen, ähnlich wie uns die Schsegel-Tiecksch-' Verdeutschung Shakespeares zu einem nationalen und geistigen Besitztum geworden ist. Wie stark verändert aber muß der Jude Ludwig Fnlda in deutschem Volkstum fein, um als einziger unter Millionen rcinblütiaer Germanen di,- dentsche Sprache so zu beherrschen, daß «r in ibr Gesäß anrh fremden Kulturbesitz zu «rieften vermag, und daß wir nichk mehr zn unterscheiden vermögen: Was war französisch? Oder »vas ist unser eigener Sprachgenius. der hier zu uns redet? Ans diesem Grunde war auch gegen die Berufung Fukdas in die Dichterakademie nichts einzuwenden, denn sie wurde gerechtfertigt durch Fnldas Verdienst nm deutsche Kultur und Sprache- Selbst, wenn mancher wähnen mochte, daß es durch eigene Leistungen Ausgezeichneter« für diesen Posten geben mochte, muß man doch anerkennen, daß auch hier eine Mitarbeit am deutschen Geistesleben vorßelegen hatte, die de«: Preisträger des Ehrenpreises nicht unwürdig erscheinen lieft. Daß der wohlfeile Witz der heutigen Stürmer und Dränger sich just an dieser Bernsnug mit Wollust wetzte, war vorarrsznsehen und als ein Produkt aller Jugend, die dos Recht zur' Intoleranz und Intranftgnerrz hat. nicht zu'überwerten. Selbst wenn vo» Fuldas eigenen Werken nichts auf die Nachwelt übtvgohen sollte, als „Etiler" — im Goethesch-en Sinn — dem deutschen Vaterlands gegenüber, als M i t i t c r fr € m de r Geni e s wird er utzvergesien bleiben. Jakob Wassermann. Airch Wassermann entstammt einer j ü d i s ch e n Patriz i e r f a m i l i e des deutschen Südens. Er ist 1873 zu Fürth geboren, und fast all seine Dichtungen haben etwas von der Wesensart des Alemannischen, das in schroffem Gegensatz ,;nm Ostelbischen steht. Auch ein deutscher Jude oder jüdischer Deutscher, ftvrc man Substantiv nnd Adjektiv nun zu gruppieren beliebt). der sich ebcnsalls nnr zu ^ftrtz und Frommen deutscher Kultur und deutschen Geisteslebens belangt-hat. Wassermann, schwereren-Blutes als der Wiener und selbst als der Frankfurter Dichter, hat auch eine« schwereren Weg durch Leben und Schaffen hinter sich als jene beiden, die ihre Stirne zeitig mit dem Lorbeer des Ruhmes kröne.» durften. Ausschließlich Epiker, hat er tit seinem ersten Roman „D i e Juden von Zirndorf .zuvörderst den Nieder- Magder Rafl« segrvL», bereu treuer SoL» er, trotz aller berckscheu Kulturtaten, war und ist. Erlebtes. Erlauschtes, vielleicht auch Erlittenes wollte abgestotze» werden, ehe «r sich selbst' inbemersien grotzen. reiu deutschen Roman freischreiben konute. Dieser Roman, „Die Geschichte der Aeuat« Fuchs", machte auf de» jungen Autor durch die Kühntzett seines Entwurfes, die Eigenart seines Stiles und die Konfeauenz einer zwar heikeln. aber doch mit aroßer Dcftkatefsc-ürchgefüyrtcn ,Fabel ehestens a,lsmerksam. Die Presse wies auf ihn als ans einen kommenden Mann hin nnd b«e literarischen Feinschmecker batten ihre Freude an dem originellen und äbwegigcir Werk, llnd schon dicft's erste Wertz -eigt alle späteren Eigenichasten. Vorzüge wie Fehler Wastermanns. Offenbar ein Sucher nnd Stöbcrer in alten Ehrv- »iken, vergilbten Acitungöberichten und Pergamenten sowie: interessanten Kriminatfällen, beißt er ücti usk und leidenschaftlich fest in rrgendetncr wahren Begebenheit, die ihm dann als Vorwurf zu seinen grandios ansgestalteten beütc ' tristischen Gemälden dient. In dem heute d8jährigen Dichter lodert anscheinend eine tvildc und zehrende Flamme, die ist» selbst zuperbrennen droht. Denn das Lebenswerk. das schon heute hinter ihm liegt» umschließt eine llcberproduktivität, dre nur aus solchenr heimlich schrvelenden Feuer zu erklären iß. Bald nach feiner, "Renate Fuchs", die nicht nur c-?ensat!on erregt, sondern nachhaltige Teilnahme aller Hellhörigen und Scharfsichtigen geweckt hatte, schickte er einen Roman über den anderen tu die Weu. Es folgten in rasendem Tempo .,D«r Moloch", „Alexander in Babylon", «Die Masken Erwin Reiners" „Der goldene Spiegel" „Der Mann von vierzig Jahren", „Caspar Hauser oder Die Träghert des Herzens" iwie-er der aufgegriffene, dichterisch »erklärte Kriminalfall, „wie Jakob Wassermann iby sab"», danviichen Essays imd Betrachtungen, wie „Faumna". das wunder,äme Gespräch über die Liebe, „Deutsche Charaktere und Beaebenheften" nunoch einmal eine Selbstbeirachtung seiner zwiefache» Existenz als Deutscher und als Jude, in der knappen, aber durch die Schärfe ihrer Selbstanalyse vrrblnssenden Schrizt. „M ein W e g a l s Deutscher und I n d e" Abrechnung. Mit sich. Und Mit den andern. Nnd das Fazit: deutsche Kultur und deutsche Sprachgemeinschaft, gewiß, ober als adligos Erb und Eigen, vor allem das durch Erfahrungen gereiste und beschwerte Blut einer vieltansendjäkiriqett Edelrasse.. Wassermann ist der typische Aristokrat des Geistes: spälsr Nachfahre des Urädelö der Menschheit, belastet von Ethos und Pathos, ein Sinnierer, dem das „infrpvr vitao" im Blute wohnt, statt auf dem Wappenschild. Um diese Jcir eigentlich sc-tzt ein-c scheinbare Zäsur in Wassermanns Schassen ein. Aar vnrf»'.". sein Stil unruhig, slacke'rud. bewußt Richtungen wech solnd. immer eigcnbrödlerisch. aber immer anders, so sind.st i er in dem groß angelegten Muukcrrvman „Das Gäns-e- - Männchen" zum erstenmal leine in-drviduettc Eigenart, die ihn. Landschaft. Mensck-cn und Ereignisse durch ein höchst persönliches Temperament erblicken und gestalten beißt. Nnd dabei bleibt es fortad. Allerdings lassen sich gewisse fremde Einflüsse auch später ntdhr immer verkennen, doch werden s sie in sehr ins Eigene verstechten und in den -Str.omgang des t eigenen Blutes ausgenommen, daß schon ein geschultes?l«ge dazu gehört, um sie überhaupt wahrzunelnnen. Immerhin, der zweibändige Mounmentalroman -,C h x t st t a it A a fins.cha.s fc". der dem „Ggnsemäunchen" als organische .Fortsetzung dient, wäre wohl kaum möglich gewesen nnd geworden ohne die Impressionen, die Wassermann selbst von den großen Rüssen, insbesondere Dostojewsli, empfangen h<st. Aber auch diese letzten Schlacken falten au. nnd iu teit beiden Novellenbüchern, die er unter dem Kottektivtiicl „Der Wendekreis" heraus-gegeben bat. steht eine völlig auf sich selbst süßende und alles dem eigenen Ingenium verdankende Dichterpcrsönlichkeit vor uns. Und zwar eine Persönlichkeit von hohen, wenn nicht höchsten Graden. Erzählungen, wie ,,äDberlins .dre iFStufe n" oder im zweiten Bande des „Wendekreises" „Itl rite Wonti ck" öuttM Wassermann, in dentschen Gauen niemand uackzuschreihb vermögen. Eine tief schürfende Psychologie, eine malern«» oder, vielleicht noch bester gesagt, plastisch wirkende Kraft der Darstellung, eine bis in minutiöse Details eindringenbe Schärfe der Beobachtamr und alles zirsam-merrgefaftt zu Ereignissen nnd Personen, die den Leser keinen Augenblick aus ihrem Bann entlasten. .Zweifellos ist etwas sehr Artistisches in diesem epischen Schöpfer. Es ist keine Naturgewalt. die ans ihin spricht und sprießt, weil sie so und nicht anders sprechen und sprießen muß. sondern mau vermeint immer den Glockengießer zu sicher:, der die Form zerbricht, ehe er sein. Werst der Erde oder dem Himmel übergibt. Gorienüver der: Büchern des ..Wendekreises" erscheint der Roman. Ler das Kriegserlebnis seelisch verdichten soll: „Faber oder die t-erlorerrcu Jahre" etwas matter, müder und unausgeglichener. litt6 ivsihrend er in historisch gefärbten Episoden, wie zum Beispiel seiner jüngster: Novelle „Ter Aufrühr um den Junker Ernst", ziemlich versagt, weil rm.u de» Künstler sh sehr hinter dem Kunstwerk, den Wollenden hinter dem Gewollten erblickt, erhebt er sich zum bisher steilsten Gipfel seines Könnens in dem Eheroman „Land in Zwei Bekehrungen. ~ Bon Leo A d l e r, Stnrtgari. <»u den von uns ocrössentlichten Aussätzen „Die Iudenmission vor SM Jahren" von B. Rosenthal, Mannheim, geht uns die. nachfolgende Schilderung zu. Die Landesbiblivlhet zn Stuttgart beherbergt zwei gleich merkwürdige Büchlein, die wert sind, der Bergestenheil entrissen zu werdeir. Das eine berichte, von einer „Erbaulicher? Nachricht von Bekehrung Treuer Juden Mägdlein / von 8. bis 12. Jahren / welche mit großem Verlangen und Standhaftigkeit das Ehristentnm anzuneblnett sich angemeldet", und das andere nagt den poetischen Ute!: ,/Sch'til ^it zerbrochener, aller »bieder eingepropstcr Oet)i<F,veig! oder Predigt und Handlung bei der Taufte eines ans Hamvirrg bürtigen Jaden David Salomorrs Levi". Der erste Fall scheint aus den ersten Blick harmloser Art zu setn, bekommt aber einen ernsten Anstrich, wenn wir die Beantwortung der Frage: .Ob mau die Kinder ohne Verletzung der väterlichen Gewalt / »vider der Eltern Willen! annehmen nnd zur Ehristlichei: Religion erziehen könne," hören, die in diesen: Zusammenhänge erörtert wird und sehr durchsichtig ist sgedruckt bei Hiob Francken, Tübingen 17ttst Bor mehr als M» Jahren sJuli t71i>) iamen drei jüdiichc Mädchen namens Svrintz. Güitol. Esther. Isaaks Veits nnd Sophie»» Moses Töchter, ir»: Alter von 8—12 Jahren, zu einem evangelisch-lntherijchen Prediger, H. M Kahmaun, Pfarrer bei der St. Marienkirche i»» Berlin und verlangten mit dem Prediger zn rede»» Als er nun sich scher» ließ, führte die Aelteste das Wort und sagte: «Sie käme mit ihren beiden Schrvestern / ihn um Schrrtz und Unterweisung zu bitten, indem sie »votlren gerne das Christentum annehmen > damit sie auch Theil hätten an Jesu von Nazareth / dem wahren Gott / »velcher vor sie / wie vor alle Men'scherr gestorben. Die lautere Liebe vor diesem gekreuzigten Gort triebe sie dazrr / und könrlten sie nicht länger mehr bei ihre», Eltern bleiben." Der Herr Kahmann verrvundert sich sehr darüber und glaubte, die 5dinder hätten vielleicht zu Hause Züchtigung empfangen, »velches die Ursache dieser ihrer Roden wäre und ermah»»te sie, »nieder nach Ha»rse zu gehen und ihren Eltern gehorsam zu seftu Allein sie warfen sich alle drei ihm zn Füßen nnd baten ihn, sie anzunehmen, und beze»»gren, „daß nichts au» d<r Welt sie hatte be»voge»r. ihrer Eltern Haus zrr vcrlasie»:. als dieses einzige Absehet», Jesu eigen zu sein und ihm anzngehören: es möchte ihnen arrch gehen, wie es immer »volle, fo rvären sie gesinnet, lieber zu sterben als von Jesu zu lasse»». Darauf nahm sie der Prediger u» sei»: Haus aus. Nachdem »nur die Elttzrn einige Zeit vergeblich ihre Kinder gesucht, erfuhren sie ert-dl-iw. mv sie waren und forderten diese von Herrn Kahmann zurück. Der gab thnc»: aber den Bescheid: „Er hätte einen Bericht von der«, was »nit den Kirrderu vorgegarrger:, bereits an S. Kgl Majestät in Prerrfter» abgeschickt un-6 also nicht imstande, th»»en ihre Kinder gegen ihren Willen wieder zuzustelle»». doch verspreche er ihnen (der» Eltern), nicht da« Geringste den zu sagen, bis eine Ordre deshalb von S. Kgl. Majestät eingelattser»." Der König er»:äu»tte »mn gensisie CommiüariaS, zwei Reformierte (darunter ein Herr I'ablonsky, «u^cher vom Jttdeutum vor andern gründliche Erkärrntnis habe»» söllt uud zrvei lirtherische Geit'tliche, die Sache aufs genaueste zu untersuchen, namentlich aber dabei wohl zu erwägen, ob diese Kinder »vider der Eltern Willen und ohne der Bät-ertichcu Gewalt / nach göttlichen ,»»d weItli,Hen Rechten, z»r nahe zu tretter:, in Ihrer Majestät Schutz geuomrneu und in der christliche»» Lehre erzogen werden könnten?" Diese Herren Connuissarii ließen dann die Kinder komme»:, und die Elter»: durste»» in einem anstoften-deu Zimmer dem Exainer: zuhöre»:. Jedes wurde besonders oorgenommen. und da fa»:d sich, daß sie schon das Vater lLuser, etliche Verse aus dem Neuen Testamerrt, einige Lieder und dergleichen a»lsme»«dig wußten, »velches sie im Spieler: mit Ehristen- Kiuderu gelernt hatten. Km sic auf die Probe zu stelle»», hat man ihnen alle möglichen Borstellnugerr gemacht, daß sie bei -ei: Christen verachtet und verlassen sein werden unschwer arbeiten muffen, andrerseits bei den Juden gute Tage haben »verden. Ihre nachher zugelassenei» Eltern find ihnen um den Hals gefallen und haben sie wcinervd gebeten, umzukehren und ihnen Versprechungen gemacht: doch sie bliebe,» bei ihren» Entschluß. Dir sttachricht von diesem allen ist an S. Kgl. Majestät gesandt worden, und die Herren Coinmiffarii babeu »orgeschlagen, „diese Kinder öffentlsch in der Kirche zu untetrichten / und nachherr. roernt sie genügsam in der Wahrheit befestigt / nicht allein denen Elter« / sondern aüch ttdem Juden zu erlauben ( mit dazu zn kommen »rntz Einwürse dagegerr zu mache:: / »velche durch die ruft er riciUeteit K iuder beantrvörtet werden sollten. Man wird auch die Taufte nerschiebei: / bis aus ei>: höhres Atter / damit niemand leugnen könne, daß dieses Werk von Gott seye uud hoffet man, wann die Sache auf solche Weise angegriffeu wird, daß »:och viel andere Juden dadrirch erbauet werden sollen." Ob die Taufe vollzogen »vorder» ist. darüber bleichtet das Büchlein nicht. Es ist aber wohl mit Bestimmtheit anzrrnehmen, daß dies geschehen ist, rmrs aus üern Gutachten der Eominiisarii herporgeht. Sorrst hätte es ja auch keineu Sirur gehabt, die ganze Angelegenheit ausdin'cWeise zu veröffentlichen. Das Gutachten unterscheidet bei der Beantwortung der oben errväbnlen Frage zunüchst drei Zeiten: Die erste: „wenn die Kinder noch vvn gaittz un»»ollkommenen Urtheil sind: mällreird welcher Zeit sie der Gewalt der Elter»: schlechter Dinge unterworfen seye»»." Dic zweite: „wenn die Kinder zu genügsamer Reifte des Urthesis gekommen / aber »:och in der väterlichen Familie, auch Theil derselben bleiben: mährend »velcher Zeit solche Kinder auch z»var der Gervalt der Eltern nnterrvorsen bleiben I aber NB. nnr in den Dingen! welche die Familie ontz^her»:" die dritte ist / »veun Kinder nach erreichtem Urtheil a»»ch aus der Eltern Haus heraus gehen / n»»d dadurch ihre eigenen Herren »verden." , Die dritte Zeit kam für diesen Fall nicht in Betracht. Fiir die älteste Tochter Sprintz müsse die zweite Zeit anqe- «ornmen werden, „weil sic nach eigener Aussage f nnd dem Ansehen nach / ihre 12. Jahre erreichet (wietvöl die Mutter sie junger / u»rd nur 9. Jahr alt zn femt angcbcn »volle), dabey auch eines gute»» fertige» Verstandes seye: da nicht nur das Christliche Recht die Töchter von 12. Jahren / in Sachen die Religion betreffend f von der Väterlichen Gervalt freyspreche, sorrderl» auch bei den Juden / die Knaben wer»»: sie 18. Jahr »:ud ein Tag alt werden i Bar Mitzva, oder Söhne des Gesetzes und gleicher Zeit vogtbar vo»r der Eltern u»:d Bormültder Gewalt srey i mtb in geisturrd »veltlichen Angelegenheiten eigene Herren würden / auch bekanirt seye f daß dic jüdischen Töchter offt im 1:1. Jahre heyrathen / uni» dernnach in solchem Alter tüchtig erkannt würden / nichL nur sich selbst / sonberrr auch eine Familie zu regieren. Weil nun die Religion nicht eine Sache seye! welch die Familie, sondern »velche die Persohn angehe / würde Sprintz in diesem Stückle der Väterlichen Gewalt nicht nrehr unter,vorfeir; foudern vielmehr als eine I »velche durch eine Christliche Vermählung (wie andre Töchter durch eine leibliche) ar»s -cp

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